Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk
Bruderschaft und Wahrhaftigkeit im Islam
Kommentare zum Qur'an
von
Bediüzzaman Said Nursi
Said Nursi (1877-1960)
...erhielt vom Scheichu-l'Islam den Ehrentitel Bediüzzaman (sprich: Bedius-Saman), welcher besagt, dass er zu seiner Zeit seinesgleichen nicht hatte.
...Zeigte schon als Knabe erstaunliches, wissenschaftliches Interesse und lernte viele Bücher auswendig. Versuchte dem Niedergang der Türkei durch Besinnung auf die Werte des Islam entgegen zu wirken.
...Schrieb 130 Abhandlungen über den Qur'an, welche in viele Sprachen übersetzt wurde.
...Lehrte entsprechend dem islamischen Glauben, dass die Schöpfung selbst stets aufs Beste über ihren Schöpfer unterrichtet und somit sogar moderne Wissenschaften Kunde geben von Gott.
Titel der Orginalausgabe:Uhuvvet Risalesi, İhlas Risaleleri
Übersetzt von: Davut Korkmaz
Piccoloministraße 607
51067 Köln
http://www.lichtstr.de
Mitarbeiter: R. Wagner, U. Grünberg
(c) Alle Rechte vorbehalten Urheberrechtlich geschützt
Regeln für die Schreibweise und Aussprache für die in diesem Buch verwendeten Fremdwörter:
Dhentspricht der engl. Aussprache in "there"
Ghentspricht dem deutschen "r"
Khentspricht dem "ch" in "Acht"
Shdeutsches "sch"
Thentspricht der engl. Aussprache in "thing"
Djentspricht der Aussprache des "dsch"
Tjentspricht der Aussprache des "tsch"
Qhauchloses "k"
Rwird grundsätzlich gerollt
Swird scharf ausgesprochen wie "ß"
Hwird grundsätzlich ausgesprochen
Vwird "w" ausgesprochen
Ywie in deutsch "Ja"
Zwie deutsches "s" am Silbenanfang
Doppelkonsonanten werden separat ausgesprochen. Die Verse im Qur'an (Einzahl: Ayah, Mehrzahl: Ayat) wurden nur in arabischer Schrift mit nachfolgender deutscher Übersetzung angeführt.
Zweiundzwanzigster Brief
بِاسْمِهِ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ
{"Im Namen dessen, vor dem es kein Ding gibt, das Ihn nicht in Dankbarkeit lobpreist."}
Dieser Brief besteht aus zwei Kapiteln. Das Erste Kapitel ist eine Einladung an die Leute des Glaubens zur Brüderlichkeit und Liebe.
Erstes Kapitel
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
اِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ اِخْوَةٌ فَاَصْلِحُوا بَيْنَ اَخَوَيْكُمْ
اِدْفَعْ بِالَّتِى هِىَ اَحْسَنُ فَاِذَا الَّذِى بَيْنَكَ وَبَيْنَهُ عَدَاوَةٌ كَاَنَّهُ وَلِىٌّ حَمِيمٌ
وَالْكَاظِمِينَ الْغَيْظَ وَالْعَافِينَ عَنِ النَّاسِ وَاللهُ يُحِبُّ الْمُحْسِنِينَ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen." "Fürwahr, die Gläubigen sind Brüder. Darum stifte Frieden zwischen deinen Brüdern!" (Sure 49, 10) "Überwinde das Böse durch das Gute, so wird der, mit dem du bisher verfeindet warst, dir ein vertrauter Freund werden." (Sure 41, 34) "Sie bezwingen ihren Groll und vergeben den Menschen; und Allah liebt die Rechtschaffenen." (Sure 3, 134)}
Betrachtet man die Dinge vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit und Weisheit aus, vom Gesichtspunkt des Islam, der höchste Menschlichkeit ist, prüft sie hinsichtlich des individuellen Lebens, hinsichtlich des sozialen Lebens,
hinsichtlich des spirituellen Lebens, so ist es abscheulich und verwerflich, zerstörerisch und verbrecherisch, sich auf verschiedene Seiten zu stellen und so einander verbissen zu bekämpfen und zu beneiden. Hierin liegt der Grund für Zwist und Zwietracht, Hass und Feindschaft unter den Gläubigen. Solche Dinge sind Gift für das Leben der Menschheit. Diese Tatsache kann man unter vielen verschiedenen Aspekten betrachten. Wir wollen hier sechs von ihnen verdeutlichen.
Erster Aspekt:
Ein Verbrechen im Hinblick auf die Wahrhaftigkeit.
Oh Mensch, der du unbillig und ungerecht Hass und Feindschaft gegen die Gläubigen nährst! Angenommen, du befändest dich auf einem Schiff oder in einem Haus und mit dir zusammen wären neun Unschuldige und ein Verbrecher. Wenn nun ein Mann versuchen wollte, dieses Schiff zu versenken oder dieses Haus niederzubrennen, so weißt du, welch unverhältnismäßiges Unrecht das wäre. Du würdest über diesem Unrecht die Himmel anrufen, dass sie dich hören sollen. Und selbst wenn es nur einen einzigen Unschuldigen unter neun Verbrechern gäbe, wäre es dennoch gegen jedwedes Recht und Gesetz, dieses Schiff zu versenken.
In gleicher Weise gilt: Vergleichen wir einen Gläubigen in seinem Wesen mit einem Haus des Herrn oder einem göttlichen Schiff, so finden sich darin nicht nur neun, nein, sogar zwanzig Attribute wie z.B. der Glaube, die Religion des Islam, eine gute nachbarschaftliche Gesinnung, deretwegen man ihn nicht verurteilen kann. Hegtest du nun etwa den Gedanken oder nährtest in dir gar den Wunsch, einem Gläubigen wegen einer schlechten Eigenschaft, die dich verletzt und dir nicht gefällt, Hass und Feindschaft entgegenzubringen und dieses unsichtbare Haus seiner Persönlichkeit im übertragenen Sinne zu zerstören, zu verbrennen, zu versenken, so wäre das wie in dem angeführten Beispiel eine gnadenlose, eine abscheuliche Ungerechtigkeit.
Zweiter Aspekt:
Ein weiteres Verbrechen; eines im Hinblick auf die Weisheit.
Dies ist so, weil bekanntermaßen Liebe und Hass einander wie Licht und Finsternis entgegengesetzt sind. Beide können nicht miteinander gemeinsam in ihrem wahren Sinn und Wesen bestehen bleiben.
Wenn die Liebe im Herzen eines Menschen hinsichtlich der Qualität ihrer Beweggründe wirkliche Liebe ist, dann wird Hass unwirklich und verwandelt sich in Mitgefühl. In der Tat liebt ein Gläubiger seinen Bruder und muss ihn auch lieben. Das Böse in seinem Bruder aber erregt in ihm nur Mitgefühl. Nicht mit Gewalt bemüht er sich darum, vielmehr in Güte ihn zu veredeln. Darum bringt ein Hadith ganz klar zum Ausdruck: "Ein Gläubiger soll einem anderen Gläubigen nicht länger als drei Tage zürnen, Gespräch und Beziehung zu ihm nicht abbrechen."
Gewinnen aber die Gründe für eine Feindschaft die Oberhand und bewirkt diese Feindschaft im Herzen eines Menschen wirklichen Hass, dann wird die Liebe darin unwirklich und führt zu Liebedienerei und Kriechertum.
Oh du ungerechter Mensch, betrachte jetzt, was für ein Verbrechen es ist, seinem Gläubigen Mitbruder Hass und Feindschaft entgegenzubringen. Denn wenn du ganz gewöhnliche kleine Steine für wertvoller hältst, als den schwarzen Stein in der Kaaba und behauptest, sie seien größer als der Felsen von Uhud, was für eine Geschmacklosigkeit und welch eine Dummheit ist das dann. Ebenso möge doch einmal jemand, der einem Gläubigen, der so viele islamische Eigenschaften besitzt wie den Glauben, der so verehrungswürdig ist, wie der schwarze Stein in der Kaaba und noch dazu eine Gottergebenheit, die so gewaltig ist wie der Felsen von Uhud und die doch nach Liebe und Eintracht verlangen, wegen einiger kleiner Fehler, gewöhnlichen Steinen vergleichbar, Hass und Feindschaft entgegenbringt und diese vor dem Glauben und seiner Gottergebenheit bevorzugt, einsehen, was für
eine große Ungerechtigkeit, wie unverständlich und zuhöchst grausam das ist; wenn er Verstand dazu hat!...
In der Tat verlangt die Einheit im Glauben sicherlich auch nach der Einheit der Herzen; und die Übereinstimmung in den grundsätzlichen Anschauungen erfordert auch die Übereinstimmung im Gemeinschaftsleben. Du kannst in der Tat nicht abstreiten, dass du gegenüber einem Mann, mit dem du zusammen in der selben Kompanie dienst, dass du dich diesem Mann gegenüber freundlich verbunden fühlst. Einem Soldaten gegenüber, der an deiner Seite dem selben Kommando unterstellt ist, erwächst in dir ein Gefühl der Kameradschaft. Einem Landsmann, der aus deiner Heimat stammt gegenüber, wirst du eine brüderliche Beziehung empfinden. Deshalb gibt es im Lichte und im Bewusstsein, dass der Glaube dir verleiht, entsprechend der Anzahl der göttlichen Namen, die ihn zeigen und erklären, ein Gefühl der Übereinstimmung, einträchtige Verbundenheit und eine brüderliche Beziehung. Zum Beispiel:
Eurer beider Schöpfer ist eins, euer Herr ist eins, euer Angebeteter ist eins, euer Versorger ist eins... eins, eins, eins und bis zu tausend Mal eins und noch einmal eins. Auch euer Prophet ist eins, euer Glaube ist eins, eure Gebetsrichtung ist eins... eins, eins, eins und bis zu hundert Mal eins und noch einmal eins. Danach aber ist auch euer Dorf eins, euer Land ist eins, eure Heimat ist eins... bis zu zehn Mal eins und noch einmal eins. So viele Male Eins-sein verlangt nach Einheit und Allgegenwart, Eintracht und Übereinstimmung, Liebe und Brüderlichkeit. Wenn aber jemand nun diesen geistigen Bindungen, mit denen man selbst das Weltall und die Planeten zu binden vermag, dennoch so unbeständige und bedeutungslose Dinge vorzieht, einem Spinnennetz vergleichbar, die der Anlass zu Zwist und Zwietracht, Hass und Feindschaft sind, einem Gläubigen gegenüber tatsächlich Hass und Feindschaft nährt, dann magst du verstehen, welch eine Unehrerbietigkeit gegenüber dem Band der Einheit,
welch eine Geringschätzung gegenüber den Grundsätzen der Liebe und was für eine Ungerechtigkeit und Missachtung gegenüber dieser brüderlichen Verbundenheit das ist, wenn dein Herz noch nicht tot (und zu Stein geworden) und (das Licht deiner) Vernunft noch nicht erloschen ist.
Dritter Aspekt:
Entsprechend dem Geheimnis der Ayah:
وَلاَ تَزِرُ واَزِرَةٌ وِزْرَ اُخْرٰى
{"Und nicht belastet wird die schon beladene (Seele) mit der Last einer anderen," (Sure 6, 164)}
welche Ausdruck absoluter Gerechtigkeit ist, stellt es ein großes Unrecht dar, wegen der schlechten Eigenschaft, die ein Gläubiger hat, alle seine übrigen guten Eigenschaften zu verurteilen, besonders aber, dem Gläubigen wegen einer solchen üblen Eigenschaft zu zürnen, gekränkt zu sein und seine Feindschaft auch noch auf die Angehörigen dieses Gläubigen zu übertragen, denn
اِنَّ اْلاِنْسَانَ لَظَلُومٌ
{"Der Mensch ist wahrlich ungerecht!" (Sure 14, 34)}
Mit diesem Elativ (Hervorhebung) im übertragenen Sinne gemahnen dich die Wahrheit, das Gesetz und die Weisheit des Islam daran, was für ein gewaltiges Unrecht das ist. Wie kannst du dir da noch selbst gerecht vorkommen und behaupten: "Ich habe recht!"?
Vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit aus sind die Schlechtigkeiten, welche Feindschaft und Bosheit verursachen, böse und wie die Erde so dunkel und schwer. Sie dürfen nicht auf andere übergreifen und sich in ihnen spiegeln. Wenn ein anderer aus ihnen seine Lehre zieht und böses tut, so ist dies ein anderes Problem. Das Gute aber, welches Ursache der Liebe ist, ist Licht wie die
Liebe. Es liegt in seiner Natur, sich auszubreiten und in anderen wiederzuspiegeln. Daher kommt es, dass das Wort: "Der Freund des Freundes ist ein Freund" zum Sprichwort geworden ist. Darum sagt man auch: "Um eines Auges willen werden viele Augen geliebt"; auch dies ist ein Wort, das in unserer Sprache geläufig ist.
Wohlan denn, du ungerechter Mensch! Wenn du nun angesichts dieser Tatsachen eines ungeliebten Menschen unschuldigem und liebenswerten Bruder und seinen Angehörigen immer noch Feindschaft entgegenbringst, so wirst du, wenn du die Wahrheit zu erkennen vermagst, verstehen, wie sehr dies der Wahrheit entgegengesetzt ist...
Vierter Aspekt:
Ein Verbrechen im Hinblick auf das persönliche Leben. Höre hierzu einige Grundsätze, welche die Basis dieses vierten Aspektes bilden:
Erster Grundsatz:
Wenndu weißt, dass dein Weg und deine Ansichten richtig sind, so hast du das Recht zu sagen: "Mein Weg ist der richtige und er ist schön." Doch: "Nur mein Weg ist der allein richtige" zu sagen, hast du kein Recht.
وَعَيْنُ الرِّضَا عَنْ كُلِّ عَيْبٍ كَلِيلَةٌ وَلٰكِنَّ عَيْنَ السُّخْطِ تُبْدِى الْمَسَاوِيَا
{"Das Auge der Zufriedenheit ist allen Fehlern gegenüber blind; doch das Auge des Ärgers deckt jeden Fehler auf."}
Diesem Geheimnis entsprechend kann dein ungerechter Blick und dein leidenschaftlicher Gedanke nicht Richter sein. Er kann nicht über Wert oder Unwert eines anderen Weges sein Urteil fällen.
Zweiter Grundsatz:
Deine Aufgabe besteht darin, dafür Sorge zu tragen, dass alles, was du sagst, auch wahr ist. Doch alles, was wahr ist, auch auszusprechen, ist nicht deine Aufgabe. Was immer du sagst, muss richtig sein. Aber es ist nicht richtig, alles zu sagen, was richtig ist.
Denn ein Mensch wie du, dessen Absichten nicht rein sind, geht anderen manchmal mit seinen Ratschlägen auf die Nerven und reizt sie zum Gegenteil.
Dritter Grundsatz:
Wenn du hassen möchtest, dann hasse den Hass in deinem Herzen und bemühe dich, ihn auszumerzen. Und überdies richte deinen Hass gegen deine eigensinnige Seele, gegen deine leidenschaftliche Seele, die dir den meisten Schaden verursacht, und bemühe dich, sie zu veredeln. Bringe nicht den Gläubigen auf Grund deiner eigenen Bosheit Feindschaft entgegen. Willst du hassen, so gibt es viele Ungläubige und Gottlose. Ihnen bringe deine Feindschaft entgegen! So wie in der Tat die Liebe als eine Eigenschaft der Liebe würdig ist, so ist auch der Hass ein Attribut, dass vor allen anderen Dingen selbst gehasst zu werden verdient. Willst du deinen Gegner besiegen, so erwidere seine Schlechtigkeiten mit Gutem! Denn erwiderst du sie mit Bosheit, so vermehrt sich das Übel. Mag er auch "äußerlich besiegt sein, so nährt er doch weiterhin Hass in seinem Herzen und seine Feindschaft setzt sich fort. Wenn du sie mit Gutem erwiderst, so tut es ihm leid und er wird dir zum Freund...
اِذَآ اَنْتَ اَكْرَمْتَ الْكَرِيمَ مَلَكْتَهُ وَاِنْ اَنْتَ اَكْرَمْتَ اللَّئِيمَ تَمَرَّدًا
{"Wenn du einen Vornehmen mit Vornehmheit behandelst, so wird er sich dir zur Verfügung stellen. Behandelst du aber einen Nichtswürdigen mit Vornehmheit, wird er sich dir entgegenstellen."}
Nach diesem Wahlspruch ist es die Eigenschaft des Gläubigen, vornehm zu sein. Deine Vornehmheit bewirkt, dass er sich dir zur Verfügung stellt. Auch wenn er "äußerlich unwürdig erscheint, ist er doch vornehm mit Rücksicht auf seinen Glauben. Es kommt in der Tat oft genug vor, dass ein schlechter Mensch sich bessert, wenn du nur immer wieder zu ihm sagst: "Du bist gut, du bist gut", während ein guter Mensch dadurch schlechter wird, dass du immer wieder zu ihm sagst: "Du bist schlecht, du bist
schlecht".
وَاِذَا مَرُّوا باِللَّغْوِ مَرُّوا كِرَامًا وَاِنْ تَعْفُوا وَتصْفَحُوا وَتَغْفِرُوا فَاِنَّ اللهَ غَفُورٌ رَحِيمٌ
{"Kommen sie dort vorbei, wo leeres Geschwätz ist, gehen sie in vornehmer Gesinnung vorüber." (Sure 25, 72) "Wenn ihr verzeiht, vergebt und Nachsicht übt, so ist auch Allah es, der euch vergibt und sich eurer erbarmt." (Sure 64, 14)}
Weil dies so ist, neige dein Ohr den geheiligten Grundsätzen des Qur'an; denn in ihnen liegt die Glückseligkeit und das Heil!
Vierter Grundsatz:
Die Leute des Hasses und der Feindschaft tun Unrecht sowohl gegenüber sich selbst, als auch gegenüber ihrem Gläubigen Bruder, als auch gegenüber der göttlichen Barmherzigkeit und versündigen sich gegen sie. Denn durch seinen Hass und durch seine Feindschaft überlässt er sein Herz einer schmerzhaften Strafe. Über den Gnadengaben, welche sein Gegner empfängt, zieht er sich selbst einen Schmerz zu, welcher aus seiner Strafe und aus seiner Angst kommt und versündigt sich gegen seine Seele. Entsteht Feindschaft aber aus Eifersucht, so ist dies Strafe über Strafe. Denn Eifersucht erdrückt zunächst den Eifersüchtigen selbst, stürzt ihn ins Unglück, vernichtet ihn. Dem, der da beneidet wird aber schadet das wenig oder überhaupt nicht.
Die Heilung der Eifersucht:
Wenn ein Mensch eifersüchtig ist, so soll er einmal darüber nachdenken, was das Ende all dessen ist, worum er den anderen beneidet und worauf er eifersüchtig ist. Dann wird er begreifen, dass irdische Schönheit, Macht, Ansehen und Reichtum, die seinem Gegner zu eigen sind, vergängliche Gaben sind, die ihm nur vorübergehend gehören. Ihr Nutzen ist nur gering, die Mühen, die mit ihnen verbunden sind, aber zahlreich. Handelt es sich stattdessen um transzendente
Werte, so gibt es hierbei ohnehin keinen Neid. Beneidet aber jemand einen anderen wegen dieser Dinge, so ist er entweder ein Heuchler, der die Güter des Jenseits hier im Diesseits zerstören möchte, oder er hält den, welchen er beneidet, für einen Heuchler und ist auf diese Weise ungerecht ihm gegenüber, versündigt sich an ihm.
Überdies freut er sich über ein Unglück, das ihn (seinen Gegner) getroffen hat, ärgert sich über die Gnadengaben, die dieser empfängt, grollt dem Schicksal und der göttlichen Barmherzigkeit wegen der guten Gaben, die jener empfängt. Es ist, als wollte er das Schicksal kritisieren und gegen die Barmherzigkeit protestieren. Wer aber immer das Schicksal kritisiert, der schlägt sich seinen Kopf gegen einen Amboss und zerbricht daran. Wer gegen die Barmherzigkeit protestiert, schließt sich von der Barmherzigkeit aus.
Ja, wie kann denn überhaupt ein billig und gerecht denkender Mensch zugestehen, dass jemand auf eine Sache, die es nicht wert ist, dass man deswegen auch nur für einen Tag Feindschaft hegt, mit einem Jahr Hass und Feindseligkeit antwortet? Welches noch unverdorbene Gewissen hat für so etwas Raum? Du kannst in der Tat nicht deinem Mitbruder ganz und gar all das Übel zuschreiben, das dich durch ihn getroffen hat und ihn deswegen verurteilen. Denn:
Erstens:
Die göttliche Bestimmung hat daran ihren Anteil. Nach Abzug dessen sollte man sich wegen dieses Anteils, den die göttliche Bestimmung und Zuteilung daran hat, zufrieden geben und es so annehmen.
Zweitens:
Sodann sollte man den Anteil davon abziehen, den der Teufel und die eigene Begierde daran hat, und diesen Mann, anstatt ihm Feindschaft entgegenzubringen, vielmehr bedauern, weil er seiner eigenen Leidenschaft unterlag und sollte darauf warten, dass es ihm leid tut.
Drittens:
Betrachte auch den Fehler, den du im eigenen
Herzen hast und nicht siehst, oder nicht sehen willst und gestehe ihm seinen Anteil zu. Wenn du dann auf den noch verbliebenen kleinen Anteil mit Verzeihung und Vergebung und Großherzigkeit antwortest, was die schnellste und sicherste Art ist, deinen Gegner zu besiegen, so wirst du vor Schaden bewahrt bleiben und vor Ungerechtigkeit gerettet sein. Wolltest du jedoch stattdessen, gleich einem verrückten und betrunkenen Juwelier, der Glasscherben und Eisstückchen ankauft, als wären es Diamanten, in der Weise reagieren, dass du um irdischer Dinge willen, die unwichtig, bedeutungslos und vergänglich sind, deren Wert nur ein vorläufiger und vorübergehender ist und keine fünf Pfennig beträgt, immerwährenden Hass und beständige Feindschaft nährst, verbunden mit einer heftigen Wut, so als würdest du für immer in dieser Welt bleiben und ihr würdet ewig beieinander sein, so wäre das Trunkheit und Rausch und der hyperbolische Modus einer Ungerechtigkeit. Es wäre eine Art von Wahnsinn...
Wenn dir also dein Leben etwas wert ist, dann gib einer Feindschaft und dem Gedanken an Rache, der doch deinem persönlichen Leben dermaßen einen Schaden zufügt, in deinem Herzen keinen Raum. Sind aber (diese Gedanken) schon in dein Herz eingedrungen, so höre nicht auf sie. Hören wir stattdessen lieber, was Hafis Schirasi, der ein Auge für die Wahrheit hat, spricht:
دُنْيَا نَه مَتَاعِيسْتِى كِه اَرْزَدْبَنِزَاعِى
{"Nicht solch ein Ding ist die Welt, dass sie es wert wäre, sich um sie zu streiten."}
Denn das, was unbeständig und vergänglich ist, hat keinen Wert. Verhält es sich also schon mit dieser ganzen, großen Welt so, dann wirst du auch verstehen, wie bedeutungslos die kleinen Dinge in dieser Welt sind...
Und weiter sagt er:
آسَايِشِ دُوگِيتِى تَفْسِيرِ اِينْ دُو حَرْفَسْتْ بٰا دُوسِتَانْ مُرُوَّتْ بٓا دُشْمَنَانْ مُدَارَا
{"Frieden und Sicherheit beider Welten gewinnt man in der Auslegung zweier Worte: Mit seinen Freunden soll man in Freundlichkeit und Güte umgehen, seine Feinde aber mit der Bereitschaft behandeln, mit ihnen Frieden zu schließen."}
Wenn du aber sagst:
"Ich habe gar keine andere Wahl. Die Feindseligkeit liegt in meinem Wesen. Zudem ist der mir auf die Nerven gegangen und darüber kann ich nicht hinwegkommen."
Antwort:
Wenn ein schlechter Charakter und eine üble Gesinnungsart keine Spuren hinterlässt und solche Dinge, wie Zuträgerei und alles, was in Zusammenhang mit ihr steht, nicht praktiziert werden, weil man seinen Fehler einsieht, so schadet das nichts. Wenn du also schon keine andere Wahl hast und du (diese Dinge) nicht mehr los werden kannst, so tut es dir doch bereits innerlich leid, du bereust es im Stillen und bittest im geheimen um Vergebung. Dadurch ist dir dein Fehler bereits bewußt geworden und du hast verstanden, dass du durch diese deine Charaktereigenschaft ins Unrecht geraten bist. Das bewahrt dich vor ihren üblen Auswirkungen. Wir haben in der Tat diesen Abschnitt dieses Briefes geschrieben, um eine solche innere Bitte um Vergebung sicherzustellen, damit du nicht Unrecht für Recht erkennst und das Recht deines Gegners als Unrecht hinstellst.
Hier ein kleines bemerkenswertes Erlebnis dazu: Ich habe in der Folge einer einseitig subjektiven Stellungnahme einmal diese Erfahrung gemacht: Ein frommer Wissenschaftler hat einmal einen rechtschaffenen Gelehrten, dessen politische Gesinnung ihm zuwider war, in einer Art und Weise verächtlich gemacht, als habe er keinen Glauben. Und einen Heuchler, der seine Ansichten teilte, hat
er voll Hochachtung herausgestellt. Ich bin über diese bösen Folgen der Politik so sehr erschrocken, dass ich gebetet habe:
اَعُوذُ بِاللهِ مِنَ الشَّيْطَانِ وَالسِّيَاسَةِ
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Allah vor dem Satan und vor der Politik."}
Seit dieser Zeit habe ich mich aus dem politischen Leben zurückgezogen.
Fünfter Aspekt;
erklärt, dass es einen außerordentlichen Schaden verursacht, wenn man sich im öffentlichen Leben hartnäckig und einseitig auf seinen Standpunkt versteift.
Wenn man sagt:
اِخْتِلاَفُ اُمَّتِى رَحْمَةٌ
{"Gegensätze in meiner Gemeinschaft sind eine Barmherzigkeit."}
lautet ein Hadith, und wo Gegensätze bestehen, ist es notwendig, Partei zu ergreifen. Zudem befreit die Krankheit der Parteilichkeit das einfache, unterdrückte Volk von dem Übel einer ungerechten herrschenden Klasse. Denn wenn die herrschende Klasse in einem Dorf oder in einer Stadt sich zusammenschließt, so kann sie das unterdrückte, einfache Volk ausbeuten. Wo es aber Parteien gibt, sucht der Unterdrückte Schutz bei einer von ihnen und rettet sich so. Außerdem bewirken die Gegensätze im Denken und die Widersprüche in den Anschauungen, dass sich die Wahrheit vollkommen klar herausstellt.
Antwort:
Zur ersten Frage lässt sich sagen: Wenn in diesem Hadith von Gegensätzen die Rede ist, so ist damit ein fruchtbarer Gegensatz gemeint, d.h. jeder bemüht sich, den eigenen Weg zu verbessern und den eigenen Ideen zum Erfolg zu verhelfen. Er strebt nicht danach, den der anderen zu zerstören und zu vernichten, sondern ihn zu verbessern und zu vervollkommnen. Ein fruchtloser
Gegensatz besteht aber darin, einander in egoistischer und feindseliger Absicht den Untergang zu bereiten. Das aber wird auch vom Standpunkt der Hadith verworfen. Denn die sich gegenseitig an die Kehle gehen, können nichts positives zustande bringen.
Zur zweiten Frage
aber lässt sich sagen: Wäre eine Parteilichkeit im Namen der Gerechtigkeit, so könnte sie denen, die ihr Recht suchen, zum Schutzdach dienen. Doch unsere Parteigängerschaft heutigen Tages, wie sie nur selbstsüchtigen Seelen dient, ist ein Schutzdach für die Ungerechten und bildet einen Stützpunkt für sie. Denn käme ein Teufel, einen Mann in dessen einseitig subjektiver Stellungnahme zu unterstützen und ihm in seinen Gedanken behilflich zu sein und würde sich auf die Seite (dieses Mannes) stellen, so würde dieser für den Teufel um Barmherzigkeit beten. Käme aber stattdessen von gegnerischer Seite ein Mann gleich einem Engel, er würde ihm eine solche Ungerechtigkeit bezeigen, dass er ihn - Gott bewahre! - verfluchen würde.
Zur dritten Frage
lässt sich nun sagen: Wenn ein Widerstreit in den Anschauungen im Namen der Gerechtigkeit ausgefochten wird, um der Wahrhaftigkeit willen entsteht, die Einheit zum Anlass und zum Ziel hat, dann besteht ein Gegensatz nur in den Mitteln. Dann wird in Wahrheit jede Ecke ausgeleuchtet. Das dient der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit. Ein Widerstreit in den Anschauungen aber, welcher in der Weise ausgetragen wird, dass er nur einseitig-subjektiver und tendenziöser Stellungnahme, der eigenen Selbstgefälligkeit und dem persönlichen Ehrgeiz dient, welcher auf Rechnung einer eigenwilligen, pharaonengleichen Seele geht, entzündet nicht den "Funken der Wahrheit", sondern entfacht vielmehr die Flamme der Zwietracht.
Denn während es notwendig ist, sich im Ziel einig zu sein, findet sich in den Gedanken solcher Leute nirgendwo auf Erden ein konvergierender Punkt. Weil es nicht um der Wahrhaftigkeit willen geschieht, übertreiben sie bis ins Extrem. Somit sind sie die Ursache zu einer
Spaltung, die sich dann nicht mehr heilen lässt. Die heutige Situation in dieser Welt gibt davon Zeugnis...
Zusammenfassung:
Wenn die erhabenen Prinzipien:
اَلْحُبُّ ِللهِ وَالْبُغْضُ فِى اللهِ وَالْحُكْمُ ِللهِ
{"Liebe um Gottes willen, Zorn um Gottes willen, Rechtsprechung um Gottes willen."}
nicht zu Grundsätzen unseres Handelns werden, treten Unfrieden und Zwietracht an ihre Stelle. In der Tat versündigt sich, wer nicht:
وَالْبُغْضُ فِى اللهِ وَالْحُكْمُ ِللهِ
{"Zorn um Gottes willen, Rechtsprechung um Gottes willen."}
sagt, diese Grundprinzipien nicht ins Auge fasst, während er gleichzeitig gerecht zu sein versucht.
Hierzu nun ein lehrreiches Beispiel: Einmal warf Imam Ali (möge Allahs Wohlgefallen auf ihm ruhen!) einen Ungläubigen zu Boden. Doch bevor er noch sein Schwert ziehen und ihn töten konnte, spuckte ihn dieser Ungläubige an. Da ließ er diesen Ungläubigen gehen und tötete ihn nicht. Der Ungläubige aber fragte ihn: "Warum hast du mich nicht getötet?"
Imam Ali antwortete ihm: "Ich hätte dich um Allahs willen getötet. Doch du hast mich angespuckt. So wurde ich zornig. Leidenschaft schlich sich in mein Herz und verdarb meine aufrechte Gesinnung. Darum habe ich dich nicht getötet."
Hierauf entgegnete der Ungläubige: "Damit du mich schnell töten solltest, habe ich dich in Zorn gebracht. Wenn aber euer Glaube nun solchermaßen rein und lauter ist, dann ist dieser Glaube wahr."
Hier noch ein Ereignis, das der Aufmerksamkeit wert ist: Als einmal ein Richter, während er einem Dieb die Hand abschlug, dabei seine eigene Wut zu erkennen gab, enthob
ihn der gerechte Emir, der ihn dabei beobachtet hatte, seines Amtes. Denn hätte er im Namen der Scheriah, um des göttlichen Gesetzes willen zugeschlagen, so hätte ihm dies zwar in der Seele weh getan, in seinem Herzen aber wäre weder Zorn noch Mitleid aufgestiegen. D.h. er konnte das Urteil nicht in Gerechtigkeit vollstrecken, weil auch seine Seele daran ihren Anteil genommen hatte.
Eine bedauernswerte soziale Lage und eine fürchterliche Krankheit des öffentlichen Lebens, die das Herz des Islam zum Weinen bringt:
"Wo Feinde von außen her auftauchen und angreifen, hat dies zur Folge, dass die innerlichen Zwistigkeiten vergessen und fallen gelassen werden." Dies ist eine Angelegenheit des allgemeinen Wohls, die auch noch von den wildesten Völkern beachtet und praktiziert wird. Was aber ist dann mit denen geschehen, die da behaupten, der islamischen Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen, die aber ihre kleinlichen Zwistigkeiten nicht vergessen können, während es doch zahllose Feinde gibt, die einer hinter dem anderen zum Angriff bereit stehen und die so den feindlichen Angriffen den Boden bereiten. Dieser Zustand ist eine Verfallserscheinung, eine Barbarei, ein Verrat am islamischen Gemeinschaftsleben.
Dazu hier eine Erzählung, die des Nachdenkens wert ist: Es gab einmal im Volke Hassenan, einem Beduinenvolk, zwei miteinander verfeindete Stämme. Obwohl sie einander bereits mehr als fünfzig Mann umgebracht hatten, vergaßen die beiden miteinander verfeindeten Sippen ihre alten Zwistigkeiten, wenn sie von einem Stamm wie aus dem Volke Hayderan oder Ssipkan angegriffen wurden, und warfen Seite an Seite den Stamm, der sie von außen angegriffen hatte, nieder. Ihre inneren Zwistigkeiten aber tauchten nicht mehr in ihrer Erinnerung auf.
Nun denn, ihr Gläubigen! Wisst ihr, wie viele Feinde, einem solchen Stamm gleich, bereit stehen, um den
Stamm der Leute des Glaubens anzugreifen? Es gibt mehr als hundert von ihnen, die alle konzentrisch ineinander liegen. Während man doch nun einander gegen jeden von ihnen unterstützen sollte, man sich eigentlich die Hand reichen müsste, um in Verteidigungsstellung zu gehen, passt es da für Leute des Glaubens in irgendeiner Weise einseitig und eigensüchtig Stellung zu beziehen und sich in einer Zwietracht zu versteifen, die dem Feind den Angriff erleichtert und ihm die Tore öffnet, so dass er in das geheiligte Innere des Islam einzudringen vermag? Von diesen feindlichen Kreisen gibt es, von den Leuten des Irrweges und den Abtrünnigen bis hin zu der Welt der Leute des Unglaubens und der Welt der Unglücke und Katastrophen, vielleicht siebzig verschiedene Arten von Feinden, die eine innerhalb der anderen, bereit stehen, euch zu schaden, und die eine hinter der anderen, euch mit gierigen und giftigen Blicken betrachten. Gegen sie alle ist die Bruderschaft des Islam wie eine starke Waffe, ein schützendes Dach und eine Burg. Wisset: Diese Festung des Islam durch kleinliche Zwistigkeiten untereinander und gegenseitige haltlose Anschuldigungen zu erschüttern, ist in hohem Maße gewissenlos und ganz und gar gegen die Interessen des Islam. Bedenkt dies also und kommt zur Besinnung!
Es gibt da eine ehrwürdige Überlieferung: Am Ende der Zeiten werden so grausame Unmenschen wie Ssüfyan und Deddschal kommen und sich an die Spitze aller Heuchler und aller Gottlosen setzen und sie werden viel Schaden anrichten. Sie werden aus den Leidenschaften und der Zerspaltenheit im Islam und in der gesamten Menschheit ihren Nutzen ziehen. Sie werden mit nur geringer Anstrengung ein Tohuwabohu unter den Menschen anrichten und die ganze gewaltige islamische Welt in ein Gefangenenlager verwandeln.
Oh ihr Leute des Glaubens! Wenn ihr nicht unter entwürdigenden Umständen in die Gefangenschaft gehen wollt, dann kommt zu Verstand! Um der Tyrannen willen,
die aus euren Konflikten ihren Nutzen ziehen wollen, tretet ein in die heilige Burg dieser folgenden Ayah:
اِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ اِخْوَةٌ
{"Fürwahr, die Gläubigen sind Brüder!" (Sure 49, 10)}
und verschanzt euch darin. Wenn aber nicht, so könnt ihr weder euer Leben retten noch eure Rechte verteidigen. Es ist ja bekannt, dass selbst ein Kind zwei Helden erschlagen kann, wenn diese sich gegenseitig an die Kehle springen. Wenn sich zwei Berge in den Schalen einer Waage einander das Gleichgewicht hielten, könnte schon ein kleiner Stein dieses Gleichgewicht zerstören und sein Spiel mit ihnen treiben. Er könnte bewirken, dass (die eine Schale) nach oben steigt und sich die andere senkt.
Wohlan denn, ihr Leute des Glaubens! Durch eure Leidenschaften, eure Feindseligkeiten und durch euer Parteiengezänk habt ihr eure Kraft zunichte gemacht. Mit nur geringer Kraft könnt ihr erdrückt werden. Wenn euch an eurem Gemeinschaftsleben etwas liegt, dann macht aus dem erhabenen Grundsatz
اَلْمُؤْمِنُ لِلْمُؤْمِنِ كَالْبُنْيَانِ الْمَرْصُوصِ يَشُدُّ بَعْضُهُ بَعْضًا
{"Der Gläubige ist dem Gläubigen gleich einem Bauwerk, in dem die einzelnen Steine bleiverfugt einander Halt und Stütze gewähren."}
einen Grundsatz fürs Leben. So werdet ihr vor dem Elend in dieser Welt bewahrt bleiben und vor der Strafe in jener Welt gerettet werden!...
Sechster Aspekt:
Geistiges Leben, die natürliche Gottesverehrung und die Reinheit des Dienstes werden durch Feindschaft und Uneinsichtigkeit getrübt und erschüttert.
Denn die Reinheit der Absicht, welche das Fahrzeug des Heils ist und Voraussetzung der Erlösung, wird verdorben. Ein uneinsichtiger und einseitiger Mensch verlangt danach, dass seine eigenen Handlungen besser
sein sollen als die seines Gegners. Ein Handeln rein um Allahs willen kann für ihn nicht von Erfolg sein. Zudem bevorzugt er in seinem Urteil und in seinem Handeln den Parteigenossen. Gerecht handeln kann er nicht. So wird die Reinheit der Absicht und die Gerechtigkeit, welche die Grundlagen des Handelns und der guten Werke sind, durch Zwietracht und Feindschaft zerstört.
Dieser sechste Aspekt ist besonders umfangreich. Doch haben wir uns in diesem Zusammenhang kurz gefasst.
Zweites Kapitel
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
اِنَّ اللهَ هُوَ الرَّزَّاقُ ذُو الْقُوَّةِ الْمَتِينُ
وَكَاَيِّنْ مِنْ دَآبَّةٍ لاَ تَحْمِلُ رِزْقَهَا اَللهُ يَرْزُقُهَا وَاِيَّاكُمْ وَهُوَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; fürwahr, Allah ist es, der der Versorger ist und der Herr unerschütterlicher Macht." (Sure 51, 58) "Wie viele Geschöpfe gibt es, die nicht selbst für ihren Unterhalt sorgen! Allah versorgt sie und euch und Er ist es, der alles hört und alles weiß." (Sure 29, 60)}
Ihr Leute des Glaubens! Auf Grund dessen, was wir bisher ausgeführt haben, könnt ihr nun verstehen, was für einen Schaden die Feindschaft anrichtet. Nun versteht auch, dass Leidenschaft gleich wie die Feindschaft im Leben nach dem Islam eine ganz furchtbare Krankheit ist und sehr großes Unheil hervorbringt. Leidenschaft ist die Ursache zu Enttäuschung, Kummer und Erniedrigung und bringt Entbehrung und Elend mit sich. In der Tat zeigt Leidenschaft und Habgier in der Welt alles Lebendigen im weitesten und ganz allgemeinen Rahmen gesehen bis hin zu den kleinsten Einzelheiten seine üblen Auswirkungen. Stattdessen aber ist die vertrauensvolle Bitte um Versorgung eine Quelle der Ruhe und des Friedens und bringt überall ihre guten Wirkungen hervor. So verharren die fruchttragenden Bäume und alle übrigen Pflanzen, die ja auch etwas Lebendiges sind und ihre Nahrung benötigen, fest an ihrem Platz und zeigen weder Gier noch Leidenschaft. So kommt die Nahrung (mit dem Wind, dem Wasser und dem Sonnenlicht) zu ihnen gelaufen. Sie bringen (in ihren Früchten) viel mehr Kinder hervor als die Tiere und ernähren sie. Die Tiere aber, weil sie gierig hinter ihrer Nahrung herlaufen, können nur mit sehr großer
Mühe und stets nur unvollkommen ihrer Nahrung habhaft werden. Im Reich der Tiere jedoch wird den Jungen, welche in ihrer Armseligkeit und Schwäche unausgesprochen ihre Schwäche zum Ausdruck bringen, aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit ihre gesetzmäßige, vollkommene und zufriedenstellende Nahrung gereicht. Raubtiere aber, die sich gierig auf ihre Beute stürzen und ihre unappetitliche Nahrung auf ungesetzliche Weise und nur mit sehr großer Mühe erbeuten können, zeigen, dass Gier eine Ursache der Entbehrung, Gottvertrauen und Genügsamkeit aber Anlass zur Barmherzigkeit ist.
Gier ist eine Quelle der Erniedrigung und des Schadens. Es gibt so viele Geschehnisse, wo ein habgieriger Mensch allzeit Schaden genommen hat, dass der Satz
اَلْحَرِيصُ خَآئِبٌ خَاسِرٌ
{"Der Habgierige hat das Elend und den Schaden."}
schon zum Sprichwort geworden ist und in den Augen der Allgemeinheit eine Wahrheit darstellt, die auch allgemein akzeptiert wird. Da dies aber nun einmal so ist, strebe nach den Gütern nicht mit Leidenschaft und Habgier, sondern in Bescheidenheit, damit die Güter, die du so liebst, in Fülle zu dir kommen.
Die Leute der Anspruchslosigkeit und die Leute der Gier sind zwei Personen vergleichbar, die in das Gästehaus einer bedeutenden Persönlichkeit eintreten. Der erste spricht in seinem Herzen: "Wenn er mich nur aufnimmt und ich der Kälte da draußen entrinnen kann, so genügt mir das. Selbst wenn man mir nur den geringsten Platz anbietet, so ist es doch noch eine Freundlichkeit."
Der zweite Mann aber sagt sich in seinem Stolz, so als habe er ein Recht erhalten und als ob jedermann dazu verpflichtet sei, ihm Ehre zu erweisen: "Mir muss er den obersten Platz einräumen." Mit diesem Anspruch tritt er ein, heftet seine Augen auf den obersten Platz und strebt
auf ihn zu. Doch der Herr des Hauses holt ihn zurück und weist ihm einen Platz weiter unten an. Wo er doch hätte dankbar sein sollen, ist er ihm nun von Herzen gram. Statt ihm zu danken, beschwert er sich im Gegenteil noch über den Hausherrn. So fällt er bei dem Herrn des Hauses in Ungnade.
Der erste Mann tritt mit Bescheidenheit ein. Er möchte an unterster Stelle sitzen. Diese seine Bescheidenheit ist dem Herrn des Hauses wohlgefällig. "Nehmen Sie doch bitte weiter oben Platz!" sagt er deshalb. So wächst seine Dankbarkeit ständig und seine Zufriedenheit vertieft sich noch.
So ist auch diese Welt gleich einem Gasthaus des Allerbarmers. Das Antlitz der Erde gleicht einem Tisch der Barmherzigkeit. Die verschiedenen Grade in der Versorgung und die unterschiedlichen Stufen in den Gnadengaben gleichen den Plätzen an der Tafel.
Zudem kann jeder selbst in den kleinsten Dingen die üblen Auswirkungen der Habgier verspüren.
So wird z.B. jeder den einen von zwei Bettlern, der etwas begehrt, frostig stehen lassen und nichts geben, wenn dieser unverschämt und aufdringlich wird, den anderen aber, der still und bescheiden bittet, von Herzen geben und ihm Barmherzigkeit erweisen.
Oder, wenn dich z.B. nachts der Schlaf flieht, wo du doch so gerne schlafen möchtest, kann es sein, dass der Schlaf zu dir zurückkehrt, wenn du ihn mit Gelassenheit erwartest. Wenn du aber in dem leidenschaftlichen Verlangen nach Schlaf: "Ich muss jetzt unbedingt schlafen, ich muss jetzt endlich schlafen" sagst, wird der Schlummer dir schließlich ganz und gar fern bleiben.
Oder um noch ein anderes Beispiel zu bringen: Wenn du wegen einer wichtigen Sache voll Ungeduld auf jemanden wartest und dabei ständig wiederholst: "Er ist noch nicht gekommen. Er ist immer noch nicht gekommen." so wird deine leidenschaftliche Erwartung schließlich
deine Geduld aufzehren. Aufstehen wirst du und hinausgehen. Dieser Mann wird eine Minute später kommen. Doch diese wichtige Gelegenheit, deretwegen du so gewartet hast, hast du nun verpasst.
Der tiefere Sinn all dieser Geschichten aber ist der folgende: Das Zustandekommen eines Brotes erfordert die Reihenfolge: Acker, Tenne, Mühle, Ofen. So gibt es auch in der Ordnung der Dinge eine weisheitsgemäße Stufenfolge. Wer in seiner Ungeduld diese Stufenfolge nicht einhält, in einer so wohlgeordneten Angelegenheit die unsichtbaren Stufen nicht einhält, sie entweder überspringt und dabei zu Fall kommt, oder aber eine dieser Stufen dabei verfehlt und auslässt, der kann nicht an sein Ziel gelangen.
Wohlan denn ihr Brüder, die ihr in eurer Sorge um das tägliche Brot ganz benommen und in eurer Leidenschaft für diese Welt trunken geworden seid! Wenn doch Leidenschaft und Habgier Dinge sind, die so viel Schaden und ein solches Unglück mit sich bringen, wie könnt ihr da noch auf den Wegen eurer Leidenschaft und Habgier euch in jeder Weise entwürdigen, ein jegliches Gut annehmen, ohne nach Verbotenem und Erlaubtem zu fragen und so viele für das Leben in der künftigen Welt notwendigen Dinge opfern, ja es sogar um eurer Habgier willen unterlassen Almosen zu geben, was doch einer der bedeutenden Grundpfeiler unter den Säulen des Islam ist?... Dabei ist doch Almosen für jeden Menschen ein Segen und ein Mittel, Unglück von sich fern zu halten. Dem, der Almosen nicht gibt, wird in jedem Fall so viel Gut zwischen den Fingern zerrinnen, wie er Almosen hätte geben sollen. Er wird (sein Geld) entweder für nutzlose Dinge ausgeben oder bei irgendeinem (Zufall?) verlieren.
Ein Traumgesicht
In einem Traumgesicht, das mir im fünften Jahre des ersten Weltkrieges geoffenbart wurde, und es war dies ein seltsamer Traum, wurde mir die folgende Frage gestellt:
"Welches ist der Grund für den Hunger, für all das verlorene Gut und für die körperliche Schwäche, welche über die Muslime gekommen ist?"
In diesem Traum hatte ich darauf die Antwort gegeben: "Gott der Gerechte verlangt von dem Gut, das Er uns gegeben hat, den zehnten Teil dieses Gutes
{z.B. ein Zehntel von der Weizenernte, die Er uns gerade geschenkt hat.}
oder den vierzigsten Teil dieses Gutes.
{nämlich ein Vierzigstel dessen, was Er uns schon früher einmal geschenkt hat, in jedem Fall mindestens ein Vierzigstel dessen, was das Geschäft jährlich wieder neu an Gewinn abwirft und was die Herde an Jungtieren hervorgebracht hat.}
So mögen wir durch die Gebete der Armen Gewinn erwerben und vor ihrem Hass und Neid bewahrt bleiben. Doch in unserer Habgier und in unserem Geiz haben wir nichts gegeben. Gott der Gerechte hat unser aufgelaufenes Almosen von uns genommen, dreißig Vierzigstel, acht Zehntel.
Zudem verlangte Er von uns jedes Jahr nur einen Monat Hunger, verbunden mit siebzig dahinter verborgenen Geheimnissen. Aber wir haben uns selbst bedauert. Wir haben uns diesem vorübergehenden Fasten, welches die Freude in uns erweckt, nicht unterzogen. Gott der Gerechte hat uns zur Strafe dafür dazu gezwungen, fünf Jahre lang eine Art von Fasten zu üben, das mit siebzig verschiedenen Arten Unglück belastet war.
Außerdem verlangte Er von uns eine von vierundzwanzig Stunden als eine Art von erhabener, erleuchtender, heilsamer Übung für den Herrn. Wir aber waren faul und haben uns diesem Ruf zu Gebet und Gottesdienst entzogen.
Diese eine Stunde haben wir unter die übrigen gemengt und verloren. Zur Strafe dafür hat uns Gott der Gerechte fünf Jahre lang im Laufschritt Pflichten und Übungen wie eine Art von Gottesdienst auferlegt."
Danach wachte ich auf, dachte nach und verstand, dass dieses Traumgesicht eine höchst bedeutsame Wahrheit enthielt. Es wurde im Fünfundzwanzigsten Wort bereits ein Vergleich zwischen (einem Leben nach den Maßstäben der europäischen) Zivilisation und (einem Leben) nach dem Gesetz des Qur'an abgehandelt und somit erklärt und bewiesen, dass jegliche Sittenlosigkeit und aller Aufstand unter den Menschen und in ihrem sozialen Leben seine Ursache in zwei Worten hat:
Das erste:
"Wenn ich satt geworden bin und ein anderer stürbe vor Hunger, was geht mich das dann an?"
Das zweite:
"Arbeite du, ich werde essen."
Was diesen zwei Worten ihre Dauer verleiht, ist der immerwährende Strom der Zinsen und die Aufgabe der Almosenspende. Der einzige Weg, diese beiden fürchterlichen Krankheiten des gesellschaftlichen Lebens zu heilen, besteht darin, Almosen als ein allgemein gültiges Prinzip einzuführen, also die absolute Notwendigkeit des Almosengebens und das Verbot des Zinsnehmens. Zudem ist Almosen nicht nur für bestimmte Einzelindividuen oder besondere Gesellschaftsformen, sondern für das Lebensglück der gesamten Menschheit ein bedeutender Stützpfeiler, ja für den Fortbestand der Menschheit die wichtigste Säule überhaupt. Denn in der Menschheit gibt es als die beiden Klassen eine Oberschicht und eine Unterschicht. Was die Oberschicht dazu veranlasst, sich der Unterschicht in Güte und Barmherzigkeit zuzuwenden, der Unterschicht aber, der Oberschicht Ehrerbietung und Gehorsam entgegenzubringen, das ist Almosen. Anderenfalls ergießt sich von oben auf die Unterschicht herab Ungerechtigkeit und Unterdrückung; aus der Unterschicht reckt sich den Reichen Hass und Aufruhr entgegen.
Diese beiden Schichten der Menschheit liegen in einem ständigen unsichtbaren Zwist miteinander, einem Zustand ratloser Verwirrung. Das führt schließlich dazu, dass sich, wie dies in Russland bereits geschehen ist, (die Menschen) infolge eines Kampfes zwischen Kapital und Arbeit an die Kehle gehen...
Oh ihr Leute des Edelmutes und des guten Gewissens! Und auch ihr Leute der Freigiebigkeit und Güte!
Wenn Wohltaten nicht im Sinne eines Almosens gespendet werden, so entsteht ein dreifacher Schaden. Manchmal erweisen sie sich als nutzlos. Denn wer nicht um Allahs willen gibt, legt (den anderen) unausgesprochen eine Verpflichtung auf. Der bedauernswerte Arme gerät in die Fesseln der Dankbarkeit. So gehst du seiner hochgeschätzten Fürbitte verlustig. Wenn nun auch noch du, der du doch in Wahrheit die Stellung eines Beamten inne hast, der von Gott dem Gerechten dazu beauftragt worden ist Seine Güter an Seine Diener und Anbeter weiterzureichen, dich selbst als Herrn und Eigentümer betrachtest, so verleugnest du in Undankbarkeit Seine Gnadengaben. Wenn du aber im Sinne eines Almosens gibst, so wirst du eine Belohnung erhalten, weil du im Namen Gottes des Gerechten gibst und bringst so deine Dankbarkeit in Anerkennung der Gnadengaben Gottes zum Ausdruck. Wenn dieser bedürftige Mann nun also nicht dazu gezwungen ist, vor dir zu kriechen, so bleibt sein Selbstwertgefühl ungebrochen und seine Fürbitte um deinetwillen ist hochgeschätzt.
Wenn du so viel wie du als Almosen hättest geben sollen oder vielleicht noch mehr als freie Gabe, Gabe aus Güte oder in irgendeiner anderen Form gäbest, würdest du dann etwa nicht als Dankesschuld Ruhm oder Heuchelei ernten oder aber Schaden erleiden, z.B. in Form einer Erniedrigung? Tust du aber all das Gute im Sinne eines Almosens, wirst du dann etwa nicht sowohl ein Gebot Gottes erfüllen, als auch ein verdienstvolles Werk verrichten, als auch in der Wahrhaftigkeit wachsen, als auch hochgeschätzter
Gebete teilhaftig werden?...
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَا اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
اَللّٰهُمَّ صَلِّ وَسَلِّمْ عَلٰى سَيِّدِنَا مُحَمَّدٍ ۨالَّذِى قَالَ اَلْمُؤْمِنُ لِلْمُؤْمِنِ كَالْبُنْيَانِ اْلمَرْصُوصِ يَشُدُّ بَعْضُهُ بَعْضًا
وَقَالَ اَلْقَنَاعَةُ كَنْزٌ لاَ يَفْنَى وَعَلٰٓى اٰلِهِ وَصَحْبِهِٓ اَجْمَعِينَ اٰمِينَ وَالْحَمْدُ ِللهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, was Du uns gelehrt hast; denn Du bist der Allwissende und der Allweise. Oh Allah verleihe Deinen Segen und Deinen Frieden unserem Herrn Mohammed, welcher gesagt hat: ,Der Gläubige ist dem Gläubigen wie ein Bauwerk, indem die einzelnen Steine bleiverfugt einander Halt und Stütze gewähren.' und der auch gesagt hat: ,Zufriedenheit ist ein Schatz, der nie verdirbt.' Segne ihn und seine Familie und alle seine Gefährten. Amen. Lob und Preis und Dank sei Allah, dem Herrn der Welten!"}
Nachwort
Ein Kapitel über Zuträgerei
بِاسْمِهِ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ
{"Im Namen dessen, vor dem es kein Ding gibt, das Ihn nicht in Dankbarkeit lobpreist."}
Im Fünften Punkt des Ersten Strahls der Ersten Flamme des Fünfundzwanzigsten Wortes wurde mit einer einzigen Ayah, welche als ein Beispiel dafür angeführt wurde, wie der Qur'an mit den Themen Verbot und Herabsetzung umgeht, bereits erschöpfend dargestellt, wie wunderbar in ihr auf sechsfache Weise Abscheu gegenüber aller Zuträgerei zum Ausdruck gebracht wird und was für eine verwerfliche Sache die Zuträgerei, vom Standpunkte des Qur'an aus betrachtet, ist. Für weitere Erklärungen besteht keine Veranlassung. In der Tat kann im Anschluß an diese Erklärung des Qur'an keine weitere Erklärung mehr abgegeben werden und eine Notwendigkeit dafür gibt es nicht.
So wird auch in der Ayah
اَيُحِبُّ اَحَدُكُمْ اَنْ يَاْكُلَ لَحْمَ اَخِيهِ مَيْتًا
{"Würde etwa einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen wollen?" (Sure 49, 12)}
die Herabsetzung über sechs verschiedene Stufen hinab fortgesetzt. Wendet man diese Ayah in der Praxis gegen die Ohrenbläser an, so ergibt sich daraus folgende Bedeutung:
Wie bekannt, hat das "Hemze", das vor dieser Ayah
steht, den Sinn einer Infragestellung. Dieser Charakter einer Infragestellung durchdringt alle Worte dieser Ayah wie Wasser. Er verleiht jedem Wort seinen hintergründigen Sinn.
So ist denn da zuerst das "Hemze", welches fragt: Habt ihr denn keinen Verstand, darinnen Fragen zu stellen und Antworten zu finden, so dass ihr eine derart abscheuliche Sache nicht verstehen könnt?
Das zweite Wort,
يُحِبُّ
{"er liebt"}
fragt: Ist denn etwa euer Herz, jener Ort aller Zuneigung und jeglicher Abneigung, so verkommen, dass es etwas so Ekelhaftes zu lieben vermag?
Das dritte Wort,
اَحَدُكُمْ
{"einer von euch"}
fragt: Was ist aus eurem gesellschaftlichen Leben und seiner Kultur geworden, die doch die Quelle (menschlichen) Zusammenlebens ist, dass ihr eine solche Handlungsweise, welche euer Leben vergiftet, akzeptieren könnt?
Das vierte Wort,
اَنْ يَاْكُلَ لَحْمَ
{"Fleisch zu essen"}
fragt: Was ist aus eurer Menschlichkeit geworden, dass ihr euren Kollegen mit euren Zähnen wie ein Raubtier in Stücke reißen könnt?
Das fünfte Wort,
اَخِيهِ
{"seines Bruders"}
fragt: Ist euch denn jedes mitmenschliche Empfinden fremd geworden, habt ihr denn gar kein Gefühl für Verwandtschaftsbeziehungen mehr, dass ihr derart erbarmungslos die Persönlichkeit eures Nächsten zerreißt, welche auf vielfältige Weise euer Bruder ist? Und habt ihr denn keinen Verstand, dass ihr eure eigenen Glieder mit euren eigenen Zähnen beißt wie ein Wahnsinniger?
Das sechste Wort,
مَيْتًا
{"tot"}
fragt: Wo ist euer Gewissen geblieben? Ist eure Natur so verdorben, dass ihr dem gegenüber, der doch als euer Bruder einen höchst ehrenwerten Status inne hat, eine so ekelerregende Handlung begehen könnt, sein Fleisch zu essen?
Dem Sinn dieser Ayah und dem einzelnen ihrer Worte entsprechend heißt das also, dass jede Art von Herabsetzung und Zuträgerei mit Herz und Verstand, aus Gründen der Menschlichkeit und aus Gewissensgründen, um der Natur und um des Volkes willen abgeschafft und verworfen werden muss. So siehst du denn nun, wie diese Ayah eine solche Schandtat kurz und prägnant, sechs Stufen hinunter, herabsetzt und sie auf wunderbare Weise in sechs verschiedenen Stufen verbietet.
Zuträgerei ist in den Händen der Leute von Feindschaft, Neid und Uneinsichtigkeit eine primitive Waffe, wie sie (von diesen Leuten) meistens verwendet wird. Ein Mann von Selbstachtung wird sich niemals dazu herabwürdigen, eine solch schmutzige Waffe zu verwenden. Darum sagte einmal ein berühmter Mann:
وَ اُكَبِّرُ نَفْسِى عَنْ جَزَاءٍ بِغِيْبَةٍ فَكُلُّ اِغْتِيَابٍ جَهْدُ مَنْ لاَ لَهُ جَهْدٌ
{"Ich habe mich immer zu gut dafür gehalten, meinen Feind ins Gerede zu bringen. Ich habe mich niemals dazu erniedrigt, ihn mit Ehrabschneidung zu bestrafen. Verleumdung ist die Waffe der Schwachen, der Würdelosen und (der Leute von) niedriger Gesinnung."}
Zuträgerei besteht darin, dass ein Mensch, wäre er anwesend und könnte hören, was anderen über ihn zugetragen wird, das Übel aufnehmen und sich gekränkt fühlen würde. Hat jemand die Wahrheit gesagt, so nennt man dies Zuträgerei. Hat er eine Lüge verbreitet, so ist dies sowohl Zuträgerei als auch Verleumdung. Das ist dann eine doppelt hässliche Sünde.
Zuträgerei kann in einigen Ausnahmefällen erlaubt sein:
Erstens:
Wer vor einem dafür zuständigen Mann eine Klage vorzubringen hat, damit er Hilfe erfahre und der Beklagte von Schuld und Sünde ablassen solle und deshalb aussagt, um sein Recht von ihm in Anspruch zu nehmen.
Zweitens:
(Ein Beispiel als Anmerkung der Übersetzer: Ali möchte mit Mehmet zusammenarbeiten.) Der eine möchte sich bei dir über den anderen einen Rat holen. Wenn du ihm nun rein zu seinem Vorteil und ohne einen bösen Unterton sagst: "Arbeite nicht mit ihm zusammen! Du wirst dabei zu Schaden kommen."
Drittens:
Wenn jemand, nicht etwa um einen anderen zu beschimpfen oder ihn bloßzustellen, sondern zu dem Zweck, ihn zu beschreiben und vorzustellen, sagt: "Dieser lahmende Trinker ist da und da hingegangen."
Viertens:
Der Mann, der ins Gerede gekommen ist, ist ein öffentlicher Sünder. D.h. er schämt sich nicht, Schlechtes zu tun, sondern rühmt sich sogar noch seiner üblen Taten, findet Geschmack an seinem Unrecht, begeht seine Schandtaten in aller Öffentlichkeit ohne sich dessen zu schämen.
So kann Zuträgerei in bestimmten Ausnahmefällen
erlaubt sein, wenn es ohne jeden bösen Unterton und nur um der Wahrheit und der guten Sache willen geschieht. Anderenfalls verzehrt Zuträgerei, so wie Feuer das Holz verzehrt, auch alle guten Werke.
Wer ein Ohrenbläser gewesen ist, oder einem solchen willig sein Ohr geliehen hat, der muss sagen
اَللّٰهُمَّ اغْفِرْ لَناَ وَلِمَنِ اغْتَبْنَاهُ
{"Oh Allah verzeihe mir und dem, über den ich geklatscht habe!"}
und danach, sobald er den Menschen sieht, über den er geklatscht hat, zu ihm sagen: "Bitte, trage mir nichts nach!"
{wörtlich: "Lösche deinen Rechtsanspruch"}
اَلْبَاقِى هُوَ الْبَاقِى
{"Der Beständige ist der, der bleibt und besteht."}
Said Nursi
Gerechtigkeit, Lohn und Strafe
Dieser Abschnitt ist von großer Bedeutung!
Gott der Gerechte ist in Seiner vollendeten Großherzigkeit, Seiner Allbarmherzigkeit und Seiner Gerechtigkeit und in alle Schlechtigkeit eine augenblickliche Strafe hineingelegt. Er hat in jede Wohltat einen geistigen Genuss hineingelegt, der an den Lohn des Paradieses errinert, und in alle Schlechtigkeit geistige Strafen, welche die Qualen im Jenseits spüren lässt.
Die Liebe, welche die Gläubigen untereinander verbindet, ist Schönheit für die Leute des Glaubens und ihr Gutsein. In dieses Gutsein hineingelegt ist ein geistiger Genuss, ein Wohlgeschmack, eine Herzensfreude, welche an die leibhaftige Belohnung im Jenseits erinnert. Jeder, der seinem eigenen Herzen lauscht, wird darinnen dieses Wohlempfinden wahrnehmen.
So ist z.B. Hass und Feindschaft unter den Gläubigen ein übler Zustand. Dieser ungute Zustand bewirkt, dass Herz und Seele in Bedrägnissen ertrinken und alle hochherzig Gesinnten in ihrem Gewissen Qualen verspüren. Ich habe selbst mehr als hundert mal erlebt, dass ich immer dann, wenn ich einem Gläubigen gegenüber Feind war, ich aus dieser Feindschaft Qualen empfing, wodurch in mir kein Zweifel mehr daran blieb, dass ich mir für meine Schlechtigkeit eine augenblickliche Strafe zugezogen hatte.
Dagegen ist es z.B. eine gute und schöne Sache, einem Menschen Ehre zu erweisen, der diese Ehre auch verdient, ihm Barmherzigkeit zu erweisen und ihm zu dienen, wenn er des Erbarmens würdig ist. Diese Güte enthält in sich einen solchen Wohlgeschmack, dass man darin die Belohnung einer jenseitigen Welt verspürt und
seine Ehre in einem solchen Grade erweist, seine Barmherzigkeit soweit, dass man darin bis zur Hingabe des Lebens geht.
Eine Mutter geht so weit, dass sie um des Wohlgeschmacks willen und für den Preis, den sie mit ihrer Liebe gewinnt, ihr Leben für ihr Kind auf dem Wege der Barmherzigkeit zum opfer bringt. Im Tierreich ist die Henne, die einen Löwen anspringt, um ihr Junges zu retten, ein Beispiel für diese Wahrheit. Das heißt, das in der Barmherzigkeit und in der Ehrerbietung ein unmittelbarer Gewinn liegt. Edle und hochherzige Menschen haben dafür ein Gespür, was es Ihnen ermöglicht, eine solche opferbereite Haltung einzunehmen.
So liegt z.B. in der Habsucht und in der Verschwendung eine Strafe von der Art, dass sie den Menschen dazu führt, sich zu beklagen, sich zu beunruhigen, sie leht sich als eine Strafe auf Herz und Gemüt und verwirrt den Menschen. Auch im Neid und in der Eifersucht liegt eine solche unmittelbare Strafe darin, dass der Neid denjenigen verbrennt, der neidisch ist.
Dagegen liegt darin, auf Gott zu vertrauen und in allen Dingen bescheiden zu sein, eine solche Belohnung und ein Verdienst, der unmittelbar froh macht, und das Übel der Armut und Bedürftigkeit und den Kummer hinwegnimmt.
So liegt auch im Stolz und in der Überheblichkeit eine solche schwere Bürde. Ein stolzer Mensch erwartet von jedermann Hochachtung. Und gerade weil er das erwartet und sich jedermann von ihm dadurch eingeengt fühlt, zeiht er sich seine Strafe zu. In der Tat wird Hochachtung stets nur erwiesen; man darf sie nicht verlangen.
Entsprechend liegt in der Bescheidenheit gegenüber allen Menschen und in dem Verlassen seiner Ich-Verhaftung ein Lohn, der froh macht, der von einer schweren Last befreit und davor bewahrt, sich bei den anderen einschmeicheln zu wollen.
So bringen z.B. auch falsche Vermutungen und Fehldeutungen schon in dieser Welt unmittelbar ihre Strafe mit sich. Nach dem Grundsatz: "Wer schlägt, wird geschlagen", wird derjenige, welcher andere verdächtigt, selbst zur Zielscheibe von Verdächtigungen. Wer das Verhalten seines Gläubigen Bruders falsch deutet, dessen Verhalten gerät in kurzer Zeit selbst inden Mahlstromvon Fehldeutungen und zieht so seine Strafe auf sich. usw... Alle guten Sitten und auch alle Unsitten müssen an diesem Maßstab gemessen werden.
Ich erhoffe von der Barmherzigkeit Gottes, dass diejenigen, deren Sinne durch Risale-i Nur für das Wunder geschärft werden sind, welches sich in dieser unserer Zeit hinter der Bedeutung des Qur'an offenbart, ein Gespür für diese Freuden des Geistes, diesen Wohlgeschmack, entwickeln mögen und nicht den schlechten Sitten und üblen Gewohnheiten verfallen, inscha'llah!
Einsichtigkeiten
Eine Einflüsterung des Teufels, die das menschliche Gemeinschaftsleben zerstört, zielt darauf ab, auf Grund einer schlechten Seite alle die guten Seiten eines Gläubigen zu übersehen. Wenn dann ein Mensch in seiner Ungerechtigkeit auf die Einflüsterungen des Teufels hört, so hasst er den Gläubigen. Wenn aber dann am Tage der Wiederauferstehung der allmächtige Gott in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit die Taten dessen, der für sie verantwortlich ist, auf Seiner großen Waage wiegt, wird Er danach richten, ob die guten Taten die schlechten überwiegen oder von ihnen überwogen werden. Denn es gibt viele Ursachen für die Schlechtigkeiten und ihre Entstehung ist einfach, weshalb manchmal eine einzige gute Tat viele schlechten zudeckt. Das heißt, dass man in dieser Welt von diesem Standpunkt der göttlichen Gerechtigkeit aus handeln sollte. Wenn die guten Taten eines Menschen seine schlechten quantitativ oder qualitativ überwiegen, verdient er es, dass man ihm mit Liebe und Hochachtung begegnet. Tatsächlich muss man auch wegen einer einzigen wirklich guten Tat viele schlechten Taten mit den Augen der Verzeihung betrachten. Denn der Mensch, der von Natur aus dem Bösen zugeneigt ist, vergisst unter der Einflüsterung des Teufels angesichts einer einzigen Schlechtigkeit hundert gute Taten, hasst seinen Glaubensbruder und verfällt der Sünde. Denn so wie ein Mückenflügel im Auge einen ganzen Berg bedecken kann, sodass man ihn nicht mehr sieht, ebenso kann die Bosheit und Uneinsichtigkeit eines Menschen wegen einer Schlechtigkeit gleich einem Mückenflügel einen ganzen Berg von guten Werken zudecken, in Vergessenheit geraten lassen, Hass gegen einen Glaubensbruder wecken und zu einem Werkzeug werden, das das Gemeinschaftsleben der Menschen zerstört.
Freundschaft und Feinschaft
Was ich in meinem ganzen Leben über die sozialen Verhältnisse mit Sicherheit erfahren habe und was ich aufgrund meiner Studien als Ergebnis erhalten habe, ist Folgendes:
Was einer Freundschaft am höchsten gebührt, ist Freundschaft und was Feindschaft am meisten gebührt, ist Feinschaft. Das heißt: Liebe und Freundschaft sind Fähigkeiten, die das menschliche Gemeinschaftsleben sichern und zum Glück führen, im höchsten Maße würdig, geliebt und geschätzt zu werden. Hass und Feindchaft aber, die das menschliche Gemeinschaftsleben vollständig zerstören, verdienen über alles Maß gehasst, bekämpft und gemieden zu werden, sind scheußliche und zerstörerische Mächte. Weil diese Tatsachen schon im "Zweiundzwanzigsten Brief" lang und breit erklärt worden ist, können wir uns mit der folgenden kurzen Darstellung begnügen:
Die Zeit für Hass und Feindschaft ist bereits vorüber. Zwei Weltkriege haben hezeigt, was für ein schlimmes, verheerendes, entsetzliches Unrecht die Feindschaft ist. Sie haben es offensichtlich gemacht, dass in ihnen kein Gewinn liegt. Weil dies aber so ist, sollten die schlechten Seiten eurer Gegner, Aggressivität ausgenommen, keine Feindschaft mit ihnen hervorrufen. Die Hölle und die Strafe Gottes ist genug für sie...
Manchmal hasst der Mensch in seinem Stolz und in seiner Selbstgefälligkeit die Leute des Glaubens ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne ein Recht dazu zu haben und denkt dabei, dass er im Recht sei. Deshalb schätzen sie in ihrem Hass und in ihrer Feindschaft so starke Grundlagen wie den Glauben, den Islam und die Menschlichkeit, welche der Anlass, die Leute des Glaubens zu lieben, ist, gering und werten sie dadurch ab. Die unbedeutenden Gründe einer Feindschaft den bergesgleichen
Gründen für die Liebe vorzuziehen, ist eine Art von Wahnsinn. Da aber nun einmal Liebe und Feindschaft gegensätze sind, können sie sich wie Licht und Finsternis nicht in Wahrheit miteinander vereinigen. Welche von beiden Ursachen die Überhand gewinnt, das wird man in Wahrheit im Herzen finden. Dessen Gegensatz kann in Wahrheit dort nicht sein. Wo sich z.B. in Wahrheit Liebe findet, dort wandelt sich Feindschaft in Mitleid und selbstlose Liebe um. So ist das Verhalten gegenüber den Leuten des Glaubens. Wenn sich dagegen Feindschaft tatsächlich im Herzen findet, so verwandelt sie die Liebe in Gleichgültigkeit. Interesselosigkeit und zur Schau getragene Freundschaft. Dies aber kann nur gegenüber solchen Leuten des Irrwegs sein, die nicht aggressiv sind. Es sind die Gründe für die Liebe wie der Glaube, der Islam, Menschlichkeit und menschliches Mitempfinden, in der Tat leuchtende starke Ketten und Burge des Geistes. Die Ursachen der Feindschaft gegenüber den Leuten des Glaubens gehören in den Bereich der persönlichen Gründe und sind wie kleine Steine. Weil dies aber so ist, deswegen begeht auch derjenige, der einem Muslim gegenüber wahrhaftige Feindschaft hegt, einen großen Fehler, gleich wie er die bergesgleichen Günde für die Liebe geringschätzt.
Zusammenfassung:
Freundschaft, Brüderlichkeit und Liebe sind Charaktereigenschaften des Islam, seine Verbindungsglieder. Die Leute der Feindschaft gleichen einem Kind, dessen Charakter verdorben ist und das weinen möchte und nun nach etwas sucht, worüber es weinen kann. Eine so unbedeutende Sache wie ein Mückenflügel wird für es zum Anlass, um darüber zu weinen. Sein Charakter gleicht überdies dem eines Mannes, der in seiner Ungerechtigkeit und in seinem Pessimismus nichts Gutes erwartet, solange es noch die Möglichkeit gibt, schlecht zu denken und der mit einer einzigen Schlechtigkeit Zehn gute Seiten überdeckt. Ein solches Verhalten wird von einem gerechten und auf das positive hin
ausgerichteten Denken, welches charakteristisch für den Islam ist, verworfen...
* * *
Meine lieben Brüder und Freunde!
Ich möchte hier eine Sache klarstellen, die mir Sorge macht und die mir plötzlich in mein Herz eingegeben wurde:
Die Leute des Irrweges vermögen dem diamanten Schwerte der Risale-i Nur nichts entgegenzusetzen. Darum versuchen sie aus der Sorge der Schüler um deren Lebensunterhalt und aus deren Unbesonnenheit jetzt im Frühling ihren Nutzen zu ziehen. Sie haben entdeckt, dass die Nerven der Schüler auf Grund deren oft recht unterschiedlicher Gemütsverfassung schwach geworden sind und möchten gerne deren Gemeinschaftssin erschüttern. Dies habe ich so empfunden und verstanden. Nehmt euch in Acht! Passt gut auf! Lasst keine Uneinigkeit unter euch aufkommen! Der Mensch kann nicht frei sein von Fehlern. Doch das Tor zur Vergebung ist offen. Wenn der Satan und euer eigenes Verlangen euch in eurem Herzen dazu verleiten will, eurem Bruder zu widersprechen und ihn zu Recht zu kritisieren, so sollt ihr sagen:
"Wir sind nicht nur dazu verpflichtet, diese kleinlichen Rechthabereien, sondern unser ganzes Leben, unsere Ehre und unser irdisches Glück für die Gemeinschaft zu opfern, deren stärkstes Band die Risale-i Nur ist. Es ist unsere Aufgabe, für das Ziel, das zu erreichen sie uns in Aussicht gestellt hat, alle Dinge dieser Welt und alles, was unserem Ego zugerechnet werden könnte, zu opfern."
Indem ihr so sprecht, sollt ihr das Verlangen in euch
zum Verstummen bringen. Wenn es ein Problem gibt, das zum Streitpunkt unter euch geworden ist, so sollt ihr euch darüber beraten und die Dinge nicht so eng sehen. Es können nun einmal nicht alle den gleichen Charakter haben. Einander mit Nachsicht zu betrachten, ist heute das Notwendigste.
Wir grüßen jeden einzelnen unserer Brüder. Selam!
Said Nursi
* * *
Der Wert der Gemeinschaft
Ich werde jetzt einen Grundsatz erklären, der sich auf die Brüderlichkeit bezieht, einen Grundsatz, den ihr ernsthaft ins Auge fassen sollt:
Das Leben ist eins und das Ergebnis einer Vereinigung. Zerfällt die harmonische Einheit, geht auch das innerliche Leben zu Grunde.
وَلاَ تَنَازَعوُا فَتَفْشَلُوا وَتَذْهَبَ رِيحُكُمْ
{"Streitet euch nicht und trennt euch nicht, sodass eure Kraft von euch geht." (Sure 8, 46)}
Diesem Hinweis entsprechend verliert eine Gemeinschaft ihre Würze, wenn die gegenseitige Unterstützung nachlässt und der Zusammenhalt sich auflöst.
Ihr müsst wissen, dass die Ziffer eins dreimal für sich getrennt geschrieben und zusammengezählt den Wert drei ergibt. Wie aber ihr Wert, die Zahlen hintereinander gesetzt, den Wert 111 ergibt, so entspricht auch der Wert von drei, vier Dienern der Wahrheit und Gerechtigkeit,
wenn jeder für sich allein seine Arbeit verrichtet, dem von drei, vier Männern. Wenn in einer echten Bruderschaft einer die Vorzüge des anderen hervorhebt und sich die Brüder so gegenseitig unterstützen, bis sie einander gleich werden und sich so verhalten, dass sie ineinander aufgehen und dieses Geheimnis ihrer Selbstaufgabe unter ihnen sichtbar wird, dann erhalten diese vier Männer den Wert der vereinigten Kräfte von vierhundert Mann. Ihr gleicht den Maschinisten, welche die Generatoren in Betrieb halten, die nicht nur das große Isparta, sondern ein ganzes, großes Land mit Lichtstrom versorgen... Die Zahnräder der Maschinen müssen einander unterstützen. Sie sind nicht aufeinander eifersüchtig, sondern freuen sich im Gegenteil, wenn das eine stärker als das andere ist. Angenommen ein Zahnrad wäre mit Bewusstsein begabt, dann würde es sich freuen, ein noch stärkeres Zahnrad zu finden, weil es ihm die Arbeit erleichtern würde. Wenn Persönlichkeiten im Dienst an der Wahrheit und Gerechtigkeit, Qur'an und Glauben, auf deren Schultern die schwere Last eines großen Schatzes drückt, durch kräftige Schultern Hilfe erfahren, so erkennen sie diese Hilfe in Dankbarkeit an und sind stolz darauf. Öffnet einander niemals die Tore zur Kritik! Es gibt außerhalb unserer brüderlichen Gemeinschaft genügend, die man kritisieren könnte. Ich bin stolz auf eure Vorzüge. Sollte ich selbst dieser Vorzüge beraubt bleiben, so würde ich mich doch über diejenigen freuen, die ich bei euch vorfinde. Ich betrachte sie als meine eigenen. So sollt auch ihr einander mit den Augen eures Meisters betrachten... es sei so, dass ein jeder von euch dieVorzüge des anderen hervorhebt und herausstellt.
Hafis Ali Efendi aus Islamköy, einer unserer Brüder, hat einem anderen Mitbruder gegenüber, der sein Gegner hätte werden können, sein Gefühl brüderlicher Anteilnahme bezeigt. Ich halte das für sehr wertvoll und möchte euch deshalb Folgendes erklären:
Dieser Mann ist zu mir gekommen. Ich habe ihm gesagt,
dass die Handschrift des anderen besser als seine eigene ist. Ich habe ihm mitgeteil, dass (dieser andere) einen noch besseren Dienst zu leisten vermag. Da sah ich, dass Hafis Ali mit vollkommener Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit stolz war auf dessen Erfolg und sich darüber freute. Auch war er darüber glücklich, dass der Meister einen liebevollen Blick auf ihn geworfen hatte. Ich habe auch sein Herz geachtet und beobachtet, dass er mir nichts vorspielen wollte; ich habe vielmehr gespürt, dass er es ehrlich meinte. Ich habe Gott dem Gerechten dafür gedankt, dass es unter meinen Brüdern solche gibt, die derartige erhabene Empfindungen in sich tragen. Diese Empfindung wird inscha'llah noch der Anlass zu großem Dienst sein. Elhamdu-li'llah, Allah sei Lobpreis und Dank dafür, dass eine solche Empfindung in unserer Umgebung langsam und allmählich überall unter den Brüdern wachsen wird.
* * *
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ
{"Im Namen des Hochgelobten."}
Meine lieben Brüder und Freunde!
In dieser Welt, besonders aber in unserer Zeit und besonders für diejenigen die von einem Unglück betroffen wurden, vor allem aber die Nur-Schüler ist das wirksamste Mittel, aus aller Bedrängnis und Hoffnungslosigkeit herauszufinden, das Folgende: einander zu trösten, sich gegenseitig eine Freude zu machen, einander moralisch zu unterstützen, sich gegenseitig wie wahrhaftige, zu Opfern
bereite Brüder lindernden Balsam auf die Wunden zu streichen, die Kummer, Gram und Sorge ihnen gerissen haben und die Trauer des Herzens mit vollkommener, selbstloser Liebe zu mildern. Eine wahrhaftige und auf das Jenseits ausgerichtete Brüderlichkeit, so wie sie unter uns gepflegt wird, verträgt es nicht, dass man einander gram ist und einseitig seinen Standpunkt vertritt. Da ich also nun einmal ganz und gar auf euch vertraue und so eine Seilschaft mit euch bilde, bin ich, wie ihr wisst ud vielleicht auch sehen könnt, entschlossen, nicht nur meine Ruhe, meine Ehre und meine Würde, sondern selbst mein Leben für euch zu opfern. Ja, ich schwöre und versichere euch, dass ich acht Tage lang mit Herz, Seele und Gemüt geweint und geklagt habe, weil zwei führende Persönlichkeiten der Nurdjuluk-Bewegung, anstatt sich bitten und versöhnen zu lassen, einander Schwierigkeiten machten; ein an und für sich unbedeutendes Vorkommnis, das jedoch in diesen Tagen mein Herz gequält hat.
Ich schrie: "Weh mir! Oh weh! Gnade! Hilfe! Oh barmherziger Allerbarmer, steh mir bei! Beschütze uns! Rette uns vor der Bosheit dieser Teufel in Dschinnen und Menschengestalt! Erfülle die Herzen meiner Brüder mit dem Gefühl der Freundschaft und Treue, wahrer Brüderlichkeit und echter Liebe!"
Oh ihr meine Brüder, die ihr so fest und unerschütterlich wie Eisen seid! Helft mir! Wir sind in unserer Aufgabe so anfällig, dass sie uns leicht zu einem Problem werden kann. Ich hatte so sehr auf euch vertraut, dass ich alle meine Aufgaben dem Geist eurer brüderlichen Gemeinschaft anvertraut habe. Jetzt müsst auch ihr mit eurer ganzen Kraft zu Hilfe eilen. Es war ja dieses Vorkommnis in der Tat nur ein ganz geringfügiger, unbedeutender und zeitlich begrenzter Zwischenfall, aber es hat doch gestört wie ein Sandkörnchen im Getriebe einer Uhr oder ein Härchen im Auge.
Said Nursi
* * *
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ
{"Im Namen des Hochgelobten."}
Meine lieben, treuen und wahrhaftigen Brüder!
Es ist für uns eine unabdingbare Notwendigkeit, mit all unserer Kraft und im Rahmen unserer Möglichkeiten die Grundsätze aus der Abhandlung über die Wahrhaftigkeit und das, was der tatsächliche Sinn dieser Wahrhaftigkeit ist unter uns und einer gegenüber dem anderen in die Praxis umzusetzen. Ich habe zuverlässige Nachricht erhalten, dass vor drei Monaten drei Männer geschickt wurden, um in die Atmosphäre hier unter unseren getreuen Brüdern aufgrund ihrer verschiedenen Art zu denken und zu empfinden, Kälte hineinzutragen.
Überdies ziehen sie unseren Prozess ohne jede Veranlassung in die Länge, um die Nurdjus dadurch zu ermüden, sie schwankend werden zu lassen, in denen, die empfindsam sind und nicht genug Ausdauer haben einen Verdacht zu erregen und sie vom Dienst an der Nurdjuluk-Bewegung abzubringen. Hütet euch also und nehmt euch in Acht! Lasst euch in der Opferbereitschaft und Brüderlichkeit, die bisher unter euch herrschte und in der herzlichen Zuneigung untereinander nicht erschüttern! Und sollte es auch nur ein Sandkörnchen gewesen sein, so verursacht es uns dennoch einen großen Schaden. Obwohl es der Dienst am Qur'an und der Glaube erfordert, notfalls unser Leben füreinander zu opfern, sollten wir uns dennoch darum bemühen, dass diejenigen unter uns, die wirklich zu opfern bereit sind, nicht aufgrund einer Intoleranz, die vielleicht aus einer Zwangslage oder anderen Gründen erwächst, aufeinander Böse werden, vielmehr ein jeder in vollkommener Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Ergebung selbst die Schuld auf sich nimmt, um so die Freundschaft und Herzlichkeit
untereinander zu stärken. Es entsteht sonst noch aus einem Maulwurfshügel ein Berg und somit ein Schaden, der sich nicht wieder gut machen lässt. Alles weitere überlasse ich eurem Scharfsinn und breche deshalb daher ab.
Said Nursi
* * *
Meine Brüder bitte ich um Folgendes:
Wenn einem eurer Kollegen in seiner Notsituation oder seelischen Bedrängnis, aus mangel an Toleranz, oder verleitet durch die Einflüsterungen des Teufels oder seiner Gier oder in seiner Unwissenheit ein böses oder hässliches Wort entschlüpft ist, so sollt ihr nicht deswegen aufeinander böse sein und auch nicht sagen: "Er hat meine Ehre angetastet." Ich selbst nehme ein solches böses Wort auf mich. Es soll euch nicht auf die Nerven gehen. Und sollte ich selbst tausendmal meine Ehre verlieren, so opfere ich sie dennoch tausendmal für die Freundschaft und Herzlichkeit unter meinem Brüdern.
Said Nursi
Zwanzigster Blitz
Über die Wahrhaftigkeit (ikhlas)
Obwohl dies eigentlich der Erste von fünf Punkten ist, der das Zweite von sieben Themen der siebzehnten Anmerkung des Siebzehnten Blitzes bildet, ist er nun auf Grund seiner besonderen Bedeutung zum Zwanzigsten Blitz geworden, und dies.
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ اِنَّآ اَنْزَلْنَا اِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ فَاعْبُدِ اللهَ مُخْلِصًا لَهُ الدِّينُ اَلاَ ِللهِ الدِّينُ الْخَالِصُ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Wir haben dir das Buch in Wahrheit herabgesandt. So bete nun Gott in Wahrhaftigkeit an. Denn Gottes ist die Wahrhaftigkeit im Glauben." (Sure 39, 1-2)}
Diese Ayah und die Ehrenwerte Hadith
هَلَكَ النَّاسُ اِلاَّ الْعاَلِمُونَ وَهَلَكَ الْعَالِمُونَ اِلاَّ الْعَامِلوُنَ وَهَلَكَ الْعَامِلُونَ اِلاَّ الْمُخْلِصُونَ وَالْمُخْلِصُونَ عَلٰى خَطَرٍ عَظِيمٍ
{"Alle Menschen werden untergehen, außer den Wissenden. Und alle Wissenden werden untergehen, außer denen, die danach handeln. Und alle, die handeln, werden untergehen, außer den Wahrhaftigen. Und selbst noch die Wahrhaftigen sind in großer Gefahr." (oder so ähnlich)}
weisen beide darauf hin, welch wichtiger Grundsatz die Wahrhaftigkeit für die islamische Gemeinschaft ist. Unter den zahllos vielen Punkten, die sich mit der Frage der Wahrhaftigkeit beschäftigen, wollen wir hier nun "Fünf Punkte" näher erläutern.
Erster Punkt
Eine bedeutende, jedoch peinliche Frage:
Wie kommt es, dass die Leute des Glaubens und der Wissenschaft
{Es gehört zu den günstigen Zeichen, welche angeben, dass Isparta besonders gesegnet ist und welche daher eine Quelle unseres besonderen Dankes sind, dass es in dieser Stadt, verglichen mit anderen Orten, keine deutlich sichtbaren Streitigkeiten und Machtkämpfe zwischen den Frommen, den Angehörigen der Orden und den Leuten der Wissenschaft gibt. Und auch wenn die erforderliche Liebe und Einheit (muhabbet ve ittifaq) nicht spürbar sind, so gibt es doch hier, verglichen mit anderen Städten, keine ernst zu nehmenden Streitigkeiten und Konflikte.}
und die Angehörigen der Orden, obwohl sie doch die Leute der Wahrheit und der Eintracht sind, sich in Rivalität zerstreiten, während doch die Leute dieser Welt und die Gottvergessenen, ja sogar die Leute des Irrweges und die Heuchler miteinander zusammenarbeiten ohne dabei zu konkurrieren? Einheit (ittifaq)gehört doch nun wirklich zu den Leuten der Eintracht und die Disputationen den Heuchlern. Wie kommt es denn nur, dass das Recht dort hinüber gegangen und das Unrecht hierher gekommen ist?
Antwort:
Wir wollen hier für die so vielen schmerzlichen, fürchterlichen, schrecklichen Ereignisse, wie sie Leute, die sich die Dinge zu Herzen genommen haben, zum Weinen bringen, sieben Gründe näher erläutern.
Erster Grund:
Geradeso, wie eine Diskussion unter den Leuten der Wahrheit nicht aus einem Mangel an Wahrheit entsteht, so entsteht auch die Einheit (ittifaq)unter den Leuten der Gottvergessenheit nicht etwa dadurch, dass sie die Wahrheit besäßen. Es ist vielmehr so, dass eine spezielle Aufgabe, eine besondere Funktion, diesen Klassen der Gesellschaft zugeschrieben wurde, wie den Weltleuten, denen, die sich in der Politik engagiert haben und denen, die eine weltliche Erziehung genossen
haben, und so wurden die Funktionen verschiedener Gruppen, Gesellschaften und Gemeinschaften definiert und unterscheiden sich nun voneinander. In ähnlicher Weise wurde auch der materielle Gegenwert, den sie ihrer Funktion entsprechend zu empfangen haben, um sich so ihren Lebensunterhalt sichern zu können, wie auch der moralische Wert, welcher in der Gunst besteht, die ihnen die Leute entsprechend ihrem Stolz und ihrem Einsatz entgegenbringen, festgesetzt und genau verteilt.
{Mahnung: Die Gunst der Menschen kann man nicht einfordern, sie wird vielmehr gegeben. Wo sie gegeben wird, sollte man sich nicht in ihr gefallen. Gefällt man sich aber in ihr, so ist die Wahrhaftigkeit (ikhlas) verloren und die Heuchelei tritt an ihre Stelle. Wo der Wunsch nach Ruhm und Ansehen die Aufmerksamkeit eines Menschen beflügelt, so ist sie nicht Lohn noch Belohnung, sondern ein Schlag (ins Gesicht) und eine Strafe für seinen Mangel an Wahrhaftigkeit (ikhlas). Wem Menschen eine derartige Aufmerksamkeit zuwenden, Ehre und Ansehen, dessen Wahrhaftigkeit (ikhlas) verletzen sie, die Quelle der Vitalität zu allen guten Taten. Und selbst wenn sie dabei noch eine vorübergehende winzige Freude bis an den Rand des Grabes erlangen, so nimmt diese doch auf der anderen Seite des Grabes eine recht unschöne Gestalt an. Deshalb sollte man sich von den Menschen keine solche Aufmerksamkeit wünschen, vielmehr vor ihr zurückschrecken. Ja man sollte vor ihr fliehen!
Mögen denen, die öffentliches Ansehen suchen und solchem Ruhm und Ansehen hinterher laufen, die Ohren klingen!}
Es gibt also grundsätzlich nichts, was genügend Konfliktstoff, Uneinigkeit oder gar Streit produzieren könnte. Wie groß also auch immer der Weg des Übels sein mag, dem sie folgen, so können sie sich dennoch untereinander einigen (ittifaq).
Was aber nun die Leute des Glaubens, der Wissenschaft und die Gefährten der Orden betrifft, so beziehen sich ihre Aufgaben auf die gesamte Menschheit, ihr weltlicher Lohn ist weder festgelegt noch irgendwie unterteilt, und ihr Anteil (makam)an sozialem Ansehen, sowie ihre
Stellung in der Öffentlichkeit, sind nicht von vornherein festgelegt. Es können viele für den selben Posten (makam)kandidieren. Es strecken sich viele Hände nach dem gleichen geistigen und materiellen Gewinn aus, der ihnen angeboten wird. Von daher also kommt es, dass Konflikte und Streitigkeiten untereinander entstehen. So verkehrt sich Einigkeit in Uneinigkeit und Einheit (ittifaq)verwandelt sich in Streit.
So ist denn Wahrhaftigkeit gegen diese fürchterliche Krankheit die Salbe und Arznei. Das heißt, (Wahrhaftigkeit kann dadurch erreicht werden), dass man die Wahrheitsliebe der Eigenliebe vorzieht und seinen Egoismus und den Gefallen an sich selbst (nefs ve enaniyet)durch den Gefallen an der Wahrheit (haqq)überwindet und so die Bedeutung der Ayah
اِنْ اَجْرِىَ اِلاَّ عَلَى اللهِ
{"Fürwahr, mein Lohn ist einzig bei Gott." (Sure 11, 29)}
zum Ausdruck bringt, die materielle und geistige Belohnung der Menschen zurückweist
{Man sollte sich auch die "Tugend der Beschenkung" zu seinem Wegweiser (rehber) wählen, die der Qur'an an den Sahabis gelobt hat. Das heißt, sobald es gilt, ein Geschenk oder Almosen (Sadaqa) anzunehmen, sollte man sich selbst stets einen anderen vorziehen und statt sich für seinen Gottesdienst eine irdische Belohnung zu wünschen oder auch nur in seinem Herzen zu erwarten, wissend, dass dies einzig und allein eine Gnade (ihsan) Gottes ist, ohne dabei einem Menschen ein Gefühl der Verpflichtung aufzuladen oder eine Gegenleistung für seinen Gottesdienst anzunehmen. Denn man darf in dieser Welt für seinen Gottesdienst keine Gegenleistung erwarten, damit die Wahrhaftigkeit nicht entflieht. Zwar hat man ein Recht darauf, dass die Gemeinde einen mit allem Lebensnotwendigen versorgt, ja sogar ein Recht auf Almosen (zekat). Doch darf man dies nicht einfordern. Es wird einem gegeben. Wem etwas gegeben wurde, der darf nicht sagen: "Dies ist der Lohn für meine Dienstleistung." Soweit es möglich wäre, sollte man stets bescheiden anderen vor sich selbst den Vorzug geben, die bedürftiger sind. (Wer solcher Art) das Geheimnis der Ayah
وَيُؤْثِرُونَ عَلٰٓى اَنْفُسِهِمْ وَلَوْ كَانَ بِهِمْ خَصَاصَةٌ
{"Und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst bedürftig wären." (Sure 59, 9)}
zum Ausdruck bringt, wird sich vor dieser schrecklichen Gefahr erretten und Wahrhaftigkeit gewinnen.}
und die Bedeutung der
Ayah
وَمَا عَلَى الرَّسُولِ اِلاَّ الْبَلاَغُ
{"Und nichts obliegt dem Propheten außer seiner Verkündigung." (Sure 5, 99)}
zum Ausdruck bringt.
Wer weiß, dass solche Angelegenheiten, wie wohl angesehen zu sein, einen guten Eindruck zu machen und bei den Menschen in Gunst zu stehen, eine Angelegenheit Gottes des Gerechten und in Seiner Huld (ihsan)sind und nichts mit der Verkündigung (tebligh)der Botschaft zu tun haben, die seine eigene Aufgabe (vasifah)ist, dabei auch gar nicht notwendig sind, weil er auch gar nicht (mit dergleichen Angelegenheiten) betraut ist, (wer dies weiß) wird (in der Erlangung) der Wahrhaftigkeit erfolgreich sein. Andernfalls wird seine Wahrhaftigkeit ihm entfliehen.
Zweiter Grund:
Die Einheit (ittifaq)unter den Leuten des Irrweges entspringt aus ihrer Erniedrigung und die Disputationen unter den Leuten der Rechtleitung erwächst aus ihrer Würde. Das heißt, dass Weltleute und Leute des Irrweges, welche gottvergessene Leute sind, elend und schwach sind, da sie sich nicht auf Recht und Wahrheit stützen. Weil sie aber so schwach sind, brauchen sie Kraft. Aus dieser Not heraus ist ihnen Einheit (ittifaq)und Hilfe von Herzen willkommen. Wenn auch ihr
Weg auf einem Irrtum beruht, so wahren sie doch wiederum ihre Einheit. Es ist, als wollten sie aus ihrer Ungerechtigkeit eine Liebe zur Wahrheit machen, ihren Irrweg in Wahrhaftigkeit umwandeln, ihre Gottlosigkeit in eine Solidarität aller Gottlosen umschmieden, ihre Heuchelei eine Übereinstimmung sein lassen, um auf diese Weise zum Erfolg zu gelangen. Denn eine Wahrhaftigkeit, die aus dem Herzen kommt, kann nicht ohne eine Wirkung bleiben, selbst, wenn sie auf das Böse gerichtet ist. In der Tat wird Gott, dem, der sich etwas wahrhaftig wünscht, es auch geben.
{
مَنْ طَلَبَ وَجَدَّ وَجَدّ
"Wer ernsthaft sucht, findet."}
Dies ist in der Tat ein Leitsatz der Wahrheit. Seine Gültigkeit ist umfassend und kann in ihrer ganzen Breite auch unseren Weg (meslek)mit einschließen.}
Was jedoch die Leute der Rechtleitung und des Glaubens betrifft, die Leute des Wissens und die Angehörigen der Orden, so empfangen sie, weil sie sich auf Wahrheit und Gerechtigkeit stützen und auf diesem Weg der Wahrheit einzig an ihren Herrn denken und in ihrem Erfolg auf Ihn vertrauen, innerlich eine gewisse Würde. So sie sich schwach fühlen, so wenden sie sich nicht an die Menschen, sondern an ihren Herrn und erbitten von ihm Hilfe. Weil aber ihre Gesichtspunkte unterschiedlich sind, verspüren sie kein echtes Bedürfnis nach Hilfe von Seiten derer, deren Standpunkt ihrem eigenen entgegengesetzt ist und sehen darin keine Notwendigkeit für eine Einheit (ittifaq).Dort wo sich Selbstsucht und Egoismus finden, halten sie sich selbst für gerecht und glauben, dass sich ihr Gegner im Unrecht befände und so treten an Stelle von Einheit und Liebe (ittifaq ve muhabbet)Uneinigkeit und Streit unter Rivalen. So geht ihre Wahrhaftigkeit (ikhlas)verloren und ihre Aufgabe (vasife)gerät durcheinander.
So liegt denn nun das einzige Heilmittel, um solch fürchterlichen Folgen gefährlicher Ursachen begegnen zu können, in den folgenden "Neun Anweisungen".
1. Sich positiv verhalten, das heißt, sein Verhalten in der Liebe zum eigenen Weg ausrichten, Feindschaft gegenüber anderen Wegen, ihren Fehlern und Mängeln nicht nähren, ihr Wissen und Denken nicht kritisieren und sich mit dergleichen Dingen nicht beschäftigen.
2. Vielmehr sollte man innerhalb des Islamischen Kreises, unabhängig von der jeweiligen Sichtweise über die einigenden Bande, die zu Liebe, Brüderlichkeit und Einheit hinführen, nachdenken und so zu dieser Einheit gelangen.
3. Was aber das Recht eines jeden betrifft, der den rechten Weg geht, so sollte man einen anderen auf seinem Weg nicht belästigen, sondern vielmehr sagen: "Ich befinde mich auf dem rechten Weg." oder "Mein Weg ist der bessere." Man sollte auch nicht andeuten, dass der Weg eines anderen unrichtig oder unschön sei, oder sagen: "Richtig ist einzig mein eigener Weg." oder "Gut ist einzig meine eigene Sichtweise." und sich so eine vernunftgemäße (Sichtweise) zum Wegweiser machen.
4. In Betracht ziehen, dass die Einheit mit den Leuten der Wahrheit eine Bedingung des von Gott kommenden Erfolges und der Ankergrund der Ehre im religiösen Leben ist.
5. Und ferner sollte man sich vor Augen führen, dass auch der stärkste Widerstand eines Einzelnen gegen die Angriffe eines kollektiven Genius der Leute des Irrweges und der Ungerechtigkeit, der ihnen aus ihrer Solidarität erwächst, durch die Einheit unter den Leuten der Wahrheit besiegt werden kann, wenn auch sie ihrerseits eine solche gemeinschaftliche Kraft formen, um Recht und Gerechtigkeit angesichts dieser furchtbaren gemeinschaftlichen Kraft der Leute des Irrweges zu bewahren.
6. Um die Wahrheit vor den Stürmen der Irrlehre zu retten bewahren.
7. Selbstsucht (nefs)und Egoismus (enaniyet)
8. und ein falsches Denken über "Ehre"
9. durch die Aufgabe irgendwelcher bedeutungsloser Gefühle von Rivalität zur Wahrhaftigkeit zurückzufinden und seiner Aufgabe gerecht zu werden...
{Nach einer echten Überlieferung wird sogar berichtet, dass die wahrhaft frommen Christen sich am Ende der Zeit mit den Leuten des Qur'an vereinigen und, so wie sie sich gegen ihren gemeinsamen Feind, den Atheismus, wenden werden, dann sich nicht nur die Gefolgsleute des Glaubens und des rechten Weges in wahrer Brüderlichkeit vereinigen werden, sondern auch die Christen mit einer echten Frömmigkeit und Spiritualität, dabei zunächst einmal alles, was eine Quelle von Streitigkeiten sein könnte, nicht zum Anlass für weitere Debatten und Disputationen zu machen, sondern stattdessen sich lieber ihrem gemeinsamen Gegner, dem kämpferischen Atheismus, gemeinsam entgegenstellen müssen.}
Dritter Grund:
Die Uneinigkeit unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft oder etwa ihrer niedrigen Gesinnung, noch erklärt sich die Einigkeit unter den Leuten des Irrglaubens und des Irrweges aus ihrer hohen und edlen Gesinnung und ihrer Begeisterung. Vielmehr entstammt die Uneinigkeit aus dem Missbrauch ihrer hohen und edlen Gesinnung und die Einigkeit unter den Leuten des Irrglaubens aus der Schwäche und Unfähigkeit ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft.
Was die Leute der Rechtleitung zu einem Missbrauch ihrer hohen Gesinnung treibt und weiter in die Uneinigkeit und zu Streitigkeiten treibt, ist vielmehr ihr Verlangen nach einer himmlischen Belohnung, was im Hinblick auf das Jenseits als eine gute Eigenschaft gepriesen wird, und eine außergewöhnliche Begierde hinsichtlich ihrer jenseitigen Verpflichtungen. So denken sie: "Lass mich diese Belohnung gewinnen! Lass mich diese Leute führen! Auf mich sollen sie hören!" Er spielt sich als Rivalen
gegenüber seinem wahrhaftigen Bruder auf, dessen Liebe, Hilfe, Brüderlichkeit und Unterstützung er ernsthaft bedarf und versucht gegen ihn zu konkurrieren. Indem er sich selbst sagt: "Warum gehen meine Schüler zu ihm? Warum habe nicht ich so viele Schüler wie er?" wird er eine Beute seiner Ichsucht, neigt jenem Geltungsdrang zu, der schon eine verwerfliche Eigenschaft ist, und verliert somit seine Wahrhaftigkeit und öffnet der Heuchelei das Tor.
Heilung für diesen Irrtum, diese Wunde, diese fürchterliche Krankheit des Geistes besteht in dem Grundsatz, dass Gottes Wohlgefallen nur durch Wahrhaftigkeit allein gewonnen werden kann und nicht durch eine große Anzahl von Anhängern und großartige Erfolge. Denn diese Dinge gehören zum Aufgabenbereich Gottes. Man kann sie nicht erbitten, vielmehr werden sie manchmal gewährt. Manchmal wird in der Tat ein einziges Wort zur Ursache für ihre Erlösung und zu einer Quelle ihres Wohlgefallens (bei Gott). Eine Masse sollte nie Grund für allzu viel Aufmerksamkeit sein. Denn manchmal erlangt, wer auch nur einen einzigen Menschen auf den rechten Weg (irshad)leitet, ebensoviel Wohlgefallen bei Gott, wie einer, der tausend Menschen rechtleitet. Ferner erfordert die Aufrichtigkeit und die Liebe zur Wahrheit, dass jemand wünschen sollte, allen Muslimen, wer auch immer es sei und wo auch immer er sei, von Nutzen zu sein. Andernfalls ist der Gedanke: "Mögen sie bei mir Unterricht nehmen und mich so den Lohn Gottes gewinnen lassen" eine List der Ichsucht und des Egoismus (nefs ve enaniyet).
Oh Mensch, der du gierig nach Gottes Lohn (sevab)und unersättlich nach guten Taten für das Jenseits bist! Es sind zuweilen Propheten aufgetreten, die, obwohl es nur Wenige gab, die ihnen nachfolgten, doch den unendlichen Lohn für die geheiligten Aufgaben ihres Prophetentums erhalten haben. Das heißt, der wahre Erfolg liegt nicht in der Größe seiner Gefolgschaft, sondern darin,
Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Wer bist du eigentlich, dass du in deiner Gier sagst: "Alle sollen mich hören!" und dabei deine eigene Aufgabe vergisst und dich stattdessen in die Aufgaben Gottes einmischst? Dir Anerkennung zu verschaffen und das Volk um dich zu versammeln ist Gottes Werk. So tu denn deine Pflicht und mische dich nicht in die Aufgaben Gottes.
Zudem sind es nicht nur die Menschen, durch die der, der die Wahrheit hört und Recht spricht, Gottes Lohn (sevab)erlangt. Vielmehr sind es Gottes des Gerechten bewusstseinstragende Geschöpfe, Geistwesen und Engel, die den Kosmos erfüllen und allüberall beleben. Wenn du also nun schon so viel Lohn (sevab)empfangen möchtest, mache dir die Wahrhaftigkeit zu deinem Grundsatz und denke dabei einzig an Gottes Wohlgefallen. Dann werden die gesegneten Worte, die deinen Mund verlassen, entsprechend deiner Wahrhaftigkeit und lauteren Absicht belebt und verlebendigt werden und sich durch die Luft schwingend in jedes einzelne Ohr all der unendlich vielen, bewusstseinstragende Wesen eingehen, es erleuchten und so auch dir deinen Verdienst (sevab)bringen.
Wenn du also z.B. sagst: "Elhamdulillah(Dank sei Gott)", so wird dieses Wort mit Gottes Erlaubnis in Form von Millionen großer und kleiner "Elhamdulillah"-Worte in die Luft geschrieben. Da aber der Allweise Gestalter nichts Sinnloses oder Überflüssiges tut, so hat er entsprechend den vielen gesegneten Worten, die da gehört werden sollen, (bereits zuvor) entsprechend viele Ohren erschaffen. Wenn diese Worte mit Wahrhaftigkeit und reiner Absicht in der Luft zum Leben gebracht werden, so dringen sie wie wohlschmeckende Früchte in die Ohren der Geistwesen ein. Wenn aber das Wohlgefallen Gottes und die Wahrhaftigkeit diesen Worten in der Luft kein Leben schenkt, so werden sie auch nicht gehört. Dann bleibt auch der Lohn auf das Wort im Mund beschränkt. Mögen nun also die Ohren der Qur'anrezitatoren (Hafidh)klingen,
von denen man sagt, dass ihre Stimmen nicht mehr schön klingen und die nun traurig sind, nur noch wenige Zuhörer zu haben!
Vierter Grund:
Und in genau der gleichen Weise, wie Rivalitätsdenken und Uneinigkeit unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus der Unfähigkeit erwachsen, deren Konsequenzen zu erkennen, oder vielleicht aus einer gewissen Kurzsichtigkeit, so folgt die innige Eintracht der Leute des Irrweges nicht aus einer gewissen Weitsichtigkeit oder weiser Voraussicht. Vielmehr lassen sich die Leute der Rechtleitung unter dem Einfluss von Recht und Wahrheit nicht von den blinden Gefühlen ihrer Seele (nefs)verführen und folgen stattdessen den Neigungen ihres Herzens und ihrem weit vorausschauenden Verstand. Da sie aber dabei ihre Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit nicht bewahren konnten, konnten sie auch ihre hohe Stellung (makam)nicht länger beibehalten und gerieten deshalb miteinander in Streit.
Was aber die Leute des Irrweges betrifft, so unterliegen sie dem Einfluss ihrer Lust und Laune und kommen unter der Vorherrschaft ihrer Sinne, die allen Konsequenzen gegenüber blind sind und stets ein Dirhem (= 3 g) gegenwärtigen Genusses einem Batman (= 8 kg) künftigen Genusses vorziehen, in einer geradezu herzlichen Übereinstimmung für einen unmittelbaren Vorteil und ein augenblickliches Vergnügen zusammen. Diese niedrig gesinnten und herzlosen Anbeter ihrer Seelen (nefs)vereinigen und verbinden sich in der Tat aus reinem inneren Antrieb heraus und nur um ihrer irdischen, unmittelbaren Vergnügungen und Vorteile willen. Es stimmt schon, dass die Leute der Rechtleitung ihr Antlitz ihren Belohnungen im Jenseits und ihrer eigenen Vervollkommnung zugewandt haben, und dies in Übereinstimmung mit den erhabenen Anweisungen ihres Herzens und ihrer Vernunft, doch obwohl ein nüchterner Sinn für die Richtung, völlige Wahrhaftigkeit, Hingabe für Eintracht und Gemeinschaft möglich sind, ist es ihnen dennoch nicht gelungen, sich von
ihrem Egoismus zu befreien. So haben sie denn entweder durch ihre Übertreibungen oder durch ihre Unterlassungen ihre Einheit verloren, diese erhabene Quelle aller Macht, und sind so ihrer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen. So haben sie auch ihre Aufgaben vernachlässigt und ihre Pflichten für das Jenseits verletzt. Man kann nicht so leicht das Wohlgefallen Gottes erringen!
Die Salbe und das Heilmittel für diese schwere Krankheit besteht darin, stolz darauf zu sein, die auf dem Weg der Wahrheit wandeln nach den Grundsätzen der Liebe um Gottes willen zu begleiten (el hub-bu fi'llah)- oder vielmehr ihnen zu folgen und ihnen die Ehre zu überlassen, die Führerschaft (Imam)zu übernehmen - seine Ichsucht aufzugeben, verbunden mit der Möglichkeit, dass, wer auch immer auf dem Pfade der Wahrheit wandeln möge, besser sein könne, als man selbst, und auf diese Weise zur Wahrhaftigkeit zu gelangen. Errettung von dieser Krankheit kann auch gefunden werden, wenn man weiß, dass ein Dirhem Handlung in Wahrhaftigkeit einem Batman weiser Taten ohne jede Wahrhaftigkeit vorzuziehen ist und die Stellung dessen, der zu folgen gelernt hat, vor dem zu bevorzugen, dem man folgen muss, mit all den Gefahren und der Verantwortlichkeit, die das mit sich bringt. So erlangt man Wahrhaftigkeit und kann seine Aufgaben für das Jenseits recht erfüllen.
Fünfter Grund:
Sowie Uneinigkeit und Disputationen unter den Leuten der Rechtleitung nicht ein Ergebnis der Schwäche sind und die machtvolle Einheit der Leute des Irrweges kein Ergebnis von Stärke sind, so kommt auch die Uneinigkeit unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus jener Kraft, die das Ergebnis der Unterstützung ist, die aus einem vollkommenen Glauben erwächst, und die Einheit unter den Leuten der Gottvergessenheit und des Irrweges aus der Schwäche und Unfähigkeit, die sie als ein Ergebnis eines Fehlens an irgendeinem inneren Halt in ihrem Herzen verspüren. Denn weil die Schwachen eine Einheit brauchen, gründen sie schlagkräftige
Gemeinschaften.
{Unter den Organisationen in der westlichen Welt ist eine der erfolgreichsten und überzeugendsten und in gewisser Hinsicht mächtigsten die der anmutigen, zärtlichen und schwachen Frauen, welche die Amerikanische Vereinigung für die Rechte und die Freiheit der Frauen bilden. Das gleiche gilt auch für das Komitee der Armenier, die unter den Völkern nur eine kleine und schwache Minderheit bilden. Beide Vereinigungen bestätigen unsere Behauptung, indem sie beide eine starke, opferbereite Haltung zeigen.}
Weil aber die Starken kein vergleichbares Bedürfnis verspüren, sind ihre Vereinigungen nur schwach. Löwen brauchen keine Gemeinschaft wie die Füchse und leben deshalb für sich allein. Wilde Ziegen leben in Herden, um sich so vor den Wölfen zu schützen. Das heißt, die Gemeinschaft der Schwachen ist stark, wohingegen das Kollektiv der Starken schwach ist. Es ist ein schöner Hinweis auf dieses Geheimnis und eine subtile Anmerkung des Qur'an, wenn er sagt
وَقَالَ نِسْوَةٌ فِى الْمَدِينَةِ
{"Und die Frauen in der Stadt sagten." (Sure 12, 30)}
wobei er für die weibliche Gemeinschaft das männliche Verbum
قَالَ
{"er sagte"}
gebraucht, obwohl es doch eigentlich in doppelter Hinsicht weiblich sein müsste. Im Gegensatz dazu ist in dem Ausdruck
قَالَتِ اْلاَعْرَابُ
{"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)}
das Verbum
قَالَتِ
{"sie sagte" }
in diesem Fall in der weiblichen Form, obwohl doch das dazu gehörige Subjekt eine Gemeinschaft von Männern darstellt. Darin findet sich also der Hinweis, dass eine Gemeinschaft von schwachen, sanftmütigen und milden Frauen an Stärke, ja Härte und Strenge gewinnt und sogar eine Art Männlichkeit erreicht. Der Gebrauch des Verbums in seiner maskulinen Form ist deshalb
وَقَالَ نِسْوَةٌ
{"Und die Frauen sagten" (Sure 12, 30)}
zuhöchst angemessen. Starke Männer und ganz besonders die arabischen Beduinen vertrauen im Gegensatz dazu auf ihre eigene Stärke. Darum sind ihre Gemeinschaften schwach, denn sie zeigen eine Haltung der Vorsicht und der Sanftmut und Weise in dieser Art weibliche Züge auf, wofür dann der Gebrauch des Verbums in seiner femininen Form
قَالَتِ اْلاَعْرَابُ
{"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)}
am angemessensten erscheint. In der Tat ist der Glaube an Gott eine ganz besonders starke Stütze für die Leute der Wahrheit und aus ihm erwächst ihnen das Vertrauen und die Hingabe an Ihn. Deshalb brauchen sie anderen ihre Bedürfnisse nicht zu unterbreiten und verlangen von ihnen keine Unterstützung oder Hilfeleistung. Und selbst wenn sie danach verlangen, so geben sie sich dabei keine ernsthafte Mühe. Die Weltleute aber leugnen in ihren weltlichen Angelegenheiten die wahre Quelle aller Hilfe. So fallen sie denn in Schwäche und Unfähigkeit. Und wenn sie eine akute Notlage erleben und Hilfe benötigen, so kommen sie zusammen und opfern sich von ganzem Herzen auf.
So stürzen denn die Leute der Wahrheit, weil sie die aus der Einheit erwachsende wahre Stärke nicht wahrnehmen und sie auch nicht suchen, der Zwietracht, ein
Ergebnis, das zur Ungerechtigkeit und zum Schaden führt. Im Gegensatz dazu erringen die ungerechten Leute des Irrweges, da sie aus ihrer Schwäche heraus die Kraft, die aus der Einheit erwächst, verspüren, Einigkeit, die ein außerordentlich wichtiges und zweckmäßiges Fahrzeug ist.
So liegt denn das Heilmittel und die Salbe gegen diese Krankheit einer ins Unrecht führenden Uneinigkeit unter den Leuten der Wahrheit darin, das nachdrückliche Verbot in der Ayah
وَلاَ تَنَازَعوُا فَتَفْشَلُوا وَتَذْهَبَ رِيحُكُمْ
{"Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46)}
und das außerordentlich weise göttliche Gebot für das gesellschaftliche Leben in der Ayah
وَتَعَاوَنوُا عَلَى الْبِرِّ وَالتَّقْوى
{"Und helft euch einander im Guten und in der Gottesfurcht." (Sure 5, 3)}
zum Leitsatz eures Handelns zu machen und dabei zu bedenken, in welchem Grade die Uneinigkeit der Sache des Islam schadet und in welchem Grade sie den Sieg der Leute des Irrweges über die Leute der Wahrheit erleichtert. Darum sollte man sich von ganzem Herzen und mit ganzer Hingabe und (dem Gefühl) der völligen Schwäche und der eigenen Ohnmacht der Karawane der Leute der Wahrheit anschließen. Und schließlich sollte man darüber seine eigene Wenigkeit vergessen, sich vor Verstellung und Heuchelei retten und so zur Wahrhaftigkeit gelangen.
Sechster Grund:
Uneinigkeit unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus Niedertracht, Mangel an Begeisterung und fehlender Unterstützung, ebenso wenig wie die innere Einheit gottvergessener Weltleute und der Leute des Irrweges in den Dingen des irdischen Lebens
aus Edelmut, Begeisterung und Wohlwollen entsteht. Es ist vielmehr so, dass die Leute der Wahrheit meistens an die Dinge denken, die ihnen im Jenseits von Nutzen sein können und deshalb ihren Edelmut, ihre Begeisterung und ihr Wohlwollen für derartige wichtige und zahlreiche Dinge einsetzen. Weil sie also ihre Zeit, die ihr wahres Kapital ist, nicht für eine bestimmte Sache aufwenden, kann ihre Einheit mit ihren Bundesgenossen niemals an Kraft gewinnen. Denn es gibt viele Dinge und ihr Wirkungsfeld ist umfangreich. Was aber diese gottvergessenen Weltleute betrifft, so denken sie nur an dieses irdische Leben und klammern sich mit all ihren Sinnen, mit Herz und Verstand (ruh)an diesem irdischen Leben fest und kleben förmlich an jedem, der ihnen in solchen Angelegenheiten helfen könnte. Gleich einem irre gewordenen Diamantenhändler zahlen sie fünf Lira für ein Stückchen Glas, das keine fünf Para wert ist, und widmen ihre Zeit, die vergleichsweise fünfhundert Lira Wert ist, Dingen, die in Wirklichkeit und in den Augen der Leute der Wahrheit keine fünf Para wert sind. Einen so hohen Preis zu zahlen und sich für eine Sache mit einer solchen Hingabe und mit allen Sinnen einzusetzen, wird sicherlich in dieser wahren Wahrhaftigkeit auch für den zum Ziel führen, der auf dem falschen Weg ist. So sind sie den Leuten der Wahrheit gegenüber die Sieger. Diesem Sieg zufolge verfallen die Leute der Wahrheit dem Elend, der Erniedrigung, der Heuchelei und der Verstellung und verlieren so ihre Wahrhaftigkeit. Auf diese Weise werden sie dazu gezwungen, vor einem Teil dieser niederträchtigen, missgünstigen und ehrlosen Weltleute zu kriechen und ihnen zu schmeicheln.
Oh ihr Leute der Wahrheit, ihr wahrheitsliebenden Leute des Gesetzes (scharia),ihr Leute des Rechts und ihr Angehörigen der Orden! Seht einander angesichts dieser fürchterlichen Krankheit der Uneinigkeit eure Fehler nach! Schließt eure Augen vor dem, was unter euch unzureichend und mangelhaft ist! Verhaltet euch so, wie es
die gute Sitte (edeb-i furqan)entsprechend der Ayah
وَاِذَا مَرُّوا بِاللَّغْوِ مَرُّوا كِرَامًا
{"Und wenn sie leerem Geschwätz begegnen, gehen sie in edler Gesittung vorüber." (Sure 25, 72)}
von euch verlangt!
Betrachtet es als eure erste und wichtigste Aufgabe, interne Streitigkeiten zu vermeiden, während ihr gleichzeitig von einem äußeren Feind angegriffen werdet! Sucht dabei, die Leute der Wahrheit vor Demütigung und Erniedrigung zu bewahren! Bemüht euch um Brüderlichkeit, Liebe (muhabbet)und Zusammenarbeit, wie es in hunderten Ayat und Hadithen des Propheten so nachdrücklich empfohlen wird. Strebt mit ganzer Hingabe danach, mit euren Bundesgenossen und mit euren Brüdern im Glauben eine Einheit herzustellen, die stärker ist als die der Weltleute! Also verliert euch nicht in irgendwelchen Auseinandersetzungen. Und schwächt nicht eure Eintracht indem ihr euch zurückzieht und sagt: "Anstatt meine kostbare Zeit mit sinnlosen Kleinigkeiten zu vertrödeln, möchte ich doch lieber meine so wertvolle Zeit für so kostbare Dinge, wie Nachsinnen und Gottesgedenken (dhikr ve fikr)aufwenden." Denn in diesem geistigen Kampf kann das, was ihr für eine Kleinigkeit haltet von großer Bedeutung sein. So wie die Wache eines Soldaten unter besonders schwerwiegenden Umständen manchmal die Bedeutung von einem Jahr Gottesdienst erhält, so kann einer eurer wertvollen Tage, der zur Zeit der Niederlage der Leute der Wahrheit in Angelegenheiten des geistigen Kampfes für eine Kleinigkeit aufgewandt wird, wie die Stunde jenes Soldaten tausendfachen Wert annehmen. Ein Tag kann tausend Tagen gleich sein. Was auch immer man um Gottes willen unternimmt, kann man nicht als große oder kleine Dinge betrachten, in wertvolle und wertlose Angelegenheiten unterscheiden. Ein Stäubchen in Wahrhaftigkeit und um Gottes willen gegeben,
wird so zu einem Stern. Was zählt ist nicht die Art der aufgewandten Mittel, sondern das Ergebnis. Solange das Ergebnis das Wohlgefallen Gottes ist und das Ferment die Wahrhaftigkeit, ist es nicht klein sondern groß.
Siebenter Grund:
Uneinigkeit und Streit zwischen den Leuten der Wahrheit und des Rechts erwachsen nicht aus Eifersucht und Gier nach den irdischen Dingen, während andererseits die Einigkeit unter den Leuten der Welt und der Gottvergessenheit nicht aus ihrem Edelmut und ihrer Großherzigkeit entsteht. Vielmehr sind die Leute der Wahrheit nicht dazu in der Lage, die edle Großherzigkeit und den vortrefflichen Edelmut, wie sie doch eigentlich von der Wahrheit ausgehen sollten, und den lobenswerten Wetteifer auf dem Weg der Wahrheit in der rechten Weise zu pflegen. Da durch die Beteiligung und Mitwirkung von Unberufenen in gewissem Grade Missbrauch getrieben wurde, verfielen sie der Uneinigkeit und dem Streit und haben dadurch sowohl sich selbst als auch der islamischen Gemeinschaft beträchtlichen Schaden zugefügt. Was aber die Leute der Gottvergessenheit und des Irrweges betrifft, so vereinigen sie sich, um nicht die Vorteile zu verlieren, von denen sie so berauscht sind, und ihre Anführer und Genossen, die um dieses Nutzens willen bei ihnen in Ansehen stehen, nicht zu verärgern, in ihrer Erniedrigung, Ehrlosigkeit und Niedertracht bedingungslos mit all ihren Genossen, wie schändlich, verräterisch und boshaft sie auch sein mögen. Sie vereinigen sich um eines Vorteils willen und in welcher Form auch immer mit ihren Teilhabern. Als Ergebnis dieser herzlichen Übereinkunft erlangen sie in der Tat die Vorteile, die sie sich erhofft hatten.
Oh ihr Leute der Wahrheit und Gefährten der Gerechtigkeit, die ihr vom Unglück verfolgt und in Streitigkeiten verstrickt seid! Da ihr in dieser unglückseligen Zeit eurer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen seid und das Wohlgefallen Gottes nicht zum alleinigen Ziel eurer Bemühungen gemacht habt, so habt ihr diese Schande und die Niederlage
der Leute der Wahrheit selbst verursacht. In den Dingen des Glaubens und dort, wo es um das Jenseits geht, sollte es Rivalitätskämpfe, Neid und Eifersucht nicht geben, und vom Standpunkt der Wahrheit aus sollte es das nicht geben, denn der Grund für Neid und Eifersucht ist folgender: wenn sich viele Hände nach einer einzigen Sache ausstrecken, wenn viele Augen auf einen einzigen Posten ausgerichtet sind, wenn so viele Mägen nach einem einzigen Laib Brot hungern, so entsteht durch Konurrenzkämpfe und Rivalitätsstreitigkeiten zunächst Eifersucht und am Ende der Neid. Denn da in dieser Welt viele Menschen dieselbe Sache beanspruchen, und da die Welt, so eng und so vergänglich wie sie nun einmal ist, die grenzenlosen Wünsche der Menschheit nicht befriedigen kann, werden sie einander zu Rivalen. Doch im Jenseits werden jedem einzelnen Menschen ein Stückchen Paradies zum Geschenk (ihsan)erhalten, das zu durchwandern er fünfhundert Jahre benötigen würde.
{Eine bedeutende Frage, wie sie von einer bedeutenden Persönlichkeit gestellt wurde: Die Überlieferung sagt: Im Paradies wird der Mensch einen Garten empfangen, den zu durchmessen er fünfhundert Jahre benötigen wird. Wie kann man diese Wahrheit mit dem Fassungsvermögen unserer irdischen Intelligenz begreifen?
Antwort: In dieser Welt hat jeder seine eigene, begrenzte Welt, welche ebenso groß ist. Und sein Leben ist die tragende Säule dieser Welt. Mit seinen äußeren und inneren Sinnesorganen macht er von dieser Welt Gebrauch und sagt sich dabei: "Die Sonne ist meine Lampe und die Sterne sind meine Kerzen. Die Existenz anderer Daseinsformen und Lebewesen begrenzt dabei die Besitzansprüche dieses Mannes in keiner Weise. Im Gegenteil: sie erleuchten und schmücken ihm noch seine Welt. In gleicher Weise, wenn auch auf einer tausende Grade höheren (Ebene), gibt es das Paradies für einen jeden und dazu noch zusätzlich ein eigenes fünfhundert Jahre großes Stückchen Paradies mit Tausenden von Schlössern und Huris. Aus diesem Paradies wird er seiner Entwicklungsstufe entsprechend mit seinen Sinnen und Empfindungen seinen Nutzen ziehen, entsprechend der Art, wie es der Ewigkeit angemessen ist. Die Tatsache, dass auch andere dieses allgemeine Paradies mit ihm teilen verletzt in gar keiner Weise seine Nutzungs- und Eigentumsrechte an ihm, sondern stärken sie vielmehr noch und schmücken ihm sein eigenes, weit ausgedehntes Paradies. Und so wie es in der Tat in dieser Welt einen Menschen gibt, der diesen Garten in einer Stunde, diesen Park in einem Tag, dieses Erholungsgebiet in einem Monat, dieses Reich in einem Jahr durchwandert und mit seinem Mund, seinen Ohren, seinen Augen, seiner Nase und mit allen seinen Sinnen genießt, so werden seine Sinne, die einen Garten in dieser vergänglichen Welt kaum eine Stunde nutzen konnten in dieser Ewigkeit, den gleichen Nutzen erfahren, wie von einem Garten im Umfang eines Jahres. Gesicht und Gehör, die hier kaum einen Ausflug von einem Jahr genießen konnten, werden dort einen Ausflug von fünfhundert Jahren Länge in einer Art und Weise genießen können, die jenes prächtigen, mit so überwältigender Schönheit gesegneten Landes würdig ist. Jeder Gläubige wird dort entsprechend seinem geistigen Stand genießen und mit seinen Sinnen seine Freude und seinen Genuss finden, wie sie sich entsprechend der Belohnung, die er sich in dieser Welt verdient hat und den guten Taten, die er in ihr verrichtet hat, entwickeln und entfalten werden.}
Dazu werden ihnen noch siebzigtausend Schlösser und Huris gegeben werden. Und einem jeden der Leute des Paradieses wird nach seinem eigenen Empfinden gegeben werden, womit er vollkommen zufrieden sein kann, was zeigt, dass es im Jenseits nichts gibt, was einen Grund zu Konkurrenzstreitigkeiten geben könnte und dass also Rivalitäten dort nicht möglich sind. Wenn das aber so ist, dann kann es auch keine Konkurrenz hinsichtlich der guten Werke geben, für die sie sich im Jenseits eine Belohnung erhoffen. Hier ist auch kein Platz für Neid. Wer aber neidisch ist, der ist entweder ein Heuchler, sodass er mit frommen Werken nach irdischen Zielen strebt, oder aber er ist ein wahrer Narr, der den Sinn einer guten Tat nicht kennt und nicht versteht, dass die Wahrhaftigkeit Leben (ruh)und Basis aller guten Werke ist. Tritt er in Konkurrenz zu den Freunden Gottes, so hegt er auf diese Weise
eine Art Feindschaft ihnen gegenüber und zieht zugleich die Größe und Weite der göttlichen Barmherzigkeit in Zweifel.
Hierzu ein Vorfall, der diese Wahrheit bestätigt: Einer meiner früheren Gefährten hegte gegenüber jemandem eine Feindschaft. In seiner Gegenwart wurde sein Feind einmal wegen seiner Werke der Frömmigkeit erwähnt, ja sogar als ein Heiliger beschrieben. Der Mann wurde zunächst nicht eifersüchtig oder verlegen. Als dann aber jemand zu ihm sagte: "Dieser dein Feind ist mutig und stark." Da sahen wir, wie in dem Mann der Neid und eine heftige Eifersucht erwachten. Wir sagten zu ihm: "Heiligkeit und Frömmigkeit sind eine Stärke und Größe, dem Brillanten des unendlichen, ewigen Lebens gleich. In dieser Hinsicht warst du ihm gegenüber nicht eifersüchtig. Obwohl sich aber nun irdische Kraft auch bei einem Ochsen und Mut auch bei einem Raubtier finden, so sind sie doch im Vergleich mit Heiligkeit und Frömmigkeit wie Glasstückchen im Vergleich mit einem Diamanten."
Da antwortete der Mann: "Auf Rang und Name haben wir beide in dieser Welt in gleicher Weise unsere Augen gerichtet. Die Stufenleiter, die wir dazu erklimmen müssen, heißt Mut und Kraft. Darum also bin ich eifersüchtig geworden. Die Rangstufen im Jenseits sind grenzenlos. Während er hier mein Gegner ist, kann er deshalb dort dennoch mein herzlich geliebter Bruder sein."
Oh ihr Leute der Wahrheit und Angehörige der Orden! Der Dienst an der Wahrheit gleicht einem großen und schweren Schatz, den es zu tragen und zu bewahren gilt. Diejenigen, welche diesen Schatz auf ihren Schultern tragen, werden sich um so mehr froh und zufrieden sein, je mehr starke Hände zu ihrer Hilfe eilen. Weit davon entfernt, neidisch zu sein, sollte man lieber diejenigen zu ihrer großen Stärke, ihrer effektiven Leistung und ihrer besonderen Befähigung beglückwünschen, die in aufrichtiger Liebe gekommen sind und ihre Hilfe angeboten haben. Warum also sollte man seine getreuen Brüder und
hingabefreudigen Helfer als eine Art Konkurrenz betrachten und so seiner Wahrhaftigkeit verlustig gehen? Ihr werdet fürchterlichen Anklagen ausgesetzt sein in den Augen der Leute des Irrweges, wie z.B. (dem Vorwurf), mit eurer Religion irdische Interessen zu verfolgen, was noch hundertmal mehr unter eurer Würde und Berufung liegt, wenn ihr euren Lebensunterhalt mit eurem Wissen um die Wahrheit verdient und in eurer Gier und Habsucht noch miteinander wetteifert.
Das einzige Mittel gegen diese Krankheit ist, stets die Schuld bei sich selbst zu suchen und stets nicht für sich selbst und die eigene Sache, sondern für seinen Weggefährten einzutreten. Es gibt einen Leitsatz für die Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit unter den Moraltheologen und den Rhetorikern, der lautet: "Wer immer bei einer Debatte über welchen Gegenstand auch immer sich wünscht, er möge recht behalten, wer immer froh darüber ist, dass er recht bekommen hat, während sein Gegner im Unrecht bleibt und es sich herausstellt, dass er sich geirrt hat: ein solcher Mensch ist ungerecht." Es ist nicht nur so, dass ein solcher Mensch verloren hat. Denn wer aus einer solchen Debatte als Sieger hervorgeht, der hat dabei nichts gelernt, was er nicht schon zuvor gewusst hätte und sein möglicher Stolz verursacht ihm einen Verlust. Wenn es sich aber herausstellt, dass sein Gegner recht hatte, so wird er von ihm etwas gelernt haben, was er zuvor noch nicht wusste. Er wird etwas dabei gewonnen haben, ohne etwas zu verlieren, und dabei zugleich vor seinem Stolz bewahrt bleiben. Mit anderen Worten: Wer gerecht ist und die Wahrheit liebt, bricht um der Liebe zur Wahrheit willen mit seiner Seele (nefs).Wenn er erkennt, dass sein Gegner recht hat, wird er das wiederum gutwillig akzeptieren, dessen Standpunkt verteidigen und darüber zufrieden sein.
Wenn also nun die Leute des Glaubens und der Wahrheit, die Angehörigen der Orden und die Leute der Wissenschaft sich diese Grundsätze zur Richtschnur machen,
so werden sie zur Wahrhaftigkeit gelangen. Und sie werden Erfolg haben bei der Erfüllung jener Aufgaben, deren Lohn für sie im Jenseits liegt. Durch die Barmherzigkeit Gottes werden sie vor einem tragischen Sturz (über einer solchen Auseinandersetzung) und dem gegenwärtigen Unglück gerettet werden.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Einundzwanzigster Blitz
Über die Wahrhaftigkeit (ikhlas)
Diese Abhandlung war ursprünglich die Vierte von sieben Problemstellungen der Siebzehnten Notiz zum Siebzehnten Blitz. Sie ist wegen ihres Zusammenhanges mit der Wahrhaftigkeit zum Zweiten Punkt des Zwanzigsten Blitzes geworden, wurde jedoch auf Grund ihres Glanzes als Einundzwanzigster Blitz in den Band der "Blitze" eingereiht.
Diese Abhandlung soll mindestens einmal in Fünfzehn Tagen gelesen werden.
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
تَنَازَعُوا فَتَفْشَلُوا وَتَذْهَبَ رِيحُكُمْ وَقُومُوا ِللهِ قَانِتِينَ
قَدْ اَفْلَحَ مَنْ زَكّٰيهَا وَقَدْ خَابَ مَنْ دَسّٰيهَا وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46) "Und steht demütig vor Gott." (Sure 2, 238) "Wohl ergeht es dem, der sie reinigt. Und zu Schanden wird, der sie verdirbt." (Sure 91, 9-10) "Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
Oh meine Brüder im Glauben und meine Gefährten im Dienst am Qur'an! Ihr wisst ja bereits und ihr solltet es auch wissen, dass in dieser Welt wie auch in jener Welt immer dann, wenn ihr den Lohn eurer Guten Werke erst dort erwartet (uhrevi hizmetler),der wichtigste Grundsatz, die stärkste Kraft, der willkommenste Fürsprecher, der beständigste Stützpfeiler, der kürzeste Weg zur Wahrheit, das willkommenste wortlose Gebet, das wundersamste Fahrzeug (auf dem Weg) zu eurem Ziel, die erhabenste Eigenschaft und der reinste Gottesdienst (ubudiyet)die
Wahrhaftigkeit ist. Doch obwohl nun die Wahrhaftigkeit so viele lichtgleiche hervorragende Eigenschaften und so viele Kräfte umfasst und obwohl wir in diesen schrecklichen Zeiten und angesichts solch fürchterlicher Feinde, einem starken Druck, überwältigender ketzerischer Neuerungen und Verirrungen so außerordentlich wenige, so schwach, arm und kraftlos sind, wurde doch durch Gottes Güte eine so große und schwere, allumfassende heilige Aufgabe im Glauben und Dienst am Qur'an auf unsere Schultern gelegt. Mit Sicherheit sind wir daher mehr als jeder andere dazu verpflichtet mit unserer ganzen Kraft nach Wahrhaftigkeit zu streben. Diesem Geheimnis der Wahrhaftigkeit in uns Raum zu verschaffen ist für uns ganz besonders notwendig. Sonst wäre, was wir bisher in unserem heiligen Dienst erreicht haben, zum Teil wieder verloren, könnte nicht weiter bestehen und wir würden dafür unnachsichtlich zur Verantwortung gezogen werden. Dann würde zum Schaden unserer ewigen Glückseligkeit die nachdrückliche Warnung wahr werden, die in dem göttlichen Verbot der Ayah
وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
enthalten ist, und unsere Wahrhaftigkeit um irgendwelcher bedeutungsloser, völlig überflüssiger, schädlicher, trauriger, selbstsüchtiger, abscheulicher, scheinheiliger, niedriger Gefühle und eines persönlichen Vorteils willen zu Grunde gehen. Wir würden die Rechte unserer Brüder verletzen. Es wäre ferner eine Pflichtverletzung im Dienst am Qur'an und letztendlich auch eine Respektlosigkeit gegenüber den heiligen Glaubenswahrheiten. Meine Brüder! Es gibt vor einer großen und bedeutenden guten Tat viele Schaden bringende Hindernisse. Die Teufel lassen diejenigen, welche an solchen Diensten mitwirken niemals in Ruhe. Wegen dieser Hindernisse der Teufel ist es notwendig, sich auf die Kraft der Wahrhaftigkeit
verlassen zu können. Ihr solltet euch vor all den Dingen hüten, welche eure Wahrhaftigkeit zerstören könnten, so wie man sich auch vor Schlangen und Skorpionen hüten muss. So wie bereits Hasret Yusuf, mit dem der Friede sei, sagte:
اِنَّ النَّفْسَ َلاَمَّارَةٌ بِالسُّوءِ اِلاَّ مَا رَحِمَ رَبِّى
{"Denn fürwahr, die Seele verlangt gebieterisch nach dem Bösen, es sei denn, dass mein Herr sich erbarmt." (Sure 12, 53)}
soll man dem, was die Seele gebietet, nicht vertrauen. Lasst euch nicht täuschen durch das, was eure Ichsucht und eure Seele euch gebieten! Um Wahrhaftigkeit zu erlangen und zu wahren und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, solltet ihr die folgenden Regeln als Wegweiser gebrauchen:
Eure erste Regel:
In euren Werken das Wohlgefallen Gottes suchen. Wenn Er zufrieden ist, ist es nicht mehr wichtig, wenn auch die ganze Welt euch zürnt. Wenn Er etwas annimmt, bleibt es ohne Wirkung, wenn alle Welt es ablehnt. Nachdem Er etwas mit Wohlgefallen angenommen hat, Er es wünscht und Seine Weisheit es erfordert, wird Er, auch wenn ihr Ihn nicht ausdrücklich darum gebeten habt, alle Welt in Bewegung setzen, es anzunehmen. Auch sie werden damit zufrieden sein. Aus diesem Grund ist das elementare Ziel in diesem Dienst, direkt und unmittelbar einzig das Wohlgefallen Gottes des Gerechten zu erstreben.
Eure zweite Regel:
(Dies soll nicht gesagt sein) um die im Dienst des Qur'an stehenden Brüder zu kritisieren, ihnen eure Überlegenheit vor Augen zu führen und so Gefühle der Eifersucht und des Neides in ihnen wachzurufen. Denn so wie des Menschen eine Hand nicht gegen die andere konkurriert, ein Auge nicht das andere kritisiert, die Zunge nicht dem Ohr widerspricht und das Herz die Mängel des Geistes (ruh)nicht offen legt, so ergänzt es vielmehr dessen Unvollkommenheiten, bedeckt seine
Fehler, hilft ihm in seiner Not und unterstützt ihn in (der Erfüllung) seiner Aufgaben. Denn andernfalls würde das Leben im Dasein des Menschen ausgelöscht, sein Geist entflieht und der Leib zerfällt. Und so wie ferner die Räder in einer Maschine nicht miteinander konkurrieren, einander nicht zu überflügeln und zu überbieten trachten, sich vielmehr ihre Fehler nachsehen, einander nicht kritisieren, sich ihren Arbeitseifer nicht gegenseitig zerstören und einander nicht aufhalten, so helfen sie auch einander, nach besten Kräften ihre Bewegungen auf das gemeinsame Ziel hin auszurichten. So bewegen sie sich denn in völliger Übereinstimmung und Einheit dem Ziel ihrer Schöpfung entgegen. Sollte sich hier auch nur ein ganz klein wenig Angriffslust oder Herrschsucht einschleichen, so würde das die ganze Fabrik vollkommen durcheinander bringen, unproduktiv werden und ohne Ergebnis bleiben. So würde denn ihr Besitzer die ganze Fabrik vollständig zerlegen und demontieren.
So seht denn nun, ihr Schüler der Risale-i Nur und Diener des Qur'an! Ihr und wir bilden die Organe eines geistigen Körpers, würdig, den Namen eines vollkommenen Menschen zu tragen. Wir gleichen dem Räderwerk einer Fabrikationsanlage, die als Endprodukt eine Ewige Glückseligkeit in einem Ewigen Leben herstellt. Wir sind die Schauerleute, die auf einem Boot ihres Herrn arbeiten, das die mohammedanische Gemeinschaft (Ummat-i Muhammed)zum Haus des Friedens (Daru-s'Selam)an der Küste der Sicherheit (selamet)bringen wird. So bedürfen wir sicherlich der Solidarität und wahrhaftigen Einheit, die wir im Geheimnis der Wahrhaftigkeit zu gewinnen trachten sollten, ja geradezu gewinnen müssen und die sicher gestellt wird durch vier Einzelpersonen, deren vereinigte geistige Kräfte 1111 Personen ergeben. Wenn in der Tat drei Elif
{Arabischer Buchstabe "a", gleichzeitig die Zahl "1" (A.d.Ü.)}
sich nicht vereinigen, so behalten sie den Wert von drei. Vereinigen sie sich aber im
Geheimnis der Zahlen, so erlangen sie gemeinsam den Wert von 111. Wenn vier mal vier voneinander getrennt bleiben, so ergibt sich ein Wert von sechzehn. Wenn aber mit dem Geheimnis der Bruderschaft und Einheit (uhuvvet ve ittihad)als Ziel und einer gemeinsamen Aufgabe als Klangakkord, Schulter an Schulter in einer Reihe stehen, dann haben sie die Kraft und den Wert von 4444. Auch zahlreiche historische Ereignisse bezeugen, dass im Geheimnis der Wahrhaftigkeit die moralische Stärke und der Wert von sechzehn zu jedem Opfer bereiten Brüdern größer war als der von viertausend.
Der Hintergrund zu dem Grund dieses Geheimnisses ist aber folgender: In einer wahrhaftigen und aufrichtigen Gemeinschaft kann jeder einzelne mit den Augen der anderen Brüder sehen und auch mit ihren Ohren hören. Bilden zehn Männer eine wirkliche Einheit, so hat jeder Einzelne in gewissem Maße die moralische Stärke und den Wert, als könne er mit dem Blick von zwanzig Augen zugleich schauen, dem Verstand von zehn Gehirnen zugleich denken, dem Gehör von zwanzig Ohren zugleich lauschen und der Arbeitskraft von zwanzig Händen zugleich zupacken.
{So wie denn in der Tat im Geheimnis der Wahrhaftigkeit eine innige Verbundenheit und Einheit in der Gemeinschaft die Quelle zahlreicher Vorteile ist, so bildet sie auch einen bedeutenden Schutzwall und Rückhalt gegen Ängste, ja sogar gegen den Tod. Denn wenn der Tod kommt, nimmt er nur eine einzige Seele (ruh) mit, weil jeder im Geheimnis wahrer Bruderschaft auf dem Wege göttlichen Wohlgefallens und in der Arbeit, die dereinst ihren Lohn im Jenseits finden wird, so viele Seelen hat, wie der Zahl seiner Brüder entspricht. Wenn einer von ihnen stirbt, begegnet er freudig dem Tod und sagt: "Meine übrigen Seelen sollen gesund bleiben, weil diese Seelen mir ihre Belohnungen auch weiterhin jederzeit als meinen Gewinn zukommen lassen und so innerlich ihr Seelenleben fortsetzen. Deshalb sterbe ich nicht. Denn mit ihren Seelen lebe ich in ihren guten Werken fort und nur in meinen Sünden werde ich nun sterben." Mit diesen Worten legt er sich in Frieden nieder.}
Eure dritte Regel:
Ihr müsst wissen, dass eure ganze Stärke in der Wahrhaftigkeit und in der Wahrheit liegt. In der Tat liegt die Stärke in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und auch die Ungerechten gewinnen Stärke durch die Wahrhaftigkeit und Offenheit, die sie in ihren Ungerechtigkeiten an den Tag legen.
Ein Beweis dafür, dass die Stärke in der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit liegt, ist in der Tat unser Dienst. Durch ein klein wenig Wahrhaftigkeit in unserem Dienst wird diese Behauptung dargelegt und sie ist auch ein Beweis in sich selbst. Denn im Vergleich zu dem Dienst an Wissenschaft und Glaube, den wir seit mehr als zwanzig Jahren in meiner Heimat und in Istanbul geleistet haben, wurde hier mit euch in sieben, acht Jahren hundertfach mehr geleistet. Dabei gab es in meiner Heimat und auch in Istanbul hundert-, ja sogar tausendmal mehr, die mir geholfen haben, als es hier, wo ich alleine bin, Brüder gibt, die bei mir sind. Denn hier bin ich alleine, ein Fremder, der zur Hälfte nicht unterrichtet ist und noch dazu von ungerechten Beamten observiert und verfolgt wird. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass der Dienst, den ich mit euch in diesen sieben, acht Jahren versehen habe und die geistige Kraft, die hundertfach mehr Erfolg als die früheren Dienste zeitigt, aus eurer Wahrhaftigkeit erwachsen sind. Ich muss außerdem bekennen, dass ihr mich durch eure wahrhaftige Wahrhaftigkeit in einem gewissen Grade vor der Heuchelei bewahrt habt, die bisher meine Seele unter dem Schleier von Ruhm und Ehre umschmeichelt hatte. Möge Gott es wollen, dass ihr zu einer vollkommenen Wahrhaftigkeit gelangen und auch mich zu dieser vollkommenen Wahrhaftigkeit hinführen werdet. Ihr wisst ja, dass Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge mit diesem seinem an die Zeiten der alten Propheten gemahnenden Wunder und Hasret Ghauthu-l'Adham, dessen Geheimnis Gott heiligen möge, mit jener seiner in die Zukunft weisenden Wundergabe euch auf Grund des Geheimnisses der Wahrhaftigkeit ihre Anerkennung
bezeigen werden. Sie unterstützen und trösten euch und spenden euch im Geiste Beifall. Ihr solltet in der Tat nicht daran zweifeln, dass diese ihre Anerkennung euch auf Grund eurer Wahrhaftigkeit zuteil wird. Wenn ihr diese Wahrhaftigkeit wissentlich verletzt, werden sie es sein, von denen ihr dafür die Schläge erhaltet. Doch es sind Schläge von liebender Hand, die euch den "Zehnten Blitz" wieder in Erinnerung rufen sollen.
Wenn ihr euch weiterhin die Unterstützung von solchen Größen des Geistes wünscht, wie sie jetzt hinter euch stehen, und sie euch als Lehrer vor Augen wünscht, so erstrebt eine vollkommene Wahrhaftigkeit nach der Ayah
وَيُؤْثِرُونَ عَلٰى اَنْفُسِهِمْ
{"...und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst." (Sure 59, 9)}
Gebt den Seelen eurer Brüder vor eurer eigenen Seele den Vorzug in Ehre, Rang und Zuwendung bis hin zu jenen Dingen, wie den materiellen Vorzügen, an denen sich eure Seele erfreut, ja selbst noch den ganz unschuldigen, harmlosen Vorzügen, wie einem bedürftigen Gläubigen eine tiefgreifende Glaubenswahrheit in ihrer ganzen Schönheit darzulegen. Soweit möglich ermuntere einen Kollegen, der es bisher noch nicht gewagt hat, nun selbst auch einmal zu unterrichten, damit deine eigene Seele nicht in Selbstzufriedenheit verfalle. Wenn du einen Wunsch hast, wie etwa: "Lass mich ihm diese Gute Nachricht überbringen und auslegen, sodass ich das Verdienst erwerbe", so ist dies sicherlich keine Sünde und auch kein Fehler, doch könnte das Geheimnis der Wahrhaftigkeit zwischen euch dadurch verletzt werden.
Eure vierte Regel:
Hier geht es darum, sich die Tugenden und Verdienste seines Bruders in sich selbst vorzustellen, dafür dankbar zu sein und auf die Ehren stolz zu sein, die ihm zuteil werden. Bei den Ordensleuten (= Sufis) kennt man dafür die Ausdrücke "Aufgehen im Scheich (fena fi-sh'Sheych)"und "Aufgehen im Propheten (fena fi-r'Rassul)".
Ich bin kein Sufi. Doch sie ermöglichen uns mit diesen Grundsätzen auf unserem Weg in der Formulierung "Aufgehen in den Brüdern" auch einen guten Grundsatz. Unter den Brüdern nennt man das "tefani",d.h. ineinander aufgehen, d.h. seine eigenen, seelenartigen Empfindungen (nefs)vergessen und in den Gefühlen der Brüder und in ihren Vorzügen mitleben. Bekanntlich ist ja die Grundlage unseres Weges die Brüderlichkeit. Es geht hier nicht um ein Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn, zwischen Scheich und Muried (Lehrer und Schüler, Meister und Lehrling). Es geht um das Verhältnis wahrer Brüderlichkeit. (In einer solchen Bruderschaft) kann höchstens noch eine Meisterschaft vermitteln. Damit unser Lebensweg Freundschaft (Khalil)sei, muss auch unsere Lebensart freundschaftlich sein. Was aber diese Freundschaft (khillet)betrifft, so verlangt sie von uns, ein enger Freund (dost),ein hingebungsvoller Kamerad (arkadash),ein herzlich willkommener Weggefährte (yoldash)und ein edelgesinnter Bruder (kardesh)zu sein. Der Grundstein dieser Freundschaft ist aber aufrichtige Wahrhaftigkeit. Ein Mensch, der diese aufrichtige Wahrhaftigkeit zerstört, stürzt von der Spitze des Turmes auf dem höchsten Gipfel dieser Freundschaft herab. Und er fällt vielleicht (mit Leib und Seele) in ein ganz tiefes (schwarzes) Loch. Und es gibt dazwischen keinen Ort, an dem er sich festklammern könnte.
Und in der Tat kann man da zwei Wege erkennen. Da gibt es die Möglichkeit, dass die, welche sich jetzt von unserem Weg, der Großen Straße des Qur'an, trennen, unwissentlich den Mächten des Unglaubens helfen, die unsere Feinde sind. Doch möge Gott es wollen, dass diejenigen, welche auf dem Weg der Risale-i Nur in den heiligen Bereich des Qur'an eintreten, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, dem Licht, der Wahrhaftigkeit und den Glauben immer mehr Kraft hinzufügen und so niemals in derartige Abgründe hinabstürzen werden.
Oh meine Gefährten im Dienst am Qur'an!
Eine der wirkungsvollsten Methoden
Wahrhaftigkeit zu gewinnen und zu bewahren, ist die "Verbundenheit mit dem Tod (Rabita-i Maut)".So wie es in der Tat die Länge unserer Wunschliste ist, die unsere Wahrhaftigkeit verfälscht und uns zu Scheinheiligkeit und irdischen Genüssen verführt, so ist es diese Verbundenheit mit dem Tod, die einen Abscheu gegenüber der Heuchelei bewirkt und Wahrhaftigkeit gewinnen lässt. Das heißt, man sollte an seinen Tod denken und sich dabei vor Augen rufen, dass diese Welt vergänglich ist, und sich so vor den Einflüsterungen seiner Seele retten. In der Tat haben die Sufis und die Leute der Wahrheit aus den Ayat des Weisen Qur'an:
كُلُّ نَفْسٍ ذَآئِقَةُ الْمَوْتِ اِنَّكَ مَيِّتٌ وَاِنَّهُمْ مَيِّتُونَ
{"Jede Seele wird den Tod kosten." (Sure 3, 185) "Du wirst fürwahr sterben und fürwahr werden auch sie sterben." (Sure 39, 30)}
ihre Lehren empfangen, (den Gedanken) ihrer Verbundenheit mit dem Tod zum Ausgangspunkt für ihre Wanderschaft gemacht und die Illusion von einem ewigen Leben (in dieser Welt) als Quelle einer (endlos) langen Wunschliste verstopft. Als eine Art Arbeitshypothese oder Bild (vor ihrem geistigen Auge) stellen sie es sich vor, schon gestorben zu sein und gewaschen zu werden und malen es sich aus, wie sie ins Grab gelegt werden. So beständig und immer weiter nachdenkend wird die gebietende Seele über dergleichen Erwägungen und Vorstellungen betrübt und verzichtet so bis zu einem gewissen Grade auf ihre ach so lange Wunschliste. Diese (innere) Verbundenheit bietet eine Menge Vorteile. So heißt es in einer Hadith, die uns in dieser Verbundenheit mit dem Tod unterrichtet:
اَكْثِرُوا ذِكْرَ هَادِمِ اللَّذَّاتِ
{"Denkt häufig an den, der die Genüsse zerstört!" (oder so ähnlich)}
Das heißt: Denkt häufig an euren Tod, der euch eure Genüsse verdirbt und versalzt.
Da unser Weg jedoch nicht der eines Ordens ist, sondern (der Weg) der Wahrheit, brauchen wir diese Verbundenheit in der Theorie und in der Kontemplation nicht nach Art der Sufis zu machen. Es entspricht ohnehin nicht dem Weg der Wahrheit. Denn man sollte nicht in dieser Weise seinen Blick in die Zukunft lenken und so die zukünftige Zeit in die Gegenwart holen, sondern besser vom Standpunkt der Wahrheit aus mit seinen Gedanken von der Gegenwart in die Zukunft gehen. In der Tat kann man seine eigene Leiche als einzige Frucht an der Spitze dieses Baumes betrachten, der unser kurzes Leben ist, ohne dass es dazu einer Arbeitshypothese oder bildlichen Vorstellung bedürfte. So wie er dabei einzig seinen eignen Tod erblickt, so erblickt er dort auch das Ende seiner Zeit, sobald er nur ein wenig zur anderen Seite hinüber geht. Wenn er dann noch ein wenig weiter zur anderen Seite hinüber geht, wird er dann auch Zeuge des Endes der Welt und es öffnet sich ihm der Weg zur vollkommenen Wahrhaftigkeit.
Die zweite Methode:
Sobald wir in der Kraft eines sicheren, durchforschten Glaubens und mit Hilfe der Lichter, die aufstrahlen, wenn wir über den Glauben nachdenken, so wie Er der Schöpfung immanent ist und uns in der Erkenntnis ihres Meisters gegeben wird, einen gewissen Sinn für die göttliche Gegenwart erlangt haben und nun daran denken, dass der allbarmherzige Schöpfer allgegenwärtig ist und alles überschaut und bei keinem anderen nach seinem Wohlwollen suchen außer bei Ihm und uns dabei darüber im Klaren sind, dass in Seiner Gegenwart nach anderen zu schauen oder von ihnen Hilfe zu erwarten in Seiner Gegenwart einem guten Betragen widerspricht, so kann man vor einer derartigen Heuchelei bewahrt bleiben und Wahrhaftigkeit erlangen. Wie dem auch sei, es gibt dabei viele Grade und Abstufungen. Wie viel Nutzen auch immer sich jemand als seinen Anteil davon nimmt, so viel wird auch sein Nutzen sein. Es werden eine Reihe von Tatsachen in der Risale-i Nur erwähnt,
die einen Menschen vor der Heuchelei bewahren können, sodass er Wahrhaftigkeit gewinnt. So begnügen wir uns damit hier darauf hinzuweisen und wollen somit hier die Diskussion beenden.
Von den wahrlich zahlreichen Dingen, welche die Wahrhaftigkeit zerstören und in die Heuchelei treiben, wollen wir hier kurz drei erläutern.
Erstens:
Ein Konkurrenzkampf, der um eines materiellen Vorteils willen entsteht, untergräbt nach und nach die Wahrhaftigkeit. Zum einen vereitelt er das Ziel dieses Dienstes, zum anderen vernichtet er auch den materiellen Gewinn selbst. In der Tat hat dieses Volk immer den Gedanken der Hochachtung und der Unterstützung für diejenigen, die für die Wahrheit des Islam und für die jenseitige Welt arbeiten, genährt. Und es hat sich tatsächlich um die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse gekümmert, mit der Absicht, an ihrer aufrichtigen Wahrhaftigkeit und an ihren treuen Diensten auf seine Weise Anteil zu haben. Damit sie keine Zeit verlieren sollten, hat es ihnen mit materiellen Gütern wie Spenden und Geschenken geholfen und ihnen seine Verehrung bezeigt. Aber diese Unterstützung und Hilfe darf man nicht verlangen, vielmehr werden sie frei gegeben. Ja, man sollte noch nicht einmal in seinem Herzen einen Wunsch hegen, auch nicht durch seine Haltung eine Hoffnung zum Ausdruck bringen. Vielmehr wird alles auf unerhoffte Weise gegeben. Anderenfalls erleidet die Wahrhaftigkeit Schaden. Außerdem gerät man so in die Nähe des in folgendem Qur'anvers ausgesprochenen Gebotes:
وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Ihr sollt meine Zeichen nicht um ein Geringes verkaufen." (Sure 2, 41)}
Dadurch ist der Wert der guten Taten teilweise abgebrannt (und vernichtet). Wer sich also nach einem materiellen Vorteil sehnt und in dieser Hoffnung verweilt, der wird danach in der Triebhaftigkeit seiner Seele und durch
seine Eigenliebe, um sich einen solchen Vorteil nicht von einem anderen wegnehmen zu lassen, gegen seinen wahren Bruder und Kollegen im gemeinsamen Dienst ein Gefühl der Rivalität in sich entwickeln. Die Wahrhaftigkeit erleidet Schaden; der heilige Dienst geht zu Grunde. In den Augen der Leute der Wahrheit entsteht eine beklemmende Situation. Und auch der materielle Gewinn geht verloren. Nun ja... Dieser Teig benötigt noch viel Wasser. Ich will hier abbrechen und nur noch zwei Beispiele erzählen, um das Geheimnis der Wahrhaftigkeit und die herzliche Gemeinschaft unter meinen wahren Brüdern zu bestärken.
Erstes Beispiel:
Um großen Reichtum zu erlangen und gewaltig an Macht zu gewinnen, haben Weltleute, ja sogar ein Teil der Politiker und bedeutende Komiteen im menschlichen Gemeinschaftsleben den Grundsatz der Gütergemeinschaft für sich zur Richtschnur gemacht. Trotz aller Missbräuche und Nachteile gewinnen sie ganz erstaunlich an Macht und erzielen einen großen Gewinn. Aber trotz aller Nachteile einer solchen Gütergemeinschaft ändert sich durch die Gemeinschaft im Wesentlichen nichts. Jeder einzelne ist wie einem Besitzer über das Ganze vergleichbar, wenn auch nur unter bestimmten Umständen und in gewisser Hinsicht; aber einen Vorteil davon hat er nicht. Nun gut...
Wenn dieser Grundsatz der Gütergemeinschaft im Bemühen um das Jenseits praktiziert wird, bewirkt er einen gewaltigen Gewinn ohne einen Nachteil. Denn der gesamte Besitz bringt es als ein Geheimnis mit sich, dass er vollständig in die Hände jedes einzelnen Teilhabers dieser Gesellschaft übergeht. Wenn nämlich von vier, fünf Männern, welche die Absicht haben, eine Gesellschaft zu begründen, einer Petroleum, einer einen Docht, einer einen Lampensockel, einer einen Zylinder und einer ein Streichholz herbeibringt, so können sie die Lampe entzünden. Jeder wird Besitzer einer vollständigen Lampe. Wenn dann jeder Gesellschafter je an einer Wand einen
großen Spiegel hat, so erscheint in jedem einzelnen Spiegel zusammen mit dem ganzen Zimmer eine fehlerfreie und ungeteilte Lampe.
Genauso verhält es sich auch mit der gemeinschaftlichen Arbeit, was die jenseitigen Güter im Geheimnis der Wahrhaftigkeit, die Gesellschaft im Geheimnis der Brüderlichkeit, die Solidarität im Geheimnis der Eintracht betrifft: Die Summe dieser Gemeinschaftsarbeit und all das Licht, das aus ihr entspringt, wird jedem Einzelnen zur Gänze in seinem Arbeitsheft gutgeschrieben. Dies wurde so von allen Meistern und Heiligen geschaut und bezeugt und ist ein Erfordernis der allumfassenden Barmherzigkeit und der Freigiebigkeit Gottes.
Oh meine Brüder! Insha'allah wird materieller Gewinn euch nicht zu einem Konkurrenzkampf verführen. Aber aus dem Blickwinkel des Nutzens (für das Leben im) Jenseits betrachtet ist es möglich, dass ihr euch täuschen lasst, so wie ein Teil der Ordensleute sich täuschen lässt. Aber wo ist da das bisschen persönlicher Verdienst und wo ist, entsprechend dem obigen Beispiel, Verdienst und Licht aus der gemeinsamen Arbeit?
Zweites Beispiel:
Die Handwerker, die mit den Produkten ihrer handwerklichen Arbeit einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen, erwerben durch ihre Zusammenarbeit einen bedeutenden Reichtum. So haben zehn Leute, die Nähnadeln produzieren wollten, versucht, diese Stück für Stück herzustellen. Als Ergebnis dieser Einzelherstellung waren nur drei Nadeln täglich die Frucht eines solchen Ein-Mann-Betriebes. Dann haben sich diese zehn Leute nach den Regeln einer Produktionsgemeinschaft vereinigt. Einer bringt Eisen, einer versorgt den Ofen, einer bohrt die Löcher, einer steckt das Material in den Ofen, einer spitzt die Nadeln an usw. Jeder einzelne beschäftigt sich nur mit einer Teilarbeit in seinem Nadelproduktionsbetrieb. Da die Arbeit jedes einzelnen einfach ist, geht keine Zeit verloren, jeder gewinnt in seinem Tun an Geschicklichkeit und macht seine Arbeit
sehr schnell. Danach haben sie unter sich das Ergebnis ihrer Produktion geteilt, die nach den Gesetzen der Arbeitsteilung und Gemeinschaftsproduktion durchgeführt wird. Sie haben gesehen, dass auf jeden einzelnen statt dreier Nadeln täglich dreihundert Nadeln entfielen. Dieses Beispiel wurde unter den weltlichen Handwerksleuten sprichwörtlich und regte sie zur Gemeinschaftsproduktion an.
Oh meine Brüder! Wenn nun schon in weltlichen Angelegenheiten, bei opaker Materie, auf diese Weise Einheit und Verbundenheit so gewaltige Summen als Gewinn abwerfen, so könnt ihr einen Vergleich anstellen, was für einen großen Gewinn es erbringt, wenn sich durch die Gnade Gottes in dem Spiegel jedes einzelnen das Ganze reflektiert, das von einer anderen Welt und leuchtend ist, und das man nicht in kleine Stücke zu zerteilen braucht. Jeder einzelne bekommt so viel Belohnung wie die ganze Gemeinschaft verdient. Diesen gewaltigen Gewinn soll man nicht durch Konkurrenzkampf und Unaufrichtigkeit entgleiten lassen.
Zweitens:
Das zweite Hindernis, an dem die Wahrhaftigkeit zerbricht, ist die Ruhmsucht, die aus dem Geltungsbedürfnis entsteht und unter dem Deckmantel von Würde und Ehre die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und öffentliche Anerkennung zu gewinnen sucht. Seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu schmeicheln und das Tier in uns auf ein Postament zu erheben, ist eine äußerst bedenkliche Krankheit des Geistes und öffnet der Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit, was "unbewusste Abgötterei" genannt wird, die Türe.
Oh meine Brüder! Unsere Berufung im Dienst am Weisen Qur'an ist die Wahrheit und Bruderschaft. Das Geheimnis der Bruderschaft ist: "Jeder soll mit seiner Persönlichkeit in den Brüdern aufgehen
{In der Tat glücklich der, welcher aus dem Strom, der aus der Lehre des Qur'an gespeist wird, einen See voll wohlschmeckendem Wasser (gemeint ist die Bruderschaft des Islam - A.d.Ü.) zu füllen vermag, um seine eigene Persönlichkeit und seinen Egoismus in diesen See hineinzuwerfen und einem Stückchen Eises gleich in ihm zu verschmelzen.}
und ihrer Seele vor
der eigenen Seele den Vorzug geben." Darum soll solch ein Konkurrenzdenken, das aus dem Bedürfnis nach Amt und Würden erwächst, unter uns keinen Einfluss haben. Denn es ist mit unserem Weg ganz und gar nicht zu vereinbaren. In Anbetracht der Tatsache, dass die Würde der Brüder im Allgemeinen jedem einzelnen von ihnen gehören sollte, hoffe ich nur, dass es den Risale-i Nur Schülern hundertfach ferne liegt, diese große Würde des Geistes für ein kleines, persönliches Stückchen Ruhm zu opfern und für eine Würde, die in Konkurrenzkämpfe verstrickt, nur sich selber sucht. In der Tat dürfen sich das Herz, der Verstand und die Seele der Risale-i Nur Schüler nicht zu solchen niedrigen, schadenträchtigen und gemeinen Dingen herabwürdigen. Doch jeder findet in sich seine Triebnatur. Und zuweilen gehen diese Empfindungen der Seele in Fleisch und Blut über. Sie üben bis zu einem gewissen Grade, dem Geiste zum Trotz und entgegen Herz und Verstand ihren Einfluss aus. Ich will euren Geist oder euer Herz nicht verdächtigen, auch eurem Verstand nicht die Schuld geben. Auf Grund der Wirkung, die der Risale-i Nur gegeben ist, vertraue ich auch darauf. Doch eure Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen führen euch zuweilen in die Irre. Deswegen werdet ihr manchmal nachdrücklich ermahnt. Dieser Nachdruck bezieht sich auf Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen. Ihr sollt in eurem Verhalten Besonnenheit an den Tag legen.
Wäre es unsere Berufung, die Würde eines Scheichs anzustreben und gäbe es da nur eine einzige Rangstufe oder eine begrenzte Anzahl Rangstufen: Um diesen Rang würden sich mehrere talentierte Kandidaten bewerben. Es gäbe einen Wettbewerb um das eigene Fortkommen.
Aber unsere Berufung ist die Bruderschaft. Ein Bruder kann einem Bruder kein Vater sein und sich nicht so verhalten wie ein geistiger Meister. Die Stellung in der Bruderschaft ist weit gefächert. Sie kann nicht Anlass dafür sein, dass man sich müht, einander den Rang abzulaufen und versucht, sich gegenseitig zu überflügeln. Bestenfalls kann der Bruder dem Bruder Stütze und Rückhalt sein; so vervollkommnet er seinen Dienst. Hier ein Beweis, dass es auf den Wegen der Väter und Lehrer infolge des Wettstreits, durch ehrgeiziges Mühen um Lohn, in dem Streben nach dem Höchsten, zu äußerst mangelhaften und gefährlichen Ergebnissen kommen kann: Wenn unter Ordensleuten bei aller so bedeutsamen und erhabenen Vollkommenheit und aller Verdienste Divergenzen und Rivalitäten auftreten, so ist das folgenschwere Ergebnis davon, dass ihre heiligen und erhabenen Kräfte den Stürmen der Ketzerei nicht standhalten können.
Drittens:
Das dritte Hindernis heißt Angst und Habsucht. Dieses Hindernis wurde zusammen mit einigen anderen Hindernissen in der Abhandlung "Sechs Stürme" vollständig erklärt. Wir wollen es dabei belassen und bitten und flehen zu dem Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens und machen dabei auch alle Seine Schönen Namen zu unseren Fürsprechern: "Gewähre uns allen, dass wir das Ziel der vollkommenen Wahrhaftigkeit erlangen mögen... Amen."
اَللّٰهُمَّ بِحَقِّ سُورَةِ اْلاِخْلاَصِ اِجْعَلْنَا مِنْ عِبَادِكَ الْمُخْلِصِينَ الْمُخْلَصِينَ اٰمِينَ اٰمِينَ
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Allah, bei Deiner Wahrheit und um der Sure der Wahrhaftigkeit willen, reihe uns ein unter diejenigen, welche als Deine wahrhaftigen Diener nach Wahrhaftigkeit streben. Amen. Amen. Amen..." "Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende und der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Ein persönlicher Brief an einige Brüder
{Zu diesem kostbaren Brief, in dem unser Lehrer auf fünf Arten der Anbetung hinweist, wollten wir von ihm selbst eine Erklärung erhalten. Die Niederschrift der von ihm empfangenen Erklärung lautet wie folgt:
1. Sie ist der geistige Kampf gegen die Leute des Irrweges, welcher der wichtigste Kampf ist.
2. Sie ist der Dienst, bei dem man seinem Meister zur Verbreitung der Wahrheit Hilfe leistet.
3. Sie ist der Dienst, den man den Muslimen im Glauben leistet.
4. Sie ist das Studium der Wissenschaften, das man mit dem Griffel betreibt.
5. Sie ist eine Art der Anbetung, die man im Nachsinnen vollzieht und die manchmal in einer Stunde mehr Segen bringen kann als ein Jahr der Anbetung.
Rüschtü, Husrew, Re'fet}
Für diejenigen unter meinen Brüdern, welche des Schreibens überdrüssig geworden, während der drei dem Gebet geweihten Monate der Niederschrift der Risale-i Nur, die aus fünferlei Gesichtspunkten zu den Gebeten gezählt wird, anderen Gebeten den Vorzug geben, möchte ich den Geist einer Ehrwürdigen Überlieferung erläutern.
Erstens:
يُوزَنُ مِدَادُ الْعُلَمَآءِ بِدِمَآءِ الشُّهَدَآءِ
Das heißt, "Bei der Wiederversammlung wird die Tinte, welche die Gelehrten für die Wahrheit verwandt haben, dem Blut der Märtyrer gleichgeachtet, erhält deren Wert."
Zweitens:
مَنْ تَمَسَّكَ بِسُنَّتِى عِنْدَ فَسَادِ اُمَّتِى فَلَهُ اَجْرُ مِأَةِ شَهِيدٍ
{"Wer in einer Flut der Ketzerei, inmitten eines Stroms von Irrlehren an den Edlen Sitten und der Wahrheit des Qur'an festhält und ihr dient, wird den Lohn von hundert Märtyrern gewinnen."}
Oh ihr Brüder, die ihr in eurem Hang zur Faulheit des Schreibens überdrüssig geworden seid und der Mystik zuneigt! Diese beiden Überlieferungen (vom Gottesgesandten Mohammed - Friede und Segen sei mit ihm) zeigen: Wenn ihr in einer solchen Zeit der Wahrheit des Glaubens, dem Geist des Gesetzes und den Edlen Sitten einen Dienst erweist, so wird euch für das schwarze Licht, das euren segensreichen, reinen Stiften entströmt, oder ein Dirhem Tinte, das dem Wasser des Lebens gleicht, am Tage der Wiederversammlung Lohn gleich hundert Dirhem Blut der Märtyrer gegeben werden. So sollt ihr euch dementsprechend um diesen Gewinn bemühen.
Wenn ihr sagt:
In dieser Überlieferung wird der Ausdruck "Gelehrter" verwendet. Viele von uns sind aber nur Schreiber.
Antwort:
Wer ein Jahr diese Abhandlungen und Lektionen liest und dabei versteht und sie annimmt, der wird ein bedeutender, wahrhaftiger Gelehrter unserer Zeit werden. Auch wenn er sie nicht versteht, so ist dennoch in Anbetracht dessen, dass die Schüler der Risale-i Nur eine geistige Körperschaft bilden, ohne Zweifel diese geistige Körperschaft einem Gelehrten unserer Zeit gleich. Was aber eure Schreibstifte betrifft, so sind sie die Finger dieser geistigen Verkörperung. Und obwohl ich es meiner Ansicht nach gar nicht wert bin, wohlan denn, so sei es, dass ihr in meiner Nachfolge mich auf Grund eurer guten Meinung über mich in meiner Armseligkeit als einen Lehrer betrachtet, mir die Stellung eines Gelehrten zuerkennt und so mit mir verbunden seid. Da ich nun ungebildet und ohne Schreibzeug bin, mögen eure Stifte als mein
Schreibstift angesehen werden. So werdet ihr den in der Überlieferung aufgezeigten Lohn erhalten.
Said Nursi
Buchgebet
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ
يَا اَللّٰهُ ٭ يَا رَحْمٰنُ ٭ يَا رَحِيمُ ٭ يَا فَرْدُ ٭ يَا حَىُّ ٭ يَا قَيُّومُ ٭ يَا حَكَمُ ٭ يَا عَدْلُ ٭ يَا قُدُّوسُ
{"Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers." "Oh Gott! Oh Barmherziger! Oh Allerbarmer! Oh Einzigartiger! Oh Lebendiger! Oh Unwandelbarer! Oh Gerechter! Oh Heiliger!"}
Um Deines Gewaltigen Namens willen und um der Ehre des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und um der Würde Deines ehrenwerten Gesandten willen, mit dem Friede und Segen sei, geleite diejenigen, welche dieses Buch gedruckt haben, ihre gesegneten Helfer und die Schüler der Risale-i Nur zur Ewigen Glückseligkeit in den Gärten des Paradieses. Amin. Verleihe ihnen immerwährenden Erfolg im Dienste am Glauben und am Qur'an. Amin. Und schreibe ihnen für jeden Buchstaben dieses Buches tausendmal Gutes in das Buch ihrer Guten Taten. Amin. Und gewähre ihnen Ausdauer, Stetigkeit und Aufrichtigkeit in der Verbreitung der "Licht"-Abhandlungen. Amin.
Oh Barmherziger Allerbarmer!... Schenke allen Schülern der Risale-i Nur Glück und Zufriedenheit in Beiden Welten. Amin. Beschütze sie vor der Bosheit des Teufels in Dschinnen- und Menschengestalt. Amin. Und verzeihe diesem schwachen und hilflosen Said seine Fehler. Amin...