Aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk
Blitze
Kommentare zum Qur'an
von
Bediüzzaman Said Nursi
Said Nursi (1877-1960)
...erhielt vom Scheichu-l'Islam den Ehrentitel Bediüzzaman (sprich: Bedius-Saman), welcher besagt, dass er zu seiner Zeit seinesgleichen nicht hatte.
...Zeigte schon als Knabe erstaunliches, wissenschaftliches Interesse und lernte viele Bücher auswendig. Versuchte dem Niedergang der Türkei durch Besinnung auf die Werte des Islam entgegen zu wirken.
...Schrieb 130 Abhandlungen über den Qur'an, welche in viele Sprachen übersetzt wurde.
...Lehrte entsprechend dem islamischen Glauben, dass die Schöpfung selbst stets aufs Beste über ihren Schöpfer unterrichtet und somit sogar moderne Wissenschaften Kunde geben von Gott.
Titel der Originalausgabe: Lem'alar
Übersetzt von:
Davut Korkmaz
Piccoloministraße 607
51067 Köln
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Mitarbeiter:
R. Wagner, U. Grünberg
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Regeln für die Schreibweise und Aussprache für die in diesem Buch verwendeten Fremdwörter:
Dhentspricht der engl. Aussprache in "there"
Ghentspricht dem deutschen "r"
Khentspricht dem "ch" in "Acht"
Shdeutsches "sch"
Thentspricht der engl. Aussprache in "thing"
Djentspricht der Aussprache des "dsch"
Tjentspricht der Aussprache des "tsch"
Qhauchloses "k"
Rwird grundsätzlich gerollt
Swird scharf ausgesprochen wie "ß"
Hwird grundsätzlich ausgesprochen
Vwird "w" ausgesprochen
Ywie in deutsch "Ja"
Zwie deutsches "s" am Silbenanfang
Doppelkonsonanten werden separat ausgesprochen. Die Verse im Qur'an (Einzahl: Ayah, Mehrzahl: Ayat) wurden nur in arabischer Schrift mit nachfolgender deutscher Übersetzung angeführt.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ فَنَادٰى فِى الظُّلُمَاتِ اَنْ لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ سُبْحَانَكَ اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ ٭ اِذْ نَادٰى رَبَّهُ اَنِّى مَسَّنِىَ الضُّرُّ وَاَنْتَ اَرْحَمُ الرَّاحِمِينَ ٭ فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ ٭ حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ ٭ لاَحَوْلَ وَلاَقُوَّةَ اِلاَّ بِاللّٰهِ الْعَلِىِّ الْعَظِيمِ ٭ يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى ٭ يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى ٭ لِلَّذِينَ اٰمَنُوا هُدًى وَشِفَآءٌ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Da schrie er aus der Finsternis, dass es keinen Gott gibt, außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87) "Als er seinen Herrn anrief: Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83) "Wenn sie sich aber abwenden, dann sage: Gott ist mein Genügen. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129) "Er ist unser Genügen und ein vortrefflicher Sachwalter." (Sure 3, 173) "Es gibt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen, dem Gewaltigen." "Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht." "Denen, die glauben, ist er Rechtleitung und Genesung." (Sure 41, 44)}
Erster Teil des Einunddreißigsten Briefes. Bestehend aus sechs Blitzen, welche je eines unter vielen Lichtern dieses oben genannten segensreichen Verses, deren dreiunddreißigmaliges Rezitieren jederzeit, besonders aber zwischen der Abend- und Nachtzeit als segensreich gilt, aufzeigen.
Erster Blitz
Bittgebet von Yunus Ibn Metta und des Propheten (Friede und Segen sei über ihnen), ein überaus wirksames Gebet und eines der bedeutendsten Mittel, um Erhörung eines Gebetes zu erlangen.
Hier nun eine kurze Zusammenfassung der berühmten Geschichte des Ehrenwerten Yunus, mit dem der Friede sei:
Man hatte ihn ins Meer geworfen. Ein großer Fisch hatte ihn verschluckt. Die See war aufgepeitscht, die Nacht stürmisch und finster, und er fand sich überall von aller Hoffnung abgeschnitten. Doch sein Gebet
لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ سُبْحَانَكَ اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
wurde für ihn rasch zu einem Mittel der Rettung.
Das Geheimnis der Macht dieses Bittgebetes aber war das Folgende:
In seiner Lage waren alle Mittel bereits erschöpft. Denn dieser Zustand erforderte jemanden, ihn zu erretten, dessen Befehl sowohl der Wal, als auch die See, die Nacht und (die Gewalten des) Himmels unterstellt sind. Denn gegen ihn hatten sich die Nacht, die See und der Fisch gemeinsam (verschworen). Nur der, dessen Befehl sie alle drei gleichermaßen unterstellt sind, konnte ihn an das rettende Ufer bringen. Sollte selbst die ganze Schöpfung ihm zu Rettung und Hilfe geeilt sein, so wäre ihm sie dennoch für keine fünf Para von Nutzen gewesen. Das heißt, die Mittel zu seiner Errettung waren für ihn wirkungslos. Da er aber nun mit augenscheinlicher Gewissheit (ayne l-yaqien)erkannte, dass es für ihn keine Zuflucht gab, außer bei
dem, welcher der Verursacher aller Ursachen (Musebbib-ul esbab)ist, enthüllte sich ihm das Geheimnis der Einheit Gottes in allen Dingen (sirr-i Ahadiyet)im Lichte der allumfassenden Einheit Gottes (nur-u Tauhid)und so bewirkte sein Gebet (munadjat),dass plötzlich die Nacht, die See und der Fisch unterworfen wurden. Es verwandelte den Bauch des Wals im Lichte der göttlichen Einheit (Tauhid)in ein Unterseeboot und gestaltete das Meer mit seinen, einem Erdbeben gleichenden, bergesgleichen, furchtbaren Wellen im Lichte dieser göttlichen Einheit (Tauhid)zu einer sicheren Ebene und einem Platz, gleich einem Ausflugsort, fegte den Himmel in Seinem Lichte von Wolken rein und hängte über seinem Kopf den Mond wie eine Lampe auf. Die Schöpfung, die ihn von allen Seiten bedrängt und bedroht hatte, zeigte ihm nun von überall her ihr freundliches Gesicht, bis er das rettende Ufer erreicht hatte, wo er unter einem Flaschenkürbis (Yaktin)die Gnade seines Herrn (lutf-u Rabbani)bezeugte.
Nun befinden wir uns aber in einer Lage, die hundertmal fürchterlicher ist, als die, in der sich Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, das erste Mal befand. Unsere Nacht ist die Zukunft. Unsere Nacht ist, mit den Augen der Gottvergessenheit betrachtet, hundertfach finsterer und fürchterlicher als seine eigene Nacht. Unsere See ist unsere Erdkugel, wie sie gleich wie im Taumel umherkreist. In diesem Meer finden sich mit jedem seiner Wogen viele tausend Leichname und ist es auf diese Weise tausendmal Furcht erregender als sein Meer. Die Launen (heva)unserer Seele (nefs)sind unser Fisch, die versucht, unser ewiges Leben zu erdrücken und zu zerstören. Dieser Fisch ist noch tausendmal schlimmer als sein Wal. Denn sein Wal hätte ein Leben von hundert Jahren zerstören können. Unser Fisch hingegen strebt danach, ein Leben von hundert Millionen Jahren zu vernichten. In Anbetracht dieser unserer wahren Lage sollten auch wir uns, gleich Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, von allen Ursachen abwenden und unsere Zuflucht unmittelbar zu unserem Herrn (Rabb)nehmen, welcher aller Ursachen Ursache (Musebbib-ul Esbab)ist, und sagen:
لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ سُبْحَانَكَ اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
und mit augenscheinlicher Sicherheit (ayne l-yaqien)verstehen, dass nur der im Stande sein kann, den Schaden unserer Zukunft, der Welt und der Launen unserer Seele (heva-i nefs),so wie er sich durch unsere Gottvergessenheit und unsere falschen Vorstellungen gegen uns zusammengebraut hat, von uns abzuwenden, unter dessen Befehl alle Zukunft, unter dessen Urteilsspruch die Welt und dessen Willen unsere Seele untergeordnet ist. Ja welch eine andere Ursache gäbe es denn noch, außer dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der auch noch die feinsten und verborgensten Gedanken unseres Herzens kennt und der unsere Zukunft durch die Erschaffung des Jenseits für uns erleuchten und uns von hunderttausenden Wogen dieser Welt, die uns verschlingen wollen, zu erretten vermag? Gott bewahre! Nichts gibt es, das in irgendeiner Weise neben dem, der da notwendigerweise Sein muss (Vadjib-ul Vudjud),ohne dessen Willen (irade)und Zustimmung (idhni)Hilfe leisten und Rettung bringen könnte. Angesichts dieser Tatsache sollten, so wie der Fisch in der Folge des Bittgebetes von Hasret Yunus, mit dem der Friede sei, ihm zum Fahrzeug, zu einer Art Unterseeboot, das Meer zu einer friedsamen Ebene wurde, und die Nacht durch das Licht des Vollmondes eine liebliche Gestalt annahm, auch wir im Geheimnis dieses Bittgebetes sagen:
لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ سُبْحَانَكَ اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seiest Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
Mit dem Satz لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ {"Es gibt keinen Gott außer Dir." (Sure 21, 87)}
ziehen wir den Blick Seiner Barmherzigkeit auf unsere Zukunft, mit dem Ausruf سُبْحَانَكَ {"Gepriesen seist Du!" (Sure 21, 87)} auf unsere Welt und mit dem Gedanken (fikra) اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ {"Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)} auf unsere Seele herab. So könnte denn auch unsere Zukunft im Lichte des Glaubens und unter dem milden, mondscheingleichen Licht des Qur'an erleuchtet werden und die Furcht und Einöde unserer Nacht in eine vertraute Parklandschaft verwandelt werden. Während in unserer Welt und auf unserer Erde Tod und Leben unablässig miteinander abwechseln und Wogen gleich Jahren und Generationen, beladen mit zahllosen Leichen, die ins Nichts geworfen werden, mögen wir in der Wahrheit des Islam, die einem spirituellen Schiff gleicht, das an der Werkbank des Weisen Qur'an verfertigt wurde, sicher diesen Ozean überqueren, bis wir ans sichere Ufer gelangen und den Auftrag unseres Lebens zu Ende führen. Dann werden der Sturm und die sich auftürmenden Wogen des Meeres gleich unterhaltsamen Szenen, die wie auf einer Leinwand einander abwechseln, statt Furcht und Schrecken zu verbreiten, den aufmerksam und nachdenklich (tefekkur)betrachtenden Blick (des Betrachters) erfreuen, ihn streicheln, ihn erleuchten. So wird denn unsere Begierde (nefs)im Geheimnis des Qur'an, diesem Erziehungsmittel der Unterscheidung (terbiye-i Furkaniye),nicht mehr uns reiten, sondern zu unserem Lasttier werden und wir werden sie besteigen, sodass sie uns zu einem mächtigen Hilfsmittel wird, um das Ewige Leben zu erlangen.
Zusammenfassung:
Da der Mensch nun einmal mit allen Fasern seines Daseins unter einem Malariaanfall leidet
und von ihm geschüttelt wird, so leidet er auch unter den Stößen der Erde, unter ihrem Beben und unter dem Gewaltigen Beben des Alls am Jüngsten Tag. Und so wie er sich vor den mikroskopisch kleinen Mikroben fürchtet, so fürchtet er sich auch vor den erhabenen Himmelskörpern, die ihm als Schweifsterne erscheinen. Und wie er des Weiteren sein Haus liebt, so liebt er auch die große, weite Welt. Und so wie er seinen kleinen Vorgarten liebt, so sehnt er sich auch nach dem grenzenlosen, ewigen Paradies. So kann also sicherlich der Herr (Rabb)eines solchen Menschen, sein Retter, den er anbetet (Mabudu),sein Zufluchtsort und das Ziel (maqsud)(seines Lebens) nur derjenige sein, dessen Lenkung und Leitung den gesamten Kosmos umfasst, unter dessen Befehl die Atome und alle die Himmelskörper stehen. Deshalb ist es auch für einen solchen Menschen ein Bedürfnis, so wie Yunus, mit dem der Friede sei, immerdar zu sagen:
لآَ اِلٰهَ اِلآَّ اَنْتَ سُبْحَانَكَ اِنِّى كُنْتُ مِنَ الظَّالِمِينَ
{"Es gibt keinen Gott außer Dir. Gepriesen seist Du! Ich war in der Tat einer von den Frevlern." (Sure 21, 87)}
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, was Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zweiter Blitz
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ اِذْ نَادٰى رَبَّهُ اَنِّى مَسَّنِىَ الضُّرُّ وَاَنْتَ اَرْحَمُ الرَّاحِمِينَ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; ...als er seinen Herrn anrief: Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83)}
Dieses Bittgebet (munadjat)von Hasret Eyyub (Hiob - Friede sei mit ihm!) ist oft erprobt worden, und hat sich als wirksam erwiesen. Auch wir sollten, wenn wir diesen Qur'anvers verwenden, dieses Gebet sprechen:
رَبِّى اِنِّى مَسَّنِىَ الضُّرُّ وَاَنْتَ اَرْحَمُ الرَّاحِمِينَ
{"Unheil hat mich heimgesucht. Doch Du bist der über alles Barmherzige." (Sure 21, 83)}
Im wesentlichen verhält es sich mit der bekannten Geschichte von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) folgendermaßen:
Während er lange Zeit zahllose Wunden und blaue Flecken trug, vergegenwärtigte er sich den Lohn für seine Leiden und ertrug sie mit vollkommener Geduld. Später aber fürchtete er, dass er nicht länger mehr zu Dienst und Anbetung würde fähig sein, weil sich in seinen Wunden Würmer anzusiedeln begannen und ihn an Herz und Zunge quälten, der Stätte des Gedenkens und der Erkenntnis Allahs (dhikr ve marifet-i Ilahi).Deshalb sprach er sein Bittgebet (munadjat)nicht um seiner eigenen Ruhe willen, sondern für seinen Dienst und die Anbetung Gottes (ubudiyet):"Oh Herr! Das Übel beunruhigt mich. Es beeinträchtigt meine Zunge, wenn ich Deiner gedenke (dhikr),und mein Herz, wenn ich Dir diene und Dich anbete (ubudiyet)."
Und Gott, der Gerechte nahm dieses aufrichtige (khalis),reine, selbstlose, um Allahs willen verrichtete Gebet in wunderbarster Weise an. Er gewährte (ihsan)ihm vollkommene Gesundheit und erwies ihm alle Arten Seiner Barmherzigkeit (merhamet).Dieser "Blitz" umfasst fünf Anmerkungen.
Erste Anmerkung:
Im Gegensatz zu den sichtbaren Wunden der Krankheit von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) haben wir unsichtbare (manevi)Krankheiten der Seele (ruh)und des Herzens. Wenn unser Inneres nach außen und unser Äußeres nach innen gewendet würde, erschienen wir stärker verletzt und erkrankt als Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm). Denn jede Sünde, die wir begehen und jeder Zweifel (shübhe),der uns kommt, fügt unserem Herzen (qalb ve ruh)Wunden zu. Die Wunden von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) bedrohten nur sein kurzes irdisches Leben. Unsere unsichtbaren (manevi)Wunden bedrohen unser ganzes, langes, ewiges Leben. Wir bedürfen des Bittgebetes (munadjat)von Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) tausendmal mehr als er. Gerade so wie die Würmer, die sich in Hasrets Wunden anzusiedeln begannen, ihm Herz und Zunge beschwerten, genauso werden auch die Wunden, die uns die Sünde schlägt, werden auch die Einflüsterungen (vesvese)und die Zweifel (shübhe),die sich in diesen Wunden einnisten - Gott bewahre! - das Innere unseres Herzens, die Stätte des Glaubens, beschweren und den Glauben belasten. Auch werden sie die Zunge beeinträchtigten, die den Glauben zum Ausdruck bringt, und ihr die geistige Freude zu rauben suchen, um sie vom Gottesgedenken (dhikr)ab und zum Schweigen zu bringen.
Ja, sobald die Sünde einmal in das Herz eingedrungen ist, schwärzt, verdunkelt und verhärtet sie es, bis das Licht des Glaubens ausgelöscht ist. In jeder Sünde liegt ein Weg zum Unglauben. Wird die Sünde nicht gleich durch das Verlangen nach Vergebung (istighfar)gelöscht, wächst sie von einem Wurm zur Schlange, die am Herzen nagt. Beispielsweise wird ein Mann, der heimlich eine schändliche Sünde begeht, die Entehrung fürchten, die
daraus entsteht, dass andere davon erfahren. Darum fällt es ihm auch sehr schwer, die Existenz von Engeln und anderen geistigen Wesen (ruhani)anzuerkennen. Und schon bei einem geringen Anlass möchte er sie leugnen. Gleichermaßen wird jemand, der eine große Sünde begeht, welche Höllenstrafen nach sich zieht, das Nichtvorhandensein der Hölle aus ganzer Seele wünschen und einen geringen Anlass oder Zweifel (shübhe)nutzen, um die Hölle zu leugnen (inkar),wenn er nicht zum Schutz den Schild der Vergebung (istighfar)aufnimmt.
Ebenso wird jemand, der die fünf Gebete nicht verrichtet und seine Verpflichtung zu Dienst und Anbetung bricht, in Bedrängnis geraten, gerade so, als habe er eine der Pflichten gegenüber seinem Direktor vernachlässigt. Seine Vernachlässigung der fünf Gebete, entgegen den wiederholten Weisungen des Königs der Ewigkeiten (Sultan-i edhel ve ebed),wird ihn sehr bedrücken und er wird aus diesem Gefühl der Bedrängnis heraus aus tiefstem Inneren wünschen: "Ach, gäbe es doch diese Geschöpfespflicht zur Anbetung nicht!" Und aus diesem Wunsch wird dann der Wunsch erwachsen, Allah zu leugnen, worunter man bereits ein Gefühl der Feindschaft (manevi adavet-i Ilahi)Ihm gegenüber ahnen kann. Kommt dann ein Zweifel (shübhe)an der Existenz Gottes in sein Herz, wird er versuchen, diesen Zweifel als einen schlüssigen Beweis zu etikettieren. Vor ihm öffnet sich das Tor zu einem furchtbaren Abgrund. Der Ärmste weiß nicht, dass er sich durch seinen Unglauben im Gegensatz zu der nur geringen Mühe seiner Geschöpfespflicht millionenfach fürchterlichen Strapazen ausgesetzt hat. Er flieht vor dem Stich der Mücke und liefert sich dem Biss der Schlange aus. Und noch zahlreiche andere Beispiele könnten mit den drei obigen aufgeführt werden, um den Sinn der Worte zu verdeutlichen:
بَلْ رَانَ عَلٰى قُلوُبِهِمْ
{"Wahrlich, ihre Herzen sind wie mit Rost befleckt." (Sure 83, 14)}
Zweite Anmerkung:
Wie hinsichtlich der Bedeutung von Schicksal (Qader)und Glaube schon im "Sechsundzwanzigsten Wort" erläutert wurde, haben die Menschen aus den drei folgenden Gründen kein Recht, sich über Unglück und Krankheit zu beschweren:
Erster Grund:
Gott der Gerechte hat dem Menschen den Körper angezogen wie ein Kleid und macht an ihm Seine Kunst sichtbar. Er hat den Menschen zu einem Modell gemacht, an dem Er dieses Kleid - des Menschen Körper - zuschneidet, umformt und ändert, um die Erscheinungen Seiner verschiedenen Namen zu zeigen. Und ebenso wie der Name "Heiler (Shafi)"die Existenz von Krankheit voraussetzt, bedingt auch der Name "Versorger (Rezzaq)"das Vorhandensein des Hungers, und so auch die anderen Namen in dementsprechendem Sinn.
مَالِكُ الْمُلْكِ يَتَصَرَّفُ فِى مُلْكِهِ كَيْفَ يَشَآءُ
{"Der Eigentümer des Eigentums verfügt über Sein Eigentum, wie Er will."}
Zweiter Grund:
Durch Unglück und Krankheit wird das Leben geläutert, vervollkommnet, gestärkt, entfaltet, bringt seine Frucht, erreicht Vollkommenheit, erfüllt seine Lebensaufgabe... Ein Leben, das man eintönig auf seinem Ruhelager verbringt, gleicht weniger dem absolut Guten des Seins als vielmehr dem absolut Bösen des Nichtseins und neigt dazu hin.
Dritter Grund:
Dieses unser diesseitiges Haus ist ein Ort der Prüfung, ein Dienstgebäude und nicht ein Ort für Vergnügungen, Lohn und Belohnung. Und weil es ein Dienstgebäude ist und eine Stätte der Anbetung, entsprechen Krankheiten und Unglücksfälle - soweit sie nicht den Glauben beeinträchtigen und in Geduld ertragen werden - dem Dienst und der Anbetung, ja, unterstützen noch darin. Und weil sie jede Stunde der Anbetung zu einem ganzen Tag machen, sollte man dafür
dankbar sein, statt zu klagen. Es gibt ja zweierlei Arten der Anbetung; die positive und die negative. Was mit positiver Anbetung gemeint ist, ist bekannt. Die negative Art aber ist die, das der Mensch, wenn ihn Unglück oder Krankheit trifft, seine Schwäche (adjz)und Hilflosigkeit verspürt, sich seinem barmherzigen Herrn (Rabb-i Rahiem)Zuflucht suchend zuwendet, Seiner gedenkt, zu Ihm fleht und Ihm solcher Art eine aufrichtige Anbetung darbringt. In diese Anbetung vermag sich keine Heuchelei (riya)einzuschleichen, sie ist rein (khalis).Wenn man dann geduldig ist, an den Lohn der Plage denkt und dafür dankt (shukret),so wird jede Stunde wie ein ganzer Tag der Anbetung gelten. Das kurze Leben wird ein langes Leben. Manchmal gilt sogar eine einzige Minute der Anbetung so viel wie ein ganzer Tag. Einmal war ich sehr besorgt wegen einer furchtbaren Krankheit, die einen meiner Mitbrüder namens Muhadjir Hafiz Ahmet befallen hatte. Da wurde ich in meinem Herzen ermahnt: "Beglückwünsche ihn! Für ihn gilt jede Minute wie ein Tag der Anbetung." Und so ertrug er denn auch seine Krankheit mit Geduld und Dankbarkeit (shukr).
Dritte Anmerkung:
Wie wir schon verschiedentlich erklärt haben, wird jeder Mensch, der über sein vergangenes Leben nachdenkt, laut oder in seinem Herzen "ach!" oder "oh!" ausrufen, d.h., er wird es entweder bedauern oder "Elhamdulillah!"sagen. Bedauern erwächst aus den Schmerzen, die von dem Ende früherer Freuden herrühren, die man aufgeben musste. Denn am Ende der Freude steht der Schmerz. Manchmal zieht eine vorübergehende Freude einen beständigen Schmerz nach sich. Darüber nachzudenken bedeutet einen Schmerz zu eröffnen (gleich einer Wunde), aus dem Bedauern (wie Eiter) fließt. Die dauernde geistige Freude jedoch, welche nach dem Aufhören des vorübergehenden Kummers folgt, den er in seinem bisherigen Leben erfahren hat, lässt den Menschen sagen: "Elhamdulillah!".Wenn der Mensch über diese natürliche Haltung hinaus nun noch an den Lohn - die Frucht seines Leidens - denkt, die ihn im
Jenseits erwartet, und daran, dass sein kurzes Leben infolge der Leiden als ein langes Leben gilt, so wird er nicht nur geduldig sondern auch dankbar sein und sagen:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلٰى كُلِّ حَالٍ سِوَى الْكُفْرِ وَالضَّلاَلِ
{"Lob sei Allah für jeden Umstand, in dem auch immer ich mich befinde, wenn nur nicht in dem des Unglaubens oder des Irrtums."}
Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Das Unglück währt lange ". Ja, Leidenszeit ist lange Zeit; aber nicht, weil sie quälend lange währt, wie man gewöhnlich glaubt, sondern weil sie die gleiche Frucht trägt wie ein langes Leben.
Vierte Anmerkung:
Wie wir schon im Ersten Kapitel des "Einundzwanzigsten Wortes" erklärt haben, ist die Kraft der Geduld, die Gott der Gerechte dem Menschen verliehen hat, ausreichend, um jedes Unglück zu ertragen, wenn sie nicht für leere Befürchtungen verschwendet wird. Aber der Mensch verschwendet unter dem Druck leerer Befürchtungen die Kraft seiner Geduld für die Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Zukunft, bildet sich ein, dieses vorübergehende Leben sei von ewiger Dauer, verliert die Geduld und hat keine Kraft mehr, gegenwärtiges Unglück noch länger zu ertragen. Und so beginnt er zu klagen. Es ist, als klage er - Gott verhüte es! - Ihn, den Gerechten, vor den Menschen an. In völlig ungerechtfertigter, ja, geradezu wahnsinniger Weise beklagt er sich und beweist seine Ungeduld. Denn die Ruhe am Ende jeden Tages bleibt, auch wenn er unglücklich war; wenn der Schmerz vergangen ist, bleibt mit seinem Entschwinden Freude zurück; wenn die Sorge vorüber ist, bleibt der Lohn. Darum sollte man sich nicht beklagen, sondern freudig danken (shukr),nicht mit allem hadern, sondern zufrieden (muhabbet)sein. Denn das vergängliche Leben, das vergangen ist, wird um des Unglücks willen einem ewigen, gesegneten Leben gleich. Sich in schwermütigen Erinnerungen an vergangene Schmerzen zu verlieren
und einen Teil seiner Kraft auszuharren, darauf zu verschwenden, ist Narrheit. Und was die kommenden Tage betrifft, so sind sie noch nicht gekommen. Schon jetzt an Krankheit und Unglück künftiger Tage zu denken, Ungeduld zu zeigen und zu klagen ist Dummheit. "Morgen, übermorgen werde ich Hunger haben, Durst haben", zu sagen und dann heute immerzu Wasser zu trinken, Brot zu essen, was für eine närrische Dummheit ist das! Desgleichen ist es eine solche Torheit, wollte man schon jetzt über kommender Tage Krankheiten und Leiden nachdenken, die es im Augenblick noch gar nicht gibt, sich darüber Sorgen machen, ungeduldig sein, sich selbst gegenüber entgegen aller Notwendigkeit so grausam sein, dass sie jedes Recht auf Barmherzigkeit (merhamet)und Mitleid (shefqat)aufhebt.
Kurz gesagt:
So, wie Dankbarkeit (shukur)die göttlichen Gnadengaben (ni'met)vermehrt, so vermehrt Klagen das Leid und macht jeden Anspruch auf Barmherzigkeit (merhamet)hinfällig.
Im ersten Jahr des ersten Weltkrieges wurde ein frommer Mann aus Erzurum von einer schrecklichen Krankheit befallen. Ich besuchte ihn und er beklagte sich bitterlich: "Seit hundert Tagen habe ich nicht mehr geschlafen und keine Nacht ein Auge zu bekommen." Ich war sehr bekümmert. Plötzlich kam mir ein Gedanke und ich sagte:
"Bruder, diese hundert qualvollen Tage sind nun wie hundert Tage voll Glück. Denke nicht mehr an sie und beklage dich nicht. Betrachte sie vielmehr mit Dankbarkeit. Und was die kommenden Tage betrifft, so sind sie noch nicht gekommen. Vertraue auf die Gnade deines Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens. Weine nicht, bevor man dich schlägt. Fürchte dich nicht vor dem Nichts. Verleihe nicht dem Nichtsein den Anstrich des Seins. Bedenke die jetzige Stunde. Deine Kraft der Geduld reicht für diese Stunde. Handle nicht wie ein wahnsinniger Kommandant, dem zu seiner Rechten der linke Flügel einer feindlichen Streitkraft zu Hilfe kam und ihn mit frischen Kräften unterstützte, und der, noch bevor der Feind mit dessen rechtem
Flügel an seiner linken Seite angegriffen hatte, so verfährt, dass er seine Streitkraft von der Mitte aus nach rechts und links ausschwärmen lässt und so seine Mitte schwächt, sodass der Feind ihn mit einer nur unbedeutenden Streitkraft vernichtend in der Mitte schlägt! Handle nicht so wie er, mein Bruder! Konzentriere alle deine Kräfte auf diese Stunde! Denke an die Barmherzigkeit Gottes und den Lohn im Jenseits und daran, wie dein kurzes vergängliches Leben eine lange und dauerhafte Form erhält! Statt dich so bitter zu beklagen, sei froh und dankbar!"
Sehr erleichtert sagte er: "Elhamdulillah" Meine Krankheit ist nur noch ein Zehntel dessen, was sie vorher war."
Fünfte Anmerkung:
Dieser Punkt umfasst drei Dinge.
Zum Ersten:
Ein Unglück, das wirklich ein Unglück ist, das Schaden bringt, ist ein Unglück, das dem Glauben Schaden bringt. Wenn ein Unglück dem Glauben schadet, soll man immer zum Thron Gottes seine Zuflucht nehmen und zu Ihm um Hilfe rufen. Ein Unglück aber, das den Glauben nicht berührt, ist gar kein Unglück, wenn man es vom Standpunkt der Wahrheit betrachtet. Manchmal handelt es sich dabei um eine Warnung der Barmherzigkeit (Gottes). Wenn ein Hirte einen Stein unter seine Schafe wirft, die eine fremde Weide betreten wollen, spüren sie, dass dies eine Warnung ist, die sie davor bewahren soll, Schaden anzurichten. So kehren sie willig um.
Genauso ist vieles von dem, was äußerlich betrachtet ein Unglück wäre, teils eine Warnung Gottes, teils eine Ermahnung, teils eine Buße für die Sünden; manch ein Unglück rüttelt den Menschen in seiner Unachtsamkeit (gaflet)auf, schenkt ihm eine Art Bewusstsein göttlicher Gegenwart. Was jene Art von Unglück betrifft, das wir Krankheit nennen, so handelt es sich dabei nicht um ein Unglück, sondern vielmehr, wie schon gesagt, um eine besondere Zuwendung Allahs, die ihn reinigt. Nach einer Überlieferung
heißt es: "So, wie man von einem Baum die reifen Früchte herunterschüttelt, so fallen von einem Kranken die Sünden ab, wenn er vom Fieber geschüttelt wird."
Hasret Eyyub (Friede sei mit ihm) hat in seinem Bittgebet (munadjat),um des Dienstes und der Anbetung willen, um seine Genesung gebetet (dua)und nicht um seiner eigenen Bequemlichkeit willen, als ihm sein Herzensgebet (tefekkur-u qalbiye)und Gottesgedenken (dhikr-i lisani)schwer wurden. Auch unsere Intention bei diesem Bittgebet sollte in erster Linie die Heilung unserer inneren, seelischen Wunden sein, die von der Sünde herrühren. Wegen körperlicher Krankheiten sollten wir nur dann (zu Gott) unsere Zuflucht nehmen, wenn sie uns Dienst und Anbetung erschweren, aber nicht indem wir Einwände erheben und anklagen, sondern mit einer demütigen Bitte um Hilfe sollten wir unsere Zuflucht (bei Gott) suchen. Wenn wir also Seine Herrschaft (rububiyet)über uns angenommen haben, müssen wir auch die Dinge annehmen, die uns von Seiner Herrschaft gegeben werden. Einwände gegen Schicksal (qader)und Bestimmung (qadha)zu erheben, gewissermaßen "ach" und "oh weh" sagend anzuklagen und mit dem Schicksal zu hadern, hieße Seine Barmherzigkeit zu beschuldigen. "Wer mit dem Schicksal hadert, zerbricht sich seinen Kopf auf einem Amboss. Wer die Barmherzigkeit Gottes beschuldigt, bleibt von der Barmherzigkeit ausgeschlossen." Wer seine schon gebrochene Hand dazu benutzt, um mit dieser Hand Rache zu nehmen, zerbricht sie ja noch mehr. Ebenso verdoppelt ein Mensch, der - von einem Unglück betroffen - mit Protest, Anklage und Angst reagiert, sein Unglück.
Zum Zweiten:
Materielles Unglück wächst, wenn man es als groß betrachtet, und wird klein, wenn man es als klein ansieht. Zum Beispiel: Ein Mensch hat in der Nacht einen Traum. Misst er ihm eine Bedeutung bei, bläht er sich auf; misst er ihm keine bei, löst er sich auf. Will man einen Bienenschwarm abwehren, so wird er nur noch angriffslustiger, während er sich zerstreut, wenn man ihn nicht beachtet. Auch materielles Unglück wächst, wenn
man es als groß und bedeutsam ansieht. Es dringt mit der Angst in den Körper ein, nistet sich im Herzen ein, verursacht so ein seelisches Unglück (manevi musibet),nährt sich daraus, pflanzt sich fort. Wird aber die Angst durch Übereinstimmung mit dem Schicksal (qadha riza)und Gottvertrauen (tevvekul)zum Erlöschen gebracht, so wie man einen Baum von seiner Wurzel trennt, dann wird auch das Unglück leichter und leichter werden, so wie ein Baum vertrocknet, dessen Wurzeln abgetrennt wurden, bis man es schließlich nicht mehr als Unglück empfindet. Um dieser Wahrheit Ausdruck zu verleihen, habe ich einmal das Folgende gesagt:
Lass du Ärmster deine Klagen! Vertraue auf Gott (tevvekul) vor dem Unglück (bela)! Denn wisse, dass ein Fehler ist, zu klagen, sich im Unglück noch zu plagen.
Hast du gefunden den, der dich plagte, wisse: Glück und Freundschaft und ein Geschenk umhüllt dir die Plage.
So lass denn nun dein Klagen! Danke! Es lächeln die Rosen. Es freut sich die Nachtigall.
Findest du Ihn nicht, dann wisse, dass die Welt liegt in Qualen, Vernichtung in ihr, Zerstörung in ihr. Es droht dir eine Welt voll Unglück ( = Hölle) ! Was klagst du über dein kleines Missgeschick? Komm doch, vertraue (tevvekul)!
Voll Vertrauen (tevvekul) lache ihr ins Gesicht, der Plage (bela)! Auch sie wird lachen, die Plage. Wird lächelnd sich umwandelnd (tebeddul) dir entschwinden.
Wenn man im Zweikampf den schrecklichen Feind anlächelt, wird er versöhnlich (musalah)werden, wird seine Feindseligkeit (adavet)lächerlich erscheinen, zusammensinken, vergehen. Wer dem Unglück (musibet)mit Gottvertrauen (tevvekul)begegnet, erreicht dies ebenso.
Zum Dritten:
Jedes Zeitalter hat seine Besonderheit (hukm).In diesem Zeitalter der Gottvergessenheit hat das Unglück (musibet)seine Form gewandelt. Zu bestimmten Zeiten und für
bestimmte Menschen ist Unglück (bela)gar kein Unglück, sondern Wohlwollen Gottes (lutf-u Ilahi).Da ich diejenigen, die von einer Krankheit oder einem Unglück betroffen sind, zur heutigen Zeit als glücklich betrachte - unter der Voraussetzung, dass ihr Unglück nicht ihren Glauben berührt - kommt es mir nicht in den Sinn, gegen Krankheit oder Unglück eingestellt zu sein. Und ich habe auch nicht das Gefühl, sie bedauern zu müssen. Denn immer wenn ein junger Kranker zu mir kam, stellte ich fest, dass er seine religiösen Verpflichtungen und auch das Jenseits viel ernster nahm als seine Alterskameraden. Hieraus schließe ich, dass Krankheit nicht ein Unglück ist für solche Menschen, sondern vielmehr eine Art Gnadengabe Gottes (ni'met-i Ilahiye).Denn obwohl Krankheit in seinem ziemlich kurzen, vergänglichen irdischen Leben eine Belastung bewirkt, bringt sie ihm doch Gewinn für das ewige Leben, gilt als eine Art des Dienstes und der Anbetung. Würde er die Gesundheit finden, könnte er sicherlich im Rausche der Jugend und den Vergnügungen seiner Zeit nicht mehr die Einstellung bewahren, die er Zeit seiner Krankheit für sich gewonnen hatte, sondern würde sich vielleicht in Vergnügungen stürzen.
Schlusswort
Gott der Gerechte hat den Menschen mit grenzenloser Schwäche (adjz)und mit unendlicher Armseligkeit (fakr)versehen, um Seine grenzenlose Macht (qudret)und Seine unendliche Barmherzigkeit (rahmet)zu erweisen. Auch hat Er, um die zahllosen Ornamente Seiner Namen zu offenbaren, den Menschen in der Weise erschaffen, dass Er ihn wie eine Maschine gemacht hat, die unzählige Arten von Schmerz zu empfinden und zahllose Arten von Freude (lezzet)wahrzunehmen vermag. Und in dieser Maschine, die der Mensch ist, gibt es Hunderte von Teilen, deren jedes einzelne seinen eigenen Schmerz, seine eigene Freude, seine eigene
Aufgabe hat und eine eigene Belohnung für sich empfängt. So wie im Kosmos, der einem großen Menschen gleicht, alle Namen Gottes hervortreten, so erscheint auch im Menschen als Mikrokosmos die Gesamtheit Seiner Namen. Und so wie Gesundheit, Wohlergehen, Freude und andere angenehme Dinge dazu führen, Dank zu sagen, so leiten sie auch die Maschine dazu an, ihre verschiedenen Aufgaben zu erfüllen. Dadurch wird der Mensch zu einer Art Dankesfabrik. Ebenso werden durch Unglücksfälle, Krankheiten, Schmerzen und andere erregende und bewegende Störungen die anderen Zahnräder dieser Maschine in Bewegung versetzt, in Schwung gebracht. Der Stoff der Hilflosigkeit (adjz),der Schwäche (da'f)und Armseligkeit (fakr),der dem Wesen des Menschen (mahiyet-i insaniye)zu Grunde liegt, wird verarbeitet. Nicht nur die Zunge, nein, jedes einzelne Teil des Körpers wird zu einer Ausdrucksform der Zuflucht und Hilfesuche. Es ist als würde der Mensch durch diese Störungen zu einer Schreibfeder, die bewegt wird, und in sich wiederum Tausende der verschiedensten Schreibfedern enthält. Er schreibt auf das Blatt seines Lebens oder die Tafel seiner Träume die Geschicke seines Lebens, verkündet den Namen Allahs und wird selbst zu einer göttlichen, gereimten Kasside (Lobgedicht), erfüllt so seine Geschöpfespflicht.
Dritter Blitz
Freudige Erregungen und Gefühle haben sich teilweise mit diesem "Blitz" vermischt. Da aber die allgemeine Begeisterung im Zusammenhang mit diesen freudigen Erregungen und Gefühlen nicht viel auf die Prinzipien des Verstandes (aqil)hört und die Waagschale der Gedanken (fikr)nicht berührt, sollte man diesen "Dritten Blitz" nicht auf die Waage der Logik legen.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ كُلُّ شَىْءٍ هَالِكٌ اِلاَّ وَجْهَهُ لَهُ الْحُكْمُ وَاِلَيْهِ تُرْجَعُونَ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz. Bei Ihm liegt alle Entscheidung und zu Ihm kehrt ihr dereinst zurück." (Sure 28, 88)}
Was nun zum Ausdruck (meal)gebracht wird durch die beiden Sätze
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى ٭ يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."}
sind zwei wichtige Wahrheiten, die mit diesen beiden Sätzen zum Ausdruck kommen. Von daher kommt es, dass einige Scheichs des Naqshibandi-Ordens aus diesen beiden Sätzen eine besondere Anrufung (hatme)für sich gemacht haben und diese auch als eine kurz und bündige Anrufung für alle Naqschis gebrauchen. Da aber nun diese beiden Sätze die Bedeutung (meal)dieser gewaltigen Ayah
zum Ausdruck bringen, wollen wir hier einige Punkte erklären, die diese beiden wichtigen Wahrheiten zum Ausdruck bringen.
Erster Punkt:
Das erste Mal wird mit dem Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} das Herz wie in der Operation eines Chirurgen von allem, was "Nicht-Er" ist, abgesondert und abgeschnitten. Es ist dies wie folgt:
Der Mensch ist infolge seines alles umfassenden Wesens mit nahezu allem Sein verbunden und darüber hinaus ist in dieser so vielseitigen Natur des Menschen die Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe (muhabbet)mit eingebettet. Aus diesem Grund nährt der Mensch auch eine Liebe für alles Sein. Er liebt diese ganze, große Welt wie sein Heim. Er liebt das Paradies in der Ewigkeit wie seinen Garten. Doch die Dinge, die er liebt, bleiben ihm nicht, sondern gehen wieder. Und so leidet er ständig unter der Qual dieser Trennung. Diese seine grenzenlose Liebe wird ihm zu einer Quelle einer grenzenlosen inneren Qual. Die Schuld daran, dass er diese Qual erleidet, dieser Fehler liegt bei ihm selbst. Denn diese Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe wurde ihm gegeben, damit er sie dem zuwendet, dem eine ewige, grenzenlose Schönheit zu Eigen ist. Ein solcher Mensch macht einen schlechten Gebrauch von seiner Liebe, wenn er sie für vergängliche Dinge ausgibt, begeht auf diese Weise einen Fehler und zieht sich die Strafe für seinen Fehler zu, indem er nun unter Verlust und Trennung leidet.
So ist es denn, um diesen Fehler zu bereinigen, dass er die Bindungen an seine vergängliche Geliebte (fani mahbubat)zerschneiden muss, noch ehe die Geliebte ihn selbst verlässt und seine Liebe einzig und allein dem Ewigen Geliebten (Mahbub-u Baqi)zuwenden, was er mit dem ersten Satz zum Ausdruck bringt
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} womit er sagt: "Du allein bist der einzige wahrhaft Bleibende. Alles außer Dir ist vergänglich. Was aber vergänglich ist, kann sicherlich nicht das Objekt einer bleibenden Liebe (muhabbet)sein, einer Liebe (ashk),die von Ewigkeit zu Ewigkeit (edheli ve ebedi)bestand hat, bestimmt für ein Herz, das für die Ewigkeit (ebed)erschaffen ist." Damit sollte gesagt sein: "Da nun einmal alle diese unendlich vielen Liebenden nur von vorübergehender Natur sind, mich verlassen und sich davonstehlen werden, werde ich sie verlassen, bevor sie mich verlassen und sagen: يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."}
Nur Du bist es, der ewig bleibt und besteht. Ich bin davon überzeugt und erkenne, dass alles Sein nur (im Hauch) Deiner Ewigkeit Bestand hat. Wenn dies aber so ist, muss man die Dinge um Deiner Liebe willen lieben. Wenn aber nicht, sind sie es nicht wert, dass man sein Herz an sie hängt."
Wenn nun in dieser Situation das Herz die unzähligen (Objekte) seiner Liebe aufgibt, den Stempel all ihrer Vergänglichkeit auf all ihrer Schönheit und Lieblichkeit erblickt, so gibt es diese seine Herzensbindung auf. Gibt es sie aber nicht auf, so wird es an den inneren Wunden leiden nach der Anzahl seiner Geliebten.
Der zweite Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} ist für diese unzähligen Wunden sowohl eine Salbe als
auch ein Gegengift. Denn: يَا بَاقِى {"Oh Du ewig Seiender!"}
"Da Du nun einmal der Ewig-Seiende bist, so genügt es. Du bist der Tauschwert aller Dinge. Denn da es nun einmal Dich gibt, gibt es alle Dinge." In der Tat sind Schönheit (hüsün),Güte (ihsan)und Vollkommenheit (kemal)allen Seins der Urgrund aller Liebe (sebeb-i muhabbet)und im Allgemeinen auch die Zeichen der Schönheit (hüsün),Güte (ihsan)und Vollkommenheit (kemal)des in Wahrheit Beständigen (Baqi-i Haqiqi)und, nachdem sie durch viele Schatten hindurchgegangen sind, nur noch schwache Schatten, ja vielmehr nur die Schatten eines Schattens der Erscheinungsformen der Schönen Namen.
Zweiter Punkt:
Zur menschlichen Natur gehört eine starke Liebe (ashk)zur Beständigkeit. Ja, (der Mensch) stellt sich sogar in einem jeden Ding, das er liebt, kraft seines Vorstellungsvermögens eine Art von Beständigkeit vor und danach liebt er es dann. Wann immer er an ihre Vergänglichkeit denkt oder sie gar wahrnimmt, so schreit er aus tiefster Tiefe auf. Alles Wehgeschrei, das aus der Trennung erwächst, ist die Übersetzung jener Tränen, die aus der Liebe zur Beständigkeit (ashk-i beqa)heraus vergossen werden... Gäbe es diese Vorstellung eines ewigen Bestehens nicht, gäbe es auch die Liebe (muhabbet)nicht. Ja man kann sogar sagen, dass ein Grund für die Existenz einer beständigen Welt und eines ewigen Paradieses der intensive Wunsch nach Beständigkeit ist, der aus einer starken Liebe zur Beständigkeit (ashk-i beqa)und aus dem allgemeinen, ganz natürlichen Gebet um Beständigkeit erwächst. Der Ewige in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal)hat diesen starken und unerschütterlichen, natürlichen Wunsch, dieses so mächtig wirksame, allgemeine Gebet angenommen und für die vergänglichen Menschen eine unvergängliche Welt erschaffen. Ja wäre es denn überhaupt möglich, dass der Freigiebige Schöpfer (Fatir-i Keriem),der Barmherzige Erschaffer (Khaliq-i Rahiem)den winzigen
Wunsch eines kleinen Magens, sein Gebet um seinen vorübergehenden Fortbestand, entsprechend der Sprache seines Zustands (lisan-i hal)durch die Erschaffung zahlloser, geschmackvoller Speisearten erhört, während Er den überaus starken Wunsch des ganzen Menschengeschlechts, welcher aus einem sehr großen natürlichen Bedürfnis erwächst und ihr allgemeines, ständiges und durchaus berechtigtes, wahrhaftiges, sehr intensives in Worte gefasstes oder in ihrer Haltung ausgedrücktes Gebet um Beständigkeit nicht erhören sollte? Gott bewahre! Bewahre hunderttausend Mal! Es nicht anzunehmen wäre unmöglich. Überdies entspräche dies weder Seiner Weisheit, noch Seiner Gerechtigkeit, noch Seiner Barmherzigkeit und Allmacht in irgendeiner Weise.
Da aber der Mensch nun einmal die Beständigkeit so sehr liebt, ist mit Sicherheit auch seine ganze Vollkommenheit und seine Freude von dieser Beständigkeit abhängig. Und da nun einmal die Beständigkeit dem Ewig- Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal)zu Eigen ist, und da nun einmal die Namen des Beständigen beständig sind, und da nun einmal die Spiegel des Beständigen die Farbe und den Charakter des Beständigen annehmen und so zu einer Art Beständigkeit gelangen, ist mit Sicherheit für den Menschen die notwendigste Angelegenheit und die wichtigste Aufgabe: die Verbindung mit dem Beständigen aufzunehmen und Seinem Namen anzuhangen. Denn alles, was um des Beständigen willen geopfert wird, erlangt eine Art von Beständigkeit.
So drückt denn dieser zweite Satz يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} die Wahrheit aus. Während er zahllose innere Wunden des Menschen heilt, befriedigt er zugleich den starken Wunsch seiner Natur nach Beständigkeit.
Dritter Punkt:
In dieser Welt sind die Auswirkungen der Zeit auf die Dinge hinsichtlich ihrer Vergänglichkeit und ihres Verfalls sehr unterschiedlich. Was aber ihr Sein betrifft, so finden sie sich zwar in verschiedenen, ineinander verschachtelten Kreisen, doch sind sie, was die Bestimmung ihrer Vergänglichkeit betrifft, ganz verschieden voneinander. So wie die verschiedenen Zeiger einer Uhr, von denen der eine die Sekunden, ein anderer die Minuten, die Stunden und Tage zählt, einander ähnlich zu sein scheinen, sich in ihrer Geschwindigkeit aber voneinander unterscheiden, so sind auch im Menschen die einzelnen Bereiche, wie Leib und Seele, Herz und Verstand (ruh)verschieden voneinander. Zum Beispiel: obwohl der Körper eine Art von Beständigkeit besitzt, sind sein Leben und seine Existenz der gegenwärtige Tag, ja sogar nur die augenblickliche Stunde, während Vergangenheit und Zukunft für ihn gleichsam tot und nicht vorhanden sind, ist der Bereich des Herzens so weit wie sein Dasein und Leben viele Tage vor dem heutigen Tag und noch eine lange Zeit danach. Der Bereich des Geistes (ruh),sein Leben und seine Existenz hingegen ist ein gewaltig großer Bereich und umfasst viele Jahre vor dem heutigen Tag und noch viele Jahre danach.
So trägt denn auf Grund dieser natürlichen Anlage das vergängliche Leben in dieser Welt hinsichtlich der Erkenntnis Gottes (marifet-i Ilahi),der Liebe zu seinem Herrn (muhabbet-i Rabbani),des Dienstes und der Anbetung des Hochgelobten (ubudiyet-i Subhan)und der Zufriedenheit des Allerbarmers (mardiyat-i Rahman)(mit ihm), welche die Quelle des Lebens im Herzen und im Geiste ist, ein beständiges Leben in sich, mündet in dieses ewige und beständige Leben, gilt (wie im Keim) als beständiges, als unsterbliches Leben.
In der Tat ist ein Augenblick in der Liebe des Ewig-Seienden Allweisen, Seiner Erkenntnis, Seiner Zufriedenheit (mit uns) gleich einem Jahr. Ist er nicht in Ihm und auf Seinen Wegen, dann ist ein Jahr nur ein Augenblick. Ja auf Seinen Wegen ist eine Sekunde gleich der Unsterblichkeit
vieler Jahre. Aus dem Blickwinkel dieser Welt sind die hundert Jahre der Gottvergessenen gleich einem Augenblick. Ein berühmtes Wort sagt:
سِنَةُ الْفِرَاقِ سَنَةٌ ٭ وَسَنَةُ الْوِصَالِ سِنَةٌ
d.h. "Ein Augenblick der Trennung ist so lang wie ein Jahr und ein Jahr der Vereinigung ist so kurz wie ein Augenblick." Ich aber sage das genaue Gegenteil: In der Vereinigung, das heißt, im Bereich der Zufriedenheit des Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal'in rizasi)ist ein Augenblick der Gemeinsamkeit um Gottes willen nicht nur ein Jahr, sondern ein Fenster zu einer sogar immerwährenden Vereinigung. In der Gottvergessenheit und Irreleitung sind ein Jahr, ja sogar tausend Jahre gleich einem Augenblick. Es gibt da ein Wort, das noch berühmter ist als dieses Wort, das unsere Behauptung bestätigt:
اَرْضُ الْفَلاَةِ مَعَ الْاَعْدَآءِ فِنْجَانٌ سَمُّ الْخِيَاطِ مَعَ الْاَحْبَابِ مَيْدَانٌ
{"Der (weite Raum einer) Wüstenlandschaft, wenn man Feinde hat, wie eine Tasse (so eng) wird, während (der enge Raum) eines Nadelöhres, wenn man Freunde hat, zu einer weiten Ebene wird."}
Die wahre Bedeutung des obigen Wortes ist folgende:
Da nun einmal die Verbundenheit mit vergänglichen Dingen nur vergänglich ist, wie lange auch immer sie dauern möge, ist sie doch kurz. In ihr vergeht ein Jahr gleich wie eine Sekunde, nur eine Vorstellung voller Heimweh und ein Traum voller Bedauern. Das menschliche Herz, welches Beständigkeit ersehnt, kann in einem Jahr der Vereinigung nur den Genuss von einem Körnchen eines Augenblicks empfangen. Was aber die Trennung betrifft, so ist in ihr eine Sekunde kein Jahr: es sind Jahre. Denn der Platz der Trennung ist geräumig und weit. Für das Herz, das sich nach Beständigkeit sehnt, bewirkt die Trennung, sollte sie auch nur einen Augenblick andauern, die Zerstörung von Jahren. Denn sie gemahnt an unendlich viele Trennungen. Für eine weltliche, niedere Liebe ist alle
Vergangenheit und Zukunft erfüllt von Trennungen.
Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit sagen wir:
Oh ihr Menschen! Möchtet ihr aus eurem vergänglichen, kurzen, nutzlosen Leben ein ewig währendes, langes, nutzbringendes und fruchtbares Leben machen? Da das Menschsein es erfordert, dies zu wünschen, so verbringt (euer Leben) auf dem Weg des Beständigen und Wahrhaftigen (Baqi-i Haqiqi).Denn was auch immer dem Beständigen zugewandt ist, erlangt die Erscheinungsform der Beständigkeit. Da aber nun jeder Mensch in einer sehr starken Weise ein langes Leben ersehnt und die Beständigkeit liebt (ashik),und da es nun einmal möglich ist, dieses vergängliche Leben in ein ewiges Leben umzuwandeln, und da es nun einmal möglich ist, es einem langen Leben innerlich (manen)gleichwertig zu machen, so wird ein Mensch, der seine Menschlichkeit nicht verloren hat, mit Sicherheit nach Mitteln und Möglichkeiten suchen, diese Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen, und sich entsprechend um Erfolg bemühen. Die Lösung dazu aber ist folgende: Bemüht euch um Gottes willen, begegnet euch um Gottes willen, arbeitet um Gottes willen! Bewegt euch im Bereich Seines Wohlgefallens um Gottes willen, um Seines Antlitzes willen, um zu Gott zu gelangen! In einer solchen Zeit werden alle Augenblicke eures Lebens Jahren gleich werden.
Als ein Hinweis auf diese Wahrheit zeigt die qur'anische Aussage, dass eine einzige Nacht, wie die Nacht der Bestimmung (leylatu-l'qadr)tausend Monaten gleich kommt, was ungefähr achtzig Jahre sind. Dementsprechend wird das Geheimnis von der "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)",welche auf diese Wahrheit hinweist und unter den Gottesfreunden und Kennern der Wahrheit als ein feststehender Grundsatz gilt, dadurch bewiesen, dass bei der Himmelfahrt (Mi'radj)eine Reisezeit von nur wenigen Minuten einer von so vielen Jahren glich, wodurch die Tatsache dieser Wahrheit bewiesen wurde, was dieses Ereignis ja auch in der Tat gezeigt hat. Der Zeitraum der Himmelfahrt von einigen
Minuten oder Stunden hatte die Weite, den Umfang und die Länge von entsprechend einigen tausend Jahren. Denn auf dem Wege seiner Himmelfahrt betrat (der Prophet) die beständige Welt. So umfassen wenige Minuten in der beständigen Welt (alem)Tausende von Jahren in dieser Welt (dunya).
Des Weiteren stützen sich die Geschehnisse einer "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)",
{(Anmerkung):
قَالَ قاَئِلٌ مِنْهُمْ كَمْ لَبِثْتُمْ قَالُوا لَبِثْنَا يَوْمًا اَوْ بَعْضَ يَوْمٍ
("Einer von ihnen fragte sie: 'Wie lange habt ihr verweilt?' Sie antworteten ihm: 'Einen Tag, oder einen Teil des Tages.'" (Sure 18, 19))
وَلَبِثُوا فِى كَهْفِهِمْ ثَلٰثَ مِائَةٍ سِنِينَ وَازْدَادُوا تِسْعًا
("Und sie verweilten dreihundert Jahre in ihrer Höhle und noch neun dazu." (Sure 18, 25))
Diese beiden Verse verweisen auf den "Vorübergang der Zeit (tayy-i zaman)", während die Ayah
وَاِنَّ يَوْمًا عِنْدَ رَبِّكَ كَاَلْفِ سَنَةٍ مِمَّا تَعُدُّونَ
("Und in der Tat ist ein Tag bei Deinem Herrn gleich tausend Jahren nach eurer Zählung." (Sure 22, 47))
auf die "Ausdehnung der Zeit (bast-i zaman)" hinweist.}
die sich unter den Gottesfreunden so häufig ereignet haben, auf diese Tatsache. Es wird berichtet, dass einige Gottesfreunde die Arbeit eines ganzen Tages in einer Minute erledigten. Einige erfüllten ihre Aufgaben von einem Jahr in einer Stunde und rezitierten den ganzen Qur'an in einer Minute. Diese Männer der Wahrheit und Verlässlichkeit lassen sich mit Sicherheit zu keiner absichtlichen Lüge herab. So kann denn kein Zweifel (shübhe)daran bestehen, dass sie die Tatsache der "Ausdehnung der Zeit" ganz genau beobachtet haben, worüber so häufig und so einmütig berichtet worden ist.
Eine Art Ausdehnung der Zeit kann ein jeder selbst in seinen Träumen erleben. Manchmal wäre ein ganzer Tag,
oder sogar mehrere Tage im Wachzustand nötig, um alle die Ereignisse, Worte, Freuden und Leiden zu erleben, die er in nur einer Minuten im Traum erfahren hat.
Zusammenfassung:
Der Mensch ist wahrhaftig vergänglich. Und doch ist er für die Beständigkeit erschaffen und als ein Spiegel dessen, der da Beständig ist, und wurde dazu beauftragt, Arbeiten zu verrichten, welche beständige Früchte hervorbringen; und es wurde ihm eine Gestalt verliehen, um als Hintergrund für die Erscheinungen der beständigen Namen und Ornamente des beständigen Herrn zu dienen. Weil dies aber so ist, so hat der Mensch die wahrhaftige Aufgabe und ist es sein Glück, mit all seinen Anlagen und Fähigkeiten im Rahmen des Wohlgefallens Gottes dem Namen des Immerwährenden- Beständigen (Baqi-i Sermedi)anzuhangen, sich auf dem Wege der Ewigkeit dem Beständigen zuzuwenden und weiter zu schreiten.
So wie seine Zunge يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى {"Oh Du ewig Seiender! Du bist es, der ewig bleibt und besteht."} ruft, soll er auch mit seinem Herzen, seinem Geist, seinem Verstand und mit all seinen subtilen Fähigkeiten sagen:
هُوَ الْبَاقِى ٭ هُوَ الْاَزَلِىُّ الْاَبَدِىُّ ٭ هُوَ السَّرْمَدِىُّ ٭ هُوَ الدَّائِمُ ٭ هُوَ الْمَطْلُوبُ ٭ هُوَ الْمَحْبُوبُ ٭ هُوَ الْمَقْصُودُ ٭ هُوَ الْمَعْبُودُ
{"Er ist der Beständige. Er ist Er von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist der Ewig-Seiende. Er ist der Immerwährende. Er ist der Ersehnte. Er ist der Geliebte. Er ist das Ziel. Er ist der Angebetete."}
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا
{"Herr, strafe uns nicht, wenn wir vergesslich sind, oder gefehlt haben." (Sure 2, 286)}
Vierter Blitz
Diese Abhandlung verdient es, als der "Hohe Weg zur Sunna (der Tradition des Propheten)" betrachtet zu werden.
Obwohl die Frage des Imamats eine Frage von nachrangiger Bedeutung ist, soll sie hier wenigstens zum Teil besprochen werden, weil man ihr eine solch große Bedeutung beimisst, dass sie zu einer Glaubensfrage geworden und in den Blickwinkel der Wissenschaft vom Wort und von den Grundlagen des Glaubens gerückt ist und damit in Beziehung zu unserem eigentlichen Dienst am Qur'an und am Glauben steht.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ لَقَدْ جَآءَكُمْ رَسُولٌ مِنْ اَنْفُسِكُمْ عَزِيزٌ عَلَيْهِ مَا عَنِتُّمْ حَرِيصٌ عَلَيْكُمْ بِالْمُؤْمِنِينَ رَؤُفٌ رَحِيمٌ ٭ فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ ٭ قُلْ لآَ اَسْئَلُكُمْ عَلَيْهِ اَجْرًا اِلاَّ الْمَوَدَّةَ فِى الْقُرْبىٰ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Nun aber ist ein Prophet aus euren eigenen Reihen zu euch gekommen, einer, dem es nahe geht, wenn ihr in Bedrängnis geratet, der sehr um euch besorgt und den Gläubigen gegenüber voll Mitleid und Erbarmen ist. Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 128-129) "Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn außer der Freundschaft unter meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Wir wollen hier nun in "Zwei Kapiteln" auf zwei der vielen gewaltigen Wahrheiten dieser gewaltigen Ayah verweisen.
Erstes Kapitel
Besteht aus vier Punkten
Erster Punkt:
Bringt die vollkommen selbstlose Liebe (kemal-i shefqat)und Barmherzigkeit (merhamet)des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, gegenüber seiner Gemeinde zum Ausdruck. In der Tat wird der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, nach einer Wahren Überlieferung, während an jenem fürchterlichen Tage der Wiederversammlung jeder, ja sogar die Propheten "Oh meine Seele, meine Seele!" rufen werden, seine Barmherzigkeit und Liebe erweisen und wiederum "Oh meine Gemeinde, meine Gemeinde!" rufen, so wie er es an dem Tage getan hatte, da er zur Welt gekommen war, wie nach der Überlieferung einige Erforscher der Wahrheit (ehl-i keshf)berichten, als seine Mutter ihn "Oh meine Gemeinde, meine Gemeinde!" seufzen hörte. Desgleichen zeigt auch die Geschichte seines ganzen Lebens, wie auch seine liebevolle und edle Haltung und Gesinnung, die er allen gegenüber erwies, seine vollkommene Liebe und Barmherzigkeit. So zeigte er auch durch sein unendliches Verlangen nach den unendlich vielen Gebeten seiner Gemeinde, dass er sich in vollkommener Liebe um das Glück aller in seiner Gemeinde bekümmerte. So kannst du denn nun damit vergleichen, was für ein Grad an Undankbarkeit und Gewissenlosigkeit es bedeutet, die Gewohnheiten (sunna)eines so gütigen Leiters nicht zu beachten.
Zweiter Punkt:
Der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, zeigte auch, neben dem allgemeinen, umfangreichen Dienst seines Prophetentums eine große und tiefe Liebe in einigen besonderen, kleineren Dingen. Äußerlich betrachtet erscheint es über die bedeutungsvolle
Aufgabe seines Prophetentums hinaus als unpassend, eine so große und tiefe Liebe (shefqat)zu persönlichen, kleinen Dinge zu widmen. Aber in Wirklichkeit waren diese kleinen Dinge nur das erste Glied in einer Kette (silsile),ein Musterbeispiel, eine Quelle, von der die Erfüllung all der umfangreichen Aufgaben des Prophetentums ausgehen würde, weshalb diesem Musterbeispiel um dieser gewaltigen Silsila (Kette) willen eine so außerordentliche Bedeutung beigemessen worden ist.
So war z.B. die außerordentliche Liebe und die gewaltige Bedeutung, die der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, Hassan und Husseyn in ihrer Kindheit entgegengebracht hat, nicht nur (Ausdruck) einer Liebe (shefqat),die aus natürlicher Güte und einem gewissen Sinn für Familie erwuchs, sondern waren als das erste Glied einer leuchtenden Kette und als Quelle hin zur Erfüllung seines prophetischen Auftrags betrachtet, ein Musterbeispiel und der Index einer überaus wichtigen Gemeinschaft der Erben des Prophetentums.
So nahm der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, in der Tat Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, in vollkommener Liebe in seine Arme und küsste ihn um der erleuchteten und gesegneten Nachkommen, wie des Ghauthu-l'Adham Scheich Geylani willen, die von ihm ausgehen und die rechtgeleiteten (mehdi)Erben des Prophetentums und Repräsentanten des islamischen Gesetzes sein werden, auf die Stirne. Mit den Augen seines Prophetentums sah er bereits den heiligen Dienst voraus, den sie alle in der Zukunft versehen werden, wusste ihn zu würdigen und anzuerkennen. Als ein Zeichen dieser seiner Würdigung und Anerkennung küsste er Hasret Hassan auf seine Stirne. Darüber hinaus hat er, was die außerordentliche Bedeutung und die Liebe betrifft, die er Hasret Husseyn um der ruhmreichen, so hochangesehenen Imame wie Seynel Abidin oder Djafer-i Sadiq willen, leuchtende Nachkommen aus der Silsila Hasret Husseyns, mit dem Gott zufrieden sein möge, und
anderen rechtgeleiteten (mehdi),lichtvollen Persönlichkeiten, wahren Erben des Prophetentums, um ihres islamischen Glaubens und ihrer Aufgaben an der Botschaft willen erwies, ihn im Nacken geküsst und ihm so seine vollkommene Liebe und seine Anerkennung zum Ausdruck gebracht. In der Tat hat das in das Verborgene hineinschauende Herz dieser Persönlichkeit, Ahmeds, mit dem Friede und Segen sei, mit seinen lichtvollen Augen und seinem in die Zukunft gerichteten Blick noch in dieser Welt und schon vom Glückseligen Zeitalter, den Platz der Wiederversammlung auf Seiten der Ewigkeit beobachtet, von der Erde aus das Paradies gesehen und von hier unten aus die Engel im Himmel geschaut und die Ereignisse, die seit Adams Zeiten hinter den dunklen Schleiern der Vergangenheit verborgen sind, beobachtet, ja sogar die Vision des Herrn (dhat)in Seiner Majestät empfangen und sicherlich auch die in der Nachfolge von Hasret Hassan und Husseyn stehenden Pole (aqtab)und Imame als Erben und Mehdis erblickt und in ihrem Namen deren Stirnen geküsst. So hat denn in der Tat Scheich Geylani an diesem Stirnkuss für Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, einen gewaltigen Anteil.
Dritter Punkt:
اِلاَّ الْمَوَدَّةَ فِى الْقُرْبىٰ
{"...außer der Freundschaft zu meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Einer der Überlieferungen entsprechend ist die Bedeutung der obigen Ayah die: Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, verlangt für die Erfüllung der Aufgaben seines Prophetentums keinen anderen Lohn als den der Liebe (mauvaddah)zu seiner Familie. Wenn man also sagt: Dieser Bedeutung entsprechend scheint es, als ob es einen Vorteil gäbe, der aus einer familiären Beziehung erworben werden kann, während dem Geheimnis (der Ayah):
اِنَّ اَكْرَمَكُمْ عِنْدَ اللّٰهِ اَتْقٰيكُمْ
{"Vor Gott gilt als der vornehmste unter euch der, welcher der Gottesfürchtigste ist." (Sure 49, 13)}
entsprechend nicht die familiären Beziehungen (maßgeblich) sind, vielmehr die Aufgaben des Prophetentums (vazife-i risalet)vom Standpunkt der Gottesnähe (kurbiyet-i Ilahi)aus gestaltet werden.
Die Antwort:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, hat mit seinem das Verborgene durchdringenden Blick gesehen, dass seine Familie in der Welt des Islam zu einem Licht spendenden Baum werden würde und dass die überwältigende Mehrheit derer, welche auf allen Ebenen in der Islamischen Welt die Aufgaben von Lehrern (Murshid)und Leitern eines Unterrichts in menschlicher Vollkommenheit übernehmen werden, aus seiner Familie hervorgehen werden.
Das Gebet, das seine Gemeinde für seine Familie im Sitzen (teshahud)verrichtet, lautet:
اَللّٰهُمَّ صَلِّ عَلٰى سَيِّدِنَا مُحَمَّدٍ وَعَلٰٓى اٰلِ سَيِّدِنَا مُحَمَّدٍ كَمَا صَلَّيْتَ عَلٰٓى اِبْرَاهِيمَ وَعَلٰٓى اٰلِ اِبْرَاهِيمَ اِنَّكَ حَمِيدٌ مَجِيدٌ
{"Oh Gott segne unseren Herrn Mohammed und seine Familie, so wie Du Abraham und seine Familie gesegnet hast. Denn Du bist allen Lobes und aller Ehre würdig."}
Die Erhörung (dieses Gebetes) sah er voraus (keshf),das heißt, er sah - wie die überwältigende Mehrheit unter den erleuchteten Führern die (islamische) Propheten waren, aus der Familie Abrahams (mit dem Friede sei) stammten und seine Nachkommen waren - dass in seiner Gemeinde die Pole aus der Familie Mohammeds (Aqtab-i al-i beyt-i Muhammadiye),mit dem Friede und Segen sei, ähnlich den Propheten unter den Söhnen Israels, die wichtigsten Aufgaben im Islam erfüllen, wie auch auf den vielen Wegen und in den meisten Orden der Sufis.
Deshalb wurde ihm befohlen
قُلْ لآَ اَسْئَلُكُمْ عَلَيْهِ اَجْرًا اِلاَّ الْمَوَدَّةَ فِى الْقُرْبىٰ
{"Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn außer der Freundschaft zu meinen Verwandten." (Sure 42, 23)}
Deshalb wünschte er für seine Gemeinde die Liebe (mauvaddah)zu seiner Familie. Es gibt zahlreiche Überlieferungen, welche diese Tatsache bestätigen. So war häufig sein Ferman: "Zwei Dinge hinterlasse ich euch. Wenn ihr an ihnen festhaltet, werdet ihr Rettung finden. Das eine ist das Buch Gottes, das andere ist die Familie meines Hauses." Denn die, welche Quelle der Gelobten Sitten (sunnet-i seniye)und dazu verpflichtet waren, sich in jeder Hinsicht für sie einzusetzen (iltizam),sind die (Leute der) Familie des Hauses (des Propheten).
So war es denn um dieses Geheimnisses willen, dass ein Hadith, das diese Wahrheit ausdrückt, als die Befolgung des Buches und der Sunna bezeichnet und als solche bekannt gemacht wurde. Das heißt, was von der Familie des Hauses als Aufgabe (vazife)hinsichtlich der Botschaft (des Propheten) verlangt wurde, war die Gelobte Sitte (Sunna).So wie der, welcher die Befolgung der Gelobten Sitte aufgibt, nicht wirklich der Familie des Hauses angehören kann, so kann er auch kein wahrer Freund der Familie des Hauses sein. Außerdem ist der Sinn (sirr)des Wunsches, seine Gemeinde um die Familie seines Hauses zu versammeln, der folgende: Mit Gottes Erlaubnis wusste er, dass seine Familie im Lauf der Zeit sehr zahlreich werden würde und er verstand auch, dass seine Islamiyet in Schwäche verfallen würde. Deshalb war eine sehr starke und zahlreiche Gruppe zu ihrer stillschweigenden Unterstützung erforderlich, die im Stande wäre, der Welt des Islam Quelle und Mittelpunkt ihres geistigen Fortschritts zu sein. So hat er denn mit Gottes Hilfe darüber nachgedacht und gewünscht, dass sich seine Gemeinde um seine Familie scharen möge. Und in der Tat sind die Mitglieder der Familie seines Hauses den anderen
in ihrer Hingabe (teslim),ihrer Einsatzbereitschaft (iltizam)und Parteinahme (tarafgirlik)weit voraus, und zwar auch dann, wenn sie in Glaubensdingen und in ihrer Überzeugung (iman ve itikat)nicht so weit vorne liegen. Denn von Natur aus, auf Grund ihrer Geburt und Abstammung haben sie bereits innerlich ihren Anteil (tarafdar)an der Islamiyet. Denn seine eigene innere Anteilnahmen wird man auch dann nicht aufgeben, wenn diese nur schwach, würdelos, ja sogar ungerecht wäre. Würde dann also jemand seine Anteilnahme an einer Wahrheit, die sehr stark ist, die in jeder Hinsicht übereinstimmt, der eine hohe Würde zu Eigen ist, mit der die ganze Silsila der Vorahnen verbunden ist, durch die sie geehrt werden und für die sie ihr Leben geopfert haben, würde also jemand, der ganz offensichtlich fühlt, wie grundlegend und seinem eigenen Wesen entsprechend (diese Wahrheit ist), diese seine eigene innere Verbundenheit mit ihr aufgeben können? So nimmt denn die Familie des Hauses auf Grund ihrer starken inneren Bindung und natürlichen Veranlagung für die Islamiyet den kleinsten Hinweis auf die Religion des Islam als einen starken Beweis an. Denn ihre Anteilnahme (tarafdar)ist naturgegeben (fitri).Handelt es sich um einen anderen, so wird er sich erst auf Grund eines starken Beweises anschließen.
Vierter Punkt:
Im Zusammenhang mit dem dritten Punkt möchten wir hier kurz auf eine Angelegenheit verweisen, die zwischen den Schiiten und den Leuten der Sunna und der Gemeinschaft (Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat)in einem Ausmaß Anlass zur Diskussion geworden ist, dass man sie in Büchern schon unter den Grundpfeilern des Glaubens (aqaid-i imaniye)und als tiefe Wahrheiten (sirr)von den Grundlagen des Glaubens (esasat-i imaniye)behandelt. Die Frage ist folgende:
Die "Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat" sagen: "Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, war der vierte der rechtgeleiteten Kalifen. Hasret-i Siddiq (= Abu Baqr),mit dem Gott zufrieden sein möge, war besser als er und als Kalif würdiger als er. Deshalb wurde er der erste Kalif." Dagegen
sagen die Schiiten: "Das Recht war auf Hasret Alis Seite, mit dem Gott zufrieden sein möge. Man hat ihm Unrecht getan. Der würdigste von allen war Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge." Eine Zusammenfassung ihrer Argumente für ihre Einlassungen ist die, dass sie sagen: "Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und die von dem Propheten überlieferten Hadithe über Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, der als der "König der Gottesfreunde (Shah-i Velayet)"die Basis für die überwiegende Mehrheit der Gottesfreunde und der Ordensschulen (tariqat)und durch seine überragenden Eigenschaften, wie sein Wissen, seinen Mut und seine Frömmigkeit (ibadet)und das nachdrückliche Interesse des Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, an ihm und die von ihm ausgehende Silsila der Nachkommen aus der Familie seines Hauses, zeigen, dass er der beste war. Das Kalifat war sein immerwährendes Recht gewesen. Man hat es ihm weggenommen."
Antwort:
Die Tatsache, dass Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, den ersten drei Kalifen folgte, die er wiederholtermaßen anerkannt hat, dass er unter ihnen als Scheichu-l'Islam (Oberster Richter) gedient hat, widerlegt diese Behauptung der Schiiten. Des Weiteren widerlegen die Ereignisse während des Siegeszuges des Islam und sein Kampf gegen die Feinde während des Kalifats dieser (ersten) drei und die Geschehnisse während der Zeit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, wiederum vom Standpunkt des Islam aus betrachtet, die Behauptungen der Schiiten. Das aber heißt, dass die Behauptung der Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat zu recht besteht.
Nun könnte aber jemand sagen:
Es gibt zwei (verschiedene Gruppen) von Schiiten: die eine ist die Schia der Heiligen (Velayet),die andere die Schia des Kalifats.
Nun gut, es mag ja die zweite Gruppe durch ihre Vermengung von Hass und Politik ein Unrecht begangen haben, aber bei der ersten Gruppe gab es diesen Hass und
die Politik nicht. Doch die Schia der Gottesfreunde schloss sich der Schia des Kalifats an. Denn einige der Gottesfreunde unter den Ordensleuten hielten Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, für besser. Und so unterstützten sie die Forderungen der Gruppe des Kalifats hinsichtlich deren Politik.
Antwort:
Man muss Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, in zweierlei Hinsicht betrachten. Die eine ist der Blickpunkt hinsichtlich seiner persönlichen Vollkommenheit und seines Ranges (kemalat ve merteb),die andere aber ist der Blickpunkt hinsichtlich seiner (Eigenschaft als) Repräsentant der Familie seines Hauses als einer geistigen Körperschaft (shahs-i manevi).Was die Familie seines Hauses als geistige Körperschaft betrifft, so zeigt sie einen Aspekt des Wesens des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei.
So gibt denn, was den ersten Punkt betrifft vor allem Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, Hasret Abu Baqr und Hasret Omar den Vorzug und räumen ihnen diesen auch alle Leute der Wahrheit ein. Sie betrachteten deren Rang im Dienste am Islam und in deren Nähe zu Gott (kurbiyet-i Ilahi)als höheren. Was den zweiten Punkt betrifft, so hat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, als Repräsentant der geistigen Körperschaft der Familie seines Hauses und der geistigen Körperschaft der Familie seines Hauses als einer mohammedanischen Wirklichkeit Seinesgleichen nicht. So beziehen sich denn die überaus lobenden Hadithe des Propheten über Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, auf diesen zweiten Punkt. Es gibt eine zuverlässige Überlieferung, die diesen Tatbestand unterstreicht. Von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, stammt der Ferman: "Die Nachkommen eines jeden Propheten stammen von ihm selbst. Meine Nachkommen sind die Nachkommen Alis, mit dem Gott zufrieden sein möge." Die tiefere Wahrheit (sirr)hinter jenen Hadithen, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, überaus loben, und warum sie weiter
verbreitet sind als die über die anderen Kalifen, ist die, dass die Leute der Wahrheit, welche die Ehl-i Sunna vel'-Djemaat sind, so viele Überlieferungen als Antwort an die Omayyaden und die Häretiker (Kharidjten),die ihn ungerechtfertigt angegriffen und kritisiert hatten, über ihn verbreitet haben. Weil aber die anderen rechtgeleiteten Kalifen nicht so häufig das Objekt einer solchen Kritik und ähnlicher Schmähungen waren, sah man auch keinen Grund, ihnen entgegen derartige Hadithe zu verbreiten.
Des Weiteren sah (der Prophet) mit seinem prophetischen Blick die schmerzlichen Ereignisse und die inneren Zerwürfnisse, denen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, ausgesetzt sein würde, voraus und, um ihn vor (künftiger) Verzweiflung zu retten und seine Gemeinde (davor zu schützen), schlecht über ihn zu denken (su-i zan),tröstete er ihn und gab seiner Gemeinde mit wichtigen Hadithen, wie
مَنْ كُنْتُ مَوْلاَهُ فَعَلِىٌّ مَوْلاَهُ
{"Wessen Herr ich bin, dessen Herr ist auch Ali."}
die rechte Leitung (irshad).
Es ist aber die Schia der Gottesfreunde für ihre übertriebene (ifrat)Liebe (muhabbet)zu Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und sind ihre Orden (sleute) für diese Überbewertung (tafdil)nicht im gleichen Grade verantwortlich wie die Schia des Kalifats. Denn die Leute der Gottesfreundschaft betrachten ihren Meister (Murshid)auf Grund des Weges (den sie eingeschlagen haben) mit Liebe und das Merkmal dieser Liebe (muhabbet)ist die Übertreibung (ifrat).Sie möchten ihren Geliebten (mahbub)gerne größer sehen, als seinem Rang (maqam)entspricht und sehen ihn auch so. Für diese Übertreibungen auf Grund ihrer Liebe kann man diese Ekstatiker (ehl-i hal)entschuldigen. Man kann sie jedoch nur unter der Bedingung entschuldigen, dass ihre Überbewertung (tafdil)infolge ihrer Liebe nicht dazu führt, die anderen rechtgeleiteten Kalifen zu hassen (adavet)und zu beschimpfen und dabei die Grundlagen des Islam zu überschreiten.
Was aber die Schia des Kalifats betrifft, so konnten sich (ihre Leute), nachdem sich politische Vorurteile unter ihnen eingeschlichen hatten, nicht mehr von ihrem Hass und von ihrer Aggressivität befreien und verloren so ihr Recht, (noch länger) als entschuldigt zu gelten. Ja man sagt sogar:
لاَ لِحُبِّ عَلِىٍّ بَلْ لِبُغْضِ عُمَرَ
{"Nicht aus Liebe zu Ali, sondern aus Hass gegen Omar."}
Da nun der Nationalstolz der Iraner von Omars عُمَر Hand verletzt worden war, rächten sie sich dafür dadurch, dass sie nun Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, ihre Liebe bezeugten. Auch dass Amr عَمر Ibnu-l'As (= der Kommandant von Muawiye in der Schlacht von Siffin - A.d.Ü.) Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die Stirn bot und der tragische Kampf Omar عُمَر Ibnu-s'Sads gegen Hasret Husseyn, mit dem Gott zufrieden sein möge, weckte in den Schiiten eine große Wut, ja Feindschaft gegen den Namen "Omar" عُمَر .
Die Schia der Gottesfreunde hat kein Recht, die Sunniten zu kritisieren, denn die Leute der Sunna werfen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, nichts vor, sondern lieben ihn sehr. Doch sie vermeiden diese exzessive Liebe (ifrat-i muhabbet),die in den Hadithen als gefährlich beschrieben wird. Der Lobpreis des Propheten für die Gefolgschaft Alis in den Hadithen betrifft die Sunniten, denn diejenigen in der Gefolgschaft Alis, die ihn auf eine moderate Weise lieben (istikametli muhabbet),sind die "Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat",welche die Leute der Wahrheit sind. So wie die übertriebene Liebe zu Hasret Isa (Jesus), mit dem der Friede sei, für die Christen gefährlich ist, so macht ein zuverlässiges Hadith klar, dass diese übertriebene Art von Liebe zu Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, gefährlich ist.
Wenn die Schia der Gottesfreunde sagt:
Wenn erst
einmal die so außergewöhnliche Vollendung Hasret Alis, mit dem Gott zufrieden sein möge, (unbestreitbar) angenommen sein wird, wird es unmöglich sein, ihm noch länger Hasret Siddiq (= Abu Baqr,mit dem Gott zufrieden sein möge) vorzuziehen.
Antwort:
Hätte man alle persönliche Vollkommenheit (shahs-i kemalat)von Abu Baqr, dem Siddiq-i Akbar oder die von Omar, dem Faruq-u A'dham (mit denen Gott zufrieden sein möge) zusammen mit der Vollkommenheit, die aus (der Erfüllung) ihrer Aufgabe (vazife)hinsichtlich des Erbes des Prophetentums (veraset-i nubuvvet)in der Zeit ihres Kalifats in die eine Schale einer Waage gelegt, die außerordentliche persönliche Vollkommenheit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die internen Kämpfe während der Zeit seines Kalifats, die aus den tragischen Ereignissen erwuchsen, in die einzutreten er gezwungen wurde, und die dann zum Gegenstand von Zweifeln und Misstrauen (su-i zan)wurden, aber in die andere Schale dieser Waage, so hätten die Sunniten mit Sicherheit gesehen, dass die Waagschale von Hasret Siddiq oder die von Faruq oder die von Dhin-n'-Nureyn schwerer wog und diesen den Vorzug gegeben.
Des Weiteren ist das Prophetentum, wie wir bereits im Zwölften und im Vierundzwanzigsten Wort bewiesen haben, so hoch erhoben im Vergleich zur Gottesfreundschaft, dass ein Dirhem (etwa 3g) von der Auswirkung des Prophetentums einem Batman (etwa 20 kg) von der Auswirkung der Gottesfreundschaft vorzuziehen wäre. Aus diesem Blickwinkel heraus ist der Erfolg von Abu Baqr, dem Siddiq-i Akbar oder der von Omar, dem Faruq-u A'dham (mit denen Gott zufrieden sein möge) während der Zeit ihres Kalifats für die Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat Beweis dafür, dass ihr von Gott gegebener Anteil am Erbe des Prophetentums und der Aufrichtung seiner Gesetze (ahkam-i risalet)der größere ist. Da die persönliche Vollkommenheit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, nicht diesen größeren Anteil am Erbe des Prophetentums schmälern konnte, diente Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden
sein möge, in der Zeit dieser beiden ehrenwerten Kalifen (Sheicheyn-i Mukarrameyn)als Scheichu-l'Islam und ehrte sie. Wie also könnten nun die Leute der Wahrheit und Tradition, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, lieben und verehren, die beiden Kalifen, die Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, doch ernsthaft geliebt und verehrt hatte, nicht lieben und verehren?
Diesen Sachverhalt (haqiqat)wollen wir nun hier mit einem Beispiel erklären:
Aus dem Erbe eines sehr reichen Mannes soll einer der Söhne 20 Batman (circa 8 kg) Silber und 4 Batman Gold erhalten, der zweite soll 5 Batman Silber und 5Batman Gold bekommen. Wenn nun dem letzten 3 Batman Silber und 5 Batman Gold ausgehändigt würden, so hätten die beiden letzteren ohne Zweifel quantitativ weniger, aber qualitativ mehr erhalten. Wie in diesem Beispiel würde die kleinere Menge am Anteil der beiden Kalifen (Sheicheyn)an dem Gold der Wahrheit der Nähe Gottes (akrabiyet-i Ilahi),wie sie im Erbe des Prophetentums (veraset-i nubuvvet)und der Aufrichtung seiner Gesetze (ahkam-i risalet)zum Ausdruck kommt, schwerer wiegen als die ganze große Menge an (menschlicher) Annäherung an Gott, wie sie aus dem Juwel der Gottesfreundschaft (kemal-i velayet)und persönlicher Vollkommenheit (shahs-i kemalat)erwächst. Diese Punkte sollte man in Betracht ziehen, wenn man sie gegeneinander abwägt. Vergleicht man sie aber vom Standpunkt eines persönlichen Mutes (shedjeat)und Wissens (ilim)und dem der Gottesfreundschaft (velayet)aus, so bekommt der Sachverhalt ein anderes Bild.
Des Weiteren kann vom Standpunkt der mohammedanischen Wahrheit aus, wie sie sich hinsichtlich der geistigen Körperschaft der Familie des Hauses (shahs-i manevi-i Al-i Beyt),wie sie sich in der Persönlichkeit von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, verkörpert und hinsichtlich des absoluten Erbes (veraset-i mutlaq)dieser geistigen Körperschaft in Erscheinung tritt, von einem Vergleich keine Rede sein, denn darin liegt das gewaltige Geheimnis des Propheten, mit dem Friede und Segen sei.
Was aber die Schia des Kalifats betrifft, so haben sie kein Recht gegenüber den Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat, außer dem auf ihre Scham. Denn obwohl sie behaupten, Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, über alles zu lieben, bezichtigen sie ihn dennoch eines Mangels an Persönlichkeit, eines schlechten Charakters (su-i akhlaq),so wie dies ihrer Überzeugung zufolge notwendig wird. Denn sie sagen: "Obwohl Hasret Siddiq und Hasret Omar, mit denen Gott zufrieden sein möge, ungerecht gehandelt haben, hat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, dennoch ihr Spiel mitgespielt und entsprechend der Terminologie der Schiiten ihnen etwas vorgespielt. Das heißt, er hat sich vor ihnen gefürchtet und sich wie ein Heuchler (riyakarlik)aufgeführt." Diese Persönlichkeit, die ein Held des Islam (kahraman-i islam)ist, die den Titel eines "Löwen Gottes (Asadullah)"erworben hat, den Kommandanten und Anführer seiner getreuen Gläubigen (siddiqlar kumanda ve rehber)mit derartigen Eigenschaften ausgestattet zu sehen, wie "heuchlerisch (riyakar)"und "furchtsam", (als einen Mann) der Leuten, die er nicht liebt, etwas vormacht und zwanzig Jahre lang in großer Angst (khauf)Ungerechtigkeiten duldet, indem er Verbrecher akzeptiert, heißt nicht, ihn zu lieben. Eine derart unterschiedliche Liebe würde Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, selbst zurückweisen.
So würde denn der Weg der Leute des Glaubens und der Wahrheit unter gar keinen Umständen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, herabwürdigen oder ihm einen Mangel an Persönlichkeit (eine Charakterschwäche) vorwerfen. Sie würden bei einem so bewundernswerten Mut keine Feigheit attestieren, sondern sagen: "Hätte Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, die rechtgeleiteten Kalifen nicht als rechtmäßig angesehen, so hätte er sie keine Minute anerkannt und ihnen nicht Gehorsam geleistet. Das heißt, dass er, weil er sie als rechtmäßig und auserkoren anerkannt hat, sich nun auch (mit all seiner) Einsatzbereitschaft und seinem Mut für den Weg der Gerechtigkeit entschieden hat."
Zusammenfassung:
In allen Dingen ist ein zu viel (ifrat)oder
zu wenig (tefrit)nicht gut. Was den aber rechten Weg (istikamet)betrifft, so ist dies der Mittelweg (vasat),den die Ehl-i Sunna ve-l'-Djemaat gewählt haben. Aber leider haben sich die Ideen der Wahabiten und der Häretiker (Kharidji)teilweise hinter der Bühne (Ehl-i sunnet ve Djemaat perde)eingeschlichen, wie auch politische Hardliner und ein Teil der Atheisten, die nun Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, kritisieren. Sie sagen, dass er - Gott bewahre! - nichts von Politik verstand und daher für das Kalifat ungeeignet war. Er konnte nicht regieren. Und auf Grund dieser ihrer ungerechten Anschuldigungen fühlen sich nun die Aleviten von den Sunniten brüskiert. In Wirklichkeit haben die Prinzipien und Grundsätze der Sunniten solche Ideen nicht zur Folge, sondern beweisen das Gegenteil. Auf Grund derartiger Ideen, wie sie von den Häretikern (Kharidji)und den Atheisten kommen, können nicht die Sunniten verurteilt werden. Vielmehr sind die Sunniten mehr noch als die Aleviten Anhänger von Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge. Sie erwähnen Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, in ihren Lobgebeten in einer Weise, die seiner würdig ist, während der Hutba (Freitagsgebet) und in ihren Gebeten (dua).Besonders die Freunde Gottes (auliya)und die (Lehrer), die (ihre Seele) geläutert (Asfiya)haben, und deren überwiegende Mehrheit der Schule (mesheb)der Ehl-i Sunna ve-l'Djemaat angehören, erkennen ihn als ihren Murshid und den "König aller Gottesfreunde (shah-i velayet)".Die Aleviten sollten besser die Häretiker (Kharidji)und die Atheisten, die mit Recht die Feindschaft (adavet)sowohl der Aleviten als auch der Sunniten verdient haben, links liegen lassen und nicht gegen die Leute der Wahrheit Front bilden. Ja ein Teil der Aleviten hat sogar den Sunniten zum Trotz die Sunna aufgegeben. Wie dem auch sei, wir haben über diese Angelegenheit schon zu viel gesprochen, denn sie ist unter den Ulemas (Gelehrten) bereits viel zu viel das Gesprächsthema.
Oh ihr Leute der Tradition und der Gemeinschaft, die ihr die Leute der Wahrheit seid! Ihr Aleviten, die ihr in eurer Liebe die Familie des Hauses als euren Weg gewählt
habt! Bringt diesen bedeutungslosen, haltlosen, ungerechten und gefährlichen Streit unter euch möglichst schnell zu Ende! Sonst wird euch diese gegenwärtige atheistische Strömung mit starker Hand und in souveräner Weise als ein Instrument gebrauchen, um so den einen mit dem anderen zu erdrücken. Nachdem sie dann den einen unterworfen haben, werden sie auch noch das Mittel selbst zerbrechen. Da ihr aber Leute der Einheit (Tauhid)seid und es zwischen euch hunderte grundsätzliche heilige Bande gibt, die Bruderschaft und Einheit unter euch (ittihad)anbefehlen, ist es überaus notwendig, nebensächliche Angelegenheiten, die nur zur Spaltung führen, aufzugeben.
Zweites Kapitel
فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129)}
Über die zweite Wahrheit dieser Ayah.
{(*): Dieses zweite Kapitel wurde als der "Elfte Blitz" verfasst.}
Fünfter Blitz
حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ
{"Gott ist unser Genügen und ein vortrefflicher Sachwalter." (Sure 3, 173)}
Es bestand ursprünglich die Absicht, die Wahrheit dieser so bedeutenden Ayah in einer Abhandlung in fünfzehn (Schritten) stufenweise zu erklären. Da diese jedoch mehr Dhikr und ein Nachsinnen (tefekkur)zum Inhalt haben, als Wahrheit und Erkenntnis, wurde sie vorerst noch zurückgestellt. Zwar war ursprünglich eine sehr wichtige Abhandlung mit dem Titel:
"Eine Stufenleiter zur Sunnah" und "ein Serum gegen die Krankheit ketzerischer Neuerungen (bid'a),die der islamischen Gesinnung widersprechen."
als "Fünfter Blitz" geplant. Da diese sich aber in elf wichtige Punkte gliedert, entstand daraus der "Elfte Blitz". So ist denn (dieser Platz für den) "Fünften Blitz" unbesetzt geblieben.
Sechster Blitz
لاَحَوْلَ وَلاَ قُوَّةَ اِلاَّ بِاللّٰهِ الْعَلِىِّ الْعَظِيمِ
{"Es gibt keine Kraft und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen, dem Gewaltigen."}
Auch hier war ursprünglich eine Risala geplant, die mit ihren Gedanken auf fünfzehn, zwanzig Stufen die bedeutende Wahrheit vieler Ayat erläutert, die durch die oben gemachte Erklärung ausgesagt werden soll. Auch in diesem Blitz, gleichwie im "Fünften Blitz" formten sich jedoch wiederum Stufen, die ich in meiner Seele (nefs)erahnte und schließlich während einer inneren (ruh)Reise
beim Dhikr und im Nachsinnen (tefekkur)erschaute, sodass ich es für angemessen hielt, sie erst am Ende einzureihen, da es sich bei dieser Abhandlung mehr um eine innere Freude, einen Zustand des Geistes (hal),als um Erkenntnis und Wahrheit handelt.
{Anmerkung: Unser verehrter Meister hat in seiner Anmerkung zum Sechsten Kapitel, des arabisch verfassten Neunundzwanzigsten Blitzes zu diesen beiden Sätzen (= der Ayah des Fünften und der Aussage des Sechsten Blitzes) folgende Erklärung abgegeben und gesagt: "Da es sich bei dem Sinngehalt dieser beiden gesegneten Sätze mehr um Nachsinnen (Fikr) und Dhikr handelt als um Erkenntnis, wurde er auf arabisch festgehalten."
Gezeichnet: Die Schüler im Dienste von Bediuzzaman}
Siebenter Blitz
Es handelt sich hier um sieben Verlautbarungen aus dem Verborgenen, wie sie sich in den letzten drei Ayat der Suratu-l'Fath finden.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ لَقَدْ صَدَقَ اللّٰهُ رَسُولَهُ الرُّؤْيَا بِالْحَقِّ لَتَدْخُلُنَّ الْمَسْجِدَ الْحَرَامَ اِنْ شَآءَ اللّٰهُ اٰمِنِينَ مُحَلِّقِينَ رُؤُسَكُمْ وَمُقَصِّرِينَ لاَتَخَافُونَ فَعَلِمَ مَالَمْ تَعْلَمُوا فَجَعَلَ مِنْ دُونِ ذٰلِكَ فَتْحًا قَرِيبًا ٭ هُوَ الَّذِى اَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدٰى وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ وَكَفٰى بِاللّٰهِ شَهِيدًا ٭ مُحَمَّدٌ رَسُولُ اللّٰهِ وَالَّذِينَ مَعَهُ اَشِدَّآءُ عَلَى الْكُفَّارِ رُحَمَآءُ بَيْنَهُمْ تَرٰيهُمْ رُكَّعًا سُجَّدًا يَبْتَغُونَ فَضْلاً مِنَ اللّٰهِ وَرِضْوَانًا سِيمَاهُمْ فِى وُجُوهِهِمْ مِنْ اَثَرِ السُّجُودِ ذٰلِكَ مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ وَمَثلُهُمْ فِى الْاِنْجِيلِ كَزَرْعٍ اَخْرَجَ شَطْئَهُ فَاٰزَرَهُ فَاسْتَغْلَظَ فَاسْتَوٰى عَلٰى سُوقِهِ يُعْجِبُ الزُّرَّاعَ لِيَغِيظَ بِهِمُ الْكُفَّارَ وَعَدَ اللّٰهُ الَّذِينَ اٰمَنوُا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ مِنْهُمْ مَغْفِرةً وَاَجْرًا عَظِيمًا
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. In der Tat hat Gott das Traumgesicht Seines Propheten wahr werden lassen. Ihr werdet ja nun mit Gottes Erlaubnis die Umhegte Moschee in Sicherheit betreten können, mit geschorenen Köpfen, mit gestutztem Haar - ohne Furcht. Denn Er wusste, was ihr nicht wisst und gab euch ferner einen baldigen Sieg. Er war es, der euch Seinen Propheten sandte mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit, aufgegangen über aller Religion. Und Gott genügt als Zeuge. Mohammed ist der Prophet Gottes. Und die mit ihm sind, sind streng mit den Ungläubigen, milde miteinander. Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen, Gottes Huld und Wohlgefallen erstrebend. Ihr Merkmal ist auf ihrem Gesicht als Spur ihrer Niederwerfung. Das ist ein Gleichnis für sie in der Thora. Ihr Gleichnis im Evangelium ist: ein Saatfeld, dass seine Triebe hervorbringt und sie stärker werden und schließlich als Halme aufrecht stehen lässt, zur Freude derer, die sie gesät haben, wodurch Er die Ungläubigen in Wut versetzt. Gott hat denen, die glauben und gute Werke tun, Vergebung und eine gewaltige Belohnung versprochen." (Sure 48, 27- 29)}
Diese drei Ayat aus der Suratu-l'Fath enthalten viele Aspekte ihrer Wunderhaftigkeit (i'djaz).Von den insgesamt zehn Aspekten im Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, kann man in diesen drei Ayat die Verlautbarungen aus dem Verborgenen (ikhbar-i ghayb)auf sieben oder acht verschiedene Weisen betrachten.
Erstens:
لَقَدْ صَدَقَ اللّٰهُ رَسُولَهُ الرُّؤْيَا
{"In der Tat hat Gott das Traumgesicht Seines Propheten wahr werden lassen... usw." (Sure 48, 27)}
(diese Ayat) geben schon vor der Eroberung von Mekka sichere Nachricht. Und zwei Jahre später geschah es dann genauso, wie es vorausgesagt worden war.
Zweitens:
فَجَعَلَ مِنْ دُونِ ذٰلِكَ فَتْحًا قَرِيبًا
{"...und gab euch ferner einen baldigen Sieg." (Sure 48, 27)}
bringt das Folgende zum Ausdruck: Der Frieden von Hudeybiya wurde zwar als offensichtlich den Interessen des Islam entgegengesetzt betrachtet und man konnte die Leute vom (Stamme) Qureysh gewissermaßen als die Sieger ansehen, doch blieb es bei der Verlautbarung, dass dieser Friede von Hudeybiya in Wirklichkeit ein großer innerer Sieg (manevi fath)und der Schlüssel zu künftigen Eroberungen sein werde. Denn obwohl durch den Frieden von Hudeybiya materiell (gesehen) das Schwert in die Scheide gesteckt worden war, wurde nun das blitzende, diamantengleiche
funkelnde Schwert des Qur'an (aus seiner Scheide) gezogen und eroberte Herz und Verstand. Denn durch diesen Friedensschluss kamen (die beiden miteinander verfeindeten Seiten wieder miteinander) in Kontakt. So setzten sich die Tugenden des Islam und das Licht des Qur'an durch und zerrissen den Schleier der Verbohrtheit (inad)und der Stammesfehden. Zum Beispiel: Leute wie Khaled ibnu-l'Walid, ein geradezu genialer Kriegsheld und Amr ibnu-l'As, ein ebenso genialer Politiker, Männer, die eine Niederlage nicht ertragen konnten, wurden besiegt durch das Schwert des Qur'an, das im Frieden von Hudeybiya seinen Zauber entfaltete. Nachdem Hasret Khaled in der Leuchtenden Stadt (= Medina)in vollkommenem Gehorsam seinen Nacken gebeugt und den Islam (angenommen hatte), wurde er zum "Schwert Gottes (Seyfullah)",dem Schwert, das dem Islam zum Sieg (verhalf).
Eine wichtige Frage:
Was war die Weisheit hinter den Niederlagen der Gefährten (= Sahabis)dessen, der der Stolz der Welt und der Geliebte des Herrn der Welt ist, der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, zum Ende des Kampfes gegen die Götzendiener, bei Uhud und zu Beginn der Schlacht von Huneyn?
Antwort:
Es gab damals unter den Götzendienern viele Persönlichkeiten, wie Hasret Khaled, die in der Zukunft den leitenden Sahabis ebenbürtig sein sollten. Deswegen gab ihnen die göttliche Weisheit, um sie in den Augen einer künftigen Zeit, die für sie ruhmreich und ehrenwert sein würde, nicht vollständig zu diskriminieren, schon in einer vergangenen Zeit einen Ausgleich für ihre künftigen guten Taten (hasenat-i istikbal)und zerbrach sie nicht vollständig in ihrem Stolz (izzet).Das heißt, die Sahabis einer vergangenen Zeit wurden von den Sahabis der künftigen Zeit besiegt, sodass die Sahabis einer künftigen Zeit nicht aus Angst vor dem Flammenschwert der islamischen Glaubensgemeinschaft (islamiyet)beitreten würden, sondern aus Eifer für eine brennende Wahrheit, sodass sie in der ihnen eigenen Kühnheit nicht allzusehr erniedrigt werden sollten.
Drittens:
لاَتَخَافُونَ
{"ohne Furcht"}
Durch diese Worte eigens hinzuzufügen, soll zum Ausdruck gebracht werden: "Ihr werdet die Kaaba in völliger Sicherheit umschreiten." Doch war in jener Zeit die Mehrzahl der umherziehenden Beduinenstämme auf der arabischen Halbinsel feindselig gesinnt, wie ja auch die überwiegende Mehrheit (der Bewohner) in der Umgebung von Mekka und (auch die meisten Leute) vom Stamme Qureysh Feinde waren. Durch die Voraussage: "Ihr werdet die Kaaba schon in kurzer Zeit umschreiten, ohne Furcht zu haben." wurde ausgesagt und mitgeteilt, dass sich die arabische Halbinsel unterwerfen (itaat)und der ganze Stamm der Qureysh der islamischen Glaubensgemeinschaft (islamiyet)beitreten und eine umfassende Sicherheit errichtet werden würde. Und all das trat genauso ein, wie es vorausgesagt worden war.
Viertens:
هُوَ الَّذِٓى اَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدٰى وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ
{"Er war es, der euch Seinen Propheten sandte mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit, aufgegangen über aller Religion."}
Hier wird mit einer absoluten Sicherheit ausgesagt: "Die Religion, die der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, gebracht hat, wird allen anderen Religionen obsiegen." Obwohl in damaliger Zeit Christen, Juden und Parsen viele hunderttausend Anhänger hatten und in einigen Ländern, die die (ganze damals bekannte) Welt beherrschten, sogar Staatsreligion waren, wie das byzantinische oder persische Reich mit Millionen Untertanen, war Mohammed, der Araber, mit dem Friede und Segen sei, noch nicht einmal in der Lage, sich seinen eigenen kleinen Stamm zu unterwerfen. Und dennoch wurde vorausgesagt, dass die Religion, die er gebracht hat, allen
anderen Religionen überlegen sein und alle Länder besiegen werde. Und sie tut dies auf eine ganz klare und bestimmte Art. Die Zukunft bestätigte diese Voraussage aus der verborgenen (Welt) und der Islam wurde vom Pazifischen Ozean im Osten bis zum Atlantischen Ozean im Westen mit seinem (diamantenen) Schwert verbreitet.
Fünftens:
مُحَمَّدٌ رَسُولُ اللّٰهِ وَالَّذِينَ مَعَهُ اَشِدَّآءُ عَلَى الْكُفَّارِ رُحَمَآءُ بَيْنَهُمْ تَرٰيهُمْ رُكَّعًا سُجَّدًا
{"Mohammed ist der Prophet Gottes. Und die mit ihm sind, sind streng mit den Ungläubigen, milde miteinander. Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen... usw."}
Indem sie die erhabenen Qualitäten und einzigartigen Vorzüge aufzählt, welche der Grund dafür waren, warum die Sahabis nach den Propheten (nabi)die edelsten des Menschengeschlechtes waren, beschreibt diese Ayah an ihrem Anfang entsprechend ihrer wörtlichen Bedeutung nacheinander die hervorragenden Qualitäten, welche die Schicht der Sahabis künftig charakterisieren wird. In einer weiter (gefassten) Auslegung spielt diese Ayah den Kennern der Wahrheit (tahqiq)entsprechend auf die rechtgeleiteten Kalifen an, die nach dem Tode (vefat)des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, an seine Stelle (maqam)traten, verweist auf die Reihenfolge, in der sie das Kalifat übernahmen und gibt uns Nachricht von den edlen Eigenschaften, durch die sich jeder von ihnen besonders unterschied und durch die sie bekannt geworden sind. Es ist dies wie folgt: وَالَّذِينَ مَعَهُ {"Und die mit ihm sind"} spielt auf Hasret Siddiq (= Abu Baqr)an, der bekannt und berühmt war, weil er zur unmittelbaren Gefolgschaft (des Propheten) und zu seinem inneren Gesprächskreis (sohbet)gehörte und der auch der erste war, der (dem Propheten) im Tode (nachfolgte) und so wiederum in seine Gefolgschaft trat.
اَشِدَّآءُ عَلَى الْكُفَّارِ {"sind streng mit den Ungläubigen"} verweist (nun in Folge) auf Hasret Omar, der künftig durch seine Eroberungsfeldzüge ganze Weltreiche zum Erzittern bringen sollte, der durch seine Gerechtigkeit wie Blitzschlag (und Donnerwetter) herniederfuhr und den Tyrannen (dieser Erde) seine (ganze) Strenge beweisen sollte.
رُحَمَآءُ بَيْنَهُمْ {"milde miteinander"}
Und weiter wird von Hasret Osman berichtet, der in der Zukunft, während sich über ihm die bedeutendste Spaltung (seiner Zeit) zusammenbraute, durch seine vollkommene Barmherzigkeit und Liebe (shefqat),um ein Blutvergießen unter den Muslimen zu verhindern, sein Leben (ruh)hingeben und sich selber (nefs)als schuldloses (Opfer) darbringen sollte, indem er vorzog, während er den Qur'an las, als Märtyrer zu sterben.
تَرٰيهُمْ رُكَّعًا سُجَّدًا يَبْتَغُونَ فَضْلاً مِنَ اللّٰهِ وَرِضْوَانًا
{"Du siehst, wie sie sich verneigen und niederwerfen, Gottes Huld und Wohlgefallen erstrebend."}
So wird auch über die Situation von Hasret Ali berichtet, der, obwohl er sein Regierungsamt und das Kalifat mit großem Mut und in vollkommener Würde übernommen hatte, sich dennoch für eine ebenso vollkommene Frömmigkeit entschied, für Dienst und Anbetung. Sein einfaches und sparsames (Leben), seine Bescheidenheit, sein immerwährendes Gebet, wie er sich immer wieder verneigte und niederwarf, wurde von jedermann bestätigt. Die künftig durch andauernde Spaltungen (fitnah)hervorgerufenen
Kämpfe waren nicht seine Schuld. Seine Absicht (niyah)und sein Wunsch richtete sich vielmehr auf Gottes Huld (fadl).
Sechstens:
ذٰلِكَ مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ
{"Das ist ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Dieser Satz gibt in zweierlei Hinsicht Nachricht aus dem Verborgenen.
Erstens
gibt er Kunde über die Qualitäten der Sahabis, wie sie in der Thora erwähnt werden, was aber für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, (einer Nachricht aus dem) Verborgenen gleich kam, weil er doch Analphabet war. Wie bereits im Neunzehnten Brief dargestellt wurde, finden sich in der Thora tatsächlich folgende Sätze über die Gefährten des Propheten, der am Ende der Zeiten kommen sollte: "Die Fahnen der Heiligen finden sich an ihren (Stirnen)." Das heißt, seine Gefährten würden Leute der Frömmigkeit und des Gebetes sein, Leute der Aufrichtigkeit und der Gottesfreundschaft, was mit dem Ausdruck "die, welche geläutert wurden (qudsiler)",d.h. "die Heiligen (Gottes; muqaddes)",umschrieben wird. Obwohl doch die Thora (während ihrer Entstehungszeit) mehrfach umgearbeitet worden ist, bestätigt sie dennoch mit vielen Versen, was in der "Suratu-l'Fath"heißt: مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ {"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Der zweite Aspekt dieser Kunde aus dem Verborgenen ist dieser:
مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ
{"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Mit diesem Satz wird verkündigt: "Die Sahabis und
die Tabiine(= die erste und zweite Generation der Gefährten) werden in ihrem Dienst (ibadet)und in der Anbetung einen solchen Grad erlangen, dass das Leuchten ihres Geistes (ruh)auf ihrem Antlitz glänzen wird und die Male vieler Niederwerfungen werden sich auf ihren Stirnen bilden und als eine Art Siegel der Gottesfreundschaft auf ihnen sichtbar werden." Die Zukunft hat dies in der Tat ohne allen Zweifel, in glänzender Weise und ganz klar erwiesen. Zahlreiche gewichtige Persönlichkeiten, wie Seynu-l'Abidin, der trotz so vieler seltsamer politischer Spaltungen und Unruhen Tag und Nacht tausend Rekat Gebet verrichtete und Ta'us-u Yemeni, der vierzig Jahre lang das Morgengebet mit dem Abdest(= rituelle Waschung) des Nachtgebets verrichtete, zeigten das Geheimnis von مَثَلُهُمْ فِى التَّوْرٰيةِ {"Ein Gleichnis für sie in der Thora."}
Siebentens:
وَمَثلُهُمْ فِى الْاِنْجِيلِ كَزَرْعٍ اَخْرَجَ شَطْئَهُ فَاٰزَرَهُ فَاسْتَغْلَظَ فَاسْتَوٰى عَلٰى سُوقِهِ يُعْجِبُ الزُّرَّاعَ لِيَغِيظَ بِهِمُ الْكُفَّارَ
{"Ihr Gleichnis im Evangelium ist: ein Saatfeld, dass seine Triebe hervorbringt und sie stärker werden und schließlich als Halme aufrecht stehen lässt, zur Freude derer, die sie gesät haben, wodurch Er die Ungläubigen in Wut versetzt."}
Dieser Satz gibt in folgender Hinsicht Kunde aus dem Unsichtbaren.
Er gibt Kunde über die Qualitäten der Sahabis, wie sie in den Evangelien erwähnt werden, was aber für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, (einer Nachricht aus dem) Verborgenen gleich kam, weil er doch Analphabet war.
Und ferner verkünden diese Sätze: Die Sahabis akzeptierten zwar den Friedensvertrag von Hudeybiya aus ihrer Schwäche heraus und auf Grund ihrer geringen Zahl.
Doch in ganz kurzer Zeit wuchs (ihre Gemeinde) so sehr, gewann an Macht und Glanz, dass sie, ausgesät von der Hand des Allmächtigen über jenen Ackerboden, der das Antlitz der Erde ist, sich (an Zahl) vermehrte, in einer erhabenen, mächtigen, fruchtbaren und gesegneten Weise. Besonders aber hinsichtlich ihrer (Samenkörner) und Keimlinge, die in jener Zeit noch klein, schwach und unvollkommen war und auf Grund der Gottvergessenheit des Menschengeschlechtes des Segens entbehrte, vermehrten sie sich nun und gewannen an Stärke, sodass die Reiche (der Mächtigen in all ihrem) Glanz vor Neid (hased),Eifersucht und Hass in Wut gerieten. In der Zukunft bewahrheitete sich diese Kunde aus dem Verborgenen in der Tat in einer besonders strahlenden Weise.
In dieser Kunde findet sich noch ein indirekter Hinweis:
Er zeigt durch das Wort مَغْفِرَةً {"Vergebung"} dass die Sahabis zwar wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften gepriesen werden, sodass ihnen eigentlich höchste Belohnungen versprochen werden sollten, unter den Sahabis aber künftig auf Grund von Zwistigkeiten bedeutende Fehler vorkommen würden, weil ja das Wort "Vergebung" das Vorhandensein von Fehlern anzeigt. Und in den Augen der Sahabis würde in dieser Zeit, das, wonach sie sich am meisten sehnten und die höchste Wohltat (wonach sie am meisten verlangten) die "Verzeihung ", und die größte Belohnung jene Vergebung und Verschonung von Strafen sein werde. Und so wie das Wort مَغْفِرَةً {"Verzeihung"} diesen indirekten Hinweis enthält, so steht es auch mit der Ayah am Anfang der Sure in Verbindung.
لِيَغْفِرَ لَكَ اللّٰهُ مَا تَقَدَّمَ مِنْ ذَنْبِكَ وَمَا تَاَخَّرَ
{"Damit Gott Dir deine Sünden vergeben möge, die früheren und die späteren." (Sure 48, 2)}
Am Anfang dieser Sure (ist nicht von) der Vergebung von wahren Sünden (die Rede). Denn da ist nur eine unbefleckte Reinheit. Eine Sünde gibt es nicht. Vielmehr fügt die gute Nachricht von der Vergebung, die dem Propheten (zuteil werden soll) eine Auslegung wie sie eines solchen Ranges wie dem (maqam)des Prophetentums würdig ist, (am Anfang dieser Sure) und die gute Nachricht von der Vergebung, die den Sahabis (zuteil werden soll) am Ende (dieser Sure) der Bedeutung (von der Vergebung) noch eine besondere Feinheit (letaif)hinzu.
So ist denn (der Qur'an) unter zehn (verschiedenen) Aspekten betrachtet ein Wunder, so wie es in den bekannten, oben erwähnten drei Ayat am Ende der Suratul'Fath (sichtbar wird), wovon wir hier aber nur den Aspekt einer Nachricht aus dem Verborgenen (behandelt haben), der wiederum sehr viele Aspekte (aufweist), von denen wir hier sieben erläutert haben. Im Anhang zum Siebenundzwanzigsten Wort, worin auch von den Sahabis die Rede ist, wurde auf einen wichtigen Blitz dieses Wunders verwiesen, das in der Satzkonstruktion (zum Ausdruck kommt). So wie diese letzte Ayah mit ihren Sätzen auf die Sahabis ausgerichtet ist, so verweist sie auch mit ihrer Satzkonstruktion auf die Lage der Sahabis. Und so wie sie Eigenschaften der Sahabis in Worten und mit der Satzstellung beschreiben, so auch durch einzelne Buchstaben, und so wie sie durch die Anzahl der Wiederholungen einzelner Buchstaben in dieser Ayah wiederum auf die Persönlichkeiten in den Schichten berühmter Sahabis verweist, wie die Gefährten von Bedr, Uhud, Huneyn, Riduan und die Leute des Hofes (Suffa),so drückt sie auch eine Vielzahl weiterer Geheimnisse durch Übereinstimmung (tevafuq)und durch spezielle Berechnungen (ebdjed)aus,
welche ein Zweig der Wissenschaft von den Zahlen (djifr)und deren Schlüssel ist.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنآَ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du. Wirhaben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Im Zusammenhang mit den Verlautbarungen, die sich durch ihre indirekte Bedeutung der Ayah am Ende der Suratu-l'Fathauf das Verborgene (beziehen), sollen in den folgenden Ayat ähnliche Verlautbarungen kurz besprochen werden, die ebenfalls in dieser indirekten Form gegeben wurden.
* * *
Nachwort
وَلَهَدَيْنَاهُمْ صِرَاطًا مُسْتَقِيمًا ٭ وَمَنْ يُطِعِ اللّٰهَ وَالرَّسُولَ فَاُولٰٓئِكَ مَعَ الَّذِينَ اَنْعَمَ اللّٰهُ عَلَيْهِمْ مِنَ النَّبِيِّينَ وَالصِّدِّيقِينَ وَالشُّهَدَآءِ وَالصَّالِحِينَ وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا
{"Und wir würden ihnen ja den rechten Weg gezeigt haben. Und die Gott und dem Propheten gehorchen, dass sind die, welche mit denen sind, denen Gott Gnade erwiesen hat: die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 68-69)}
Unter Tausenden von Punkten, die diese Ayah erklären, wollen wir hier auf zwei Punkte hinweisen.
Erster Punkt:
So wie der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, der Wahrheit durch die Bedeutung seiner Wörter und Sätze Ausdruck verleiht, so auch indirekt durch die Bedeutung, die sich aus Form und Stil (uslub)(ergibt). Jede seiner Ayat enthält viele Ebenen (unterschiedlichster) Bedeutung. Da aber der Qur'an von einem allumfassenden Wissen ausgeht, können (alle diese verschiedenen) Bedeutungen beabsichtigt sein. Doch (im Gegensatz) zu den Worten des Menschen mit seiner eingeschränkten
Gedankenwelt (djuz-i fikr)und seinem ganz persönlichen Wollen (irade),beschränkt er sich nicht auf ein oder zwei Bedeutungen.
So ist es denn aus diesem Grunde (sirr),dass die Kommentatoren (ehl-i tefsir)zahllose Wahrheiten der Ayat des Qur'an erklären konnten. Und es gibt noch viele andere mehr, die sie bisher noch nicht erklärt haben. Und besonders zu seiner wörtlichen Bedeutung gibt es noch viel bedeutendes Wissen, das sich von seinen Buchstaben (ableiten lässt) oder aus seiner indirekten Bedeutung ergibt.
Zweiter Punkt:
مِنَ النَّبِيِّينَ وَالصِّدِّيقِينَ وَالشُّهَدَآءِ وَالصَّالِحِينَ وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا
{"Die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
So ist es denn diese Ehrenwerte Ayah, welche zum Ausdruck bringt, dass die Gruppe der Propheten, die Karawane der Aufrechten, die Gemeinschaft der Märtyrer, die Klasse der Rechtschaffenen und diejenigen, die ihnen folgen, Leute des Menschengeschlechtes, auf dem rechten Wege sind, die in Wahrheit die göttlichen Gnadengaben empfangen, und die darüber hinaus in aller Klarheit auf die vollkommensten unter diesen fünf Gruppen in der Welt des Islam (islamiyet)hinweist und dann die Leiter und vornehmsten Anführer dieser fünf Gruppen durch die Erwähnung ihrer sehr gut bekannten Eigenschaften und durch einen Hinweis bekannt macht, wobei sie auch mit einer Art von Blitzlicht ihrer Wunderhaftigkeit eine Nachricht aus dem Unsichtbaren überbringt und somit in gewisser Hinsicht die Stellung dieser Anführer festlegt. مِنَ النَّبِيِّينَ {"von den Propheten" (Sure 4, 69)}
Diese (Qur'anstelle) bezieht sich ausdrücklich auf den Propheten Mohammed, mit dem Friede und Segen sei.
وَالصِّدِّيقِينَ {"von den Getreuen" (Sure 4, 69)}
Diese (Qur'anstelle) bezieht sich auf Abu Baqr-us Siddiq. Sie weist außerdem darauf hin, dass er der zweite nach dem Propheten sein werde, mit dem Friede und Segen sei, und der erste, der seinen Platz einnehmen werde, und dass er in seiner Gemeinde unter dem Beinamen "der Getreue (Siddiq)"bekannt werden würde und man ihn an der Spitze seiner Getreuen (siddiqien)sehen werde. وَالشُّهَدَآءِ {"von den Blutzeugen" (Sure 4, 69)}
Dieses Wort bezieht sich auf Hasret Omar, Hasret Osman und Hasret Ali (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein), d.h. auf alle drei gemeinsam. Ferner weist diese Kunde aus dem Unsichtbaren indirekt auch darauf hin, dass alle drei nach "dem Getreuen (Siddiq)"zu Nachfolgern des Propheten benannt werden würden, dass sie alle drei den Märtyrertod sterben würden und sie die Tugend ihrer Zeugenschaft ihren übrigen Tugenden hinzufügen würden. وَالصَّالِحِينَ {"von den Rechtschaffenen" (Sure 4, 69)}
Dieses Wort bezieht sich auf so außerordentliche Persönlichkeiten, wie die Gefährten von Riduan und Bedr und die Leute des Hofes (Suffa).
وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا
{"Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
Dieser ganz klare Ausdruck ermuntert dazu, ihnen zu folgen, um der nachfolgenden Generation (= Tabiine)zu zeigen, wie vorzüglich dies ist und welch hohe Ehre, und weist indirekt darauf hin:
اِنَّ الْخِلاَفَةَ بَعْدِى ثَلاَثُونَ سَنَةً
{"Fürwahr, nach mir wird das Kalifat noch dreißig Jahre währen."}
womit angedeutet werden soll, dass Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, nach dem vierten Kalifen der fünfte sein und somit die Hadith bestätigen werde, und zugleich darauf hingewiesen werden soll, welch hohen Wert das Kalifat, trotz der Kürze seiner Dauer insgesamt haben werde.
Kurzum:
So wie die Ayah am Ende der Suratu-l'Fath sich auf die vier rechtgeleiteten Kalifen bezieht, so bezieht sich diese Ayah (4, 69 in diesem Anhang) als ein teilweise indirekter Hinweis auf deren zukünftige Stellung, womit diese Kunde aus dem Verborgenen bestätigt wird. So gibt es denn sehr viele von diesen Funken der Wunderhaftigkeit, welche als eine Kunde aus dem Verborgenen (ikhbar-i ghayb)eine von den (zehn)Arten jenes Wunders (darstellen), das der Qur'an ist, sodass man sie nicht (mehr)zählen kann. Theologen (ehl-i zahirin),die sie (im Gegensatz zu den Sufis, also den Esoterikern - A.d.Ü.) auf vierzig, fünfzig Ayat beschränken, tun dies auf Grund ihrer oberflächlichen, rein äußerlichen Betrachtungsweise. In Wirklichkeit gibt es (von diesen Ayat) mehr als Tausend. Ja manchmal finden sich in einer einzigen Ayah vier, fünf Aspekte einer Nachricht aus dem Verborgenen.
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Eine zweite Erklärung zu diesem Anhang
{(*): Da meine Brüder die obigen Erklärungen beide für lehrreich gehalten haben, sind sie auch beide niedergeschrieben worden. Andernfalls wäre auch eine von ihnen genug gewesen.}
So wie der Hinweis am Ende der Suratu-l'Fath bestätigt wird, und so wie die Ayah
صِرَاطَ الَّذِينَ اَنْعَمْتَ عَلَيْهِمْ
{"Den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast." (Sure 1, 5)}
der Ehrwürdigen Suratu-l'Fatiha,(die entsprechend der weiter unten folgenden Ayah) erklärt, wer mit den Leuten des rechten Weges gemeint ist, und so wie (die folgende Ayah) die zahlreiche, leuchtende, miteinander vertraute, mitreißende Schar von Gefährten beschreibt, die auf diesem langen Weg seit unendlichen (Zeiten) in die Ewigkeit zieht, und die Leute des Glaubens und ihre Begleiter in einem bewussten (Leben) auf wunderbare Weise und mit großem Ernst dazu führt, dass sie sich in der Nachfolge (der Propheten) dieser Schar einreihen und mit ihr weiter ziehen, so zeigt diese letzte Ayah am Ende der Suratu-l'-Fath
فَاُولٰٓئِكَ مَعَ الَّذِينَ اَنْعَمَ اللّٰهُ عَلَيْهِمْ مِنَ النَّبِيِّينَ وَالصِّدِّيقِينَ وَالشُّهَدَآءِ وَالصَّالِحِينَ وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا
{"Die, welche mit denen sind, denen Gott Gnade erwiesen hat: die Propheten, die Getreuen, die Blutzeugen und die Rechtschaffenen. Welch treffliche Gefährten!" (Sure 4, 69)}
wenn sie außer in ihrer wörtlichen Bedeutung auch indirekt darauf hinweist, also figurativ (maarid-ul kelam)oder verbal gesprochen (mustetbeatu-t'terakib)auch auf die vier rechtgeleiteten Kalifen und Hasret Hassan als fünftem Kalifen, mit dem Gott zufrieden sein möge. Sie gibt also in verschiedener Hinsicht Kunde aus dem Verborgenen.
Es ist dies wie folgt:
So wie die obige Ayah in ihrer wörtlichen Bedeutung zum Ausdruck bringt, dass die Karawane der Propheten, die Gruppe der Getreuen, die Gemeinschaft der Märtyrer, die Arten der Rechtschaffenen, die Klasse derer, die ihnen nachfolgen, "treffliche Gefährten" sind, Leute des Rechten Weges (ehl-i sirat-i mustaqiem),und diejenigen des Menschengeschlechtes, die die erhabenen göttlichen Gnadengaben empfangen, so zeigt sie auch in einer Weise, welche Kunde aus dem Verborgenen gibt, dass die edelsten und vornehmsten dieser Gruppen, wie sie sich in der Welt des Islam finden, die folgenden sind: Sie verweisen auf die Gruppe der Erben der Propheten, die aus der Erbschaft des Prophetentums gleich einer Kette (silsilah)hervorgeht, die das Geheimnis des Botschafters Gottes am Ende der Zeiten ist, und die Karawane der Getreuen, die von der Quelle der Aufrichtigkeit des Großen Getreuen (Siddiqi Ekber = Abu Baqr)gleich einer Kette (silsilah)hervorgeht und die Schar der Märtyrer, die durch den Rang des Märtyrertums mit den drei rechtgeleiteten Kalifen verbunden sind, und die Gemeinschaft der Aufrechten, die durch das Geheimnis
وَالَّذِينَ اٰمَنوُا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ
{"Und die welche glauben und gute Werke tun." (Sure 2, 82)}
miteinander verbunden sind und die Klasse der Gefährten der zweiten Generation (tabiin),welche dem Geheimnis
قُلْ اِنْ كُنْتُمْ تُحِبُّونَ اللّٰهَ فَاتَّبِعُونِى يُحْبِبْكُمُ اللّٰهُ
{"Sag: Wenn ihr Gott liebt, so folgt mir: Gott wird euch lieben und euch eure Sünden vergeben, denn Gott ist der, welcher oft vergibt, der Barmherzige." (Sure 3, 31)}
entsprechend der Gemeinschaft der Sahabis und der rechtgeleiteten Kalifen folgen. So gibt sie denn auch in einer
weiter gefassten Auslegung Kunde mit dem Ausdruck وَالصِّدِّيقِينَ {"der Getreue"} dass Abu Baqr, der Getreue, nach dem Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, dessen Platz einnehmen und sein Kalif (= Nachfolger) sein werde, berühmt in der islamischen Gemeinschaft unter dem Titel "der Getreue (Siddiq)"und dass er der Anführer der Schar der Getreuen sein werde. Mit dem Ausdruck وَالشُّهَدَآءِ {"die Blutzeugen"} sagt sie den Märtyrertod von drei der Rechtgeleiteten Kalifen voraus, dass also nach dem "Getreuen" noch drei Märtyrer und Kalif sein würden.
Denn das Wort شُّهَدَآءِ {"Märtyrer"} steht im Plural.
Die Mindestanzahl (der Personen für den arab.) Plural ist aber drei. Was besagt, dass Hasret Omar, Hasret Osman und Hasret Ali (mit denen Gott zufrieden sein möge) nach dem "Getreuen" an die Spitze der islamischen Gemeinschaft (Islamiyet)treten und Märtyrer werden würden. Und dies geschah entsprechend der Verlautbarung aus dem Unsichtbaren.
Und so wie sie des Weiteren mit dem Ausdruck وَالصَّالِحِينَ {"die Aufrechten"} Kunde geben, dass die Aufrechten, die Leute der Gottesfurcht (taqwa),
des Dienstes und der Anbetung gleich den Leuten vom Hofe (Suffa),die es erreicht hatten, sich ihrer lobenden (Erwähnung) in der Thora würdig zu erweisen, in Zukunft zahlreich sein werden. Während der Ausdruck وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا {"Welch treffliche Gefährten!"} die Generation derer preist, die den Sahabis in Wort und Tat (ilim ve amel)folgte (d.h. die Tabiine)und zeigt, wie gut und richtig es ist, sich den vier Gruppen auf dem Weg der Ewigkeit anzuschließen. Wenn auch die Dauer des Kalifats von Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, mit nur wenigen Monaten kurz war, so bestätigte doch der Prophet durch eine Verlautbarung aus dem Unsichtbaren
اِنَّ الْخِلاَفَةَ بَعْدِى ثَلاَثُونَ سَنَةً
{"Fürwahr, das Kalifat wird nach mir noch dreißig Jahre währen."}
Dabei wurde auch die folgende Hadith des Propheten
اِبْنِى حَسَنٌ هٰذَا سَيِّدٌ سَيُصْلِحُ اللّٰهُ بِهِ بَيْنَ فِئَتَيْنِ عَظِيمَتَيْنِ
{"Dieser mein Enkel Hasan wird der Herr sein, durch den Gott zwei große Gruppen miteinander versöhnen wird."}
als eine wunderbare Kunde aus dem Unsichtbaren bestätigt. Denn durch ihn wurden zwei gewaltige Heere, große islamische Gemeinschaften, miteinander versöhnt und was strittig war zwischen ihnen ausgeräumt, was zeigt, dass das Kalifat von Hasret Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, wenn auch nur von kurzer Dauer, dennoch von Bedeutung war, weshalb er zu den (bisherigen) vier Kalifen als fünfter Kalif hinzugezählt wurde, wobei eine Art Verlautbarung aus dem Verborgenen mit den Worten
وَحَسُنَ اُولٰٓئِكَ رَفِيقًا {"Welch treffliche Gefährten!"} als indirekter Hinweis zu sehen ist, der nach einer internen Regel (sirr)der Rhetorik als figurativ (Mustatba'atu-t'-tarakib)bezeichnet wird, und ein Hinweis, auf den Namen des fünften Kalifen (Hassan( حَسَنْ ) = der Vortreffliche) ist.
So gibt es noch viele weitere Geheimnisse gleich diesen oben erwähnten indirekten Hinweisen. Weil sie hier aber nicht weiter in Betracht kommen, hat sich diese Türe auch nicht geöffnet. Es gibt viele Ayat des Weisen Qur'an, unter denen eine jede in vielerlei Hinsicht eine solche Art Kunde aus dem Verborgenen ist. Von dieser Art Verlautbarungen aus dem Unsichtbaren finden sich Tausende im Qur'an.
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Schlusswort
Es gibt da noch einige Anmerkungen zu dem Wunder, das sich im Weisen Qur'an bezüglich der Übereinstimmungen (tevafuq)zeigt. Eine dieser Anmerkungen ist folgende:
Im Weisen Qur'an kommen die Namen "Allah", "Rahman"(der Erbarmer), "Rahiem"(der Barmherzige), "Rabb"(Herr) und "Hu"(Er) als " Ism-i Djelal"(Name Gottes in Seiner Majestät) insgesamt ungefähr 4000 Mal vor.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
(Folgt man der Ebdjed-Rechnung der zweiten Art der Buchstabenfolge entsprechend) Auch hier ist das Ergebnis in etwa 4000 (als Gesamtwert aller Buchstaben). Da bei großen Summen kleine Bruchteile die Übereinstimmung nicht beeinträchtigen, wurden diese kleinen Bruchteile hier nicht mit in Betracht gezogen.
Des Weiteren ergibt الٓمٓ {"Alif-Lam-Mim". (*) Liest man diese drei Buchstaben nicht im Zusammenhang als "elem"- اَلَمْ (= Schmerz), sondern einzeln für sich, so ist zwischen ihnen ein "ve"- وَ (= und) dazu zu denken, also "alif"- اَلِفْ und "lam"- لَامْ und "mim"- مِيمْ . (A.d.Ü.)} fügt man noch die beiden verbindenden "ve"- وَ {Gesprochen "ve"- وَ (= und), geschrieben "wau"- وَاوْ (= Buchstabe w) (A.d.Ü.)} hinzu und rechnet ihren Buchstabenwert (zu dem Wert der acht Buchstaben "alf-lam-mm"- لِفْ - لَامْ - مِيمْ) hinzu, so ergibt sich etwa
280. Desgleichen findet sich in der Suratu-l'Baqara der Majestätische Name (= Allah)280 Mal, was zusammen mit der Anzahl der Ayat dieser Sure, also nochmals etwa 280 in Übereinstimmung, nach der Ebdjed-Rechnung in zweiter Zählart wiederum 4000 ergibt. Beides aber stimmt mit (der Anzahl) der fünf oben erwähnten (im Qur'an erscheinenden) bekannten Namen (Allah, Rahman, Rahiem, Rabb, Hu)überein und stimmt, lässt man wiederum die Bruchteile außer Betracht mit dem Zahlenwert von
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
überein. Also ist Alif-Lam-Mimالٓمٓ auf Grund des Geheimnisses dieser Übereinstimmung sowohl ein Name dessen, der mit (den oben erwähnten fünf Namen) benannt ist, als auch ein Name für die Suratu-l'Baqara,als auch ein Name für den Qur'an, als auch eine Zusammenfassung des Inhaltsverzeichnisses beider (Sure und Qur'an), als auch ein Extrakt, ein Resümee und der Kern beider, als auch eine Zusammenfassung von
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
Entsprechend der bekannten Ebdjed-Rechnung ist (der Wert von)
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
gleich der Anzahl "Rabb"(= Vorkommen des Wortes "Herr").
Zählt man in ähnlicher Weise das "R"-ر in "er-Rahman"الرَّحْمٰنِ (geschrieben: el Rahman), "er-Rahiem"الرَّحِيمِ (geschrieben: el Rahiem)doppelt, so ergibt sich aus
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
der Wert: 990, eine Quelle zahlreicher bedeutender Geheimnisse, bei einer gleichzeitigen Anzahl von 19 Buchstaben der Schlüssel zu 19 Tausend Welten.
Unter den Feinheiten dieser Übereinstimmungen des Majestätischen Wortes (Allah)im Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, finden sich im ganzen Qur'an in der letzten Zeile einer Seite auf der rechten Blatthälfte 80 Majestätische Namen (= Allah),die jeweils übereinander liegend miteinander korrespondieren, wobei gleichzeitig auch auf der linken Blatthälfte 80 Majestätische Namen jeweils wiederum übereinander liegend miteinander korrespondieren. Und abermals finden sich auch in der Mitte der letzten Zeile wiederum 55 Majestätische Namen, jeweils übereinander liegend und vereinigen sich so, als wollten sie miteinander eine Einheit bilden. Betrachtet man nur (das erste Wort) zu Beginn der letzten Zeile, so finden sich dort manchmal kurze Worte mit vielleicht nur drei Buchstaben, von denen 25 mit gelegentlichen Unterbrechungen ganz genau übereinander liegen, sodass sich, zählt man diese noch zu den ursprünglichen, in der Mitte liegenden 25 Übereinstimmungen hinzu, wiederum 80 Übereinstimmungen ergeben, die mit den 80 Übereinstimmungen auf der rechten Blatthälfte und den 80 Übereinstimmungen auf der linken Blatthälfte übereinstimmen. Ja könnte denn eine solche subtile, feinsinnige, wohlgeordnete, ausgewogene, wundersame Übereinstimmung ohne Weisheit und Feinsinnigkeit sein? Gott bewahre! Das kann nicht sein. Sicherlich könnte diese Übereinstimmung gleich dem Faden (der Ariadne) auf den Weg zu einem bedeutenden, vergrabenen Schatz führen.
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Said Nursi
* * *
Achter Blitz
Eine Abhandlung über ein Wunder von Ghausi (= Scheich Geylani)
Sie wurde in dem Band "Bestätigung eines Siegels aus dem Verborgenen (Sikke-i Tasdik-i Gaybi)"veröffentlicht und ist in dem Band der handschriftlich verfassten "Blitze (Lemalar)"enthalten.
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Neunter Blitz
Wurde in dem Band der handschriftlich verfassten "Blitze (Lemalar)" veröffentlicht.
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Zehnter Blitz
Eine Abhandlung über die Schläge der Göttlichen Liebe (Shefqat Tokat Risalesi)
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ يَوْمَ تَجِدُ كُلُّ نَفْسٍ مَا عَمِلَتْ مِنْ خَيْرٍ مُحْضَرًا وَمَا عَمِلَتْ مِنْ سُوٓءٍ تَوَدُّ لَوْ اَنَّ بَيْنَهَا وَبَيْنَهُ اَمَدًا بَعِيدًا وَيُحَذِّرُكُمُ اللّٰهُ نَفْسَهُ وَاللّٰهُ رَؤُوفٌ بِالْعِبَادِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. An dem Tag, da jede Seele sich dem gegenübergestellt finden wird, was sie an Gutem getan hat und was sie an Bösem getan hat, wird sie wünschen, es wäre zwischen dem und ihr ein großer Abstand. Und Gott warnt euch vor Sich Selbst. Und Gott hat Mitleid mit den Dienern." (Sure 3, 30)}
Der tiefere Sinn (sirr)dieser Ayah wird durch die Erklärung solcher Schläge Göttlicher Liebe (shefqat tokat)erhellt, wie sie meine Freunde im Dienst am Qur'an zufolge aller Fehler und allen Versagens auf Grund ihrer menschlichen Natur bekommen haben. Es soll hier nun eine Aufeinanderfolge von Wundern (keramet)im Dienst am Qur'an, sowie eine Art Wunder von Ghausu-l'A'dham (= Scheich Geylani)erklärt werden, der mit Gottes Erlaubnis über diesen heiligen Dienst wacht und ihn mit seinem geistigen Einfluss und mit seinem Gebet (dua)unterstützt, damit die, die sich zu diesem heiligen Dienst einfinden, bei ihrem Dienst nicht in ihrem Ernst nachlassen mögen.
Es gibt drei Arten von Wundern (keramet)
in diesem heiligen Dienst (hizmet-i qudsiye):
Die erste Art
geschieht unter jenem Aspekt, der diesen Dienst vorbereitet und Seine Diener dazu anleitet, diesen Dienst auszuführen.
Die zweite Art
dient der Beseitigung von Hindernissen,
der Abwehr aller Bosheit derer, die (dem Dienst) schaden wollen und dafür ihre Schläge erhalten.
Es gibt bei diesen beiden Arten sehr viele Vorfälle und (sie zu schildern erfordert) sehr viel Zeit. Wir stellen sie daher für später zurück und wollen hier nun erst eine dritte Art besprechen, bei der es um besonders leichte (Schläge) geht.
{Zum Beispiel: Die (Anführer der) Volkspartei mussten noch in dieser Welt mehr an Strafe erleiden als alle Schikanen, Quälereien und Hinterlisten, die sie den Schülern der Risale-i Nur angetan hatten, und mussten nun selbst das gleiche erleben.}
Die dritte Art
ist die folgende: Wann immer diejenigen, welche sich ehrlich und aufrichtig für diesen Dienst einsetzen, in ihrem Eifer nachlassen, erhalten sie einen zärtlichen Klaps (shefqatli bir tokat),sodass sie wieder wach werden und (mit frischem Mut) in ihrem Dienst (hizmet)fortfahren. Vorfälle dieser Art gibt es mehr als hundert. Bei nur zwanzig Vorfällen (dieser Art) empfingen dreizehn oder vierzehn lediglich einen leichten Klaps, während sechs oder sieben einen schweren Schlag erlitten.
Der erste Fall betrifft diesen armseligen Said.
Wann immer ich meines Dienstes überdrüssig geworden war und mich fragte: "Was geht mich das eigentlich an?" und mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war, bekam ich einen Klaps. So gelangte ich zu der Überzeugung, dass ich diesen Klaps wegen meiner Nachlässigkeit bekommen hatte. Denn was immer der Grund gewesen sein mochte, weswegen ich abgelenkt und verführt worden war: ich bekam immer wieder einen Klaps dafür, der das Gegenteil bedeutete. Und wenn ich dann meine Aufmerksamkeit all meinen aufrichtigen Freunden zuwandte, die gleich mir einen solchen Klaps bekommen hatten, so bemerkte ich, dass auch sie, was immer sie beabsichtigt hatten, einen Klaps aus der genauen Gegenrichtung erhalten hatten, sodass wir zu der Überzeugung gelangt sind, dass diese Vorfälle Wunder (keramet)
waren, die sich zufolge unseres Dienstes am Qur'an ereigneten. Zum Beispiel:
Solange wie dieser armselige Said, damals noch in der Zeit von Scheich Said, damit beschäftigt war, in Van Unterricht in den Wahrheiten des Qur'an zu erteilen, hat sich die Verwaltung in ihrem Argwohn (vesvese)niemals eingemischt und konnte das auch gar nicht. Wenn ich dann also sagte: "Was habe ich damit zu tun?", dann dachte ich nur an mich selbst, zog mich in eine Ruine in einem Höhlen(dorf) am Berg Erek zurück, um (meine Seele) für das Jenseits zu retten. Da holten sie mich ohne jeden Grund heraus und schickten mich in die Verbannung. So wurde ich nach Burdur gebracht.
Auch dort wiederum blieben, solange ich dem Qur'an diente - und zu damaliger Zeit wurden alle die Verbannten sehr genau beobachtet und mussten sich an jedem Abend persönlich bei der Polizei melden - ich und meine aufrichtigen Studenten eine Ausnahme. Ich bin also niemals in Person erschienen und habe auch die Regierung nicht anerkannt. Als dann Fevzi Pascha (= der Oberkommandierende des türkischen Militärs - A.d.Ü.) zu Besuch kam, beschwerte sich der Gouverneur bei ihm darüber. Fevzi Pascha aber sagte zu ihm: "Belästigt ihn nicht, sondern behandelt ihn mit Respekt (hürmet)!"Was ihn damals dazu veranlasste, war die Heiligkeit des Dienstes am Qur'an. Wann immer aber mich der Gedanke überfiel, meine Seele (nefs)zu retten und nur noch an das Jenseits zu denken, und ich im Dienst am Qur'an einmal vorübergehend nachlässig wurde, bekam ich ganz im Gegensatz zu meinen Absichten wieder einen Schlag ins Gesicht, das heißt, ich wurde von einem Exil ins nächste, also nach Isparta überführt. In Isparta nahm ich dann meinen Dienst wieder auf. Zwanzig Tage später sagten ein paar furchtsame Menschen mahnend und warnend zu mir: "Vielleicht würde die Regierung deine augenblicklichen (Lebens)umstände gar nicht gerne sehen. Wenn du doch ein klein wenig vorsichtiger wärest, würde es besser für dich
sein." Wiederum gewann die Idee, nur noch an mich selbst zu denken, Macht über mich. So sagte ich denn: "Erbarmen (Aman)!Die Leute (Khalklar)sollen nicht kommen." Und wiederum wurde ich aus diesem Exil in ein drittes Exil, nach Barla, überstellt. Wannimmer in Barla mich ein Gefühl von Überdruss und Schwäche überkam und die Idee, nur noch an mich selbst zu denken, Macht über mich gewinnen wollte, kam diese Schlangenbrut weltlich gesinnter Leute zu mir und einer dieser Heuchler (munafiq)suchte mich heim. Während der (letzten) acht Jahre gab es achtzig Vorfälle dieser Art, von denen ich erzählen könnte, weil ich sie selbst erlebt habe. Ich will damit aber (niemanden) belästigen und fasse mich daher kurz.
Oh meine Brüder! Ich habe euch von den Schlägen erzählt, die ich aus den Händen der Göttlichen Liebe (shefqat tokat)empfangen habe. Nun will ich mit eurer Nachsicht und Erlaubnis auch von den Schlägen berichten, die in dieser Liebe auch über eure Häupter gekommen sind. Seid, also bitte nicht gekränkt. Wer sich aber gekränkt fühlt, dessen Namen will ich hier nicht veröffentlichen.
Der zweite Fall betrifft meinen leiblichen Bruder und ersten Schüler Abdulmecid.
Er war mein bester Schüler, bereit zu jeglichem Opfer und besaß ein schönes Haus in Van. Er hatte ein gutes Einkommen. Und außerdem war er Lehrer. Er folgte nicht denen, die mich entgegen meinem Willen ins Grenzgebiet schicken wollten, dorthin, wo man des Dienstes am Qur'an noch mehr bedurfte. Da er glaubte, es sei gut für mich, stimmte er dem nicht zu. Wäre ich ins Grenzgebiet gegangen, so wäre der Dienst am Qur'an rein und frei von politischen Vorstellungen nicht möglich gewesen. Zudem sagte er sich, dass man ihn aus Van vertrieben hätte und stimmte dem also nicht zu. Entgegen dem, was er eigentlich beabsichtigt hatte, erteilte ihm die Göttliche Liebe einen kleinen Klaps. Er wurde aus Van entfernt, verlor sein schönes Haus und wurde gezwungen, seine Heimat zu verlassen und nach Ergani zu gehen.
Der dritte Fall betrifft Hulusi Bey, der unter den Mitgliedern und Dienern am Qur'an einer der bedeutendsten war.
Er war aus Egridir in seine Heimat zurückgekehrt, wo die Umstände günstig waren, das Glück in dieser Welt vollkommen zu erlangen und zu genießen. Das aber war möglicherweise die Ursache, die ihn im Dienste des Qur'an, der nur auf das Jenseits ausgerichtet ist, in gewissem Grade nachlässig werden ließ. Denn nun war er wieder mit seinen Eltern vereinigt, die er so lange nicht mehr gesehen hatte. Er war wieder zurück in seiner Heimat. Und da er mit Rang und Namen und in Ehren wieder zurückkehrte, so lächelte ihm die Welt und sie erschien ihm gut und schön, während denen, welche im Dienst am Qur'an stehen entweder die Welt nicht mehr genügt, sodass sie sich enttäuscht von ihr abwenden, oder aber die Welt sich enttäuscht von ihnen abwendet, worauf sie sich nun ernsthaft und aufrichtig dem Dienst am Qur'an zuwenden können.
Nun war wohl Hulusis Herz nicht zu erschüttern, doch weil diese Situation ihn zur Nachlässigkeit verleitete, erhielt er nun einen Klaps von der Göttlichen Liebe. Ein oder zwei volle Jahre wurde er von einigen Heuchlern (munafiq)so belästigt, dass auch die weltlichen Freuden ihm vergingen. Dies aber bewirkte, dass sowohl er sich enttäuscht von der Welt abwandte, als auch die Welt ihm enttäuscht den Rücken kehrte. So wandte er sich denn wieder seiner Aufgabe zu, mit allem Ernst und so, wie sie es erforderte.
Der vierte Fall betrifft Muhadjir Hafiz Ahmed.
Er selbst erzählt:
"Ich muss in der Tat bekennen, dass ich vom jenseitigen Standpunkt aus gesehen eine völlig falsche Vorstellung (idjtihad)über meinen Dienst am Qur'an gehabt habe. Ich hatte damals einen Wunsch, der mich im Dienst am Qur'an nachlässig hätte werden lassen. So empfing ich denn aus der Hand der Göttlichen Liebe zwar einen heftigen Schlag, aber auch die Vergebung (kaffaret).Es war dies wie folgt:
Da Ustadh(mein Lehrer) diesen Neu-Einführungen {(*): Das heißt, ketzerische Neuerungen (bid'a) wie der Ruf zum Gebet (ezan) auf Türkisch, die den Kennzeichen des Islam (sheair-i Islamiye) zuwiderlaufen.} nicht gerade günstig gesinnt war, meine Moschee aber in seiner Nachbarschaft lag und die Ehrwürdigen Drei Monate vor der Türe standen, so wäre ich mit dem Verlassen meiner Moschee sowohl vieler Verdienste (sevab)verlustig gegangen und zugleich hätten sich die Leute rundum daran gewöhnt, nicht mehr zum Gebet zu kommen. Sollte ich aber die neuen Regelungen nicht mitmachen, so hätte man mich entlassen. So wollte ich denn entsprechend meiner damaligen Sichtweise, dass Ustadh, den ich mehr liebte als meine Seele (ruh),vorübergehend in ein anderes Dorf gehen möge. Ich wusste damals nicht, dass für den Fall, dass er an einen anderen Ort wechselt, oder in eine andere Gegend (memleket)geht, dies zugleich eine vorübergehende Stockung im Dienst am Qur'an hervorrufen würde. Genau zu diesem Zeitpunkt traf mich (ein Schlag wie) eine Ohrfeige. Sie war einerseits so voll Liebe (Shefqat)und doch zugleich so fürchterlich, dass ich schon seit drei Monaten nicht mehr zur Besinnung gekommen bin. Doch Dank sei Gott, wurde Ustadh - wie er mir versichert hat - eingegeben, dass wir von Gottes Barmherzigkeit erhoffen dürfen, dass eine jede Minute dieser Krankheit (musibet)einem Tag des Dienstes und der Anbetung gleich kommt. Denn dieser Fehler unterlief mir nicht aus reiner Bosheit, vielmehr war dieser Wunsch in mir nur auf Grund eines Gedankens an das Jenseits entstanden."
Der fünfte Fall betrifft Hakki Efendi.
Da er jetzt nicht hier ist, möchte ich ihn vertreten, so wie ich auch Hulusi vertreten habe und stellvertretend für ihn sagen: Während Hakki Efendi rechtschaffen seine Aufgabe als Schüler versah, kam ein sittenloser Landrat (kaymaqam).Um weder Ustadh noch sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, verbarg er, was er geschrieben hatte.
Ja er gab vorübergehend selbst seinen Dienst an der (Risala)Nuriye auf. Da empfing er plötzlich von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag in Form eines Gerichtsverfahrens, das gegen ihn eröffnet wurde, demzufolge man ihn zu einer Geldbuße von Tausend Lira verurteilte. Ein Jahr lang hing diese Forderung über seinem Haupt, bis er endlich wieder hierher kam, wo wir uns dann trafen. Mit seiner Rückkehr nahm er seine Aufgaben als Schüler im Dienst am Qur'an wieder auf. Da wurde das Urteil, das dieser Schlag der Göttlichen Liebe gegen ihn gewesen war, wieder aufgehoben und er wurde frei gesprochen.
Später begann dann eine neue Aufgabe für die Schüler, nämlich eine Niederschrift des Qur'an auf ganz neue Art {(*): Es heißt, dass diese neue Setzart das Wunder der Übereinstimmung} abzufassen und auch Hakki Efendi bekam seinen Abschnitt zugeteilt. Er übernahm diesen Abschnitt und schulterte (seine neue Aufgabe) mit großem Ernst. Und er schrieb einen Abschnitt (djuz)recht schön, jedoch dazu gezwungen, sich um seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen, glaubte er, sich heimlich bei der Anwaltskammer einschreiben lassen zu müssen. Plötzlich bekam er schon wieder einen Schlag ins Gesicht. Er brach nämlich plötzlich seinen Finger, der den Bleistift hielt. Es würde ihm also nicht möglich sein, mit demselben Finger Anwaltsschriften abzufassen und zugleich den Qur'an abzuschreiben; so wurde er im übertragenen Sinne ermahnt. Da wir nicht wussten, dass er sich bei der Anwaltskammer hatte einschreiben lassen, waren wir über diesen Finger sehr erstaunt. Später wurde es klar, dass dieser so heilige und reine Dienst am Qur'an mit den eigens dafür bestimmten ganz besonders sauber gehaltenen Fingern es nicht erlaubt, (seine Hände) in anderer (Leute) Arbeit zu stecken. Wie dem auch sei... Der Überzeugung, dass Hulusi Bey darin mit mir übereinstimmt, habe ich an seiner
Stelle für ihn gesprochen; und das gleiche gilt auch für Hakki Efendi. Sollte er mit mir als seinem Anwalt nicht zufrieden sein, möge er selber über die Ohrfeigen (die er bekommen hat) schreiben!
Der sechste Fall betrifft Bekir Efendi.
Da er im Augenblick nicht anwesend ist, will ich so, wie ich bereits meinen Bruder Abdulmecid vertreten habe, im Vertrauen auf sein Vertrauen und seine Treue zu mir und gestützt auf die Kenntnis meiner mir besonders nahe stehenden Freunde, wie Schamli Hafiz und Suleyman Efendi, Folgendes sagen:
Bekir Efendi hatte das Zehnte Wort drucken lassen. So sandten wir ihm also auch das "Fünfundzwanzigste Wort", (eine Risala) über den Qur'an als ein Wunder, um es noch vor der Einführung der neuen (lateinischen) Buchstabenschrift drucken zu lassen. Dabei haben wir ihm auch geschrieben, dass wir ihm die Druckkosten schicken werden, so wie wir sie ihm bereits für das "Zehnte Wort" geschickt hatten. Bekir Efendi aber dachte an meine armselige Lage, stellte sich vor, dass dabei Druckkosten bis zu vierhundert (Lira)in Banknoten auflaufen würden und sagte sich dabei, dass der Hodja sicherlich nicht damit einverstanden wäre, wollte er (diesen Betrag) aus seiner eigenen Tasche begleichen. So betrog ihn denn seine Seele (nefs).Der Druck unterblieb. Dem Dienst am Qur'an entstand so ein beträchtlicher Schaden. Zwei Monate später wechselten neunhundert Lira in die Hände von Dieben über. So hatte er also von der Hand der Göttlichen Liebe einen ziemlich derben Schlag empfangen. Möge Gott wollen, dass diese verloren gegangenen neunhundert Lira als eine Art Sadaqa(Spende) herüber gewechselt haben mögen!
Der siebente Fall betrifft Schamli Hafiz Taufiq.
Er selbst berichtet:
"Ich muss in der Tat gestehen, dass ich mich auf Grund meiner Unwissenheit und meines verkehrten Denkens
falsch verhalten habe und so dem Dienst am Qur'an hätte einen Schaden zufügen können. Dafür bekam ich von der Hand der Göttlichen Liebe zwei Ohrfeigen (shefqatli tokat).Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Ohrfeigen aus dieser Richtung kamen.
Die erste:
Dank sei Gott (lillahilhamd),dass mir die arabische Schrift anvertraut (ihsan)worden ist, welche in gewissem Grade (von meinen Fähigkeiten abhängig) das geeignete Werkzeug für den Qur'an darstellt. Ustadh wies mich zunächst an, drei Djuz abzuschreiben und verteilte den Rest auf meine Mitschüler. Meine Bemühungen, den Qur'an abzuschreiben zerstörten meinen Wunsch, der Risala zu dienen, sie sauber und ordentlich zu kopieren, oder auch einfach (einen Entwurf aufzunehmen). Ja in meinem Stolz (gurur)wurde ich sogar so überheblich, dass ich versuchte meine Mitschüler zu übertrumpfen, die die arabische Schrift nicht beherrschten. Wenn Ustadh mir Anweisungen bezüglich meiner Schreibweise erteilen wollte, sagte ich sogar: "Das ist meine Arbeit." und fügte in meinem Stolz hinzu: "Ich weiß schon Bescheid. Ich brauche da keine Belehrungen." Daraufhin bekam ich nun eine Ohrfeige, wie sie meinem Fehler entsprach, aber kräftiger als ich es mir vorstellen konnte: Es gelang mir nicht, es einem meiner Brüder (Husrev),der am wenigsten von arabischer Kalligraphie verstand, gleich zu tun. Darüber waren wir alle erstaunt. So verstanden wir nun: Das war eine Ohrfeige.
Die zweite:
Ich muss auch gestehen, dass mich zwei meiner Eigenschaften im Dienst am Qur'an behinderten, nämlich daran, in vollkommener Aufrichtigkeit (ikhlas)und nur um Gottes willen (livedjhillah)zu dienen. Daraufhin bekam ich eine kräftige Ohrfeige. Denn in dieser Gegend hier bin ich in der Fremde, ein Fremdling. Ich möchte mich übrigens nicht darüber beklagen, weil ich ja den wichtigsten Grundsatz von Ustadh, seine Sparsamkeit und seine Bescheidenheit (iktisad ve kanaat),nicht beachtete. So litt ich denn unter der Armut. Da ich nun einmal dazu gezwungen bin, mit selbstgefälligen
und überheblichen Menschen zu verkehren, musste auch ich selbst - möge Gott der Gerechte es mir verzeihen - ein vornehmes Auftreten vortäuschen und ein gekünsteltes Verhalten zur Schau tragen. Ustadh hat mich viele Male deswegen verwarnt, ermahnt, gescholten, doch leider konnte ich mich selbst nicht davor bewahren. Doch die Teufel in Dschinnen- und Menschengestalt zogen ihren Nutzen aus meiner Lage, die doch dem Geist des Dienstes am Weisen Qur'an entgegengesetzt war, und zugleich breitete sich über unserem Dienst eine Kälte und Nachlässigkeit aus.
So habe ich denn auf Grund meines Fehlers einen heftigen Schlag empfangen, der jedoch - wolle es Gott! - von Seinen liebevollen Händen kam. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich diesen Schlag auf Grund meines Fehlers bekommen habe. Es handelte sich aber bei diesem Schlag um Folgendes: Obwohl ich acht Jahre lang für Ustadh sowohl Gesprächspartner (muhatab)war, als auch sein Sekretär und sein Kopist, konnte ich doch in den letzten acht Monaten von diesen Lichtern (aus der Risala) keinen Nutzen ziehen. Wir haben uns über diesen Zustand gewundert. Ustadh und ich fragten uns: "Warum ist das so?" und suchten nach dem Grund (esbab)dafür. Nun aber kam uns die sichere Überzeugung, dass die qur'anischen Wahrheiten ein Licht ausstrahlen, dass sich nicht mit der Finsternis eines gekünstelten, kriecherischen, würdelosen (Verhaltens) vereinigen kann. Deshalb erschien es mir so, als ob sich die Bedeutung der Wahrheiten dieser Lichter (der Risala) von mir entfernten, sich von mir entfremdeten und mir weiterhin fremd blieben. Darum erflehe ich von Gott dem Gerechten, nach all dem möge mir Gott der Gerechte die Güte (ihsan)jener Aufrichtigkeit verleihen, die dieses Dienstes würdig ist und mich aus meinem heuchlerischen (riya),gekünstelten Benehmen gegenüber den Weltleuten erretten. Besonders aber bitte ich Ustadh und alle meine Brüder um ihr Gebet (dua)."
Der so viel Fehlerhafte
Schamli Hafiz Taufiq
Der achte Fall betrifft Seyrani.
Gleich Husrev war er einer meiner besonders begabten Schüler, der sich sehr für die (Risale-i)Nur begeisterte. Nun wollte ich die Ansichten meiner Schüler in Isparta herausfinden, was die Übereinstimmungen betrifft, die ein Schlüssel zu den Geheimnissen des Qur'an sind und den Zugang zur Wissenschaft von den Zahlen (djifr)erschließen. Außer ihm nahmen alle anderen voller Begeisterung an diesem Disput teil. Er aber, weil er darüber anderer Meinung war und sich für andere Dinge interessierte, wollte sich nicht beteiligen und wollte auch noch, dass ich die Wahrheit derer ich doch sicher war, aufgeben sollte. Dann schrieb er mir einen Brief, der mich ziemlich erregte. "Oh weh!", sagte ich, "Ich habe diesen Schüler verloren." Natürlich wollte ich Licht in seine Gedankenwelt bringen. Doch eine andere Meinung brachte noch mehr Verwirrung. Er empfing von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag ins Gesicht: er musste fast ein Jahr lang nach Art der Klausner in einem Gefängnis bleiben.
Der neunte Fall betrifft Hafiz Sühtü, den Älteren.
Dieser Mann erachtete zu einer Zeit, da ihm in Agrus an der Spitze der Nur-Schüler deren Betreuung oblag, die geistliche Ehre seiner Schüler, die die Befolgung der Gelobten Sitte und die Zurückhaltung vor ketzerischen Neuerungen als ihren Weg gewählt hatten, als nicht (für sich) ausreichend und übernahm daher den Unterricht in einer schwerwiegenden Ketzerei, {Das heißt, er lehrte die lateinische Umschrift in eigener Verantwortung - A.d.Ü.} mit der Absicht, dadurch in den Augen der Weltleute eine gewisse Anerkennung zu gewinnen. Damit aber beging er einen Fehler, der unserem Weg direkt und vollständig entgegengesetzt war. So empfing er denn aus der Hand der Göttlichen Liebe einen
besonders schweren Schlag. Es ereignete sich nämlich ein Vorfall, der die Ehre seines Hauses ganz und gar zerstörte. Leider wurde auch der Jüngere Hafiz Sühtü mit von diesem Vorfall betroffen, obwohl er doch diesen Schlag gar nicht verdient hatte. Möge es daher Gott wollen, dass dieser Vorfall für ihn zu einem heilbringenden chirurgischen Eingriff werde, der sein Herz von aller Anhaftung an weltliche Dinge befreit, um es vollständig dem Qur'an zu übergeben!
Der zehnte Fall betrifft einen Mann mit Namen Hafiz Ahmed.
Dieser Mann schrieb die Abhandlungen (Risala)zwei drei Jahre lang mit einer mitreißenden Begeisterung und zog daraus auch selbst seinen Nutzen. Dann aber zogen die Weltleute ihren Nutzen aus einer schwachen Seite seines Charakters. Seine Begeisterung wurde geschwächt. Er nahm Verbindung zu den Weltleuten auf. Seine Absicht war dabei, dass die Weltleute ihm keinen Schaden zufügen sollten. Zudem wollte er, dass sein Wort bei ihnen Geltung erlange und er so seine Stellung bei ihnen festige und er dadurch auch die Sorge um seinen arg beschränkten Lebensunterhalt erleichtern möge. Deshalb also empfing er eine Ohrfeige im Hinblick auf seine Nachlässigkeit im Dienst am Qur'an und noch eine für den Schaden, den er auf diese Weise angerichtet hatte. Die eine bestand darin, dass er aus seinen knappen Mitteln noch weitere fünf Seelen (nefs)unterstützen musste, was den Ernst seiner Lage nur noch verschlechterte. Die zweite Ohrfeige aber bestand darin, dass einige hinterhältige Menschen von diesem Mann, der hinsichtlich seiner Ehre und Selbstachtung so empfindlich war und der doch Kritik und Widerspruch von keinem einzigen ertragen konnte, hinter seinem Rücken und ohne dass er etwas davon wusste, dergestalt missbraucht wurde, dass seine Ehre vernichtet wurde. Neunzig Prozent seiner Ehre wurde zerstört und neunzig Prozent aller Leute kehrten sich gegen ihn. Wie dem auch sei... Möge Gott ihm vergeben!
Möge Gott wollen, dass er dadurch zur Besinnung kommt und vielleicht dadurch zu seiner Aufgabe zurückkehrt. {Er ist inzwischen in Gottes Frieden heimgekehrt. Möge Gott sich seiner erbarmen! - A.d.Ü.}
Der elfte Fall wird hier nicht geschrieben, weil es dazu vielleicht kein Einverständnis gibt.
Der zwölfte Fall betrifft den Lehrer Galip.
Dieser Mann leistete in der Tat mit einer ehrlichen Begeisterung große Dienste beim Abschreiben der Abhandlungen und zeigte keinerlei Schwäche in irgendwelchen Schwierigkeiten. Die meisten Tage kam er, hörte in vollständiger Hingabe zu und verfertigte seine Kopien. Danach ließ er alle "Worte" (Sözler)und "Briefe" (Mektubat)für dreißig Lira abschreiben. Seine Absicht dabei war es, diese in seiner Heimat zur Verteilung anzubieten und seine Landsleute auf diese Weise zu erleuchten. Jedoch zufolge einiger Überlegungen verteilte er die Abhandlungen nicht, so wie er sich das vorgestellt hatte, sondern ließ sie in ihrer Kiste. Da ereilte ihn ein schwerer Schicksalsschlag, was ihm für ein Jahr Kummer und Sorge einbrachte. Auf diese Weise machte er sich an Stelle einiger Gegner bei den Behörden, die ihm wegen der Verteilung der Abhandlungen feindlich gesinnt waren, viele brutale und ungerechte Feinde und verlor viele seiner Freunde.
Der dreizehnte Fall betrifft Hafiz Halid.
Er selbst erzählt:
"Ich gestehe in der Tat, dass zu einer Zeit, da ich mit Feuereifer dabei war, im Dienst am Qur'an Niederschriften anzufertigen, die Ustadh dann verteilte, in einer Moschee in unserer Gegend die Stelle für den Imam frei wurde. Da dachte ich daran, mich wieder (wie ein Imam) zu kleiden und auch einen Turban dazu zu tragen und (durch diese Gedanken wurde ich) in meinem Dienst abgelenkt, bzw. ging ihm bewusst aus dem Wege. Da empfing ich von der Hand der Göttlichen Liebe einen Schlag, der
meinen Absichten entgegengesetzt war. Und obwohl ich acht oder neun Monate als Imam tätig war, war ich auf eine ganz ungewöhnliche Weise nicht in der Lage, wieder meinen Turban zu tragen, obwohl mir doch der Mufti dies versprochen hatte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Schlag das Ergebnis dieses Irrtums war. Dabei war ich für Ustadh sowohl ein Gesprächspartner (muhatab)als auch sein Sekretär. Auf Grund meiner Nachlässigkeit geriet er mit der Niederschrift in Schwierigkeiten. Wie dem auch sei... Gott sei wiederum Dank: wir verstanden nun meinen Irrtum und es wurde uns klar, wie heilig dieser Dienst ist. Das gab uns die Gewissheit, dass der Ustadh Scheich Geylani hinter uns stand und gleichsam unser Schutzpatron war."
Der schwächste der Diener
Hafiz Halid
Der vierzehnte Fall betrifft die drei Mustafa, die drei winzig kleine Ohrfeigen bekommen haben.
Der erste von ihnen war Mustafa Tschavusch. Acht Jahre lang diente er in unserer eigenen kleinen Moschee, inklusive Ofen, einschließlich Heizöl, zusätzlich Streichhölzer. Wir haben erst später erfahren, dass er in diesen acht Jahren Heizöl und Streichhölzer aus eigener Tasche bezahlte. Besonders in der Nacht zum Freitag schloss er sich stets der Gemeinde an, insoweit keine anderen besonders dringenden Arbeiten vorlagen. Später sagten die Weltleute, wobei sie seine Herzensreinheit benutzten, zu ihm: "Man wird Hafiz, einen der Schreiber der 'Worte', wegen seines Turbans belästigen: er sollte doch damit aufhören, heimlich (auf arabisch) zum Gebet zu rufen (ezan).
Und sage diesem Schreiber auch, er solle lieber seinen Turban abnehmen, ohne dass wir erst Zwang anwenden müssen." Dabei wussten sie aber nicht, dass es einem Mann von hohem Geist, wie Mustafa Tschavusch, außerordentlich schwer fallen musste, jemandem, der im Dienst am Qur'an stand, die Mitteilung zu machen, er solle
seinen Turban abnehmen. Dennoch machte er ihm diese Mitteilung.
In dieser Nacht träumte ich, dass Mustafa Tschavusch mit schmutzigen Händen hinter dem Landrat (kaymaqam)meine Kammer betrat. Am nächsten Tag fragte ich ihn: "Mustafa Tschavusch, mit wem hast du dich heute getroffen? Ich habe dich im Traum mit schmutzigen Händen hinter dem Landrat gesehen." Er antwortete: "Leider ja. Der Schulze (muhtar)hatte mir etwas derartiges gesagt, damit ich es dem Schreiber mitteilen solle. Ich wusste nicht, was dahinter steckt."
Am gleichen Tage brachte er etwa ein Okka (anderthalb Liter) Heizöl zur Moschee. Wie noch nie zuvor geschehen, blieb an diesem Tag die Tür offen und ein kleines Zicklein lief herein. Danach kam ein groß gebauter Mann herein, dachte, das Heizöl in der Kanne sei Wasser und goss das ganze Heizöl überall in der Moschee aus, in der Absicht, sie damit zu reinigen und dabei auch den Schmutz zu beseitigen, den das Zicklein neben der Sedjade(Gebetsteppich) hatte fallen lassen. Das Merkwürdige war nur, dass ihm der Geruch dabei gar nicht auffiel. Mit anderen Worten: Die Moschee wollte Mustafa Tschavusch in ihrer Art ohne Worte (lisan-i hal)mitteilen: "Wir brauchen dein Heizöl nicht. Ich habe dein Heizöl, auf Grund des Fehlers, den du (durch die Weitergabe dieser Mitteilung) begangen hast, nicht akzeptiert." Es war um dieses Hinweises willen, dass sie den Mann den (eigenartigen) Geruch nicht wahrnehmen ließ. In dieser Woche konnte er die verpflichteten Gebete mehrmals nicht mit der Gemeinschaft verrichten, so sehr er sich dabei auch anstrengte; selbst in der Nacht zum Freitag nicht. Danach aber bereute er aufrichtig, suchte Vergebung (istighfar)und fand danach endlich wieder zu seiner ursprünglichen (Herzens)reinheit zurück.
Die anderen beiden Mustafa waren meine ehrenwerten, fleißigen, hervorragenden Schüler Mustafa aus Kuleönü und sein sehr zuverlässiger und zutiefst ergebener
Freund Hafiz Mustafa. Nach den Festtagen (Bayram)sandte ich ihnen eine Nachricht und ließ ihnen mitteilen, sie sollten vorläufig nicht zu mir kommen, um den Weltleuten keine Gelegenheit zu geben, uns zu belästigen und den Dienst am Qur'an zu stören. Falls sie aber doch kommen wollten, so sollte ein jeder einzeln und für sich kommen. Dann aber kamen sie eines Nachts alle drei zu gleicher Zeit. Sie beabsichtigten jedoch bei günstigem Wetter noch vor der Morgendämmerung wieder zu gehen. Dann aber geschah, was noch nie zuvor geschehen war: weder Mustafa Tschavusch, noch Suleyman Efendi, weder ich selbst, noch sie selbst hatten daran gedacht, klare Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Etwas hatte es uns einfach vergessen lassen. Ein jeder überließ es dem anderen, traf aber selbst keine Vorkehrungen. Sie gingen vor der Morgendämmerung. Dann aber schlug ihnen zwei Stunden lang ununterbrochen ein solcher Sturm um die Ohren, dass ich schon befürchtete, sie würden sich vor diesem Sturm nicht mehr retten können. Es hatte bis dahin in diesem Winter noch keinen solchen Sturm gegeben, noch hatte ich bis dahin irgendwen dermaßen bedauert. Als Strafe für seine Unvorsichtigkeit wollte ich ihnen nun Suleyman hinterherschicken, um zu sehen, ob sie noch heil und wohlauf seien. Aber Mustafa Tschavusch sagte: "Wenn er geht, wird er auch dort draußen bleiben. Dann muss auch ich hinter ihnen her, um sie zu suchen. Danach muss dann Abdullah Tschavusch hinter mir her gehen." So sagten wir denn schließlich: "Wir vertrauen auf Gott (tevekkelna 'alallah)!"und wir warteten.
Eine Frage:
Du bezeichnest die Unglücksfälle (musibet),die über deine Freunde gekommen sind, als "Ohrfeigen (tokat)"und nennst sie einen Schlag ins Gesicht derer, die in ihrem Dienst am Qur'an nachlässig gewesen sind. Aber diejenigen, welche in Wahrheit euch und dem Dienst am Qur'an feindlich gesinnt waren, unbehelligt geblieben sind. Weshalb bekommen Freunde Ohrfeigen, während Feinde verschont bleiben?
Antwort:
اَلظُّلْمُ لاَيَدُومُ وَالْكُفْرُ يَدُومُ
{"Ungerechtigkeit setzt sich nicht fort. Doch der Unglaube besteht."}
Nach diesem Geheimnis sind die Irrtümer der Freunde eine Art von Ungerechtigkeit in unserem Dienst und werden deshalb auch rasch bestraft. Wer einen zärtlichen Klaps (shefqat tokat)erhält und bei Verstand (aqil)ist, besinnt sich. Die Feinde aber, die sich dem Dienst am Qur'an widersetzen und ihn zu verhindern suchen, tun dies auf Rechnung ihres Irrwegs. Wissentlich oder unwissentlich unterstützt ein jeder Angriff auf unseren Dienst ihre Gottlosigkeit. Da der Unglaube sich fortsetzt, empfangen sie im Allgemeinen nicht so rasch eine Ohrfeige.
Ebenso wie die Strafen für kleinere Übertretungen in den Kreisstädten abgehandelt werden, während die schwereren Verbrechen an den Hohen Gerichtshof verwiesen werden, so werden den gleichen Gesetzen entsprechend die kleinen Irrtümer der Gläubigen und naher Freunde rasch bestraft, und das teilweise in dieser Welt, um sie ebenso schnell wieder zu reinigen. Doch die Verbrechen der Leute des Irrtums sind so groß, dass sie, weil sie nun einmal in diesem kurzen Leben nicht so bestraft werden können, wie es die Gerechtigkeit erfordert, an den Obersten Gerichtshof in der Ewigkeit verwiesen werden und daher meistens unbestraft bleiben.
اَلدُّنْيَا سِجْنُ الْمُؤْمِنِ وَجَنَّةُ الْكَافِرِ
{"Die Welt ist ein Gefängnis für den Gläubigen und ein Paradies für den Ungläubigen."}
Diese Ehrenwerte Hadith verweist uns gleichfalls auf diese bekannte Wahrheit. Das heißt, da der Gläubige schon in dieser Welt einen Teil seiner Strafe empfängt, ist die Welt für ihn ein Ort der Strafe. Für ihn ist die Welt im Vergleich
zur Ewigen Glückseligkeit im Jenseits die Hölle und ein Gefängnis. Da aber nun einmal die Ungläubigen nicht aus der Hölle entlassen werden, empfangen sie den Gegenwert zum Teil schon in dieser Welt, während der für ihre schweren Sünden (büyük seyyiatlar)noch aufgehoben wird, sodass diese Welt für sie zum Paradies wird im Vergleich zu (ihrem Leben) im Jenseits. Andererseits ist der Gläubige in dieser Welt gegenüber dem Ungläubigen in seinem Inneren (manen)und im Hinblick auf die Wahrheit bei weitem glücklicher. Für den Gläubigen ist seine Überzeugung (iman)im Geiste dieses Gläubigen so gut wie das Paradies in seinem Inneren. Des Ungläubigen Unglaube aber entzündet das Feuer der Hölle in der Natur des Ungläubigen.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Elfter Blitz
"Eine Stufenleiter zur Sunna" und ein Serum gegen die Krankheit ketzerischer Neuerungen (bid'a), die der islamischen Gesinnung widersprechen.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ لَقَدْ جَآءَكُمْ رَسُولٌ مِنْ اَنْفُسِكُمْ عَزِيزٌ عَلَيْهِ مَا عَنِتُّمْ حَرِيصٌ عَلَيْكُمْ بِالْمُؤْمِنِينَ رَؤُفٌ رَحِيمٌ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Nun aber ist ein Prophet aus euren eigenen Reihen zu euch gekommen, einer, dem es nahe geht, wenn ihr in Bedrängnis geratet, der sehr um euch besorgt und den Gläubigen gegenüber voll Mitleid und Erbarmen ist." (Sure 9, 128)}
(Das erste Kapitel zu dieser Ayah ist der "Hohe Weg zur Sunna (der Tradition des Propheten)" und das zweite Kapitel die "Stufenleiter zur Sunna.")
فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ ٭ قُلْ اِنْ كُنْتُمْ تُحِبُّونَ اللّٰهَ فَاتَّبِعُونِى يُحْبِبْكُمُ اللّٰهُ
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: 'Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones.'" (Sure 9, 129) "Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
Unter Hunderten von Anmerkungen, welche diese beiden
mächtigen Ayat betreffen, wollen wir nun elf Anmerkungen kurz und bündig erklären.
Erste Anmerkung:
Von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, stammt der folgende Ferman:
مَنْ تَمَسَّكَ بِسُنَّتِى عِنْدَ فَسَادِ اُمَّتِى فَلَهُ اَجْرُ مِائَةِ شَهِيدٍ
Das heißt: "Wer zur Zeit des Verderbens in meiner Gemeinde dennoch an meiner Sunna festhält, wird Lohn und Segen von hundert Märtyrern gewinnen." In der Tat ist die Befolgung der Gelobten Sunna mit Sicherheit sehr wertvoll. Besonders in einer Zeit, wo die ketzerischen Erneuerungen (bid'a)auf dem Vormarsch sind, ist es ganz besonders wertvoll, dennoch an der Gelobten Sitte festzuhalten. Besonders zur Zeit des Verderbens in meiner Gemeinde dennoch einen kleinen Teil der Gelobten Sunna zu befolgen, setzt einen bedeutenden Anteil an Gottesfurcht (taqwa)und einen starken Glauben (kuvvetli bir iman)voraus. So ganz unmittelbar der Sunna zu folgen, ruft den Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, in Erinnerung und diese Erinnerung wird zu einem Erlebnis, welches sich dann umwandelt in ein Erleben der göttlichen Gegenwart (huzur-u Ilahi).Sogar die geringfügigste Handlung, ja selbst Gewohnheiten wie Essen, Trinken oder Schlafen, diese gewöhnlichen Tätigkeiten, diese rein natürlichen Handlungen (fitri amel)werden, sobald man dabei die Gelobte Sitte beachtet, so verdienstvoll wie ein Gebet und entsprechen dem islamischen Gesetz (sheriat).Denn bei solch gewöhnlichen Handlungen (adi)denkt man daran, dass man dem Ehrenwerten Propheten nachfolgt, mit dem Friede und Segen sei, und stellt sich dabei vor, dass man dem islamischen Gesetz (Scharia)entsprechend der Gesittung (des Propheten) folgt. Sodann erinnert man sich, dass (der Prophet) der oberste Repräsentant des Gesetzes ist. Und von ihm aus wendet man sein Herz Gott dem Gerechten zu, der der wahre Gesetzgeber ist. Und so erwirbt man eine Art Gespür für
die Gegenwart Gottes, gelangt zu Seinem Dienst und zu Seiner Anbetung (ibadet).
So kann denn der, der in diesem Geheimnis die Befolgung der Gelobten Sitte zu seiner Gewohnheit (adet)gemacht hat, alle seine Handlungen in einen Gottesdienst verwandeln und so sein ganzes Leben fruchtbar und verdienstvoll werden lassen.
Zweite Anmerkung:
Imam Rabbani Ahmed Faruqi, mit dem Gott zufrieden sein möge, sagte: "Während ich auf meiner geistigen Reise die Stufen emporstieg, sah ich, dass die strahlendste, glänzendste, subtilste und sicherste Ebene (im Wege) der Gottesfreundschaft, (die Ebene derer ist), welche die Befolgung der Gelobten Sitte als Basis ihres Ordensweges angenommen hatten. Ich sah, dass auf dieser Ebene sogar die gewöhnlichen Gottesfreunde noch prächtiger aussahen als die edelsten unter den Gottesfreunden auf den übrigen Ebenen." Imam Rabbani, der Reformator des zweiten Jahrtausends (Mudjeddid-i elf-i sani),mit dem Gott zufrieden sein möge, hat in der Tat die Wahrheit gesagt: wer die Gelobte Sitte zu seiner Basis wählt, gelangt unter dem Schatten des Geliebten Gottes (Habibullah)auf die Stufe der göttlichen Liebe (maqam-i mahbubiyet).
Dritte Anmerkung:
Zu einer Zeit, da sich dieser arme Said noch darum bemühte, sich von dem alten Said zu verabschieden, wurden mein Herz und mein Verstand ohne einen Wegweiser und infolge dieses Stolzes meiner eigenwilligen Seele zwischen (all den verschiedenen Dingen, die ihm als) Wahrheit erschienen, in einem überaus fürchterlichen Sturm hin und her geworfen. Bald wurden sie vom Siebengestirn zur Erde, bald von der Erde zum Siebengestirn, zwischen empor und wieder hinab umhergeschleudert.
So konnte ich denn in dieser Zeit beobachten, dass die Gelobten Sitten in jeder Angelegenheit, ja sogar die kleinen Verhaltensmaßregeln, einem Schiffskompass mit
Richtungsweiser gleichen und sah, dass sie wie die Begrenzungspfähle an den zahllosen, gefährlichen, dunklen Straßen sind. Als ich ferner in der damaligen Zeit auf diesem geistigen Weg in eine Lage geriet, wo ich mich gebeugt unter dem Druck meiner wirklich schweren Last gehen sah, fand ich, jedes Mal wenn ich in einer solchen Lage den Gelobten Sitten in der entsprechenden Angelegenheit folgte, in ihnen eine Erleichterung, als hätte man mir alle Last (von meinen Schultern) genommen. Wenn ich mich ihnen unterwarf (teslim)und mich in meiner Unsicherheit z.B. fragte: "Ist etwa dieses Verhalten so richtig? Ist es so vielleicht angemessen?", so rettete ich mich (auf diese Weise) von allen Zweifeln (vesvese)und Skrupeln. Wann immer aber ich mich von ihnen abwenden wollte, sah ich, dass der Druck (der auf mir lastete) groß war. Es gab da so viele Wege, doch wohin sie führten, war unbekannt. Die Last war schwer und ich war völlig hilflos. Meine Augen waren kurzsichtig und der Weg (der vor mir lag) finster. Wann immer ich aber an der Sunna festhielt, erleuchtete sich mir der Weg. Ein sicherer Weg wurde sichtbar. Meine Last wurde leichter und ich fühlte mich in einem Zustand, als hätte man meine Bürde von mir genommen. Und so konnte ich denn damals das Urteil von Imam Rabbani auf Grund meiner eigenen Erfahrung bestätigen.
Vierte Anmerkung:
Zu einer Zeit, da ich mich einmal mit dem Tod verband (rabita-i maut),bestätigte sich mir das Urteil:
اَلْمَوْتُ حَقٌّ {"Der Tod ist eine Realität."} und ich sah mich in einer sehr merkwürdigen Welt, einer aus meinem eigenen Geisteszustand heraus entstandenen Welt voll Untergang und Zerfall. Und ich erblickte mich: Ich war ein Leichnam und stand am Kopfende dreier riesiger Leichname.
Der erste (Leichnam):
Ich war gleich einem Grabstein am Kopfende eines symbolischen (manevi)Leichnams, gebildet aus all den lebendigen Geschöpfen, mit denen ich im Leben verbunden gewesen und die nun ins Grab der Vergangenheit hinabgestiegen waren.
Der zweite:
In jenem Friedhof, der unser Globus ist, bin ich nur ein Punkt im Antlitz dieses Jahrhunderts, das wie ein Grabstein am Kopfende jenes gewaltigen Leichnams steht, der die Gesamtheit aller Arten von Lebewesen ist, die mit dem Leben des Menschengeschlechts verbunden sind und in das Grab der Vergangenheit hinabgesenkt werden, (bin ich nur ein Punkt) der bald wieder abgewischt werden und eine Ameise, die bald sterben muss.
Der dritte:
Da nun einmal das Weltall am Jüngsten Tage sterben wird, ein Ereignis, das mit Sicherheit eintreten wird, ist dies in meinen Augen so, als wäre es bereits geschehen, wobei es mir vor Entsetzen über den Todeskampf dieses Riesenleibes voller Staunen und Verwunderung erschien, als wäre dieses Ereignis, das mit Sicherheit eintreten wird, da ich ja selbst einmal sterben werde, zur gleichen Zeit auch über mich gekommen. Nach dem Geheimnis von فَاِنْ تَوَلَّوْا {"Wenn sie sich aber abwenden... usw." (Sure 9, 129)} wandte sich bei meinem Tode alles Sein von mir ab, kehrten mir alle meine Freunde (mahbub)den Rücken, gingen hinweg und ließen mich allein. Mein Geist (ruh)wurde auf Seiten der Ewigkeit in die Zukunft, welche die Gestalt eines uferlosen Meeres hatte, geführt. In dieses Meer sollte er mit oder gegen meinen Willen hineingeworfen werden.
Doch während ich noch in diesem so sonderbaren und sehr traurigen Zustand war, standen mir mein Glaube und der Qur'an bei:
فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ
{"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: Gott allein genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich und Er ist der Herr des Gewaltigen Thrones." (Sure 9, 129)}
Diese Ayah kam mir zu Hilfe und wurde mir zu einem sicheren und zuverlässigen Boot. Mein Geist stieg in vollkommener Zuversicht und Freude in diese Ayah ein. So verstand ich denn nun in der Tat, dass mich neben der wörtlichen Bedeutung dieser Ayah noch eine weitere Auslegung getröstet hat, wodurch ich Geborgenheit (sekinet)fand und sie mir innere Ruhe gab. So wie in der Tat der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, wortwörtlich sagt: "Wenn dir die Irrgläubigen den Rücken kehren und sich von Schariah und Sunna abwenden und nicht auf den Qur'an hören wollen, so mach dir deswegen keine Sorgen, sondern sage: 'Gott der Gerechte genügt mir. Zu ihm nehme ich meine Zuflucht. Er wird andere an eurer Stelle aufstehen lassen, die mir folgen werden. Der Thron Seiner Herrschaft umfasst alle Dinge. Weder können die Aufständischen Ihm über dessen Grenzen hinaus entfliehen, noch werden diejenigen, die Seinen Beistand anrufen, ohne Seine Hilfe bleiben!'", so sagt er, um das gleiche mit anderen Worten noch weiter auszulegen: "Oh Du Führer und Lehrer (Murshid)!Wenn auch alles Sein sich von Dir abwenden und auf dem Weg der Vergänglichkeit in das Nichtsein hinübergehen sollte, wenn alle lebenden Wesen sich von dir lossagen und auf dem Wege des Todes davoneilen sollten, wenn alle Menschen dich verlassen und in das Grab hinabsteigen sollten, wenn die Leute der Gottvergessenheit und des Irrtums dich nicht hören wollen und in die Finsternis stürzen, so mach dir deswegen keine Sorgen! Sage: 'Gott der Gerechte genügt mir. Da es Ihn gibt, so gibt es alle Dinge.' Und in diesem Fall sind die, welche weggegangen sind, nicht in ein
Nichts hineingegangen; sie sind in Sein anderes Königreich hinübergegangen und an ihrer Stelle wird der Herr des gewaltigen Thrones andere von Seinen unzähligen Soldaten aus seinen Streitkräften an ihre Stelle senden. Und die, welche in ihre Gräber hinabgestiegen sind, sind nicht zu nichts geworden, sie werden in eine andere Welt hinübergehen. Er wird andere an ihrer Stelle beauftragen und sie senden. Und an Stelle derer, die dem Irrtum verfallen sind, kann Er Seine gehorsamen Diener senden, die dem rechten Weg folgen werden. Weil dies aber so ist, so ist Er der Gegenwert aller Dinge. Alle Dinge können für den, auf den Er ein Auge geworfen hat, ein Äquivalent nicht sein!"
Jedoch entsprechend dieser anderen, etwas weiter gefassten Auslegung verwandelte sich (das Bild) dieser drei fürchterlichen Leichen, die mir zuerst einen solchen Schrecken eingejagt hatten, und vor mir entstand eine ganz andere Szene. Sie verwandelten sich nämlich unter der Leitung (tedbir)und Herrschaft (rububiyet)des Allweisen (Hakiem),Allbarmherzigen (Rahiem),Gerechten (Adil),Allmächtigen (Qadier)Herrn in Seiner Majestät (Dhat-i Dhu l-Djelal),des Allwissenden und Allerbarmers (zu Bildern) einer Lehrfahrt zu (den Quellen) der Weisheit, einem Studiengang mit Lehrbeispielen, einer Dienstreise mit verschiedenen Fahrzeugen auf einer belebten Straße, verbunden mit Entlassungen und Dienstverpflichtungen, wobei das ganze Weltall auf diese Weise durcheinander geschüttelt wurde, ging und wieder kam!...
Fünfte Anmerkung:
قُلْ اِنْ كُنْتُمْ تُحِبُّونَ اللّٰهَ فَاتَّبِعُونِى يُحْبِبْكُمُ اللّٰهُ
{"Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
Diese gewaltige Ayah verkündet auf eine sehr sichere Weise, wie wichtig und notwendig es ist, der Sunnah des Propheten zu folgen. In der Tat ist diese Ehrwürdige Ayah unter den Syllogismen der Logik (qiyasat-i mantik)die mächtigste, die eindeutigste
unter den hypothetischen und konditionalen Syllogismen (qiyas).Es ist dies wie folgt: Als Beispiel für einen hypothetischen Syllogismus sagt uns die Logik: "Wenn die Sonne aufgeht, wird es Tag." Im Falle einer positiven Schlussfolgerung heißt das: "Die Sonne ist aufgegangen. Wenn dies aber so ist, so ergibt sich daraus: es ist jetzt Tag." Im Falle einer negativen Schlussfolgerung sagt man also: "Es ist jetzt nicht Tag. Wenn dies aber so ist, so ergibt sich daraus: die Sonne ist nicht aufgegangen." Entsprechend der Logik sind diese beiden, die positive wie die negative Schlussfolgerung, eindeutig. In gleicher Weise sagt uns die Ehrwürdige Ayah: "Wenn ihr Gott liebt, so werdet ihr auch dem Geliebten Gottes folgen. Wenn ihr ihm nicht folgt, so ergibt sich daraus, dass ihr Gott nicht liebt." Wenn ihr Gott liebt, so ergibt sich daraus, dass die Befolgung der Gelobten Sitte des Geliebten Gottes sich daraus ergeben muss. Wer an Gott den Gerechten glaubt, der wird Ihm in der Tat auch gehorchen (itaat).Unter den Wegen des Gehorsams aber ist der angesehenste (maqbul),der direkteste (mustaqiem),kürzeste ohne allen Zweifel (bi lâ shübhe)der Weg, den der Geliebte Gottes uns gezeigt hat und dem er auch selbst gefolgt ist.
Es ist in der Tat zwangsläufig und offensichtlich, dass der Herr aller göttlichen Schönheit in Seiner Freigiebigkeit (Dhat-i Keriem-i Dhu l-Djemal)für Seine Gnadengaben von allen mit Bewusstsein begabten Wesen Dank erwartet. Und es ist ferner ganz klar, dass der Allweise in Seiner Majestät (Dhat-i Hakiem-i Dhu l-Djelal),der das Weltall mit so vielen Wunderwerken Seiner Kunst ausgestattet hat, unter allen mit Bewusstsein begabten Wesen sicherlich den vornehmsten zu Seinem Ansprechpartner und Dolmetscher, zu Seinem Ausrufer und zu einem Vorbild (imam)für Seine Diener und Anbeter machen wird. Und ferner ist auch klar, dass der Herr aller göttlichen Schönheit und Vollkommenheit (Dhat-i Djemil-i Dhu l-Kemal),der das Weltall und die unzähligen Manifestationen Seiner Schönheit und Vollkommenheit ins Dasein gerufen hat, sicherlich und in jedem Fall den vollkommensten Dienst und Seine Anbetung dem
übertragen wird, der (in seiner Begeisterung für Gottes) Schönheit und Vollkommenheit, (für all Seine guten) Namen und (all Seine) Kunstwerke, die Er doch sicherlich liebt und die Er ausstellen möchte ein umfassender, ein vollendeter Maßstab ist und das vollkommenste Mittel, seine innere Haltung zu einem guten Beispiel für andere werden zu lassen und sie dazu zu ermutigen, ihm zu folgen, damit seine vorbildliche Haltung auch in allen anderen sichtbar werde.
Zusammenfassung:
Die Liebe zu Gott (muhabbetullah)macht es notwendig und sie führt in ihrer Konsequenz dazu, der Gelobten Sitte zu folgen. Wie glücklich muss doch ein Mensch sein, der (sich von jedem Tag einen) großen Anteil zu ihrer Befolgung nimmt! Und wehe dem, der die Gelobten Sitten nicht zu schätzen weiß und sich statt dessen ketzerischen Neuerungen (bid'a)zuwendet!
Sechste Anmerkung:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Segen und Friede sei, hat den folgenden Ferman erlassen:
كُلُّ بِدْعَةٍ ضَلاَلَةٌ وَكُلُّ ضَلاَلَةٍ فِى النَّارِ
{"Eine jegliche Neuerung ist ein Irrweg; und ein jeglicher Irrweg führt in das Feuer."}
Das heißt, entsprechend dem Geheimnis (der Ayah)
اَلْيَوْمَ اَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ
{"Heute habe ich für euch den Glauben vollendet." (Sure 5, 3)}
wäre, wollte man bezüglich der Gesetze der Glänzenden Schariah und der Bestimmungen der Gelobten Sitte, nachdem sie bereits vollendet und vervollständigt worden sind, durch Vorschläge ein Missfallen zu erkennen geben, oder aber sie - Gott bewahre! - für unvollständig erachten und ketzerische Neuerungen (bid'a)vorschlagen, so wäre dies ein Irrweg, (der ins) Feuer führt.
Es gibt in der Gelobten Sitte (zwischen den unterschiedlichen Sitten verschiedene) Abstufungen. Einige
von ihnen sind notwendig (vadjib)und dürfen nicht vernachlässigt werden. Diese Art wird bis ins Einzelne in der glänzenden Schariah beschrieben. Hier handelt es sich um Gesetze (muhkemat),die auf gar keinen Fall abgeändert werden dürfen. Andere hingegen sind freiwillig (nafila)und auch von dieser Art freiwilligen (Handlungen) gibt es wiederum zwei (Unter)arten:
Eine Art dieser Gelobten Sitte beschäftigt sich mit Dienst und Anbetung. Auch dies wurde in den Büchern der Schariah beschrieben und sie zu verändern käme einer Neuerung (bid'a)gleich. Die andere Art könnte als "Anstandsregeln" (Adab)bezeichnet werden. Man findet sie in den Büchern der Gelobten Lebensbeschreibungen (des Propheten). Sich ihnen zu widersetzen, kann man nicht als eine "Neuerung (bid'a)"bezeichnen. Es ist jedoch eine Art von Opposition gegen das stets untadelige Verhalten (Adab)des Propheten und hat zur Folge, dass man aus dem Licht, das von ihm ausgeht, und von seinem stets aufrichtigen Lebenswandel (edeb)keinen Nutzen zieht. Was diesen Teil (Sitten und Gebräuche) betrifft, so handelt es sich dabei um die alltäglichen Handlungen des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, die uns durch gesicherte Überlieferungen (tavatur)von seinem spontanen Umgang her bekannt geworden sind. Zum Beispiel: Es gibt viele Gelobte Sitten, welche die Regeln darlegen, wie man mit Anstand und Würde spricht, isst und trinkt und wie man sich niederlegt. Derartige Gewohnheiten werden unter der Bezeichnung "anständiges Verhalten (Adab)"zusammengefasst. Wer den entsprechenden Regeln (Adab)folgt, verwandelt seine gewohnheitsmäßigen Handlungen (adat)in einen Gottesdienst (ibadet).Aus einem solcherart anständigen Verhalten empfängt er dann (Gottes) reichsten Segen. Befolgt er auch nur die kleinste dieser Verhaltensregeln, so ruft er sich den Ehrenwerten Gesandten, mit dem Frieden und Segen sei, ins Gedächtnis zurück und sein Herz wird erleuchtet. Die wichtigsten unter den Gelobten Sitten sind die Kennzeichen
der Islamiyet und die Merkmale (sheair),die mit ihr verbunden sind. Diese Merkmale sind gewissermaßen ein Gottesdienst, der durch seine Verbundenheit mit der Gemeinde eine Art öffentliches Recht ist. So wie die ganze Gemeinde von jemandem profitiert, der ihn verrichtet, so ist auch die ganze Gemeinde dafür verantwortlich, wenn einer von ihnen ihn unterlässt. Bei dieser Art Merkmale gibt es keine Heuchelei (riya).Sie werden öffentlich ausgerufen. Auch wenn sie zur Art der freiwilligen Handlungen (nafila)gehören, sind sie dennoch wichtiger als die persönlichen Pflichten (fardh).
Siebente Anmerkung:
Die Gelobte Sitte ist der stets aufrichtige Lebenswandel (edeb).In ihr gibt es keine Angelegenheit hinter der sich nicht ein Licht (oder doch wenigstens die Spur dieses) aufrichtigen Lebenswandels entdecken ließe! Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, hat dazu den folgenden Ferman erlassen:
اَدَّبَنِى رَبِّى فَاَحْسَنَ تَاْدِيبِى
das heißt: "Mein Herr in Seiner Güte hat mir diese Aufrichtigkeit (edeb)in meinem Lebenswandel (zum Geschenk) gemacht, und Er hat mich eigens zu dieser Aufrichtigkeit in meinem Lebenswandel befähigt." Wer die Biographie des Propheten aufmerksam betrachtet und die Gelobte Sitte kennt, wird mit Sicherheit verstehen, dass Gott der Gerechte in Seinem Geliebten jegliche Art eines aufrichtigen Lebenswandels vereinigt hat. Wer seine Gelobte Sitte vernachlässigt, der lässt in seinem Lebenswandel die Aufrichtigkeit außer Acht. Er bestätigt den Grundsatz
بِى اَدَبْ مَحْرُومْ بَاشَدْ اَزْ لُطْفِ رَبْ
{"Wer in seinem Lebenswandel nicht aufrichtig ist, dem bleibt die Güte des Herrn versagt."}
So fällt er durch seinen Lebenswandel in eine Unaufrichtigkeit, durch die er viel Schaden erleidet.
Frage:
Wie kann man vor dem, der das Verborgene kennt (Allamu-l'Ghuyub),der alles weiß und alles sieht und vor dem nichts verborgen bleiben kann, schamhaft (edeb)sein? Situationen, die mit Scham verbunden sind, kann man vor Ihm nicht verheimlichen. Eine Art Scham ist die Verhüllung. Alles, was Ekel erregt, muss bedeckt werden. Wie aber kann man vor dem, der in das Verborgene schaut, etwas verhüllen?
Antwort:
Erstens:
Gleich wie der Künstler in Seiner Majestät (Sani-i Dhu-l'Djelal)Seine Kunstwerke mit einer vollkommenen Wertschätzung als schön darstellen möchte und alles was abscheulich ist, verschleiert, und seine Aufmerksamkeit auf seine Gnadengeschenke lenkt, indem er sie schmückt, genauso möchte er auch seine Geschöpfe und seine Diener vor den übrigen mit Bewusstsein begabten Wesen als schön darstellen. Wenn sie in einer misslichen Lage erscheinen, so gilt das als eine Rebellion (isyan)gegen Namen wie "Djemil"(schön), "Museyyin"(verzieren), "Latief"(anmutig), "Hakiem"(weise) und widerspricht allem Anstand und der Schamhaftigkeit (edeb).
So ist denn Schamhaftigkeit (edeb)als ein Bestandteil der Gelobten Sitte als ein reiner Ausdruck einer Haltung von Anstand (edeb)innerhalb der Grenzen der Namen des Majestätischen Künstlers (Sani-i Dhu l-Djelal)zu betrachten.
Zweitens:
Gleichwie ein Arzt auch die privatesten (Körperteile) von Personen, die nicht zu seiner Familie (mahrem)gehören, vom medizinischen Standpunkt aus anschauen darf und man ihm diese (Körperteile) - insoweit notwendig - auch zeigen darf, ohne dass man dies als eine Schamlosigkeit bezeichnen dürfte, ja man sogar sagen muss, dass die Verhaltensmaßregeln (edeb)eines Arztes dies erfordern, so darf doch ein Arzt diese privaten (Körperteile) in seiner Eigenschaft als ein Mann, oder weil er den Titel
eines Predigers führt, oder weil er in seiner Eigenschaft als ein Lehrer (hodja)kommt, nicht anschauen. Eine Fetwa für den aufrichtigen Lebenswandel (edeb),der es erlaubt, ihm diese zu zeigen gibt es nicht, und sich ihm in dieser Weise zu zeigen, ist schamlos.
In gleicher Weise hat der Majestätische Künstler (Sani-i Dhu l-Djelal)viele Namen. Ein jeder dieser Namen hat seine eigene Erscheinungsform. Wie zum Beispiel der Name "Verzeiher" (Ghaffar)ein Vorhandensein der Sünde und der Name "der Verhüllende" (Settar)die Existenz von Fehlern erfordert, so will auch der Name "der Schöne" (Djemil)die Hässlichkeit nicht sehen. Namen, welche die göttliche Schönheit und Vollkommenheit bezeichnen, wie "Latief"(anmutig), "Keriem"(Freigiebig), "Hakiem"(weise), "Rahiem"(barmherzig) erfordern, dass alles Sein sich in bestem Zustand und in der bestmöglichen Lage befinden. Was aber diese Namen göttlicher Schönheit und Vollkommenheit betrifft, so erfordern sie, vor den Augen der Engel, der Geister, der Dschinnen und der Menschen ihre Schönheit in der Form der Schönheit allen Seins und eines guten Benehmens (edeb)zu zeigen.
So ist es ein schönes Verhalten (adab)innerhalb der Gelobten Sitte (des Propheten) ein Zeichen dieses erhabenen Verhaltens (Gottes adab), Seiner Grundsätze und Seiner Beispiele.
Achte Anmerkung:
Folgt man der Ayah فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ {"Wenn sie sich aber abwenden, dann sollst du sagen: 'Gott allein genügt mir.'" (Sure 9, 129)} die der Ayah لَقَدْ جَآءَكُمْ رَسُولٌ {"Nun aber ist ein Gesandter zu euch gekommen usw." (Sure 9, 128)} vorausgeht, so sagt sie, nachdem sie die vollkommene
selbstlose Liebe (shefqat)und das Mitleid des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, gegenüber seiner Gemeinde dargestellt hat فَاِنْ تَوَلَّوْا {"wenn sie sich aber abwenden, ..." (Sure 9, 129)} womit diese Ayah sagt:
"Oh ihr Menschen! Oh ihr Gläubigen! Wenn ihr eine Persönlichkeit, die mit einer solch grenzenlosen Liebe euch Rechtleitung (irshad)gegeben und seine ganze Kraft für euer Wohlbefinden eingesetzt hat, der in vollkommener Liebe (kemal-i shefqat),durch die Gesetze (ahkam),die er gebracht hat und durch seine Gelobte Sitte, eine heilende Salbe auf die Wunden der Seele aufgetragen hat, wenn ihr eine solch liebenswerte Persönlichkeit verleumdet (inkar)und ihre offensichtliche Liebe, ihr Mitleid, das doch mit bloßem Auge zu erkennen ist, in dem Grade verleugnet, dass ihr euch von seiner Sunna und von den Gesetzen, die er verkündet, abwendet, so sollt ihr wissen, was für ein (Mangel an gutem) Gewissen (vidjdan),an (Einsicht und) Verstand (aqil)das ist!
Oh du liebevoller (shefqatli)Prophet (Rasul)und mitleidsvoller Gesandter (Nabi)!Wenn sie diese deine so große Liebe und dein umfassendes Mitleid nicht erkennen und dir in ihrer Einsichtslosigkeit (aqilsiz)den Rücken zukehren und nicht auf dich hören wollen, so beachte es nicht! Der Majestätische Herr (Dhat-i Dhu l-Djelal),unter dessen Befehl die Legionen Himmels und der Erden stehen, und das Königreich Seiner Herrschaft, das Sein allumfassender gewaltiger Thron regiert, ist genug für dich! Er wird Seine treuen, dir gehorsamen Völker um dich herum versammeln, sie werden auf dich hören und deine Gesetze annehmen!"
Das Mohammedanische Gesetz und die Sunna Ahmeds behandelt in der Tat keine Angelegenheit, ohne dass sich in ihr viele verschiedene Weisheiten finden ließen.
Ich armseliger (Mensch) behaupte dies trotz all meiner Fehlern und Schwächen und bin auch dazu bereit, diese Behauptung zu beweisen. Außerdem gleichen die siebzig, achtzig Teile der Risale-i Nur, die bis heute geschrieben worden sind, siebzig, achtzig zuverlässigen Zeugen dafür, wie voller Weisheit und Wahrheit die Sunna Ahmeds und die Mohammedanischen Gesetze sind. Wenn es möglich wäre, über dieses Thema nicht siebzig, sondern selbst siebentausend Abhandlungen zu schreiben, könnten sie dennoch alle diese Weisheiten nicht vollständig aufzählen.
Des Weiteren habe ich in meinem eigenen Leben durch meine Beobachtungen und Erlebnisse vielleicht tausendmal erfahren und bin so zu der Überzeugung gelangt, dass die Bestimmungen der Schariah und die Prinzipien der Gelobten Sitte für die Krankheiten des Geistes, des Verstandes und des Herzens und besonders für die Krankheiten der Gesellschaft überaus wirksame Heilmittel sind und nicht durch Themen der Philosophie und anderer Geisteswissenschaften ersetzt werden können. So habe ich denn anderen in meinen Abhandlungen (Risala)bis zu einem gewissen Grade bekannt gegeben, was ich erfahren hatte. Wer an meiner Behauptung zweifeln sollte, möge in den Abhandlungen der Risale-i Nur nachschlagen und sich dort vergewissern!
So kann man denn selbst einen Vergleich machen, welche Vorteile es mit sich bringt, welches Glück im Ewigen Leben, und wie verdienstvoll es im irdischen Leben ist, die Gelobte Sitte einer solchen Persönlichkeit so weit wie möglich zu befolgen.
Neunte Anmerkung:
Alle Regeln der Gelobten Sitte vollständig zu befolgen, gelingt nur den vornehmsten unter den besten. Wenn man sie aber auch nicht vollständig befolgen kann, so kann sich doch jeder in seinen Absichten (niyat),seiner inneren Anteilnahme (tarafdar)und Einsatzbereitschaft (iltizam)darum bemühen. In jedem Fall aber muss man wenigstens die vorgeschriebenen (fardh)und notwendigen (vadjib)
Dinge tun. Und wenn es auch keine Sünde ist, das, was in Dienst und Anbetung empfohlen ist, zu vernachlässigen, so geht man doch dabei großer Verdienste (sevab)verlustig. Wenn es sich aber darum handelt, sie abzuändern, so ist dies ein großer Fehler. Wenn man der Gelobten Sitte im täglichen Umgang (adat)und im sozialen Leben (muamelat)folgt, so werden diese alltäglichen Umgangsformen zum Gebet (ibadet).Folgt jemand ihnen nicht, so kann man ihn zwar nicht deswegen tadeln, doch der Nutzen, den er von dem Licht des Geliebten Gottes und seines aufrichtigen Lebenswandels (adab)zu ziehen vermag, verringert sich. Neue Erfindungen, was die Gesetze für Dienst und Anbetung betrifft, sind eine Ketzerei (bid'a).Was aber solche ketzerischen Neuerungen betrifft, so müssen diese, weil sie dem Geheimnis der Ayah اَلْيَوْمَ اَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ {"Heute habe ich für euch den Glauben vollendet." (Sure 5, 3)} zuwiderlaufen, zurückgewiesen werden. Wenn sie jedoch von der Art der Gebete und Rezitationen (dhikr ve evrad)sind, wie man sie in den verschiedenen Sufi-Orden antrifft, so gelten sie, unter der Bedingung, dass sie im Buch und in der Sunna verwurzelt sind, also unter der Bedingung, dass sie den feststehenden Grundlagen und Prinzipien der Gelobten Sitte nicht widersprechen und sie nicht ändern, nicht als ketzerische Neuerung (bid'a).Zwar hat ein Teil der Gelehrten auch diese (Gebräuche der Sufis) zu den Neuerungen gezählt, sie aber als "gute Neuerungen (bid'a hassene)"bezeichnet. Imam Rabbani, der Reformator (Mudjeddid)des Zweiten Jahrtausends, mit dem Gott zufrieden sein möge, sagte: "Ich habe im Wege meiner spirituellen Reise gesehen, dass die von dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, überlieferten Worte, leuchteten. Sie glänzten in den Strahlen seiner Gelobten Sitte. Wenn ich statt dessen von ihm nicht überlieferte, glänzende und
starke Anrufungen und (andere) Gebräuche bemerkte, so war kein Licht auf ihnen. Die brillantesten dieser Art, glichen nicht den geringsten der ersten Art. So verstand ich denn: Die Strahlen der Gelobten Sitte sind ein Elixier. Zudem sind die Strahlen der Gelobten Sitte ausreichend für alle, die nach Licht verlangen. Außerhalb nach Licht zu suchen besteht keine Notwendigkeit."
Dieses Urteil einer solchen Persönlichkeit, der ein Streiter für die Wahrheit und die Schariah ist, zeigt, dass die Gelobte Sitte das Fundament der Glückseligkeit in beiden Welten, der Quellgrund und der Brunnen der Vollkommenheit ist.
اَللّٰهُمَّ ارْزُقْنَا اتِّبَاعَ السُّنَّةِ السَّنِيَّةِ ٭ رَبَّنَآ اٰمَنَّا بِمَآ اَنْزَلْتَ وَاتَّبَعْنَا الرَّسُولَ فَاكْتُبْنَا مَعَ الشَّاهِدِينَ
{"Oh Gott, gewähre uns der Gelobten Sitte zu folgen!" "Unser Herr, wir glauben an das, was Dein Prophet uns geoffenbart hat. So schreibe uns denn ein unter denen, die Zeugnis geben." (Sure 3, 53)}
Zehnte Anmerkung:
قُلْ اِنْ كُنْتُمْ تُحِبُّونَ اللّٰهَ فَاتَّبِعُونِى يُحْبِبْكُمُ اللّٰهُ
{"Sprich: Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir. So wird Gott euch lieben." (Sure 3, 31)}
In dieser Ayah kommt das Wunder ('idjaz)(des Qur'an) durch seine Prägnanz (idjaz)zum Ausdruck, denn viele Sätze wurden mit diesen drei Sätzen zum Ausdruck gebracht. Es ist dies wie folgt: Diese Ayah sagt:
"Wenn ihr an Gott glaubt (erhaben ist Seine Majestät! = djelle djelaluhu),werdet ihr mit Sicherheit Gott lieben. Wenn ihr aber Gott liebt, werdet ihr auch in der Weise handeln, die Gott liebt. Was aber das betrifft, was Er liebt, so müsst ihr dem nacheifern, den Gott liebt. Um aber ihm nachzueifern, müsst ihr ihm folgen. Wann immer ihr ihm folgt, wird Gott auch euch lieben. Da ihr aber Gott bereits liebt, wird Gott auch euch lieben."
So sind denn alle diese Sätze nur eine kurze, präzise Zusammenfassung (der Bedeutung) dieser Ayah. Das aber sagt, dass das höchste und bedeutendste Ziel des Menschen ist, die Liebe (muhabbet)Gottes des Gerechten zu erlangen. Dieser Ayah entsprechend ist es klar, dass der Weg, dieses erhabene Ziel zu erreichen, die Nachfolge des Geliebten Gottes und der Eifer für seine Gelobte Sitte ist. Nachdem nun in diesem Zusammenhang (maqam)drei Punkte bewiesen worden sind, wird sich die obige Wahrheit als völlig klar herausstellen.
Erster Punkt:
Der Mensch wurde in seinem Wesen mit der Fähigkeit zu einer grenzenlosen Liebe zum Schöpfer dieses Kosmos erschaffen. Denn die menschliche Natur (fitrat-i besher)umfasst auch eine Begeisterung (muhabbet)für die Schönheit (djemal),eine Liebe zur Vollkommenheit (kemal)und Verehrung der (göttlichen) Güte (ihsan).Im Grade dieser Schönheit (djemal),Vollkommenheit (kemal)und Güte (ihsan)wächst diese Liebe und erreicht schließlich den höchsten Grad einer ekstatischen Liebe (ashk).
Und ferner findet sich in dem winzig kleinen Herzen dieses kleinen Menschen eine Liebe, die den ganzen Kosmos umfasst. Die Tatsache, dass sich Schriften vom Umfang einer Bibliothek von tausend Bänden in unserem Erinnerungsvermögen in einem Behälter von der Größe einer Linse im Herzen des Menschen aufbewahrt finden können, zeigt in der Tat, dass das Herz des Menschen den ganzen Kosmos umfassen und eine Liebe (muhabbet)von (gleichem) Umfang in sich tragen kann.
Und da nun einmal die menschliche Natur über eine so unbegrenzte Fähigkeit Güte, Schönheit und Vollkommenheit zu lieben (muhabbet)verfügt, und da nun einmal der Schöpfer dieses Kosmos über eine so unendliche, heilige Schönheit verfügt, wobei diese Wahrheit ganz offensichtlich durch Seine Werke, die sich im ganzen Kosmos zeigen, noch bekräftigt wird, und da Er nun einmal auch über eine so unendliche, heilige Vollkommenheit verfügt, wobei diese Wahrheit notwendigerweise durch die Ornamente
Seiner Kunstwerke, wie sie in allem Sein sichtbar werden, noch bestätigt wird, und da Er nun einmal über eine so grenzenlose Güte verfügt, wobei diese Wahrheit sich mit Gewissheit, ja sogar Bezeugung von grenzenloser Güte und Gnadengaben in allem zeigt, was da lebt, so erfordert dies von dem Menschen, der unter allen, mit Bewusstsein begabten Wesen mit Sicherheit das vielseitigste, aber auch bedürftigste ist, der am meisten (über alles) nachdenkt und sich am meisten (nach der Güte Gottes) sehnt, auch wiederum eine unendliche Liebe (muhabbet).
Sowie jeder Mensch mit einer grenzenlosen Liebe zu seinem Schöpfer begabt ist, so ist auch der Schöpfer in Anbetracht Seiner grenzenlosen Liebe, Vollkommenheit und Güte in der Tat mehr als irgendein anderer würdig, grenzenlos geliebt zu werden. Ja all diese Verschiedenartigkeiten der Liebe und einer intensiven Verbundenheit eines gläubigen Menschen mit diesem Leben, seinem Fortbestand, seinem Dasein, seiner Welt, seiner Seele (nefs)und allem, was da ist, gleichen Tropfsteinen, (gespeist aus dem Wasser) seiner Fähigkeit, Gott zu lieben. Ja (eigentlich sind alle) starken Gefühle des Menschen (gleich) Umwandlungen dieser seiner Fähigkeit zu lieben, vergleichbar den verschiedensten Formen (unter denen sich uns dieses Wasser seiner Liebe zeigen kann).
Bekannt ist zudem auch, dass der Mensch sich, so wie er sich über sein eigenes Glück freut, er sich auch über das Glück derer freut, mit denen er sich verbunden weiß; und so wie er den liebt, der ihn vor einem Unglück rettet, so liebt er auch den, der seinen geliebten (Freund) rettet.
So ist es denn auf Grund seiner geistigen Verfassung, dass der Mensch bei allen Arten göttlicher Gnadengeschenke (ihsanat),wie sie jedem Menschen zuteil geworden sind, das Folgende erwägen müsste:
"Mein Schöpfer errettete mich aus der ewigen Finsternis des Nicht-Seins und sowie er mir in dieser Welt eine
wunderschöne Welt gab, wird Er mich, wenn meine Stunde gekommen ist, wiederum vor dem Nicht-Sein und der Vernichtung erretten, was auf ewig verurteilt (und verloren zu sein bedeuten würde) und so wie Er mir in jener bleibenden Welt eine ewige und überaus prächtige Welt zum Geschenk (ihsan)machen und mir in jener Welt äußere und innere Sinne verleihen wird, um alle Arten von Genüssen und schönen Dingen genießen, umherwandern und Ausflüge machen zu können, so wird Er auch all meinen Verwandten, Freunden und der (ganzen) Menschheit zahllose Wohltaten (ihsan)zukommen lassen. Auch diese Wohltaten gehören in gewisser Weise mir, denn mit dem Glück (meiner Mitmenschen) bin auch ich selbst glücklich und zufrieden. Denn entsprechend dem Geheimnis von اَلْاِنْسَانُ عَبِيدُ الْاِحْسَانِ {"Der Mensch ist davon abhängig, seinem Wohlbefinden (ihsan) zu dienen. "} steckt in jedem (von uns) eine Verehrung alles Guten (ihsan).Angesichts solcher zahlloser Gnadengaben (ihsanat),verlangt mein Herz danach, auch wäre es so groß wie der Kosmos, um dieser Wohltaten (ihsan)willen mit Liebe (muhabbet)gefüllt zu werden; und ich will es füllen. Und auch wenn ich in Wirklichkeit einer solchen Liebe (muhabbet)nicht entsprechen kann, so kann ich es doch stattdessen mit all meiner Begabung (istidad),meinem Glauben (iman),meiner guten Absicht (niyah),meiner Annahmebereitschaft (qabul),meiner Wertschätzung (taqdir),meiner Sehnsucht, meiner ganzen inneren Anteilnahme (iltizam)und meinem guten Willen (irade)."So oder so ähnlich wird er dann sagen.
Was aber die Liebe betrifft, die der Mensch gegenüber aller Schönheit und Vollkommenheit empfindet, so lässt sie sich mit seiner Liebe zu allem Guten (ihsan)vergleichen. Was aber die Ungläubigen betrifft, so sind sie auf Grund ihres Unglaubens grenzenlos feindselig (adavet)gesinnt.
Ja sie bringen sogar dem ganzen Kosmos und allem Sein gegenüber eine böswillige und verächtliche, feindselige (Gesinnung) entgegen.
Zweiter Punkt:
Gott zu lieben (Muhabbetu'llah)erfordert die Befolgung der Sunna Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei. Denn Gott zu lieben heißt, zu tun, was Ihm wohlgefällig (mardiyat)ist. Was aber Ihm wohlgefällig ist, wird in vollkommenster Weise in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, offenbar. Den Handlungen und Taten Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, nachzueifern, gibt es zwei Möglichkeiten:
Erstens:
Hinsichtlich der Liebe zu Gott dem Gerechten, ist es notwendig, um Seinen Befehlen zu gehorchen und sich im Rahmen dessen zu bewegen, was Ihm wohlgefällig ist, (der Sunna) zu folgen. Denn in dieser Sache findet sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das vollkommenste Vorbild (Imam).
Zweitens:
Da sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das vollkommenste Gefäß (= Ursache) findet, um die grenzenlose Güte (ihsanat)Gottes zu empfangen, ist er um Gott des Gerechten willen sicherlich auch unserer grenzenlosen Liebe würdig. Wenn der Mensch fähig ist, einer Persönlichkeit zu gleichen, die er liebt, so möchte er ihr gleichen. So macht es dies denn absolut notwendig, dass die, die den Geliebten Gottes verehren, sich auch darum bemühen, ihm durch die Befolgung der Gelobten Sitte zu gleichen.
Dritter Punkt:
So wie Gottes des Gerechten Barmherzigkeit (merhamet)grenzenlos ist, so ist auch Seine Liebe grenzenlos. So wie Er sich durch alle Schönheit und die Verzierungen Seiner Kunstwerke in der ganzen Schöpfung in einem grenzenlosen Maße selbst als liebenswert erweist, so liebt auch Er Seine Kunstwerke und ganz besonders diejenigen unter ihnen, die mit Bewusstsein begabt sind, und dies stets dann, wenn sie Seine Kunstwerke lieben und Seinen Wunsch, geliebt zu werden, mit ihrer Liebe beantworten
und die dies besonders deshalb tun, weil Er sich ihnen in Seinen Kunstwerken als liebenswert erweisen will. Es sollte ganz klar verstanden werden, was für ein bedeutendes und erhabenes Ziel es ist, den liebevollen Blick seines Herrn auf sich zu lenken. Eine Erscheinungsform Seiner Barmherzigkeit sind alle die Feinheiten des Paradieses, die guten Dinge, die Genüsse und Gnadengeschenke. Seitdem es ganz klar feststeht, dass Seine Liebe nur dadurch gewonnen wird, dass man der Gelobten Sitte folgt, ist es sicher, dass dies das größte Ziel der Menschheit sein sollte und ihre vornehmste Pflicht (vazife).
Elfte Anmerkung:
Sie besteht aus drei Problemstellungen.
Erste Problemstellung:
Es gibt drei Quellen der Gelobten Sitte des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei: seine Worte, seine Handlungen und seine Haltung (hal).Auch diese drei Teile (= Quellen) lassen sich wiederum dreimal unterteilen: in Pflichten (fardh),freiwillige Handlungen (nafila)und lobenswerte Gewohnheiten (adat-i hasen).
Dem Teil, der verpflichtet (fardh)oder als notwendig vorgeschrieben (vadjib)ist, muss man unbedingt folgen (ittibaa).Wer es unterlässt (terk),erhält eine Strafe oder einen Tadel (azab ve iqab).Jeder ist dazu verpflichtet, (diesen Teil) zu befolgen. Der Teil der freiwilligen (Handlungen) besteht aus Vorschriften, die zwar nur empfohlen, zu denen aber dennoch alle Gläubigen verpflichtet sind, wenn auch ihre Unterlassung weder bestraft wird, noch tadelnswert ist. Wer sich aber an sie hält und sie befolgt, der erwirbt sich große Verdienste. Sie abzuändern und umzuwandeln ist eine Ketzerei (bid'a),ein Irrweg und ein großer Fehler. Was aber die Lobenswerten Gewohnheiten und den guten Umgang betrifft, so ist die Nachahmung und Befolgung (der Gelobten Sitte) im Hinblick auf ihre Weisheit und ihren Sinn im individuellen, mitmenschlichen und sozialen Leben ganz besonders lobenswert. Denn so, wie sich in allen gewöhnlichen Handlungen viele Vorteile für das alltägliche Leben finden, so verwandeln sich, folgt man
(der Gelobten Sitte), diese Sitten und Gebräuche in Gebet und Gottesdienst. Da nun einmal Freund und Feind in der Tat darin übereinstimmen, dass sich in der Person Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, die ethischen Werte auf höchstem Niveau verkörpern und da er nun einmal nach allgemeiner Übereinstimmung die berühmteste und hervorragendste Persönlichkeit ist, und da nun einmal Tausende von Wundern (mu'djizat)beweisen und die Islamische Welt, die er geformt hat und ihre Vollkommenheit bezeugen und die Wahre (Lehre) des Weisen Qur'an, den er verkündet und ausgelegt hat, bestätigt, dass er Vollkommener Mensch (insanu-l'kamil)und Lehrer (Murshid)in Vollendung ist, und da nun einmal Millionen vollendeter Menschen als Frucht ihrer Nachfolge auf der Stufenleiter ihrer Vervollkommnung vorangeschritten sind und so die Glückseligkeit in beiden Welten erreicht haben, bieten seine Sunna und sein Verhalten mit Sicherheit die besten Beispiele, denen man nacheifern sollte, die zuverlässigsten Wegweiser, denen man folgen sollte und die unverbrüchlichsten Gesetze, die man als Prinzipien zu Grunde legen sollte. Glücklich der (Mensch), der (sich von jedem Tag einen) großen Anteil zu ihrer Befolgung (nimmt)! Wer der Sunna nicht folgt, sei es (auch nur) aus Faulheit, wird einen gewaltigen Verlust erleiden; wer sie für bedeutungslos ansieht, begeht ein gewaltiges Verbrechen; während der, welcher sie kritisiert und somit in den Geruch der Falschheit bringt, einem gewaltigen Irrtum verfällt.
Zweite Problemstellung:
Gott der Gerechte hat im Weisen Qur'an den folgenden Ferman erlassen:
وَاِنَّكَ لَعَلٰى خُلُقٍ عَظِيمٍ
{"Und fürwahr, du bist mit einem hervorragenden Charakter erschaffen!" (Sure 68, 4)}
Sahabis, wie Aischa die Getreue (mit der Gott zufrieden sein möge), wenn sie den Ehrenwerten Propheten, mit
dem Friede und Segen sei, beschreiben sollten, pflegten zu sagen: خُلُقُهُ الْقُرْآنُ {"Er wurde erschaffen als eine Verkörperung des Qur'an."}
Das heißt: "Das Beispiel für die ethischen (akhlaq)Werte, die der Qur'an verkündigt, ist Mohammed, mit dem Friede und Segen sei. Und er ist es auch, der diesen Werten am besten entsprach und von seinem Wesen (fitra)her auf diese Werte hin erschaffen worden war."
Da also alle Taten einer solchen Persönlichkeit, seine ganze Haltung, jedes seiner Worte und seine Umgangsformen es verdienen, der ganzen Menschheit als Vorbild zu dienen, werden nun selbst die Toren verstehen, wie unglückselig die Gottvergessenen sind, die zwar (seiner Botschaft) glauben und zu seiner Gemeinde (umma)gehören, aber seiner Sunnah keinen Wert beimessen oder sie ändern wollen.
Dritte Problemstellung:
Da der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, von seinem Wesen her mit einem besonders moderaten Charakter und in der vollkommensten Weise erschaffen worden ist, waren auch seine Handlungen und seine Umgangsformen von der gleichen Harmonie und Ausgeglichenheit geprägt. Seine Berühmte Biographie zeigt auf ganz klare Weise, dass er bei all seinen Handlungen ausgeglichen und harmonisch war und sich aller Übertreibungen (ifrat)oder Vernachlässigungen (tefrit)enthielt. Da der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, vollkommen dem Auftrag entsprach: فَاسْتَقِمْ كَمَآ اُمِرْتَ {"So verhalte dich recht, wie dir befohlen wurde." (Sure 11, 112)} erkennt man in der Tat bei all seinen Worten und Taten und in seinem ganzen Verhalten ganz klar diese Ausgeglichenheit (istikamet).Zum Beispiel: So wie sein Denkvermögen frei ist von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich seiner Verderbnis, bzw. Verfinsterung (in Form von) Dummheit oder klugem Geschwätz (djerbeze),sein Denkvermögen sich vielmehr stets seiner Weisheit entsprechend
auf dem Mittelweg und der Bahn der Mäßigung bewegte, so wie die Gewalt seines Zornes stets rein blieb von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich seiner Verderbnis (in Form von übertriebener) Ängstlichkeit oder Jähzorn, die Gewalt seines Zornes sich vielmehr stets einem heiligen Mut entsprechend auf dem Mittelweg und der Bahn der Mäßigung bewegte, so war auch seine sexuelle Potenz rein und frei von (jeglicher Art von) Übertreibung oder Mangel, gleich einem gestörten, d.h. also frigiden oder ausschweifenden Verhalten, und so orientierte sich seine sexuelle Potenz stets (an dem Ideal) der ehelichen Keuschheit, einer Keuschheit, welche die Quelle eines ausgewogenen (Verhaltens) bis hin zur Untadeligkeit ist. Seiner Gelobten Sitte, seinem alltäglichen Verhalten und den Bestimmungen der Schariah entsprechend, wählte er in gleicher Weise den Weg der Ausgewogenheit und vermied Übertreibung und Vernachlässigung, Verschwendung und Vergeudung als (Ursache für jede Art) Rechtsbeugung und (alle Arten) undurchsichtiger Zustände. Er war sogar sparsam in seinen Worten, hielt Maß beim Essen und Trinken und vermied unbedingt (jede Art von) Übertreibung. Über diese Tatsache sind im Einzelnen (ganze) Bücher, (viele) Tausend Bände, geschrieben worden. Entsprechend dem Geheimnis von اَلْعَارِفُ تَكْفِيهِ الْاِشَارةُ {"ein Wink genügt dem Weisen"} lassen wir es mit diesem Tropfen aus dem Ozean bewenden und wollen diese Abhandlung, somit kurz gesagt, hier abbrechen.
Oh Gott segne den, der in seiner Person alle edlen moralischen Qualitäten vereinigt und das Geheimnis manifestiert hat:
اَللّٰهُمَّ صَلِّ عَلٰى جَامِعِ مَكَارِمِ الْاَخْلاَقِ وَمَظْهَرِ سِرِّ: وَاِنَّكَ لَعَلٰى خُلُقٍ عَظِيمٍ. اَلَّذِى قَالَ: مَنْ تَمَسَّكَ بِسُنَّتِى عِنْدَ فَسَادِ اُمَّتِى فَلَهُ اَجْرُ مِائَةِ شَهِيدٍ ٭ وَقَالُوا الْحَمْدُ لِلّٰهِ الَّذِى هَدٰينَا لِهٰذَا وَمَا كُنَّا لِنَهْتَدِىَ لَوْلآَ اَنْ هَدٰينَا اللّٰهُ لَقَدْ جَآءَتْ رُسُلُ رَبِّنَا بِالْحَقِّ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Und fürwahr, du bist mit einem hervorragenden Charakter erschaffen!" (Sure 68, 4) "Und der gesagt hat: 'Wer immer meiner Sunna folgt, nachem sie in Verfall geraten ist, wird die Belohnung von hundert Märtyrern empfangen."
"Und sie werden sagen: 'Gelobt sei Gott, der uns bis hierher geführt hat. Hätten wir doch niemals Rechtleitung gefunden, wäre es nicht durch Gottes Führung geschehen. Es war in der Tat die Wahrheit, welche die Gesandten unseres Herrn uns gebracht haben.'" (Sure 7, 43)
"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zwölfter Blitz
Betrifft die Erklärung zu zwei Themen im Qur'an auf Grund zweier kleiner Fragen von Re'fet Bey.
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ ٭ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ ٭ اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَعَلٰى اِخْوَانِكُمْ وَرَحْمَةُ اللّٰهِ وَبَرَكَاتُهُ
{"Im Namen des Hochgelobten. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend Ihn preist!" (Sure 17, 44) "Friede sei mit euch und euren Brüdern und das Erbarmen Gottes und Sein Segen."}
Mein lieber getreuer Bruder Re'fet Bey,
deine Fragen in einer so unpassenden Zeit, bringen mich in eine schwierige Lage. Du hast zwar dieses Mal nur zwei kleine Fragen, weil sie aber mit zwei Themen des Qur'an in Verbindung stehen und da deine Fragen die Kritik der Geographie und der Kosmographie an den sieben Schichten der Erde und den sieben Ebenen des Himmels betrifft, sind sie doch wichtig für mich geworden. Es soll hier deshalb außer Acht gelassen werden, dass es sich ja eigentlich nur um zwei kleine Fragen handelt. So wollen wir nun versuchen, kurz und bündig eine zwar wissenschaftliche, aber doch allgemein verständliche Erklärung zu den beiden Themen, zwei Ehrwürdige Ayat betreffend, zu geben. Daraus kannst dann auch du dir deinen Anteil (zur Beantwortung) deiner kleinen Fragen entnehmen.
Das erste Thema umfasst zwei Punkte
Erster Punkt
وَكَاَيِّنْ مِنْ دَآبَّةٍ لاَ تَحْمِلُ رِزْقَهَآ اللّٰهُ يَرْزُقُهَا وَاِيَّاكُمْ ٭ اِنَّ اللّٰهَ هُوَ الرَّزَّاقُ ذُو الْقُوَّةِ الْمَتِينُ
{"Und wie viele Tiere gibt es doch, die sich nicht ihren eigenen Unterhalt beschaffen können! Es ist Gott, der sie ernährt und auch euch." (Sure 29, 60) "Denn es ist Gott, welcher der Versorger ist, der Herr der Macht und der Beständigkeit." (Sure 51, 58)}
Entsprechend dem Geheimnis dieser Ayat kommt die Versorgung unmittelbar aus der Hand des Allmächtigen in Seiner Majestät (Qadir-i Dhu l-Djelal)und entspringt aus den Schatzkammern Seiner Barmherzigkeit. Da also die Versorgung eines jeden Lebewesens unter der Bürgschaft des Herrn (Rabb)steht, sollte es doch so sein, dass niemand zu verhungern braucht. Und dabei gibt es doch so viele, die ganz offensichtlich an Hunger und Unterernährung sterben. Diese Realität und ein solches Geheimnis kann man jedoch folgendermaßen in den Griff bekommen:
Die Bürgschaft des Herrn ist eine Tatsache. Es gibt keinen, der an Unterernährung stirbt. Denn der Allweise in Seiner Majestät (Hakiem-i Dhu l-Djelal)speichert einen Teil Seines Unterhaltes und sendet ihn dann in Form von Fett als eine Reserve in die Körper der Lebewesen. Ja, Er speichert sogar den Unterhalt (rizq),den Er gesandt hat, in jeder Zelle des Körpers, gleich einem Vorratsspeicher, der wieder aufgebraucht wird, wenn die Versorgung von außen ausbleibt.
Sie sterben dann bereits bevor diese Reserven aufgebraucht sind. Das aber heißt, dass der Tod nicht etwa eine Folge der Unterernährung ist. Sie sterben vielmehr auf Grund einer Gewohnheit (adet),die durch eine falsche Wahl (su-i ihtiyar)erworben wurde, oder aber auf Grund einer Krankheit, die aus dem Verlangen nach den falschen Dingen erwachsen ist, oder durch die Aufgabe einer Gewohnheit (adetin terk).In der Tat reicht der natürliche Unterhalt, der in Form von Fett im Körper eines Lebewesens gespeichert ist, im Allgemeinen voll und ganz für vierzig Tage. Er könnte sogar auf zweimal vierzig Tage ausgedehnt werden, falls dies während einer Krankheit oder im Zustand einer Ekstase des Geistes erforderlich sein sollte. Vor dreizehn Jahren - es sind inzwischen neununddreißig Jahre - stand einmal in einer Zeitung, dass ein Mann es in seiner außergewöhnlichen Verbohrtheit (inad)in einem Londoner Gefängnis
geschafft hat, siebzig Tage in bester Gesundheit zu überleben, ohne etwas zu essen.
Da also nun einmal die natürliche Versorgung vierzig bis siebzig oder achtzig Tage ausreicht, und da nun einmal die Manifestation des göttlichen Namens "der Versorger (Rezzaq)"über dem Antlitz der Erde in überaus reichem Maße sichtbar wird, und da uns nun einmal Nahrung in so vollkommen unerwarteter Weise aus den Brüsten zuströmt und aus Holz erwächst, (wäre es gar nicht nötig, dass sich dem Menschen) der Weg zum Hungertode öffnete, würde sich nicht der Mensch in all seiner Schlechtigkeit einmischen und in seinen bösen Absichten Verwirrung stiften, vielmehr würde dieser Name Gottes in jedem Fall allen Lebewesen zu Hilfe eilen, noch bevor seine natürlichen Reserven verbraucht sind. Weil dies aber so ist, verhungert ganz bestimmt niemand, wenn er denn in noch nicht einmal vierzig Tagen stirbt, allein deshalb, weil nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Vielmehr geschieht dies nach dem Geheimnis (des Sprichworts):
تَرْكُ الْعَادَاتِ مِنَ الْمُهْلِكَاتِ
{"Die Aufgabe der Gewohnheiten führt ins Verderben"} entweder infolge einer Gewohnheit, die aus dem Missbrauch der Willensfreiheit (su-i ihtiyar)entsteht, oder infolge einer Krankheit, hervorgerufen durch eine schlechte Gewohnheit, die sich nach der Aufgabe einer guten Gewohnheit (terk-i adet)entwickelt hat. Weil dies aber so ist, so kann man sagen, dass es einen Hungertod nicht gibt.
Man kann ja in der Tat beobachten, dass die Versorgung im umgekehrten Verhältnis zu Willenskraft und Willensfreiheit (iktidar ve ihtiyar)steht. Zum Beispiel: Solange sich ein Baby noch im Bauch seiner Mutter befindet, ist es noch vollständig seiner Macht (iktidar)und Freiheit (ihtiyar)beraubt, erhält aber dennoch in einem Maß seinen Unterhalt, dass es dazu noch nicht einmal seinen Mund zu öffnen braucht. Ist dann das Baby zur Welt gekommen, fehlt ihm noch immer die Macht und die Freiheit, doch ist ihm bereits die Fähigkeit angeboren und seine Motorik so weit entwickelt, dass allein schon eine kleine Bewegung, um sich mit
seinem Mund festzusaugen, genügt, (seinen Unterhalt) in vollkommenster, nahrhaftester, bestens verdaulicher, leichtester und feinsinniger Art und in einzigartiger Weise aus dem Bronn der Brustwarzen (seiner Mutter) in seinen Mund zu bekommen. Wenn das Kind dann später auch nur eine ganz kleine Quantität an Willenskraft und Freiheit entwickelt hat, so lässt sich dieser bis dahin so leicht und angenehm erreichbare Unterhalt stets mehr und mehr bitten. Der Quell der Brüste versiegt und der Unterhalt wird ihm nun von einem anderen Platz aus gesandt. Weil aber Macht und Freiheit noch nicht ausreichen, um bereits selbst für den eigenen Unterhalt sorgen zu können, sendet der Freigiebige Versorger (Rezzaq-i Keriem)den Vater und die Mutter, um in ihrer Liebe und Barmherzigkeit (shefqat ve merhamet)(dem Kind) in dessen Macht und Freiheit ein Helfer zu sein. Sobald aber Macht und Freiheit sich vervollkommnet haben, kommt ihm seine Versorgung nicht mehr gelaufen und (Gott der Versorger) lässt sie auch nicht mehr (zu ihm) laufen. Die Versorgung bleibt an ihrem Platz und sagt: "Komm her! Such mich! Fang mich doch!" Das aber heißt: die Versorgung steht in einem umgekehrten Verhältnis zur Macht und Freiheit (iktidar ve ihtiyar).Ja wir haben sogar in vielen Abhandlungen erklärt, dass Tiere, die der Macht und der Freiheit am meisten entbehren, ein besseres Leben haben und besser ernährt werden.
Zweiter Punkt:
Es gibt verschiedene Arten von Möglichkeiten (imkan).So gibt es die denkbare Möglichkeit (imkan-i aqli),die gewohnheitsgemäße Möglichkeit (imkan-i örfi)und die alltägliche Möglichkeit (imkan-i adi)(und dergleichen andere verschiedene) Formen. Wenn sich etwas nicht im Rahmen einer durchaus denkbaren Möglichkeit (imkan-i aqli)ereignet, so wird es abgelehnt. Und wenn es nicht im Rahmen gewohnheitsmäßiger Möglichkeiten (imkan-i örfi)geschieht, so ist es ein (außergewöhnliches) Wunder (mu'djize,ein übernatürliches Ereignis). Doch wird aus ihm kaum so leicht ein (gnadenreiches) Wunder (keramet,ein Gunsterweis gegenüber einem Heiligen) entstehen. Wo es nicht seinesgleichen gibt, weder im alltäglichen (örfen)
Bereich noch prinzipiell (kaideten),kann man es nur im Grade eines Zeugnisses anhand stichhaltiger Beweise annehmen.
So ist es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass die wunderbaren Zustände eines Seyyid Ahmed Bedewi, der vierzig Tage lang nichts gegessen hat, sich im Umkreis einer gewohnheitsgemäße Möglichkeit (imkan-i örfi)bewegen. Dies konnte auf Grund eines göttlichen Gnadenerweises (keramet)geschehen, oder aber eine Staunen erregende Gewohnheit sein. Es wird in der Tat in allgemeiner Übereinstimmung berichtet, dass Seyyid Ahmed Bedewi (möge sein Geheimnis geheiligt sein) sich in derart einzigartigen, ekstatischen Zuständen zu befinden vermochte. Es konnte bei ihm vorkommen, dass er in vierzig Tagen nur einmal aß. Doch war dies nicht immer so. Es geschah nur gelegentlich einmal kraft eines göttlichen Gnadenerweises (keramet).Es konnte sein, dass er im Zustand der Ekstase kein Bedürfnis mehr verspürte, etwas zu essen und dieser Zustand war für ihn zu einer Art von Gewohnheit (adet)geworden. Wunder (harika)der Art, wie sie an Seyyid Ahmed Bedewi (möge sein Geheimnis geheiligt sein) beobachtet wurden, sind bei vielen Heiligen dokumentiert und beschrieben worden. Wie wir bereits im Ersten Punkt bewiesen haben, kann Unterhalt gespeichert werden und dann für vierzig Tage und mehr ausreichen. Für die Länge eines solchen Zeitabschnittes nicht zu essen, kann zur Gewohnheit werden (adet mümkundür).Solche Zustände wurden bei außergewöhnlichen Menschen dokumentiert und über sie berichtet. Sie können daher sicherlich auch nicht bestritten (inkar)werden.
In Bezug auf diezweite Fragewollen wir hier nun zwei bedeutende Angelegenheiten erörtern. Denn da die Geografischen und Kosmografischen Wissenschaften mit ihren verkürzten Gesetzen und verengten Prinzipien nicht zu dem Himmel des Qur'an emporsteigen konnten und die Sterne der Ayat in den sieben Ebenen ihrer Bedeutungen nicht entdecken konnten, haben sie die Ayat nur
noch kritisiert und in ihrer Dummheit sogar versucht, sie zu leugnen.
Das erste bedeutende Thema behandelt die sieben Ebenen, welche die Erde genauso aufweist wie die Himmel.
Diese Angelegenheit erscheint den Philosophen der Neuzeit unwahr zu sein. Ihre Wissenschaften vom Himmel und der Erde können das nicht annehmen. Und sie nehmen dies zum Vorwand, sich einigen Wahrheiten im Qur'an zu widersetzen. Wir wollen hier nun einige Hinweise dazu kurz zusammenfassen.
Zunächst einmal:
Die Bedeutung der Ayah ist das eine, die einzelnen Punkte ihrer Bedeutung und was sie bestätigt, ist das andere. Hier aber muss nun gesagt werden, dass man ihre Bedeutung nicht einfach bestreiten kann, nur weil im Insgesamt aller Punkte ihrer Bedeutung ein Punkt fehlt. Von den vielen Punkten der Gesamtbedeutung dieser sieben Schichten des Himmels und der sieben Ebenen der Erde, sind sieben Punkte, die sie bestätigen, ganz klar ersichtlich.
Zweitens:
Die Ayah behauptet nicht ausdrücklich, dass die "Erde sieben Ebenen" hat.
اَللّٰهُ الَّذِى خَلَقَ سَبْعَ سَمٰوَاتٍ وَمِنَ الْاَرْضِ مِثْلَهُنَّ
{"Gott ist es, der die sieben Himmel erschaffen hat und von der Erde ein Gleiches... usw." (Sure 65, 12)}
Die Ayah sagt also wörtlich: "Er hat auch die Erde wie die sieben Himmel erschaffen und sie zu einer Wohnstatt für Seine Geschöpfe bestimmt." Sie sagt aber nicht: "Ich habe sie aus sieben Schichten bestehend erschaffen." Diese Vergleichbarkeit bezieht sich auf die Schöpfung und ihre Erschaffung und darauf, dass sie den Geschöpfen als Wohnstatt dient.
Drittens:
Da nun einmal der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i mutlaq)nichts verschwendet und keine sinnlosen Dinge erschafft und da nun einmal das Dasein der Geschöpfe den mit
Bewusstsein begabten Wesen dient und durch diese Wesen seine Vollendung findet und durch diese Wesen erblüht und durch diese Wesen aus der Sinnlosigkeit befreit wird, und da nun einmal, wie wir bezeugen können, der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i mutlaq),der Allmächtige in Seiner Majestät (Qadier-i Dhu l-Djelal)die Elemente mit unendlich vielen Lebewesen erfüllt, die Luft, die Welt des Wassers und die Erdschicht, und da nun einmal Luft und Wasser kein Hindernis für die Bewegung der Tiere sind, und so wie dichte Materie wie Erde oder Stein kein Hindernis für den elektrischen Strom oder Röntgenstrahlen bildet, so wird auch der Allweise in Seiner Vollkommenheit (Hakiem-i Dhu l-Kemal),der Meister (Sani-i),der niemals untergeht, die weiten Räume und Welten und die Höhlen vom Mittelpunkt der Erde bis hin zum Äußeren ihres Mantels, der unsere Wohnstatt und unser Siedlungsgebiet ist, nicht leer und unbewohnt lassen. Er hat sie sicherlich bewohnbar gemacht und hat auf ihnen und in ihnen mit Bewusstsein begabte Wesen erschaffen, die für (diese Bereiche) angepasst und geeignet sind angesiedelt.
Da diese mit Bewusstsein begabten Wesen von der Art der Engel und vom Geschlecht der Geister sein müssen, ist die dichteste und härteste Schicht für sie das, was das Meer für die Fische und die Luft für die Vögel ist. Selbst die fürchterliche Glut im Kern der Erde muss für sie das sein, was für uns die Wärme der Sonne ist. Da diese mit Bewusstsein begabten Geistwesen aus Licht bestehen, ist Feuer für sie wie das Licht.
Viertens:
Im Achtzehnten Brief wird ein Gleichnis jener Schilderungen der Leute der Entdeckungen und Schauungen (ehl-i keshf)erwähnt, welche solche Absonderlichkeiten der Schichten der Erde beschreiben, die über den Verstand gehen. Eine Zusammenfassung davon ist Folgendes:
Die Erdkugel ist in der Welt, die wir bezeugen (alem-i shehadet),einem Kern vergleichbar, während sie in der Welt der Visionen (alem-i misal)und in der Zwischenwelt (berzah)einem riesigen Baum gleicht, (der sich aus diesem Kern entfaltet hat), der mit seiner
gewaltigen Größe Schulter an Schulter den Himmel berührt. Wenn also die Entdecker (ehl-i keshf)auf der Erde eine Ebene erschaut haben, welche den Dämonen (ifrit)vorbehalten ist und eine Ausdehnung von Tausend Jahren hat, so befindet sich diese nicht im Kern der Erde, die der bezeugten Welt angehört, sie ist vielmehr eine Sichtbarwerdung der Zweige (dieses gewaltigen Baumes) und der Ebenen (dieser Welt) in jener Welt der Visionen. Wenn also eine einzige offensichtlich unbedeutende Ebene der Erde in einer anderen Welt eine so ausgedehnte Entsprechung hat, so kann man sicherlich sagen, dass (die Erde) sieben Ebenen hat, die den sieben Ebenen des Himmels entsprechen. Um die oben erwähnten Punkte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, spielen die Ayat des Qur'an darauf an, indem sie auf wunderbare Weise zusammengefasst zeigen, dass diese unsere kleine Erde das Äquivalent der sieben Ebenen des Himmels ist.
Zweites bedeutendes Thema:
تُسَبِّحُ لَهُ السَّمٰوَاتُ السَّبْعُ وَالْاَرْضُ وَمَنْ فِيهِنَّ ...الخ
{"Es preist Ihn, was in den sieben Himmeln und auf Erden ist... usw." (Sure 17, 44)}
ثُمَّ اسْتَوٰٓى اِلَى السَّمَآءِ فَسَوّٰيهُنَّ سَبْعَ سَمٰوَاتٍ وَهُوَ بِكُلِّ شَىْءٍ عَلِيمٌ
{"Dann wandte Er sich dem Himmel zu und formte ihn zu sieben Himmeln aus. Und er ist der Allwissende über allen Dingen." (Sure 2, 29)}
Viele Ayat beschreiben gleich dieser Ehrenwerten Ayah die Himmel als sieben Himmel. Wir haben dieses Thema bereits im "Isharatu-l'I'djaz", einem Kommentar zu dem Wunder, das der Qur'an ist, im ersten Jahr des früheren Allgemeinen (= ersten) Krieges an der Front unter dem Zwang der Umstände ganz kurz zusammengefasst behandelt. In diesem Zusammenhang erscheint es mir nun richtig hier dessen Inhalt wiederzugeben. Es ist dies wie folgt:
In der alten Philosophie wurden die Himmel noch als
neun vorgestellt. Nimmt man einmal in der Sprache der Schariah den Thron Gottes (arsh)und den Schemel (kürsi)Seiner Füße zusammen mit den Sieben Himmeln an, so erhält man eine merkwürdige Beschreibung der Himmel. Die schimmernde Terminologie dieser genialen Philosophen alter Schule war für die Menschheit (der damals bekannten Welt) viele Jahrhunderte lang grundlegend und maßgeblich. Viele Kommentatoren (ehl-i tefsir)mussten (im Mittelalter) die offensichtliche Bedeutung der Ayat (der hellenistisch-humanistischen Denkweise) ihrer Schule (medhheb)anpassen. Auf diese Weise wurde dieses Wunder, das der Weise Qur'an ist, zum Teil verschleiert. Was aber nun die als neue Weisheit bezeichnete moderne Philosophie betrifft, so verkehrte sie ihre Behauptung angesichts der Übertreibungen der alten Philosophie hinsichtlich der Himmel in ihr Gegenteil und leugnete (inkar)schlichtweg die Existenz der Himmel. Die alte (Philosophie) mit ihren Übertreibungen (ifrat)und die spätere in ihrer Unvollkommenheit (tefrit)waren (beide)nicht dazu in der Lage, die Wahrheit in ihrer Ganzheit aufzuzeigen.
Was aber die Heilige Weisheit des Weisen Qur'an betrifft, so lässt sie jegliche Übertreibung (ifrat)und alle Unvollkommenheit (tefrit)beiseite, wählt statt dessen den mittleren Weg und sagt: der Schöpfer in Seiner Majestät (Sani-i Dhu l-Djelal)hat die Himmel in sieben Ebenen erschaffen. Was aber die Bewegungen der Planeten (yildiz)betrifft, so schwimmen sie in den Himmeln wie die Fische (im Wasser) und loben und preisen Gott. In einem Hadith heißt es:
اَلسَّمَآءُ مَوْجٌ مَكْفُوفٌ
Das heißt: Der Himmel ist ein Meer, dessen Wogen erstarrt sind.
Da der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, sich an alle Schichten aller Menschen und Dschinnen richtet, werden sicherlich alle diese Schichten des Menschengeschlechtes aus einer jeden Ayah des Qur'an ihren
Anteil empfangen, wobei seine Ayat ausdrücklich oder indirekt viele verschiedene Aussagen beinhalten, sodass sie dem Verständnis einer jeden Schicht zu entsprechen vermögen.
Es ist in der Tat diese ganze Breite der qur'anischen Botschaft (hitabat),das Umfassende ihrer Bedeutung, die Vielfalt ihrer Hinweise und ihre Art, den jeweiligen Grad des Verständnisvermögens von den einfachsten, ungebildeten Leuten bis hin zu den edlen und hochgebildeten eines Volkes in Betracht zu ziehen und ihm zu entsprechen, die zeigt, dass in jeder Ayah eine Bedeutung verborgen ist, die sich an die ihr entsprechende Volksschicht wendet.
Es ist also auf Grund dieses Geheimnisses, dass die allumfassende Bedeutung von "sieben Himmel" von sieben verschiedenen Schichten der Menschheit auf sieben verschiedenen Ebenen folgendermaßen verstanden wird:
فَسَوّٰيهُنَّ سَبْعَ سَمٰوَاتٍ
{"Und formte ihn zu sieben Himmeln aus." (Sure 2, 29)}
Eine kurzsichtige und engstirnige Schicht der Menschheit versteht darunter die (sieben) Luftschichten (über der Erde), während eine andere Schicht der Menschheit, von der Kosmographie berauscht, darunter die bekannten sieben Planeten (der alten Welt) samt ihrer Umlaufbahnen versteht. Wieder eine andere Gruppe von Menschen versteht darunter die sieben Globen, die unserer Erdkugel ähneln und von lebenden Wesen bevölkert sind. Wieder eine andere Schicht von Menschen versteht darunter das Sonnensystem, unterteilt in sieben Ebenen oder aber Sonnensysteme, die mit dem unseren zusammen sieben solcher Systeme bilden. Und wieder eine andere Klasse von Menschen versteht darunter den Äther (der den Kosmos erfüllt) und unterteilt ihn in sieben Schichten. Wieder eine andere Schicht Menschen mit einem größeren Vorstellungsvermögen betrachtet den ganzen sichtbaren, mit
Sternen geschmückten Himmel, zählt und sagt, dass dies der Himmel unserer eigenen Welt (dunya)sei und zählt noch weitere sechs Ebenen der Himmel hinzu. Was aber die siebente Schicht des Menschengeschlechtes und die höchste Ebene betrifft, so betrachtet sie die sieben Himmel nicht als auf die bezeugte Welt beschränkt, sondern versteht vielmehr, dass die jenseitigen, verborgenen Welten, das Diesseits und die Welt unserer Vorstellungen alle jeweils von sieben verschiedenen Himmeln überwölbt und umkleidet sind.
So findet denn ein jeder in der Gesamtheit dieser Ayah die bekannten sieben Ebenen entsprechend den sieben verschiedenen Bedeutungen zu noch vielen anderen einzelnen Möglichkeiten der Auslegung. Und ein jeder Einzelne empfängt aus ihnen seinen Anteil entsprechend seinem Verständnis und so findet ein jeder seinen Unterhalt an diesem Himmlischen Tisch.
So hat denn diese Ayah dermaßen viele aufrichtige Bestätigungen. Alle diese verständnislosen Philosophen unserer Zeit und das ganze Gesindel der Kosmographen, die diese Ayah angreifen, indem sie die Himmel leugnen, gleichen dummen kleinen Kindern, die Steine nach den Sternen werfen, in der Absicht, so einen Stern zu Fall zu bringen. Denn wenn auch nur ein Punkt die universale Bedeutung dieser Ayah als richtig bestätigt, so ist ihre Bedeutung insgesamt richtig und wahr. Ja, selbst dann, wenn ein kleinerer Aspekt nicht im Wortsinne wahr, jedoch allgemein akzeptiert ist, so ist er doch in dieser universalen Bedeutung mit eingeschlossen und kann der allgemein aufrecht erhaltenen Idee entsprechen. Denn wir haben bereits viele solche Einzelheiten beobachtet, die wahr und richtig sind. Nun aber beguck dir einmal diese unredlichen und ungerechten Geographen, dieses trunkene Gesindel berauschter Kosmographen: wie falsch diese beiden Wissenschaftler gehandelt haben, wie sie ihre Augen vor der universalen Bedeutung verschlossen haben, die richtig, wahr und zuverlässig ist, wie sie die
Aspekte nicht sehen, die diese Bedeutung bestätigen und vollkommen richtig sind, wie sie sich einen imaginären und höchst sonderbaren Aspekt als die Bedeutung der Ayah vorgestellt und Steine auf die Ayah geworfen haben. Sie haben sich mit diesen Steinen den eigenen Kopf zerschlagen und dabei ihren Glauben verloren!...
Kurzum:
Da die Ideen der ungläubigen Materialisten so wenig wie die Teufel und die Dschinnen unfähig waren, zu den sieben Ebenen der Himmel des Qur'an emporzusteigen, was in sieben Lesarten, in sieben Aspekten, in sieben Wundern, sieben Wahrheiten und sieben Grundpfeilern (des Glaubens) offenbart worden ist, wissen sie nun nicht, was es auf den Sternen seiner Ayat gibt und was es dort nicht gibt und liefern nun falsche und lügenhafte Berichte. Und Sternschnuppen fallen ihnen nun gleich den oben erwähnten Erklärungen auf ihre Köpfe und verbrennen sie. In der Tat kann man nicht durch die Sophistereien der Philosophen in ihrer dschinnengleichen Gedankenwelt zu den Himmeln des Qur'an aufsteigen. Vielmehr kann man zu den Sternen der Ayat nur emporsteigen durch die Himmelfahrt (mi'radj)einer wahren Weisheit und auf den Schwingen des Glaubens in der Gemeinschaft des Islam (Islamiyet)...
اَللّٰهُمَّ صَلِّ عَلٰى شَمْسِ سَمَآءِ الرِّسَالَةِ وَقَمَرِ فَلَكِ النُّبُوَّةِ وَعَلٰى اٰلِهِ وَصَحْبِهِ نُجُومِ الْهُدٰى لِمَنِ اهْتَدٰى ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ ٭ اَللّٰهُمَّ يَارَبَّ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ زَيِّنْ قُلُوبَ كَاتِبِ هٰذِهِ الرِّسَالَةِ وَرُفَقَآئِهِ بِنُجوُمِ حَقَآئِقِ الْقُرْاٰنِ وَالْاِيمَانِ اٰمِينَ
{"Oh Gott segne die Sonne am Himmel des Prophetentums und den Mond am Firmament der Gottesgesandten, seine Familie und seine Gefährten, die Sterne der rechten Führung für alle Rechtgeleiteten." "Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32) "Oh Gott, Herr, des Himmels und der Erden! Schmücke die Herzen derer, die diese Abhandlung geschrieben haben und ihrer Freunde mit den Sternen der Wahrheiten des Qur'an und des Glaubens! Amin!"}
Dreizehnter Blitz
اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
{"Ich suche meine Zuflucht bei Gott vor dem gesteinigten Satan."}
(Eine Abhandlung über dieses Geheimnis)
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ وَقُلْ رَبِّ اَعُوذُ بِكَ مِنْ هَمَزَاتِ الشَّيَاطيِنِ ٭ وَ اَعُوذُ بِكَ رَبِّ اَنْ يَحْضُرُونِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Und sprich: Oh mein Herr, ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Teufeln, die mich aufhetzen wollen. Und ich nehme meine Zuflucht zu Dir, mein Herr, sodass sie sich mir nicht nähern!" (Sure 23, 97-98)}
Es handelt sich um das Geheimnis der Zufluchtnahme vor dem Satan. Es sollen hier dreizehn Hinweise geschrieben werden. Einige dieser Hinweise sind bereits an verschiedenen Stellen der Risala, wie z.B. im Sechsundzwanzigsten Wort behandelt und erklärt worden, die wir nun hier kurz zusammenfassen wollen.
Erster Hinweis
Frage:
Wie kommt es eigentlich, dass die Teufel, die sich doch in keiner Weise in die Erschaffung des Universums einmischen konnten, trotzdem sich doch Gott der Gerechte in Seiner Barmherzigkeit und in Seiner Gnade auf die Seite der Leute der Wahrheit stellt, auch die sie so anziehende Schönheit, die Werte der Wahrheit und Gerechtigkeit die Leute der Wahrheit stärken und ermutigen, zudem die abstoßende Hässlichkeit der Irreleitung den Ekel der Leute des Irrweges erregt, wie kommt es dann
eigentlich, dass die Parteigänger des Teufels so oft die Oberhand gewinnen und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter)? Und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter), dass die Leute der Wahrheit stets vor der Bosheit des Teufels bei Gott dem Gerechten Zuflucht suchen sollen?
Antwort:
Die Weisheit und das Geheimnis dahinter ist Folgendes: In der überwiegenden Mehrheit (aller Fälle) sind Irreleitung und Bosheit negativ und destruktiv, vernichtend und zerstörerisch bis zum Nichtsein, während zugleich in der überwiegenden Mehrheit (aller Fälle) die Rechtleitung und das Gute positiv, konstruktiv, aufbauend und gestaltend im Dasein sind. Es ist ja allgemein bekannt, dass ein einziger Mann an einem einzigen Tag ein Bauwerk zerstören kann, was zwanzig Mann in zwanzig Tagen aufgebaut haben. Obwohl sich also das menschliche Leben in der Tat fortsetzt, wenn alle lebenswichtigen Organe vorhanden und alle Lebensbedingungen gegeben sind, und obwohl (dieses Leben) dem Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal)zu Eigen ist (qudretine mahsus),kann dennoch ein Despot (zalim)durch die Entfernung eines Organs einen Menschen zu Tode bringen, der das Nichtsein im Vergleich zum Leben (und Dasein) ist. Deshalb ist die Redwendung اَلتَّخْرِيبُ اَسْهَلُ {"Zerstören ist leicht"} sprichwörtlich geworden.
Es geschieht aus diesem Grunde, dass die Leute der Irreleitung mit einer in Wahrheit nur schwachen Kraft manchmal über die Leute der Wahrheit, die doch so stark sind, triumphieren. Doch die Leute der Wahrheit besitzen eine Burg, die so uneinnehmbar ist, dass sie, sobald sie dort ihre Zuflucht suchen, sich ihre furchtsamen Feinde ihr nicht nähern und nichts ausrichten können. Auch wenn sie ihr vorübergehend einen Schaden zufügen, so gleicht doch ein immerwährender Verdienst und Gewinn nach dem Geheimnis وَالْعَاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ {"Und das Ende ist den Gottesfürchtigen." (Sure 7, 128)}
den Schaden wieder aus. Was aber diese feste Burg, diese mächtige Festung betrifft, so ist sie das mohammedanische Gesetz und die Sunna Ahmeds, mit dem Friede und Segen sei.
Zweiter Hinweis
Frage:
Die Erschaffung der Teufel, die nichts als Bosheit ist, und deren Belästigung der Leute des Glaubens und dass viele Menschen um deretwillen ihren Glauben verlieren und zur Hölle fahren, erscheint schrecklich und abscheulich. Wie kann nur die Barmherzigkeit und Schönheit (Gottes), der in Seiner Schönheit (Djemil)absolut, in Seiner Barmherzigkeit vollkommen (Rahiem-i mutlaq)und in Seinem Erbarmen gerecht (Rahman-i bil'Haqq)ist, es zulassen, dass sich eine so grenzenlose Abscheulichkeit, ein so fürchterliches Unheil ereignet?
Es gibt so viele, die sich so etwas fragen, denen eine solche Frage in den Sinn kommt.
Antwort:
Es gibt neben all den vielen kleineren Übeln (sherr),die mit der Existenz des Teufels verbunden sind, auch viele ganz allgemeine gute Zweckbestimmungen und eine menschliche Vollkommenheit. Es gibt in der Tat vom Samenkern bis zum riesengroßen Baum viele Abstufungen. So finden sich auch in der menschlichen Natur Begabungen auf noch weit mehr Abstufungen. Sie sind sogar so zahlreich wie die Abstufungen (in den Größenunterschieden) zwischen einem Atom und der Sonne. Um diese Fähigkeiten zu entfalten, ist es mit Sicherheit notwendig, sich zu bewegen. Sie verlangen danach, einen Prozess in Gang zu setzen. In diesem Prozess aber kommt die Bewegung dieses Räderwerks der Entwicklung nur durch eine Anstrengung zu Stande. Was aber diese Anstrengung betrifft, so wird sie durch die Anwesenheit des Teufels und durch Dinge ausgelöst, die Schaden anrichten. Wäre dies nicht so, so würde der Zustand (maqam)
des Menschen konstant bleiben, wie der der Engel. Dann gäbe es innerhalb des Menschengeschlechtes auch keine Klassenunterschiede wie zwischen tausenden verschiedener Arten. Und es würde aller Weisheit und Gerechtigkeit (hikmet ve adalet)zuwiderlaufen, wollte man Tausend Güter aufgeben, um ein einziges kleines Stückchen Bosheit (sherr-i djuzi)zu vermeiden. Denn mit Sicherheit werden die meisten Menschen vom Teufel in die Irre geführt. Doch richten sich Wert und Bedeutung meistens nach der Qualität. Nach der Quantität richten sie sich nur wenig oder gar nicht. Wenn wir uns z.B. vorstellen, ein Mensch habe tausendundzehn Saatkörner, die er vergräbt, wonach dann in der Erde ein chemischer Prozess stattfindet, an dessen Ende zehn Bäume aus der Erde wachsen, während gleichzeitig Tausend (Samenkörner in der Erde) verrotten, so lassen die zehn Samenkörner, aus denen die Bäume entstanden sind und dem Mann nun einen Nutzen bringen, ihm den Schaden, den er durch die verrotteten tausend Samenkörner erlitten hat, mit Sicherheit für nichts erachten. Und auf genau die gleiche Weise reduziert sich im Kampf gegen die Seele (nefs)wie gegen den Teufel und im Vergleich zu dem Gewinn, der Ehre, der Erleuchtung und dem Wert für die Menschheit, den zehn sternengleiche "vollkommene Menschen (insan-i kamil)"erbracht haben, der Schaden, welchen die Leute des Irrweges, die den Unglauben gewählt haben, der Menschheit dadurch zugefügt haben, geradezu zu nichts, sodass man ihn gar nicht mehr in Betracht zu ziehen braucht. Weil dies aber so ist, hat die göttliche Barmherzigkeit (rahmet),Weisheit (hikmet)und Gerechtigkeit (adalet)die Existenz des Satans gestattet und ihm erlaubt, die Menschen zu quälen.
Oh ihr Leute des Glaubens! Euer Panzerhemd gegen diesen furchtbaren Feind ist die Gottesfurcht (taqwa),welche an der Werkbank des Qur'an gewebt wurde. Und eure Schutzwehr ist die Gelobte Sitte des Ehrenwerten Propheten, mit dem der Friede und Segen sei. Zuflucht zu nehmen bei Gott vor dem Satan, Vergebung (istighfar)zu suchen,
den Schutz Gottes (hifdh-i Ilahi)zu erbitten ist eure Waffe...
Dritter Hinweis
Frage:
Diese so massiven Klagen, diese Anhäufung schwerster Vorwürfe, diese überaus heftigen Drohungen gegen die Leute des Irrweges im Weisen Qur'an, erscheint bei rein äußerlicher Betrachtung dem Verstand als unverhältnismäßig in Anbetracht seiner maßvollen und ausgewogenen Rhetorik (belaghat),der Mäßigung und Harmonie in seiner Redeweise (uslub).Es ist, als wolle er ein ganzes Heer gegen einen einzelnen armen Mann in Stellung bringen. Und er bedroht ihn wegen einer unbedeutenden Tat, so als habe er Tausende von Verbrechen begangen. Und trotz seiner Insolvenz und seiner Unfähigkeit über sein Eigentum zu verfügen, bringt er ihn in die Lage eines Partners, den er anklagt, Übergriffe begangen zu haben. Was ist das Geheimnis und die Weisheit dahinter?
Antwort:
Das Geheimnis und die Weisheit dahinter ist Folgendes: Dies ist so, weil die Teufel und die, welche dem Satan folgen und weil sie den Irrweg gewählt haben, durch eine an und für sich unbedeutende Handlung eine große Zerstörung anrichten können, weil sie die Rechte der gesamten Schöpfung durch eine nichts sagende Tat (adjz bir fiil)(verletzen) und ihr einen großen Schaden zufügen können.
So kann ein Mann zum Beispiel durch irgendeine unbedeutende (adjz)Handlung oder die Nichterfüllung einer kleineren Aufgabe auf einem großen Handelsschiff eines Königs die Ursache dafür sein, dass alle Anstrengungen der ganzen Mannschaft an Bord vergeblich waren und alle Früchte ihrer Arbeit zunichte wurden. Deshalb also beklagt sich der ehrenwerte Schiffseigentümer darüber und bedroht den Delinquenten im Namen all der Leute, die etwas mit seinem Schiff zu tun haben, auf das heftigste und verhängt über ihn eine fürchterliche Strafe, wobei er nicht
dessen unbedeutende Tat in Rechnung stellt, sondern die schrecklichen Folgen (dieser Tat), nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem auch für all seine Untergebenen.
Auf ganz genau die gleiche Weise verletzen auch die Leute des Irrweges, diese Anhänger Satans (hizb-us sheytan),durch ihre - wenn auch offensichtlich unbedeutenden Sünden und ihre Fehler - die auf diesem Schiff, das unsere Erde ist, mit den Leuten der Rechtleitung zusammen sind, die Rechte so vieler Geschöpfe und machen die Ergebnisse ihrer hohen Aufgaben zunichte. Deshalb bedroht sie dann der König von Ewigkeit zu Ewigkeit und beklagt sich über sie. Und wenn Er Seine Heere gegen sie in Stellung bringt, so ist dies die reine Weisheit in bester Redekunst (belaghat),durchaus rechtmäßig und angemessen. (Und Seine Aussage in wohlgesetzten Worten) entspricht durchaus den Erfordernissen der Situation. Das aber ist die Definition für Redegewandtheit und ihre Basis. Und sie ist frei von einer Übertreibung, die eine Verschwendung von Worten ist.
Es ist also klar, dass der, der vor den entsetzlichen Feinden, die mit so wenig (az) Handlung solch schreckliche Zerstörungen anrichten, nicht seine Zuflucht zu solch einer festen Burg nimmt, in sehr großes Elend gerät.
Und so ist denn, oh ihr Leute des Glaubens, diese stählerne und zugleich himmlische Burg der Qur'an. Tretet in sie ein und ihr werdet gerettet sein!
Vierter Hinweis
Die Leute der Erforschung (ehl-i tahqiq)und die Gefährten der Entdeckungen (ashab-i keshf)sind sich darin einig, dass Nicht-Sein die Unvollkommenheit alles Bösen (sherr)und das Da-Sein das vollkommene Gute ist. Tatsächlich richtet sich alles Gute, alle Tugend und jede Vollkommenheit in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle auf die Schaffung positiver Werte aus und greift auf sie zurück. Selbst dort noch, wo es - äußerlich gesehen - negativ und wie abwesend erscheint,
ist es doch in seinem Kern durchaus positiv und gehört dem Bereich des Seins an. Dem gegenüber ist der Kern, die Hefe jeden Irrwegs, alles Bösen, jeder Auflehnung und allen Unglücks, das Nicht-Sein und die Verleugnung. Alle Bosheit und Hässlichkeit, die wir in ihnen finden, erwachsen aus einem Mangel heraus. Selbst dort noch, wo sie - äußerlich gesehen - als positiv und auf das Dasein ausgerichtet erscheinen, bleiben sie doch ihrem Kern nach negativ und gehören dem Bereich des Nicht-Seienden an.
Auch steht ganz offensichtlich fest, dass die Existenz eines Dinges, wie z.B. eines Gebäudes, auf dem Vorhandensein all seiner einzelnen Teile beruht, während seine Zerstörung, seine Vernichtung, sein Nichtvorhandensein durch das Fehlen dieser Teile zu Stande kommt. Zudem verlangt ein jedes Dasein in jedem Fall nach dem Vorhandensein einer Ursache, stützt sich auf etwas, das real und tatsächlich vorhanden ist. Was aber das Nichtsein betrifft, so kann es auf Dingen beruhen, die nicht gegeben sind. Ein Ding, das nicht vorhanden ist, kann die Ursache für etwas sein, das nicht gegeben ist.
So ist es denn die Konsequenz dieses Grundsatzes, dass diese Teufel in der Gestalt von Menschen und Dschinnen trotz der fürchterlichen Zerstörungen, die sie in der Welt anrichten, trotz aller Arten von Unglaube, Irreleitung und Vernichtung, so wenig wie sie bei Seiner Erschaffung mitwirken und auch nur ein Stäubchen ins Dasein rufen könnten, so auch keinen Anspruch auf das Reich Gottes haben. Und so wie es nicht ihre Werke sind, die auf Grund irgendeiner Macht (qudret)oder Fähigkeit (iktidar)etwas bewirken können, so sind dies in vielen ihrer Werke nicht ihre Macht und Fähigkeit sondern ihre Nachlässigkeit und ihre Unterlassung. Indem sie nicht erlauben, dass das Gute getan wird, bewirken sie das Böse (sherr).Das heißt also, das Böse (sherr)geschieht. Denn da das Böse und alles Übel eine Art von Zerstörung ist, braucht ihr Anlass nicht eine tatsächlich existierende Macht (maudjud bir iktidar)und ein schöpferisches Werk (fa'il bir idjad)
zu sein; vielmehr geschieht ein solch riesiges Ausmaß an Vernichtung durch eine Art Befehl, nicht zu sein, und eine Vorbedingung, die zerstört worden ist.
So geschah es denn deswegen, weil die Zoroastrier dieses Geheimnis nicht enträtseln konnten, dass sie nun glaubten, dass Ahura Mazda, der Schöpfer alles Guten, die Welt erschaffen habe, während Ahriman der Schöpfer des Bösen gewesen sei. Tatsächlich ist aber Ahriman, den sie sich als den Gott des Bösen vorstellen, der bekannte Satan, der durch einen Bruchteil an Willensfreiheit (djuz-i ihtiyar),der ihm gegeben wurde, mit dem er aber nichts zu erschaffen vermag, das Böse bewirken kann.
So ist denn, oh ihr Leute des Glaubens, eure wirkungsvollste Waffe und das Werkzeug, das euch gegeben wurde, um die schrecklichen Zerstörungen des Teufels wieder zu beheben, die Bitte um Vergebung (istighfar),wenn wir sagen: اَعُوذُ بِاللّٰهِ {"Ich suche meine Zuflucht bei Gott"} und so Schutz suchen bei Gott dem Gerechten. Und eure Burg ist die Gelobte Sitte.
Fünfter Hinweis
Obwohl doch Gott der Gerechte der Menschheit in den Himmlischen Büchern so große Belohnungen wie das Paradies versprochen und so fürchterliche Strafen wie die Hölle angedroht hat, verbunden mit so vielen Rechtleitungen, Ermahnungen, Warnungen, Drohungen und Ermutigungen und obwohl es doch so viele Möglichkeiten der Rechtleitung und Geradlinigkeit (istikamet)gibt, werden dennoch die Leute des Glaubens durch diese hässlichen und schwachen Listen des Teufels besiegt, ohne dafür einen Lohn zu erhalten. Darüber habe ich einmal lange nachgedacht. Wie ist das möglich, dass sie Gottes des Gerechten so schwerwiegenden Drohungen so wenig Beachtung schenken, wo sie doch Gläubige sind? Warum ist Glaube (iman)allein noch nicht ausreichend?
اِنَّ كَيْدَ الشَّيْطَانِ كَانَ ضَعِيفًا
{"Führwahr, die List des Satans ist nur eine schwache!" (Sure 4, 76)}
Nach diesem Geheimnis werden sie von den schwachen Listen des Teufels verführt und lehnen sich auf (isyan)gegen Gott. Ja obwohl einige meiner Freunde die Lesungen über die Wahrheit hundertmal bei mir gehört und in ihrem Herzen bestätigt hatten, ja einer von ihnen eine wirklich sehr gute Meinung von mir und eine gute Beziehung zu mir hatte, ließ er sich dennoch von dem bedeutungslosen und scheinheiligen (riya)Kompliment eines herzlosen und böswilligen Menschen dazu verleiten, für ihn und gegen mich Stellung zu beziehen. Da sagte ich mir: "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)!Ja kann denn ein Mensch so tief fallen? Was für ein unredlicher (haqiqatsiz)Mensch er doch war!" So bin ich über diesen armen Kerl hergezogen und habe mich gegen ihn versündigt (günah).
Später wurde mir dann im Lichte des vorangegangenen Hinweises die Wirklichkeit enthüllt und viele dunkle Punkte erhellten sich mir. Gott sei Dank (lillahilhamd)verstand ich in diesem Licht, dass die machtvolle Ermutigung und Versicherung des Weisen Qur'an ganz genau entsprechend ist, und dass die Leute des Glaubens, wenn sie durch die Listen des Teufels verführt werden, dies nicht durch einen Mangel an Glauben oder durch eine Glaubensschwäche geschieht. Auch verstand ich, dass der, welcher eine schwere Sünde (kebair)begeht, dadurch nicht zu einem Ungläubigen wird, und dass die Mu'teseliten und ein Teil der Kharidjiten sich im Irrtum befinden, wenn sie behaupten, dass einer, der eine schwere Sünde begeht, entweder "zu einem Ungläubigen (kafir)wird, oder aber einem (Zustand) zwischen Glaube und Unglaube verfällt" und dass mein armseliger Freund, auch sollte er hundert Lektionen in Wahrhaftigkeit (haqiqat)geopfert haben, nur um die Aufmerksamkeit eines solchen Schuftes zu gewinnen, dennoch nicht in eine solche Tiefe und Erniedrigung gefallen wäre. So dankte
ich denn Gott dem Gerechten und wurde vor dem Abgrund errettet. Denn der Teufel bringt (den Menschen), wie ich bereits weiter oben gesagt habe, durch einige unbedeutende Dinge aus dem Bereich des Nichtseins in Gefahren mit schwerwiegenden Folgen. Ja mehr noch: was des Menschen Seele (nefs)betrifft, so hört sie jederzeit auf den Teufel. Und was die Veranlagung (des Menschen) zu Wut und Wollust (quvve-i sheheviye ve ghadabiye)betrifft, so gleichen beide den Empfangs- und Sendegeräten teuflischer Einflüsterungen.
Es ist aus diesem Grund, dass den Leuten des Glaubens die beiden Namen Gottes des Gerechten, der Verzeihende (Ghafur)und der Barmherzige (Rahiem),in einer so gewaltigen Erscheinungsweise gegenübertreten. Und Er zeigt im Weisen Qur'an, dass Sein größtes Gnadengeschenk (ihsan)für die Propheten die Vergebung (maghfirah)ist und lädt sie ein, Seine Vergebung zu suchen.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Durch die Wiederholung dieses Heiligen Wortes zu Beginn einer jeden Sure und durch den Auftrag, es zu Beginn einer jeden segensreichen Tätigkeit zu rezitieren (dhikr),zeigt Er, dass Seine allumfassende Barmherzigkeit das All umspannt und ein Ort zu Schutz und Zuflucht ist und durch Seinen Befehl فَاسْتَعِذْ {"Nehmt Zuflucht!" (Sure 7, 200)} und Seinen Auftrag اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ {"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!"}
errichtet Er diesen Satz als einen Schutzwall.
Sechster Hinweis
Einer der gefährlichsten Verführungskünste des Satans ist die folgende: er verwirrt einige, besonders sensible, empfindsame Herzen dadurch, dass er sie auf Grund ihrer glaubenslosen Phantasievorstellungen darin bestätigt, dass sie Ungläubige sind. So lässt er ihnen ihre Vorstellungen eines Irrweges in der Gestalt einer Bestätigung dieses Irrweges erscheinen. So lässt er in ihrer Phantasie auch besonders hässliche Bilder über heilige Personen und geweihte Gegenstände erscheinen. Auch zeigt Er ihm Dinge, die ihrem Wesen nach möglich (imkan-i dhatiye)sind, in der Gestalt von Dingen, die möglicherweise denkbar (imkan-i aqli)wären und flößt ihm so einen Zweifel ein, der in dieser Form der Gewissheit seines Glaubens entgegengesetzt ist. So denkt denn dieser armselige, so empfindsame Mensch, er sei nun selbst dem Irrtum und dem Unglauben verfallen und glaubt, er habe die Sicherheit seiner Überzeugung verloren, er fällt in Verzweiflung (ye's)und wird in dieser Verzweiflung zu einem Spielball des Satans. Nun lässt der Teufel sowohl seine Verzweiflung, als auch seine schwachen Nerven, als auch seine Verwirrung auf ihn einwirken, bis dass er entweder den Verstand verliert, oder sich sagt: "dem sei, wie es mag" oder sich dem Irrweg verschreibt.
Wir haben aber nun schon in einigen Teilen der Risalah dargelegt, wie in ihrem Kern haltlos diese Listen des Teufels sind, sodass wir uns hier mit einer kurz gefassten Erörterung begnügen können. Es ist dies wie folgt:
So wie die Schlange in einem Spiegel nicht beißen, der Widerschein des Feuers nicht brennen, noch das Abbild von Schlamm nicht beschmutzen kann, so können weder die Vorstellungen und Gedanken als eine Reflexion des Unglaubens, der Widerschein einer Partnerschaft, die
Schatten eines Irrweges, noch die Vorstellungen einer üblen Beschimpfung oder Beleidigung die Sicherheit im Glauben zerstören, seine Überzeugung erschüttern oder sein untadeliges Benehmen verletzen. Denn die wohlbekannte Regel lautet: "In gleicher Weise wie die Vorstellung einer Beleidigung noch keine Beleidigung ist, so ist auch die Vorstellung des Unglaubens kein Unglaube und ein nur eingebildeter Irrweg noch kein Irrweg."
Was aber nun den Zweifel am Glauben betrifft, so widersprechen Möglichkeiten, die aus einer bloßen Wahrscheinlichkeit erwachsen, nicht der Sicherheit im Glauben und verletzen den Glauben nicht. In der Wissenschaft von den Glaubensgrundsätzen (ilm-i usul-i din)lautet ein allgemein gültiges Prinzip:
اِنَّ الْاِمْكَانَ الذَّاتِىَّ لاَيُنَافِى الْيَقِينَ الْعِلْمِىَّ
{"Etwas, das an und für sich möglich ist, steht nicht im Widerspruch zu der Sicherheit, die von der Wissenschaft gefordert wird."}
Zum Beispiel:
Wir sind sicher, dass das Wasser im Barla-See sich noch stets an seinem Platz befindet. Tatsächlich aber wäre es möglich (dhatinda mümkündür),dass dieser See im gleichen Augenblick versunken wäre; und sein Untergang wäre im Rahmen des Möglichen. Weil aber diese grundsätzliche Möglichkeit (imkan-i dhati)nun einmal nicht aus einer tatsächlichen Gegebenheit erwächst, handelt es sich hier nicht um eine mögliche Schlussfolgerung, sondern muss vielmehr eine Art Zweifel sein. Denn wiederum sagt hier ein allgemein gültiges Prinzip in der Wissenschaft von den Glaubensgrundsätzen (ilm-i usul-i din):
لاَعِبْرَةَ لِلْاِحْتِمَالِ غَيْرِ النَّاشِىءِ عَنْ دَلِيلٍ
{"Eine Möglichkeit, die auf keinem Beweis beruht und keineswegs offensichtlich ist, hat keine Bedeutung."}
Das heißt: "Was die Möglichkeit betrifft, die aus einer bloßen Wahrscheinlichkeit, nicht aber aus einer tatsächlichen
Gegebenheit erwächst, kann nicht eine mögliche Schlussfolgerung sein, sondern muss vielmehr eine Art Zweifel sein und ist völlig ohne Bedeutung."
So denkt denn dieser armselige, den Einflüsterungen des Teufels ausgesetzte Mensch, dass er auf Grund solcher an und für sich gegebener Möglichkeiten (dhati imkanlar)seine Sicherheit in den Glaubenswahrheiten verloren habe. So steigen zum Beispiel in seinem Gedächtnis zahlreiche, an und für sich mögliche Dinge im Zusammenhang mit der Menschlichkeit des Propheten, mit dem Friede und Segen sei, auf, die dem Willen und der Sicherheit im Glauben keinen Schaden zufügen können. Doch glaubt er, dass sie einen Schaden verursacht hätten und schadet sich (auf diese Weise) selbst.
Ebenso spricht der Teufel manchmal, von einem Punkt in der Gegend des Herzens aus, schlechte Worte über Gott den Gerechten. Der Mensch denkt nun aber, dass sein Herz verdorben sei, weil es so spricht. Er zittert. Doch seine Furcht und sein Zittern und sein Mangel an Einverständnis zeigen, dass ihm diese Worte nicht von Herzen kommen. Sie gehen vielmehr von einem teuflischen Punkt aus, bzw. werden ihm vom Teufel in sein Gedächtnis und in seine Vorstellung eingeflüstert.
So gibt es denn auch unter den subtilen Organen (Latiefah)des Menschen zwei dieser unterschwelligen Sinneswahrnehmungen (latife),die ich nicht weiter zuordnen konnte, die sich nicht seiner Entscheidungsfreiheit und seinem Willen (ihtiyar ve irade)unterordnen wollen, sich vielmehr seiner Verantwortlichkeit entziehen. Manchmal bekommen diese feinsinnigen Organe die Oberhand. Dann hören sie nicht auf die Wahrheit, sondern verleiten vielmehr dazu, sich mit den falschen Dingen zu beschäftigen. Nun flüstert der Satan einem solchen Menschen (ins Ohr): "Deine Fähigkeiten entsprechen nicht der Wahrheit und dem Glauben. So tust du also ohne es zu wollen Dinge, die völlig sinnlos sind. Das aber heißt, dass die göttliche Vorherbestimmung (qader)dich zu Höllenqualen verdammt hat." Dann verfällt dieser armselige Mensch in Verzweiflung (ye's)und geht zu Grunde...
So sind denn die Schutzwälle des Gläubigen gegen die Einflüsterungen des Satans am Anfang (dieses Abschnitts) jene Glaubenswahrheiten und Gesetze des Qur'an, (deren genaues Maß und Zahl) die Grenzen angeben, welche die Theologen mit ihren Grundsätzen festgelegt haben. Gegenüber den Einflüsterungen am Ende (dieses Abschnitts) soll man seine Zuflucht (zu Gott) nehmen und ihnen weiter keine Bedeutung beimessen. Denn je mehr Bedeutung man ihnen beimisst, desto mehr Aufmerksamkeit ziehen sie auf sich, wachsen und blähen sich auf. Das Gegengift und das Heilmittel für solche innerlichen Verletzungen ist die Gelobte Sitte.
Siebenter Hinweis
Frage:
Die Imame der Mu'tesile betrachteten die Entstehung des Bösen als böse. Sie schrieben daher die Erschaffung des Unglaubens und des Irrweges nicht Gott zu, als wollten sie Gott (in Seiner Heiligkeit) als davon rein (taqdith)erklären. Sie sagten hingegen: "Der Mensch ist der Schöpfer seiner eigenen Handlungen." und verfingen sich so in einem Irrtum. Auch sagten sie: "Ein Gläubiger (mu'min),der eine schwere Sünde (kebair)begeht, verliert seinen Glauben, denn seinen Glauben an Gott den Gerechten zu bekräftigen und die (Existenz) der Hölle zu bestätigen lässt sich nicht mit der Begehung einer solchen Sünde vereinbaren. Denn ein Mensch, der sich schon in dieser Welt aus Furcht vor einer unbedeutenden Gefängnisstrafe davon abhalten lässt, gegen das Gesetz zu verstoßen und dennoch so weit geht, einer ewigen Höllenstrafe und dem Zorn des Schöpfers keine Bedeutung beizumessen und große Sünden zu begehen, stellt damit sicherlich seinen Unglauben unter Beweis."
Antwort:
Die Beantwortung des ersten Teiles (dieser Frage) ist folgende:
Wie bereits in der Abhandlung über die göttliche Vorherbestimmung erklärt wurde, ist nicht die Erschaffung des Bösen (in sich selbst schon) böse, sondern erst die Neigung (kesb),das Böse zu tun, ist böse. Denn was (die Dinge) erschafft und sie ins Dasein ruft, richtet sich nach den Ergebnissen im Allgemeinen. Weil das Vorhandensein eines Übels der Beginn sehr vieler guter Ergebnisse ist, ist die Erschaffung dieses Übels im Hinblick auf das Ergebnis etwas Gutes und kommt so dem Guten gleich. Zum Beispiel: Das Feuer führt zu hundert guten Ergebnissen. Wenn nun aber einige Menschen es in ihrer Böswilligkeit für sich selbst zu einem Übel machen, so können sie nicht deswegen sagen: "die Schaffung des Feuers ist böse". In gleicher Weise führt die Erschaffung des Teufels zu vielen Ergebnissen voll Weisheit, dient z.B. dem Fortschritt der Menschheit. Wird also ein Mensch infolge seiner eigenen bösen Absichten (su-i ihtiyar)und verkehrten Neigungen (kesb)vom Teufel besiegt, so darf er nicht deswegen sagen: "die Erschaffung des Teufels ist schlecht". Er hat vielmehr infolge seiner eigenen verkehrten Neigungen (kesb)für sich selbst das Böse gemacht.
Was also diese Neigungen (des Menschen) betrifft, so führen sie für ihn selbst zu einem schlechten Ergebnis, weil sie eine besondere Beziehung herstellen, wodurch eine verkehrte Neigung erst böse wird. Weil aber etwas geschaffen wird im Hinblick auf alle (damit ausgelösten) Folgen, ist die Erschaffung des Bösen nicht an und für sich schlecht, sondern vielmehr gut. Weil aber die Mu'teseliten dieses Geheimnis nicht verstanden haben, sagten sie: "Die Erschaffung des Bösen ist schlecht und die Erschaffung des Hässlichen ist unschön." Da sie Gott den Gerechten davon rein erhalten und Ihn (auf diese Weise) heiligen wollten, schrieben sie Ihm nicht die Erschaffung des Bösen zu und verfielen so dem Irrtum (dalalet).وَ بِالْقَدَرِ خَيْرِهِ وَ شَرِّهِ {"und an die Erschaffung des Guten und des Bösen"}
So haben sie diesen Pfeiler des Glaubens falsch ausgelegt.
Was den zweiten Teil der Frage betrifft:
"Wie kann denn jemand, der eine schwere Sünde begangen hat, dennoch ein Gläubiger (mu'min)bleiben?" so ist die Antwort folgende: Erstens: Der Irrtum geht aus der obigen Anmerkung so klar und deutlich hervor, dass es hier nicht mehr notwendig ist, es noch einmal zu erklären. Zweitens: Da die menschliche Seele (nefs)einen Dirhem (3 g) eines augenblicklichen Vergnügens einem Batman (8 kg) eines zukünftigen Vergnügens vorzieht, so fürchtet sie sich auch vor einem unmittelbar drohenden Schlag mehr als vor einem Jahr einer künftigen Strafe. Und wenn zudem den Menschen seine Gefühle überwältigen, hört er nicht mehr auf die Erwägungen seines Verstandes. Seine Begierden und Illusionen beherrschen ihn und so zieht er das kleinste und bedeutungsloseste gegenwärtige Vergnügen selbst noch einer außerordentlich großen Belohnung in der Zukunft vor. Und er flieht vor einer geringen gegenwärtigen Unbequemlichkeit mehr als vor einer fürchterlichen künftig drohenden Qual. Denn Begierden, Illusionen und Emotionen kennen keine Zukunft, vielmehr leugnen sie diese. Und wenn die Seele (nefs)sie auch noch unterstützt, schweigen das Herz als Sitz des Glaubenslebens und auch der Verstand und erklären sich für besiegt...
In einem solchen Fall erwachsen die schweren Sünden (kebair)nicht aus einem Mangel an Glauben, sondern infolge einer Niederlage von Herz und Verstand, weil die Gefühle, Begierden und Illusionen die Oberhand gewonnen haben.
Und weiter versteht sich aus dem oben gesagten, dass der Weg allen Übels und aller Leidenschaften, da er die Zerstörung ist, auch besonders einfach ist. Teufel in Dschinnen und Menschengestalt leiten die Menschen rasch auf diesen Weg. Es ist dies eine ganz besonders erstaunliche Situation (hal):Obwohl doch, nach einem
Hadith, verglichen mit dem Licht dieser bleibenden Welt, weil es ja ewig ist, die Freuden und Gnadengaben, die ein Mensch im Verlaufe seines Lebens empfängt, nur einem Mückenflügel gleichen, bevorzugen dennoch manche dieser armseligen Menschen die Vergnügungen dieser vergänglichen Welt, vergleichbar einem Mückenflügel, den Freuden der bleibenden Welt, die alle Welt in ihrer Vergänglichkeit wert sind, und folgen dem Satan.
So geschieht es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass der Weise Qur'an die Gläubigen immer wieder nachdrücklich mit Drohungen von Sünden abhält und mit Ermunterungen dazu anleitet, das Gute zu tun.
Einmal gab mir die strenge Leitung (irshad)des Weisen Qur'an die Idee ein, dass diese beständigen Ermahnungen und Erinnerungen zeigen, dass die gläubigen Menschen wankelmütig und unwahrhaftig sind. Sie deuten eine Haltung (vasiyet)an, die der Würde des Menschen nicht entspricht. Denn da es einem Beamten genügt, wenn er von seinem Vorgesetzten ein einziges Mal einen Auftrag erhält, wird er sich zutiefst gekränkt fühlen, wenn ihm derselbe Auftrag zehnmal erteilt wird und er wird sagen: "Sie beleidigen und verdächtigen mich, ihnen gegenüber nicht loyal zu sein." Dennoch wiederholt der Weise Qur'an den selben Befehl selbst an die aufrichtigsten Gläubigen immer wieder.
In der Zeit da dieser Gedanke mein Hirn zermarterte, hatte ich zwei, drei aufrichtige Freunde. Damit sie nicht durch die Einflüsterungen dieser Teufel in Menschengestalt in die Irre geleitet würden, habe ich sie immer wieder ermahnt und erinnert. Sie waren nicht deswegen beleidigt und sagten nicht: "Du beschuldigst uns, nicht loyal zu sein." Doch ich sagte mir in meinem Herzen: "Ich kränke sie mit meinen ständigen Ermahnungen. Ich beschuldige sie, unwahrhaftig und wankelmütig zu sein." Dann enthüllte sich mir plötzlich die im obigen Abschnitt erklärte und bewiesene Wahrheit, und da verstand ich, dass die Nachdrücklichkeit und die Wiederholungen des Weisen
Qur'an genau den Erfordernissen von Zeit und Ort (hal)entsprechen. Hier wird (kein Wort) verschwendet. (Jedes Wort ist) weise, beschuldigt niemanden. Diese Weisheit ist lauter und die sprachliche Eloquenz (belaghat)unverfälscht. So verstand ich denn das Geheimnis, weshalb denn meine aufrichtigen Freunde niemals beleidigt waren. Eine kurze Zusammenfassung dieser Wahrheit ist Folgendes:
Da die Teufel zur Zerstörung anstiften, richten sie viel Unheil an, (obwohl sie nur) wenig dabei tun. Da also diejenigen, die auf dem Weg der Wahrheit und der Rechtleitung gehen, sehr umsichtig zu Werke gehen und sich sehr in Acht nehmen müssen, ist es notwendig, sie immer wieder zu ermahnen und ihnen häufig zu helfen. Durch diese Wiederholungen bietet Gott der Gerechte den Leuten des Glaubens mit Tausend und einem Namen Seine Unterstützung an und streckt tausende barmherziger Hände zu ihrer Hilfe aus. Er verletzt sie nicht in ihrer Ehre, beschützt sie vielmehr. Er setzt sie nicht in ihrem Wert herab, sondern zeigt ihnen, wie groß die Bosheit des Teufels ist.
So ist denn, oh ihr Leute der Wahrheit und Rechtleitung, der Weg, sich vor den oben erwähnten Listen des Teufels in Dschinnen- und Menschengestalt zu retten dieser: Macht die Schule (medhheb)der Leute der Wahrheit, welche die Leute der Sunnah und Djema'at sind, zu eurem Hauptquartier und tretet in die Burg der unumstößlichen Gesetze des Qur'an ein, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, macht die Gelobte Sitte zu eurem Wegweiser und findet so eure Rettung (selamet)!...
Achter Hinweis
Frage:
Du hast in den obigen Hinweisen bewiesen, dass, weil der Irrweg leicht, zerstörerisch und aggressiv ist, viele diesen Weg einschlagen. Demgegenüber hast du in anderen Abhandlungen (Risalah)mit unwiderleglichen
Zeugnissen bewiesen, dass der Weg des Unglaubens und des Irrtums so schwierig und mühselig ist, dass niemand ihn betreten könnte und er nicht begehbar sein sollte, während der Weg des Glaubens und der Rechtleitung so leicht und klar zu erkennen ist, dass ein jeder ihn gehen müsste...
Antwort:
Es gibt zwei Arten des Unglaubens und des Irrtums. Der eine ist an Handlungen gebunden und enthält nur unwesentliche Dinge. Er besteht darin, die Angelegenheiten des Glaubens zu bestreiten und sie zurückzuweisen. Diese Art Irrweg ist leicht. Er ist eine Ablehnung der Wahrheit, eine Unterlassung, ein Nicht-Sein oder Nicht-Annehmen (adem-i kabul).
Es ist also diese Art, die in den Abhandlungen (Risalah)als leicht beschrieben wurde. Was aber die zweite Art betrifft, so ist sie nicht an eine Handlung gebunden und enthält nicht nur unwesentliche Dinge, sie ist vielmehr ein Urteil, das auf Überzeugung und Überlegung beruht. Sie leugnet nicht nur den Glauben, sondern öffnet einen Weg zu seinem Gegenteil. Dies aber heißt, etwas anzunehmen, was wertlos ist und der Wahrheit zuwider läuft. Diese Art ist nicht nur eine Verleugnung, eine Zurückweisung des Glaubens; es ist vielmehr sein Gegenteil. Es ist nicht eine Nicht-Annahme (adem-i kabul),was doch leicht sein müsste, sondern die Annahme eines Nicht-Seins (kabul-u adem),was nur annehmbar ist durch den Beweis des Nicht-Seins. In Übereinstimmung mit dem Grundsatz: اَلعَدَمُ لَايُثْبَتُ {"Nicht-Sein ist nicht beweisbar."} ist der Beweis des Nicht-Seins sicherlich nicht leicht.
So sind denn Unglaube und Irrglaube, wie sie in anderen Abhandlungen (Risalah)dargestellt wurden, so schwierig und in ihrer Art bis zur Unmöglichkeit mühselig, dass ein jeder, der auch nur über ein kleines Körnchen Bewusstsein verfügt, niemals diesen Weg einschlagen
dürfte. Und ferner ist dieser Weg, wie bereits in verschiedenen Abhandlungen mit Sicherheit bewiesen wurde, mit so fürchterlichen Schmerzen verbunden und herrscht auf ihm eine solch erstickende Finsternis, dass wer auch nur ein Fünkchen Verstand besitzt, niemals beabsichtigen dürfte, diesen Weg zu wählen.
Da könnte man nun aber auch fragen:
Wieso gehen dann aber dennoch die meisten Menschen einen so leidvollen, finsteren und schwierigen Weg?
Antwort:
Nachdem sie sich nun schon einmal auf ihm befinden und ihm verfallen sind, verlassen sie ihn auch nicht wieder. Und weil nun zudem die animalischen und vegetativen Kräfte im Menschen nicht die Folgen erkennen und nicht über sie nachdenken und statt dessen die feinsinnigen Organe des Menschen (letaif-i insaniye)beherrschen, wollen sie ihn auch gar nicht wieder verlassen, sondern trösten sich lieber mit den gegenwärtigen, flüchtigen Vergnügungen.
Frage:
Wenn nun aber einer sagte: Im Irrglauben liegt ein so schreckliches Leiden und eine solche Furcht, dass der Ungläubige, könnte er nicht aus ihm auch Freude fürs Leben ziehen, überhaupt nicht mehr zu leben in der Lage wäre. Vielmehr würde er von dem Schmerz erdrückt werden und vor Angst in ein Mauseloch kriechen. Denn in seiner Menschlichkeit verlangt er nach einer Unzahl von Dingen, und obwohl er das Leben liebt, hat er doch auf Grund seines Unglaubens den Tod als ein unwiderrufliches Urteil, eine immerwährende Trennung, den Verfall allen Seins und den Abschied von all seinen Freunden und Geliebten als eine Verurteilung und infolge seines Unglaubens als eine ewige Trennung beständig vor Augen. Wie kann ein solcher Mensch noch weiter leben? Wie kann er sich noch am Leben erfreuen?
Antwort:
Durch eine höchst merkwürdige Rabulistik des Satans betrügt er sich selbst und lebt. Er glaubt oberflächlich, einen Genuss zu erhalten. Wir wollen die Natur (mahiyet)
dieser Sache mit einem bekannten Beispiel erläutern. Es ist dies wie folgt:
Es wird erzählt, dass einer zum Vogel Strauß (türk. devekushu= Kamelsvogel) sagte: "Wenn du Flügel hast, flieg!" Der aber hielt seine Flügel gefaltet, sagte: "Ich bin ein Kamel." und flog nicht. Doch dann geriet er in die Falle eines Trappers. Da sagte er: "Ich will nicht, dass der Fallensteller mich sieht." und steckte den Kopf in den Sand. Weil jedoch sein großer Körper draußen geblieben war, bot er dem Jäger eine Zielscheibe. Sodann sagte man zu ihm: Wenn du doch sagst: "Ich bin ein Kamel." so lass dich bepacken! Daraufhin breitete er seine Flügel aus und sagte: "Ich bin ein Vogel." und befreite sich so von aller Last und Mühsal. Weil er aber keinen Herrn und Ernährer hat, wurde er den Nachstellungen der Jäger zur Zielscheibe.
In genau der gleichen Weise gibt der Ungläubige angesichts der himmlischen Botschaft des Qur'an seinen totalen Unglauben auf und vertauscht ihn gegen einen Unglauben mit Zweifeln. Fragt man ihn nun: "Da du nun einmal Tod und Verderben als ein unwiderrufliches Urteil ansiehst, den Galgen, an dem du hängen wirst, vor Augen... Wie kann nun der, welcher ihn ständig betrachtet, noch leben? Wie sich erfreuen?" Daraufhin antwortet nun der Mann, der einen Anteil an der allumfassenden Barmherzigkeit des Qur'an und seinem universellen Licht empfangen hat: "Der Tod ist keine Hinrichtung. Es gibt eine Möglichkeit zur Beständigkeit (beqa)."Andernfalls wird er wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand der Gottvergessenheit stecken, damit die Todesstunde ihn nicht sehen solle und das Grab ihn nicht betrachten möge und die Vergänglichkeit der Dinge nicht ihre Pfeile auf ihn abschieße.
Zusammenfassung:
Mit Hilfe des Zweifels an seinem Unglauben wird ihm, in einer Zeit, da er sich so wie der Vogel Strauß verhält, Tod und Verderben wie eine Hinrichtung betrachtet, die sichere Kunde des Qur'an und
der vom Himmel (geoffenbarten) Bücher über اِيمَانٌ بِالْاَخِرَةِ {"den Glauben an das Jenseits"} eine (alternative) Lösung anbieten. So wird sich denn dieser Ungläubige an dieser Möglichkeit festklammern und diesen fürchterlichen Schmerz nicht auf sich selbst beziehen. Wollte man dann zu ihm sagen: "Da du nun einmal in eine für ewig bestehende Welt eingehen wirst, musst du, wenn du in jener Welt ein schönes Leben haben willst, alle die Schwierigkeiten erleiden, die ein religiöses Leben nun einmal mit sich bringt.", so wird dieser Mann auf Grund seines zweifelnden Unglaubens antworten: "Vielleicht gibt es (eine solche Welt) gar nicht. Und wenn (es sie) nicht gibt, warum soll ich (mich dann um sie) bemühen." Das aber heißt, angesichts jener Möglichkeit einer bleibenden (Welt), wie sie ihm das Urteil des Qur'an zu Zeiten anbietet, rettet er sich vor der Qual dieses unwiderruflichen Todesurteils. Doch angesichts der Möglichkeit eines Nicht-mehr-Seins (nach dem Tode), die ihm sein zweifelnder Unglaube bietet, sieht er sich der Mühsal religiöser Verpflichtungen gegenübergestellt. So klammert er sich denn an die Möglichkeit seines Unglaubens und rettet sich so vor dieser Mühe. Das aber heißt, aus diesem Blickwinkel betrachtet, dass er glaubt, in diesem Leben mehr Freuden genießen zu können als der Gläubige, denn er rettet sich vor der Mühsal der Verpflichtungen eines religiösen Lebens durch die Möglichkeit seines Unglaubens. Was aber die ewige Pein betrifft, so entflieht er ihr durch die Möglichkeit eines Glaubens, der sie nicht auf ihn selbst bezieht. Jedoch die Wirkung dieser teuflischen Rabulistik ist recht oberflächlich, nutzlos und nur vorübergehend.
So tretet denn nun, ihr Leute des Glaubens, in vollem Glauben und Vertrauen unter den Schutz des Qur'an! Er wird euch vor dieser unwiderruflichen Hinrichtung und vor
allen Höllen in dieser und in jener Welt retten. Bleibt mit Hingabe und Begeisterung in den Grenzen der Gelobten Sitte. So werdet ihr euch von den Qualen des Diesseits und den Strafen des Jenseits erretten!
Neunter Hinweis
Frage:
Wie kommt es, dass die Leute der Rechtleitung, die doch der Partei Gottes (Hizbullah)angehören, wo doch an ihrer Spitze alle Propheten und an deren Spitze der Stolz der Welt (der Prophet) mit dem Friede und Segen sei, stand und ihnen soviel Gnade und göttliches Erbarmen und Hilfe des Hochgelobten zuteil werden ließ, dennoch sooft von den Leuten des Irrwegs, die doch der Partei Satans (Hizb-us Sheytan)angehören, besiegt worden sind? Und was weiter war der Grund, warum die medinensischen Heuchler, bei aller Nähe und Nachbarschaft, trotz des sonnengleich glänzenden Prophetentums jenes Siegels aller Gesandten Gottes (Khatem-ul Enbiya)und seiner Botschaft, trotz der Rechtleitung durch den wundersamen Qur'an, der gleich einem gewaltigen Elixier wirkt und trotz der Wahrheiten des Qur'an, die noch anziehender sind als alle Anziehungskraft des gesamten Kosmos, dennoch auf ihrem Irrtum beharrten und die Rechtleitung nicht annahmen, und welche Weisheit (verbirgt sich dahinter)?
Antwort:
Um diese Furcht erregende zweiteilige Frage bewältigen zu können, ist es notwendig, folgenden tiefschürfenden Grundsatz zu erläutern. Es ist dies wie folgt:
Da der majestätische Schöpfer (Khaliq-i Dhu l-Djelal)des Alls (kainat)zwei Arten von Namen hat, die dem Bereich der Schönheit (Djemal)und dem der Majestät (Djelal)zugehören, und da diese Namen der Schönheit und der Majestät es erforderlich machen, in ihrer Auswirkung ganz verschiedene Erscheinungsformen zu zeigen, hat der Schöpfer in Seiner Majestät alle Gegensätze im Kosmos untereinander vermischt, sie so miteinander ins Gleichgewicht gebracht
und sie dabei zugleich in einen Zustand (vasiyet)versetzt, dass sie einander angreifen oder aber sich verteidigen, womit Er in Weisheit und Zweckmäßigkeit eine Art Kampfbereitschaft kreierte, aus der heraus die Gegensätze ihre Grenzen überschritten, was wiederum eine Veränderung und Verwandlung zu Wege brachte, auf welche Weise er sie dem Gesetz der Umformung und Umwandlung als dem Prinzip der Entwicklung und Vervollkommnung unterwarf, wobei Er diesem Gesetz des Kampfes für das Menschengeschlecht, das als Frucht am Baum der Schöpfung dessen Konzentrat ist, eine noch einzigartigere Form gab, wodurch Er das Tor zu einem Wettstreit öffnete, der dem Menschen jedweden Fortschritt ermöglichte und zugleich der Partei des Teufels gewisse Werkzeuge an die Hand gab, um damit die Partei Gottes herauszufordern.
So geschieht es denn auf Grund dieses subtilen Geheimnisses, dass die Propheten oft wegen der Leute des Irrweges besiegt worden sind. Und die Leute des Irrweges, die doch so schwach und hilflos sind, bekämpfen die Leute der Wahrheit, die ihnen doch geistig so überlegen sind, und besiegen sie auch zeitweilig. Das Geheimnis und die Weisheit dieses merkwürdigen Gegensatzes ist Folgendes: Auf dem Irrweg und im Unglauben finden sich das Nicht-Sein und die Unterlassung, welche einfach und leicht sind und es nicht erfordern, tätig zu werden. Und weiter gibt es da die Zerstörung, welche ebenfalls ganz leicht und einfach ist und nur wenig Tätigkeit erfordert. Und weiter gibt es da die Aggressivität, bei der durch ebenfalls nur wenig Tätigkeit vielen ein Schaden zugefügt wird. Vom Standpunkt der Einschüchterung aus betrachtet und hinsichtlich ihres Pharaonenstolzes (firauniyet)gewinnen sie so an Einfluss und Ansehen (maqam).Und zur Befriedigung der vegetativen und animalischen Kräfte und Begierden, die den Konsequenzen gegenüber blind sind und von den gegenwärtigen Vergnügungen besessen sind, gibt es Vergnügen, Genuss und Freizügigkeit, welche
die subtileren Organe des Menschen, wie Herz und Verstand dazu bringen, ihre Verpflichtungen (vazifeh)gegenüber der Menschheit und ihre Ausrichtung auf deren Zukunft zu vernachlässigen.
Demgegenüber ist der heilige Weg aller Leute der Rechtleitung und vor allem der Leute des Prophetentums und an ihrer Spitze der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, der der Geliebte des Herrn der Welten ist, all dem verbunden, was im Dasein, was bestimmt und festgelegt, was konstruktiv ist und innerhalb gesicherter Grenzen verläuft, also mit all den elementaren Grundsätzen und Konsequenzen, die den Dienst und die Anbetung beachten und darüber hinaus den Pharaonenstolz jeder eigenwilligen Seele (nefs-i emmarenin firauniyet)und ihre Freizügigkeit zerbrechen, um dessentwillen die Heuchler, die sich zu damaliger Zeit in der "Leuchtenden Stadt" (= Medina)befanden, vor dieser strahlenden Sonne, Fledermäusen gleich, ihre Augen verschlossen und sich dazu verleiten ließen, sich mit einer geradezu teuflischen Kraft gegen ihre gewaltig große Anziehungskraft zu verteidigen und auf dem Weg des Irrtums zu verharren.
Da könnte man nun aber auch fragen:
Da nun einmal der ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, der Geliebte des Herrn der Welten ist, zudem die Wahrheit (haq)in seinen Händen lag und die Wahrhaftigkeit (haqiqat)auf seiner Zunge und ein Teil der Soldaten seines Heeres Engel waren und er ein ganzes Heer mit einer Handvoll Wasser tränkte, und er Tausend Mann mit vier Handvoll Weizen und dem Fleisch eines Lammes ein Fest bereitete, und er in die Augen des Heeres der Ungläubigen eine Handvoll Sand streute, sodass diese Handvoll Sand in die Augen eines jeden Ungläubigen drang und ihn in die Flucht schlug, wie kommt es dann, dass dieser (göttliche) Kommandeur und Herr (der himmlischen Heerscharen), der doch mächtig war, Tausend Wunder gleich diesen zu wirken, dennoch am Ende der Schlacht von Uhud und zu Beginn der Schlacht von Huneyn besiegt werden konnte?
Antwort:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, wurde der Menschheit gesandt als Imam, als Vorbild und Anführer, damit das Menschengeschlecht von ihm die Regeln des individuellen wie des sozialen Lebens lernen solle und damit vertraut werden solle, den Gesetzen des Vollkommenen Allweisen (Hakiem-i Dhu l-Kemal)zu gehorsamen und den Prinzipien Seiner Weisheit entsprechend zu handeln. Hätte der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, sich in seinem privaten wie gesellschaftlichen Leben stets auf Wunder (mu'djize)und übersinnliche Ereignisse gestützt, so wäre er nicht das vollkommene Vorbild (Imam-i Mutlaq)und ein allumfassender Wegweiser im Glauben.
Es geschah auf Grund dieses Geheimnisses, dass er von Zeit zu Zeit als Antwort auf eine Notlage ein Wunder wirkte, nur um seinen Anspruch (auf das Amt des Propheten) zu bestätigen und die Verleugnungen derer, die ihn bestritten, zu brechen. Zu anderen Zeiten aber gehorchte er mehr als jeder andere dem Befehl Gottes. Ebenso folgte er auch den Gesetzen Göttlicher Gewohnheit (= Naturgesetze), die nach der Weisheit des Herrn (hikmet-i Rabbani)und dem Willen des Gepriesenen (meshiet-i Subhani)errichtet worden sind, mehr als jeder andere. Er zog sich sein Panzerhemd an, wenn es dem Feinde entgegen ging und befahl (den Sahabis): "Geht in Deckung!" Er wurde verwundet und durchlitt alle Strapazen, um die Einhaltung des Gesetzes der göttlichen Weisheit und Gehorsam gegenüber der Großen Schariah der Schöpfung in der Natur zu zeigen.
Zehnter Hinweis
Eine der wichtigsten Listen des Teufels (Iblis)ist es, diejenigen, die ihm folgen, dazu zu bringen, ihn zu verleugnen. Da aber in heutiger Zeit besonders die, deren Sinn durch die Philosophie der Materialisten trübe geworden ist, in dieser ganz offensichtlichen Angelegenheit doch ihre Zweifel haben, wollen wir nun ein, zwei Worte über diese Listen des Teufels sagen.
Es ist dies wie folgt:
So wie es ganz offensichtlich in einigen Menschen böse Geister gibt, die sich verkörpert haben und nun die Aufgaben des Teufels wahrnehmen, so ist es vollkommen sicher, dass es auch unter den Dschinnen körperlose böse Geister gibt. Hätten sie sich materialisiert und verkörpert, wären sie diesen bösen Menschen gleich. Auch könnten sich diese Teufelskerle in Menschengestalt ihres Körpers entledigen, so wären sie jenen Teufeln in Gestalt von Dschinnen gleich. Ja es ist sogar eine Konsequenz dieser schrecklichen Verbindung, dass eine Schule dieser Irrlehrer (medhheb-i batil)behauptet: "Solche dermaßen üble, böse Geister in Menschengestalt, werden nach ihrem Tode zu Teufeln."
Bekanntlich ist die Verderbnis bei Gütern von hoher Qualität weit schlimmer als bei ganz gewöhnlichen Dingen. So könnte man z.B. Yoghurt oder Milch, die sauer geworden ist, durchaus noch essen, während man ranzig gewordene Butter nicht mehr essen dürfte: sie schmeckt wie Gift. So wird auch das ehrenwerteste, ja in der Tat edelste aller Geschöpfe, der Mensch, wenn er verdorben wird, noch missratener als ein missratenes Tier. Gleich Würmern, die sich am Gestank verfaulender und verwesender Dinge delektieren, und Schlangen, die es lieben, zu beißen und zu vergiften, finden sie ihren Stolz und ihr Vergnügen im Sumpf der Irrwege und der schlechten Sitten, genießen die Verletzungen und die Verbrechen in der Finsternis ihrer Bösen Taten und nehmen so die Natur und die Gewohnheiten des Satans an. So ist denn in der Tat ein zuverlässiger Beweis für die Existenz von Teufeln in einem Dschinn die Existenz des Teufels in Menschengestalt.
Zweitens:
All die vielen hundert offensichtlichen Beweise, die wir für die Existenz der Engel und Geister im Neunundzwanzigsten Wort erbracht haben, beweisen zugleich auch die Existenz des Teufels. Wir überlassen also diesen Aspekt jenem Wort.
Drittens:
Gleichwie die Existenz der Engel, welche die Repräsentanten der Gesetze von allen guten Dingen im Universum sind und als deren Überwacher über ihnen stehen, von allen Religionen übereinstimmend bestätigt wird, und gleichwie auch die Existenz der bösen Geister und Teufel als Repräsentanten aller schlimmen Dinge, als deren Ausrufer und Träger der Gesetze all dieser Dinge in Anbetracht aller Weisheit und Wahrhaftigkeit (hikmet ve haqiqat)erwiesen ist, so ist auch gerade bei allen schlimmen Dingen ein Schleier, also eine Art Zwischenperson notwendig. Denn so wie wir bereits zu Beginn des Zweiundzwanzigsten Wortes gesagt haben, hat der Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal)im Hinblick auf das was offensichtlich mangelhaft und schlecht ist, dem nach außen hin etwas vorgesetzt, was nun als eine Art Schleier dient, da ja nicht jeder das wirklich Gute in allen Dingen zu sehen vermag, sodass Einwände, Kritik und Klagen sich nicht gegen den freigiebigen Schöpfer (Khaliq-i Keriem)und vollkommen Allweisen (Hakiem-i mutlaq)richten, sondern gegen diesen Schleier, damit nicht Er in Seiner Barmherzigkeit angeklagt, in Seiner Weisheit kritisiert und ungerechterweise beschuldigt werde. So wie Er z.B. eine Krankheit zu einem Schleier, einer Art Vorwand gemacht hat, um in der Stunde des Todes Hasret Asrail vor den Klagen der dahinscheidenden Diener Gottes zu bewahren, so hat Er auch Hasret Asrail zu einer Art Vorhang gemacht, damit die Klagen über einen Zustand (hal),den sie sich als einen Mangel an Barmherzigkeit vorstellen, sich nicht gegen Gott den Gerechten richten können. Genauso erfordert die Weisheit des Herrn mit noch weitaus größerer Sicherheit die Existenz des Teufels, damit Einwände und Kritiken an allem Übel und aller Bosheit sich nicht gegen den Schöpfer in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu l-Djelal)richten sollen.
Viertens:
So wie der Mensch eine Welt im Kleinen ist, so gleicht auch die Welt einem großen Menschen. Dieser kleine Mensch gleicht einem Inhaltsverzeichnis und einer Zusammenfassung des großen Menschen. Die großen Originale der Muster des (kleinen) Menschen finden sich
mit Sicherheit in dem großen Menschen wieder. So ist z.B. das Vorhandensein des menschlichen Erinnerungsvermögens mit Sicherheit ein Beweis der Bewahrten Tafel (Lauh-i Mahfudh)im Kosmos. So hat auch jeder schon einmal in seiner Seele (nefs)und in einem Winkel seines Herzens jene Flüstermaschine intuitiv und emotional verspürt, die man den Teufelspunkt nennt und die in der Kraft eines Einbildungs- und Vorstellungsvermögens wie die Zunge des Teufels durch ein verdorbenes Einbildungs- und Vorstellungsvermögen spricht, zu einem kleinen Teufelchen wird, dem Wünschen und Wollen ihres Besitzers entgegen handelt und die ein sicherer Beweis für einen großen Teufel im gesamten Kosmos ist. Und da dieser Teufelspunkt und diese Kraft eines Vorstellungsvermögens Ohr und Zunge sind, so lassen sie die Existenz eines äußeren böswilligen Wesens erahnen, das in das erstere hineinbläst und das letztere zum Sprechen bringt.
Elfter Hinweis
Wie sich ein ganzes Universum über die Bosheit der Leute des Irrweges ärgert, die Elemente der Erde aufbrausen und alles Sein darüber in Zorn gerät, bringt der Weise Qur'an auf wunderbare Weise zum Ausdruck. Denn diese Art, wie Himmel und Erde mit einem Unwetter Noahs Stamm heimsuchten, wie das Luftelement in seinem Ärger über die Leugnung der Stämme des Thamud und des Ad, wie das Wasserelement sich in der Wut der See über das Volk des Pharaoh und wie das Erdelement sich in seinem Zorn gegen Qarun richtete, schildert (der Qur'an) entsprechend dem Geheimnis der Ayah تَكَادُ تَمَيَّزُ مِنَ الْغَيْظِ {"vor Wut beinahe platzt..." (Sure 67, 8)} die Gewalt und den Ärger der Hölle über die Leute, die nicht an das Jenseits glauben und den Ärger allen Seins
über die Leute des Unglaubens und des Irrweges und weist in seiner wunderbaren Art die Leute des Irrweges und der Auflehnung streng zurecht.
Frage:
Warum beschwören solche unbedeutenden Handlungen so unbedeutender Menschen und ihre rein privaten Sünden den Zorn eines ganzen Kosmos herauf?
Antwort:
Wie wir bereits in anderen Abhandlungen (Risalah)und mit den vorangegangenen Hinweisen bewiesen haben, sind Unglaube und Irrwege ein furchtbarer Angriff und ein Verbrechen gegen alles Sein. Denn das gewaltigste Ergebnis der Schöpfung der Welt ist der Dienst und die Anbetung (ubudiyet-i insaniye)und die Antwort auf die Herrschaft Gottes (rububiyet-i Ilahiye)in Glaube und Gehorsam (iman ve itaat).Was aber die Leute des Unglaubens und des Irrweges betrifft, so verwerfen die Leute des Irrglaubens dieses gewaltige Ergebnis, welches das oberste Ziel ist, das der Grund ihres Fortbestehens ist, und begehen auf diese Weise eine Art Angriff auf die Rechte der ganzen Schöpfung, weil sie die Offenbarung der Göttlichen Namen verleugnen, die im Spiegel all Seiner Kunstwerke erscheinen und die den Wert dieser Kunstwerke durch diese Spiegelung noch erhöhen. Und so wie sie diese heiligen Namen schwächen, ist es auch eine gewaltige Beleidigung dieser Kunstwerke, den Wert all dieser Kunstwerke herabzuwürdigen. Und weil nun in allem Sein ein jedes einzelne für sich ein Beamter Seines Herrn ist, beauftragt mit einer hohen Aufgabe, die Leute des Irrweges aber sie durch ihren Unglauben erniedrigen und sie in ihrem Rang als Geschöpfe wie leblos, vergänglich und ohne Bedeutung darstellen, verletzen sie dadurch in gewisser Weise die Rechte aller Geschöpfe.
Da aber nun die verschiedenen Arten des Irrweges je nach Größe und Ausmaß die Weisheit des Herrn (hikmet-i Rabbani)bei der Erschaffung des Kosmos und die Absichten des Hochgelobten (maqasid-i Subhaniye)für den Fortbestand der Welt mehr oder weniger verletzen, wird der Kosmos über die Leute der Auflehnung (ehl-i isyan)und die Leute des Irrweges zornig, alles Sein gerät
in Aufwallung und die ganze Schöpfung empört sich darüber.
Oh du armseliger, deiner leiblichen Erscheinung nach zwar kleiner, deiner Schuld und deiner Verbrechen nach aber großer und deiner Schande und Sünde nach gewaltiger Mensch! Wenn du dich vor der Wut des Kosmos, dem Abscheu der Geschöpfe und dem Zorn allen Seins erretten willst: hier ist das Mittel deiner Errettung: es besteht darin, in den Kreis des Weisen Qur'an einzutreten und der Gelobten Sitte des Ehrenwerten Gesandten (mit dem Friede und Segen sei) zu folgen, der den Qur'an verkündigt hat! Tritt ein und folge!
Zwölfter Hinweis
Vier Fragen und Antworten
Erste Frage:
Wie können in einem beschränkten Leben für beschränkte Sünden eine unbegrenzte Strafe und eine nicht mehr endende Hölle noch gerecht sein?
Antwort:
Aus den obigen Hinweisen und besonders aus dem, was bisher im Elften Hinweis gesagt worden ist, wird mit völliger Sicherheit verständlich, dass das Verbrechen des Unglaubens und der Irrwege ein unendliches Verbrechen und eine Verletzung zahlloser Rechte ist.
Zweite Frage:
In der Schariah heißt es: "Die Hölle ist der Lohn der Taten. Doch das Paradies ist eine Gnade (Fadl)Gottes." Was ist die Weisheit hinter diesem Geheimnis?
Antwort:
Aus den vorausgegangenen Hinweisen ergibt sich ganz klar, dass der Mensch, so wie er mit seinem nichtssagenden kleinen Stückchen Willen (djüz-i ihtiyar)und seinem kleinen Stückchen Gestaltungsvermögen (djüz'i bir kesb),durch Unaufmerksamkeit oder dadurch, dass er, kraft seines Vorstellungsvermögens etwas in die Tat umsetzt, fürchterliche Zerstörung anrichten und die Ursache allen Übels sein kann, er auch die Verantwortung für das Böse trägt, das
als ein Ergebnis seines kleinen Stückchens Gestaltungsvermögen (küçük kesbin)nun einmal geschehen ist, da seine Seele (nefs)und seine Begierden jederzeit geneigt sind, Böses zu tun und Schaden anzurichten. Denn seine Seele hat es gewollt und seine Fähigkeit, etwas zu bewirken, hat es verursacht. Und da nun einmal das Böse dem Bereich des Nicht-Seins angehört, ist aus dem Diener ein Täter geworden. Gott der Gerechte hat auch all dies erschaffen. Und mit Sicherheit verdient es (der Mensch) in seiner Verantwortung für ein unendliches Verbrechen auch mit einer unendlichen Strafe dafür zu büßen.
Was aber seine guten Werke (hassanat)und alle Wohltaten (khayrat)betrifft, so kann, da sie nun einmal dem Bereich des Seins zugehören, dieses kleine Stückchen menschliches Wünschen (djüz-i ihtiyar)und Gestalten (kesb-i insani)nicht die ursprüngliche Ursache dafür sein. Der Mensch kann daher nicht der wahre Vollbringer (haqiq-i fa'il)(dieser guten Werke) sein. Und auch seine eigenwillige Seele (nefsu-l'emmare)steht nicht auf Seiten des Guten. Es ist vielmehr die göttliche Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahi),die es wünscht und die Macht des Herrn (qudret-i Rabbani),die es vollbringt. Der Mensch kann es nur in seinem Glauben (iman),durch seinen Wunsch, in seiner Absicht (niyet)erlangen. Und nachdem er es erlangt hat, ist es unser Dank, der die guten Werke darstellt, (der Dank) für die zuvor empfangenen unendlichen Wohltaten Gottes (ni'am-i Ilahi),wie unser Leben (vudjud)und unseren Glauben, und (dieser Dank) bezieht sich auf die zuvor empfangenen Gaben (ni'metleri).Was aber das Paradies betrifft, das uns durch ein Versprechen Gottes gegeben werden wird, so wird es uns durch die Gnade (fadl)Gottes gegeben. Nach außen hin scheint es eine Belohnung zu sein; doch ist es in Wirklichkeit eine Gnade.
Das heißt also, dass die Ursache alles Bösen die eigene Seele (nefs)ist, die ihre Strafe selbst verdient. Was aber das Gute betrifft, so liegt seine Ursache bei dem Gerechten (Haqq),ist sein Urgrund der Gerechte. Der Mensch kann es nur im Glauben erlangen. Er kann nicht sagen: "Ich verlange meinen Lohn.", vielmehr muss er
sagen: "Ich hoffe auf einen Gnadenerweis (fadl)."
Dritte Frage:
Aus den obigen Erläuterungen wird verständlich, dass alles Böse sich verbreitet und aggressiv reagiert und sich auf diese Weise noch vermehrt, weswegen es als "Tausend" geschrieben werden sollte, während hingegen für gute Taten, weil sie dem Bereich des Seins zugehören und nicht aus der Schöpfung des Dieners (Gottes) und dem Wunsch der Seele hervorgehen und weil sie sich selbst nicht vervielfältigen, nichts geschrieben oder nur "Eins" geschrieben werden sollte. Warum aber wird dann für das Böse nur "Eins" geschrieben, für das Gute aber "Zehn" oder manchmal "Tausend" geschrieben?
Antwort:
Gott der Gerechte zeigt die Vollkommenheit Seines Erbarmens (kemal-i rahmet)und die Schönheit Seiner Barmherzigkeit (djemal-i Rahiemiyet)auf diese Weise.
Vierte Frage:
Der Erfolg, den die Leute des Irrweges erlangen, die Macht (quvvet),die sie gewinnen, und ihr Sieg über die Leute der Rechtleitung zeigen, dass sie sich auf eine Macht oder auf eine Wahrheit stützen können (nokta-i istinad).Heißt das nun, dass die Leute der Rechtleitung entweder schwach sind, oder aber (die Irrlehrer) die Wahrheit besitzen?
Antwort:
Gott bewahre!... Weder besitzen sie die Wahrheit, noch sind die Leute der Wahrheit schwach. Doch leider sind einige der einfachen Leute kurzsichtig und wenig einsichtsfähig. So beginnen sie zu zögern und zu zweifeln und so wird ihr Glaube erschüttert. Denn sie sagen: "Hätten die Leute der Wahrheit die volle Wahrheit und Wahrhaftigkeit, so wären sie nicht in diesem Ausmaß besiegt und erniedrigt worden. Denn die Wahrheit ist stark. Und dem Grundprinzip:
اَلْحَقُّ يَعْلُو وَلاَ يُعْلٰى عَلَيْهِ
{"Die Wahrheit ist siegreich und überlegen und kann nicht besiegt werden. "}
entsprechend liegt die Macht in der Wahrheit. Wenn also
die Leute des Irrwegs, die die Leute der Wahrheit besiegt haben, nicht eine wirkliche Macht besessen und (in ihrem Innern) nicht über einen Stützpunkt verfügt hätten, hätten sie dann noch in dieser Weise siegen und so erfolgreich sein können?
Antwort:
Wie wir bereits in den oben angeführten Hinweisen mit Sicherheit bewiesen haben, rührt der Sieg über die Leute der Wahrheit nicht aus einem Mangel an Macht und Wahrhaftigkeit (haqiqat),und da wir in diesen Abhandlungen ebenfalls hinreichend Bewiesen haben, dass der Sieg der Leute des Irrweges nicht auf ihrer Macht und ihren Fähigkeiten (iktidar)beruht und auch nicht darauf, dass sie (in sich) über einen Stützpunkt (nokta-i istinad)verfügt hätten; so ist denn die Antwort auf diese Frage die Gesamtheit aller vorausgegangenen Hinweise. So wollen wir denn hier nur auf einige ihrer Listen und auf einen Teil der Waffen verweisen, die sie gebrauchen. Es ist dies wie folgt: Ich habe selbst bereits mehrmals beobachtet, dass die Übeltäter (ehl-i fesad),die nur zehn Prozent (der Streitenden stellen), neunzig Prozent (der Streitenden) besiegen, welche rechtschaffen (ehl-i salah)sind. Ich habe mich immer sehr darüber gewundert. Als ich dem weiter nachging, wurde mir mit absoluter Gewissheit klar, dass sie ihre Siege nicht mit Kraft und nicht mit ihrer Macht errangen, sondern durch Korruption, durch Feigheit, durch Zerstörung, durch Rachenahme oder dadurch, dass sie die Zerspaltenheit unter den Leuten der Wahrheit ausnutzten und Zwietracht unter ihnen säten, nach ihren Schwachstellen suchten und diese Seiten dann anbohrten, die Gefühle ihrer Seele (nefs)zum sieden brachten, ihre persönlichen Interessen aufstachelten und indem sie deren Neigungen zum Bösen ausnutzten, die wie bösartige Adern im Innern des Menschen lagern, und scheinheilig (riya)im Namen von Ehre und Ruhm dem Pharaonenstolz der Seelen (nefsin firauniyet)schmeicheln und indem sie (es erreichen, dass) ein jeder sich vor ihrer erbarmungslosen Zerstörungswut fürchtet. Mit Hilfe solcher teuflischer Listen besiegen sie vorübergehend die Leute der
Wahrheit. Doch da entsprechend dem Geheimnis der Ayah وَالْعَاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ {"Doch das Ende ist für die Gottesfürchtigen." (Sure 7, 128)}
und dem Grundprinzip: اَلْحَقُّ يَعْلُو وَلاَ يُعْلٰى عَلَيْهِ {"Die Wahrheit ist siegreich und überlegen und kann nicht besiegt werden. "} ist dieser vorübergehende Sieg für sie völlig unbedeutend, weil er ihnen gar keinen Vorteil bietet. Er wird ihnen vielmehr zur Ursache einer Höllenstrafe, während er die Leute der Wahrheit ins Paradies geleitet.
So geschieht dies denn, weil uns auf diesem Irrweg die Machtlosen als mächtig erscheinen, die Bedeutungslosen zu Ruhm gelangen und so die egoistischen, ruhmsüchtigen und heuchlerischen (riya)Menschen mit nur wenigen Mitteln ihre Macht demonstrieren und durch (die Methoden) der Einschüchterung und durch allerlei Schikanen zu Ansehen gelangen und so den Leuten der Wahrheit gegenüber eine oppositionelle Haltung einnehmen, damit sie (überall) gesehen werden und die Aufmerksamkeit aller auf sich lenken. So wird die Zerstörung, deren Ursache sie sind, wenn auch nicht durch ihre Macht und ihre Fähigkeit sondern durch Nachlässigkeit und Fehlerhaftigkeit, ihnen zugeschrieben und es wird über sie geredet. So wie einer von (diesen Leuten, die) verrückt sind nach Ruhm, das Haus des Gebetes beschmutzt, damit ein jeder über ihn redet... ja sogar mit Abscheu über ihn redet, so erscheint es für den (so empfindlichen) Nerv seiner Ruhmsucht wünschenswert in dieser verfluchten Ruhmsucht, dass dies sogar zu einem Sprichwort geworden ist.
Oh du armseliger Mensch, der du für eine ewig bestehende Welt erschaffen und in einer vergänglichen Welt
ausgesetzt worden bist! Betrachte nun mit Aufmerksamkeit die Ayah und öffne deine Ohren!
فَمَا بَكَتْ عَلَيْهِمُ السَّمَآءُ وَالْاَرْضُ
{"Doch weder der Himmel noch die Erde vergossen auch nur eine Träne über ihn." (Sure 44, 29)}
Siehe, was sie sagt! So heißt es denn hier in diesem Ferman ausdrücklich: "Wenn die Leute des Irrweges sterben, so weinen Himmel und Erde, die ja mit den Menschen verbunden sind, nicht über ihren Gräbern. Denn sie sind nicht mit ihnen zufrieden." Hier wird im Umkehrschluss zum Ausdruck gebracht: "Beim Tode der Leute der Rechtleitung weinen Himmel und Erde über ihren Gräbern. Sie möchten sich nicht von ihnen trennen." Denn der ganze Kosmos ist mit den Menschen des Glaubens verbunden und ist mit ihnen zufrieden. Denn da sie in ihrem Glauben den Schöpfer des Weltalls kennen, wissen sie auch den Wert des Kosmos zu schätzen, behandeln (die Natur) mit Liebe (muhabbet)und Respekt. Sie behandeln sie nicht wie die Leute des Irrweges mit Geringschätzung und einer versteckten Feindschaft (adavet).
Oh Mensch, denk nach! Du wirst in jedem Fall sterben. Wenn du dem Teufel und deinen Launen (nefs)folgst, werden deine Nachbarn, ja sogar deine Verwandten sich darüber freuen, dass sie von deinem Übel erlöst worden sind. Wenn du stattdessen sagst:
اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan."}
und dem Qur'an und dem Geliebten des Erbarmers (= dem Propheten) folgst, werden Himmel und Erde und alles Sein, entsprechend dem jeweiligen Verhältnis (= d.h. dem des jeweiligen Menschen zum Qur'an und seinem Propheten - A.d.Ü.) und in Anbetracht deines Verhältnisses (= deinem ganz persönlichen - A.d.Ü.) über dein Hinscheiden betrübt sein und gleichsam weinen. In erhabener Trauer und majestätischem Geleit werden sie (= Himmel und Erde), wenn du durch das Tor des Grabes in die bleibende
Welt hinüberschreitest, deinem Verhältnis entsprechend darauf hinweisen, dass du gut aufgenommen sein wirst.
Dreizehnter Hinweis
Besteht aus drei Punkten.
Erster Punkt: der größte Betrug des Satans:
Er betrügt Menschen, denen die Brust beengt und der Verstand unzulänglich ist und die in ihrem Auffassungsvermögen begrenzt sind, indem er ihnen sagt: "Man sagt, dass (Gott in Seiner) Person innerhalb Seines Herrschaftsgebietes alle Atome, alle Sterne und Planeten und alles Sein mit allem, was es umfasst und beinhaltet, einzig und allein lenkt und leitet. Wie kann nur jemand an eine so grenzenlose, seltsame und große Sache glauben? Wie kann er nur (eine solche Vorstellung) in seinem Herzen hegen? Wie kann der menschliche Geist so etwas annehmen?" Auf diese Weise erweckt er in Anbetracht menschlicher Schwäche ein geradezu abweisendes Gefühl.
Antwort:
Das Geheimnis, wie man diese Einflüsterungen des Teufels zum Schweigen bringen kann, heißt: "Allahu ekber(Gott ist groß.)" Und die wahre Antwort (auf die Fragen des Teufels) ist auch: "Allahu ekber."So ist denn in der Tat "Allahu ekber"die am häufigsten wiederholte Formel des Islam, um die Listen des Teufels zu besiegen. Denn sobald die schwachen Kräfte des Menschen, seine hilflosen Anstrengungen und seine eingegrenzte Gedankenwelt (fikri)den unendlich großen Wahrheiten im Lichte des "Allahu ekber"begegnen und sie bestätigen und diese Wahrheiten in der Kraft des "Allahu ekber"unterstützen und sie im Umkreis des "Allahu ekber"verankern und sagen zu diesem Herzen, das den Einflüsterungen (vesvese)(des Teufels) zu verfallen droht: Es lässt sich ganz offensichtlich erkennen, dass dieses Universum in überaus wohlgeordneter Art und Weise gelenkt, geleitet und
verwaltet wird. Dies könnte auf zweierlei Weise zu Stande kommen:
Der erste Weg:
Er ist ein zwar möglicher (Weg), aber (dieser Weg) ist wahrhaft gewaltig und wunderbar. Sicherlich kommt ein solch wunderbares Werk nur durch eine ebenso wunderbare Kunstfertigkeit auf eine ganz einzigartige Weise zu Stande. Dies geschieht in der Herrschaft (Rububiyet),mit dem Willen (irade)und durch die Macht (qudret)des Einen (Ahad)und Einzigartigen (Samad),dessen Existenz alles Sein, bis hinab zu den Atomen bezeugt ist.
Der zweite Weg:
Es ist der Weg der Abgötterei und des Unglaubens, der in keiner Weise möglich und bis zur Unmöglichkeit schwierig und ganz und gar unverständlich ist. Denn wie wir bereits in vielen Abhandlungen (Risalah),wie dem Zwanzigsten Brief und dem Zweiundzwanzigsten Wort mit Sicherheit bewiesen haben, müsste sich dann im gesamten Kosmos und in allem Sein, ja sogar in jedem einzelnen Atom eine vollkommene Göttlichkeit (uluhiyet-i mutlaqa),ein allumfassendes Wissen (ilm-i muhit)und eine grenzenlose Macht (qudret)finden, sodass sich all diese so vollendeten und kunstvoll verzierten Kunstwerke in ihrer unendlichen Wohlordnung und Ausgewogenheit, in ihrem so empfindlichen Gleichgewicht und mit all ihren charakteristischen Merkmalen, wie wir sie in allem Sein erkennen und bezeugen können, ins Dasein treten können.
Zusammenfassung:
Gäbe es nicht diese große und mächtige göttliche Herrschaft, (wie sie für diese Schöpfung) so angemessen und so sehr am Platz ist, so müsste man notwendigerweise einem Weg folgen, der in jeder Hinsicht unverständlich und unmöglich wäre. Vor einer solch gewaltigen Größe zu fliehen, wie sie notwendig und passend wäre und sich auf etwas völlig Unverständliches und Unmögliches einzulassen, könnte selbst der Teufel nicht vorschlagen.
Zweiter Punkt: eine andere bedeutende List des Satans:
Einen Menschen davon abzuhalten, seinen Fehler einzugestehen, sodass sich das Tor zur Vergebung (istighfar)und der Zufluchtsuche (istiaze)(bei Gott) schließt. Zugleich stimuliert er noch den Egoismus der menschlichen Seele, sodass diese Seele sich wie ein Advokat verteidigt, als wolle sie sich von jeglichem Fehler und Makel reinigen (taqdis).
In der Tat will eine Seele, die auf den Teufel hört, ihren Fehler nicht sehen. Sieht sie ihn aber, so diskutiert sie ihn entsprechend dem Geheimnis
وَعَيْنُ الرِّضَا عَنْ كُلِّ عَيْبٍ كَلِيلَةٌ
{"Das Auge der Zufriedenheit ist allen Fehlern gegenüber blind."}
auf hunderterlei verschiedene Weisen hinweg. Wer zufrieden auf seine Seele blickt (nefsin nazar-i rida),kann ihre Fehler nicht sehen. Da er seine Fehler nicht sehen kann, kann er sie nicht gestehen und nicht um Vergebung bitten und nicht Zuflucht suchen und wird so zu einem Spielzeug in der Hand des Teufels. Wenn schon ein so Ehrenwerter Prophet Hasret Yusuf, mit dem der Friede sei, sagt
وَمَآ اُبَرِّئُ نَفْسِى اِنَّ النَّفْسَ لَاَمَّارَةٌ بِالسُّوٓءِ اِلاَّ مَا رَحِمَ رَبِّى
{"Noch spreche ich meine eigene Seele frei. Wahrlich, die Seele ist dem Bösen zugeneigt, soweit nicht mein Herr sich meiner erbarmt." (Sure 12, 53)}
wie kann man dann noch auf seine Seele vertrauen? Wer also seine Seele anklagt, (der tut dies, weil er) ihre Fehler sieht. Und wer sich seine Fehler eingesteht, der bittet um Vergebung. Wer aber um Vergebung bittet, der nimmt Zuflucht. Wer aber Zuflucht sucht, der rettet sich vor der Bosheit des Satans. Einen Fehler nicht zu sehen, ist ein Fehler, der noch größer ist als dieser Fehler. Das Nichteingeständnis eines Fehlers aber ist ein großer Makel. Einen Fehler zu erkennen, rückt diesen Fehler in die Fehlerlosigkeit. Ein Geständnis abzulegen heißt, Vergebung ('afwa)
zu verdienen.
Dritter Punkt:
Eine Einflüsterung des Teufels, die das menschliche Gemeinschaftsleben zerstört, zielt darauf ab, auf Grund einer schlechten Seite alle die guten Seiten eines Gläubigen zu übersehen. Wenn dann ein Mensch in seiner Ungerechtigkeit auf die Einflüsterungen des Teufels hört, so hasst er den Gläubigen. Wenn aber dann am Tage der Wiederauferstehung der allmächtige Gott in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit die Taten dessen, der für sie verantwortlich ist, auf Seiner großen Waage wiegt, wird Er danach richten, ob die guten Taten die schlechten überwiegen oder von ihnen überwogen werden. Denn es gibt viele Ursachen für die Schlechtigkeiten und ihre Entstehung ist einfach, weshalb manchmal eine einzige gute Tat viele schlechten zudeckt. Das heißt, dass man in dieser Welt von diesem Standpunkt der göttlichen Gerechtigkeit aus handeln sollte. Wenn die guten Taten eines Menschen seine schlechten quantitativ oder qualitativ überwiegen, verdient er es, dass man ihm mit Liebe und Hochachtung (muhabbet ve hürmet)begegnet. Tatsächlich muss man auch wegen einer einzigen wirklich guten Tat viele schlechten Taten mit den Augen der Verzeihung (nazar-i 'afw)betrachten. Denn der Mensch, der von Natur aus dem Bösen zugeneigt ist, vergisst unter der Einflüsterung des Teufels angesichts einer einzigen Schlechtigkeit hundert gute Taten, hasst (adavet)seinen Glaubensbruder und verfällt der Sünde. Denn so wie ein Mückenflügel im Auge einen ganzen Berg bedecken kann, sodass man ihn nicht mehr sieht, ebenso kann die Bosheit und Uneinsichtigkeit eines Menschen wegen einer Schlechtigkeit gleich einem Mückenflügel einen ganzen Berg von guten Werken zudecken, in Vergessenheit geraten lassen, Hass (adavet)gegen einen Glaubensbruder wecken und zu einem Werkzeug werden, das das Gemeinschaftsleben der Menschen zerstört.
Mit einer anderen List, die dieser List gleicht, zerstört der Teufel das gesunde Denken (selamet-i fikri)des Menschen. Er verdirbt das gesunde Urteilsvermögen über die Glaubenswahrheiten
und verletzt die Geradlinigkeit seines Denkens (istikamet-i fikri).Dies geschieht folgendermaßen:
Er möchte Hunderte von Beweismitteln zur Bestätigung der Glaubenswahrheiten mit einem Hinweis, der sie wieder zunichte macht, vom Tisch fegen, während es doch ein fest verankertes Prinzip ist, dass "ein einziger Beweis einer Vielzahl gegenteiliger Behauptungen überlegen" ist. Die Aussage eines Zeugen, die eine Behauptung bestätigt, ist hundert gegenteiliger Behauptungen vorzuziehen. Betrachten wir einmal diese Wahrheit mit Hilfe des folgenden Gleichnisses:
Es habe ein Schloss hunderte verschlossener Türen. Sobald es gelingt, auch nur eine einzige dieser Türen zu öffnen, kann man in das Schloss eintreten und alle übrigen Türen öffnen. Sind erst einmal alle Türen geöffnet, während vielleicht ein oder zwei von ihnen geschlossen bleiben, kann niemand mehr sagen, man könne dieses Schloss nicht betreten.
So sind denn die Glaubenwahrheiten dieses Schloss. Jeder Beweis ist ein Schlüssel dazu. Er bestätigt; öffnet eine Türe. Auch wenn eine der Türen verschlossen bliebe, kann man dennoch die Glaubenswahrheiten nicht aufgeben und sie nicht bestreiten (inkar).Was aber den Teufel betrifft, so weist er auf diese eine Tür hin, die aus irgendwelche Gründen, durch Nachlässigkeit (ghaflet)oder Unwissenheit (djehalet)verschlossen geblieben ist, lässt alle bis dahin angeführten Beweise außer Betracht und sagt: "Schau, dieses Schloss kann man nicht betreten. Und vielleicht ist es ja auch gar kein Schloss und innen drin ist gar nichts." und betrügt so.
Wohlan denn, du armseliger Mensch, der du unter den Listen des Satans zu leiden hast! Wenn du ein religiöses Leben wünscht, ein persönliches Leben, ein gesellschaftliches Leben in Sicherheit (selamet),ein gesundes Denken, einen geraden Blick und ein aufrechtes Herz, so wiege deine Taten und dein ganzes Verhalten auf der untrüglichen
Waage des Qur'an und wäge sie ab mit der Gelobten Sitte, mache den Qur'an und die Gelobte Sitte stets zu deinem Wegweiser und sage:
اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!"}
So sind denn diese Dreizehn Hinweise gleich dreizehn Schlüsseln. Mit dieser letzten Sure des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und welche die Ausdeutung (mufassali)und Quelle ist von
اَعُوذُ بِاللّٰهِ مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
{"Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan."}
اَسْتَعِيذُ بِاللّٰهِ بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
قُلْ اَعُوذُ بِرَبِّ النَّاسِ ٭ مَلِكِ النَّاسِ ٭ اِلٰهِ النَّاسِ ٭ مِنْ شَرِّ الْوَسْوَاسِ الْخَنَّاسِ ٭ اَلَّذِى يُوَسْوِسُ فِى صُدُورِ النَّاسِ ٭ مِنَ الْجِنَّةِ وَالنَّاسِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen" "Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, vor dem Unheil des Einflüsterers, des Heimtückischen, der in der Brust der Menschen flüstert, sei es ein Dschinn oder ein Mensch." (Sure 114)}
öffne die schützende Feste und die Tore der sicheren Burg mit den dreizehn Schlüsseln, tritt ein und sei in Sicherheit (selamet)!
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ ٭ وَقُلْ رَبِّ اَعُوذُ بِكَ مِنْ هَمَزَاتِ الشَّيَاطيِنِ ٭ وَ اَعُوذُ بِكَ رَبِّ اَنْ يَحْضُرُونِ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32) "Und sprich: Oh mein Herr, ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Teufeln, die mich aufhetzen wollen. Und ich nehme meine Zuflucht zu Dir, mein Herr, sodass sie sich mir nicht nähern!" (Sure 23, 97-98)}
Vierzehnter Blitz
Besteht aus zwei Kapiteln. Das Erste Kapitel ist eine Antwort auf zwei Fragen.
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ ٭ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ ٭ اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللّٰهِ وَبَرَكَاتُهُ
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." (Sure 17, 44) "Friede sei mit Euch und das Erbarmen Gottes und Sein Segen."}
Lieber, getreuer Mitbruder Re'fet Bey,
Die Antwort auf die Frage nach dem Stier und dem Fisch, die du mir gestellt hast, ist in verschiedenen Teilen der Risale-i Nur zu finden. Fragen dieser Art sind im Dritten Ast des Vierundzwanzigsten Wortes in Übereinstimmung mit zwölf wichtigen Regeln, "Die Zwölf Pfeiler" genannt, bereits erklärt worden. Jede dieser Regeln ist eine Richtlinie und bezieht sich auf Ausdeutungen in den verschiedenen Hadithen. Es sind wichtige Grundsätze, die der Zerstreuung von Zweifeln dienen, wie sie sich bezüglich dieser Hadithe ergeben. Leider gibt es im Augenblick einige Dinge, die mich davon abhalten, mich - außer den Dingen, die mir am Herzen liegen - auch noch mit wissenschaftlichen Themen zu befassen. Ich kann dir daher leider nicht im Sinne deiner Frage antworten. Wann immer mir etwas in meinem Herzen eingegeben wird, muss ich mich damit beschäftigen. Auf einige dieser Fragen gibt es eine Antwort, weil sie in Übereinstimmung (tevafuq)sind mit dem, was in meinem Herzen (geschieht). Sei also deswegen nicht beleidigt! Aus diesem Grunde kann ich nicht alle Fragen so beantworten, wie es sich gehört. Lass mich also für dieses Mal ganz kurz deine Frage beantworten!
Du schreibst dieses Mal zu deiner Frage:
"Die Hodjas sagen: Die Erde ruht auf einem Stier und einem Fisch. Dabei behaupten doch die Astronomen, dass sie wie ein Stern durch das All reist. Da gibt es weder einen Stier noch einen Fisch."
Antwort:
Persönlichkeiten wie Ibn Abbas, mit dem Gott zufrieden sein möge, stützen sich auf eine Echte Überlieferung, wonach der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, gefragt wurde: "Worauf ruht die Welt?" Da geruhte er zu antworten: عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Auf einem Stier und einem Fisch."}
Nach der einen Überlieferung soll er einmal عَلَى الثَّوْرِ {"auf einem Stier"} ein andermal عَلَى الْحُوتِ {"auf einem Fisch"} gesagt haben.
Ein Teil der Kenner der Hadithe (Muhaddith)
schrieben sie dem Aberglauben und den Erzählungen zu, welche sich die alten Israeliten überliefert haben (Israiliyat).Besonders jene Gelehrten unter ihnen, die zum Islam übergetreten waren, schrieben was sie über "den Stier und den Fisch" in alten Büchern gelesen hatten, diesen Hadithen zu und veränderten dabei deren Bedeutung in seltsamer Weise. Ich will hier aber nun im Zusammenhang mit deiner Frage die "Drei Grundsätze" und die "Drei Aspekte" ganz kurz erklären.
Erster Grundsatz:
Nachdem ein Teil der Gelehrten unter den alten Israeliten zum Islam übergetreten war, wurde auch ihr damaliges Wissen in die islamische (Überlieferung) übernommen und dem Islam zugeschrieben. Doch gab es Fehler in dieser antiken Überlieferung, die eindeutig dort zu suchen sind und nicht zur Islamiyet gehören.
Zweiter Grundsatz:
In Vergleichen und Metaphern wurden sie von ihren Edlen an das einfache Volk weitergegeben, sodass sie aus der Hand der Gelehrten in die Hände der Unwissenden gelangten, wo man mit dem Ablauf der Zeit schließlich glaubte, sie seien wörtlich für wahr zu nehmen. So gab es z.B. als ich noch ein Kind war einmal eine Mondfinsternis. Da sagte ich zu meiner Mutter: "Warum ist der Mond so geworden?" Da antwortete sie mir: "Eine Schlange hat ihn aufgefressen." Da sagte ich: "Ich kann ihn aber doch noch sehen." Sie antwortete wieder: "Die Schlangen dort droben sind wie Glas. Man kann noch die Dinge in ihnen erkennen!"
Ich habe die Erinnerung an meine Kindheit noch lange Zeit danach bewahrt. Wenn ich darüber nachdachte, so fragte ich mich: "Wie konnten nur ernst zu nehmende Leute, wie meine Mutter, einen so irrigen Aberglauben wiederholen?" Als ich dann später Astronomie studierte, wurde mir klar, dass Leute, die wie meine Mutter diese Dinge wiederholten, eine Metapher für wahr hielten. Denn der weite Zirkel, den der Tierkreis um die Sonne formt, und der Kreis mit den Häusern des Mondes überschneiden einander und bilden so einen Bogen. Die subtile Metapher der Astronomen nennt die beiden Kreisbahnen die beiden Schlangen. Die Punkte, in denen sie einander schneiden, werden der Kopf und der Schwanz des Drachens
genannt. Stehen bei Vollmond Sonne und Mond an Kopf und Schwanz des Drachens einander gegenüber, mit der Erde in der Mitte, so entsteht eine Opposition. Die Erde geht gleichsam zwischen beiden hindurch und so kommt es zu einer Eklipse des Mondes. Der obigen Metapher entsprechend tritt nun der Mond in den Kopf des Drachens ein. Als aber nun diese Metapher der hochgebildeten Gelehrten in die Sprache des einfachen Volkes überging, bildete sich im Laufe der Zeit ein riesiger Drache, der den Mond verschlang.
So wurden denn Sevr (der Stier) und Hut (der Fisch), zwei bedeutenden Engeln, einer heiligen und subtilen Metapher, einem bedeutungsvollen Hinweis entsprechend, die Namen "Stier" und "Fisch" verliehen. Als aber dann diese Metapher für eine Wahrheit von der heiligen und erhabenen Sprache des Prophetentums (lisan-i nubuvvet)in die Sprache des einfachen Volkes überging, nahm sie die Gestalt eines wirklich riesengroßen Stieres und eines fürchterlich großen Fisches an.
Dritter Grundsatz:
So wie der Qur'an Allegorien enthält und durch sie dem einfachen Volk mit Vergleichen und Metaphern über sehr tiefe Dinge unterweist, so finden sich auch in den Hadithen Allegorien, die sehr tiefe Wahrheiten mit vertrauten Vergleichen zum Ausdruck bringen. So wurde z.B. einmal in Gegenwart des Propheten, wie wir das schon in ein, zwei Abhandlungen beschrieben haben, ein tiefes Grollen vernommen. Da geruhte er zu sagen: "Dies ist das Geräusch des Steins, der schon seit siebzig Jahren hinabgerollt und in diesem Augenblick auf dem Grunde der Hölle aufgeschlagen ist." Ein paar Minuten später kam jemand, der berichtete: "Der bekannte Heuchler (munafiq)ist im Alter von siebzig Jahren verstorben." (So bestätigte er) eine Wahrheit, die der Ehrenwerte Gesandte,
mit dem Friede und Segen sei, mit einem besonders treffenden Beispiel angekündigt hatte.
Für heute sollen "drei Aspekte" als Antwort auf deine Frage erklärt werden.
Erstens:
So wie Gott der Gerechte vier Engel, unter ihnen Nasr (der Adler) und Sevr (der Stier), zu Trägern des Himmlischen Thrones bestimmte, um das Reich seiner königlichen Herrschaft (saltanat-i rububiyet)zu überwachen, so bestimmte Er auch zwei Engel, um die Erde zu überwachen und zu tragen, die der kleinere Bruder des Himmels und eine Schwester der Planeten ist. Der Name des einen Engels ist Sevr (der Stier) und der Name des anderen ist Hut (der Fisch). Und das Geheimnis, warum ihnen diese Namen gegeben worden sind, ist folgendes:
Der (größte) Teil unseres Globus (ist von Meeren bedeckt) und wird das Wasser genannt. Dieser Teil wird von Fischen bevölkert. Der (kleinere) Teil (ragt aus dem Wasser heraus und) wird das Land genannt. Den Teil, den wir das Land (nennen), bevölkern die Stiere, die dem Menschen in der Landwirtschaft als Mittel seines Lebensunterhaltes (dienen) und auf deren Schultern (sie ruht). Da die beiden Engel, denen die Erde anvertraut ist, sowohl Kommandant als auch Beobachter sind, müssen sie sicherlich auch eine Art Beziehung zu den Stieren und zu den Fischen haben. Ja die Engel werden sogar im Engelreich (alem-i melekut)und im Reich der Träume und der Abbilder (alem-i misal)وَالْعِلْمُ عِنْدَ اللّٰهِ {"Und das Wissen ist bei Gott."} in der Form eines Stieres und eines Fisches dargestellt.
{(*): Unser Globus ist in der Tat ein Schiff des Herrn, das den Ozean des Raumes durchpflügt, und einem Hadith entsprechend ist er der Acker für das Jenseits, nämlich ein Pflanzbeet, das dieses große Schiff, das kein Leben und kein Bewusstsein kennt, das dieses Meer auf den Befehl Gottes wohlgeordnet und voll Weisheit durchfährt, weshalb es nun klar sein dürfte, warum der Name "Hut" (Fisch) für den Engel, der sein Kapitän ist, und der Name "Sevr" (Stier) für den Engel, der mit Gottes Erlaubnis den Acker überwacht, der unsere Erde ist, für (diese beiden Engel) so passend ist.}
Dies also ist der Grund dafür, warum in dieser Wunder verkündenden Sprache des Propheten in Anlehnung und mit Hinweis auf eine solche Beziehung und im Zusammenhang mit diesen beiden so bedeutenden Arten der Schöpfung der Erde gesagt wurde
اَ لْاَرْضُ عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ
{"Die Erde ruht auf einem Stier und auf einem Fisch."}
Auf eine derart tiefsinnige Weise fasste er eine Wahrheit in sich zusammen, die sonst Thema für eine ganze Seite gewesen wäre und gab ihr in einem einzigen Satz einen besonders schönen und kurzen Ausdruck...
Zweiter Aspekt:
Wenn man z.B. fragt: "Worauf stützt sich dieses Königreich und seine Regierung?" so lautet dieAntwort:
عَلَى السَّيْفِ وَالْقَلَمِ
{"Auf die Feder und das Schwert."}
Das heißt: "Es stützt sich auf das tapfere und mächtige Schwert seiner Soldaten und auf die entschlossene und rechtschaffene Feder seiner Beamten."
In gleicher Weise kann man, da ja die Erde die Wohnstatt der Tiere und der Befehlshaber über die Tiere der Mensch ist, und die Quelle des Lebensunterhaltes des größten Teils derjenigen unter den Menschen, die die Küsten bewohnen, der Fisch ist, und der Lebensunterhalt jenes Teils, der nicht an der Küste wohnt aus der Landwirtschaft kommt und auf den Schultern der Stiere ruht, und da zudem noch ein bedeutender Teil des Handelsgutes
der Fisch ist, da sich also nun mit Sicherheit ein Staat auf das Schwert und die Feder stützt, so kann man auch sagen, dass die Erde auf dem Stier und dem Fisch ruht. Denn wann immer die Ochsen nicht arbeiten und der Fisch nicht Millionen von Eiern legt, könnte der Mensch nicht mehr leben. Das Leben käme zum Stillstand und der allweise Schöpfer (Khaliq-i Hakiem)würde die Erde zerstören.
So hat denn der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, mit seiner höchst wunderbaren, erhabenen und weisheitsvollen Antwort اَ لْاَرْضُ عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Die Erde ruht auf dem Stier und dem Fisch."} uns in zwei Worten eine umfangreiche Lektion erteilt, indem er uns lehrte, wie eng ineinander verflochten das Leben der Menschen mit dem Leben (so vieler) Tierarten ist.
Dritter Aspekt:
Nach der alten (geozentrischen) Kosmologie bewegt sich die Sonne (durch den Tierkreis). Und alle dreißig Grad durchläuft die Sonne jeweils ein Sternbild. Verbindet man die einzelnen Sterne eines Zeichens untereinander mit angenommenen Linien, so entstehen bestimmte Konstellationen und es formt sich hier die Gestalt eines Löwen, dort einer Waage, ein andermal erscheint die Form eines Stieres (Sevr),dann wieder die Form eines Fisches (Hut).Je nach den verschiedenen Konstellationen wurden also den Sternbildern diese Namen gegeben. Doch entsprechend unserer heutigen (heliozentrischen) Astronomie bewegt sich die Sonne nicht. Die Sternbilder wurden inhaltslos, nutzlos, arbeitslos. Denn anstelle der Sonne bewegt sich jetzt die Erde. Da dies aber nun einmal so ist, muss man nun an Stelle dieser hohlen, untätigen Sternbilder und an Stelle dieses nutzlos gewordenen Sternzeichens diese Sternbilder im kleinen Format auf dem Jahreskreis der Erde bilden. So werden die himmlischen Konstellationen vom Jahreskreis der Erde aus dargestellt und in jedem Monat befindet sich
die Erde im Schatten und Gleichnis eines dieser himmlischen Bilder. Es scheint so, als ob die himmlischen Konstellationen im Jahreskreis der Erde wie in einem Spiegel dargestellt würden.
Deshalb also sagte nun der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei, wie wir bereits oben erwähnt haben einmal عَلَى الثَّوْرِ {"Auf dem Stier."} und ein andermal sagte er عَلَى الْحُوتِ {"Auf dem Fisch."}
In der Tat sagte er in dieser wunderbaren Sprache seines Prophetentums, indem er eine überaus tiefe Wahrheit andeutete, die erst in künftigen Jahrhunderten verstanden werden würde, das eine Mal عَلَى الْحُوتِ {"Auf dem Fisch."} weil sich die Erde im Zeitpunkt der Fragestellung gleichsam im Sternbild des Fisches befand. Als man ihn zwei Monate später noch einmal befragte, sagte er: عَلَى الثَّوْرِ {"Auf dem Stier."}
So deutete er denn auf eine überaus erhabene Wahrheit hin, die erst in einer fernen Zukunft würde verstanden werden. Und indem er auf die Aufgaben der Erde verwies, ihre Bewegungen und ihre Reise und darauf, dass die Sternbilder im Hinblick auf die Sonne hohl und ohne Gäste sind, und dass die Sternbilder, die tatsächlich wirksam sind im Jahreskreis der Erde liegen, und dass es die
Erde ist, die sich bewegt und ihre Aufgabe in den Sternzeichen verrichtet, sagte er: عَلَى الثَّوْرِ وَالْحُوتِ {"Auf dem Stier und dem Fisch."}
وَاللَّهُ اَعْلَمُ بِالصَّوَابِ
{"Und Gott weiß am besten, was richtig ist."}
Diese außergewöhnlichen Geschichten in einigen islamischen Büchern, wie sie über jeden Verstand hinausgehen, sind entweder Israiliyat oder Allegorien oder Auslegungen einiger Muhaddis, die einige Leute in ihrer Achtlosigkeit für Hadith gehalten und dem Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, zugeschrieben hatten.
رَبَّنَا لاَ تُؤَاخِذْنَآ اِنْ نَسِينَآ اَوْ اَخْطَاْنَا ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr, ziehe uns nicht zur Rechenschaft für das, was wir versäumt oder vergessen haben!" (Sure 2, 286) "Gepriesen seist Du! Kein Wissen haben wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zweite Frage: Al-i Aba(= die Leute des Mantels)
Mein lieber Bruder,
hinsichtlich deiner Frage über die Al-i Aba, die bis jetzt noch unbeantwortet geblieben ist, möchte ich von den vielen Weisheiten (die sie berührt) nur eine einzige Weisheit erläutern. Es ist dies wie folgt:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, bedeckte Ali und Fatima und Hassan und Husseyn (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein) mit dem gesegneten Mantel, den er trug, und sprach über ihnen die folgende Ayah als ein Gebet
لِيُذْهِبَ عَنْكُمُ الرِّجْسَ اَهْلَ الْبَيْتِ وَيُطَهِّرَكُمْ تَطْهِيرًا
{"...um alle Unreinheiten von euch hinwegzunehmen, ihr Leute des Hauses und euch (von allen Unreinheiten) zu reinigen." (Sure 33, 33)}
Darin liegt ein Geheimnis und viel Weisheit. Ich werde nun dieses Geheimnis nicht weiter behandeln. Doch ist eine Weisheit, die mit der Aufgabe eines Propheten verbunden ist, die folgende:
Der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, durchdrang mit prophetischem Blick das Unsichtbare und erkannte in der Zukunft, dass in dreißig, vierzig Jahren ein bedeutender Streit unter den Sahabis und ihren Nachfolgern (den Tabiinen) ausbrechen und Blut vergossen werden würde. Und er bezeugte auch, dass die hervorragendsten Persönlichkeiten unter ihnen drei Personen unter seinem Mantel sein würden. So bedeckte er denn Hasret Ali, um ihn in den Augen der islamischen Gemeinschaft zu reinigen und (um ihn vor ihnen) freizusprechen, auch Hasret Husseyn, um ihm (zum Tode seines Vaters und dem seines Bruders) zu kondolieren und ihn zu trösten, und auch Hasret Hassan, um ihm zu gratulieren und bekannt zu geben, welche Ehre er sich dadurch erwerben werde, dass er einen bedeutenden Streit durch eine Versöhnung beenden werde und welch gewaltigen Dienst er dadurch der Umma leisten werde, und auch Hasret Fatima (möge Gott mit ihnen allen zufrieden sein), um bekannt zu geben, dass ihre Nachkommen rein und ehrenwert sein und sich des erhabenen Titels der Leute des Hauses (ehl-i beyt)würdig erweisen werden; so bedeckte er also diese vier Personen mit seinem Mantel, weshalb nun sie und er selbst als die "Fünf Leute des Mantels" bezeichnet wurden.
So war denn in der Tat Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, der rechtmäßige Kalif. Doch weil das Blut, das vergossen werden sollte, von so großer Bedeutung war, und weil in den Augen der Umma sein Freispruch
und die Wiederherstellung seiner Ehre bedeutsam waren, hat ihn der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, auf diese Weise losgesprochen. Auch forderte er die Kharidjiten, die ihn kritisiert und angeklagt hatten, er habe Fehler gemacht und sei in die Irre gegangen, und diejenigen, welche die Omayyaden unterstützten und zum Angriff übergehen wollten, auf, Frieden (sukut)zu halten. Denn in der Tat haben die Übergriffe der Kharidjiten und der Omayyaden rund um Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, und ihre Beschuldigungen von Irrtümern und die wahrhaft tragischen, herzzerreißenden Ereignisse rund um Husseyn, mit dem Gott zufrieden sein möge, zusammen mit den Übertreibungen (ifrat)und ketzerischen Neuerungen (bid'a)der Schiiten und ihrem abweisenden Verhalten gegenüber den ersten beiden Kalifen sich besonders zerstörerisch auf die Anhänger des Islam ausgewirkt.
So wie also der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, Hasret Ali und Hasret Husseyn, mit denen Gott zufrieden sein möge, von ihrer Verantwortlichkeit frei sprach und sie davor bewahrte, bei ihrer Umma in Anschuldigungen und einen schlechten Ruf zu geraten, so gratulierte er auch Hassan, mit dem Gott zufrieden sein möge, hinsichtlich des prophetischen Auftrags zu all dem Guten, das er für seine Umma dadurch tun werde, dass er eine Versöhnung zwischen ihnen zu Stande brachte, und verkündigte, dass die gesegneten Nachkommen Fatimas, mit der Gott zufrieden sein möge, bekannt als die "Familie des Propheten (ehl-i beyt)",in der islamischen Welt hoch geehrt sein werden, und dass Hasret Fatima, mit der Gott zufrieden sein möge, hinsichtlich ihrer Nachkommen hoch geehrt sein werde, so wie auch die Mutter von Hasret Maryam, die sagte:
وَاِنِّى اُعِيذُهَا بِكَ وَذُرِّيَّتَهَا مِنَ الشَّيْطَانِ الرَّجِيمِ
{"...und ich suche bei Dir Zuflucht für sie und ihre Nachkommenschaft vor dem gesteinigten Satan." (Sure 3, 36)}
اَللّٰهُمَّ صَلِّ عَلٰى سَيِّدِنَا مُحَمَّدٍ وَعَلٰى اٰلِهِ الطَّيِّبِينَ الطَّاهِرِينَ الْاَبْرَارِ وَعَلٰى اَصْحَابِهِ الْمُجَاهِدِينَ الْمُكْرَمِينَ الْاَخْيَارِ اٰمِينَ
{"Oh Gott, segne unseren Herrn Mohammed und seine rechtschaffene, reine, fromme Familie und seine edlen Gefährten, die sich selbstlos für das Gute einsetzen. Amen."}
* * *
Zweites Kapitel
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Von tausenden tiefen Geheimnissen von "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem" (Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen) werden hier sechs Geheimnisse behandelt.
Hinweis:
Im Namen Gottes! (Bei der Betrachtung dieser Anrufung) ausgehend vom Blickpunkt der Erbarmung (rahmet)(Gottes) erschien meinem unzulänglichen Verstand von weitem her ein glänzendes Licht.
Ich wollte es für mich selbst mit einigen Stichworten einfangen. Ich wollte dieses Licht mit zwanzig, dreißig Geheimnissen umschreiben, einkreisen, einfangen. Aber bedauerlicherweise konnte ich meinen Wunsch diesmal nicht ganz zum Erfolg führen. Es sind von zwanzig, dreißig (Geheimnissen) nur fünf, sechs geblieben.
Wenn ich dabei sage "Oh Mensch", meine ich damit mich selbst (nefs).Und weil sich dieser Unterricht besonders an meine Seele wendet, verweise ich auf die Zustimmung meiner scharfsinnigen Mitbrüder im Zweiten Kapitel des "Vierzehnten Blitzes" mit der Absicht, dass vielleicht diejenigen, die geistig mit mir verbunden sind und deren Seelen mehr erwacht sind als meine, daraus ihren Nutzen ziehen werden. Dieser Unterricht richtet sich mehr auf das Herz als auf den Verstand, und richtet sich mehr auf die innere Wahrnehmung (zevke)als auf Beweise (delil).
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ قَالَتْ يَآ اَيُّهَا الْمَلَؤُا اِنِّىٓ اُلْقِىَ اِلَىَّ كِتَابٌ كَرِيمٌ ٭ اِنَّهُ مِنْ سُلَيْمٰنَ وَاِنَّهُ بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Sie sagte: Oh ihr Edlen! Mir ist ein ehrenwertes Schreiben überbracht worden. Es ist dies von Salomon und lautet: 'Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.'" (Sure 27, 29-30)}
In diesem Kapitel werden einige Geheimnisse angeführt.
Erstes Geheimnis:
Ich erblickte die folgende Erscheinung von "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem":Das Gesicht des Kosmos, das Gesicht der Erde und das Gesicht eines Menschen trägt (jeweils) drei Siegel des Herrn (rububiyet).Eines befindet sich im anderen und weist die Nachbildungen der anderen auf.
Das Erste
ist das große Siegel der Gottheit (uluhiyet),auf dem die gegenseitige Hilfeleistung, das solidarische Zusammengehen, das Aufeinanderzugehen und die wechselseitigen Beziehungen im ganzen Kosmos sichtbar werden, worauf "Bismillah"hinweist.
Das Zweite
ist das große Siegel der Erbarmung (Rahmaniyet),das durch die Ähnlichkeit, das richtige Verhältnis, die Wohlordnung, die Folgerichtigkeit, die Gnade und Barmherzigkeit (lutuf ve merhamet)in der Umsicht, der Versorgung, der Lenkung und Leitung der Pflanzen und Tiere auf dem Gesicht der Erde sichtbar ist, worauf "Bismillahi r-Rahman"hinweist.
Das Dritte
ist das hohe Siegel der Barmherzigkeit (Rahiemiyet),auf dem die Feinheiten der Güte (re'fet),die einzelnen Augenblicke selbstloser Liebe (shefqat)und die Funken des Erbarmens Gottes (merhamet)im Gesicht des umfassenden Wesens des Menschen sichtbar werden, worauf "Ar-Rahiem"in dem "Bismillahi r- Rahmani r-Rahiem"hinweist.
Das heißt also "Bismillahi r- Rahmani r-Rahiem"ist eine heilige Bezeichnung für die drei Siegel der Einheit (Ahadiyet),die auf dem Blatt der Welt eine lichtvolle Zeile bildet. Und es ist ein starkes Seil und ein glänzendes Band. Dieses (Seil) heißt "Bismilla-hi r-Rahmani r-Rahiem"
und berührt von oben herabkommend mit seinen Enden den Menschen, der die Frucht des Kosmos und eine kleine Nachbildung der Welt ist. Es verbindet die Erde mit dem Thron Gottes. Es wird zu einem Weg, seinen Thron menschlicher (Vollkommenheit) zu besteigen.
Zweites Geheimnis:
Der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, führt uns die Erscheinungen der Einheit Gottes im Einzelnen (Ahadiyet)beständig vor Augen, wenn es sich um die Erkenntnis der Einheit Gottes in der Vielfalt und im großen Umfang (Vahidiyet)handelt, damit der Verstand inmitten der Erscheinungen der Einheit in der unendlichen Vielfalt der Schöpfung in ihrem ganzen Umfang (Vahidiyet)nicht ertrinkt. Das heißt, z.B. die Sonne umfasst unendlich viele Dinge mit ihrem Licht. Um das Wesen der Sonne in der Gesamtheit ihres Lichtes erfassen zu können, ist eine überaus weitreichende Vorstellungskraft und ein umfassender Blick notwendig. Um nicht die Sonne selbst in Vergessenheit geraten zu lassen, zeigt sich deshalb auch die Sonne durch ihre Widerspieglung in jedem glänzenden Ding. Und jedes glänzende Ding reflektiert seinen Fähigkeiten entsprechend sowohl die Sonne selbst als auch ihre Eigenschaften wie ihr Licht und ihre Wärme. Und so wie jedes glänzende Ding, seinen Fähigkeiten entsprechend, die Sonne mit all ihren Eigenschaften zeigt, wird auch jede der Eigenschaften der Sonne wie Licht und Wärme und die sieben Farben ihres Lichtes von allen Dingen reflektiert, denen sie begegnen. Genauso auch:
وَ لِلّٰهِ الْمَثَلُ الْاَعْلٰى
{"Bei Gott sind die erhabensten Gleichnisse." (Sure 16, 60)}
Doch sollte man dieses Gleichnis nicht falsch verstehen. So wie die Einheit (Ahadiyet)und Einzigartigkeit (Samadiyet)Gottes sich in allen Dingen, besonders in Lebewesen und ganz besonders im Wesen des Menschen als ihrem
Spiegel mit allen Seinen Namen manifestiert, umfassen auch auf Grund dieser Einheit und Allgegenwart (vahdet ve vahidiyet)all Seine Namen alles Sein gemeinsam, da sie (untrennbar) mit allem Sein verbunden sind. Der Qur'an führt immer das Siegel der Einheit Gottes in allem Sein innerhalb Seiner Allgegenwart () vor Augen, sodass der Verstand inmitten der Einheit Gottes in Seiner Allgegenwart nicht erstickt und den allheiligen Herrn (dhat-i aqdes)nicht vergisst. Was die drei wichtigsten Merkmale dieses Siegels zeigen, ist "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem".
Drittes Geheimnis:
Das, was diesen unendlichen Kosmos belebt, ist, wie wir augenscheinlich bezeugen können, Barmherzigkeit (rahmet).Und das, was die Finsternis allen Seins erleuchtet, ist eindeutig wieder die Barmherzigkeit. Und das, was diese Geschöpfe versorgt, die mit unendlich vielen Sorgen und Nöten zu kämpfen haben, ist wieder eindeutig die Barmherzigkeit. Was das ganze Universum, einem Baum gleich, der sich ganz und gar seiner Frucht widmet, zu dem Menschen hinwendet, ihn überall versorgen lässt und ihm alle Dinge zu Hilfe schickt, ist eindeutig die Barmherzigkeit. Und das, was diesen grenzenlosen Weltraum und den leeren und wüsten Kosmos füllt, erleuchtet und aufleben lässt, ist, wie wir augenscheinlich bezeugen können, die Barmherzigkeit. Und das, was diesen vergänglichen Menschen zum Anwärter für die Ewigkeit macht und dem Herrn aller Ewigkeit zu seinem Ansprechpartner und Freund macht, ist eindeutig die Barmherzigkeit.
Oh Mensch! Da die Barmherzigkeit (rahmet)nun einmal eine so starke, reizvolle, liebenswerte, hilfreiche, geliebte Wahrheit ist, sage "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem",hefte dich an diese Wahrheit und errette dich vor absoluter Einsamkeit und vor den Plagen zahlloser Bedürfnisse! Und rücke näher an den Thron des Königs aller Ewigkeit (sultan-i edhel ve ebed)heran und werde durch die Gnade und das Licht dieser Barmherzigkeit diesem König zum Ansprechpartner und Freund!
Dass die Arten des Kosmos sich um den Menschen in
Weisheit versammeln und zu allen seinen Bedürfnissen in vollkommener Wohlordnung und Güte eilen, dafür kann es nur zwei Erklärungen geben. Entweder kennt jede Art im Kosmos den Menschen aus sich selbst, gehorcht ihm und eilt ihm zu Hilfe. Dies aber ist hundertfach von vernünftigem Denken entfernt und hat viele Unmöglichkeiten zu Folge. Ein so hilfloses Wesen wie der Mensch müsste über die Macht eines mächtigen, absoluten Königs verfügen. Oder es erfolgt diese Unterstützung durch das Wissen des absoluten Mächtigen, hinter diesem Schleier des Kosmos. Also ist es nicht so, dass die Arten des Kosmos den Menschen kennen, sondern es gibt klare Zeichen für das Kennen und Wissen eines Herrn, der von dem Menschen weiß, ihn kennt und sich seiner erbarmt.
Oh Mensch! Komm zur Besinnung! Ist es überhaupt möglich, dass der majestätische Herr, der alle Arten der Schöpfung zu dir hinwendend ihre helfenden Hände strecken und gegenüber deinen Bedürfnissen "Bitte schön!" sagen lässt, von dir nichts wissen, dich nicht kennen und nicht sehen sollte!? Da Er dich nun einmal kennt und durch Seine Barmherzigkeit bekannt gibt, dass Er dich kennt, sollst auch du Ihn kennen und in deiner Hochachtung bekannt geben, dass du Ihn kennst. Und wisse mit Sicherheit, einem absolut Schwachen, absolut Ohnmächtigen, absolut Armseligen, einem vergänglichen, kleinen Geschöpf wie dir, den riesigen Kosmos in den Dienst zu stellen und ihm zu Hilfe zu schicken, ist mit Sicherheit eine Wahrheit der Barmherzigkeit, die Weisheit, Güte, Wissen und Macht beinhaltet. Gewiss verlangt eine solche Barmherzigkeit von dir nach einem umfassenden und aufrichtigen Dank und einem ernsthaften und unvermischten Respekt. Also, sage "Bismillahi r-Rahmani r- Rahiem",welches das Sprachrohr und die Bezeichnung dieses aufrichtigen Dankes und dieses unvermischten Respekts ist! Mache es dir zu einem "Fahrzeug" um diese Barmherzigkeit zu erlangen und zu deinem Fürsprecher an der Schwelle der Barmherzigkeit!
In der Tat sind die Existenz und die Verwirklichung der Barmherzigkeit offensichtlich wie die Sonne. Denn so wie ein zentrales Ornament ja durch die Ordnung der Stellungen, der aus allen Richtungen kommenden Einschläge und der Fäden entsteht; genauso weben lichtvolle Einstiche, die sich von der Erscheinung von tausendundeinem Namen Gottes am großen Kreis dieses Kosmos erstrecken, im Gesicht des Kosmos an einer solchen Prägung der Barmherzigkeit, ein Siegel des Erbarmens und ein Ornament des Mitleids und sticken einen solchen Stempel der Güte, dass sie sich dem Verstand noch glänzender als die Sonne zeigen. Der Barmherzige in Seiner Schönheit, der die Sonne, den Mond, die Elemente, die Erze, die Pflanzen und die Tiere mit den Strahlen von tausendundeinem Seiner Namen, Fäden gleich, beim Sticken eines gewaltig großen Ornamentes, wohlgeordnet, macht sie dem Leben dienstbar und äußert durch die überaus liebliche und opferbereite Liebe aller Mütter Seine Liebe. Er stellt die Lebewesen, Pflanzen und Tiere, dem menschlichen Leben in den Dienst. Er macht daraus einen überaus schönen und anmutigen, gewaltigen Schmuck Seiner Herrschaft, zeigt die Bedeutung des Menschen und Seine Gnade in glänzendster Form.
In der Tat macht dieser Barmherzige in Seiner Schönheit (Rahman-i Dhu l-Djemal), Seiner eigenen absoluten Erhabenheit gegenüber, Seine Barmherzigkeit zu einem angenommenen Fürsprecher für die Lebewesen und den Menschen, welche unbegrenzt bedürftig sind.
Oh Mensch, wenn du ein Mensch bist, sage "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem"und finde diesen Fürsprecher! In der Tat, was auf der Erde vierhunderttausend verschiedene Arten Pflanzen und Tiere, ohne überhaupt eine zu vergessen, zu verwechseln, in der rechten Zeit in vollkommenster Ordnung, mit Weisheit und Güte versorgt, lenkt und leitet und auf das Gesicht der Erdkugel das Siegel Seiner Einheit im Einzelnen (Ahadiyet)prägt, ist eindeutig, wie wir sogar selber augenscheinlich bezeugen können,
die Barmherzigkeit. Wie das Vorhandensein der Barmherzigkeit so sicher ist wie die Existenz allen Seins auf dem Gesicht dieser Erdkugel, so gibt es auch ebenso viele Beweise für diese Wahrheit, wie die Anzahl (der zahllosen Formen allen) Seins selbst. Ja, so wie sich auf dem Antlitz der Erde ein solches Siegel der Barmherzigkeit und eine Prägung der Einheit Gottes im Einzelnen (Ahadiyet)findet, trägt auch der Mensch auf dem Gesicht seines inneren Wesens ein solches Siegel der Barmherzigkeit, das nicht geringer als das Siegel der Barmherzigkeit auf dem Gesicht der Erdkugel und als das große Siegel der Erbarmung auf dem Gesicht des Kosmos ist. Es ist umfassend etwa in der Bedeutung eines Brennpunktes der Erscheinungen von tausendundeinem Namen Gottes.
Oh Mensch, ja ist es denn überhaupt möglich, dass der Herr, der dir ein solches Gesicht gegeben, und auf diesem Gesicht ein solches Siegel der Barmherzigkeit und einen solchen Stempel der Einheit im Einzelnen geprägt hat, dich dir selbst überlässt, dir keine Bedeutung beimisst!? Sollte Er nicht auf deine Handlungen aufmerksam sein!? Sollte Er die ganze Schöpfung, die dir zugewandt ist, für sinnlos erklären!? Sollte Er den Baum der Schöpfung zu einem wertlosen Baum machen, dessen Früchte faul und verdorben sind!? Sollte Er außerdem Seine Barmherzigkeit, über die in keinerlei Hinsicht ein Zweifel besteht, die überhaupt keinen Mangel hat und die wie die Sonne sichtbar ist, und Seine Weisheit, die wie das Licht erkennbar ist, leugnen lassen!? - Ganz und gar nicht!
Oh Mensch! Wisse, es gibt eine Leiter, um zu dem Thron dieser Barmherzigkeit zu gelangen! Diese Leiter ist "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem"(Im Namen des Erbarmers, des Barmherzigen). Willst du verstehen, wie wertvoll diese Leiter ist, dann betrachte den Anfang aller 114 Suren des Qur'an, dessen Worte ein Wunder sind, die einleitenden Worte aller segensreichen Bücher und den Anbeginn aller guten Taten. Der absolute Beweis für die Größe des Wertes dieses Satzes (Besmele)ist, dass
sehr große Qur'anexegeten (mudjtahid)wie Imam Schafi (Gott möge mit ihm zufrieden sein) sagten: Obwohl dieser Satz "Besmele" ein einziger Vers ist, erscheint er im Qur'an 114-mal als von Gott herabgesandt.
Viertes Geheimnis:
Was die Erscheinung der Gegenwart Gottes innerhalb grenzenloser Vielfalt (Vahidiyet)betrifft, so reicht es doch nicht für jeden aus, sie zu erkennen, während er die Anrede von اِيَّاكَ نَعْبُدُ {"Zu Dir allein beten wir!"} ausspricht. Die Gedanken verlieren sich. Um hinter der Allgegenwart (vahdet)in der Gesamtheit, den Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger ist (Dhat-i Ahadiyet),betrachten und اِيَّاكَ نَعْبُدُ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِينُ {"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"} aussprechen zu können, muss man ein Herz so weit wie die Erde haben. Aus diesem Geheimnis stellt sich das Siegel der Einheit Gottes in jedem Einzelnen (ahadiyet)ganz klar heraus. Genauso zeigt es sich im Stempel Seiner Barmherzigkeit, damit dieses Siegel Seiner Einheit in jeder einzelnen Gattung (ahadiyet)erkennbar wird und die (Menschen) dem Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger (Dhat-i Ahadiyet)ist, einen Vorrang (vor aller Schöpfung) einräumen. Dadurch soll jeder auf jeder Stufe اِيَّاكَ نَعْبُدُ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِينُ {"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"} aussprechen und ohne Mühe unmittelbar den allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes)ansprechen und sich Ihm zuwenden können.
Um diesem großartigen Geheimnis Ausdruck zu verleihen,
spricht der Weise Qur'an, wenn er die großen und weiten Räume des Kosmos, zum Beispiel die Erschaffung des Himmels und der Erde behandelt, auf einmal von einem kleineren Kreis, einem winzigen Teil, um in einer offenkundigen Form den Stempel Seiner Einheit in den Einzelnen zu zeigen.
So wird zum Beispiel während der Erörterung der Himmel und der Erde das Thema von der Erschaffung des Menschen, von der Stimme des Menschen und von den feinsinnigen Gaben und von der Weisheit (bei der Gestaltung) seines Gesichtes besprochen, sodass der Gedanke nicht abschweift, ihm das Herz nicht schwer wird und die Seele ganz unmittelbar den findet, den sie in Wahrheit anbetet. Zum Beispiel: Der Vers
وَمِنْ اٰيَاتِهِ خَلْقُ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ وَاخْتِلاَفُ اَلْسِنَتِكُمْ وَاَلْوَانِكُمْ
{"Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung von Himmel und Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben." (Sure 30, 22)}
zeigt die oben erwähnte Wahrheit in wunderbarer Form. In der Tat ist die Einheit Gottes durch zahllose Geschöpfe und in grenzenloser Vielfalt (vahdet)geprägt. Ihre Siegel sind gleich konzentrischen Kreisen und erscheinen vom äußersten großen bis zum innersten kleinen in verschiedenen Arten und Stufen. Was diese Einheit (vahdet)betrifft, so ist sie, in welchem Umfang sie auch erscheinen mag, eine Einheit in der Vielfalt (vahdet).Sie kann aber keine direkte Ansprache herbeiführen. Deswegen muss sich hinter der Einheit in der Vielfalt (vahdet)das Siegel der Einheit auch im Einzelnen (ahadiyet)finden, sodass sich die Vielfalt nicht dem Gedächtnis aufdringt, sondern für das Herz der Weg unmittelbar zum allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes)offen wird. Des Weiteren, um die Blicke auf das Siegel der Einheit (im Einzelnen = ahadiyet)zu lenken und die Herzen zu ihr hinzuziehen, setzt Er auf dieses Siegel der Einheit (im Einzelnen) das Siegel Seiner Barmherzigkeit (rahmet)und den Stempel Seiner Gnade (Rahiemiyet),welche überaus reizvolle Ornamente, überaus glänzendes Licht, ein überaus
lieblicher Reiz, eine überaus liebliche Schönheit, eine überaus starke Wahrheit sind. In der Tat ist es die Kraft dieser Barmherzigkeit, die die Blicke der Bewusstseinstragenden zu sich lenkt, sie zu sich hinzieht und zu dem Siegel der Einheit (in Einzelnen) führt. Sie veranlasst, über den Herrn, der in Seinem Wesen ein Einziger ist, nachzudenken, und führt sie so zu der wahren Anrede in
اِيَّاكَ نَعْبُدُ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِينُ
{"Zu Dir allein nehmen wir unsere Zuflucht und zu Dir allein flehen wir um Hilfe!"}
"Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem"ist gewissermaßen das Konzentrat der Sure "Die Eröffnung" (Fatiha)und eine kurze Zusammenfassung des Qur'an. Deswegen ist die "Besmele" das Kennzeichen und der Ausdruck für dieses oben erwähnte große Geheimnis geworden. Wer sich dieses Kennzeichen zu Eigen macht, vermag über die Gefilde der göttlichen Barmherzigkeit zu reisen. Mit diesem Ausdruck auf der Zunge erfährt er die Geheimnisse der göttlichen Barmherzigkeit (esrar-i rahmet)und erblickt die Lichter Seiner Gnade (envar-i Rahiemiyet)und selbstlosen Liebe (shefqat).
Fünftes Geheimnis:
Eine heilige Hadith (hadis-i sherif)besagt:
اِنَّ اللّٰهَ خَلَقَ الْاِنْسَانَ عَلٰى صُورَةِ الرَّحْمٰنِ
{"Wahrlich, Gott hat den Menschen nach der Art des Erbarmers erschaffen." (au kema-qal: oder so ähnlich)}
Diese Hadith legte ein Teil der Ordensleute auf eine den Glaubensgrundsätzen nicht entsprechende, sehr merkwürdige Weise aus. Ein Teil der Ekstatiker (ehl-i ashk)unter ihnen betrachtete sogar die wahre innere Natur des Menschen als eine Art Ebenbild des Erbarmers: Da ein Teil dieser Ekstatiker meistens in einem geistigen Rauschzustand verkehrt, viele dieser Gottesnarren sich in Meditation versenken und leicht in Verwirrung geraten, mag man sie vielleicht wegen ihrer der Wahrheit widersprechenden
Auffassungen für entschuldigt halten. Doch dürfen diejenigen, die ihre Sinne beieinander haben, Auffassungen, die den Glaubensgrundsätzen widersprechen, nicht annehmen. Nehmen sie sie an, begehen sie einen Fehler. So wie Gott, der allheilige Herr (Dhat-i Aqdes Ilahi),in der Tat den ganzen Kosmos wie ein Schloss, ein Haus, in bester Ordnung regiert, die Sterne, Atomen gleich, in Weisheit und mit Leichtigkeit kreisen und reisen lässt, und die Atome wie ordentliche Beamte in Dienst nimmt, keinen Partner und weder Seinesgleichen noch einen Gegenspieler oder Nebenbuhler kennt, kann es auch für Ihn nach dem Geheimnis von
لَيْسَ كَمِثْلِهِ شَىْءٌ وَهُوَ السَّمِيعُ الْبَصِيرُ
{"Nichts ist Ihm ebenbürtig und Er ist der Allhörende, der Allsehende!" (Sure 42, 11)}
kein Ebenbild (suret),kein Gleiches (misli),kein Abbild (misali)und kein Ebenbild (shebih)geben. Aber in dem Geheimnis und Gleichnis von
وَلَهُ الْمَثَلُ الْاَعْلٰى فِى السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ وَهُوَ الْعَزِيزُ الْحَكِيمُ
{"Ihm gebührt das höchste Gleichnis in den Himmeln und auf Erden, und Er ist der unbesiegte Sieger, der Allweise." (Sure 30, 27)}
kann man Seine Taten (shuunat),Eigenschaften (sifat)und Namen (esma)betrachten. Das heißt, hinsichtlich der Taten Gottes gibt es Gleichnisse und Beispiele, die mit einer Metapher zum Ausdruck gebracht werden. Eine von vielen Zwecken dieser oben erwähnten ehrenwerten Hadith ist in der Tat folgender: Der Mensch ist in einer Form erschaffen, die den Namen Gottes "Erbarmer (Rahman)"vollständig erkennen lässt. Wie oben erklärt, wird im Antlitz des Kosmos der Gottesname "Erbarmer" erkennbar, der aus den Strahlen von tausendundeinem Namen in Erscheinung tritt. Im Antlitz der Erde wird der Name Gottes "Erbarmer" sichtbar, wie er in zahllosen Erscheinungen der absoluten Herrschaft Gottes (rububiyet-i mutlaq-i Ilahiye)ersichtlich ist. Die Überlieferung besagt, dass das Bild des Menschen, wenn auch in einem verkleinerten
Maßstab, genauso wie das Gesicht der Erde und des Kosmos die vollständige Erscheinung des Namens "Erbarmer" zeigt. Des Weiteren ist auch das Folgende ein Hinweis darauf, dass die Objekte der Erscheinung so sicher, klar und eindeutig auf die Existenz dessen, der da notwendigerweise sein muss, hinweisen, wie Lebewesen und Menschen, welche als Zeugen und Spiegel für den allerbarmenden und barmherzigen Herrn (Dhat-i Rahman-u r-Rahiem)dienen. So wie, wenn man über einen klaren Spiegel, der das Spiegelbild und die Widerspiegelung der Sonne umfasst, hinweisend auf seine Klarheit und die Deutlichkeit seiner Wiedergabe sagt: "Dieser Spiegel ist die Sonne", so wurde (in diesem Sinne) auch hinweisend auf die Deutlichkeit seiner Bezeugung und auf seine vollkommene Beziehung gesagt, und kann man sagen: "Im Menschen ist die Art des Erbarmers erkennbar". Als eine Bezeichnung für diese Deutlichkeit der Bezeugung und für die Vollkommenheit dieser Beziehung sagte die gemäßigte Gruppe der Leute der Schule "Die Einheit im Sein" (Vahdetu-l'Vudjud)auf Grund dieses Geheimnisses: "La Maudjuda illa Hu!"(Es gibt keine Existenz außer Ihm).
اَللّٰهُمَّ يَا رَحْمٰنُ يَا رَحِيمُ بِحَقِّ بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ اِرْحَمْنَا كَمَا يَلِيقُ بِرَحِيمِيَّتِكَ وَفَهِّمْنَآ اَسْرَارَ بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ كَمَا يَلِيقُ بِرَحْمَانِيَّتِكَ اٰمِينَ
{"Oh Allah, oh Erbarmer, oh Barmherziger. Um des 'Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem' willen, erbarme Dich unser wie es Deiner Barmherzigkeit entspricht und lass uns die Geheimnisse von 'Bismillahi r-Rahmani r- Rahiem' verstehen wie es Deinem Erbarmen entspricht. Amen."}
Sechstes Geheimnis:
Oh du hilfloser Mensch, der du dich in grenzenloser Schwäche und unendlicher Armseligkeit abmühst! Was für ein wertvolles "Fahrzeug" und was für ein geschätzter Fürsprecher die Barmherzigkeit ist, solltest du daraus verstehen, dass diese Barmherzigkeit zu einem solchen majestätischen König (Sultan-i Dhu l-Djelal)führt, in dessen Heer die Atome mit den Sternen gemeinsam ihren Dienst in vollkommener Ordnung und im Gehorsam verrichten.
Und dieser majestätische Herr (Dhat-i Dhu l-Djelal),König aller Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed),ist Seinem Wesen nach von einer Erhabenheit (istighna-i dhat),die absolut nichts und niemandes bedarf (istighna-i mutlaq).
Er ist der, dessen Reichtum unbegrenzt (Ghaniyy-i Alel-itlaq)ist, der des Kosmos und allen Seins in keiner Hinsicht bedarf. Der ganze Kosmos steht unter Seinem Befehl, Seiner Regierung (irade),Seiner Macht und Seiner Herrlichkeit (azamet),und ist in seinem unendlichen Gehorsam demütig vor Seiner Majestät (djelaline).Nun also, bringt dich oh Mensch, die Barmherzigkeit in die Audienz dessen, der unbegrenzt reich ist und nichts und niemandes bedarf (Mustaghni-i Alel-itlaq),des immerwährenden Königs (Sultan-i sermedi)und macht dich Ihm zum Freund! Sie macht dich Ihm zu Seinem Gesprächspartner und du bekommst die Stellung eines geliebten Dieners. Du kannst ja z.B. die Sonne nicht erreichen, bist von ihr weit entfernt, kannst dich ihr keineswegs nähern. Doch das Sonnenlicht gibt dir eine Reflexion, eine Erscheinung der Sonne durch deinen Spiegel in deine Hand. Genauso sind wir von dem allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes),der Sonne aller Ewigkeiten zwar unendlich weit entfernt, und können uns Ihm nicht nähern; aber das Licht Seiner Barmherzigkeit bringt Ihn uns nahe.
Wohlan, oh Mensch! Wer diese Barmherzigkeit findet, findet einen ewigen, unerschöpflichen Schatz!
Der Weg, diesen Schatz zu finden ist: Der Art und Weise (sunna)des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, der das glänzendste Beispiel und der Vertreter der Barmherzigkeit, der das prägnanteste Sprachrohr und der öffentliche Ausrufer dieser Barmherzigkeit ist, und der im Qur'an mit der Bezeichnung als "Die Barmherzigkeit für die Welten" (Rahmeten li-l'alemin)genannt wird, zu folgen. Das Fahrzeug zu dieser leibhaft gewordenen Barmherzigkeit, die "Rahmeten li-l'alemin"ist, sind die Segenswünsche für ihn (salavat).In der Tat ist die Bedeutung, die in den Segenswünschen liegt, die Barmherzigkeit. Die Segenswünsche, die Gebete für den Segen für diese lebendige, verkörperte Barmherzigkeit, sind ein Fahrzeug zu der Zusammenkunft mit
dieser "Barmherzigkeit für die Welten". Da dies aber so ist, mache dir den Segenswunsch zum Anlass, zu dieser "Rahmeten li-l'alemin"zu gelangen und nimm dir seine Persönlichkeit als ein Fahrzeug zu der Barmherzigkeit des Erbarmers (rahmet-i Rahman)!
Dass die ganze Gemeinde über "die Barmherzigkeit für die Welten", mit dem Friede und Segen sei, unendlich viele Segenswünsche im Sinne der Barmherzigkeit spricht, beweist in glänzender Weise, was für ein wertvolles Geschenk Gottes die Barmherzigkeit ist, und wie umfangreich ihr Wirkungskreis ist.
Zusammenfassung:
So wie der wertvollste Brillant aus der Schatzkammer der Barmherzigkeit der Gottesgesandte Hasret Ahmed, mit dem Friede und Segen sei, ist, so ist er auch der Hüter an ihrem Tor. Der allerbeste Schlüssel zu ihr (= Schatzkammer der Barmherzigkeit) aber heißt: "Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem ". Der einfachste Schlüssel zu ihr (= Schatzkammer der Barmherzigkeit), sind zugleich auch unsere Segenswünsche für ihn (salavat).
اَللّٰهُمَّ بِحَقِّ اَسْرَارِ بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ صَلِّ وَسَلِّمْ عَلٰى مَنْ اَرْسَلْتَهُ رَحْمَةً لِلْعَالَمِينَ كَمَا يَلِيقُ بِرَحْمَتِكَ وَبِحُرْمَتِهِ وَعَلٰٓى اٰلِهِ وَ اَصْحَابِهِ اَجْمَعِينَ ٭ وَارْحَمْنَا رَحْمَةً تُغْنِينَا بِهَا عَنْ رَحْمَةِ مَنْ سِوَاكَ مِنْ خَلْقِكَ اٰمِينَ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Allah. Um des Geheimnisses von 'Bismillahi r-Rahmani r-Rahiem' willen sei Friede und Segen auf dem, den du als Barmherzigkeit für die Welten gesandt hast, wie es Deiner Barmherzigkeit und seiner Würde entspricht, und seiner Familie und allen seinen Gefährten. Und sei uns barmherzig, damit wir außer von Dir, von keinem Deiner Geschöpfe Barmherzigkeit zu erwarten brauchen. Amen." "Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Fünfzehnter Blitz
Besteht aus dem Inhaltsverzeichnis der "Sözler"(Worte), "Mektubat"(Bediüzzaman Said Nursi - Briefe 1928-32) "Lem'alar"(Blitze, Erster bis Vierzehnter inklusive)
Da sie sich in den entsprechenden Bänden, nämlich dem Verzeichnis der "Worte", der Sammlung "Worte", der Liste der "Briefe" und der "Blitze", jeweils am Ende des betreffenden Bandes befinden, sind sie hier nicht weiter aufgeführt worden.
* * *
Sechzehnter Blitz
بِاسْمِهِ ٭ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ ٭ اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللّٰهِ وَبَرَكَاتُهُ
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben getreuen Brüder,
Hodja Sabri, Hafiz Ali, Mes'ud, die beiden Mustafas, Husrev, Re'fet, Bekir Bey, Rüschtü, die beiden Lütfis, Hafiz Ahmed, Scheich Mustafa und all ihr anderen! Ich habe in meinem Herzen die Mahnung verspürt, vier kleine Problemstellungen, die zu einem Objekt der Neugierde und zum Anlass von Fragen geworden waren, in einer kurzen informellen Art zu erläutern.
Erstens:
Einige Männer unter unserer Brüdern, wie Tjaprasade Abdullah Efendi, hatten mich über jene Leute der geistigen Entdeckungen (ehl-i keshf)befragt, von denen überliefert wird, dass sie eine Erleichterung, eine Besserung
(der Verhältnisse) für die Leute der Sunna ve-l'Djemaatfür den (inzwischen) vergangenen Ramadan, vorausgesagt haben sollen, der dann aber doch nicht eingetroffen ist. Warum aber nun verbreiten derartige Leute der Gottesfreundschaft und der geistigen Entdeckungen derartige der Wahrheit widersprechende Nachrichten? Sie haben mich danach befragt und ich habe ihnen darauf die folgende kurz gefasste Antwort gegeben, wie sie sich mir in meinem Herzen auftat.
In einer ehrenwerten Hadith wird erwähnt: "Manchmal steigt ein Übel (bela)herab. Doch während es noch herannaht, tritt ihm bereits ein Almosen (sadaqa)entgegen und weist es wieder zurück." Das Geheimnis dieser Hadith zeigt uns, dass schon vorherbestimmte Ereignisse (Muqadderat),deren Bedingungen bereits erfüllt sind, dennoch zurückgehalten werden können. Das aber heißt, dass die vorherbestimmten Ereignisse, welche die Gottesfreunde bereits wahrgenommen haben, nicht absolut zu nehmen sind, sondern gewissen einschränkenden Bedingungen unterliegen und wenn diese Bedingungen nicht eintreten, findet auch das (entsprechende) Ereignis nicht statt. Dennoch ist das betreffende Ereignis, wie z.B. die letzte Stunde, die aber ausgesetzt worden ist, vorausbestimmt und eingetragen auf der Tafel der Erscheinungen und der Auflösungen (Lauh-i Mahv-Isbat),die eine Art Notizblock zur Wohlverwahrten Tafel (Lauhu-l'Mahfudh)ist. Nur geschieht es außerordentlich selten, dass (die Blicke der Entdecker bis) zur Ewigen Tafel (Lauh-i Edhel)vordringen. Meistens reichen sie nicht so weit.
Wenn also diesem Geheimnis entsprechend zum letzten Ramadan oder zum Opferfest oder zu anderen Zeiten Voraussagen auf Grund einer Entdeckung oder Auslegung gemacht wurden, die sich dann aber nicht erfüllten, weil ihre Voraussetzungen, von denen sie abhängig sind, nicht gegeben waren, so stehen doch diejenigen, welche die Nachricht überbracht haben, nicht als Lügner da. (Die Ereignisse) waren also zwar vorausbestimmt (muqadder),doch da die Bedingungen nicht erfüllt waren, traten sie nicht ein.
So formten denn in der Tat die aufrichtigen Gebete (khalis dua)der Mehrheit der Leute der Sunna und Djemaat im Monat Ramadan um die Aufhebung der ketzerischen Neuerungen (bid'a)eine solche Bedingung und einen wichtigen Grund. Doch seitdem diese ketzerischen Neuerungen während des Ramadan in die Moscheen eingedrungen waren, bildeten sie ein Hindernis gegen die Annahme der Gebete und so wurden sie nicht erhört. Es ist so wie in dem obigen Hadith: die Almosen (sadaqa)weisen das Übel ab. Die aufrichtigen Gebete all der vielen führt eine allgemeine Erleichterung (in Not und Elend) herbei. Weil aber diese Kraft (des Gebetes) nicht sichtbar (vudjud)wurde, trat auch keine Besserung (der Verhältnisse) ein.
Zweite interessante Frage:
Da die politische Lage in den letzten beiden Monaten ziemlich unruhig war, in der es notwendig gewesen wäre, die Bedingungen für mich und all die vielen Brüder, denen ich verbunden bin, zu erleichtern, da die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass dies erreicht werden könnte, wandte ich dieser Situation keine weitere Aufmerksamkeit zu, ich kam im Gegenteil auf den Gedanken, diese Weltleute, die mich unter Druck setzen wollten, auch noch zu unterstützen. Viele Leute waren darüber ganz besonders erstaunt. Sie sagten: "Wie denkst du über die Strategie derer, denen die Anführer der Erneuerer folgen und jenen Teil der Heuchler, die dich quälen und belästigen, wo du doch nichts gegen sie unternimmst?"
Eine Zusammenfassung meiner Antwort ist folgende:
Die größte Gefahr, der sich die Leute des Islam in heutiger Zeit gegenübergestellt sieht, besteht darin, dass ihre Herzen verdorben und sie in ihrem Glauben durch die Irreleitung der modernen Denker und Wissenschaftler (fen ve felsefe)verletzt worden sind. Die Einzige Lösung (für dieses Problem) ist Licht; Licht zu zeigen, damit ihre Herzen geheilt und ihr Glaube gerettet werden kann. Wenn aber jemand mit der politischen Keule um sich schlägt und sie zu beherrschen sucht, so sinken die Ungläubigen auf die
Stufe von Heuchlern herab. Die Heuchler (munafiq)aber sind noch schlimmer als die Ungläubigen (kafir).Das aber heißt, dass man ein Herz in einer solchen Zeit nicht mit einer Keule heilen kann. Denn dann zieht sich der Irrglaube (kufur)in sein Herz zurück, versteckt sich dort und verwandelt sich in Heuchelei (nifaq).Sowohl das Licht als auch die Keule... beide zugleich kann in dieser Zeit ein armseliger Mensch wie ich nicht handhaben. Da ich nun deshalb dazu gezwungen bin, das Licht mit all meiner Kraft zu umarmen, darf ich mich nicht auch noch um die politische Keule kümmern, was immer das auch sein mag. Was auch immer der Djihad(= ein ernstes Streben) in dieser materiellen Welt von uns erfordern mag: um diese Aufgabe dürfen wir uns im Augenblick nicht auch noch kümmern. Es ist ja in der Tat in der Hand dessen, der dazu befähigt ist, eine Keule notwendig, um die Ungläubigen und die Renegaten in ihre Schranken zu verweisen; aber ich habe nur zwei Hände; und hätten wir selbst hundert Hände, so wären auch sie einzig für das Licht schon genug. Wir haben gar keine Hand, eine Keule damit zu halten!...
Dritte interessante Frage:
Warum hast du dich, nachdem sich unlängst ausländische Mächte, wie Engländer und Italiener, in die Angelegenheiten unserer Regierung eingemischt hatten, was doch von alters her solche, die dem Islam in diesem Lande treu ergeben sind, seine wahren Säulen und die Quelle moralischer Stärke für die Regierung dieses Landes, in Aufregung versetzt hätte, wodurch die Kennzeichen des Islam (sheair-i Islamiye)wiederbelebt und alle ketzerischen Neuerungen (bid'a)zurückgewiesen worden wären, trotzdem gegen einen Krieg ausgesprochen und darum gebetet, dass diese Angelegenheit in Ruhe und Ordnung gelöst wird und dich auf eine so nachdrückliche Weise für eine Unterstützung der Regierung dieser Neuerer eingesetzt. Und hast du nicht selbst auf diese Weise für diese ketzerischen Erneuerungen Partei ergriffen (bid'alar tarafgirlik)?
Antwort:
Wir möchten Erleichterungen, einen gewissen Freiraum, Freude und eine letztendliche Überwindung;
aber nicht durch das Schwert der Ungläubigen. Soll das Schwert der Ungläubigen ihre Köpfe fressen! Wir brauchen keinen Vorteil, der aus ihren Schwertern erwächst. In der Tat sind es diese verstockten Ausländer, welche die Heuchler dazu eingesetzt haben, die Leute des Glaubens zu bedrängen, und die die Atheisten erst groß gebracht haben.
Was aber das Übel des Krieges betrifft, so würde er unserem Dienst am Qur'an einen sehr bedeutsamen Schaden zufügen. Da die Mehrheit unserer höchst ehrenhaften und (dem Dienst) hingegebenen Brüder unter fünfundvierzig Jahre alt sind, müssten sie ihren heiligen Dienst am Qur'an aufgeben und sich zu den Waffen melden. Hätte ich das Geld dazu, würde ich gerne die Tausend Lira bezahlen, um jeden meiner ehrenwerten Brüder vom Militärdienst zu befreien. Mit hunderten meiner ehrenwerten Brüder, die den qur'anischen Dienst an der Risale-i Nur aufgeben um mit ihren Händen die Keule eines leibhaftigen Djihad zu ergreifen, fühle ich in mir selbst den Verlust von Hunderttausenden Lira. Sekai haben diese zwei Jahre vielleicht sogar Tausend eines innerlichen Verdienstes gekostet. Wie dem auch sei... Möge der, der alles vermag (Qadir-i Kull-i Shey),in einer Minute den mit Wolken verhangenen Himmel leer fegt und reinigt und uns am Antlitz des Himmels wieder das Licht der Sonne zeigt, nun auch diese finsteren, gnadenlosen Wolken zerstreuen und uns wieder die Sonne der Wahrheit des Gesetzes schauen lassen; und möge er dies billig und ohne Aufruhr geschehen lassen. Wir erbitten von seiner Barmherzigkeit, dass er uns (Seine Wahrheit) nicht teuer verkaufen möge. Und möge er den Köpfen oben an der Spitze (des Staates) Verstand verleihen und Glaube ihren Herzen; so würde dies genügen. Danach würde die ganze Angelegenheit schon sich selbst regeln.
Vierte interessante Frage:
Man sagt: "Da nun einmal das, was du in deinen Händen hältst, Licht ist und keine Keule; und da man nun einmal gegen Licht nicht kämpfen
kann, vor dem Licht nicht fliehen kann; und von dem Licht, das man zeigt, kein Schaden ausgehen kann, warum gemahnst du dann deine Freunde zur Vorsicht? warum hältst du sie dann davon ab, den Leuten diese vielen lichterfüllten Abhandlungen zu zeigen?"
Eine kurzgefasste Antwort auf diese Frage ist folgende:
Die meisten unter den Köpfen da oben an der Spitze (des Staates) sind betrunken und können sie nicht lesen. Und selbst dann, wenn sie sie lesen könnten, würden sie sie doch nicht verstehen. Sie würden sie verkehrt auslegen und dann zu stören versuchen. Damit sie aber nicht stören, sollte man sie ihnen nicht zeigen, bis sie wieder zu Verstand kommen. Es gibt unter ihnen außerdem viele skrupellose (vidjdansiz)Leute, die aus Wut, Hass oder Furcht (khauf)das Licht leugnen oder davor ihre Augen schließen. Darum rate ich meinen Brüdern, vorsichtig zu sein und die Wahrheit nicht in die Hände derer zu geben, die für sie nicht geeignet sind. Sie sollen auch nichts unternehmen, was den Verdacht dieser Weltleute erregen könnte.
{(*): Eine Anekdote, die ernsthafte Folgen hätte haben können. Gestrigen Morgen kam der Schwiegersohn eines meiner Freunde zu mir und sagte: "Sie haben in Isparta eines deiner Bücher gedruckt und viele Leute lesen sie nun." Ich antwortete: "Es war aber nicht das verbotene. Einige Exemplare sind zur Vervielfältigung gebracht worden, wogegen die Regierung nichts einwänden kann." Und ich fügte noch hinzu: "Hüte dich, irgendetwas darüber zu deinen Freunden, den Heuchlern (munafiq), zu sagen. Sie suchen nach irgendetwas, das sie als Vorwand verwenden könnten." So war denn, meine Freunde, dieser Mann ein Schwiegersohn eines meiner Freunde und in diesem Zusammenhang auch mein Freund. Doch als Frisör war er zugleich auch der Freund des skrupellosen (vidjdansiz) Lehrers und des heuchlerischen (munafiq) Bürgermeisters. Einer unserer Brüder sagte einmal unabsichtlich etwas, kam dann aber glücklicherweise sofort zu mir und berichtete mir davon. So ermahnte ich ihn nur und so konnte ein Unglück noch einmal abgewendet werden. Und hinter diesem Vorhang veröffentlichte der Hektograph Tausende von Exemplaren.}
Schlussfolgerung
Heute empfing ich einen Brief von Re'fet Bey. In Zusammenhang mit seiner Frage nach dem Ehrenwerten Bart sagte ich:
Einigen Hadithen entsprechend steht fest, dass die Zahl der Haare des Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, die aus dem Barte des Glückseligen gefallen sind, nur begrenzt ist. Obwohl es also von ihnen mit dreißig, vierzig oder fünfzig, sechzig nur eine geringe Anzahl gibt, hat die Tatsache, dass es Haare aus dem Ehrenwerten Bart an Tausenden von Orten gibt, mir doch einiges Nachdenken bereitet. Zu dieser Zeit stieg in meinem Inneren der Gedanke auf, dass das, was über den ehrenwerten Bart bekannt ist, nicht nur seine Barthaare betrifft; doch die Sahabis, die nichts vernachlässigten, bewahrten auch die Haare seines gesegneten Hauptes, nachdem sie geschnitten worden waren. Sein lichtvolles, gesegnetes Haar blieb für immer bewahrt und erhalten. Es waren Tausende. Und ihre Zahl mag der entsprechen, die es noch heute gibt.
Und abermals stieg zu jener Zeit in mir der Gedanke auf, ob nun auf Grund zuverlässiger Dokumente feststeht, ob diese Haare, wie man sie in jeder Moschee findet, zu den Haaren des Ehrenwerten Botschafters (Hasret- i Risalet)gehört, sodass es vernünftig wäre, sie zu besuchen. Sie sind der Grund, für den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, Gebete (salavat)zu opfern und ein Anlass, ihm seine Verehrung und Liebe darzubringen. Was der Anlass (des Besuches) war, hat mit dem Ding selbst nichts zu tun, sondern mit dem Anlass (dem es dient). Wenn also nun ein Haar nicht wirklich von dem Bart des Glückseligen stammte, wurde es dennoch dem äußeren Anschein nach als ein solches betrachtet und erfüllte so seine Aufgabe, der Verehrung, der Achtung und der Segenswünsche (für den Propheten) zu dienen, und
war nicht nötig, Quellen zu finden und diese Haare urkundlich zu verifizieren. Es genügte bereits, wenn es keine gegenteiligen Beweise dafür gab. Denn die allgemeine Auffassung und Akzeptanz durch die Umma gilt als eine Art Beweis.
Wenn einige Leute der Gottesfurcht (ehl-i taqwa)sich an dergleichen Angelegenheiten stören, sei es vom Standpunkt ihrer Gottesfurcht, oder aus reiner Vorsicht, oder aus Gründen der Frömmigkeit, so tun sie dies aus persönlichen Gründen. Und wenn sie auch sagen, es handle sich hier um eine Neuerung (bid'a),so handelt es sich hierbei um eine Neuerung im guten Sinne (bid'a-i hassane),handelt es sich doch dabei um eine Veranlassung, Segnungen (salavat)(zu rezitieren).
Re'fet Bey schreibt in seinem Brief:
"Diese Angelegenheit war zwischen den Brüdern ein Anlass zu Diskussionen." Ich empfehle meinen Brüdern, in einer solchen Angelegenheit nicht in der Weise zu diskutieren, dass daraus ein Konflikt entsteht oder eine Spaltung erwächst. Vielmehr sollten sie sich daran gewöhnen, sich zu unterhalten und ihre Meinungen miteinander austauschen ohne sich dabei zu streiten.
* * *
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ ٭ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ ٭ اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَعَلٰٓى اِخْوَانِكُمْ وَرَحْمَةُ اللّٰهِ وَبَرَكَاتُهُ
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben, getreuen Brüder in Senirkent, IbRahiem, Schükrü, Hafiz Bekir, Hafiz Hüseyin, Hafiz Receb!
Die Atheisten haben schon seit geraumer Zeit diese drei Fragestellungen kritisiert, die ihr mir durch Hafiz Taufiq zugesandt habt.
Erstens:
Entsprechend der Ayah (Sure 18, 86)
حَتّٰٓى اِذَا بَلَغَ مَغْرِبَ الشَّمْسِ وَجَدَهَا تَغْرُبُ فِى عَيْنٍ حَمِئَةٍ
wird hier wörtlich zum Ausdruck gebracht: "Er sah die Sonne in einem Quellgrund untergehen, der mit heißem Schlamm gefüllt war."
Zweitens:
Wo ist die Mauer von Dhu-l'Qarneyn?
Drittens:
Hier handelt es sich darum, dass Jesus, mit dem der Friede sei, am Ende der Zeiten kommen und den Deddjal töten werde.
Die Antworten auf diese Fragen sind lang. Hier wollen wir nur kurz zusammengefasst andeuten: Da die Ayat des Qur'an die Dinge im Stil der arabischen Sprache und in Übereinstimmung mit dem äußerlichen Erscheinungsbild erklären, und zwar so, dass sie jeder zu verstehen vermag, gebrauchen sie dazu häufig Metaphern, Allegorien und Vergleiche.
So auch in der Ayah
تَغْرُبُ فِى عَيْنٍ حَمِئَةٍ
{"Ging unter in einer heißen Quelle..." (Sure 18, 86)}
Dhu-l'Qarneyn sah die Sonne an der Küste des Atlantik untergehen, die ihm vorkam wie ein Quellgrund voll brodelndem Schlamm oder der feurige Krater eines rauchenden Vulkans. Dies ist der äußerliche Anblick. Der Atlantik erschien Dhu-l'Qarneyn aus der Entfernung als ein weiter Quellgrund, umgeben von einem Sumpf, der in der großen Hitze des Sommers dampfte. Und er sah den Untergang der Sonne offensichtlich in einem Teil davon. Oder aber er sah die Sonne, das Auge des Himmels, verborgen in einem neuen, feurigen Krater in einem Vulkan, der Lavagestein und Felsbrocken ausspie.
Mit diesem Satz lehrt uns der allweise Qur'an in der Tat in der so wunderbaren Beredsamkeit seiner Ausdrucksweise (belaghat)
viele Dinge.
Erstens: Indem er uns erklärt, dass Dhu-l'Qarneyns Reise nach dem Westen zusammenfiel mit der starken Hitze des Sommers, einem Sumpfgebiet, der Zeit des Sonnenuntergangs und der Zeit eines Vulkanausbruchs, spielt er auf viele beispielhafte Dinge an, wie z.B. der völligen Eroberung Afrikas.
Bekanntermaßen ist die offensichtliche Bewegung der Sonne augenscheinlich und sie ist auch ein Beweis für die nicht sichtbare Bewegung der Erde. Davon berichtet (der Qur'an). Was hier beabsichtigt wurde, ist nicht der tatsächliche Sonnenuntergang. Auch die Quelle ist eine Metapher. Aus der Ferne scheint ein großer See nur ein kleiner Teich zu sein. Die in der Hitze aufsteigenden Dampfwolken, das Meer, das hinter den Sümpfen sichtbar wird und die Quelle in einem Sumpf sind allegorisch.
Auch das Wort عَيْنٍ , das in der arabischen Sprache sowohl "Quelle" als auch "Sonne" oder auch "Auge" bedeutet, steckt voller Bedeutungen und passt bestens zu den Geheimnissen der Beredsamkeit (esrar-i belaghat).
{(*): Das Wort عَيْنٍ "Quelle" in dem Ausdruck فِى عَيْنٍ حَمِئَةٍ "in einer heißen Quelle" spielt in Übereinstimmung mit den Geheimnissen der Beredsamkeit (esrar-i belaghat) in folgender Weise auf eine subtile Bedeutung an: "Nachdem der Himmel mit seinem Antlitz durch die Sonne als seinem Auge die Schönheit der Barmherzigkeit (djemal-i rahmet) auf dem Antlitz der Erde angeblickt hatte und nachdem auch die Erde durch das Meer als ihrem Auge die Größe Gottes (azamet-i Ilahiye) dort droben angeblickt hatte, schließen sich nun diese beiden Augen ineinander und schließen sich zugleich auch die Augen (aller Lebewesen) auf dem Antlitz der Erde." Daran werden wir nun durch ein wunderbares Wort (des Qur'an) erinnert und mit einem Hinweis auf den Feierabend der Augen nach dem Dienst hingewiesen.}
So erschien es wenigsten Dhu-l'Qarneyn auf Grund der großen Entfernung. In gleicher Weise stellt der Qur'an in
der himmlischen Art seiner Ansprache vom Gewaltigen Thron, von dem zugleich auch die Himmelskörper befehligt werden, herabkommend fest, dass die Sonne, die als ein gehorsamer Diener im Gasthaus des Allerbarmers ihre Aufgabe als Lampe erfüllt, in der Quelle ihres Herrn, dem Atlantik verborgen ist, was zu der Erhabenheit und Größe (des Qur'an) passt. Und so ist es auch, wie es dem himmlischen Auge erscheint.
Kurz gesagt:
Was die Bezeichnung des Atlantischen Ozeans als eine schlammige Quelle betrifft, so zeigt dies, dass Dhu-l'Qarneyn diesen großen Ozean aus der Ferne für eine Quelle hielt. Da der Qur'an aber alles aus der Nähe betrachtet, sieht er nicht, was Dhu-l'Qarneyn sah und was eine Art Illusion war. Da aber nun der Qur'an vom Himmel herab kommt und darauf schaut, sieht er die Erde manchmal als eine Ebene, manchmal als einen Palast, zuweilen als eine Wiege und wieder ein andermal als eine Seite. Den großen und weiten Atlantischen Ozean mit seinen Nebelfeldern und seinen Wolkenbänken als eine Quelle zu bezeichnen, zeigt daher die Größe seiner Erhabenheit (azamet-i ulviye).
Deine zweite Frage:
Wo ist die Mauer von Dhu-l'Qarneyn? Wer waren Gog und Magog?
Antwort:
Schon vor langer Zeit habe ich über diese Frage eine Abhandlung geschrieben. Durch sie wurden damals die Atheisten zum Schweigen gebracht. Ich habe sie jetzt nicht bei mir und außerdem macht mein Gedächtnis gerade einen Arbeitsurlaub und hilft mir also nicht. Zudem wurde aber diese Frage schon im Dritten Ast des Vierundzwanzigsten Wortes ein wenig erörtert. Wir werden hier also nur ganz kurz auf zwei, drei Punkte hinweisen. Es handelt sich um Folgendes:
Nach einigen Erforschern der Wahrheit und wie schon der Name Dhu-l'Qarneyn darauf hinweist, wurden Namen mit dem Zusatz "Dhu", wie Dhu-l'Yasan von den jemenitischen Königen verwendet. Deshalb kann Dhu-l'Qarneyn
nicht Alexander der Große sein. Er war weit eher ein König im Jemen, der zu Zeiten Hasret Abrahams lebte und von Hasret Chidr unterwiesen wurde. Alexander hingegen war Mazedonier, lebte etwa dreihundert Jahre vor Christus und wurde von Aristoteles unterrichtet. Die Geschichte der Menschheit lässt sich in etwa (anhand schriftlicher Zeugnisse - A.d.Ü.) fünftausend Jahre zurück verfolgen. Ein nur lückenhafter und kurzer Abriss der Geschichte vor-Abrahamitischer Zeit wird dabei als nicht mehr zuverlässig betrachtet. Sie existiert dann nur noch in Form von Legenden oder Spekulationen oder in einer sehr stark verkürzten Form. Der Grund dafür, dass dieser Dhu-l'Qarneyn aus dem Jemen schon in sehr früher Zeit in den Kommentaren zum Qur'an als Alexander der Große auftaucht, war entweder der, dass dies einer seiner Namen war, Dhu-l'Qarneyn also vielleicht ein Alexander aus uralter Zeit war, oder die besonderen Ereignisse, die in den Ayat des Qur'an erwähnt werden, sind Spuren ganz allgemeiner Ereignisse.
Gleich wie Dhu-l'Qarneyn, der Iskender der Große war, durch seine prophetischen Unterweisungen die berühmte Chinesische Mauer als ein Hindernis zwischen den tyrannischen und den tyrannisierten Völkern errichtete und so die Überfälle dieser Räuber zu verhindern vermochte, errichteten noch viele andere Herrscher und mächtige Könige, wie Alexander der Große und ein Teil der Propheten und geistigen Pole, die sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht Könige in der Welt der Menschen waren und Dhu-l'Qarneyn in geistiger Hinsicht folgten, durch ihre Unterweisungen Mauern zwischen den Bergen,
{(*): Es gibt auf der Erde viele (von Menschenhand) errichtete Mauern, aus denen im Laufe der Zeit Erhebungen in der Landschaft entstanden sind, die nun kaum mehr noch (als Mauern) zu erkennen sind.}
als eine der wirksamsten Maßnahmen, um die Unterdrückten vor ihren Unterdrückern zu retten, und erbauten schließlich
Burgen auf den Gipfeln der Berge.
Sie errichteten diese entweder persönlich durch ihre physische Kraft, oder ließen sie nach ihren Anweisungen und Plänen erbauen. Später erbauten sie Wälle rund um ganze Städte und Burgen in diesen Städten bis sie als letzte Lösung Kanonen für vierziger (Granaten) und Schlachtkreuzer als schwimmende Festungen konstruierten. Das berühmteste Bauwerk auf Erden, die Chinesische Mauer, erstreckt sich über eine Entfernung von vielen Tagen und Wochen Fußmarsch und wurde errichtet, um die Völker Chinas vor den Überfällen der mongolischen und mandschurischen Horden, die im Qur'an als Gog und Magog bezeichnet werden, zu schützen. Diese wilden Völkerstämme haben verschiedene Male die Menschlichkeit in dieser Welt in ein Chaos verwandelt und sie von Ost nach West in Kriege verwickelt. Die Chinesische Mauer hat für lange Zeit die sonst häufigen Angriffe dieser wilden Völkerstämme abgewehrt. Solche Mauern wurden auch durch die Anstrengungen der alten Könige von Persien erbaut, die sie gleich wie Dhu-l'Qarneyn errichteten, um im Kaukasus bis in die Schluchten hinein die Tataren von ihren Raubzügen und Plünderungen abzuhalten. Es gibt sehr viele Mauern dieser Art. Da der Allweise Qur'an mit der ganzen Menschheit spricht, erwähnt er, was offensichtlich ein vereinzelter Zwischenfall war, und ruft damit alle Ereignisse dieser Art in Erinnerung. Es versteht sich aus diesem Blickwinkel heraus, dass Erzählungen über Gog und Magog und über die Mauer und die Abhandlungen der Qur'ankommentatoren darüber sich voneinander unterscheiden.
Zudem stellt der Weise Qur'an hinsichtlich der von ihm besprochenen Objekte Verbindungen von einem Ereignis zu einem anderen weit entfernten Ereignis her. Wer nicht an solche Zusammenhänge denkt, glaubt, sie lägen zeitlich dicht beieinander. Wenn also der Qur'an das Ende der Welt mit der Zerstörung der Chinesischen Mauer in Verbindung bringt, so geschieht dies nicht in Hinsicht darauf,
dass diese beiden Ereignisse zeitlich nahe beieinander liegen, sondern gilt für zwei Punkte hinsichtlich der Verbindung ihrer Subjekte. Das heißt, die Welt wird untergehen, genauso wie auch die Chinesische Mauer zerfallen wird. Genauso wie auch die Berge als natürliche, göttliche Mauern fest stehen und erst am Ende der Welt zerstört werden, so ist auch die Chinesische Mauer fest wie die Berge und wird erst mit dem Untergang der Welt zu Staub zerfallen. Und sollte sie auch mit dem Ablauf der Zeit schwere Schäden erleiden, wird sie doch in großen Teilen erhalten bleiben. Und obwohl die Große Chinesische Mauer, die ein ganz besonderer Ausdruck des allgemeinen Ausdrucks der Mauer von Dhu-l'Qarneyn ist, in der Tat seit Jahrtausenden steht, ist sie noch immer offensichtlich dort. Man kann sie lesen als eine lange, materialisierte, Stein gewordene, bedeutungsvolle Zeile antiker Geschichte, von Menschenhand auf der Seite dieser unserer Erde niedergeschrieben.
Deine dritte Frage:
Über Jesus, mit dem der Friede sei, der den Deddjal tötet, gibt es sowohl im Ersten als auch im Fünfzehnten Brief einige kurze Antworten, die dir genügen sollten.
* * *
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ ٭ وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ ٭ اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَعَلٰٓى اِخْوَانِكُمْ وَرَحْمَةُ اللّٰهِ وَبَرَكَاتُهُ
{"Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und fürwahr, es gibt kein Ding, das nicht lobend ihn preist." "Friede sei mit euch und Sein Erbarmen und sein Segen."}
Meine lieben, hingebungsvollen, treuen und ergebenen Brüder, Hodja Sabri und Hafiz Ali!
Obwohl eure so bedeutungsvolle Frage über die Ayah am Ende der Sure Luqman (Sure 31, 34) über die Fünf
Verborgenen Dinge auch eine bedeutungsvolle Antwort erfordert, erlaubt leider zur Zeit weder meine geistige Verfassung noch mein physischer Zustand eine solche Antwort. So will ich denn hier nur ganz kurz auf ein oder zwei Punkte verweisen, die eure Frage berührt.
Eure Frage zeigt, dass Atheisten Einwände erhoben haben, was die Zeit eines kommenden Regens betrifft und welcher Art das Kind im Mutterleib sein wird und somit an den Fünf Verborgenen Dingen Kritik geübt haben. Sie haben gesagt: "Instrumente in einem Observatorium können herausfinden, wann es Regen geben wird. So weiß es denn nun schon jemand anders außer Gott. Ebenso lässt sich durch Röntgenstrahlen feststellen, ob das Kind im Mutterleib männlichen oder weiblichen Geschlechtes sein wird. Das aber heißt, dass es möglich ist, die Fünf Verborgenen Dinge zu erkennen."
Antwort:
Da die Zeit, wann der Regen fallen wird, nicht von irgendwelchen Regeln, sondern unmittelbar und direkt von dem Willen und der Entscheidung Gottes abhängig ist, und aus der Schatzkammer Seiner Barmherzigkeit Seinem Beschluss entsprechend gegeben wird, ist das Geheimnis Seiner Weisheit das folgende:
Die höchste Wahrheit im Kosmos und das kostbarste im Wesen des Alls sind Licht (nur),Sein (vudjud),Leben (hayat)und Erbarmen (rahmet),diese vier Dinge, die unverhüllt, ohne einen Mittler unmittelbar Seiner göttlichen Macht und Seinem besonderen göttlichen Willen verbunden sind. Für andere Geschöpfe sind die offensichtlichen Ursachen Schleier vor der göttlichen Verfügungsmacht und die allgemeinen Regeln und Gesetze verschleiern bis zu einem gewissen Grade den göttlichen Wunsch und Willen (irade ve meshiet).Jedoch solche Schleier breiten sich nicht über Licht, Sein, Leben und Erbarmen. Denn der Zweck, dem sie dienen, ist mit diesen Dingen nicht verbunden.
Da die wichtigsten Wahrheiten im Dasein Leben und Erbarmen sind und der Regen die Quelle des Lebens und
ein Mittel der Barmherzigkeit (rahmet)und sicherlich eine reine Barmherzigkeit ist, können Mittler sie mit Sicherheit nicht verhüllen, noch werden Gesetz und Eintönigkeit verschleiern, was Gott allein zugehört. In diesem Sinn muss jeder und in jeder Lage zu allen Zeiten Dank und Anbetung (shukur ve ubudiyet),Bitten und Flehen (sual ve dua)darbringen. Wäre der Regen von einem Gesetz abhängig, würde jeder sich auf dieses Gesetz stützen und das Tor zu Dankbarkeit und Flehen (ridja)würde geschlossen werden.
Es ist offensichtlich, dass im Aufgang der Sonne zahlreiche Segnungen liegen. Da dieser aber an ein normales Gesetz gebunden ist, werden zum Aufgang der Sonne keine Gebete (dua)dargebracht und keine Dankgebete (shukur)dafür verrichtet. Und weil es menschlichem Wissen auf Grund dieser Gesetze bekannt ist, dass sie morgen wieder aufgehen wird, wird der Sonnenaufgang nicht zu den Ereignissen aus der unsichtbaren Welt gezählt. Weil aber die einzelnen Regenfälle nicht irgendwelchen Gesetzen folgen, sind Menschen dazu verpflichtet, mit Bitten und Flehen (ridja ve dua)am himmlischen Hof (Dergah)Zuflucht zu suchen. Und da menschliches Wissen nicht im Stande ist, die genaue Zeit des kommenden Regenfalls genau voraus zu berechnen, sieht man ihn als eine besondere Gnade (ni'met)Gottes an, die einzig aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit herniederströmt und bringt seinen aufrichtigen Dank dafür dar.
Es ist aus diesem Grund, dass diese Ayah die Zeit des Regens zu den Fünf Verborgenen Dingen zählt. Das Herannahen der Regenwolken mit Instrumenten in Observatorien schon im Voraus erkennen und den Zeitpunkt für den Beginn des Regens errechnen zu können, heißt nicht, in das Verborgene schauen zu können, sondern nur, durch entsprechende Forschungen einige der Bedingungen zu erkennen, wann (der Regen) die unsichtbare Welt verlassen und sich unserer bezeugten Welt nähern wird.
Wenn sich die geheimsten Dinge aus dem Ungesehenen
ereignen, oder doch kurz davor stehen, sich zu ereignen, erkennt man sie bereits an einer Art Vorgefühl (hiss-i qabl-el vuku). Das heißt nicht, das Unsichtbare zu kennen; es bedeutet nur, etwas zu kennen, was bereits besteht, oder doch kurz davor steht, ins Dasein zu treten. Auch ich spüre durch eine gewisse Sensibilität in meinen Nerven schon vierundzwanzig Stunden zuvor die Ankunft des bevorstehenden Regens. Das heißt, der Regen hat seine Anzeichen, seine Vorboten. Diese Vorboten machen sich durch eine Art Feuchtigkeit in der Luft bemerkbar, die ankündigt, dass Regen im Anzug ist. Wie ein Gesetz gleicht diese Lage einem Mittel für das menschliche Wissen, zu den Dingen zu gelangen, die dem Unsichtbaren bereits entstiegen aber noch nicht zur Zeugenschaft gelangt sind. Doch zu wissen, wann der Regen herniederfallen wird, der seinen Fuß noch nicht in unsere bezeugte Welt gesetzt hat, noch die Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit gemäß Seiner ganz persönlichen Entscheidung verlassen hat, gehört einzig dem Wissen dessen zu, der das Verborgene (Allam-ul Ghuyub)kennt.
Zweite noch offene Frage:
Durch eine Röntgenuntersuchung festzustellen, ob ein Kind im Schoße seiner Mutter männlich oder weiblich ist, widerspricht nicht der tieferen Bedeutung der Ayah
وَيَعْلَمُ مَا فِى الْاَرْحَامِ
{"...und Er weiß, was im Schoß ist." (Sure 31, 34)}
Denn was mit dieser Ayah gemeint ist, sind die Vorboten der besonderen Fähigkeiten (istidad)des Kindes und der vorherbestimmte Kurs, dem er in seinem Leben folgen wird (muqadderat-i hayat),ja sogar der wunderbare Stempel des Einzigartigen (Samad)auf seiner Stirn, der das Kind auf diese Weise kenntlich macht, (Kennzeichen, wie sie) dem Wissen dessen, der das Verborgene sieht (Allam-ul Ghuyub),zugehörig sind. Sollten selbst hunderttausend Menschen ihren röntgenstrahlgleichen Geist zusammentun, sie könnten dennoch nicht
seine wahren Gesichtszüge entdecken, deren jeder ein Unterscheidungsmerkmal des Kindes gegenüber jedem anderen Mitglied der Menschlichen Rasse ist. Wie also sollten sie denn die Charakterzüge ihrer eigentlichen Fähigkeiten (istidad)entdecken, die hundertmal wunderbarer sind als ihre pur anatomischen Gesichtszüge.
Wir sagten zu Anfang, dass Dasein (vudjud),Leben (hayat)und Barmherzigkeit (rahmet)die bedeutendsten Wahrheiten im Kosmos sind und ihnen die höchste Stufe (maqam)zukommt. So ist denn das Geheimnis dieser vielseitigen Wahrheit des Lebens, die sich in all ihren Einzelheiten und subtilen Aspekten auf den Willen (irade)und Beschluss (meshiet)Gottes und Seine Barmherzigkeit (rahmet)bezieht, das folgende:
Es ist um des Lebens und all seiner Möglichkeiten willen, das eine Quelle des Dankes (shukur),des Lobes (ubudiyet)und der Anbetung (tesbih)ist, dass alle Gesetze und alle Eintönigkeit, die ein Schleier über einem Willen (irade)sind, der Gott allein zu Eigen ist, und offensichtliche Vermittler, welche die Barmherzigkeit (rahmet)Gottes verschleiern, ihm nicht auferlegt worden sind.
Gott der Gerechte wird auf den innerlichen wie äußerlichen (maddi ve manevi)
Gesichtern der Kinder im Mutterschoß in zweierlei Weise erkennbar.
Das erste zeigt die göttliche Allgegenwart (Vahdet),
Einzigartigkeit (Samad)und Einheit (Ahadiyet),wobei das Kind in Übereinstimmung mit anderen Menschen entsprechend seinen Gliedern und Organsystemen Zeugnis für die Allgegenwart (vahdet)seines Schöpfers und Meisters ablegt. In diesem Sinne ist das Kind (ein Ausdruck, also gleichsam) die Zunge, die ausruft: "Wer immer mir diese Gesichtszüge gegeben und meine Organe gemacht hat, ist auch der Meister aller menschlichen Wesen, die mir in diesen Organen ähnlich sind. Und Er ist auch der Meister (und der Schöpfer) aller Lebewesen."
So ist denn dies (ein Ausdruck) des Kindes im Mutterleib, eine Zunge, die nicht der unsichtbaren (Welt) angehört. Da sie den Gesetzen und allgemeinen Regeln (der
Lebewesen im Allgemeinen und) der menschlichen Rasse (im Besonderen) folgen, ist es möglich, sie zu kennen. (Als Ausdruck des Kindes) ist sie ein Zweig und Zunge der von uns bezeugten Welt, obgleich sie uns wie eine Offenbarung aus der unsichtbaren Welt erscheinen mag.
Zweiter Aspekt:
Im Ausdruck der Charakterzüge seiner besonderen Fähigkeiten (istidad)und der (nur ihm eigenen) Gesichtszüge verkündet es mit lauter Stimme Wahl (ihtiyar),Wunsch (irade),Wille (meshiet)und Barmherzigkeit (rahmet)einer Majestät, die keinerlei Beschränkungen unterworfen ist. Doch diese Stimme erhebt sich aus der tiefsten Verborgenheit. Niemand außer dem urewigen Wissen (ilm-i edheli)kann sie vernehmen und erfassen, bevor sie nicht in Erscheinung (vudjud)tritt. Von diesen (inneren) Charakterzügen kann man noch nicht einmal ein Tausendstel erkennen und erfassen, solange sie noch im Schoß der Mutter verborgen sind!
Kurzum:
In den inneren Charakterzügen (istidad)des ungeborenen Kindes und in seiner äußeren Erscheinung lassen sich sowohl Beweise für die göttliche Allgegenwart (Vahdaniyet)als auch Zeugnisse für die Entscheidungs- und Willensfreiheit Gottes (ihtiyar ve irade-i Ilahiye)erkennen. Insoweit mir Gott der Gerechte noch Gelingen schenken möge, sollen noch weitere Anmerkungen über diese Fünf Verborgenen Dinge dargestellt werden. Doch im Augenblick erlauben mir meine Zeit und mein Zustand nicht mehr als dies. Daher möchte ich hier schließen.
اَلْبَاقِى هُوَ الْبَاقِى
{"Der Beständige ist der, der bleibt und besteht."}
Said Nursi
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Siebzehnter Blitz
Er besteht aus "Fünfzehn Notizen", die aus "Zühre" (Blumen) stammen.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen."}
Vorwort
Zwölf Jahre bevor dieser Blitz geschrieben wurde,
{(*): Vor zwölf Jahren heißt, 1340 nach islamischer und 1921 nach abendländischer Zeitrechnung}
notierte ich mir in Arabisch in einigen Abhandlungen wie "Zühre"(Blume), "Schu'le"(Flamme), "Habbe"(Korn), "Schemme"(Schimmer), "Zerre"(Stäubchen) und "Katre "(Tropfen) eine Reihe von Blitzen über die Einheit Gottes (Tauhid)die mir durch die Gnade Gottes (inayet-i Rabbani)und in göttlichem Wissen (marifet-i Ilahiye)wie in einem Aufbruch meiner Gedanken (fikr),einer Reise meines Herzens und einer Entfaltung meines Geistes (inkishafat-i ruhiye)deutlich wurden. Da sie nur geschrieben wurden, um ein Zipfelchen einer ausgedehnten Wahrheit aufzuzeigen und auf nur einen Funken aus dem Strahl eines schimmernden Lichtes hinzuweisen, und da (eine jede Abhandlung) die Form eines Merkblattes hatte und lediglich für mich selbst als Erinnerung diente, ist ihr Wert für andere nur begrenzt, besonders da der weitaus größere Teil meiner aufrichtigsten und mir am nächsten stehenden Brüder kein Arabisch gelernt hat. Auf ihre nachdrücklichen
und dringenden Bitten war ich daher gezwungen, eine teils ausführliche, teils auch abgekürzte und manchmal sinngemäße Wiedergabe der Notizen und Blitze in türkischer Sprache abzufassen. Da diese Notizen und Abhandlungen in der arabischen Sprache die ersten Arbeiten des Neuen Said über die Wissenschaft von der Wahrheit darstellen, die er bis zu einem gewissen Grade in Form eines Zeugnisses gesehen hatte, wurde ihr Inhalt unverändert wiedergegeben. Deshalb wurden einige Sätze hier eingefügt, obwohl sie schon in anderen "Sözler(Worte)" angeführt worden sind. Und obwohl ein Teil von ihnen sehr kurz zusammengefasst worden ist, wurde er doch nicht weiter erläutert, damit er seinen ursprünglichen Reiz (letafet-i asliye)nicht verliert.
Erste Notiz
Ich wandte mich an meine eigene Seele (nefs)und sagte zu ihr: Oh du gottvergessener Said! Wisse, dass es deiner nicht wert ist, dein Herz an etwas zu hängen, was dich nicht begleiten wird, nachdem diese Welt an ihr Ende gekommen ist, und dich verlassen wird, wenn diese Welt (dunya)zerstört werden wird. Es ist unverständig, dein Herz an vergängliche Dinge zu binden, die dir den Rücken kehren und dich verlassen werden, wenn das Zeitalter, indem du lebst, an sein Ende gekommen ist, sie wird dir auf deiner Reise durch die Zwischenwelt (berzah)keine Gesellschaft leisten, ja dich noch nicht einmal bis an das Tor des Grabes begleiten und besonders diejenigen, die dich nach ein, zwei Jahren für immer verlassen, werden dir ihre Sünden um den Hals hängen, vor allem diejenigen, die dich im Augenblick ihrer Entstehung, dir zum trotz, auch schon wieder verlassen.
Wenn du Verstand im Kopf hast, wirst du die Dinge verlassen, die unter den Umwälzungen in der anderen Welt (ukhrevi),unter den Umständen im Zwischenreich (berzah)und den Schlägen irdischer Revolutionen zerstört werden und dir auf deiner Reise durch die Ewigkeit keine Gesellschaft leisten können. Miss ihnen keine Bedeutung bei und betrübe
dich nicht, wenn sie vergehen.
Betrachte deine eigene Natur (mahiyet)!Unter deinen subtileren Eigenschaften (latifeler)findet sich tief in deinem Inneren ein verborgener Kern (latife),der sich niemals mit etwas anderem als dem Ewigen zufrieden geben wird, der für immer besteht (ebedden ve ebedi dhat).Er kann sich niemals einem anderen zuwenden und wird sich nie dazu erniedrigen, sich vor einem anderen zu beugen. Bötest du ihm auch die ganze Welt, könntest du dennoch nicht dieses Bedürfnis deines inneren Wesens (fitr)befriedigen. Was nun diesen verborgenen Kern betrifft, so ist er der König über all deine Sinne und Fähigkeiten. Also gehorche diesem deinem inneren Herrscher, der den Befehlen seines allweisen Schöpfers (Fatir- i Hakim)folgt und du wirst gerettet sein!
Zweite Notiz
In einem wahrheitsgetreuen Traum sagte ich einmal zu den Leuten: "Oh ihr Menschen! Einer der Grundsätze des Qur'an ist folgender: Betrachte außer Gott dem Gerechten nie etwas anderes als so sehr größer als dich selbst, dass du es anbetetest. Und betrachte nie dich selbst als so sehr größer als irgendein Ding, dass du darüber stolz würdest. Denn so wie alle Geschöpfe untereinander gleich sind, betrachtet man sie einmal vom Standpunkt des einen einzig Anbetungswürdigen, so sind sie auch untereinander gleich vom Standpunkt ihrer Geschöpflichkeit."
Dritte Notiz
Oh du gottvergessener Said! Wisse, dass du in einer Art von Illusion diese Welt in ihrer außerordentlichen Zeitlichkeit als ewig und unsterblich betrachtest. Betrachtest du die Welt um dich herum, so erscheint sie dir als gewissermaßen fest und beständig. Und betrachtest du auch deine eigene vergängliche Seele (fani nefs)unter dieser Perspektive als beständig, so erscheint dir nur noch der Weltuntergang als furchterregend, so als könntest du bis zum Weltuntergang leben und bräuchtest
nichts als nur diesen zu fürchten.
Komm zu Verstand! Du und deine ganz persönliche Welt sind ständig den Schlägen von Tod und Verfall ausgesetzt. Deine Illusionen und Sophistereien ähneln dem folgenden Gleichnis: Wenn ein Mann der einen Spiegel in seiner Hand hält und diesen einem Haus, einer Stadt oder einem Garten zuwendet, so wird das Abbild dieses Hauses, dieser Stadt, dieses Gartens in seinem Spiegel erscheinen. Wenn aber nun eine kleine Bewegung, auch nur die geringste Bewegung dem Spiegel zustößt, so werden die Abbilder in ihm, das Haus, die Stadt, der Garten durcheinander geschüttelt und stürzen in ein Chaos. Die Tatsache, dass das tatsächliche Haus, die Stadt, der Garten außerhalb des Spiegels auch weiterhin noch da sind und feststehen, ist für dich nicht von Belang, denn der Spiegel in deiner Hand und das zu ihm gehörige Haus, die Stadt, der Garten existieren für dich nur nach der Maßgabe und Ausgewogenheit, die der Spiegel dir gibt.
Zeit und Jahre deines Lebens gleichen diesem Spiegel. Deine Welt (dunya),ihr Mast, ihr Spiegel und ihr Zentrum sind Zeit und Jahre deines Lebens. In jeder Minute kann es geschehen, dass das Haus, die Stadt und der Garten sterben und zerfallen werden. Sie befinden sich in einem derartigen Zustand, dass sie dir jeden Augenblick auf den Kopf fallen können und die Welt für dich zusammenbricht. Da dies aber nun einmal so ist, bürde dir in deinem Leben und hier in deiner Welt (dunya)nicht Lasten auf, die du (dir nicht auf die Schultern) laden und wegtragen kannst!
Vierte Notiz
Wisse, dass es im Allgemeinen die Praxis des allweisen Schöpfers (Fatir-i Hakiem)ist, wichtige und wertvolle Dinge in ihrer identischen Erscheinungsweise zu erstatten. Das heißt, Er erneuert die meisten Dinge in ähnlicher Form im Wechsel der Jahreszeiten, im Ablauf der Jahrhunderte und gibt ihnen ein Gleiches wieder zurück. Dieser Grundsatz göttlichen
Handelns zeigt sich kontinuierlich und regelmäßig in einer Art Auferstehung der Tage, der Jahre und der Jahrhunderte.
So sagen wir denn in der Konsequenz dieses feststehenden Gesetzes: Da nun einmal in Übereinstimmung und nach dem Zeugnis der Wissenschaften die vollkommenste Frucht am Baum der Schöpfung der Mensch ist, und unter den Geschöpfen das bedeutendste der Mensch ist, und unter den Lebewesen das bedeutendste der Mensch ist, und da nun einmal ein menschliches Individuum einer ganzen Tiergattung gleich ist, kann man mit absoluter Gewissheit schließen, dass jeder einzelne Mensch bei der Großen Wiederauferstehung seine vollständige Identität mit seinem Körper, seinem Namen und seinem Aussehen zurück erhält.
Fünfte Notiz
In dieser Notiz sah sich der Neue Said, nachdem sich die Wissenschaft und die Zivilisation des Westens bereits bis zu einem gewissen Grade in den Gedanken des Alten Said eingenistet hatten und er nun begann, sich für eine Reise von Herz und Verstand einzuschiffen und sie sich nun in eine Krankheit des Herzens verwandelten und zu einer Ursache außerordentlicher Schwierigkeiten wurden und er nun den trügerischen Glanz dieser Philosophie und die Ausschweifungen ihrer Zivilisation von sich abschütteln und die Begehrlichkeit seiner Seele (nefs),die Zeugnis für ein solches Europa ablegte, zum Schweigen bringen wollte, sah er sich in seinem Inneren (ruh)dazu gezwungen, sich der nun folgenden, in gewisser Hinsicht sehr kurzen, in einer anderen Hinsicht aber doch recht langen Diskussion mit dessen geistiger Verkörperung zu unterziehen.
Das sollte aber nicht missverstanden werden: Europa ist zweierlei.
Ersteres folgt den Segnungen jener Geisteswissenschaften, die aus seiner wahren christlichen Religion gespeist werden, welche dem Handwerk, das das
menschliche Gemeinschaftsleben fördert und dem Recht und der Gerechtigkeit dienen. Es ist nicht dieses Europa, das hier zur Diskussion steht. Ich möchte vielmehr jenes zweite, verdorbene, Europa ansprechen, das den Menschen in der Finsternis seines naturalistischen Denkens, durch das es den Fluch der Zivilisation für deren Segen hält, zu Ausschweifungen verleitet und auf Irrwege geführt hat. Es ist dies wie folgt:
In jener Zeit sprach ich auf meiner inneren (ruh)Reise mit der geistigen Verkörperung Europas, die anstelle aller Vorzüge ihrer Kultur und den segensreichen Geisteswissenschaften eine nutzlose und destruktive Philosophie und eine ebenso destruktive wie ausschweifende Zivilisation in Händen hält, und sagte zu ihr:
Wisse nur, du anderes Europa! Du hältst in deiner rechten eine krankhafte und fehlgeleitete Philosophie und in deiner linken eine ausschweifende, destruktive Zivilisation und lädst den Menschen dazu ein, weil ja sein Glück in ihnen liegen soll. Mögen dir beide Hände gebrochen werden und mögen diese beiden schmutzigen Geschenke dich den Kopf kosten! Sie werden dich zu Grunde richten!
Und du unglückseliger Geist, der du Unglaube und Undankbarkeit um dich verbreitest! Ja, kann denn der, der in seiner Seele (ruh),mit Herz und Verstand fürchterliche Gewissenspein erduldet und schon krank ist von seinen Folterqualen, der dem Leibe nach in einem äußerlichen, oberflächlichen, trügerischen Glanz und Reichtum lebt, dabei noch glücklich sein? Kann man denn von ihm sagen, dass er (auf diese Weise) selig werden wird?
Ja merkst du denn nicht, dass ein Mensch, wenn er über einer Kleinigkeit verzweifelt, wenn er über einer geplatzten Illusion seine Hoffnung verliert, wenn er über einer unbedeutenden Angelegenheit einem Zustand tiefster Enttäuschung verfällt, dass ihm dann seine süßesten Träume bitter werden, der Wohlstand (in dem er lebt) ihn
zu quälen beginnt, ihm die Welt (dunya)zu eng wird und er sich in ihr wie ein Gefangener fühlt? Welches Glück kannst du nun diesem armseligen Menschen, den der Schlag deines Irrglaubens im tiefsten Winkel seines Herzens getroffen hat, mit deinem Unglück, das im tiefsten Grunde seiner Seele (ruh)an ihm zehrt, diesem Irrglauben, der all seine Hoffnung ausgelöscht hat, von wo nun all sein Schmerz aufsteigt, noch garantieren? Ja, kann man denn von einem, der sich dem Leibe nach in einem kurzlebigen, falschen Paradies befindet, dessen Herz und Verstand aber alle Qualen der Hölle erleiden, noch behaupten, dass er glücklich sei? So hast du denn den bedauernswerten Menschen auf diese Weise vor den Kopf gestoßen und in die Irre geleitet! In einem falschen Paradies lässt du ihn höllische Qualen erleiden!
Oh du eigenwillige menschliche Seele (nefsu-l'emmare)!Betrachte das (folgende) Beispiel und siehe, wohin du den Menschen geführt hast. Da liegen z.B. zwei Wege vor uns.
Wir wählen einen und bemerken Schritt für Schritt jedes Mal einen bedauernswerten Menschen. Räuber überfallen ihn, entreißen ihm sein Hab und Gut und zerstören ihm seine Hütte. Ja, manchmal verwunden sie ihn sogar. Alles geschieht auf eine solche Art, dass selbst der Himmel über seinen beklagenswerten Zustand weint. Wohin man auch blickt: die Dinge spielen sich stets auf die gleiche Weise ab. Die Geräusche, die man auf diesem Wege vernimmt, sind der Lärm, den die Räuber machen und das Stöhnen der geknechteten. Eine allgemeine Trauer hüllt den Weg ein. Da der Mensch auf Grund seiner Menschlichkeit unter dem Leiden eines anderen mitleidet (elemiyle muteellim),
bleibt er unter einem nicht enden wollenden Schmerz (elem)befangen. Weil aber sein Herz soviel Schmerz nicht ertragen kann, muss einer, der diesen Weg einschlägt, eines von zwei Dingen tun: er sagt sich entweder von der Menschheit los, entscheidet sich, in seinem Herzen eine so grausame Einsamkeit zu tragen, dass, solange nur er selbst in Sicherheit bleibt, alle um
ihn herum untergehen können, ohne dass es ihn betrübte, oder aber: er schaltet einfach aus, was Herz und Verstand von ihm verlangen.
Oh Europa, verdorben durch Ausschweifung und Irreleitung und weit entfernt von der Religion Jesu! Wie der Deddjal, der nur noch ein Auge trägt, hast du mit deiner blinden Intelligenz dem menschlichen Geist (ruh)eine Art Höllenzustand zum Geschenk gemacht! Dann aber ist dir klar geworden, dass diese unheilbare Krankheit den Menschen von den höchsten Höhen (a'la-yi illiyyin)in die tiefsten Tiefen (esfel-i safilin)hinabstürzt und ihn auf die Stufe noch des armseligsten Tieres hinunterzieht. Das Heilmittel, das du gegen diese Krankheit gefunden hast, ist die Unterhaltungs- und Vergnügungsindustrie, die dir attraktives Spielzeug anbietet, mit dem du deine Sinne kurzzeitig ausschalten kannst und Gelüste, die dir eine Betäubung anbieten. Mögen diese Heilmittel dir den Kopf kosten! Sie werden dich zu Grunde richten! So gleicht denn der Weg, den du dem Menschen geöffnet hast und das Glück, das du ihm geschenkt hast, diesem Beispiel.
Der zweite Weg ist der, den der Weise Qur'an dem Menschen als Rechtleitung zum Geschenk gemacht hat. Und der ist folgender:
Wir sehen, dass auf diesem Weg in jedem Haus, auf jedem Platz und in jeder Stadt an allen Ecken die aufrechten Soldaten des gerechten Sultans zu finden sind und ihre Runde machen. Von Zeit zu Zeit wird ein Teil dieser Soldaten auf Geheiß des Sultans wieder entlassen. Ihre Waffen, ihre Pferde und die Munition, die ja dem Staat gehören, werden ihnen wieder abgenommen und sie erhalten ihre Entlassungspapiere. Die entlassenen Soldaten sind offensichtlich traurig, ihre Waffen und ihre Pferde wieder abgeben zu müssen, mit denen sie bisher vertraut gewesen sind. Doch in Wirklichkeit sind sie eigentlich froh über ihre Entlassung und sehr damit zufrieden, ihren Sultan besuchen und an seinen Hof zurückkehren zu dürfen. Manchmal begegnen die mit der Abrüstung betrauten Beamten einem noch unerfahrenen
Rekruten. Dieser Soldat kennt sie nicht. "Gib deine Waffe zurück!" sagen sie zu ihm. Der Soldat entgegnet ihnen: "Ich bin ein Soldat des Sultans und stehe in seinen Diensten. Danach werde ich wieder zu ihm gehen. Wer aber seid ihr? Wenn ihr mit Erlaubnis und Einverständnis von ihm kommt, so stehe ich euch zu Diensten und ihr seid mir willkommen. Zeigt mir also eure Papiere. Andernfalls geht und bleibt mir vom Leib! Und selbst wenn ich allein bleiben sollte, ihr aber seid Tausende, werde ich dennoch gegen euch kämpfen. Ich tue dies nicht für mich selbst (nefs),denn ich gehöre nicht mir selbst (nefs);ich gehöre dem Sultan. Meine Seele (nefs)und die Waffe, die ich jetzt habe, sind mir ja von meinem König (malik)anvertraut (emanet)worden. Ich werde mich, um das mir anvertraute Pfand (emanet)und die Würde des Sultans zu verteidigen und seine Ehre (izzet)zu schützen, nicht vor euch beugen!"
So ist denn diese Situation eine unter Tausenden solcher Situationen, die eine Quelle der Freude und des Glücks auf dem zweiten Wege ist. Du kannst nun die übrigen Situationen selbst vergleichen! Während der Reise auf diesem zweiten Weg gibt es eine Aushebung und einen Marschbefehl für die Soldaten, den man als Geburt bezeichnet, und eine frohe Entlassung der Soldaten unter Musikbegleitung, als die man den Tod betrachtet. So hat denn der Allweise Qur'an diesen Weg dem Menschen zum Geschenk gemacht. Wer immer mit ganzem Herzen dieses Geschenk annimmt, wird den zweiten Weg gehen, der zum Glück in beiden Welten führt. Er empfindet weder Trauer über die Dinge, die der Vergangenheit, noch Angst vor den Dingen, die der Zukunft zugehören.
Oh du verdorbenes zweites Europa! Mit einem Teil deiner verrotteten und bodenlos gewordenen Fundamente verhält es sich folgendermaßen: du sagst:
"Jedes Lebewesen, vom größten Engel bis zum kleinsten Fisch, ist sein eigener König, arbeitet für seine eigene Person und plagt sich für sein eigenes Vergnügen. Es hat ein Recht auf das Leben. Ziel seiner Bemühungen und Zweck seiner
Anstrengungen ist es, das Leben zu verlängern und seine Existenz zu sichern." Indem du dir die Erscheinungsformen des Gesetzes der Barmherzigkeit und Freigiebigkeit, welche ein Prinzip der Freigiebigkeit des freigiebigen Schöpfers (Khaliq-i Keriem)sind, dem all das folgt, was den Kosmos in vollkommenem Gehorsam trägt und zusammenhält und jene gegenseitige Hilfeleistung der Pflanzen für die Tiere und der Tiere für den Menschen als Kampf betrachtest, urteilst du törichterweise: "Das Leben ist ein Kampf."
Wie kann man denn das als einen Kampf bezeichnen, wenn Teile der Nahrung, als eine Erscheinung dieses Prinzips gegenseitiger Hilfeleistung sich mit vollendetem Eifer beeilen, die Zellen des Körpers zu ernähren? Wieso ist das ein Interessenkonflikt? Ist dies doch vielmehr eine Unterstützung und ein Wettlauf, wenn sie einander auf den Befehl des Freigiebigen Herrn zu Hilfe eilen.
Und eine deiner verrotteten Fundamente ist es zu sagen:
"Ein jedes Ding ist sein (nefs)eigener König." Ein ganz klarer Beweis dafür, dass nichts und niemand sein eigener König sein kann, ist das Folgende: Unter den Ursachen ist die edelste und hinsichtlich ihrer Entscheidungskraft (ihtiyar)diejenige mit dem umfangreichsten Willen (irade),der Mensch. Doch von Hundert offensichtlichen Auswirkungen dieser Entscheidungskraft (ihtiyar)des Menschen, wie Denken, Sprechen und Essen, ist nur eine einzige, recht zweifelhafte tatsächlich in die Hand dieser seiner Entscheidungskraft (ihtiyar)gelegt und gelangt in den Bereich seiner Macht (iktidar).Wie kann man also von einem, der von hundert seiner ganz offensichtlichen Taten nicht einmal eine einzige vollbringen kann, noch sagen, dass er sein eigener König sei?
Wenn also selbst noch die höchsten Wesen auch mit intensivstem Wollen (ihtiyar)so sehr in ihrer tatsächlichen Macht und Verfügungsgewalt behindert sind, dann beweist einer, der von den übrigen Dingen, lebenden und toten Gegenständen sagt: "Sie sind die Könige ihrer selbst.",
so beweist er damit, dass er noch tierischer als die Tiere, lebloser und bewusstloser als alle leblosen Dinge ist.
Was dich in einen solchen Fehler hineinstößt, in diesen Abgrund hinunter wirft, ist deine einäugige Genialität, das heißt, deine außergewöhnliche, unheilvolle Intelligenz. Auf Grund dieser deiner blinden Genialität hast du deinen Herrn vergessen und stellst dir nun an Seiner statt die Natur als den Schöpfer aller Dinge vor, schreibst Seine Werke den Ursachen zu und teilst das Eigentum deines Schöpfers dem Taghut(= einem Götzen) zu, den du vergeblich anbetest. Unter diesem Gesichtspunkt und hinsichtlich deiner genialen Betrachtungsweise muss jedes lebende Wesen und ein jeder Mensch für sich allein unzähligen Feinden die Stirn bieten und um die Befriedigung seiner unendlich vielen Bedürfnisse kämpfen. Und mit der Kraft (iktidar)eines Stäubchens und einem Willen (ihtiyar),gleich einem seidenen Faden, einem Bewusstsein (shuur),gleich dem Blitz, der vorüber zuckt, einem Leben, das wie eine Flamme verlischt, einer Lebensspanne, die wie eine Minute vorüber huscht, müssen sie dennoch gegen zahllose Feinde und Nöte Widerstand leisten. Und dennoch genügt das Kapital dieser hilflosen Lebewesen nicht als Antwort auf nur ein Tausendstel ihrer Wünsche und Bedürfnisse. Überkommt sie ein Unglück (musibet),können sie gegen ihren Schmerz kein anderes Heilmittel erwarten als taube und blinde Ursachen. So wird an ihnen das Geheimnis deutlich:
وَمَا دُعَآءُ الْكَافِرِينَ إِلَّا فِي ضَلاَلٍ
{"So ist denn das Gebet der Ungläubigen nichts anderes als im Irrtum." (Sure 13, 14)}
Dein finsterer Genius hat den Tag des Menschengeschlechtes in Nacht verwandelt. Um dir deine qualvolle, unruhevolle Nacht zu erwärmen, hast du sie vorübergehend mit lügnerischen Lampen erleuchtet. Diese Lampen lächeln die Gesichter der Menschen nicht freudig an, vielmehr
grinsen sie spöttisch über den bedauerns- und beklagenswerten Zustand der Menschen. Solche Lichter treiben ihren Spaß mit ihnen und machen sich über sie lustig.
In den Augen deiner Schüler sind alle lebenden Wesen armselig, von Katastrophen bedroht, verfolgt und unterdrückt von diesen Räubern. Die Welt ist ein allgemeines Trauerhaus. Die Geräusche, die man in dieser Welt vernimmt, rühren von dem Wehgeschrei der Leidenden und der Sterbenden. Ein Schüler, nachdem er deine Unterweisungen sorgfältig in sich aufgenommen hat, wird einem Pharao gleich. Doch er ist nur ein würdeloser Pharao, der die niedersten Dinge anbetet und alle Dinge, von denen er sich einen Vorteil verspricht, als seinen Herrn ansieht. Zudem sind deine Schüler auch noch halsstarrig. Doch ist er noch armselig in seiner Halsstarrigkeit, wenn er um eines einzigen Vergnügens willen, auch noch die äußerste Erniedrigung auf sich nimmt. Um eines armseligen Vorteils willen zeigt er eine solche Niedrigkeit, dass er um eines nichtswürdigen Vorteils willen dem Teufel die Füße küsst. Zudem ist er auch ein Despot. Weil er aber innerlich haltlos ist, ist er seinem Wesen nach zwar ein ganz ohnmächtiger, jedoch prahlerischer Despot. Ziel und Zweck dieses Schülers ist es, die Gelüste seiner Seele (hevesat-i nefs)zu befriedigen, auf hinterhältige Weise hinter dem Schleier eines hingebungsvollen Patrioten seinen eigenen, persönlichen Vorteil zu suchen und (alles, was seine) Habsucht (von ihm fordert) und sein Stolz (von ihm verlangt). Er liebt nichts ernsthaft außer sich selbst (nefs)und opfert alles dafür (nefs)auf.
Was aber den aufrichtigen und tadellosen Schüler des Qur'an betrifft, so ist er ein Diener (Gottes). Aber er ist ein ehrenwerter Diener (Gottes), der sich nicht dazu erniedrigt, sich vor dem zu beugen (was Gott erschaffen hat), sei es auch noch so gewaltig (makhlukat)und macht auch nicht das größte und gewaltigste Verdienst, wie das Paradies zum Ziel seiner Anbetung. Zudem ist er sanftmütig
und friedfertig. Doch weil er sich zugleich auch nicht dazu erniedrigt, sich ohne Erlaubnis und Befehl, außer vor dem Schöpfer in Seiner Majestät (Fatir-i Dhu-l'Djelal),vor Geringeren zu beugen, ist er auch sanft- und edelmütig. Er ist zudem arm. Weil aber der Freigiebige König (Malik-i Keriem)seine Verdienste für die Zukunft aufbewahrt, ist er zugleich auch ein Armer, der niemals etwas entbehrt. Er ist zudem auch schwach. Doch ist er dennoch stark in seiner Schwäche, da er sich auf die Macht seines Herrn stützen kann, dessen Kraft unendlich ist. Würde also nun ein wahrhaftiger Schüler des Qur'an, der so stark ist selbst noch in seiner Schwäche, obwohl er ihm doch noch nicht einmal dieses ewige Paradies als Ziel setzt und zum Zweck macht, ihm diese flüchtige, vergängliche Welt (dunya)zum Ziel und Zweck machen? So kannst du denn nun verstehen, wie sehr voneinander verschieden die Ziele der beiden Schüler und ihre Anstrengungen sind!
Zudem könnt ihr nun auch den Eifer und die Hingabe der Schüler des weisen Qur'an mit den Schülern einer krankhaften Philosophie vergleichen. Es ist dies wie folgt:
Der Schüler der Philosophie flieht um seiner selbst (nefs)willen vor seinem eigenen Bruder und strengt einen Prozess gegen ihn an. Was aber einen Schüler des Qur'an betrifft, der alle aufrichtigen Diener Gottes im Himmel und auf Erden als seine Brüder betrachtet, so betet er in aller Aufrichtigkeit für sie. Er freut sich mit ihnen über ihr Glück und fühlt im Geiste (ruh)eine starke Verbundenheit mit ihnen. Ferner betrachtet er die größten Dinge wie die Sonne und den Thron jeweils als gehorsame Diener (me'mur),die wie er selbst Anbeter (abd)und Geschöpfe (makhluq)sind.
Vergleiche also nun im Folgenden die Erhabenheit und Weite des Geistes dieser beiden Schüler: der Qur'an verleiht dem Geist seiner Schüler einen solchen Frohsinn und eine solche Erhabenheit, dass er anstelle der neunundneunzig Perlen des Tesbihs, in ihre Hände die Atome der neunundneunzig Welten legt, welche die neunundneunzig
göttlichen Namen aufscheinen lassen, und zu ihnen sagen: "Lest nun eure Tesbihat (evrad)mit ihrer Hilfe!" Lauscht nun den Adepten des Qur'an, Schülern wie Scheich Geylani, Rufa'i und Schaseli (mit denen Gott zufrieden sein möge) und lasst uns nun einmal sehen, wie sie die Kette der Atome, die Anzahl der Tropfen und die Atemzüge der Geschöpfe halten und ihre Tesbihat gemeinsam mit ihnen lesen. Sie rühmen und preisen (dhikr ve tesbih)Gott den Gerechten gemeinsam mit ihnen.
So betrachte denn nun die wunderbare Unterweisung des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und siehe, wie der Mensch durch ihn erhoben wird, dieser kleine Mensch, dem über seinen kleinen Kümmernissen und Sorgen schwindlig wird, der in Verwirrung gerät und schließlich besiegt wird von einigen winzig kleinen Mikroben. Siehe, in welchem Grade sich seine subtileren inneren Sinnesorgane weiten, sodass er schließlich erkennt, dass alles, was es in dieser großen, weiten Welt gibt, noch unzureichend ist, die Perlen für sein Tesbihat zu sein. Und obwohl er das Paradies noch für unzureichend hält, Ziel seiner Meditation und Kontemplation (dhikr ve vird)zu sein, hält er sich doch auch nicht für größer als das niedrigste unter allem, was Gott der Gerechte erschaffen hat. Er verbindet zugleich höchste Würde mit der höchsten Demut. Nun magst du erkennen, wie niedrig und minderwertig demgegenüber die Schüler der (modernen, westlichen) Philosophie sind!
So sagt denn also nun die Rechtleitung des Qur'an, was jene Wahrheiten betrifft, die der einäugige Genius, ausgehend von jener krankhaften Philosophie Europas so verkehrt sieht, während sie, vertraut mit dem Unsichtbaren, mit leuchtenden Augen in die zwei Welten blickt und beide Hände nach der Glückseligkeit für den Menschen ausstreckt:
Oh Mensch! Deine Seele (nefs)und das Hab und Gut in deinen Händen ist nicht dein Eigentum. Es ist ein Unterpfand des Königs, der Macht hat über alle Dinge (Qadir)
und alle Dinge kennt, der freigiebige Allerbarmer (Rahiem-i Keriem).Er möchte dir den Besitz, über den du verfügst, abkaufen, sodass er ihn für dich bewahren kann und er dir nicht verloren geht. Er wird dir in deiner Zukunft einmal einen bedeutenden Preis dafür geben. Du bist ein Soldat, der unter Pflicht und Befehl steht. Arbeite in Seinem Namen und handle in Seinem Auftrag! Er ist es, der dir alle notwendigen Dinge zu deinem Unterhalt sendet und dich vor all den Dingen bewahrt, die deine Kräfte übersteigen. Ziel und Zweck deines Lebens ist es, die Namen und Attribute deines Königs sichtbar werden zu lassen. Wenn dir ein Unglück begegnet, sage:
اِنَّا لِلّٰهِ وَاِنَّآ اِلَيْهِ رَاجِعُونَ
{"Fürwahr, Gottes sind wir und fürwahr, zu Ihm kehren wir zurück." (Sure 2, 156)}
Das heißt: Ich stehe im Dienste meines Königs. Oh du mein Unglück (musibet)!Wenn du mit Seiner Erlaubnis gekommen bist: "Merhaba, sei willkommen! Denn mit Sicherheit werden wir eines Tages zu ihm zurückkehren und in Seine Gegenwart eingehen. Denn wir verlangen sehnsüchtig nach Ihm. Da Er uns in jedem Fall einmal von den Verantwortlichkeiten unseres Lebens entbinden wird, so lass denn diese Entlassung und meinen Freispruch durch deine Hand geschehen; ich bin damit zufrieden! Wenn Er aber dein Kommen angeordnet und bestimmt (emir ve irade)hat, dass dies eine Probe auf mein Pflichtbewusstsein und meine Loyalität in der Bewahrung dieses Unterpfandes (emanet)sein sollte, so werde ich es dir ohne Seine Erlaubnis und ohne Seine Zustimmung nicht übergeben. Solange ich noch die Kraft dazu habe, will ich das mir anvertraute Pfand meines Königs keinem übergeben, der nicht mit Sicherheit dazu beauftragt ist, es zu empfangen."
So betrachte also dieses eine Beispiel unter Tausenden für die Abstufungen zwischen den Unterweisungen, gegeben
durch den Genius der Philosophie und die Rechtleitung des Qur'an. In der Tat setzt sich auf beiden Seiten die Bestandsaufnahmen in der oben beschriebenen Weise noch fort. Doch die Abstufungen unter den Leuten der Rechtleitung und des Irrweges sind verschieden. Und die Abstufungen in der Gottvergessenheit sind verschieden. Nicht jeder kann diese Wahrheit auf jeder Stufe vollständig wahrnehmen. Denn die Gottvergessenheit betäubt die Sinne. Und in unserer gegenwärtigen Zeit hat sie die Sinne in einem solchen Ausmaß betäubt, dass die zivilisierten Völker diesen heftigen Schmerz und die tiefe Qual nicht mehr verspüren. Doch der Schleier der Gottvergessenheit wird dank einer zunehmenden Sensibilisierung durch die Entwicklung der Wissenschaften und die Warnung des Todes, der jeden Tag dreißigtausend Leichen aufweist, wieder zerrissen. Blankes Entsetzen und ein Tausendfaches Bedauern sollten diejenigen fühlen, die einem Ideal des Taghut(= eines Götzen) der Ausländer und ihrer naturalistischen Philosophie und Wissenschaft entsprechend in die Irre gehen, sowie alle, die ihnen blindlings folgen und sie nachahmen!
Oh ihr jungen Söhne dieses Landes! Versucht nicht, die Franken (= Europäer) zu imitieren!... Mit welch einer verständlichen (Begründung) könnt ihr nach all der grenzenlosen Grausamkeit und Feindschaft, wie man sie in Europa beobachten konnte, noch ihrer Gedankenwelt voll Ausschweifung und Aberglaube vertrauen? Nein! Nein! Wenn ihr sie in ihren Ausschweifungen nachahmt, so folgt ihr nicht (ihrem guten Beispiel), sondern schließt euch unbewusst (ihrem liederlichen Lebenswandel) an und führt damit euch selbst und eure Brüder der Hinrichtung (d.h. der Verurteilung am Ende des Lebens - A.d.Ü.) zu. Gebt Acht! Je mehr ihr ihren liederlichen Sitten nacheifert, desto größer wird eure Verlogenheit, indem ihr behauptet, gute Patrioten zu sein!... Wenn ihr auf diese Weise (den Europäern) nacheifert, so zeigt ihr damit eure Verachtung gegenüber eurer Nation und macht eurer Volk lächerlich!
هَدٰينَا اللّٰهُ وَاِيَّاكُمْ اِلَى الصِّرَاطِ الْمُسْتَقِيمِ
{"Gott leitet uns und euch auf den rechten Weg"}
Sechste Notiz
Oh du unglückseliger Mensch, der du durch die große Zahl der Ungläubigen und ihre Übereinstimmung in der Leugnung einiger Glaubenswahrheiten in Aufregung versetzt und so in deiner Überzeugung erschüttert worden bist! Wisse, dass Wert und Bedeutung nicht in der Menge und Vielzahl liegen. Denn wenn der Mensch nicht zu einem (wahrhaftigen) Menschen wird, verwandelt er sich in ein Höllentier (sheytan bir hayvana).Und je mehr diese animalische Begierde im Menschen wächst, wie dies bei einigen Franken (= Europäern) und ihren Gesinnungsgenossen geschieht, desto tiefer sinkt er auf der Stufenleiter seiner Animalität hinab. Du siehst, dass der Mensch, obwohl doch ihm gegenüber zahllose Tiere in einer grenzenlosen Menge und Vielzahl vorhanden und er selbst im Vergleich dazu nur sehr gering an Zahl ist, er dennoch der Sultan, Kalif und Herrscher (Hâkim)über der Gesamtheit aller Tierarten ist.
So sind denn diese ungläubigen Schädlinge und Lüstlinge auf dem Wege der Ungläubigen eine Art bösartiger Tiere Gottes des Gerechten, die der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakim)zur Fortentwicklung dieser Welt (dunya)erschaffen hat. Er hat sie zu einer Art Maßeinheit gemacht, damit seine gläubigen Diener das Maß Seiner Gnadengaben erkennen mögen, und wird sie am Ende der Hölle überantworten, die sie sich verdient haben.
So liegt es denn in dieser Leugnung dieser Glaubenswahrheiten, dass die Ungläubigen und die Leute des Irrweges keine Kraft haben. Denn im Geheimnis ihrer Verneinung hat ihre Übereinkunft keine Kraft. Tausend, die etwas verneinen, gleichen einem einzigen. Wenn z.B. die gesamte Bevölkerung von Istanbul leugnet, am Beginn des Ramadan den neuen Mond gesehen zu haben, so macht der Beweis zweier Zeugen die Leugnung und
Übereinstimmung dieser großen Menschenmenge ungültig. Da Unglaube und Irrglaube ihrem Wesen nach Verneinung und Verleugnung, Unwissenheit und ein Nicht-vorhanden-sein sind, hat auch die Übereinkunft einer großen Zahl von Ungläubigen keine Bedeutung. In Glaubensdingen, die wahrheitsgemäß sind und feststehen und deren Gültigkeit bewiesen ist, erhält das Urteil von zwei Gläubigen, das sich auf ein Zeugnis stützen kann, den Vorrang vor dem einer großen Anzahl von Leuten des Irrweges und ist ihm überlegen. Das Geheimnis hinter dieser Wahrheit ist das Folgende:
Oberflächlich betrachtet sind sich die Leugner in ihren Behauptungen einig. Doch in Wirklichkeit unterscheiden sie sich voneinander und können sich nicht einigen, um an Kraft zu gewinnen, während die Behauptungen derer, die etwas bestätigen, sich miteinander vereinigen und einander Kraft verleihen. Denn wenn jemand zu Beginn des Ramadan den neuen Mond nicht sieht und dann sagt: "Nach meiner Ansicht ist dort kein Mond. Bei mir hier kann man ihn nicht sehen." Und ein anderer sagt: "Vor meinem Auge ist er nicht." Und wieder ein anderer sagt das gleiche. Ein jeder Einzelne sagt seinem eigenen Blickwinkel entsprechend, dass da kein (Mond) ist. Da aber der Blickwinkel jedes Einzelnen unterschiedlich ist und die Ursachen, die den Blick verschleiern, ebenfalls unterschiedlich sein können, kann keine Behauptung die eines anderen bekräftigen. Doch die, welche eine Bestätigung abgeben, sagen nicht: "Entsprechend meinem Blickwinkel und meiner Sichtweise entsprechend steht (dort droben) die Mondsichel." sondern sagen: "Es ist eine tatsächliche Angelegenheit (nefsu-l emir),dass im Antlitz des Himmels die Mondsichel erschienen ist." Alle, die ihn gesehen haben, machen dieselbe Aussage: "nefsu-l emir (Fakt ist)..." Das heißt, alle Aussagen sind dieselben, während die Aussagen derer, die das bestreiten, alle verschieden sind. Auch ihre Behauptungen sind unterschiedlich. Sie urteilen nicht entsprechend der "nefsu-l emir(Tatsache)".
Weil sie aber die "nefsu-l emir(Realität)" bestreiten, gibt es auch keinen Beweis. Dafür wäre ein allumfassender Überblick notwendig.
Es ist eine feststehende Regel
اَلْعَدَمُ الْمُطْلَقُ لاَ يُثْبَتُ اِلاَّ بِمُشْكِلاَتٍ عَظِيمَةٍ
{"Die absolute Nichtexistenz kann nur unter gewaltigen Schwierigkeiten bewiesen werden."}
Wenn du sagst, dass es in dieser Welt ein Ding tatsächlich gibt, genügt es völlig, dieses Ding vorzuzeigen. Wenn du es aber bestreitest, indem du sagst, dass es das nicht gibt, musst du die ganze Welt erst durchsieben und dann vorzeigen, um dessen Nichtexistenz unter Beweis zu stellen. So geschieht es denn auf Grund dieses Geheimnisses, dass (der Versuch) der Leute des Unglaubens, eine Tatsache abzustreiten, vergleichbar ist (dem Versuch), ein Problem zu lösen, durch ein Nadelöhr zu schlüpfen oder einen Graben zu überspringen. Ob es tausend sind, ob es einer ist, ist einerlei, denn sie können einander nicht helfen. Weil hingegen diejenigen, die einen Beweis bringen, die "nefsu-l emir"(das Herz der Dinge) betrachten, vereinigen sie sich in ihren Aussagen und ihre gegenseitigen Kräfte eilen einander zu Hilfe. Es ist, als wollten sie einen schweren Stein heben: je mehr Hände dabei zupacken, desto leichter wird es, ihn hochzuheben und desto mehr Kraft empfangen sie voneinander.
Siebente Notiz
Oh ihr elendiglichen Patrioten, die ihr mit Feuereifer die Muslime dazu aufstachelt, diese Welt (dunya)zu umarmen und sie einer ausländischen Industrialisierung mit ihrem Fortschritt zutreibt! Gebt Acht, dass ihr die Bande, mit denen gewisse Mitglieder dieses Landes an die Religion gebunden sind, nicht zerbrecht! Wenn jemandem auf eine so dumme Weise seine Bindungen an den Glauben wie mit Keulen blindlings zerbrochen worden sind, so wird dieser Glaubenslose im gesellschaftlichen Leben einen
Schaden anrichten wie ein tödliches Gift. Denn da das Gewissen eines Renegaten vollständig verderbt ist, wird er zu einem Gift für das gesellschaftliche Leben. Daher kommt es, dass nach den Grundsätzen der Theologie "der Apostat das Recht auf sein Leben verwirkt hat, während ein Ungläubiger, wenn er zu den Schutzbefohlenen (dhimmi)gehört oder doch wenigstens seinen Frieden gemacht hat (und kein Apostat ist!) auch ein Recht auf Leben hat." So lautet ein Grundsatz der islamischen Gesetzeslehre (Scharia).Auch ist nach der Rechtsschule der Hanefi das Zeugnis eines Kafir von den Leuten der Dhimmi durchaus rechtskräftig, wohingegen das Zeugnis eines Sünders (fasiq)zurückgewiesen wird. Denn (ein Renegat) ist ein Verräter.
Oh du armseliger sündiger (fasiq)Mensch! Betrachte nicht die hohe Anzahl aller Sünder (fasiq)und lass dich nicht täuschen! Sage nicht: "Die Gedanken der Mehrheit sind auf meiner Seite." Denn ein sündiger Mensch, ist nicht aus eigenem Wunsch und freiem Willen (taleb)zum Sünder geworden. Aber nachdem er nun einmal (in die Sünde) gefallen ist, kann er sich nicht wieder herausziehen... Es gibt keinen Sünder (fasiq),der nicht rechtschaffen (salih)sein möchte und der nicht seine Oberen und seine Anführer als gläubige Menschen sehen möchte, es sei denn - Gott bewahre! - dass sein Gewissen durch seine Apostasie schon so verdorben ist, dass er einer Schlange gleich Freude daran empfindet, andere zu vergiften.
Oh du verrückter Kopf (= Häuptling, Anführer) mit deinem verdorbenen Herzen! Ja glaubst du denn, dass "die Muslime nicht die Welt lieben... oder nicht darüber nachdenken, in was für einen Zustand der Armut sie hineingeraten sind... und eine Ermahnung nötig hätten, dass sie ihren Anteil an dieser Welt (dunya)nicht vergessen sollten?" Was du glaubst, ist falsch und was du dir vorstellst, ist irrig. Stattdessen aber hat sich ihre Gier (hirs)noch verstärkt. Deswegen sind sie in diesen Zustand der Armut geraten. Denn für einen Gläubigen ist die Gier eine Ursache
für Verlust und Elend.
اَلْحَرِيصُ خَائِبٌ خَاسِرٌ
{"Der Gierige ist das Subjekt von Verlust und Enttäuschung."}
Dies ist zum Sprichwort geworden.
In der Tat gibt es viele Ursachen, vor allem seine Begierden (nefis),Launen und Gelüste, seine Bedürfnisse, seine Sinne und Gefühle, der Teufel und die oberflächliche Anziehungskraft dieser Welt, falsche Freunde, so wie du einer bist, und noch viele andere Gründe, die einen Menschen rufen und bewegen, in die Welt (dunya)zu gehen. Stattdessen gibt es nur wenige, die zu jener anderen, ewig bleibenden jenseitigen (akhir)Welt und zu einem langen und ewigen Leben einladen. Hättest du auch nur ein Körnchen von einem Patriotismus für dieses armselige Volk und wäre der erhabene Eifer, den du so zur Schau stellst, nicht eine Lüge, würdest du doch notwendigerweise den wenigen helfen, die zu einem ewig bleibenden Leben rufen. Wenn du die wenigen, die da einladen, zum Schweigen bringst und stattdessen den vielen hilfst, wirst du zum Gefährten des Teufels!
Glaubst du etwa, der Zustand der Armut dieses Volkes sei das Ergebnis eines weltfremden Asketizismus oder die Folge einer Art Faulheit, die aus der selben Weltflucht resultiert? Wenn du das glaubst, begehst du einen Fehler! Siehst du etwa nicht, dass Völker wie die Chinesen, die Brahmanen und die Soroastrier Indiens und die Schwarzen in Afrika, die unter das Joch Europas geraten sind, noch ärmer sind als wir? Und siehst du zudem nicht, dass in der Hand der Muslime wenig mehr geblieben ist, als nur das Lebensnotwendige? Alles übrige wurde entweder von den ungläubigen Despoten Europas (im Westen) gestohlen oder von den Heuchlern (im Osten) geraubt.
Wenn du die Leute des Glaubens mit Gewalt zu dieser mehr ärgerlichen als bürgerlichen Zivilisation (mimzis medeniyet)treiben
willst, in der Absicht, das Land auf diese Weise zu Ruhe und Ordnung führen und leichter verwalten zu können, so wisse, dass du mit Sicherheit einen Fehler begehst und sie auf den falschen Weg führst. Denn es ist schwieriger, hundert Sünder zu regieren, deren Glaube erschüttert wurde und deren Charakter verdorben ist, und die öffentliche Ordnung unter ihnen aufrecht zu erhalten, als Tausende von Leuten der Rechtschaffenheit (ehl-i salahat).
So haben es denn entsprechend diesen Grundsätzen die Leute des Islam nicht nötig, dass man sie in die Welt und ihre Gier hinein treibt oder (auch nur) dazu ermuntert. Fortschritt und öffentliche Ordnung können nicht auf diese Weise sichergestellt werden. Für sie ist es vielmehr notwendig, dass ihre Arbeitsbedingungen geregelt werden, dass die Sicherheit unter ihnen aufgerichtet wird und dass sie dazu ermuntert werden, miteinander zusammenzuarbeiten. Diese Bedürfnisse können mit Hilfe dieses heiligen Auftrags des Glaubens, der Gottesfurcht und eine feste Bindung an die Religion befriedigt werden.
Achte Notiz
Oh du fauler Mensch, der du die Freude und das Glück in Fleiß und Arbeit nicht kennst! Wisse, dass Gott der Gerechte in Seiner vollkommenen Freigiebigkeit den Lohn der Arbeit in diese Arbeit hineingelegt hat. Er hat den Preis des Schaffens in sein Schaffen selbst hinein gelegt. Es geschieht aus diesem Grunde, dass alle Geschöpfe die Befehle (emir)ihres Herrn, ja dass von einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet selbst noch die unbelebte Natur ihre besonderen Aufgaben (vazife),die man auch als Naturgesetze (evamir-i tekviniye)bezeichnet, mit vollkommener Begeisterung und einer Art Freude befolgt. Alle Wesen, von den Bienen, den Mücken und den Hühnern, und alle Dinge bis hin zu Sonne und Mond, erfüllen ihre Aufgaben in vollkommener Freude. Das heißt, es gibt eine Freude in allem Werk, sodass sie ihre Aufgaben vollkommen erfüllen, auch wenn sie, die keinen Verstand besitzen, dabei nicht an deren Ziel und Zweck denken
können.
Wenn du nun aber sagst:
"Lebende (und fühlende) Wesen sind fähig, Freude zu empfinden. Wie aber können nun leblose Dinge Begeisterung und Freude empfinden?"
Antwort:
Die leblosen Dinge wünschen sich nicht hinsichtlich ihrer selbst einen besonderen Rang (maqam)und Namen, suchen nach Vollkommenheit (kemal),Schönheit und Wohlordnung, sondern hinsichtlich der Namen Gottes, die sich durch sie manifestieren. Sie werden erleuchtet und erhöht in der Erfüllung ihrer naturgemäßen Aufgaben und werden so gleich einem Spiegel, einem Objekt, das die Namen der Lichter des Lichtes reflektiert. So wie ein Wassertropfen oder ein winzig kleines Stückchen Glas in sich selbst ohne Licht und ohne Bedeutung ist, so wird es doch zu einer Art Thron für die Sonne, wenn dieser bedeutungslose, lichtlose Tropfen, dieses Glasstückchen sein Gesicht reinen Herzens der Sonne zuwendet. Und dann lächelt es dir zu. In ähnlicher Weise steigen nun, wie in diesem Beispiel, Teilchen und Elemente des Seins - weil diese, angezogen von ihrer Aufgabe, Spiegel der Namen des Einen zu sein, der in Seiner Majestät (Dhat-i Dhu l-Djelal),der absolute Schönheit (djemal-i mutlaq)und absolute Vollkommenheit (kemal-i mutlaq)besitzt - gleich diesen Tropfen und winzig kleinen Glasstückchen, von einer sehr niedrigen Stufe zu einer sehr hohen Stufe der Erscheinung und Erleuchtung empor. Da sie aber nun einmal hinsichtlich ihrer Aufgabe einen besonders lichtvollen und erhabenen Rang (maqam)einnehmen, so kann man auch sagen, dass sie, insoweit dies möglich wäre und sie überhaupt die Fähigkeit haben, Freude zu empfinden, d.h. insoweit sie ganz allgemein Anteil am Leben haben, sie auch ihre Aufgabe in vollkommener Freude erfüllen.
Um einen klaren und eindeutigen Beweis dafür anführen zu können, dass sich Freude in der Pflichterfüllung findet, betrachte einmal, wie deine eigenen Glieder und
Sinnesorgane ihre Aufgaben erfüllen. Jedes von ihnen empfängt eine andere Freude in der Erfüllung seiner Pflichten für deine eigene Fortdauer und den Fortbestand der menschlichen Gattung. Ihre Pflichterfüllung ist in sich selbst schon eine Art der Freude, während seine Pflichten zu vernachlässigen für unsere Glieder bereits eine Art Strafe ist.
Ein anderer offensichtlicher Beweis ist auch die Opferbereitschaft und der Heldenmut in der Erfüllung ihrer Pflichten, den Tiere wie Hähne und Hennen mit ihren Küken aufbringen, sodass der Hahn, auch wenn er selbst hungrig ist, den Hennen vor sich selbst den Vorzug gibt und sie zum Futter ruft und sie fressen lässt, während er selbst nicht frisst. Und es ist ganz klar, welche Freude, welchen Stolz, welche Begeisterung er dabei in der Erfüllung seiner Pflichten zeigt. Das aber heißt, dass er ein größeres Vergnügen in seiner Pflichterfüllung erlebt als nur beim Fressen.
Auch die Henne opfert ihr Leben für ihre Küken, wenn sie sich selbst einem Hund entgegen wirft. Und auch sie wird selbst hungrig bleiben, um ihnen zu fressen zu geben. Das heißt, sie empfängt eine solche Freude in der Erfüllung ihrer Pflicht, dass sie der Pein des Hungers und selbst dem Schmerz des Todes überlegen ist und ihn übertrifft.
Tiermütter beschützen ihre Jungen und empfinden Freude über ihrer Aufgabe, solange ihre Jungen noch klein sind. Sobald sie aber groß geworden sind, ist ihre Aufgabe zu Ende und ihre Freude schwindet. Die Mütter hacken nun ihre Jungen und nehmen ihnen die Körner weg. Nur bei den Müttern des Menschengeschlechts setzen sich die Pflichten noch eine Zeitlang fort, denn in Anbetracht ihrer Schwäche und Ohnmacht (da'f ve adjz)sind Menschen auf ihre Art immer Kinder und bedürfen zu allen Zeiten einer liebenden Zuwendung (shefqat).
So betrachte denn nun einmal, wie im Reich der Tiere
die Männchen (wie die Hähne) sich als Hirten und die Hennen als Mütter gebärden und verstehe dabei, dass sie ihre Pflichten nicht um ihrer selbst willen und in eigenem Namen erfüllen. Denn wenn es notwendig wird, ihr Leben in Erfüllung ihrer Pflicht zu opfern, so tun sie das. Vielmehr erfüllen sie ihre Pflicht um des freigiebigen Gebers willen (Mun'im-i Kerim'in hesab)und im Namen des Majestätischen Schöpfers (Fatir-i Dhu-l'Djelal),der sie in die Pflicht genommen hat und durch dessen Erbarmen (rahmet)sie in ihrer Pflichterfüllung Freude erlangen.
Und ein weiterer Beweis dafür, dass die Pflichterfüllung ihren Lohn in sich selbst enthält, ist der folgende:
All die (kleinen) Pflanzen und (die hohen) Bäume befolgen die Weisungen des Schöpfers in Seiner Majestät (Fatir-i Dhu l-Djelal'in emirler)auf eine Weise, die ihre Freude und ihre Begeisterung dabei verspüren lässt. Denn die Wohlgerüche, die sie um sich herum verbreiten und all die Zier, mit der sie sich schmücken und mit der sie die Blicke ihrer Kunden auf sich ziehen, die Ähren und die Früchte für die sie sich aufopfern bis sie schließlich selbst verwelken: all das zeigt aufmerksamen Leuten, dass sie bei der Befolgung des göttlichen Auftrags eine solche Freude empfinden, dass sie dabei verwelken und verrotten.
Betrachte einmal Bäume, die Früchte hervorbringen wie die Kokospalme, die auf ihrem Kopf viele Dosen Milch trägt, oder den Feigenbaum: sie alle verlangen aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit unausgesprochen die beste Nahrung, wie Milch, erhalten sie und nähren damit ihre Früchte, während sie sich selbst mit Schlamm begnügen. Der Granatapfelbaum empfängt aus der Schatzkammer der göttlichen Barmherzigkeit ein reines Getränk, nährt damit seine Früchte und gibt dabei sich selbst mit Schlamm und trübem Wasser zufrieden.
Auch unter den Saaten kann man durch ihre Aufgabe, Keime auszustrecken, ganz deutlich eine Sehnsucht erkennen. So wie sich ein Gefangener an einem abgesperrten Ort danach sehnt, in einen Garten und in einen
offenen Raum hinauszutreten, so erkennt man auch die gleiche Sehnsucht, diesen Zustand des Glücks in den Saaten, in ihrer Aufgabe, zu keimen.
So geschieht es denn anhand dieses so umfassenden und geheimnisvollen Grundsatzes, der im Weltall in Kraft ist und als "Gottes Gewohnheit (Sunnetullah)"
bezeichnet wird, dass die Mehrzahl derer, die untätig, faul, bequem und behaglich in ihren Ruhekissen lagern, unter Ruhelosigkeit und Langeweile leiden. Denn die nichts zu tun haben, beklagen sich immer über ihr Leben und möchten es mit ihren Vergnügungen rasch vertreiben. Während die, welche arbeiten und sich Mühe geben, dankbar (shakir)sind und Gott preisen (hamd).Sie möchten gar nicht, dass ihr Leben vergeht.
اَلْمُسْتَرِيحُ الْعَاطِلُ شَاكٍ مِنْ عُمْرِهِ وَ السَّاعِى الْعَامِلُ شَاكِرٌ
{"Wer in Ruhe und Bequemlichkeit dahin lebt, beschwert sich über sein Leben, während der ernsthaft schaffende dankbar ist."}
Dies ist ein Grundsatz von allgemeiner Gültigkeit. Aus dem gleichen Geheimnis ist auch der Satz: "Ruhe findet sich in der Mühe und die Mühe in der Ruhe. (Rahat, zahmette; zahmet, rahattadir)"zu einem Sprichwort geworden.
Studiert man die unbelebte Natur sorgfältig, so sieht man in der Tat, dass die ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten, insoweit sie noch in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren, sich noch nicht entfaltet hatten, sich nun aber mit sehr viel Mühe und Fleiß ausdehnen und ihre Möglichkeiten in die Tat umsetzen, und erkennt nun, wie dem Grundsatz der oben erwähnten Gewohnheit Gottes entsprechend ein bestimmter Vorgang deutlich wird. Und dieser Vorgang weist uns darauf hin, dass in der Erfüllung dieser natürlichen Aufgabe eine Begeisterung und Freude liegt. Wenn also nun diese unbelebte Natur ihren Anteil am allgemeinen Leben hat, so ist auch diese Begeisterung entweder ihre eigene oder aber sie gehört einem anderen, der sie repräsentiert und beobachtet. Ja man könnte auf Grund dieses Geheimnisses sogar sagen: Sobald dieses so dünnflüssige, durchsichtige,
anschmiegsame Wasser den Befehl zu gefrieren erhält, so gehorcht es diesem Befehl mit einem so heftigen Enthusiasmus, dass es sogar Eisen sprengt und zerspaltet. Das aber heißt, dass es, sobald das Wasser in der Sprache dieser Unter-Null-Temperatur den Befehl seines Herrn: "dehne dich aus!" in seinem fest verschlossenen eisernen Behälter vernimmt, es diesen Behälter in seiner großen Begeisterung zerspaltet. Es zersprengt das Eisen und wird selbst zu Eis usw...
Du magst nun damit alle Dinge vergleichen, von den Bewegungen (ferner) Sonnen (im All) bis hin zu den Atomen und Elektronen, die sich drehen und wenden und vibrieren wie die Mevlewi-Derwische. Alle Anstrengungen, Mühen und Bewegungen im Universum erfolgen nach Plan und Gesetz eines göttlichen Vorherwissens (kanun-u kader-i Ilahi),setzen sich unter der Hand göttlicher Allmacht (qudret)fort und werden sichtbar in einem Naturgesetz (emir-i tekvini),das einen göttlichen Willen (irade),Befehl (emir)und Sein Wissen (ilm)umfasst.
Jedes Atom, ja alles, was da ist und was da lebt, gleicht einem Soldaten, der in unterschiedlichen Beziehungen zu allen Abteilungen des Heeres steht und verschiedene Aufgaben in ihnen erfüllt. Genauso verhält es sich auch mit jedem Atom und allem, was da lebt. So hat z.B. eine Zelle in deinem Auge eine Beziehung zu diesem Auge als Ganzes mit seinen sensiblen Nerven, mit den Adern, die den Körper mit Blut versorgen und mit den Aufgaben im Zusammenhang mit diesen Beziehungen und mit den Ergebnissen, die diese Aufgaben erbringen usw...Du magst nun alle Dinge damit vergleichen!
So bezeugt denn ein jedes Ding den, der da notwendigerweise sein muss, den Allmächtigen von Ewigkeit (Qadir-i Edehli)her auf zweierlei Weise:
Erstens:
Indem es Aufgaben erfüllt, die tausendmal seine Fähigkeiten übersteigen, bezeugt es mit dem Ausdruck seiner eigenen Schwäche (adjz-i mutlaq)das Sein des Allmächtigen (Qadir).
Zweitens:
Jedes Ding bezeugt, indem es den Grundsätzen entsprechend handelt, denen jene Gesetze entspringen, auf denen die Ordnung der Welt ruht und die das Gleichgewicht allen Seins aufrecht erhalten, den Allweisen-Allmächtigen (Alim-i Qadir).Denn leblose Dinge wie die Atome und so kleine Tiere wie die Bienen wissen nichts von der Ordnung und Ausgewogenheit, welche diese bedeutenden, subtilen Elemente des Offenkundigen Buches (der Schöpfung =Kitab-i Mubin)sind. Wie kann so ein lebloses Atom, so ein kleines Tier, wie eine Biene, diese bedeutenden, subtilen Dinge des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin)lesen, das der Majestätische Eine (Dhat-i Dhu l-Djelal)in Seiner Hand hält? Wer öffnet und schließt das Buch all der Ebenen des Himmels und legt es wie ein Notizbuch (an seinen Platz)? Wenn du wahnsinnigerweise glaubst, dass ein Atom ein Auge hätte, dass die feinen, kleinen Buchstaben dieses Buches lesen kann, dann kannst du auch versuchen, das Zeugnis eines solchen Atoms zurückzuweisen.
Der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem)
fasst in der Tat die Prinzipien des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin)auf eine wunderschöne Art in einer verkürzten Form zusammen, verbunden mit einer eigenen Freude und einem besonderen Bedürfnis und fügt sie (allen Lebewesen) bei. Wenn also nun ein jedes von ihnen mit dieser ihm eigenen Freude und einem besonderen Bedürfnis handelt, so tut es dies auch ohne es zu wissen in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Offenkundigen Buches. Zum Beispiel: Im Augenblick, in dem eine Mücke mit ihrem Stechrüssel zur Welt kommt und ihr Haus verlässt, greift sie auch schon ohne Aufenthalt das Gesicht eines Menschen an und sticht ihn. Durch ihren Stechrüssel flößt sie dann dem Menschen von ihrem Speichel ein, verursacht dadurch das Blut zu strömen und trinkt es dann. Wenn sie danach die Flucht antritt, zeigt sie uns damit die Geschicklichkeit eines erfahrenen Kriegers. Wer hat dieses winzig kleine, noch unerfahrene Geschöpf die Kriegskunst und die Wissenschaft vom Kampf gelehrt und wie man das Blut zum Fließen bringt? Und wo
hat sie es gelernt? Ich, also der armselige Said, bekenne: Wäre ich an Stelle dieser Mücke mit ihrem Stechrüssel, ich könnte diese Kunst, diese Guerillakriegsführung von Angriff und Rückzug und das Geschäft des Blutsaugens nur durch eine langwierige Instruktion und viel Erfahrung erlernen.
Und so vergleiche denn nun solche Tiere wie die Biene, die Inspiration (ilham)empfängt, die Spinne oder die Nachtigall, die sich ein Nest baut wie einen Strumpf mit dieser Mücke. Ja du kannst sogar die Pflanzen auf genau die gleiche Weise mit den Tieren vergleichen. Ja der Vollkommene Freigiebige (Djevvad-i Mutlaq)(erhaben ist Sein Ruhm = Djelle Djelaluhu)hat mit der Tinte der Freude und der Farbe der Not (ihtiyadj)für jedes einzelne Lebewesen eine Urkunde geschrieben und ihm in die Hand gegeben und so in ihm das Programm und die Liste der Aufträge niedergelegt, die auf den Naturgesetzen fußen. Siehe nun, wie der Majestätische Allweise (Hakiem-i Dhu l-Djelal)auf Grund der Prinzipien des Offensichtlichen Buches (Kitab-i Mubin)die Menge der Pflichten der Biene in diese Urkunde eingetragen und in das Kästchen gelegt hat, das sich im Kopf dieser Biene befindet. Und der Schlüssel zu diesem Kästchen ist die Freude, die einer diensteifrigen Biene zu Eigen ist. Mit diesem öffnet sie dieses Kästchen, liest ihr Programm, versteht ihre Dienstanweisung und handelt danach. Sie verkündet das Geheimnis der Ayah:
وَاَوْحٰى رَبُّكَ اِلَى النَّحْلِ
{"...und dein Herr hat der Biene eingegeben." (Sure 16, 68)}
Wenn du nun dieser Achten Notiz bis zum Ende gefolgt bist und unter der Anleitung des Glaubens alles verstanden hast, so wirst du auch die Bedeutung von
وَسِعَتْ رَحْمَتُهُ كُلَّ شَىْءٍ
{"Die Weite Seines Erbarmens umfasst alle Dinge."}
und die Wahrheit der Ayah
وَاِنْ مِنْ شَىْءٍ اِلاَّ يُسَبِّحُ بِحَمْدِهِ
{"Und es gibt nichts, was Ihn nicht lobpreisend rühmt." (Sure 17, 44)}
und den Grundsatz von
اِنَّمَآ اَمْرُهُ اِذَآ اَرَادَ شَيْئًا اَنْ يَقُولَ لَهُ كُنْ فَيَكوُنُ
{"In der Tat ist Sein Befehl, wenn Er ein Ding will, dass Er ihm sagt. 'Sei!' und es ist." (Sure 36, 82)}
und den Hinweis von
فَسُبْحَانَ الَّذِى بِيَدِهِ مَلَكُوتُ كُلِّ شَىْءٍ وَاِلَيْهِ تُرْجَعُونَ
{"Gepriesen sei der, in dessen Händen die Herrschaft über alle Dinge liegt. Und zu ihm werdet ihr alle zurück gebracht." (Sure 36, 83)}
verstehen.
Neunte Notiz
Wisse, dass das Prophetentum für das Menschengeschlecht die Summe und Grundlage alles Guten und Vollkommenen im Menschen ist. Die wahre Religion ist die Richtschnur zur Glückseligkeit. Glaube (iman)ist lautere Schönheit und in sich ruhende Güte. Da in dieser Welt nun einmal eine leuchtende Schönheit, weite und erhabene Fülle, augenscheinliche Wahrheit und vollendete Erlesenheit sichtbar sind, liegen Wahrheit und Gerechtigkeit (haq ve haqiqat)im Prophetentum und in der Hand der Gesandten Gottes, wohingegen alle Irrwege, Bosheit und Verlust bei denen liegen, die sich dem widersetzen.
Betrachte nun unter Tausenden Verdiensten von Dienst und Anbetung (ubudiyet)nur dieses eine:
Der Prophet, mit dem Friede und Segen sei, vereinigt die Herzen derer, die an den einen Gott glauben (Muvahhidin)zu den Gebeten an den Festtagen und am Freitag und zu den übrigen gemeinschaftlichen Gebeten zusammenkommen und vereinigt ihrer aller Zungen zu einem einzigen Ruf (Allahu ekber!)Dies geschieht
in der Weise: Der Mensch antwortet auf den gewaltigen Anruf (azamet-i khitab)des Einen, Urewigen Angebeteten (Mabud-u Edheli)mit den Stimmen, Gebeten und Anrufungen (dua ve dhikr)aus unendlich vielen Herzen und mit ebenso vielen Zungen. Diese Stimmen, Gebete und Rufe (dua ve dhikr)bestärken und helfen einander und indem sie ihre Stimmen, Gebete und Anrufungen miteinander vereinigen, bringen sie vor der Gottheit des Urewigen Angebeteten einen Gottesdienst in einem so umfangreichen Ausmaß dar, dass es scheint, als ob der gesamte Globus diese Anrufungen spricht, diese Gebete (dua ve namaz)darbringt und an allen Ecken verrichtet und den Befehl befolgt: اَقِيمُوا الصَّلٰوةَ {"Verrichtet das Gebet!" (Sure 2, 43)} der in Pracht und Würde (izzet ve azamet)von jenseits der Himmel herabgesandt worden war. In diesem Geheimnis der Vereinigung (ittihad)wird der Mensch, ein winzig kleines, schwaches Geschöpf wie ein Stäubchen im All in der machtvollen Gewalt seiner Anbetung (ubudiyetin azameti)zum geliebten Diener des Schöpfers der Himmel und der Erde, Kalif auf Erden, König auf Erden und Fürst der Tiere, Ziel und Zweck der Erschaffung des Universums.
Wenn nun in der Tat die Stimmen der vielen hundert Millionen Menschen (täglich) nach dem Gebet und besonders dem Festgebet gleichzeitig ausrufen: "Gott ist groß! (Allahu ekbar)",so vereinigen sie sich dadurch mit der unsichtbaren Welt (alem-i ghayb ittihad).Könnten sie auch in dieser bezeugten Welt auf diese Weise zusammenkommen und sich vereinigen, so würde der Globus in seiner Gesamtheit zu einem einzigen Menschenwesen, das sein "Gott ist groß!" mit einer Stimme verkündigt, die so mächtig ist, wie es seiner eigenen Größe entspricht. So wird denn dieses "Gott ist groß!" wenn die, welche sich in dem gemeinsamen Glauben an den Einen Gott vereinigt haben, es im gleichen Augenblick verkünden, zu einem einzigen gewaltigen
"Gott ist groß!", das dem der ganzen Erde gleicht. Es ist, als würde die Erde durch die Anrufungen und Verherrlichungen (dhikr ve tesbih)der islamischen Welt während der Festtagsgebete von einem großen Beben erschüttert, wenn sie an allen Ecken und Enden "Gott ist groß!" ausruft und mit jenem reinen Herzen, das die Qibla (Gebetsrichtung) zur Kaaba ist, die Absicht (niyahfür das Gebet) fasst und sodann mit jener Zunge, die der Berg Arafat ist und in jenem Munde liegt, der Mekka heißt, "Gott ist groß!" ausruft, so hallt dieses von allen Gläubigen in aller Welt gemeinsam gesprochene Wort aus ihrem Munde (gleich jener ersten Offenbarung an den Propheten) wie aus einer Höhle wider. So wie durch das Echo dieses einen Wortes "Gott ist groß!" wieder zahllose andere "Gott ist groß!" ins Dasein kommen, so lassen diese (bei Gott) willkommene Rezitation (maqbul dhikr)und Anrufung der Größe Gottes (tekbir)die Himmel widerhallen und schallen wie Wellen in den Welten des Berzah wider.
So bringen wir denn dem Majestätischen Herrn (Dhat-i Dhu l-Djelal)Ruhm (tesbih)und Lobpreis (hamd)dar und verherrlichen Seine Größe (tekbir)nach der Anzahl aller Stäubchen der Erde, Ihn, der die Erde so gemacht hat, dass sie sich in Anbetung dienend vor Ihm niederwirft. Er hat sie zu einer Moschee für Seine Diener gemacht, zu einer Wiege für Seine Geschöpfe und für sich selbst zu Seinem Lobpreis (musebbih)und zu Seinem Ruhm (mukebbir).So danken wir Ihm auch nach der Anzahl Seiner Geschöpfe und alles Geschaffenen (maudjudat),dass er uns zu einer Gemeinde des Ehrewerten Propheten (mit dem Friede und Segen sei) gemacht hat, der uns gelehrt hat, wie wir beten (namaz)sollen.
Zehnte Notiz
So wisse denn nun, oh du zerstreuter (ghafil)und verwirrter Said! Das Licht der Erkenntnis (nur-u marifet)Gottes des Gerechten zu erlangen, es zu schauen, sein Aufscheinen im Spiegel der Ayat und der Zeugnisse zu erblicken und dir einen Einblick in die Beweise zu verschaffen, erfordert es,
dass du nicht jeden Lichtschein, der über dich hinwegzieht, oder dir ins Herz scheint oder in deinen Verstand hinein leuchtet, mit deinen Fingern zu berühren oder mit der Hand deines Zweifels zu analysieren versuchst! Strecke deine Hand nicht aus, um das Licht zu fangen, das dir erscheint! Ziehe dich von den Ursachen deiner Gottvergessenheit (gaflet esbabin)zurück! Bleibe vielmehr stehen und wende dich (dem Licht zu)! Denn ich habe erfahren, dass es (auf dem Weg zur) Erkenntnis Gottes (marifetullah)drei verschiedene (Arten von) Zeugnissen und Beweisen gibt.
Die erste Art gleicht dem Wasser.
Man kann es sehen und fühlen, aber nicht zwischen den Fingern halten. Bei dieser Art muss man sich von seinen Illusionen (hayalat)befreien und (stattdessen) ganz und gar in ihm untertauchen. Man kann es nicht mit kritischem Fingern durchforschen. Tut man es dennoch, fließt es davon und verflüchtigt sich. Das Wasser des Lebens kann nicht zwischen unseren Fingern Wohnung nehmen!
Die zweite Art gleicht der Luft (und dem Wind).
Man kann sie zwar wahrnehmen, aber nicht sehen und nicht berühren. Wende ihm dein Gesicht, deinen Mund zu! Kehre deinen Geist (ruh)dem Lufthauch Seiner Barmherzigkeit (rahmet)zu und halte dich ihm entgegen! Strecke deine kritischen Hände nicht nach ihm aus! Du kannst ihn nicht festhalten. Atme innerlich (ruh)auf! Wenn du ihn mit den Händen deines Zweifels untersuchst, die Hände deiner Kritik nach ihm ausstreckst, verlässt er dich und eilt davon. Er wird nicht in deinen Händen Wohnung nehmen, mit ihnen nicht zufrieden sein.
Die dritte Art gleicht dem Licht.
Man kann es sehen, aber weder fühlen noch berühren. Weil das aber so ist, solltest du deine Augen, den Blick deines Geistes (ruh)ihm entgegen kehren, deine Augen ihm zuwenden und abwarten. Vielleicht kommt es dann ganz von selbst. Denn das Licht kannst du nicht mit deinen Händen fangen, nicht mit deinen Fingern erjagen. Denn das Licht lässt sich nur im Lichte des inneren Auges (Basir)erjagen.
Wenn du deine gierige, materielle Hand (nach ihm) ausstreckst und es mit einer materiellen Waage wiegen willst, versteckt es sich (vor dir) auch wenn es nicht erlischt. Denn so wie das Licht nicht damit zufrieden ist, wenn du es in die Materie einzuschließen versuchst, so lässt es sich auch nicht beschränken und akzeptiert nicht opake (= lichtundurchlässige) Dinge als seinen Herrn und Meister (malik ve seyyid).
Elfte Notiz
Wisse, dass in der Ausdrucksweise des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, viel Liebe (shefqat)und Barmherzigkeit (merhamet)liegt, denn die meisten von denen, an die er sich wendet, sind einfache Leute. Ihre Denkweise ist einfach. Und da ihre Blicke die feineren Dinge nur schwer wahrnehmen können, wiederholt er Seine Ayat (= Wunderzeichen), wie sie in das Antlitz der Himmel und der Erde geschrieben stehen, immer und immer wieder, um so ihrem einfachen Auffassungsvermögen entgegen zu kommen. So macht er es ihnen leichter, diese großen Worte zu lesen. So unterrichtet Er z.B. die Ayat, die ganz offensichtlich sind und leicht zu lesen, wie die Erschaffung der Himmel und der Erde, der Herabkunft des Regens und die Wiederbelebung der Erde. Er lenkt nur selten die Aufmerksamkeit auf die Ayat, die mit kleineren Buchstaben in die größeren Buchstaben hineingeschrieben stehen, um keine größere Mühe (zahmet)zu verursachen.
Und es gibt im Stil (uslub)des Qur'an eine solche Beredsamkeit (djezalet),Flüssigkeit (selaset)und Natürlichkeit (fitrilik),als ob der Qur'an selber ein Hafiz wäre, der die Ayat liest, die mit der Feder der göttlichen Allmacht (qudret qalem)auf den Seiten des Kosmos geschrieben stehen. Es ist, als wäre der Qur'an ein Lesebuch des Kosmos und der wortgemäße Ausdruck seiner Ordnung und würde die Werke lesen, die der Urewige gestaltet hat und Seine Handlungen niederschreiben. Wenn du diese Beredsamkeit in Seiner Ausdrucksweise (djezalet-i beyaniye)erkennen möchtest, lausche mit einem wachen und aufmerksamen Herzen der Sure "Amma"(Sure 78) oder der Ayah
قُلِ اللّٰهُمَّ مَالِكَ الْمُلْكِ {"Sag: Oh Gott, König und Herr." (Sure 3, 26)} oder einem ähnlichen Ferman!...
Zwölfte Notiz
Oh meine Freunde, die ihr diese Notizen hört! Ihr solltet wissen, dass der Grund dafür, dass ich manchmal meine Gebete (munadjat),das Seufzen und Flehen meines Herzens zu meinem Herrn, das doch eigentlich im Verborgenen geschehen sollte, entgegen meiner Gewohnheit niederschreibe (der Grund dafür der ist), von der göttlichen Barmherzigkeit die Annahme der Worte dieses Buches anstelle (der Worte) meiner Zunge zu erbitten, wenn der Tod meine Zunge bereits zum Schweigen gebracht hat. In diesem so kurzen Leben sind die Reue und das Bedauern, das ich mit meiner Zunge vorübergehend (zum Ausdruck bringen kann), in der Tat ungenügend, um in dieser kurzen Zeit meines Lebens für meine unendlich vielen Sünden Vergebung erlangen zu können. Die Zunge dieses Buches ist dagegen bis zu einem gewissen Grade beständiger und daher besser geeignet. So schrieb ich denn vor dreizehn Jahren, {(*): Dreizehn Jahre vor der Veröffentlichung dieser Abhandlung.} als sich infolge der Stürme und Wirbelwinde in meiner Seele (ruh)das Lachen des Alten Said in das Weinen des Neuen Said verwandelte und ich am Morgen des Alters aus dem Schlaf jugendlicher Gottvergessenheit erwachte, meine Seufzer und mein Flehen in Arabisch nieder. Dessen Bedeutung auf Türkisch ist kurz gefasst folgende:
Oh Du mein Barmherziger Herr (Rabb-i Rahiem)!Mein Freigiebiger Schöpfer (Khaliq-i Keriem)!
Durch eine falsche Entscheidung (su-i ihtiyar)meinerseits sind meine Lebenszeit und meine Jugendzeit nutzlos vergangen. Alles, was mir von diesem meinem Leben und meiner Jugend als Frucht in meiner Hand geblieben ist,
sind Sünden, die mich schmerzen, Schmerzen, die mich demütigen und Einflüsterungen (vesvese),die mich in die Irre führen wollen. Und mit diesem schweren Joch und meinem kranken Herzen nähere ich mich, die Schamröte im Gesicht, meinem Grabe. So wie alle meine Freunde, Verwandten und Altersgenossen, die bereits vor meinen Augen gestorben sind, werde auch ich, so wie sie, ohne allen Unterschied oder irgendeine Abweichung nach rechts oder links, mich dem Grabe nähern.
Dieses Grab ist die erste Wohnstatt auf dem Weg aus dieser flüchtigen Welt in die Welt eines ewig Abgeschieden-seins und die erste Tür, die sich zu ihr öffnet. Und ich habe mit absoluter Sicherheit verstanden, dass dieser Weltbereich (dunya),an den ich gefesselt und in dem ich gefangen bin, nur vergänglich ist. Er wird sterben, untergehen und verschwinden. Und wie man beobachten kann, ziehen alle Lebewesen in ihm, Karawane um Karawane durch ihn hindurch und gehen verloren. Und besonders für solche, die so wie ich in sich eine eigenwillige Seele (nefs-i emmare)tragen, ist diese Welt besonders grausam und trügerisch. Für eine Freude, die sie gibt, lässt sie (die Menschen) tausend Schmerzen erleiden. Für eine Traube, die sie gibt, teilt sie hundert Ohrfeigen aus.
Oh Du mein Barmherziger Herr (Rabb-i Rahiem)und Freigiebiger Schöpfer (Khaliq-i Keriem)!
Entsprechend dem Geheimnis von كُلُّ اٰتٍ قَرِيبٌ {"Alles, was kommt, ist nahe."} erkenne ich heute: Ich werde mich binnen kurzer Zeit in mein Leichentuch hüllen, in meinen Sarg steigen und mich von meinen Freunden verabschieden. Während ich mich dem Grabe zuwende und davon gehe, rufe ich weinend in der Sprache des Zustandes (lisan-i hal)meiner Leiche und mit den Ausdrücken der Sprache (lisan-i qal)meines Geistes (ruh)am Hofe (dergah)Deines Erbarmens (rahmet):Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman),
oh Erbarmer (ya Hannan),oh Barmherziger (Ya Mannan),errette mich vor der Schande meiner Sünde!
So habe ich denn den Rand meines Grabes erreicht. Das Leichentuch um meinen Leib geschlungen stehe ich am Rande meines Grabes, oberhalb meines Leichnams, erhebe mein Haupt zum Dergah Deines Erbarmens und schreie klagend, mit ganzer Kraft: Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman),oh Erbarmer (ya Hannan),oh Barmherziger (ya Mannan),befreie mich von der schweren Bürde meiner Sünden!
So bin ich denn nun in das Grab hinabgestiegen. Ich bin eingehüllt in mein Leichentuch. Die mich bis hierher begleitet haben, haben mich hier zurückgelassen und sind davon gegangen. Ich aber warte auf Deine Verzeihung (afw)und Dein Erbarmen (rahmet)...Nun kann ich bezeugen, dass es keinen Ort der Zuflucht und keine Rettung gibt außer bei Dir. Und mit all meiner Kraft rufe ich zu Dir, mit dem hässlichen Gesicht meiner Sünden, der wilden Gestalt meiner Auflehnung und aus der Enge dieser Stätte heraus:
Gnade und Erbarmen (el Aman el Aman),oh Erbarmer (ya Rahman, ya Hannan),oh Barmherziger (ya Mannan),oh Du mein Richter (ya Deyyan),befreie mich aus dieser Gesellschaft meiner hässlichen Sünden, weite (meiner Seele) diesen Platz! Oh mein Gott, Dein Erbarmen ist meine Zufluchtsstätte und Dein Geliebter (Habib),das Erbarmen aller Welt, ist das Fahrzeug, um Dein Erbarmen zu erlangen. Nicht Dich klage ich an, sondern meine Seele (nefs)und meinen eigenen Zustand (hal)beklage ich vor Dir!
Oh Du, mein Freigiebiger Schöpfer (Khaliq-i Keriem)!Mein Barmherziger Herr (Rabb-i Rahiem)!
Dein Geschöpf, mit Namen Said, Dein Kunstwerk und Dein Diener, der doch aufständisch, schwach, unaufmerksam, unwissend, ungehorsam, blind, elend und nun alt geworden ist, einem Wegelagerer und einem Sklaven gleich, der seinem Herrn (seyyid)davon gelaufen ist, bereut nun nach vierzig Jahren und möchte zu Deinem Dergah wieder zurückkehren. Er nimmt nun Zuflucht zu Deinem Erbarmen. Er bekennt Dir seine zahllosen Sünden und
Fehlleistungen... Von Zweifeln geplagt und den verschiedensten Krankheiten betroffen, seufzt er und fleht er zu Dir. Wenn Du in Deiner vollkommenen Barmherzigkeit ihn annimmst, ihm vergibst und Dich seiner erbarmst, so ist dies Deiner würdig, denn Du bist ja der Erbarmer, der Allbarmherzige (Erhamurrahimien).Wenn Du ihn aber nicht annimmst... an welcher Türe außer Deiner Türe soll ich dann anklopfen? Welch andere Tür gibt es noch? Außer Dir gibt es keinen Herrn (Rabb),sodass man zu Seinem Hof (Dergah)gehen könnte. Es gibt keinen wahrhaft Anbetungswürdigen (Ma'bud)außer Dir, sodass man bei Ihm Zuflucht suchen könnte... "
لآَ اِلٰهَ اِلاَّ اَنْتَ وَحْدَكَ لاَ شَرِيكَ لَكَ اٰخِرُ الْكَلاَمِ فِى الدُّنْيَا وَ اَوَّلُ الْكَلاَمِ فِى الْاٰخِرَةِ وَ فِى الْقَبْرِ اَشْهَدُ اَنْ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ اللّٰهُ وَ اَشْهَدُ اَنَّ مُحَمَّدًا رَسُولُ اللّٰهِ صَلَّى اللّٰهُ تَعَالٰى عَلَيْهِ وَ سَلَّمَ
{"Es gibt keine Gottheit außer Dir. Du bist der Eine Allgegenwärtige. Keinen Teilhaber hast Du (an Deiner Gottheit). Mein letztes Wort in dieser Welt und mein erstes Wort im Grabe und in jener Welt ist: 'Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott, und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist. Gott der Erhabene schenke ihm Friede und Segen!'"}
Dreizehnte Notiz
Fünf Fragestellungen, die ein Anlass zu Verwechslungen gewesen sind.
Erstens:
Obwohl doch die, welche auf ihrem Weg (tariq)schaffen und sich mühen, doch eigentlich an ihre eigene Aufgabe (vazife)denken sollten, denken sie stattdessen an die Aufgabe, die Gott dem Gerechten gehört und bauen ihre Handlungen dementsprechend darauf auf und fallen so in einen Irrtum. In der Abhandlung: "Morallehre in religiösen und weltlichen Angelegenheiten" ist zu lesen, dass der Satan einmal Jesus, mit dem der Friede sei, versuchte und zu ihm sagte: "Da die Stunde des Todes und des Endes aller Dinge (edjel)in Gottes Vorherwissen (qader-i Ilahi)liegt, stürze dich von dieser Höhe hier hinab und sieh einmal zu, wie du stirbst!" Doch Hasret Isa,
mit dem der Friede sei, entgegnete ihm:
اِنَّ لِلّٰهِ اَنْ يَخْتَبِرَ عَبْدَهُ وَ لَيْسَ لِلْعَبْدِ اَنْ يَخْتَبِرَ رَبَّهُ
{"Fürwahr, es obliegt Gott, Seinen Diener zu prüfen und nicht dem Diener, seinen Herrn zu prüfen." (*) Vergleiche: Evang. Matth. 4,1-8 und Psalm 91, 9-13}
Das heißt: "Gott der Gerechte stellt Seinen Diener auf die Probe und sagt zu ihm: Wenn du dieses tust, so tue ich dir jenes. Wollen wir einmal sehen, ob du das tun kannst? - So sagt er zu ihm und stellt ihn so auf die Probe. Doch Sein Diener hat nicht das Recht und die Macht, Gott den Gerechten auf die Probe zu stellen und zu Ihm zu sagen: Wenn ich dieses täte, würdest Du dann jenes tun? - Sich auf diese Art als den Prüfer aufzuspielen, als wolle man auf diese Weise die Herrschaft (rububiyet)Gottes des Gerechten einer Prüfung unterziehen, ist Zeichen eines schlechten Benehmens (su-i edeb)und widerspricht (dem Geist) des Dienstes und der Anbetung." Da dies aber nun einmal die Wahrheit ist, sollte der Mensch seine eigene Aufgabe erfüllen und sich nicht um die Aufgabe Gottes des Gerechten bekümmern.
Auch ist es ja bekannt, dass Jalaluddin Kharzemschah, einer der Helden des Islam, der schon viele Male das Heer des Dschingis Khan besiegt hatte, einmal ins Feld zog, als seine Minister und Gefolgsleute zu ihm sagten: "Du wirst siegreich sein. Gott der Gerechte wird dich zum Sieger machen." Er aber antwortete: "Ich bin in Gottes Dienst dazu beauftragt, mich für Ihn einzusetzen (Djihad).So kümmere ich mich nicht um die Aufgabe Gottes des Gerechten. Mich zum Sieger oder zum Besiegten zu machen ist Seine Aufgabe." Indem er also seine Hingabe (teslim)unter diesem Geheimnis verstand, war er bei vielen Gelegenheiten wunderbarerweise siegreich.
Der Mensch sollte in der Tat bei seinen freiwilligen Einsätzen (djuz-i ihtiyar)nicht an die Ergebnisse denken, die Gottes des
Gerechten sind. So feuern z.B. die jungen Leute, die der Risale-i Nur folgen mit ihrem Enthusiasmus eine Reihe unserer Brüder an und bewegen sie dazu, ihre Anstrengungen noch zu erhöhen. Wenn aber diese jungen Leute nicht zuhören, so wirkt das demoralisierend auf die schwachen unter uns und ihr Enthusiasmus schwindet ein wenig; während hingegen der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, der absolute Meister (Ustadh-i Mutlaq),der universale Führer und vollkommene Leiter war, aber den Ferman Gottes وَماَ عَلَى الرَّسُولِ اِلاَّ الْبَلاَغُ {"Dem Propheten obliegt nur die Pflicht der Verkündigung." (Sure 5, 99)} für sich selbst als seinen absoluten Führer nahm. Wenn die Leute noch zögerten oder sich zurückzogen und nicht auf ihn hörten, verstärkte er seinen Eifer, seine Mühe und seinen Ernst in der Verkündigung (tebligh)nur noch mehr. Denn nach dem Geheimnis von
اِنَّكَ لاَ تَهْدِى مَنْ اَحْبَبْتَ وَلٰكِنَّ اللّٰهَ يَهْدِى مَنْ يَشَآءُ
{"Fürwahr, du kannst nicht jeden rechtleiten, den du magst, denn Gott ist es, der rechtleitet, wen er will." (Sure 28, 56)}
verstand er, dass es die Aufgabe Gottes des Gerechten ist, die Menschen dazu zu bringen, hinzuhören und ihnen Rechtleitung zu geben. So mischte er sich nicht in die Aufgaben Gottes des Gerechten ein.
Weil dies aber nun so ist, oh ihr, meine Brüder, sollt auch ihr euch nicht in die Aufgaben (Gottes) einmischen, indem ihr in euren Handlungen auf dem aufbaut, was nicht eure Aufgabe ist, und sollt auch nicht eine solche Haltung einnehmen, als wolltet ihr euren Schöpfer damit testen!...
Zweite Fragestellung:
Dienst und Anbetung (ubuduyet)beziehen sich auf die göttlichen Anweisungen (emr-i Ilahiye)und das Wohlwollen Gottes (riza-yi Ilahiye).Der Grund für unseren Dienst und unsere Anbetung
ist die göttliche Anweisung (emr-i Ilahiye)und seine Folge die Zufriedenheit des Gerechten (riza-yi Haq).Seine Früchte und der Nutzen aber liegen im Jenseits. Und solange sie nicht unser einziges Ziel sind und unsere Absicht (qasd)nicht mit diesem Wunsch als Bedingung verbunden ist, ist auch der Nutzen dieser Welt (dunya)und stehen die Früchte, die sich ganz aus sich selbst einstellen und gegeben wurden, ohne gefordert zu werden nicht im Gegensatz zu Dienst und Anbetung. Sie dienen vielmehr dazu, die schwachen zu ermutigen und so (dem Dienst) den Vorzug zu geben. Wenn aber dieser Nutzen und Gewinn zum Ziel unseres Dienstes (ubudiyet),unserer Rezitationen (vird, dhikr)wird oder doch teilweise zu einem Grund dafür, so wird auch unser Dienst teilweise dadurch entwertet. Er macht vielmehr die Qualität unserer Anrufungen (vird)zunichte und führt zu keinem Ergebnis.
Und so lesen z.B. diejenigen, die dieses Geheimnis noch nicht verstanden haben die "Heiligen Rezitationen (Evrad-i Qudsiye)"von Schah Naqshibandi, die hundert Vorzüge und Verdienste erbringen, oder die "Große Rüstung (Djauschanu-l'Kebir)",die deren Tausend erbringt, und machen dabei einen Teil dieser Nutzanwendung zu ihrer eigentlichen Absicht (niyet).Auf diese Weise erlangen sie keine Verdienste und werden sie auch nicht erlangen und haben auch gar kein Recht dazu, sie zu erlangen. Denn diese Verdienste können nicht der Zweck dieser Anrufungen (evrad)sein. Sie können nicht als die Hauptsache und nicht in dieser Absicht (qasd)eingefordert werden. Denn sie werden in Form einer Gnade für eine lautere Rezitation erlangt, wenn man nicht nach ihnen verlangt. Wenn sie beabsichtigt (niyah)sind, wird die Aufrichtigkeit (ikhlas)dadurch zerstört. Vielmehr sind sie dann kein Dienst (ubudiyet)mehr und haben ihren Wert verloren. Es bleibt nur insoweit (noch zu sagen), dass schwache Menschen etwas brauchen, was sie ermutigt, diese verdienstvollen Rezitationen zu lesen und in sich selbst zu bevorzugen. Wenn sie dabei an ihre Verdienste denken und sodann eifrig diese Rezitationen um der Zufriedenheit
Gottes willen, um des Jenseits willen lesen, so schadet das nicht. Ja man kann es sogar akzeptieren. Es kommt daher, dass viele diese Weisheit nicht verstanden haben, wenn sie einem Zweifel verfallen, da sie die Vorzüge nicht sehen, von denen die Pole (aqtab)und die Gerechten früherer Generationen (selef-i salihin)gesprochen haben und sie sie dann sogar bestreiten.
Dritte Fragestellung:
طُوبٰى لِمَنْ عَرَفَ حَدَّهُ وَلَمْ يَتَجَاوَزْ طَوْرَهُ
Das heißt: "Glücklich der Mensch, der sich selbst kennt und seine Grenzen nicht überschreitet."
So findet z.B. die Sonne ihr Spiegelbild angefangen von einem Stückchen Glas, einem Tropfen Wasser, einem See, dem Ozean und dem Mond bis hin zu den Planeten. Ein jedes von ihnen trägt entsprechend seiner Fähigkeit ihren Widerschein und ihr Spiegelbild in sich und kennt seine Grenzen. Ein Tropfen Wasser sagt entsprechend seiner Fähigkeit: "In mir spiegelt sich die Sonne." Er kann aber nicht sagen: "Ich bin genauso ein Spiegel wie der Ozean." In genau der gleichen Weise gibt es Abstufungen auch unter den Rängen der Gottesfreunde in Übereinstimmung mit der Verschiedenheit der Manifestationen der Namen Gottes. Jeder einzelne dieser Namen Gottes hat seine Manifestationen so wie die Sonne, die vom Herzen bis hinauf zum Throne Gottes reichen. Auch das Herz ist ein Thron. Aber es kann nicht sagen: "Ich bin genauso wie der Thron."
So halten denn die, welche in stolzer und koketter Weise einherschreiten, statt ihre Armut und Schwäche (adjz ve fakr),ihre Fehler und Mängel zu kennen und dabei sich in flehentlichem Gebet an der Schwelle (Dergah)der Gottheit niederzuwerfen, was doch die Grundlage des Dienstes und der Anbetung ist, ihr kleines Herzchen für den Thron. Sie verwechseln ihren eigenen, einem Tropfen gleichenden Zustand (maqam)mit dem Zustand der Gottesfreunde,
der einem Ozean gleicht. Um sich selbst diesem hohen Rang (maqam)anzunähern und auf dieser Ebene (maqam)zu halten, verfallen sie einem gekünstelten, vorgespielten, zwar bedeutungslosen aber doch selbstgefälligen (Verhalten) und bereiten sich damit eine ganze Reihe von Schwierigkeiten.
Zusammenfassung:
Es gibt eine Hadith, die sagt:
هَلَكَ النَّاسُ اِلاَّ الْعَالِمُونَ وَهَلَكَ الْعَالِمُونَ اِلاَّ الْعَامِلُونَ وَهَلَكَ الْعَامِلوُنَ اِلاَّ الْمُخْلِصُونَ وَالْمُخْلِصُونَ عَلٰى خَطَرٍ عَظِيمٍ
{"Es werden alle Menschen zu Grunde gehen, außer den Wissenden, und auch die Wissenden gehen zu Grunde, außer denen, die nach diesem Wissen handeln, und auch diese werden zu Grunde gehen, außer den Wahrhaftigen, und auch diese sind in großer Gefahr."}
Das aber heißt: Das einzige Mittel der Rettung (nedjat)und Erlösung ist die Aufrichtigkeit (ikhlas).Aufrichtigkeit zu gewinnen ist also sehr wichtig. Ein Körnchen Aufrichtigkeit im Handeln ist vielen Batman (= einem Zentner) unaufrichtigen Verhaltens vorzuziehen. Ausgangspunkt zu einer Handlung, mit der man Aufrichtigkeit erwirkt, ist, stets an Gottes Weisungen (emr-i Ilahi)zu denken und wie man die Zufriedenheit Gottes (riza-yi Ilahi)als ihr Ergebnis erzielt. Auch sollte man sich nicht einmischen in das, was Gottes Aufgabe (vazife-i ilahi)ist.
Aufrichtigkeit findet sich in einem jeden Ding. Selbst die Liebe, mit einem Körnchen Aufrichtigkeit versehen, ist vielen Batman einer Liebe unter politischen Freunden oder Geschäftsfreunden vorzuziehen. So hat denn einmal jemand diese aufrichtige Liebe folgendermaßen beschrieben:
وَمَآ اَنَا بِالْبَاغِى عَلَى الْحُبِّ رُشْوَةً ضَعِيفٌ هَوًى يُبْغىَ عَلَيْهِ ثَوَابُ
Das heißt: "Ich möchte kein Bestechungsgeld, keinen Lohn, keine Gegenleistung und kein Entgeld für meine Liebe." Denn eine Liebe, die ein Entgeld als Gegenleistung verlangt, ist schwach und vergänglich. Ja eine reine Liebe ist in die menschliche Natur (fitrat-i insaniye)und die aller Mütter
eingebettet. So offenbart sich denn diese lautere Liebe (khalis muhabbet)in ihrer wahren Bedeutung durch die Liebe (shefqat)der Eltern. Ein Beweis dafür, dass Mütter im Geheimnis dieser Liebe (sirr-i shefqat)keinen Lohn und kein Bestechungsgeld suchen zum Ausgleich für die Liebe zu ihren Kindern, ist das Opfer ihres Lebens (ruh),ja für sie sogar (völlig auf jeglichen Gedanken an) die Glückseligkeit im Jenseits (zu verzichten). Weil das gesamte Vermögen einer Henne ihr Leben ist, opferte, wie Husrev bezeugte, einmal eine Henne ihren Kopf, um ihr Junges vor dem Maul eines Hundes zu retten.
Vierte Fragestellung:
Man sollte Wohltaten (ni'met),die man aus gutem Grund in die Hände bekommt, nicht den Ursachen (esbab),die dazu geführt haben, in Rechnung stellen. Wenn eine solche Ursache keinen eigen Willen (ihtiyar)hat, wie z.B. ein Tier oder ein Baum, führt es die Gnadengaben (ni'met)Gottes unmittelbar auf Gott den Gerechten zurück. Da sie nun einmal unausgesprochen "im Namen Gottes" sagt, und sie dir dann gibt, solltest auch du "im Namen Gottes" sagen und sie in Gottes Namen annehmen. Wenn diese Ursache einen freien Willen hätte (ihtiyar sahibi),müsste sie auch "im Namen Gottes (bismillah)"sagen können. Danach solltest du sie annehmen; so nicht, solltest du sie auch nicht annehmen. Denn neben der ausdrücklichen Bedeutung der Ayah:
وَ لاَ تَاْكُلُوا مِمَّا لَمْ يُذْكَرِ اسْمُ اللّٰهِ عَلَيْهِ
{"Esst nicht von dem, worüber der Name Gottes nicht ausgesprochen worden ist!" (Sure 6, 121)}
gibt es noch eine indirekte Bedeutung, und diese ist folgende: "Esst nicht von solchen Gnadengaben (ni'met),die nicht den wahren Geber aller guten Gaben (Mun'im-i Haqiqi)in Erinnerung rufen und nicht in Seinem Namen gegeben worden sind!" Weil dies aber so ist, sollte sowohl der, der etwas gibt "im Namen Gottes!", als auch der, der etwas annimmt "im Namen Gottes!" sagen. Sagt er es nicht, du aber siehst dich gezwungen, es dennoch anzunehmen, sage:
"im Namen Gottes!", schaue auf die Hand der göttlichen Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahiye)über ihm, küsse sie in Dankbarkeit (shukur),und nimm es an. Also lenke deine Blicke von der Gnadengabe (nimet)auf den Akt des Gebens (in'am)und lenke dann deine Gedanken von diesem Akt des Gebens (in'am)auf den wahren Geber aller Guten Gaben (Mun'im-i Haqiqi).Diese Art zu denken ist auch eine Art zu danken (shukur).Danach magst du noch, so du willst, für den offensichtlichen Mittler ein Gebet (dua)sprechen. Denn durch seine Hand wurde dir diese Gnadengabe (nimet)überbracht.
Was diejenigen, welche die offensichtlichen Ursachen anbeten, so täuscht, sind die beiden Dinge, die entweder zusammenkommen oder beieinander sind, was man als eine Übereinkunft (iqtiran)bezeichnet; das heißt, sie stellen sich vor, dass sie einander bedingen. Wenn nun zudem das Fehlen (adem)eines Dinges die Ursache dafür ist, dass eine Spende (ni'met)nicht zu Stande kommt, denkt man, dass die Anwesenheit (vudjud)dieses Dinges auch der Grund für das zu Stande kommen der Spende (ni'met)ist. Wer aber nun seine Huldigung (minnet)und seine Dankbarkeit (shukr)diesem Dinge darbringt, begeht einen Fehler (hata).Denn das zu Stande (vudjud)kommen einer Gnadengabe (ni'met)ist das Ergebnis aller Bedingungen und Umstände dieser Gnadengabe, während das Ausbleiben (adem)einer Spende (ni'met)dadurch zu Stande kommen kann, dass eine einzige Bedingung nicht erfüllt (ademiyle)ist.
Zum Beispiel: Ein Mann, der den Bewässerungskanal einer Gartenanlage nicht öffnet, ist Grund und Ursache dafür, dass der Garten austrocknet und keine Früchte mehr bringt. Doch das Gedeihen von Früchten in diesem Garten ist von hunderterlei Bedingungen abhängig, neben den Pflichten dieses Mannes. Und die Früchte treten ins Dasein durch die Macht und den Willen ihres Herrn (qudret ve irade-i Rabbani),der ihre wahre Ursache bestimmt. So verstehe denn nun, wie deutlich doch der Irrtum jener Spiegelfechter ist und wie verkehrt jene handeln, die die Ursachen anbeten!
So ist denn in der Tat die Übereinkunft (iqtiran)das eine und die Ursache (illet)das andere. Du empfängst z.B. eine Gabe (ni'met).Die Absicht (niyet)einer Person, sie dir zukommen zu lassen, ermöglicht
eine Übereinkunft, ist aber nicht die Ursache dieser Gabe. Ursache (illet)war die göttliche Barmherzigkeit (rahmet-i Ilahiye).Hätte der Mann nicht die Absicht (niyet)gehabt, dir die Gabe zukommen zu lassen, würdest du sie in der Tat nicht empfangen haben und er wäre dann der Grund, der das Fehlen dieser Gabe (ni'metin ademi)verursachte. Doch infolge der obigen Regel, kann der Wunsch, zu schenken nicht der Grund für das Geschenk sein. Er kann nur eine von Hunderten von Bedingungen dafür sein.
Zum Beispiel: Einige derer, die unter den Schülern der Risale-i Nur (wie Husrev und Re'fet), welche die Gnadengaben Gottes des Gerechten empfangen hatten, haben Übereinkunft und Ursache (illet)miteinander verwechselt und sind deshalb ihrem Meister überaus dankbar gewesen. Doch Gott der Gerechte hat Seine Gnadengabe (ni'met)- aus dem Unterricht am Qur'an ihren Nutzen ziehen zu können - die er ihnen erwiesen hat und die Gnadengabe (ni'met)der Unterweisung, die Er ihrem Meister erwiesen hat, miteinander vereinigt und verbunden (iqtirani illet).So sagen sie: "Wäre unser Meister nicht gekommen, hätten wir diese Unterweisung nicht von ihm empfangen. So ist also seine Unterweisung der Grund (illet)für den Nutzen (den wir daraus gezogen haben)."
Ich aber sage: "Oh meine Brüder! Die Gnadengaben Gottes des Gerechten, die Er mir und euch erwiesen hat, sind gemeinsam angekommen. Der Grund (illet)für beide Gnadengaben ist Gottes Barmherzigkeit. Auch ich habe so wie ihr manchmal die Übereinkunft (iqtiran)mit der Ursache (illet)verwechselt und viel Dankbarkeit gegenüber den Hunderten Schülern der Risale-i Nur mit ihren diamantenen Schreibfedern empfunden. Ich wollte dann sagen: "Wären sie nicht für mich da gewesen, wie hätte dann gleich mir, ein armer, halbgebildeter Mensch, diesen Dienst erweisen können?" Dann aber begriff ich, dass Er mir den Erfolg in meinem Dienst schenkte, nachdem ich euch mit meiner Feder diesen heiligen Dienst erwiesen hatte. Er hat beides miteinander verbunden. Sie waren aber nicht eine des anderen Ursache. Ich danke euch nicht; ich gratuliere
euch aber. Und auch ihr solltet für mich beten und mir gratulieren, anstatt mir dankbar zu sein."
Aus dieser vierten Fragestellung lässt sich nun verstehen, wie viele verschiedene Abstufungen der Gottvergessenheit (ghaflet)es gibt.
Fünfte Fragestellung:
Wollte man z.B. das Eigentum der Gemeinschaft einem einzelnen Menschen geben, so wäre das unrecht. Wollte in ähnlicher Weise jemand Hand an eine karitative Einrichtung legen, die doch der Gemeinschaft gehört, so tut er damit ein Unrecht. Wenn jemand in ähnlicher Weise dem Leiter oder Meister einer Gemeinschaft die Ergebnisse der Arbeit dieser Gemeinschaft, oder die Ehre, oder die Verdienste ihrer guten Werke zuschreiben wollte, so wäre das ein Unrecht sowohl gegenüber der Gemeinschaft als auch gegenüber dem Leiter oder Meister, denn es schmeichelt seinem Stolz (gurur)und stärkt noch seinen Egoismus (enaniyet).Während er doch nur der Pförtner ist, hält er sich selbst dann für einen König. Aber er tut auch sich selber Unrecht. Ja er öffnet sogar den Weg zu einer Art unbewussten Abgötterei (shirk-i khafiye).Der General, der eine Festung erobert, kann in der Tat nicht die Beute, den Sieg und die Ehre für sich beanspruchen, die seiner Armee zukommen. Der Meister (Ustadh)und geistliche Führer (Murshid)sollte nicht als die Quelle und der Ursprung, sondern vielmehr als ein Spiegelreflex, eine Art Verkörperung angesehen werden. Zum Beispiel: Licht und Hitze gelangen zu dir mit Hilfe eines Spiegels. Wenn du nun aber vergisst, dass die Sonne deren Ursprung ist und du dem Spiegel dankbar wärest statt der Sonne, so wäre das irrsinnig. Der Spiegel sollte in der Tat erwähnt werden, denn in ihm erscheint (mas'har)ja die Sonne.
So gleichen denn Herz und Verstand (ruh)des Lehrers (Murshid)einem solchen Spiegel. Er ist der Reflektor jenes Segens, der von Gott dem Gerechten ausgeht. Er (der Murshid)ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe Er (= Gott) sich in seinen Schülern (Muried)widerspiegelt. Er sollte ihm im Hinblick auf diesen Segen keinen höheren Status einräumen
als den eines Mittlers. Ja es geschieht manchmal sogar, dass ein Ustadh, den man für die Quelle hält, weder die Reflexion (mas'har)noch der Reflektor (masdar)ist. Vielmehr glaubt einer seiner Schüler der Segen, den er empfängt, entsprechend der Reinheit seiner Aufrichtigkeit (ikhlas),der Stärke seiner Verbundenheit und der Begrenztheit seiner Sichtweise, käme aus dem Geist des Spiegels seines Ustadh, so wie einige Leute kraft ihrer magnetischen Ausstrahlung ein Fenster zur Welt der Gleichnisse (alem-i misal)öffnen, indem sie aufmerksam in einen Spiegel starren und dann wunderbare und seltsame Dinge darin erblicken. Doch sie sind nicht in dem Spiegel. Indem sie ihre Aufmerksamkeit auf den Spiegel richten, öffnet sich in ihrer Imagination (hayal)außerhalb des Spiegels ein Fenster, worin sie dann derartige Dinge erblicken. Es ist aus diesem Grund, dass manchmal ein aufrichtiger Schüler weiter fortgeschritten ist als sein etwas beschränkter Scheich. Er kehrt dann zurück, leitet seinen Scheich und wird so der Scheich seines Scheichs.
Vierzehnte Notiz
Besteht aus vier kurzen Hinweisen auf die Einheit Gottes (Tauhid).
Erster Hinweis:
Oh du Anbeter der Ursachen! Du erblickst einen wunderbaren Palast, der aus einzigartigen Juwelen erbaut wurde und der sich noch im Bau befindet. Einige dieser Juwelen, die zum Bau verwendet werden, findet man nur in China, andere in Andalusien, wieder andere im Jemen, während man einige von ihnen ausschließlich in Sibirien findet. Wenn du nun siehst, wie es gebaut wird und wie dabei alle diese kostbaren Steine am selben Tag von Norden, Süden, Osten, Westen gesammelt und herbeigeschafft werden, würdest du dann etwa noch daran zweifeln, dass der Baumeister, der dieses Schloss erbaut, ein Wundertäter ist, der die ganze Welt regiert?
So gleicht denn auch ein jedes Tier einem solchen
göttlichen Palast. Besonders der Mensch ist das schönste Exemplar in diesem Schloss und das wunderbarste Wesen in diesem Palast. Einige der Juwelen dieses Palastes, den man "Mensch" nennt, kommen aus der Welt der Geister (alem-i ervah),einige aus der Welt der Abbildungen und Beispiele (alem-i misal)und aus der Wohlverwahrten Tafel (Lauh-i Mahfudh),wieder andere aus der Welt der Lüfte und der Winde, aus der Welt des Lichtes oder aus einer der Welten anderer Elemente. Und so ist auch er ein solch wunderbarer Palast, dessen Bedürfnisse sich bis in die Ewigkeit hinein ausstrecken und dessen Hoffnungen sich über alle Regionen der Himmel und der Erde ausstrecken und der seine Verbindungen und Interessen mit allen Epochen in dieser und in jener Welt hat.
Wohlan denn, oh Mensch, der du dich selbst für einen Menschen hältst! Da deine wahre Natur (mahiyet)nun einmal so beschaffen ist, kann Der, welcher dich erschaffen hat, nur einer sein, für Den diese und jene Welt eine Wohnstatt, Erde und Himmel eine Seite sind, Der über Zeit und Ewigkeit (edhel ve ebed)wie über Gestern und Morgen herrscht. Da dies aber nun einmal so ist, kann des Menschen wahrhaft Angebeteter (mabud),sein Zufluchtsort, sein Erlöser, nur Der sein, Der die Erde und die Himmel regiert (hükmeder)und die Zügel über diese und die künftige Welt in Seinen Händen hält (malik).
Zweiter Hinweis:
Es gibt da noch einige Toren, die, weil sie die Sonne nicht wahrnehmen können, beginnen, wenn sie sie in einem Spiegel erblicken, sich in ihren Spiegel zu verlieben. Sie versuchen nun Ihn mit sehr viel innerer Bewegung zu bewahren und zu erhalten, damit die Sonne in ihm nicht verloren gehe. Wann immer ein solcher Tor sich realisiert, dass die Sonne mit dem Tode des Spiegels nicht stirbt und nicht verloren geht, wenn der Spiegel zerbricht, so wendet er all seine Liebe der Sonne im Himmel zu. Er versteht nun, dass die Sonne, die er im Spiegel erblickt hatte, von diesem Spiegel nicht abhängig ist. Es ist vielmehr die Sonne, die den Spiegel in seiner Funktion erhält und ihm zu seinem Glanz und seinem
Licht verhilft. Der Fortbestand der Sonne ist nicht von dem Spiegel abhängig, vielmehr ist der Fortbestand des lebendigen Glanzes in dem Spiegel abhängig von der Erscheinung der Sonne.
Oh Mensch! Dein Herz, deine Identität und deine Natur (mahiyet)sind dieser Spiegel. Diese intensive Liebe zur Beständigkeit, wie sie sich in deiner Natur (fitra)und in deinem Herzen finden, sollte nicht deinem Spiegel, nicht deinem Herzen und auch nicht deiner Natur (mahiyet)gehören, sondern dem Aufscheinen des Beständigen in Seiner Majestät (Baqi-i Dhu l-Djelal),dessen Manifestation der Widerschein in deinem Spiegel ist, entsprechend dessen Fähigkeit. Doch auf Grund deiner Torheit richtet sich das Antlitz deiner Liebe auf andere Orte. Weil dies aber so ist, sage:
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Beständiger! Du bist es, der beständig ist und bleibt."}
Das heißt: "Da es nun einmal Dich gibt und Du der Beständige bist! Lass nun all das, was Flüchtigkeit und Vergänglichkeit und das Nicht-Sein fordern, an uns geschehen! Es ist nicht von Bedeutung!..."
Dritter Hinweis:
Oh Mensch! Der seltsamste Charakterzug (hal),den der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem)in deine Natur (mahiyet)hineingelegt hat, ist der: Du kannst manchmal deinen Platz in der Welt (dunya)nicht finden. Wie ein Mensch, der in seinem Gefängnis zu ersticken droht und stöhnt: "Ach! Ach!", kriechst du, obwohl du dich doch nach einem weiträumigeren Platz als dieser Erde (dunya)sehnst, in ein winzig kleines Etwas, eine Erinnerung, einen Augenblick hinein und lässt dich darin nieder. Dein Herz und dein Verstand, die in dieser riesig großen Welt keinen Platz finden können, lassen sich in diesem winzig kleinen Etwas nieder. Mit deinen intensivsten Gefühlen wanderst du in diesem kurzen Augenblick, in diesem kleinen Stückchen einer Erinnerung umher.
Und er gab deiner Natur (mahiyet)derartige Werkzeuge des Geistes (manevi)und subtile innere Organe (latifeler),dass einige von ihnen in der Lage wären, die ganze Welt (dunya)zu verschlingen ohne satt zu werden, während andere von ihnen
noch nicht einmal ein winzig kleines Stäubchen in sich aufnehmen können. So wie wir es nicht aushalten können, wenn wir auch nur ein Haar im Auge haben, wo doch der Kopf einen Stein im Gewicht von einem Batman (= 8 kg) aushalten kann, so können auch diese feinen innerlichen Organe (letaifler)noch nicht einmal das Gewicht eines Haares vertragen, d.h. einen unbedeutenden Zustand (hal),der aus einer Gottvergessenheit, einem Irrglauben (ghaflet ve dalalet)herrührt. Ja sie gehen manchmal sogar daran zu Grunde und verlöschen.
Weil dies aber nun einmal so ist, nimm dich in Acht, tritt aufmerksam auf und hüte dich, dass du nicht versinkst! Ertrinke nicht in einem Häppchen, einem Wort, einem Korn, einem Funken, einem Wink oder Kuss! Versenke nicht diese großartigen feinen innerlichen Organe (letaifler),die die Welt verschlingen könnten, in ihnen! Denn es gibt ganz kleine Dinge die ganz große Dinge gewissermaßen verschlingen könnten. So wie der Himmel mit all seinen Sternen in ein kleines Stückchen Glas eingehen und darin ertrinken kann, die meisten Seiten deiner Handlungen und Blätter deines Lebens in dein Erinnerungsvermögen, klein wie ein Senfkorn, eingehen können, so gibt es auch ganz kleine Dinge, die solche großen Dinge gewissermaßen verschlingen, verschlucken können.
Vierter Hinweis:
Oh du weltanbetender Mensch! Obwohl du dir deine Welt als die große, weite (Welt) vorstellst, gleicht sie doch nur einem engen Grab. Doch da die Wände dieser, einem engen Grab gleichenden Wohnstatt aus Glas sind, spiegeln sie sich ineinander und dehnen sich aus, soweit das Auge reicht. Und obwohl deine Welt so eng ist wie ein Grab, erscheint sie doch so groß wie eine ganze Stadt. Denn obwohl doch die rechte Wand, welche (nach arabischer Schreibweise - A.d.Ü.) die Vergangenheit ist, und die linke Wand, welche die Zukunft ist, nicht existent, gar nicht da sind, so spiegeln sie sich doch ineinander und öffnen ihre Schwingen in eine gegenwärtige Zeit, die nur sehr kurz und eng ist. Wirklichkeit (haqiqat)
mischt sich mit Vorstellung (hayal)und du stellst dir eine nicht vorhandene Welt als dein Dasein vor. So wie eine Linie (in einem Ventilator - A.d.Ü.) in rasche Drehung versetzt als eine breite Fläche erscheint, so ist auch deine Welt, obwohl sie doch nur eine dünne Linie ist, in Wirklichkeit eng. Doch in deiner Unachtsamkeit (ghaflet)und nur illusionären Vorstellung (vehm u hayal)dehnen sich ihre Wände in die Weite aus. Wenn du dich in dieser deiner engen Welt bewegst, stößt du dir deinen Kopf an den engen Wänden, die du doch so weit weg wähntest. Das wird dir deine Illusionen (hayal)vertreiben und deinen Schlaf verbannen. Dann wirst du sehen, dass deine große weite Welt enger als das Grab und noch schmaler als die Brücke (ins Paradies) ist. So vergeht deine Lebensspanne schneller als der Blitz. Dein Leben fließt davon, schneller als ein Sturzbach.
Da nun einmal das weltliche Leben, unser leibliches Dasein und auch das Leben der Tiere so ist, tritt aus diesem animalischen Zustand heraus, lass das Leibliche hinter dir und tritt ein in ein Leben des Herzens und des Geistes (ruh)!Dort wirst du einen Lebensbereich und eine Welt des Lichtes vorfinden, die noch weiter ist als die weite Welt, die du dir bisher vorgestellt hattest. Der Schlüssel zu dieser Welt besteht darin, das Herz die heiligen Worte لآَ اِلٰهَ اِلاَّ اللّٰهُ {"Es gibt keine Gottheit außer Gott."} aussprechen zu lassen, die das Geheimnis der Erkenntnis Gottes (marifetullah)und Seiner Gegenwart (vahdaniyet)zum Ausdruck bringen, und den Geist damit zu beschäftigen.
Fünfzehnte Notiz
Es handelt sich um die Ayat
فَمَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ خَيْرًا يَرَهُ ٭ وَ مَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ شَرًّا يَرَهُ
{"Und wer immer auch nur im Gewicht eines Stäubchens Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer immer auch nur im Gewicht eines Stäubchens Böses getan hat, wird es sehen." (Sure 99, 7-8)}
welche auf die vollendete Erscheinung des Namens "Beschützer (Hafidh)"hinweist. Wenn du einen Beweis für
die Wahrheit des Allweisen Qur'an suchst, betrachte die Seiten des Buches des Universums, das auf der Matrize des Offenkundigen Buches (Kitab-i Mubin)geschrieben wurde und du wirst jene gewaltige Manifestation des Namens "der Beschützer (Hafidh)"finden und andere Dinge, die in vielerlei Hinsicht der großen Wahrheit dieser ehrenwerten Ayat entsprechen.
So nimm z.B. eine Hand voll verschiedener Samenkörner verschiedener Bäume, Blumen und Gräser. Dann nimm diese Hand voll von all diesen unterschiedlichen, so gegensätzlich aussehenden Samenkörnern, von denen jedes anders (gestaltet ist) und einer anderen Sorte Blumen, Bäume oder Gräser (zugehört) und säe sie aus, vergrabe also diese kleinen Kästchen im Dunkeln in dunkler, einfacher, wie leblos erscheinender Erde. Dann bewässere sie mit einem einfachen Wasser, das weder Form, Farbe noch Gestalt kennt noch unterscheidet und geht, wohin du es wendest!
Nun komm zur Frühlingszeit, der Zeit der jährlich wiederkehrenden Auferstehung zurück! Und siehe da und beobachte genau, wie nun im Frühling, wenn der Israfilgleiche Engel des Donners den Regen ruft, so als blase er die Posaune des Jüngsten Gerichts, und so in dieser Zeit mit einer Guten Nachricht den Geist (ruh)in die Samen bläst, die unter der Erde begraben liegen, und du wirst sehen, wie diese Saaten, so sehr sie doch einander gleichen, miteinander vermengt und vermischt sind, in vollkommener Hingabe und ohne einen Fehler dem Kommando dessen folgen, der ihnen unter dem Namen "der Bewahrer (Hafidh)"erscheint, (dem Kommando) das von dem Allweisen Schöpfer (Fatir-i Hakim)ausgeht und so dem Gesetz der Natur (evamir-i tekvini)gehorchen. Sie folgen ihm und wachsen mit einer solchen Präzision (taufiq),dass in ihrem Wachstum ein geradezu (erstaunliches) Bewusstsein (shuur),Einsicht (basiret)und Absicht (qasd),Wille (irade),Wissen (ilm),Vollkommenheit (kemal)und Weisheit (hikmet)strahlend (wie die Sonne) sichtbar wird. Denn du
siehst, wie auf einmal alle diese einander Gleichenden sich voneinander trennen und voneinander unterscheiden.
So ist z.B. aus diesem kleinen Samenkörnchen inzwischen ein Feigenbaum geworden, der gerade damit begonnen hat, die Gnadengaben (ni'met)seines Allweisen Schöpfers (Fatir-i Hakiem)über unseren Köpfen auszubreiten. Er teilt sie aus, streckt sie uns mit seinen Händen entgegen. Und siehe einmal diese beiden Samenkörner, die oberflächlich betrachtet genau gleich aussehen. Das eine von ihnen hat eine Pflanze hervorgebracht, die wir eine Sonnenblume nennen, das andere eine Hortensie, so wie wir sie überall antreffen. Sie haben sich für uns geschmückt. Sie lächeln uns an und möchten von uns geliebt werden. Und jene Sorte Kerne dort hat schöne Früchte hervorgebracht. Erst sprossten ihre Keime (aus der Erde), dann wurden sie zu Bäumen. Der köstliche Geschmack (ihrer Früchte), ihr Duft, ihre (schöne) Form lässt uns das Wasser im Mund zusammen laufen. Sie laden uns zu sich ein und opfern sich für ihre Gäste, um von ihrer vegetabilen Lebensstufe zur animalischen Lebensstufe aufzusteigen. Und so weiter... Finde noch weitere Beispiele!
Diese Saatkörner entwickelten sich in der Weise, dass eine einzige Hand voll von ihnen einem Garten voll von Bäumen und Blumen gleich wurden. Und in ihm fand sich kein Fehler und kein Irrtum. Dies zeigt das Geheimnis von
فَارْجِعِ الْبَصَرَ هَلْ تَرٰى مِنْ فُطُورٍ
{"Wende noch einmal deinen Blick! Erkennst du irgendeinen Fehler?" (Sure 67, 3)}
Jedes Samenkorn bewahrt ohne jede Verwechslung und zeigt durch die Erscheinungsform des Namens "der Bewahrer (Hafidh)"und durch Seine Güte (ihsan)ohne irgendeinen Fehler das Erbgut, dass es von seinem Vater und durch seinen Ursprung empfangen hat.
So ist dies denn ein absolut sicherer Hinweis,
dass der Bewahrer (Hafidh),der all diese zahllosen Werke verrichtet, damit die überwältigende Erscheinung Seiner Bewahrung und Erhaltung bei der Auferstehung und Wiederversammlung darstellen möchte.
Die Erscheinung dieser Bewahrung eines unbedeutenden, flüchtigen, nur vorübergehenden Zustands, die in der Tat in hohem Grade ohne Fehler und Mängel ist, ist ein sicheres Zeugnis dafür, dass die Werke und Taten, die Worte, die Tugenden (hassenat)und die Laster (seyyiat)des Menschen, der ein Träger des Unterpfandes eines Großen Vertrauens (emanet-i kubra)und Kalif auf Erden ist, was seine Auswirkungen auf ewig hat und von großer Bedeutung ist, sorgfältig aufbewahrt und später einmal in Rechnung gestellt werden.
Ja glaubt denn der Mensch etwa, er bliebe ganz allein sich selbst überlassen? Keineswegs!... Der Mensch ist für die Ewigkeit bestimmt, für die ewige Glückseligkeit oder eine beständige Qual. Er wird für alle seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden, mögen sie nun klein oder groß sein, mögen es ihre viele oder wenige sein: er wird für sie entweder eine Belohnung oder seine Bestrafung erfahren. So sind denn die Zeugnisse für die großen Erscheinungsweisen der Erhaltung und Bewahrung und für die Wahrheit dieser Ayah ohne Zahl und Berechnung. Zeugnisse, die wir (in der Abhandlung) zu dieser Fragestellung angeführt haben, sind also nur ein Tropfen aus dem Ozean und nur ein Atom von einem Berg.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
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Achtzehnter Blitz
Dieser wurde bereits in der von Hand abgeschriebenen Sammlung der "Lem'alar(Blitze)" und in dem "Das Verborgene bestätigende Siegel (Sikke-i Tasdiq-i Ghaybi)"veröffentlicht.
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Neunzehnter Blitz
Abhandlung über die Sparsamkeit
(handelt von Sparsamkeit und Genügsamkeit (iktisad ve kanaat), von Verschwendung und Vergeudung)
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ كُلُوا وَاشْرَبوُا وَلاَ تُسْرِفُوا
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Esst und trinkt, aber verschwendet nicht!" (Sure 7, 31)}
Diese ehrenwerte Ayah erteilt uns eine sehr wichtige Lektion über die Weisheit, indem sie uns kategorisch befiehlt, sparsam zu sein (iktisad)und uns Verschwendung (israf)ganz klar verbietet. Diese Fragestellung besteht aus sieben Punkten.
Erster Punkt
Der Barmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem)wünscht, dass wir Ihm als Gegenleistung für die Wohltaten (ni'met),die Er dem Menschengeschlecht erwiesen hat, unsere Dankbarkeitc (shukur)erweisen. Was aber die Verschwendung betrifft, so ist sie der Dankbarkeit entgegengesetzt, ist eine Geringschätzung der Wohltaten Gottes und bringt Verlust. Sparsamkeit hingegen ist der Respekt, den wir für Gottes Wohltaten erweisen, und bringt Gewinn. Sparsamkeit ist in der Tat eine Art der Dankbarkeit für Gottes Gute Gaben und zeigt unseren Respekt vor der göttlichen Barmherzigkeit. Sie ist ferner mit Sicherheit Grund und Quelle der Segensfülle für uns. Sie ist ferner für den Körper gleich der Enthaltsamkeit ein Brunnen der Gesundheit. Sie ist ferner Grund und Basis einer Würde (sebeb-i izzet),die uns davor bewahrt, innerlich gleichsam betteln zu gehen. Sie ist ferner ein mächtiger
Grund, die Freude zu erfahren, die in den Wohltaten Gottes enthalten ist, als auch den Genuss an den Wohltaten Gottes zu verkosten, die äußerlich ziemlich freudlos erscheinen. Was aber die Verschwendung betrifft, so ist sie den bekannten Weisheiten entgegengesetzt und hat schwerwiegende Konsequenzen.
Zweiter Punkt
Der Allweise Schöpfer (Fatir-i Hakim)hat den menschlichen Körper in Gestalt eines wundervollen Schlosses erschaffen, wie er einer wohlverwalteten Stadt gleicht. Unser Geschmacks- und Geruchssinn in Mund und Nase gleicht einem Torwächter, die Nervenbahnen, die Venen und Arterien gleichen Telefon- und Telegraphenleitungen. Über diese Kommunikationswege stellen die Sinne eine Nachrichtenverbindung zum Magen in der Mitte des Leibes her und benachrichtigen ihn so über die in den Mund geratenen Dinge. Sind sie für den Körper, für den Magen nicht von Nutzen, so sagen sie: "Das ist verboten!" und werfen sie wieder hinaus. Und manchmal, wenn sie keinen Nutzen für den Körper haben und zugleich gefährlich (zararli)und scharf oder bitter schmecken (adji),wirft er, ja spuckt er sie unmittelbar wieder aus.
Da also nun einmal der Geschmackssinn der Pförtner im Mund ist, so ist er vom Standpunkt der Verwaltung des Körpers und des Magens aus betrachtet ein Herrscher (hâkim)und ein Herr (efendi).Wenn also nun Geschenke im Schloss oder in der Stadt ankommen, zu ihrem Herrscher gebracht werden und hundert Lira wert sind, dann sind davon fünf Lira, mehr sollte es nicht sein, für den Pförtner als eine Art Trinkgeld, damit er nicht eingebildet wird, oder auf Abwege gerät, seine Pflichten vergisst und Aufständische in den Palast hinein lässt, die ihm noch mehr Trinkgeld anbieten.
So wollen wir uns denn nun auf Grund dieses Geheimnisses (in unserem Mund) zwei Bissen vorstellen. Der eine enthalte eine nährstoffreiche Kost, wie Käse und Eier
im Werte von vierzig Para. Der andere bestehe aus einem Stückchen Baklava vom Feinsten, im Werte von zehn Kurusch(= vierhundert Para)... Diese beiden Bissen unterscheiden sich, bevor sie in unseren Mund kommen, hinsichtlich unseres Körpers in nichts voneinander. Sie sind einander gleich. Auch nachdem sie bereits die Kehle hinuntergerutscht sind, haben sie noch immer den gleichen Nährwert für den Körper. Ja manchmal hat ein Stückchen Käse im Wert von vierzig Para sogar den größeren Nährwert. Nur hinsichtlich seines Gaumenkitzels besteht ein Unterschied von einer halben Minute. So kannst du denn nun einen Vergleich ziehen und daraus entnehmen, welch sinnlose Verschwendung das ist und wie viel Schaden es verursacht, wenn man um dieser halben Minute willen die Kosten von vierzig Para auf zehn Kurusch erhöht.
Obwohl also nun das Geschenk für den Herrscher, das im Palast ankommt vierzig Para wert ist, würde ein Trinkgeld für den Pförtner, das neunmal höher wäre, ihn korrumpieren. Er könnte nun erklären: "Der eigentliche Herrscher hier bin ich." und würde jedem, der ihm noch mehr Trinkgeld gibt und ihm eine größere Freude macht, erlauben, den Palast zu betreten, eine Revolution anzustiften oder Feuer zu legen. Er müsste dann schreien: "Hilfe! Ein Doktor soll kommen, mein Fieber senken und mein Feuer löschen!"
So ist denn also Sparsamkeit und Zufriedenheit (iktisad ve kanaat)in Übereinstimmung mit der göttlichen Weisheit. Sie behandelt unsere Sinne wie Torwächter, der sein Trinkgeld erhält. Was aber die Verschwendung (israf)betrifft, so erhält sie schon bald ihre Ohrfeige, da sie ja der Weisheit entgegengesetzt ist, den Magen ganz durcheinander bringt und den gesunden Appetit verdirbt. Sie erregt durch eine Reihe verschiedener Speisen einen trügerischen Appetit, sodass wieder Nahrung aufgenommen wird, was aber Verdauungsprobleme bewirkt und schließlich krank macht.
Dritter Punkt
Hier hatten wir bereits im Zweiten Punkt gesagt, dass der Geschmacks- (und der Geruchssinn) die Torwächter sind. Und für die Leute der Gottvergessenheit (ehl-i gaflet)und die, welche im spirituellen Bereich keine Fortschritte gemacht haben und auch im Bereich der Dankbarkeit nicht vorangekommen sind, gleichen sie tatsächlich den Torwächtern. Um deren Sinne zu befriedigen sollte man nicht so verschwenderisch den Preis von eins auf zehn steigern. Für die wahrhaften Leute der Dankbarkeit (ehl-i shukr),die Leute der Wahrheit (ehl-i haqiqat)und die Leute des Herzens (ehl-i qalb)ist der Geschmacks- und Geruchssinn jedoch, wie wir das vergleichsweise im Sechsten Wort erklärt haben, gleich einem Küchenchef oder Inspektor in der Küche der göttlichen Barmherzigkeit. Dem Geschmacks- und Geruchssinn obliegt es, die verschiedenen Arten göttlicher Gnadengaben nach der Anzahl der Speisen wahrzunehmen, zu wägen und zu erkennen und dann den Körper, also den Magen in Form einer inneren Dankbarkeit davon in Kenntnis zu setzen. In dieser Hinsicht kümmert sich der Geschmacks- und Geruchssinn nicht nur um den physischen Magen, sondern hat vielmehr, da er auch mit Herz, Geist (ruh)und Verstand Kontakte pflegt, seine Position, seine Stellung (maqam)über dem Magen. Unter der Bedingung, dass er nicht der Verschwendung dient, sondern nur seine Aufgabe, dankbar zu sein, wahrnimmt und die verschiedenen göttlichen Gnadengaben wahrzunehmen und zu empfinden, und unter der weiteren Bedingung, dass alles im Rahmen des Erlaubten bleibt und nicht in Erniedrigung und Bettelei ausartet, darf er sogar seiner eigenen Lust folgen. Ja Zunge und Nase, als Träger des Geschmacks- und Geruchssinns damit beauftragt, ihren Dank darzubringen, mögen dabei durchaus geschmackvolle Speisen bevorzugen. Die folgende Beschreibung eines Wunders (keramet),das Scheichu-l'Ghaus (Geylani)gewirkt hat, unterstreicht noch diese Wahrheit:
Es gab da einmal den einzigen Sohn einer alten, ziemlich
empfindsamen Frau, der von Hasret Ghaus-i Adham Scheich Geylani (Gott heilige sein Geheimnis) unterrichtet wurde. Die ehrwürdige Alte ging und sah, wie ihr Sohn in seiner Zelle ein Stückchen altes, schwarzes Brot aß. Seine Schwäche, hervorgerufen durch seine Askese, erregte das Mitleid (shefqat)seiner Mutter... Und sie bedauerte ihn. Sie ging also zu Hasret-i Ghaus, um sich bei ihm zu beklagen und sah, dass Hasret-i Ghaus ein gebratenes Hähnchen aß. In ihrer Betroffenheit sagte sie: "Ustadh! Mein Sohn stirbt vor Hunger und du isst Hähnchen!" Da sagte Hasret-i Ghaus zu dem Hähnchen: !قُمْ بِاِذْنِ اللّٰهْ {"Mit Gottes Erlaubnis stehe auf und erhebe dich!"}
Da sammelte das gebratene Hähnchen seine Knochen zusammen, wurde wieder zu einem Huhn und sprang vom Teller. Dies wurde einstimmig von vielen zuverlässigen Personen aus gesicherten Quellen als Wunder (keramet)dieser Persönlichkeit berichtet, die Hasret-i Ghaus war und durch das Wirken solch außerordentlicher Wundertaten in aller Welt berühmt wurde. Hasret-i Ghaus sagte damals dazu: "Sobald auch dein Sohn diese Stufe erreicht hat, wird auch er Hähnchen essen können." So ist denn die Bedeutung der Worte von Hasret-i Ghaus folgende: Wann immer der Geist (ruh)deines Sohnes seinen Leib, das Herz seine Seele (nefs),sein Verstand seinen Bauch beherrschen kann und nach einem Genuss verlangt, um dafür Dank sagen zu können, wird er auch derartige Köstlichkeiten genießen dürfen...
Vierter Punkt
"Wer sparsam ist, wird in der Versorgung seiner Familie mit dem notwendigen Lebensunterhalt kein Ungemach (bela)erleiden."
Entsprechend der Bedeutung der Ehrenwerten Hadith
لاَ يَعُولُ مَنِ اقْتَصَدَ
"Wer gut wirtschaften kann, braucht sich um den Unterhalt seiner Familie nicht viel Mühen (zahmet)und Sorgen zu machen."
Es gibt in der Tat zahl- und grenzenlos viele gesicherte Beweise dafür, dass Sparsamkeit Ursache für Fülle und Segen und zugleich die Quelle für ein ausreichendes Einkommen ist. So kann ich z.B. auf Grund dessen, was ich in eigener Person gesehen und was auch andere Personen bezeugt haben, die mir in Dienst und Freundschaft verbunden waren, sagen: durch Sparsamkeit habe ich manchmal zehnfach Segen erfahren und auch meine Freunde konnten das bezeugen. So hat sich ein Teil der vor neun (also nun dreißig) Jahren mit mir nach Burdur verbannten Stammesfürsten große Mühe gegeben, mich dazu zu bringen, Zekat von ihnen anzunehmen, damit ich nicht aus Geldmangel in Elend und Armut verfalle. Ich sagte damals zu diesen reichen Stammeshäuptern: "Ich bin tatsächlich sehr knapp dran mit meinem Geld. Doch ich bin sparsam (iktisad)und es gewohnt, mich mit nur wenigem zu begnügen (kanaat).So bin ich also reicher als ihr." Ich habe ihre wiederholten, dringlichen Angebote zurückgewiesen. Es verdient jedoch, erwähnt zu werden, dass einige derer, die mir Zekat angeboten hatten, zwei Jahre später bereits verschuldet waren, weil sie nicht wirtschaften (iktisad)konnten. Dank sei Gott (lillahilhamd),war mein kleines Kapital durch die Fülle, die sich aus meiner Sparsamkeit ergab, auch sieben Jahre später noch immer für mich ausreichend. So habe ich niemals mein Gesicht verloren. Ich brauchte mich nicht zu erniedrigen, noch war ich gezwungen, den Leuten meine Notlage offen zu legen. Ich habe nie den Grundsatz meines Lebens aufgegeben, von den Leuten nicht abhängig sein zu wollen und bin niemals von diesem Wege abgewichen.
Wer nicht auf Sparsamkeit achtet, ist ein Kandidat für den Bettelstab und seinen Sturz in Armut und Not. In dieser Zeit ist Geld als Quelle der Verschwendung sehr teuer. Als Gegenwert wird manchmal ein Bestechungsgeld verlangt, das in der eigenen Würde und der Achtung vor sich selbst besteht. Manchmal werden auch die Heiligtümer des eigenen Glaubens als Gegenleistung angenommen
und dafür ein unheilvolles Geld gegeben. Das aber heißt, dass materielle Güter im Werte von hundert Para für einen immateriellen Verlust von hundert Lira in Empfang genommen werden.
Wenn jemand jedoch sparsam ist, seine Bedürfnisse bis auf das Wesentliche vermindert, begrenzt und beschränkt, so wird er entsprechend der Ayah
اِنَّ اللّٰهَ هُوَ الرَّزَّاقُ ذُو الْقُوَّةِ الْمَتِينُ
{"Fürwahr, Gott ist es, der euer Versorger ist, der Herr aller Macht und Stärke." (Sure 51, 58)}
und der ausdrücklichen Bedeutung der Ayah
وَمَا مِنْ دَابَّةٍ فِى الْاَرْضِ اِلاَّ عَلَى اللّٰهِ رِزْقُهَا
{"Und es gibt kein Tier auf Erden, das nicht von Gott seine Versorgung erfährt." (Sure 11, 6)}
auf unerwartete Weise so viel an Versorgung erhalten, dass er davon leben kann. Denn diese Ayah bürgt dafür. So gibt es in der Tat zwei Arten der Versorgung:
Die erste ist der wahre Unterhalt (haqiqi rizq),
der ausreicht, um davon leben zu können. Nach der Aussage dieser Ayah ist der Unterhalt durch eine Bürgschaft Gottes garantiert. Solange die Neigung des Menschen zum Bösen (su-i ihtiyar)sich da nicht einmischt, wird er in jedem Fall seinen notwendigen Unterhalt finden. Er wird nicht dazu gezwungen sein, seinen Glauben, seine Ehre oder seine Selbstachtung dafür zu opfern.
Die zweite ist eine Art der Versorgung im übertragenen Sinne (rizq-i medjazi),
wodurch infolge Missbrauchs Bedürfnisse an nicht notwendigen Dingen zu Bedürfnissen an notwendigen Dingen werden. Modeerscheinungen werden zum Übel einer Sucht, die sie nicht mehr aufgeben können. Weil aber nun diese Art der Versorgung nicht mehr von der Bürgschaft des Herrn abgedeckt wird, wird ihre Befriedigung außerordentlich kostspielig, besonders in heutiger
Zeit. Ein solch unheilvolles Gut ist ohne Segen und wird zunächst dadurch erworben, dass man seine Selbstachtung zum Opfer bringt, seine Erniedrigung akzeptiert, zuweilen innerlich auf die Stufe eines Bettlers herabsinkt, so als würde man einem gemeinen Menschen auch noch die Füße küssen, ja manchmal sogar die Heiligtümer seines Glaubens opfert, die doch eigentlich das Licht des ewigen Lebens sind.
Überdies verbittert in dieser Zeit der Armut und Not das Leid der Hungrigen und Bedürftigen den Leuten des Gewissens (ehl-i vidjdan),wenn sie denn noch ein Gewissen haben, durch ihr Mitleid (teellum)für ihre Mitmenschen, sowohl das eigene Leid (elem),als auch die Freude, die sie durch das illegaler Weise verdiente Geld erworben hatten. In einer so merkwürdigen Zeit wie der unseren muss man sich bei zweifelhaften Dingen mit dem Notwendigsten begnügen. Denn nach dem Geheimnis
اِنَّ الضَّرُورَةَ تُقَدَّرُ بِقَدْرِهَا
{"Fürwahr, der Umfang der Notwendigkeit wird bestimmt durch ihre Begrenzungen."}
darf man selbst verbotene (haram)Güter im Rahmen seiner Notwendigkeit zu sich nehmen. Mehr als das darf man aber nicht nehmen. In einer Notlage darf man selbst von Verendetem (murdar)etwas essen. Doch man darf sich davon nicht satt essen. Man darf nur soviel davon essen, dass man nicht stirbt. Des Weiteren darf man in Gegenwart von hundert hungrigen Menschen auch nicht mit vollem Genuss essen.
Die folgende Erzählung zeigt uns, dass Sparsamkeit ein Grund von Würde (sebeb-i izzet)und Vollkommenheit (kemal)ist.
Eines Tages gab Khatim Tay, der für seine Großzügigkeit weltberühmt war, ein großes Gastmahl. Nachdem er an seine Gäste überreichlich Geschenke ausgeteilt hatte, wandte er sich, um in der Wüste spazieren zu gehen. Da erblickte er einen armen alten Mann, der ein Bündel
Dornsträucher und noch andere Pflanzen auf seinem Rücken trug. Die Dornen durchstachen ihm die Haut, sodass er blutete. Da sagte Khatim zu ihm: "Khatim Tay gibt heute ein großes Festmahl und verteilt Geschenke. Gehe dorthin und du wirst fünfhundert Kurusch für deine Last erhalten, die doch nur fünf Kurusch wert ist." Der Alte aber war ein sparsamer Mensch und antwortete ihm: "Ich habe mir diese Dornsträucher aufgeladen und trage sie mit Würde (izzet).Ich werde nicht zu Khatim Tay gehen, um mir bei ihm eine Dankesschuld aufbürden zu lassen." Als später einmal Khatim Tay gefragt wurde: "Bist du je (in deinem Leben einem Menschen) begegnet, der mehr Großmut und Würde gezeigt hätte als du?" antwortete er: "Dieser bescheidene alte Mann, den ich in der Wüste getroffen habe, war noch würdevoller (aziz),hoheitsvoller und großmütiger als ich."
Fünfter Punkt
Gott der Gerechte in Seiner vollkommenen Freigiebigkeit lässt den ärmsten Menschen genauso wie den reichsten Menschen und einen Bettler genauso wie einen König die Freude an seinen Gnadengaben empfinden. Ja die Freude, die ein Armer auf Grund seines Hungers wie auch seiner Sparsamkeit aus einem Stückchen schwarzen Brotes schöpft, ist in der Tat größer, als die Freude eines Königs oder eines reichen Menschen, der in seiner Verschwendung ein Stückchen der allerfeinsten Baklava müde und ohne jeden Appetit verspeist.
Es ist schon reichlich erstaunlich, doch einige Leute beschuldigen in ihrer Verschwendung und Vergeudung andere, sparsam und wirtschaftlich denkende Menschen, geizig zu sein. ...bewahre! Sparsamkeit ist verbunden mit Würde und Großzügigkeit. Geiz und Würdelosigkeit sind das innere Gesicht der augenscheinlich mannhaften Haltung von Leuten, die verschwenderisch sind und vergeuden. Es gibt da ein Ereignis, das diese Tatsache bestätigt. Es hat sich im Jahr der Niederschrift dieser Abhandlung in meiner Kammer in Isparta ereignet, und zwar folgendermaßen:
Einer meiner Schüler bestand darauf, dass ich entgegen allen meinen Regeln und Grundsätzen ein Geschenk von fast zweieinhalb Okka (= etwa 3 kg) Honig annehmen sollte. Und wie sehr ich auch auf meinen Grundsätzen bestand, so konnte ich ihn doch nicht überzeugen. Als er mir nun sagte, wenn ich schon sparsam sein wolle, so könne ich doch meine drei Mitbrüder die dreißig, vierzig Tage in den Monaten Scha'ban und Ramadan von meinem Honig mitessen lassen und wir blieben dann doch nicht ohne etwas Süßes. Auch könne dann der, welcher ihn brachte, die Verdienste davon ernten. Also sagte ich ihm, dass ich ihn nehmen würde. Doch hatte ich auch selbst noch ein Okka Honig. Obwohl nun meine drei Mitbrüder eigentlich bescheiden (mustaqiem)waren und die Sparsamkeit zu würdigen wussten, so boten sie doch einander von dem Honig an, erwiesen einander die Ehre und jeder bevorzugte den anderen vor sich selbst, was ja an und für sich eine gute Eigenschaft ist, vergaßen dabei, sparsam zu sein, und wie es so geht: in drei Nächten waren sie mit den zweieinhalb Okka Honig fertig. Lachend sagte ich: "Ich hätte euch für dreißig, vierzig Tage an dem Geschmack des Honigs teilnehmen lassen. Und nun habt ihr diese dreißig Tage auf drei Tage verkürzt. Na denn, wohl bekomm's! (Afiyet olsun)"Derweil ging ich mit meinem einen Okka Honig sparsam um. Während der ganzen Monate Scha'ban und Ramadan aß sowohl ich selbst davon und gab, Dank sei Gott (lillahilhamd)!,auch noch einem jeden der Brüder jeden Abend zum Iftar (Fastenbrechen) einen ziemlich großen Teelöffel voll, woraus doch auch noch eine gute Tat (sevab)erwuchs. Und dabei haben doch diejenigen, welche mein Verhalten beobachtet haben, gedacht, ich sei geizig und das Verhalten meiner Mitbrüder während dreier Nächte sei Großzügigkeit. In Wahrheit aber sah ich, dass sich unter diesem offensichtlichen Geiz eine hohe Würde (izzet),ein großer Segen (bereket)und sehr viel Sevab verborgen hielt. Hätten sie nicht damit aufgehört, wäre es auf etwas hinausgelaufen, was
noch mehr als ein wenig Geiz weit unterhalb von Großzügigkeit und Verschwendung gelegen hätte, nämlich eine Art Bettelei und wie man mit Augen voll Gier und Erwartung die Hand des anderen beobachtet.
Sechster Punkt
Zwischen Sparsamkeit und Geiz besteht ein großer Unterschied. So wie Bescheidenheit als eine lobenswerte Eigenschaft oberflächlich betrachtet der Unterwürfigkeit ähnelt und sich doch von dieser schlechten Eigenschaft unterscheidet, und Würde eine lobenswerte Tugend ist und oberflächlich betrachtet dem Hochmut ähnelt und sich doch von dieser schlechten Eigenschaft unterscheidet, so ist auch die Sparsamkeit eine der erhabenen Eigenschaften des Propheten und die Quelle jener Weisheit, aus der die Ordnung des Universums erwächst und zu der keine Verwandtschaft mit dem Geiz besteht, der eine Mischung aus Habsucht, Unersättlichkeit, Elend und Begierde ist. Zwischen ihnen besteht lediglich eine äußerliche Ähnlichkeit. Der folgende Vorfall bestätigt diese Wahrheit.
Abdullah Ibn Omar, einer der berühmten Sahabis und bekannt als einer der "sieben Abdullahs", war der größte und bedeutendste Sohn des Kalifen des Propheten, Faruqu-l'Adham Hasret-i Omar (mit dem Gott zufrieden sein möge), und einer der hervorragendsten Gelehrten unter den Sahabis. Während er eines Tages auf dem Marktplatz weilte, verhandelte er um der Sparsamkeit willen und um das Vertrauen und jene Ehrlichkeit zu wahren, welche die Basis des Handels ist, ziemlich hitzig über einen Betrag von etwa vierzig Para. Einer der Sahabis beobachtete ihn dabei, und weil er sich nun den Sohn Omars, des berühmten Nachfolgers des Kalifen über das Erdenrund vorstellte, wie er da so um vierzig Para feilschte und ihn für ungewöhnlich geizig hielt, so folgte er ihm, um sein Verhalten verstehen zu können. So sah er denn, wie Hasret Abdullah sein gesegnetes Haus betreten wollte. Dabei erblickte er vor seiner Türe einen armen Mann.
Er wechselte ein paar Worte mit ihm, verabschiedete ihn, ging. Danach kam er durch eine andere Türe aus seinem Haus und sah dort einen anderen armen Mann. Auch mit ihm wechselte er ein paar Worte, verabschiedete ihn, ging. Der Sahabi, der ihn von weitem beobachtet hatte, wurde nun neugierig. So ging er denn zu den beiden Armen und fragte jeden: "Der Imam ist eine Weile bei dir stehen geblieben. Was hat er dabei gemacht?" Da antwortete jeder der beiden: "Er gab mir ein Goldstück." Da dachte der Sahabi bei sich selbst: "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)!Wie ist das möglich, dass er auf dem Marktplatz so um vierzig Para feilschte und danach vor seinem Hause mit einer solchen Zufriedenheit seiner Seele (kemal-i riza-yi nefs)zweihundert Kurusch weggeben konnte, ohne dass irgendjemand davon erfuhr?"
So ging er denn zu Abdullah ibn Omar und sagte zu ihm: "Oh Imam! Löse mir doch dieses Rätsel: auf dem Marktplatz hast du so gehandelt, während du dich vor deinem Hause ganz anders verhalten haben sollst." Abdullah antwortete ihm und sagte: "Mein Verhalten auf dem Marktplatz war nicht Geiz, sondern entsprach einem wirtschaftlichen (iktisad)und vollkommen vernünftigen Denken (kemal-i aqil)und diente dazu, Vertrauen und Ehrlichkeit zu bewahren, welche die Grundlage und der Geist allen Handels und Wandels ist. Mein Verhalten vor meinem Hause entsprang hingegen der Liebe (shefqat)meines Herzens und der Vollkommenheit meines Geistes (ruh).Weder war mein erstes (Verhalten) Geiz noch das zweite Verschwendung. "
Der Große Imam (Abu Hanifa) bemerkt dazu als einen Hinweis auf dieses Geheimnis
لاَ اِسْرَافَ فِى الْخَيْرِ كَمَا لاَ خَيْرَ فِى الْاِسْرَافِ
{"Es gibt keine Verschwendung im Guten, sowie es auch in der Verschwendung nichts Gutes gibt."}
Das heißt: So wie es in aller Güte (ihsan)und in allen Guten Werken
keine Verschwendung gibt, insoweit es sich dabei um Bedürftige handelt, so liegt auch nichts Gutes in der Verschwendung.
Siebenter Punkt
Verschwendung führt zu Gier (hirs)und Gier hat drei Dinge zur Folge.
Die erste ist die Unzufriedenheit.
Was aber diese Unzufriedenheit betrifft, so verdirbt sie die Lust zur Arbeit. Sie verführt dazu, sich zu beklagen, statt dankbar zu sein und endet in Faulheit. (Der Mensch) vernachlässigt seinen Besitz, der, wenn auch nur gering, so doch nach weltlichem wie religiösem Recht legal (meshru ve helal)ist.
{(*): Infolge der Verschwendung und fehlender Wirtschaftlichkeit (iktisadsizlik) steigt die Zahl der Konsumenten, während sich die Zahl der Produzenten vermindert. Jedermanns Augen sind auf die Türen der Regierung fixiert. Zu gleicher Zeit werden Handwerk, Handel und Landwirtschaft geschwächt, von denen das soziale Leben eines Volkes abhängt, das dann in seiner Entwicklung zurück bleibt, verfällt und verarmt.}
So sucht er nach Gütern, die nicht legal (meshru),aber mühelos zu bekommen sind. Und auf diese Weise bringt er seine Selbstachtung, ja sogar seine Ehre zum Opfer.
Die zweite Folge
führt (den Menschen) von der Gier über die Enttäuschung zum Verlust und der Zweck entgleitet ihm. Man missachtet ihn. Man bemüht sich nicht, es ihm leichter zu machen. Hilfe bleibt ihm versagt. Ja er bestätigt sogar das Sprichwort:
اَلْحَرِيصُ خَائِبٌ خَاِسرٌ
{"Der Gierige hat keinen Erfolg, sondern erleidet einen Verlust."}
Das heißt: "Gier ist die Ursache von Verlust und Misserfolg." Die Wirkungen von Gier und Zufriedenheit gehen in der Welt der Lebewesen mit sehr weitreichenden und umfassenden Grundsätzen einher. Zum Beispiel: Wenn die naturgemäße Zufriedenheit (fitri kanaat)der Bäume, die ihres Unterhalts (rizq)
bedürfen, ihren Unterhalt zu sich hin in Bewegung setzt, während die Tiere gierig, unter Anstrengungen inmitten ihres Mangels hinter ihrem Unterhalt her jagen, so zeigt sie auf diese Weise, welch großen Schaden die Gier hervorruft und welch einen gewaltigen Vorteil die Zufriedenheit mit sich bringt.
Ferner beweisen auch all die vielen hilflosen (da'if)Jungtiere, wenn sie in ihrer Zufriedenheit nach ihrer Art ohne Worte (lisan-i hal)eine bestens bekömmliche Nahrung, wie z.B. Milch, auf nicht vorhersehbare Weise zu sich hin strömen lassen, während die wilden Tiere in ihrer Gier ihre mangelhafte und schmutzige Versorgung erjagen, in glänzender Weise unsere Behauptung.
Ebenso zeigt die zufriedene Haltung der fetten Fische das Mittel ihrer vollkommenen Versorgung, während so intelligente Tiere wie Füchse und Affen dünn und mager aussehen, weil sie nicht genügend Nahrung finden können, obwohl sie sie doch mit Gier verfolgen (sichtbar macht) in welchem Maße Gier die Ursache aller Anstrengungen und Zufriedenheit Ursache eines ruhigen (Lebens) ist.
Ferner sind viele Gelehrte
{(*): Einmal wurde Bosorgmehr, Vesir des Schachs von Persien, Nuschirvan des Gerechten, und ein wegen seiner Intelligenz berühmter Gelehrter, gefragt: "Warum sieht man die Gelehrten vor den Türen der Beamten? Und warum sieht man keine Beamten vor den Türen der Gelehrten, wo doch die Wissenschaft über dem Beamtentum steht? "Er antwortete ihnen: "Das liegt am Wissen der Gelehrten und der Unwissenheit der Beamten." Mit anderen Worten: Auf Grund ihrer Unwissenheit wissen die Beamten den Wert der Gelehrsamkeit nicht zu schätzen, sodass sie sich an den Türen der Gelehrten einfinden könnten, um nach Wissen zu fragen. Was aber die Gelehrten betrifft, so suchen sie auf Grund ihrer Gelehrsamkeit an den Türen der Beamten, weil sie ja auch den Wert ihrer Güter kennen. So hat denn Bosorgmehr mit einem Hinweis auf die Gier der Gelehrten, die eine Folge ihrer Gelehrsamkeit und der Grund für ihre Armut und die Geringschätzung ist (die man ihnen entgegenbringt) in feinfühligerweise geantwortet.
Husrev}
und Literaten
{(*): Der folgende Hinweis bestätigt dies: In Frankreich bekamen Dichter und Schriftsteller eine eigene Urkunde für Bettler, weil sie so gut betteln konnten.
Suleyman Ruschtu}
auf Grund
der Gier, die ihnen aus ihrer Intelligenz erwuchs, der Armut verfallen, während viele doch recht einfältige und ganz unvermögende Leute durch ihre Haltung einer ganz natürlichen Zufriedenheit (fitri kanaat)reich werden, was wiederum beweist, dass legaler (helal)Unterhalt aus Armseligkeit und Schwäche erwächst und nicht aus einer Fähigkeit und dem Willen (iktidar ve ihtiyar).Vielmehr steht eine legale Versorgung im umgekehrten Verhältnis zu Fähigkeit und Wille. Denn je mehr Kinder ihre Fähigkeiten entfalten und ihr Wille wächst, desto mehr verringert sich ihr Unterhalt, entfernt sich von ihnen, wird immer schwieriger zu erlangen.
Nach dem Geheimnis der Hadith اَلْقَنَاعَةُ كَنْزٌ لاَ يَفْنىَ {"Zufriedenheit ist wie Bodenschätze, die sich nie erschöpfen."} ist Zufriedenheit wie ein Bergwerksstollen, der guten Unterhalt und Sicherheit im Leben bietet. Was aber die Gier betrifft, so ist sie eine Ursache für Verlust und Erniedrigung.
Dritte Folge:
Gier zerstört die Aufrichtigkeit (ikhlas)...Sie vernichtet die Handlungen für das Jenseits. Denn wenn ein gottesfürchtiger Mensch (bir ehl-i taqwa)unter Habsucht (hirs)leidet, so wird er sich die Aufmerksamkeit der Leute wünschen. Und wer die Aufmerksamkeit der Leute in Betracht zieht, kann nicht mehr so ganz aufrichtig sein. Die Folge davon ist von einer solchen Wichtigkeit, dass sie es verdient, besonders angemerkt zu werden.
Zusammenfassung:
Verschwendung führt zu einem
Mangel an Zufriedenheit. Ein Mangel an Zufriedenheit aber zerstört die Begeisterung für die Arbeit. Die Folge davon ist Trägheit. Das öffnet ein Tor für Klagen über das Leben und bewirkt, dass der, der unzufrieden ist, sich ständig beklagt.
{(*): Wo immer du einen Verschwender triffst, hörst du ihn klagen. Wie reich er auch immer sein mag: seine Zunge hört nicht auf zu klagen. Wenn du stattdessen einem armen, aber zufriedenen Menschen begegnest, so wirst du nur Dankbarkeit von ihm hören...}
Das zerstört auch die Aufrichtigkeit, öffnet der Heuchelei (riya)das Tor, vernichtet die Selbstachtung (izzet)und weist den Weg zur Bettelei.
Was aber Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit (iktisad)betrifft, so führt sie zur Zufriedenheit. Nach dem Geheimnis der Hadith عَزَّ مَنْ قَنَعَ ذَلَّ مَنْ طَمَعَ {"Hochgeschätzt wird, wer zufrieden ist und gering geschätzt, wer geizig ist."} erwächst Zufriedenheit (kanaat)aus der Selbstachtung (izzet).Sie ermuntert zudem zu Anstrengung und Arbeit. Sie steigert die Begeisterung und drängt zum Schaffen. Zum Beispiel: jemand hat einen Tag lang gearbeitet. Weil er nun am Abend so zufrieden ist mit seinem bescheidenen Lohn, arbeitet er am nächsten Tag wieder. Weil aber ein verschwenderischer, unbescheidener Mensch nicht zufrieden war, arbeitete er auch am nächsten Tag nicht. Wenn er aber arbeitet, so tut er es ohne jede Begeisterung.
Ferner öffnet die Zufriedenheit, die aus der Sparsamkeit erwächst, das Tor zur Dankbarkeit und schließt das Tor zur Klage. So wird man also sein Leben lang dankbar sein. Ferner wird der, welcher durch seine Zufriedenheit von anderen unabhängig ist, nicht deren Aufmerksamkeit suchen. So steht das Tor zur Aufrichtigkeit offen und das Tor der Heuchelei (riya)ist geschlossen...
Welch furchtbaren Schaden Verschwendung und Vergeudung (iktisadsizlik ve israf)im weiten Rahmen (anrichten können), habe ich selbst beobachtet. Folgendermaßen: Vor neun Jahren besuchte ich eine wohlhabende (bereket)Stadt. Da es aber noch Winter war, konnte ich die Quelle ihres Reichtums nicht entdecken. Mehrere Male sagte der dortige Mufti - Gott erbarme sich seiner! - zu mir: "Unsere Leute sind arm." Diese Worte berührten mich tief. Fünf, sechs Jahre lang empfand ich stets Mitleid für die Bewohner dieser Stadt. Acht Jahre später war es Sommer, als ich wieder in diese Stadt kam. Ich erblickte Weinberge und erinnerte mich dabei wieder an diese Worte des verstorbenen Mufti. "Gepriesen sei Gott (fesubhanallah)!"sagte ich da. "Die Ernteerträge aus diesen Weinbergen übersteigen bei weitem den Haushalt dieser Stadt. Die Bewohner dieser Stadt müssten doch eigentlich sehr reich sein." So war ich erstaunt. Dann aber verstand ich auf Grund einer Tatsache (haqiqat),an die ich mich erinnerte, und diese (Erinnerung) hat mich noch nie getäuscht und ist mir stets ein Wegweiser (rehber)im Verständnis der Wahrheit (haqiqat)gewesen, dass die Wohlhabenheit (dieser Stadt) durch Verschwendung und Vergeudung (iktisadsizlik ve israf)entschwunden ist, so sehr, dass ihr Mufti trotz aller Quellen des Wohlstandes sagte: "Unsere Leute sind arm."
Gleich wie Zekat geben und sparsam sein in der Tat erwiesenermaßen Grund für Wachstum und reichen Segen ist, so lehrt auch die Erfahrung mit zahllosen Beispielen, dass Verschwendung und die Unterlassung des Zekat-gebens die Ursache dafür sind, dass dieser Segen wieder weggenommen wird...
Der Platon aller islamischen Weisen, Scheich der Ärzte und Ustadh der Philosophen Abu Ali Ibn-i Sina erklärt die Ayah كُلُوا وَاشْرَبوُا وَلاَ تُسْرِفُوا {"Esst und trinkt, doch verschwendet nicht." (Sure 7, 31)}
aus medizinische Sichtweise folgendermaßen:
جَمَعْتُ الطِّبَّ فِى بَيْتَيْنِ جَمْعًا وَحُسْنُ الْقَوْلِ فِى قَصْرِ الْكَلاَمِ فَقَلِّلْ اِنْ اَكَلْتَ وَبَعْدَ اَكْلٍ تَجَنَّبْ وَالشِّفَآءُ فِى الْاِنْهِضَامِ وَلَيْسَ عَلَى النُّفُوسِ اَشَدُّ حَالاً مِنْ اِدْخَالِ الطَّعَامِ عَلَى الطَّعَامِ
D.h.: "Ich kann die Wissenschaft der Medizin in zwei Sätzen zusammenfassen. Dabei liegt die beste Aussage in ihrer Kürze: Wenn du isst, so iss wenig und dann vier oder fünf Stunden lang nicht wieder. Die Gesundheit liegt in der Verdauung. Das heißt: iss so viel wie du leicht verdauen kannst. Der schwierigste und ermüdendste Zustand für Geist (nefs)und Magen ist es, Mahlzeit über Mahlzeit zu essen."
{(*): Was dem Körper am meisten schadet, ist, zu essen ohne eine Pause von vier oder fünf Stunden dazwischen einzulegen oder um des reinen Genusses willen verschiedene Speisen, eine über der anderen, in den Magen zu häufen.}
Eine staunenswerte und lehrreiche Übereinstimmung (tevafuq):
In allen Abschriften dieser Abhandlung über die Sparsamkeit, geschrieben von fünf oder sechs verschiedenen Schreibern, drei von ihnen ungeschult, die an verschiedenen weit voneinander entfernten Orten von unterschiedlichen Vorlagen kopierten und die alle eine andere Handschrift hatten, ergab es sich, dass sich 51 Mal bei einem Elif (am Zeilenanfang) eine Übereinstimmung zeigt, obwohl sie darauf doch gar nicht geachtet hatten, ohne das Gebet am Ende mitzuzählen, bzw. 53 Übereinstimmungen, wenn man das Gebet am Ende mitzählt.
Diese Zahlen stimmen mit dem Jahr überein, in dem diese Abhandlung über die Sparsamkeit geschrieben und kopiert worden ist, nämlich dem Jahr (13)51 Rumi = (13)53 Hidjri, was ohne Zweifel kein Zufall mehr sein kann. Es ist ein Hinweis darauf, dass der Segen der Sparsamkeit sich bis zu einem Wunder (keramet)gesteigert hat und dass dieses Jahr geeignet ist, das "Jahr der Sparsamkeit" genannt zu werden.
Dieses Wunder der Sparsamkeit wurde in der Tat zwei Jahre später während des zweiten Weltkrieges bestätigt durch einen weit verbreiteten Hunger, Zerstörung und Verwüstung, sodass die Menschheit und jeder einzelne gezwungen war, sparsam zu sein.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Zwanzigster Blitz
Über die Wahrhaftigkeit (ikhlas)
Obwohl dies eigentlich der Erste von fünf Punkten ist, der das Zweite von sieben Themen der Siebzehnten Notiz des Siebzehnten Blitzes bildet, ist er nun auf Grund seiner besonderen Bedeutung zum Zwanzigsten Blitz geworden, und dies.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ اِنَّآ اَنْزَلْنَآ اِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ فَاعْبُدِ اللّٰهَ مُخْلِصًا لَهُ الدِّينُ ٭ اَلاَ لِلّٰهِ الدِّينُ الْخَالِصُ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Wir haben dir das Buch in Wahrheit herabgesandt. So bete nun Gott in Wahrhaftigkeit an. Denn Gottes ist die Wahrhaftigkeit im Glauben." (Sure 39, 1-2)}
Diese Ayah und die Ehrenwerte Hadith
هَلَكَ النَّاسُ اِلاَّ الْعاَلِمُونَ وَهَلَكَ الْعَالِمُونَ اِلاَّ الْعَامِلوُنَ وَهَلَكَ الْعَامِلُونَ اِلاَّ الْمُخْلِصُونَ وَالْمُخْلِصُونَ عَلٰى خَطَرٍ عَظِيمٍ
{"Alle Menschen werden untergehen, außer den Wissenden. Und alle Wissenden werden untergehen, außer denen, die danach handeln. Und alle, die handeln, werden untergehen, außer den Wahrhaftigen. Und selbst noch die Wahrhaftigen sind in großer Gefahr." (oder so ähnlich)}
weisen beide darauf hin, welch wichtiger Grundsatz die Wahrhaftigkeit (ikhlas)für die islamische Gemeinschaft ist. Unter den zahllos vielen Punkten, die sich mit der Frage der Wahrhaftigkeit beschäftigen, wollen wir hier nun "Fünf Punkte" näher erläutern.
Erster Punkt
Eine bedeutende, jedoch peinliche Frage:
Wie kommt es, dass die Leute des Glaubens und der Wissenschaft
{(*): Es gehört zu den günstigen Zeichen, welche angeben, dass Isparta besonders gesegnet ist und welche daher eine Quelle unseres besonderen Dankes sind, dass es in dieser Stadt, verglichen mit anderen Orten, keine deutlich sichtbaren Streitigkeiten und Machtkämpfe zwischen den Frommen, den Angehörigen der Orden und den Leuten der Wissenschaft gibt. Und auch wenn die erforderliche Liebe und Einheit (muhabbet ve ittifaq) nicht spürbar sind, so gibt es doch hier, verglichen mit anderen Städten, keine ernst zu nehmenden Streitigkeiten und Konflikte.}
und die Angehörigen der Orden, obwohl sie doch die Leute der Wahrheit und der Eintracht sind, sich in Rivalität zerstreiten, während doch die Leute dieser Welt und die Gottvergessenen, ja sogar die Leute des Irrweges und die Heuchler miteinander zusammenarbeiten ohne dabei zu konkurrieren? Einheit (ittifaq)gehört doch nun wirklich zu den Leuten der Eintracht und die Disputationen (khilaf)den Heuchlern. Wie kommt es denn nur, dass das Recht dort hinüber gegangen und das Unrecht hierher gekommen ist?
Antwort:
Wir wollen hier für die so vielen schmerzlichen, fürchterlichen, schrecklichen Ereignisse, wie sie Leute, die sich die Dinge zu Herzen genommen haben, zum Weinen bringen, sieben Gründe näher erläutern.
Erster Grund:
Geradeso, wie eine Diskussion (ikhtilaf)unter den Leuten der Wahrheit nicht aus einem Mangel an Wahrheit entsteht, so entsteht auch die Einheit (ittifaq)unter den Leuten der Gottvergessenheit nicht etwa dadurch, dass sie die Wahrheit besäßen. Es ist vielmehr so, dass eine spezielle Aufgabe, eine besondere Funktion, diesen Klassen der Gesellschaft zugeschrieben wurde, wie den Weltleuten, denen, die sich in der Politik engagiert haben und denen, die eine weltliche Erziehung genossen
haben, und so wurden die Funktionen verschiedener Gruppen, Gesellschaften und Gemeinschaften definiert und unterscheiden sich nun voneinander. In ähnlicher Weise wurde auch der materielle Gegenwert, den sie ihrer Funktion entsprechend zu empfangen haben, um sich so ihren Lebensunterhalt sichern zu können, wie auch der moralische Wert (hubb-u djah),welcher in der Gunst besteht, die ihnen die Leute entsprechend ihrem Stolz und ihrem Einsatz entgegenbringen, festgesetzt und genau verteilt.
{(*): Mahnung: Die Gunst der Menschen kann man nicht einfordern, sie wird vielmehr gegeben. Wo sie gegeben wird, sollte man sich nicht in ihr gefallen. Gefällt man sich aber in ihr, so ist die Wahrhaftigkeit (ikhlas) verloren und die Heuchelei (riya) tritt an ihre Stelle. Wo der Wunsch nach Ruhm und Ansehen die Aufmerksamkeit eines Menschen beflügelt, so ist sie nicht Lohn noch Belohnung, sondern ein Schlag (ins Gesicht) und eine Strafe für seinen Mangel an Wahrhaftigkeit (ikhlas). Wem Menschen eine derartige Aufmerksamkeit zuwenden, Ehre und Ansehen, dessen Wahrhaftigkeit (ikhlas) verletzen sie, die Quelle der Vitalität zu allen guten Taten. Und selbst wenn sie dabei noch eine vorübergehende winzige Freude bis an den Rand des Grabes erlangen, so nimmt diese doch auf der anderen Seite des Grabes eine recht unschöne Gestalt an. Deshalb sollte man sich von den Menschen keine solche Aufmerksamkeit wünschen, vielmehr vor ihr zurückschrecken. Ja man sollte vor ihr fliehen!
Mögen denen, die öffentliches Ansehen suchen und solchem Ruhm und Ansehen hinterher laufen, die Ohren klingen!}
Es gibt also grundsätzlich nichts, was genügend Konfliktstoff, Uneinigkeit oder gar Streit produzieren könnte. Wie groß also auch immer der Weg des Übels (muzahme)sein mag, dem sie folgen, so können sie sich dennoch untereinander einigen (ittifaq).
Was aber nun die Leute des Glaubens (ehl-i din),der Wissenschaft und die Gefährten der Orden betrifft, so beziehen sich ihre Aufgaben auf die gesamte Menschheit, ihr weltlicher Lohn ist weder festgelegt noch irgendwie unterteilt, und ihr Anteil (maqam)an sozialem Ansehen, sowie ihre
Stellung in der Öffentlichkeit, sind nicht von vornherein festgelegt. Es können viele für den selben Posten (maqam)kandidieren. Es strecken sich viele Hände nach dem gleichen geistigen und materiellen Gewinn aus, der ihnen angeboten wird. Von daher also kommt es, dass Konflikte und Streitigkeiten untereinander entstehen. So verkehrt sich Einigkeit () in Uneinigkeit (nifaq)und Einheit (ittifaq)verwandelt sich in Streit (ikhtilaf).
So ist denn Wahrhaftigkeit (ikhlas)gegen diese fürchterliche Krankheit die Salbe und Arznei. Das heißt, (Wahrhaftigkeit kann dadurch erreicht werden), dass man die Wahrheitsliebe der Eigenliebe vorzieht und seinen Egoismus und den Gefallen an sich selbst (nefs ve enaniyet)durch den Gefallen an der Wahrheit (haqq)überwindet und so die Bedeutung der Ayah اِنْ اَجْرِىَ اِلاَّ عَلَى اللّٰهِ {"Fürwahr, mein Lohn ist einzig bei Gott." (Sure 11, 29)} zum Ausdruck bringt, die materielle und geistige Belohnung der Menschen zurückweist
{(*): Man sollte sich auch die "Tugend der Beschenkung" zu seinem Wegweiser (rehber) wählen, die der Qur'an an den Sahabis gelobt hat. Das heißt, sobald es gilt, ein Geschenk oder Almosen (Sadaqa) anzunehmen, sollte man sich selbst stets einen anderen vorziehen und statt sich für seinen Gottesdienst eine irdische Belohnung zu wünschen oder auch nur in seinem Herzen zu erwarten, wissend, dass dies einzig und allein eine Gnade (ihsan) Gottes ist, ohne dabei einem Menschen ein Gefühl der Verpflichtung aufzuladen oder eine Gegenleistung für seinen Gottesdienst anzunehmen. Denn man darf in dieser Welt für seinen Gottesdienst keine Gegenleistung erwarten, damit die Wahrhaftigkeit nicht entflieht. Zwar hat man ein Recht darauf, dass die Gemeinde einen mit allem Lebensnotwendigen versorgt, ja sogar ein Recht auf Almosen (zekat). Doch darf man dies nicht einfordern. Es wird einem gegeben. Wem etwas gegeben wurde, der darf nicht sagen: "Dies ist der Lohn für meine Dienstleistung." Soweit es möglich wäre, sollte man stets bescheiden anderen vor sich selbst den Vorzug geben, die bedürftiger sind. (Wer solcher Art) das Geheimnis der Ayah
وَيُؤْثِرُونَ عَلٰٓى اَنْفُسِهِمْ وَلَوْ كَانَ بِهِمْ خَصَاصَةٌ
("Und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst bedürftig wären." (Sure 59, 9))
zum Ausdruck bringt, wird sich vor dieser schrecklichen Gefahr erretten und Wahrhaftigkeit gewinnen.}
und die Bedeutung der
Ayah وَمَا عَلَى الرَّسُولِ اِلاَّ الْبَلاَغُ {"Und nichts obliegt dem Propheten außer seiner Verkündigung." (Sure 5, 99)}
zum Ausdruck bringt.
Wer weiß, dass solche Angelegenheiten, wie wohl angesehen zu sein, einen guten Eindruck zu machen und bei den Menschen in Gunst zu stehen, eine Angelegenheit Gottes des Gerechten und in Seiner Huld (ihsan)sind und nichts mit der Verkündigung (tebligh)der Botschaft zu tun haben, die seine eigene Aufgabe (vazifeh)ist, dabei auch gar nicht notwendig sind, weil er auch gar nicht (mit dergleichen Angelegenheiten) betraut ist, (wer dies weiß) wird (in der Erlangung) der Wahrhaftigkeit erfolgreich sein. Andernfalls wird seine Wahrhaftigkeit ihm entfliehen.
Zweiter Grund:
Die Einheit (ittifaq)unter den Leuten des Irrweges entspringt aus ihrer Erniedrigung (dhillet)und die Disputationen (ikhtilaf)unter den Leuten der Rechtleitung erwächst aus ihrer Würde (izzet).Das heißt, dass Weltleute und Leute des Irrweges, welche gottvergessene Leute sind, elend und schwach sind, da sie sich nicht auf Recht und Wahrheit (haq ve haqiqat)stützen. Weil sie aber so schwach sind, brauchen sie Kraft. Aus dieser Not heraus ist ihnen Einheit (ittifaq)und Hilfe von Herzen willkommen. Wenn auch ihr
Weg auf einem Irrtum beruht, so wahren sie doch wiederum ihre Einheit. Es ist, als wollten sie aus ihrer Ungerechtigkeit (haqsizlik)eine Liebe zur Wahrheit (haq)machen, ihren Irrweg in Wahrhaftigkeit (ikhlas)umwandeln, ihre Gottlosigkeit in eine Solidarität aller Gottlosen umschmieden, ihre Heuchelei (nifaq)eine Übereinstimmung (vifaq)sein lassen, um auf diese Weise zum Erfolg zu gelangen. Denn eine Wahrhaftigkeit, die aus dem Herzen kommt, kann nicht ohne eine Wirkung bleiben, selbst, wenn sie auf das Böse gerichtet ist. In der Tat wird Gott, dem, der sich etwas wahrhaftig wünscht, es auch geben.
{(Anmerkung): مَنْ طَلَبَ وَجَدَّ وَجَدّ ("Wer ernsthaft sucht, findet.")
Dies ist in der Tat ein Leitsatz der Wahrheit. Seine Gültigkeit ist umfassend und kann in ihrer ganzen Breite auch unseren Weg (meslek) mit einschließen.}
Was jedoch die Leute der Rechtleitung und des Glaubens betrifft, die Leute des Wissens und die Angehörigen der Orden, so empfangen sie, weil sie sich auf Wahrheit und Gerechtigkeit (haq ve haqiqat)stützen und auf diesem Weg der Wahrheit einzig an ihren Herrn denken und in ihrem Erfolg auf Ihn vertrauen, innerlich eine gewisse Würde. So sie sich schwach fühlen, so wenden sie sich nicht an die Menschen, sondern an ihren Herrn und erbitten von ihm Hilfe. Weil aber ihre Gesichtspunkte unterschiedlich sind, verspüren sie kein echtes Bedürfnis nach Hilfe von Seiten derer, deren Standpunkt ihrem eigenen entgegengesetzt ist und sehen darin keine Notwendigkeit für eine Einheit (ittifaq).Dort wo sich Selbstsucht und Egoismus finden, halten sie sich selbst für gerecht und glauben, dass sich ihr Gegner im Unrecht befände und so treten an Stelle von Einheit und Liebe (ittifaq ve muhabbet)Uneinigkeit (ikhtilaf)und Streit unter Rivalen. So geht ihre Wahrhaftigkeit (ikhlas)verloren und ihre Aufgabe (vazife)gerät durcheinander.
So liegt denn nun das einzige Heilmittel, um solch fürchterlichen Folgen gefährlicher Ursachen begegnen zu können, in den folgenden "Neun Anweisungen".
1. Sich positiv verhalten, das heißt, sein Verhalten in der Liebe zum eigenen Weg ausrichten, Feindschaft (adavet)
gegenüber anderen Wegen, ihren Fehlern und Mängeln nicht nähren, ihr Wissen und Denken (fikr ve ilim)nicht kritisieren und sich mit dergleichen Dingen nicht beschäftigen.
2. Vielmehr sollte man innerhalb des Islamischen Kreises, unabhängig von der jeweiligen Sichtweise über die einigenden Bande (rabita-i vahdet),
die zu Liebe, Brüderlichkeit und Einheit (ittifaq)hinführen, nachdenken und so zu dieser Einheit gelangen.
3. Was aber das Recht (haq)
eines jeden betrifft, der den rechten Weg geht, so sollte man einen anderen auf seinem Weg nicht belästigen, sondern vielmehr sagen: "Ich befinde mich auf dem rechten Weg." oder "Mein Weg ist der bessere (güzeldir)."Man sollte auch nicht andeuten, dass der Weg eines anderen unrichtig (haqsiz)oder unschön sei, oder sagen: "Richtig ist einzig mein eigener Weg." oder "Gut ist einzig meine eigene Sichtweise." und sich so eine vernunftgemäße (Sichtweise) zum Wegweiser machen.
4. In Betracht ziehen, dass die Einheit mit den Leuten der Wahrheit eine Bedingung des von Gott kommenden Erfolges und der Ankergrund der Ehre im religiösen Leben ist.
5. Und ferner sollte man sich vor Augen führen, dass auch der stärkste Widerstand eines Einzelnen gegen die Angriffe eines kollektiven Genius der Leute des Irrweges und der Ungerechtigkeit, der ihnen aus ihrer Solidarität erwächst, durch die Einheit unter den Leuten der Wahrheit besiegt werden kann, wenn auch sie ihrerseits eine solche gemeinschaftliche Kraft formen, um Recht und Gerechtigkeit angesichts dieser furchtbaren gemeinschaftlichen Kraft der Leute des Irrweges zu bewahren.
6. Um die Wahrheit vor den Stürmen der Irrlehre (batil)
zu retten bewahren.
7. Selbstsucht (nefs)
und Egoismus (enaniyet)
8. und ein falsches Denken über "Ehre"
9. durch die Aufgabe irgendwelcher bedeutungsloser Gefühle von Rivalität zur Wahrhaftigkeit zurückzufinden und seiner Aufgabe gerecht zu werden...
{(*): Nach einer echten Überlieferung wird sogar berichtet, dass die wahrhaft frommen Christen sich am Ende der Zeit mit den Leuten des Qur'an vereinigen und, so wie sie sich gegen ihren gemeinsamen Feind, den Atheismus, wenden werden, dann sich nicht nur die Gefolgsleute des Glaubens und des rechten Weges in wahrer Brüderlichkeit vereinigen werden, sondern auch die Christen mit einer echten Frömmigkeit und Spiritualität, dabei zunächst einmal alles, was eine Quelle von Streitigkeiten sein könnte, nicht zum Anlass für weitere Debatten und Disputationen zu machen, sondern stattdessen sich lieber ihrem gemeinsamen Gegner, dem kämpferischen Atheismus, gemeinsam entgegenstellen müssen.}
Dritter Grund:
Die Uneinigkeit (ikhtilaf)unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft oder etwa ihrer niedrigen Gesinnung, noch erklärt sich die Einigkeit (ittifaq)unter den Leuten des Irrglaubens und des Irrweges aus ihrer hohen und edlen Gesinnung und ihrer Begeisterung. Vielmehr entstammt die Uneinigkeit aus dem Missbrauch ihrer hohen und edlen Gesinnung und die Einigkeit unter den Leuten des Irrglaubens aus der Schwäche und Unfähigkeit ihrer mangelnden Einsatzbereitschaft.
Was die Leute der Rechtleitung zu einem Missbrauch ihrer hohen Gesinnung treibt und weiter in die Uneinigkeit (ikhtilaf)und zu Streitigkeiten treibt, ist vielmehr ihr Verlangen nach einer himmlischen Belohnung (hirs-i sevab),was im Hinblick auf das Jenseits als eine gute Eigenschaft gepriesen wird, und eine außergewöhnliche Begierde (kanaatsizlik)hinsichtlich ihrer jenseitigen Verpflichtungen. So denken sie: "Lass mich diese Belohnung gewinnen! Lass mich diese Leute führen! Auf mich sollen sie hören!" Er spielt sich als Rivalen
gegenüber seinem wahrhaftigen Bruder auf, dessen Liebe, Hilfe, Brüderlichkeit und Unterstützung er ernsthaft bedarf und versucht gegen ihn zu konkurrieren. Indem er sich selbst sagt: "Warum gehen meine Schüler zu ihm? Warum habe nicht ich so viele Schüler wie er?" wird er eine Beute seiner Ichsucht (enaniyet),neigt jenem Geltungsdrang (hubb-u djah)zu, der schon eine verwerfliche Eigenschaft ist, und verliert somit seine Wahrhaftigkeit und öffnet der Heuchelei (riya)das Tor.
Heilung für diesen Irrtum, diese Wunde, diese fürchterliche Krankheit des Geistes besteht in dem Grundsatz, dass Gottes Wohlgefallen nur durch Wahrhaftigkeit allein gewonnen werden kann und nicht durch eine große Anzahl von Anhängern und großartige Erfolge. Denn diese Dinge gehören zum Aufgabenbereich Gottes. Man kann sie nicht erbitten, vielmehr werden sie manchmal gewährt. Manchmal wird in der Tat ein einziges Wort zur Ursache für ihre Erlösung und zu einer Quelle ihres Wohlgefallens (bei Gott). Eine Masse sollte nie Grund für allzu viel Aufmerksamkeit sein. Denn manchmal erlangt, wer auch nur einen einzigen Menschen auf den rechten Weg leitet (irshad),ebensoviel Wohlgefallen bei Gott, wie einer, der tausend Menschen rechtleitet. Ferner erfordert die Aufrichtigkeit und die Liebe zur Wahrheit, dass jemand wünschen sollte, allen Muslimen, wer auch immer es sei und wo auch immer er sei, von Nutzen zu sein. Andernfalls ist der Gedanke: "Mögen sie bei mir Unterricht nehmen und mich so den Lohn Gottes gewinnen lassen" eine List der Ichsucht und des Egoismus (nefs ve enaniyet).
Oh Mensch, der du gierig (hirs)nach Gottes Lohn (sevab)und unersättlich (kanaatsiz)nach guten Taten für das Jenseits bist! Es sind zuweilen Propheten aufgetreten, die, obwohl es nur Wenige gab, die ihnen nachfolgten, doch den unendlichen Lohn für die geheiligten Aufgaben ihres Prophetentums erhalten haben. Das heißt, der wahre Erfolg liegt nicht in der Größe seiner Gefolgschaft, sondern darin,
Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Wer bist du eigentlich, dass du in deiner Gier sagst: "Alle sollen mich hören!" und dabei deine eigene Aufgabe vergisst und dich stattdessen in die Aufgaben Gottes einmischst? Dir Anerkennung (etraf)zu verschaffen und das Volk um dich zu versammeln ist Gottes Werk. So tu denn deine Pflicht und mische dich nicht in die Aufgaben Gottes.
Zudem sind es nicht nur die Menschen, durch die der, der die Wahrheit hört und Recht spricht, Gottes Lohn (sevab)erlangt. Vielmehr sind es Gottes des Gerechten bewusstseinstragende Geschöpfe, Geistwesen und Engel, die den Kosmos erfüllen und allüberall beleben. Wenn du also nun schon so viel Lohn (sevab)empfangen möchtest, mache dir die Wahrhaftigkeit zu deinem Grundsatz und denke dabei einzig an Gottes Wohlgefallen. Dann werden die gesegneten Worte, die deinen Mund verlassen, entsprechend deiner Wahrhaftigkeit und lauteren Absicht belebt und verlebendigt werden und sich durch die Luft schwingend in jedes einzelne Ohr all der unendlich vielen, bewusstseinstragende Wesen eingehen, es erleuchten und so auch dir deinen Verdienst (sevab)bringen.
Wenn du also z.B. sagst: "Elhamdulillah(Dank sei Gott)", so wird dieses Wort mit Gottes Erlaubnis in Form von Millionen großer und kleiner "Elhamdulillah"-Worte in die Luft geschrieben. Da aber der Allweise Gestalter nichts Sinnloses oder Überflüssiges tut, so hat er entsprechend den vielen gesegneten Worten, die da gehört werden sollen, (bereits zuvor) entsprechend viele Ohren erschaffen. Wenn diese Worte mit Wahrhaftigkeit und reiner Absicht (niyet-i sadiqa)in der Luft zum Leben gebracht werden, so dringen sie wie wohlschmeckende Früchte in die Ohren der Geistwesen ein. Wenn aber das Wohlgefallen Gottes und die Wahrhaftigkeit diesen Worten in der Luft kein Leben schenkt, so werden sie auch nicht gehört. Dann bleibt auch der Lohn auf das Wort im Mund beschränkt. Mögen nun also die Ohren der Qur'anrezitatoren (Hafidh)klingen,
von denen man sagt, dass ihre Stimmen nicht mehr schön klingen und die nun traurig sind, nur noch wenige Zuhörer zu haben!
Vierter Grund:
Und in genau der gleichen Weise, wie Rivalitätsdenken und Uneinigkeit (ikhtilaf)unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus der Unfähigkeit erwachsen, deren Konsequenzen zu erkennen, oder vielleicht aus einer gewissen Kurzsichtigkeit, so folgt die innige Eintracht (ittifaq)der Leute des Irrweges nicht aus einer gewissen Weitsichtigkeit oder weiser Voraussicht. Vielmehr lassen sich die Leute der Rechtleitung unter dem Einfluss von Recht und Wahrheit (haq ve haqiqat)nicht von den blinden Gefühlen ihrer Seele (nefs)verführen und folgen stattdessen den Neigungen ihres Herzens und ihrem weit vorausschauenden Verstand. Da sie aber dabei ihre Rechtschaffenheit (istikamet)und Wahrhaftigkeit nicht bewahren konnten, konnten sie auch ihre hohe Stellung (maqam)nicht länger beibehalten und gerieten deshalb miteinander in Streit.
Was aber die Leute des Irrweges betrifft, so unterliegen sie dem Einfluss ihrer Lust und Laune und kommen unter der Vorherrschaft ihrer Sinne, die allen Konsequenzen gegenüber blind sind und stets ein Dirhem (= 3 g) gegenwärtigen Genusses einem Batman (= 8 kg) künftigen Genusses vorziehen, in einer geradezu herzlichen Übereinstimmung für einen unmittelbaren Vorteil und ein augenblickliches Vergnügen zusammen. Diese niedrig gesinnten und herzlosen Anbeter ihrer Seelen (nefs)vereinigen und verbinden sich in der Tat aus reinem inneren Antrieb heraus und nur um ihrer irdischen, unmittelbaren Vergnügungen und Vorteile willen. Es stimmt schon, dass die Leute der Rechtleitung ihr Antlitz ihren Belohnungen im Jenseits und ihrer eigenen Vervollkommnung zugewandt haben, und dies in Übereinstimmung mit den erhabenen Anweisungen ihres Herzens und ihrer Vernunft, doch obwohl ein nüchterner Sinn für die Richtung, völlige Wahrhaftigkeit, Hingabe für Eintracht und Gemeinschaft möglich sind, ist es ihnen dennoch nicht gelungen, sich von
ihrem Egoismus zu befreien. So haben sie denn entweder durch ihre Übertreibungen (ifrat)oder durch ihre Unterlassungen (tefrit)ihre Einheit verloren, diese erhabene Quelle aller Macht, und sind so ihrer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen. So haben sie auch ihre Aufgaben vernachlässigt und ihre Pflichten für das Jenseits verletzt. Man kann nicht so leicht das Wohlgefallen Gottes erringen!
Die Salbe und das Heilmittel für diese schwere Krankheit besteht darin, stolz darauf zu sein, die auf dem Weg der Wahrheit wandeln nach den Grundsätzen der Liebe um Gottes willen zu begleiten (el hub-bu fi'llah)- oder vielmehr ihnen zu folgen und ihnen die Ehre zu überlassen, die Führerschaft (Imam)zu übernehmen - seine Ichsucht aufzugeben, verbunden mit der Möglichkeit, dass, wer auch immer auf dem Pfade der Wahrheit wandeln möge, besser sein könne, als man selbst, und auf diese Weise zur Wahrhaftigkeit zu gelangen. Errettung von dieser Krankheit kann auch gefunden werden, wenn man weiß, dass ein Dirhem Handlung in Wahrhaftigkeit einem Batman weiser Taten ohne jede Wahrhaftigkeit vorzuziehen ist und die Stellung dessen, der zu folgen gelernt hat (tabiiye),vor dem zu bevorzugen, dem man folgen muss, mit all den Gefahren und der Verantwortlichkeit, die das mit sich bringt. So erlangt man Wahrhaftigkeit und kann seine Aufgaben für das Jenseits recht erfüllen.
Fünfter Grund:
Sowie Uneinigkeit (adem-i ittifaq)und Disputationen (ikhtilaf)unter den Leuten der Rechtleitung nicht ein Ergebnis der Schwäche sind und die machtvolle Einheit der Leute des Irrweges kein Ergebnis von Stärke sind, so kommt auch die Uneinigkeit unter den Leuten der Rechtleitung nicht aus jener Kraft, die das Ergebnis der Unterstützung (nokta-i istinad)ist, die aus einem vollkommenen Glauben erwächst, und die Einheit unter den Leuten der Gottvergessenheit und des Irrweges aus der Schwäche und Unfähigkeit, die sie als ein Ergebnis eines Fehlens an irgendeinem inneren Halt (nokta-i istinad)in ihrem Herzen verspüren. Denn weil die Schwachen eine Einheit brauchen, gründen sie schlagkräftige
Gemeinschaften.
{(*): Unter den Organisationen in der westlichen Welt ist eine der erfolgreichsten und überzeugendsten und in gewisser Hinsicht mächtigsten die der anmutigen, zärtlichen und schwachen Frauen, welche die Amerikanische Vereinigung für die Rechte und die Freiheit der Frauen bilden. Das gleiche gilt auch für das Komitee der Armenier, die unter den Völkern nur eine kleine und schwache Minderheit bilden. Beide Vereinigungen bestätigen unsere Behauptung, indem sie beide eine starke, opferbereite Haltung zeigen.}
Weil aber die Starken kein vergleichbares Bedürfnis verspüren, sind ihre Vereinigungen nur schwach. Löwen brauchen keine Gemeinschaft wie die Füchse und leben deshalb für sich allein. Wilde Ziegen leben in Herden, um sich so vor den Wölfen zu schützen. Das heißt, die Gemeinschaft der Schwachen ist stark, wohingegen das Kollektiv der Starken schwach ist. Es ist ein schöner Hinweis auf dieses Geheimnis und eine subtile Anmerkung des Qur'an, wenn er sagt وَقَالَ نِسْوَةٌ فِى الْمَدِينَةِ {"Und die Frauen in der Stadt sagten." (Sure 12, 30)} wobei er für die weibliche Gemeinschaft das männliche Verbum قَالَ {"er sagte"} gebraucht, obwohl es doch eigentlich in doppelter Hinsicht weiblich sein müsste. Im Gegensatz dazu ist in dem Ausdruck قَالَتِ الْاَعْرَابُ {"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)} das Verbum قَالَتِ {"sie sagte"}
in diesem Fall in der weiblichen Form, obwohl doch das dazu gehörige Subjekt eine Gemeinschaft von Männern darstellt. Darin findet sich also der Hinweis, dass eine Gemeinschaft von schwachen, sanftmütigen und milden Frauen an Stärke, ja Härte und Strenge gewinnt und sogar eine Art Männlichkeit erreicht. Der Gebrauch des Verbums in seiner maskulinen Form ist deshalb وَقَالَ نِسْوَةٌ {"Und die Frauen sagten" (Sure 12, 30)} zuhöchst angemessen. Starke Männer und ganz besonders die arabischen Beduinen vertrauen im Gegensatz dazu auf ihre eigene Stärke. Darum sind ihre Gemeinschaften schwach, denn sie zeigen eine Haltung der Vorsicht und der Sanftmut und Weise in dieser Art weibliche Züge auf, wofür dann der Gebrauch des Verbums in seiner femininen Form قَالَتِ الْاَعْرَابُ {"die Beduinen sagten" (Sure 49, 14)} am angemessensten erscheint.
In der Tat ist der Glaube an Gott eine ganz besonders starke Stütze (kuvvetli bir nokta-i istinad)für die Leute der Wahrheit und aus ihm erwächst ihnen das Vertrauen (tevekkul)und die Hingabe (teslim)an Ihn. Deshalb brauchen sie anderen ihre Bedürfnisse nicht zu unterbreiten und verlangen von ihnen keine Unterstützung oder Hilfeleistung. Und selbst wenn sie danach verlangen, so geben sie sich dabei keine ernsthafte Mühe. Die Weltleute aber leugnen in ihren weltlichen Angelegenheiten die wahre Quelle aller Hilfe (haqiqi nokta-i istinad).So fallen sie denn in Schwäche und Unfähigkeit. Und wenn sie eine akute Notlage erleben und Hilfe benötigen, so kommen sie zusammen und opfern sich von ganzem Herzen auf.
So stürzen denn die Leute der Wahrheit, weil sie die aus der Einheit erwachsende wahre Stärke nicht wahrnehmen und sie auch nicht suchen, der Zwietracht, ein
Ergebnis, das zur Ungerechtigkeit und zum Schaden führt. Im Gegensatz dazu erringen die ungerechten Leute des Irrweges, da sie aus ihrer Schwäche heraus die Kraft, die aus der Einheit erwächst, verspüren, Einigkeit, die ein außerordentlich wichtiges und zweckmäßiges Fahrzeug ist.
So liegt denn das Heilmittel und die Salbe gegen diese Krankheit einer ins Unrecht führenden Uneinigkeit unter den Leuten der Wahrheit darin, das nachdrückliche Verbot in der Ayah
وَلاَ تَنَازَعوُا فَتَفْشَلُوا وَتَذْهَبَ رِيحُكُمْ
{"Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46)}
und das außerordentlich weise göttliche Gebot für das gesellschaftliche Leben in der Ayah
وَتَعَاوَنوُا عَلَى الْبِرِّ وَالتَّقْوى
{"Und helft euch einander im Guten und in der Gottesfurcht." (Sure 5, 3)}
zum Leitsatz eures Handelns zu machen und dabei zu bedenken, in welchem Grade die Uneinigkeit (ikhtilaf)der Sache des Islam schadet und in welchem Grade sie den Sieg der Leute des Irrweges über die Leute der Wahrheit erleichtert. Darum sollte man sich von ganzem Herzen und mit ganzer Hingabe und (dem Gefühl) der völligen Schwäche und der eigenen Ohnmacht der Karawane der Leute der Wahrheit anschließen. Und schließlich sollte man darüber seine eigene Wenigkeit vergessen, sich vor Verstellung und Heuchelei (riya)retten und so zur Wahrhaftigkeit gelangen.
Sechster Grund:
Uneinigkeit (ikhtilaf)unter den Leuten der Wahrheit erwächst nicht aus Niedertracht, Mangel an Begeisterung und fehlender Unterstützung, ebenso wenig wie die innere Einheit gottvergessener Weltleute und der Leute des Irrweges in den Dingen des irdischen Lebens
aus Edelmut, Begeisterung und Wohlwollen entsteht. Es ist vielmehr so, dass die Leute der Wahrheit meistens an die Dinge denken, die ihnen im Jenseits von Nutzen sein können und deshalb ihren Edelmut, ihre Begeisterung und ihr Wohlwollen für derartige wichtige und zahlreiche Dinge einsetzen. Weil sie also ihre Zeit, die ihr wahres Kapital ist, nicht für eine bestimmte Sache aufwenden, kann ihre Einheit mit ihren Bundesgenossen niemals an Kraft gewinnen. Denn es gibt viele Dinge und ihr Wirkungsfeld ist umfangreich. Was aber diese gottvergessenen Weltleute betrifft, so denken sie nur an dieses irdische Leben und klammern sich mit all ihren Sinnen, mit Herz und Verstand (ruh)an diesem irdischen Leben fest und kleben förmlich an jedem, der ihnen in solchen Angelegenheiten helfen könnte. Gleich einem irre gewordenen Diamantenhändler zahlen sie fünf Lira für ein Stückchen Glas, das keine fünf Para wert ist, und widmen ihre Zeit, die vergleichsweise fünfhundert Lira Wert ist, Dingen, die in Wirklichkeit und in den Augen der Leute der Wahrheit keine fünf Para wert sind. Einen so hohen Preis zu zahlen und sich für eine Sache mit einer solchen Hingabe und mit allen Sinnen einzusetzen, wird sicherlich in dieser wahren Wahrhaftigkeit auch für den zum Ziel führen, der auf dem falschen Weg ist. So sind sie den Leuten der Wahrheit gegenüber die Sieger. Diesem Sieg zufolge verfallen die Leute der Wahrheit dem Elend, der Erniedrigung, der Heuchelei (riya)und der Verstellung und verlieren so ihre Wahrhaftigkeit. Auf diese Weise werden sie dazu gezwungen, vor einem Teil dieser niederträchtigen, missgünstigen und ehrlosen Weltleute zu kriechen und ihnen zu schmeicheln.
Oh ihr Leute der Wahrheit, ihr wahrheitsliebenden Leute des Gesetzes (scharia),ihr Leute des Rechts und ihr Angehörigen der Orden! Seht einander angesichts dieser fürchterlichen Krankheit der Uneinigkeit (ikhtilaf)eure Fehler nach! Schließt eure Augen vor dem, was unter euch unzureichend und mangelhaft ist! Verhaltet euch so, wie es
die gute Sitte (edeb-i furqan)entsprechend der Ayah
وَاِذَا مَرُّوا بِاللَّغْوِ مَرُّوا كِرَامًا
{"Und wenn sie leerem Geschwätz begegnen, gehen sie in edler Gesittung vorüber." (Sure 25, 72)}
von euch verlangt!
Betrachtet es als eure erste und wichtigste Aufgabe, interne Streitigkeiten zu vermeiden, während ihr gleichzeitig von einem äußeren Feind angegriffen werdet! Sucht dabei, die Leute der Wahrheit vor Demütigung und Erniedrigung zu bewahren! Bemüht euch um Brüderlichkeit, Liebe (muhabbet)und Zusammenarbeit, wie es in hunderten Ayat und Hadithen des Propheten so nachdrücklich empfohlen wird. Strebt mit ganzer Hingabe danach, mit euren Bundesgenossen und mit euren Brüdern im Glauben eine Einheit herzustellen, die stärker ist als die der Weltleute! Also verliert euch nicht in irgendwelchen Auseinandersetzungen. Und schwächt nicht eure Eintracht indem ihr euch zurückzieht und sagt: "Anstatt meine kostbare Zeit mit sinnlosen Kleinigkeiten zu vertrödeln, möchte ich doch lieber meine so wertvolle Zeit für so kostbare Dinge, wie Nachsinnen und Gottesgedenken (dhikr ve fikr)aufwenden." Denn in diesem geistigen Kampf kann das, was ihr für eine Kleinigkeit haltet von großer Bedeutung sein. So wie die Wache eines Soldaten unter besonders schwerwiegenden Umständen manchmal die Bedeutung von einem Jahr Gottesdienst erhält, so kann einer eurer wertvollen Tage, der zur Zeit der Niederlage der Leute der Wahrheit in Angelegenheiten des geistigen Kampfes für eine Kleinigkeit aufgewandt wird, wie die Stunde jenes Soldaten tausendfachen Wert annehmen. Ein Tag kann tausend Tagen gleich sein. Was auch immer man um Gottes willen unternimmt, kann man nicht als große oder kleine Dinge betrachten, in wertvolle und wertlose Angelegenheiten unterscheiden. Ein Stäubchen in Wahrhaftigkeit und um Gottes willen gegeben,
wird so zu einem Stern. Was zählt ist nicht die Art der aufgewandten Mittel, sondern das Ergebnis. Solange das Ergebnis das Wohlgefallen Gottes ist und das Ferment die Wahrhaftigkeit, ist es nicht klein sondern groß.
Siebenter Grund:
Uneinigkeit (ikhtilaf)und Streit (rekabet)zwischen den Leuten der Wahrheit und des Rechts erwachsen nicht aus Eifersucht und Gier (hirs)nach den irdischen Dingen, während andererseits die Einigkeit unter den Leuten der Welt und der Gottvergessenheit nicht aus ihrem Edelmut und ihrer Großherzigkeit entsteht. Vielmehr sind die Leute der Wahrheit nicht dazu in der Lage, die edle Großherzigkeit und den vortrefflichen Edelmut, wie sie doch eigentlich von der Wahrheit ausgehen sollten, und den lobenswerten Wetteifer (himmet)auf dem Weg der Wahrheit in der rechten Weise zu pflegen. Da durch die Beteiligung und Mitwirkung von Unberufenen in gewissem Grade Missbrauch getrieben wurde, verfielen sie der Uneinigkeit (ikhtilaf)und dem Streit (rekabet)und haben dadurch sowohl sich selbst als auch der islamischen Gemeinschaft beträchtlichen Schaden zugefügt. Was aber die Leute der Gottvergessenheit und des Irrweges betrifft, so vereinigen sie sich, um nicht die Vorteile zu verlieren, von denen sie so berauscht sind, und ihre Anführer und Genossen, die um dieses Nutzens willen bei ihnen in Ansehen stehen, nicht zu verärgern, in ihrer Erniedrigung, Ehrlosigkeit und Niedertracht bedingungslos mit all ihren Genossen, wie schändlich, verräterisch und boshaft sie auch sein mögen. Sie vereinigen sich um eines Vorteils willen und in welcher Form auch immer mit ihren Teilhabern. Als Ergebnis dieser herzlichen Übereinkunft erlangen sie in der Tat die Vorteile, die sie sich erhofft hatten.
Oh ihr Leute der Wahrheit und Gefährten der Gerechtigkeit, die ihr vom Unglück verfolgt und in Streitigkeiten verstrickt seid! Da ihr in dieser unglückseligen Zeit eurer Wahrhaftigkeit verlustig gegangen seid und das Wohlgefallen Gottes nicht zum alleinigen Ziel eurer Bemühungen gemacht habt, so habt ihr diese Schande und die Niederlage
der Leute der Wahrheit selbst verursacht. In den Dingen des Glaubens und dort, wo es um das Jenseits geht, sollte es Rivalitätskämpfe, Neid (hased)und Eifersucht nicht geben, und vom Standpunkt der Wahrheit aus sollte es das nicht geben, denn der Grund für Neid (hased)und Eifersucht ist folgender: wenn sich viele Hände nach einer einzigen Sache ausstrecken, wenn viele Augen auf einen einzigen Posten ausgerichtet sind, wenn so viele Mägen nach einem einzigen Laib Brot hungern, so entsteht durch Konurrenzkämpfe und Rivalitätsstreitigkeiten zunächst Eifersucht und am Ende der Neid. Denn da in dieser Welt viele Menschen dieselbe Sache beanspruchen, und da die Welt, so eng und so vergänglich wie sie nun einmal ist, die grenzenlosen Wünsche der Menschheit nicht befriedigen kann, werden sie einander zu Rivalen. Doch im Jenseits werden jedem einzelnen Menschen ein Stückchen Paradies zum Geschenk (ihsan)erhalten, das zu durchwandern er fünfhundert Jahre benötigen würde.
{(*): Eine bedeutende Frage, wie sie von einer bedeutenden Persönlichkeit gestellt wurde:
Die Überlieferung sagt: Im Paradies wird der Mensch einen Garten empfangen, den zu durchmessen er fünfhundert Jahre benötigen wird. Wie kann man diese Wahrheit mit dem Fassungsvermögen unserer irdischen Intelligenz begreifen?
Antwort:
In dieser Welt hat jeder seine eigene, begrenzte Welt, welche ebenso groß ist. Und sein Leben ist die tragende Säule dieser Welt. Mit seinen äußeren und inneren Sinnesorganen macht er von dieser Welt Gebrauch und sagt sich dabei: "Die Sonne ist meine Lampe und die Sterne sind meine Kerzen." Die Existenz anderer Daseinsformen und Lebewesen begrenzt dabei die Besitzansprüche dieses Mannes in keiner Weise. Im Gegenteil: sie erleuchten und schmücken ihm noch seine Welt. In gleicher Weise, wenn auch auf einer tausende Grade höheren (Ebene), gibt es das Paradies für einen jeden und dazu noch zusätzlich ein eigenes fünfhundert Jahre großes Stückchen Paradies mit Tausenden von Schlössern und Huris. Aus diesem Paradies wird er seiner Entwicklungsstufe entsprechend mit seinen Sinnen und Empfindungen seinen Nutzen ziehen, entsprechend der Art, wie es der Ewigkeit angemessen ist. Die Tatsache, dass auch andere dieses allgemeine Paradies mit ihm teilen verletzt in gar keiner Weise seine Nutzungs- und Eigentumsrechte an ihm, sondern stärken sie vielmehr noch und schmücken ihm sein eigenes, weit ausgedehntes Paradies. Und so wie es in der Tat in dieser Welt einen Menschen gibt, der diesen Garten in einer Stunde, diesen Park in einem Tag, dieses Erholungsgebiet in einem Monat, dieses Reich in einem Jahr durchwandert und mit seinem Mund, seinen Ohren, seinen Augen, seiner Nase und mit allen seinen Sinnen genießt, so werden seine Sinne, die einen Garten in dieser vergänglichen Welt kaum eine Stunde nutzen konnten in dieser Ewigkeit, den gleichen Nutzen erfahren, wie von einem Garten im Umfang eines Jahres. Gesicht und Gehör, die hier kaum einen Ausflug von einem Jahr genießen konnten, werden dort einen Ausflug von fünfhundert Jahren Länge in einer Art und Weise genießen können, die jenes prächtigen, mit so überwältigender Schönheit gesegneten Landes würdig ist. Jeder Gläubige wird dort entsprechend seinem geistigen Stand genießen und mit seinen Sinnen seine Freude und seinen Genuss finden, wie sie sich entsprechend der Belohnung, die er sich in dieser Welt verdient hat und den guten Taten, die er in ihr verrichtet hat, entwickeln und entfalten werden.}
Dazu werden ihnen noch siebzigtausend Schlösser und Huris gegeben werden. Und einem jeden der Leute des Paradieses wird nach seinem eigenen Empfinden gegeben werden, womit er vollkommen zufrieden sein kann, was zeigt, dass es im Jenseits nichts gibt, was einen Grund zu Konkurrenzstreitigkeiten geben könnte und dass also Rivalitäten dort nicht möglich sind. Wenn das aber so ist, dann kann es auch keine Konkurrenz hinsichtlich der guten Werke geben, für die sie sich im Jenseits eine Belohnung erhoffen. Hier ist auch kein Platz für Neid. Wer aber neidisch ist, der ist entweder ein Heuchler (riyakar),sodass er mit frommen Werken (amel-i salih)nach irdischen Zielen strebt, oder aber er ist ein wahrer Narr, der den Sinn einer guten Tat nicht kennt und nicht versteht, dass die Wahrhaftigkeit Leben (ruh)und Basis aller guten Werke ist. Tritt er in Konkurrenz zu den Freunden Gottes (auliya-ullah),so hegt er auf diese Weise
eine Art Feindschaft ihnen gegenüber und zieht zugleich die Größe und Weite der göttlichen Barmherzigkeit in Zweifel.
Hierzu ein Vorfall, der diese Wahrheit bestätigt: Einer meiner früheren Gefährten hegte gegenüber jemandem eine Feindschaft (adavet).In seiner Gegenwart wurde sein Feind einmal wegen seiner Werke der Frömmigkeit (amel-i salih)erwähnt, ja sogar als ein Heiliger (velayet)beschrieben. Der Mann wurde zunächst nicht eifersüchtig oder verlegen. Als dann aber jemand zu ihm sagte: "Dieser dein Feind ist mutig und stark." Da sahen wir, wie in dem Mann der Neid und eine heftige Eifersucht erwachten. Wir sagten zu ihm: "Heiligkeit und Frömmigkeit sind eine Stärke und Größe, dem Brillanten des unendlichen, ewigen Lebens gleich. In dieser Hinsicht warst du ihm gegenüber nicht eifersüchtig. Obwohl sich aber nun irdische Kraft auch bei einem Ochsen und Mut auch bei einem Raubtier finden, so sind sie doch im Vergleich mit Heiligkeit und Frömmigkeit wie Glasstückchen im Vergleich mit einem Diamanten."
Da antwortete der Mann: "Auf Rang und Name haben wir beide in dieser Welt in gleicher Weise unsere Augen gerichtet. Die Stufenleiter, die wir dazu erklimmen müssen, heißt Mut und Kraft. Darum also bin ich eifersüchtig geworden. Die Rangstufen im Jenseits sind grenzenlos. Während er hier mein Gegner ist, kann er deshalb dort dennoch mein herzlich geliebter Bruder sein."
Oh ihr Leute der Wahrheit und Angehörige der Orden! Der Dienst an der Wahrheit gleicht einem großen und schweren Schatz, den es zu tragen und zu bewahren gilt. Diejenigen, welche diesen Schatz auf ihren Schultern tragen, werden sich um so mehr froh und zufrieden sein, je mehr starke Hände zu ihrer Hilfe eilen. Weit davon entfernt, neidisch zu sein, sollte man lieber diejenigen zu ihrer großen Stärke, ihrer effektiven Leistung und ihrer besonderen Befähigung beglückwünschen, die in aufrichtiger Liebe gekommen sind und ihre Hilfe angeboten haben. Warum also sollte man seine getreuen Brüder und
hingabefreudigen Helfer als eine Art Konkurrenz betrachten und so seiner Wahrhaftigkeit verlustig gehen? Ihr werdet fürchterlichen Anklagen ausgesetzt sein in den Augen der Leute des Irrweges, wie z.B. (dem Vorwurf), mit eurer Religion irdische Interessen zu verfolgen, was noch hundertmal mehr unter eurer Würde und Berufung liegt, wenn ihr euren Lebensunterhalt mit eurem Wissen um die Wahrheit verdient und in eurer Gier (hirs)und Habsucht (rekabet)noch miteinander wetteifert.
Das einzige Mittel gegen diese Krankheit ist, stets die Schuld bei sich selbst zu suchen und stets nicht für sich selbst und die eigene Sache, sondern für seinen Weggefährten einzutreten. Es gibt einen Leitsatz für die Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit unter den Moraltheologen und den Rhetorikern, der lautet: "Wer immer bei einer Debatte über welchen Gegenstand auch immer sich wünscht, er möge recht behalten, wer immer froh darüber ist, dass er recht bekommen hat, während sein Gegner im Unrecht bleibt und es sich herausstellt, dass er sich geirrt hat: ein solcher Mensch ist ungerecht." Es ist nicht nur so, dass ein solcher Mensch verloren hat. Denn wer aus einer solchen Debatte als Sieger hervorgeht, der hat dabei nichts gelernt, was er nicht schon zuvor gewusst hätte und sein möglicher Stolz (gurur)verursacht ihm einen Verlust. Wenn es sich aber herausstellt, dass sein Gegner recht hatte, so wird er von ihm etwas gelernt haben, was er zuvor noch nicht wusste. Er wird etwas dabei gewonnen haben, ohne etwas zu verlieren, und dabei zugleich vor seinem Stolz bewahrt bleiben. Mit anderen Worten: Wer gerecht ist und die Wahrheit liebt, bricht um der Liebe zur Wahrheit willen mit seiner Seele (nefs).Wenn er erkennt, dass sein Gegner recht hat, wird er das wiederum gutwillig akzeptieren, dessen Standpunkt verteidigen und darüber zufrieden sein.
Wenn also nun die Leute des Glaubens und der Wahrheit, die Angehörigen der Orden und die Leute der Wissenschaft sich diese Grundsätze zur Richtschnur machen,
so werden sie zur Wahrhaftigkeit gelangen. Und sie werden Erfolg haben bei der Erfüllung jener Aufgaben, deren Lohn für sie im Jenseits liegt. Durch die Barmherzigkeit Gottes werden sie vor einem tragischen Sturz (über einer solchen Auseinandersetzung) und dem gegenwärtigen Unglück gerettet werden.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Einundzwanzigster Blitz
Über die Wahrhaftigkeit (ikhlas)
Diese Abhandlung war ursprünglich die Vierte von sieben Problemstellungen der Siebzehnten Notiz zum Siebzehnten Blitz. Sie ist wegen ihres Zusammenhanges mit der Wahrhaftigkeit zum Zweiten Punkt des Zwanzigsten Blitzes geworden, wurde jedoch auf Grund ihres Glanzes als Einundzwanzigster Blitz in den Band der "Blitze" eingereiht.
Diese Abhandlung soll mindestens einmal in Fünfzehn Tagen gelesen werden.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ وَلاَ تَنَازَعُوا فَتَفْشَلُوا وَتَذْهَبَ رِيحُكُمْ ٭ وَقُومُوا لِلّٰهِ قَانِتِينَ ٭ قَدْ اَفْلَحَ مَنْ زَكّٰيهَا ٭ وَقَدْ خَابَ مَنْ دَسّٰيهَا ٭ وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Streitet euch nicht miteinander, damit ihr nicht den Mut verliert und der Sieg euch nicht entgleitet." (Sure 8, 46) "Und steht demütig vor Gott." (Sure 2, 238) "Wohl ergeht es dem, der sie reinigt. Und zu Schanden wird, der sie verdirbt." (Sure 91, 9-10) "Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
Oh meine Brüder im Glauben und meine Gefährten im Dienst am Qur'an! Ihr wisst ja bereits und ihr solltet es auch wissen, dass in dieser Welt wie auch in jener Welt immer dann, wenn ihr den Lohn eurer Guten Werke erst dort erwartet (uhrevi hizmetler),der wichtigste Grundsatz, die stärkste Kraft, der willkommenste Fürsprecher, der beständigste Stützpfeiler (nokta-i istinad),der kürzeste Weg zur Wahrheit, das willkommenste wortlose Gebet, das wundersamste Fahrzeug (auf dem Weg) zu eurem Ziel, die erhabenste Eigenschaft und der reinste Gottesdienst (ubudiyet)die
Wahrhaftigkeit ist. Doch obwohl nun die Wahrhaftigkeit so viele lichtgleiche hervorragende Eigenschaften und so viele Kräfte umfasst und obwohl wir in diesen schrecklichen Zeiten und angesichts solch fürchterlicher Feinde, einem starken Druck, überwältigender ketzerischer Neuerungen (bid'a)und Verirrungen (dalalet)so außerordentlich wenige, so schwach, arm und kraftlos sind, wurde doch durch Gottes Güte (ihsan-i Ilahi)eine so große und schwere, allumfassende heilige Aufgabe im Glauben und Dienst am Qur'an auf unsere Schultern gelegt. Mit Sicherheit sind wir daher mehr als jeder andere dazu verpflichtet mit unserer ganzen Kraft nach Wahrhaftigkeit zu streben. Diesem Geheimnis der Wahrhaftigkeit in uns Raum zu verschaffen ist für uns ganz besonders notwendig. Sonst wäre, was wir bisher in unserem heiligen Dienst erreicht haben, zum Teil wieder verloren, könnte nicht weiter bestehen und wir würden dafür unnachsichtlich zur Verantwortung gezogen werden. Dann würde zum Schaden unserer ewigen Glückseligkeit die nachdrückliche Warnung wahr werden, die in dem göttlichen Verbot der Ayah
وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Und verkauft nicht meine Zeichen für ein Geringes!" (Sure 2, 41)}
enthalten ist, und unsere Wahrhaftigkeit um irgendwelcher bedeutungsloser, völlig überflüssiger, schädlicher, trauriger, selbstsüchtiger, abscheulicher, scheinheiliger (riya),niedriger Gefühle und eines persönlichen Vorteils willen zu Grunde gehen. Wir würden die Rechte unserer Brüder verletzen. Es wäre ferner eine Pflichtverletzung im Dienst am Qur'an und letztendlich auch eine Respektlosigkeit gegenüber den heiligen Glaubenswahrheiten.
Meine Brüder! Es gibt vor einer großen und bedeutenden guten Tat viele Schaden bringende Hindernisse. Die Teufel lassen diejenigen, welche an solchen Diensten mitwirken niemals in Ruhe. Wegen dieser Hindernisse der Teufel ist es notwendig, sich auf die Kraft der Wahrhaftigkeit
verlassen zu können. Ihr solltet euch vor all den Dingen hüten, welche eure Wahrhaftigkeit zerstören könnten, so wie man sich auch vor Schlangen und Skorpionen hüten muss. So wie bereits Hasret Yusuf, mit dem der Friede sei, sagte:
اِنَّ النَّفْسَ لَاَمَّارَةٌ بِالسُّوءِ اِلاَّ مَا رَحِمَ رَبِّى
{"Denn fürwahr, die Seele verlangt gebieterisch nach dem Bösen, es sei denn, dass mein Herr sich erbarmt." (Sure 12, 53)}
soll man dem, was die Seele gebietet, nicht vertrauen. Lasst euch nicht täuschen durch das, was eure Ichsucht (enaniyet)und eure Seele (nefs-i emmare)euch gebieten! Um Wahrhaftigkeit zu erlangen und zu wahren und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, solltet ihr die folgenden Regeln als Wegweiser gebrauchen:
Eure erste Regel:
In euren Werken das Wohlgefallen Gottes suchen. Wenn Er zufrieden ist, ist es nicht mehr wichtig, wenn auch die ganze Welt euch zürnt. Wenn Er etwas annimmt, bleibt es ohne Wirkung, wenn alle Welt es ablehnt. Nachdem Er etwas mit Wohlgefallen angenommen hat, Er es wünscht und Seine Weisheit es erfordert, wird Er, auch wenn ihr Ihn nicht ausdrücklich darum gebeten habt, alle Welt in Bewegung setzen, es anzunehmen. Auch sie werden damit zufrieden sein. Aus diesem Grund ist das elementare Ziel in diesem Dienst, direkt und unmittelbar einzig das Wohlgefallen Gottes des Gerechten zu erstreben.
Eure zweite Regel:
(Dies soll nicht gesagt sein) um die im Dienst des Qur'an stehenden Brüder zu kritisieren, ihnen eure Überlegenheit vor Augen zu führen und so Gefühle der Eifersucht und des Neides in ihnen wachzurufen. Denn so wie des Menschen eine Hand nicht gegen die andere konkurriert, ein Auge nicht das andere kritisiert, die Zunge nicht dem Ohr widerspricht und das Herz die Mängel des Geistes (ruh)nicht offen legt, so ergänzt es vielmehr dessen Unvollkommenheiten, bedeckt seine
Fehler, hilft ihm in seiner Not und unterstützt ihn in (der Erfüllung) seiner Aufgaben. Denn andernfalls würde das Leben im Dasein des Menschen ausgelöscht, sein Geist entflieht und der Leib zerfällt. Und so wie ferner die Räder in einer Maschine nicht miteinander konkurrieren, einander nicht zu überflügeln und zu überbieten trachten, sich vielmehr ihre Fehler nachsehen, einander nicht kritisieren, sich ihren Arbeitseifer nicht gegenseitig zerstören und einander nicht aufhalten, so helfen sie auch einander, nach besten Kräften ihre Bewegungen auf das gemeinsame Ziel hin auszurichten. So bewegen sie sich denn in völliger Übereinstimmung und Einheit (ittifaq)dem Ziel ihrer Schöpfung entgegen. Sollte sich hier auch nur ein ganz klein wenig Angriffslust oder Herrschsucht einschleichen, so würde das die ganze Fabrik vollkommen durcheinander bringen, unproduktiv werden und ohne Ergebnis bleiben. So würde denn ihr Besitzer die ganze Fabrik vollständig zerlegen und demontieren.
So seht denn nun, ihr Schüler der Risale-i Nur und Diener des Qur'an! Ihr und wir bilden die Organe eines geistigen Körpers, würdig, den Namen eines vollkommenen Menschen zu tragen. Wir gleichen dem Räderwerk einer Fabrikationsanlage, die als Endprodukt eine Ewige Glückseligkeit in einem Ewigen Leben herstellt. Wir sind die Schauerleute, die auf einem Boot ihres Herrn arbeiten, das die mohammedanische Gemeinschaft (Ummat-i Muhammed)zum Haus des Friedens (Daru-s'Selam)an der Küste der Sicherheit (selamet)bringen wird. So bedürfen wir sicherlich der Solidarität und wahrhaftigen Einheit, die wir im Geheimnis der Wahrhaftigkeit zu gewinnen trachten sollten, ja geradezu gewinnen müssen und die sicher gestellt wird durch vier Einzelpersonen, deren vereinigte geistige Kräfte 1111 Personen ergeben. Wenn in der Tat drei Elif {Arabischer Buchstabe "a", gleichzeitig die Zahl "1" (A.d.Ü.)} sich nicht vereinigen, so behalten sie den Wert von drei. Vereinigen sie sich aber im
Geheimnis der Zahlen, so erlangen sie gemeinsam den Wert von 111. Wenn vier mal vier voneinander getrennt bleiben, so ergibt sich ein Wert von sechzehn. Wenn aber mit dem Geheimnis der Bruderschaft und Einheit (uhuvvet ve ittihad)als Ziel und einer gemeinsamen Aufgabe (ittifaq-i vazife)als Klangakkord (tevafuq),Schulter an Schulter in einer Reihe stehen, dann haben sie die Kraft und den Wert von 4444. Auch zahlreiche historische Ereignisse bezeugen, dass im Geheimnis der Wahrhaftigkeit die moralische Stärke und der Wert von sechzehn zu jedem Opfer bereiten Brüdern größer war als der von viertausend.
Der Hintergrund zu dem Grund dieses Geheimnisses ist aber folgender:
In einer wahrhaftigen und aufrichtigen Gemeinschaft kann jeder einzelne mit den Augen der anderen Brüder sehen und auch mit ihren Ohren hören. Bilden zehn Männer eine wirkliche Einheit, so hat jeder Einzelne in gewissem Maße die moralische Stärke und den Wert, als könne er mit dem Blick von zwanzig Augen zugleich schauen, dem Verstand von zehn Gehirnen zugleich denken, dem Gehör von zwanzig Ohren zugleich lauschen und der Arbeitskraft von zwanzig Händen zugleich zupacken.
{(*): So wie denn in der Tat im Geheimnis der Wahrhaftigkeit eine innige Verbundenheit und Einheit in der Gemeinschaft die Quelle zahlreicher Vorteile ist, so bildet sie auch einen bedeutenden Schutzwall und Rückhalt (nokta-i istinad) gegen Ängste, ja sogar gegen den Tod. Denn wenn der Tod kommt, nimmt er nur eine einzige Seele (ruh) mit, weil jeder im Geheimnis wahrer Bruderschaft auf dem Wege göttlichen Wohlgefallens und in der Arbeit, die dereinst ihren Lohn im Jenseits finden wird, so viele Seelen hat, wie der Zahl seiner Brüder entspricht. Wenn einer von ihnen stirbt, begegnet er freudig dem Tod und sagt: "Meine übrigen Seelen (ruhlar) sollen gesund bleiben, weil diese Seelen mir ihre Belohnungen (sevab) auch weiterhin jederzeit als meinen Gewinn zukommen lassen und so innerlich ihr Seelenleben fortsetzen. Deshalb sterbe ich nicht. Denn mit ihren Seelen lebe ich in ihren guten Werken fort und nur in meinen Sünden werde ich nun sterben." Mit diesen Worten legt er sich in Frieden nieder.}
Eure dritte Regel:
Ihr müsst wissen, dass eure ganze Stärke in der Wahrhaftigkeit (ikhlas)und in der Wahrheit (haq)liegt. In der Tat liegt die Stärke in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und auch die Ungerechten gewinnen Stärke durch die Wahrhaftigkeit und Offenheit, die sie in ihren Ungerechtigkeiten an den Tag legen.
Ein Beweis dafür, dass die Stärke in der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit (haq ve ikhlas)liegt, ist in der Tat unser Dienst (hizmet).Durch ein klein wenig Wahrhaftigkeit in unserem Dienst wird diese Behauptung dargelegt und sie ist auch ein Beweis in sich selbst. Denn im Vergleich zu dem Dienst an Wissenschaft und Glaube, den wir seit mehr als zwanzig Jahren in meiner Heimat und in Istanbul geleistet haben, wurde hier mit euch in sieben, acht Jahren hundertfach mehr geleistet. Dabei gab es in meiner Heimat und auch in Istanbul hundert-, ja sogar tausendmal mehr, die mir geholfen haben, als es hier, wo ich alleine bin, Brüder gibt, die bei mir sind. Denn hier bin ich alleine, ein Fremder, der zur Hälfte nicht unterrichtet ist und noch dazu von ungerechten Beamten observiert und verfolgt wird. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass der Dienst, den ich mit euch in diesen sieben, acht Jahren versehen habe und die geistige Kraft, die hundertfach mehr Erfolg als die früheren Dienste zeitigt, aus eurer Wahrhaftigkeit erwachsen sind. Ich muss außerdem bekennen, dass ihr mich durch eure wahrhaftige Wahrhaftigkeit in einem gewissen Grade vor der Heuchelei (riya)bewahrt habt, die bisher meine Seele unter dem Schleier von Ruhm und Ehre (sheref)umschmeichelt hatte. Möge Gott es wollen, dass ihr zu einer vollkommenen Wahrhaftigkeit gelangen und auch mich zu dieser vollkommenen Wahrhaftigkeit hinführen werdet. Ihr wisst ja, dass Hasret Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, mit diesem seinem an die Zeiten der alten Propheten gemahnenden Wunder und Hasret Ghauthu-l'Adham, dessen Geheimnis Gott heiligen möge, mit jener seiner in die Zukunft weisenden Wundergabe euch auf Grund des Geheimnisses der Wahrhaftigkeit ihre Anerkennung
bezeigen werden. Sie unterstützen und trösten euch und spenden euch im Geiste Beifall. Ihr solltet in der Tat nicht daran zweifeln, dass diese ihre Anerkennung euch auf Grund eurer Wahrhaftigkeit zuteil wird. Wenn ihr diese Wahrhaftigkeit wissentlich verletzt, werden sie es sein, von denen ihr dafür die Schläge erhaltet. Doch es sind Schläge von liebender Hand, die euch den "Zehnten Blitz" wieder in Erinnerung rufen sollen.
Wenn ihr euch weiterhin die Unterstützung von solchen Größen des Geistes wünscht, wie sie jetzt hinter euch stehen, und sie euch als Lehrer vor Augen wünscht, so erstrebt eine vollkommene Wahrhaftigkeit nach der Ayah
وَ يُؤْثِرُونَ عَلٰى اَنْفُسِهِمْ
{"...und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst." (Sure 59, 9)}
Gebt den Seelen eurer Brüder vor eurer eigenen Seele den Vorzug in Ehre (sheref),Rang (maqam)und Zuwendung bis hin zu jenen Dingen, wie den materiellen Vorzügen, an denen sich eure Seele erfreut, ja selbst noch den ganz unschuldigen, harmlosen Vorzügen, wie einem bedürftigen Gläubigen eine tiefgreifende Glaubenswahrheit in ihrer ganzen Schönheit darzulegen. Soweit möglich ermuntere einen Kollegen, der es bisher noch nicht gewagt hat, nun selbst auch einmal zu unterrichten, damit deine eigene Seele nicht in Selbstzufriedenheit verfalle. Wenn du einen Wunsch hast, wie etwa: "Lass mich ihm diese Gute Nachricht überbringen und auslegen, sodass ich das Verdienst (sevab)erwerbe", so ist dies sicherlich keine Sünde und auch kein Fehler (zarar),doch könnte das Geheimnis der Wahrhaftigkeit zwischen euch dadurch verletzt (sirr-i ikhlasa zarar)werden.
Eure vierte Regel:
Hier geht es darum, sich die Tugenden und Verdienste seines Bruders in sich selbst vorzustellen, dafür dankbar zu sein und auf die Ehren (sheref)stolz zu sein, die ihm zuteil werden. Bei den Ordensleuten (= Sufis) kennt man dafür die Ausdrücke "Aufgehen im Scheich (fena fi-sh'Scheich)"und "Aufgehen im Propheten (fena fi-r'Rassul)".
Ich bin kein Sufi. Doch sie ermöglichen uns mit diesen Grundsätzen auf unserem Weg in der Formulierung "Aufgehen in den Brüdern (fena fi-l ikhvan)"auch einen guten Grundsatz. Unter den Brüdern nennt man das "tefani",d.h. ineinander aufgehen, d.h. seine eigenen, seelenartigen Empfindungen (nefs)vergessen und in den Gefühlen der Brüder und in ihren Vorzügen mitleben. Bekanntlich ist ja die Grundlage unseres Weges die Brüderlichkeit. Es geht hier nicht um ein Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn, zwischen Scheich und Muried (Lehrer und Schüler, Meister und Lehrling). Es geht um das Verhältnis wahrer Brüderlichkeit. (In einer solchen Bruderschaft) kann höchstens noch eine Meisterschaft (ustadlik)vermitteln. Damit unser Lebensweg Freundschaft (Khalil)sei, muss auch unsere Lebensart freundschaftlich (khillet)sein. Was aber diese Freundschaft (khillet)betrifft, so verlangt sie von uns, ein enger Freund (dost),ein hingebungsvoller Kamerad (arkadash),ein herzlich willkommener Weggefährte (yoldash)und ein edelgesinnter Bruder (kardesh)zu sein. Der Grundstein dieser Freundschaft (khillet)ist aber aufrichtige Wahrhaftigkeit. Ein Mensch, der diese aufrichtige Wahrhaftigkeit zerstört, stürzt von der Spitze des Turmes auf dem höchsten Gipfel dieser Freundschaft herab. Und er fällt vielleicht (mit Leib und Seele) in ein ganz tiefes (schwarzes) Loch. Und es gibt dazwischen keinen Ort, an dem er sich festklammern könnte.
Und in der Tat kann man da zwei Wege erkennen. Da gibt es die Möglichkeit, dass die, welche sich jetzt von unserem Weg, der Großen Straße des Qur'an, trennen, unwissentlich den Mächten des Unglaubens helfen, die unsere Feinde sind. Doch möge Gott es wollen, dass diejenigen, welche auf dem Weg der Risale-i Nur in den heiligen Bereich des Qur'an eintreten, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, dem Licht, der Wahrhaftigkeit und den Glauben immer mehr Kraft hinzufügen und so niemals in derartige Abgründe hinabstürzen werden.
Oh meine Gefährten im Dienst am Qur'an!
Eine der wirkungsvollsten Methoden Wahrhaftigkeit zu gewinnen und zu bewahren, ist die "Verbundenheit mit dem Tod (Rabita-i Maut)".
So wie es in der Tat die Länge unserer Wunschliste ist, die unsere Wahrhaftigkeit verfälscht und uns zu Scheinheiligkeit (riya)und irdischen Genüssen verführt, so ist es diese Verbundenheit mit dem Tod, die einen Abscheu gegenüber der Heuchelei (riya)bewirkt und Wahrhaftigkeit gewinnen lässt. Das heißt, man sollte an seinen Tod denken und sich dabei vor Augen rufen, dass diese Welt vergänglich ist, und sich so vor den Einflüsterungen seiner Seele retten. In der Tat haben die Sufis und die Leute der Wahrheit aus den Ayat des Weisen Qur'an:
كُلُّ نَفْسٍ ذَآئِقَةُ الْمَوْتِ ٭ اِنَّكَ مَيِّتٌ وَاِنَّهُمْ مَيِّتُونَ
{"Jede Seele wird den Tod kosten." (Sure 3, 185) "Du wirst fürwahr sterben und fürwahr werden auch sie sterben." (Sure 39, 30)}
ihre Lehren empfangen, (den Gedanken) ihrer Verbundenheit mit dem Tod zum Ausgangspunkt für ihre Wanderschaft gemacht und die Illusion von einem ewigen Leben (in dieser Welt) als Quelle einer (endlos) langen Wunschliste verstopft. Als eine Art Arbeitshypothese oder Bild (vor ihrem geistigen Auge) stellen sie es sich vor, schon gestorben zu sein und gewaschen zu werden und malen es sich aus, wie sie ins Grab gelegt werden. So beständig und immer weiter nachdenkend wird die gebietende Seele über dergleichen Erwägungen und Vorstellungen (tahayyul)betrübt und verzichtet so bis zu einem gewissen Grade auf ihre ach so lange Wunschliste. Diese (innere) Verbundenheit bietet eine Menge Vorteile. So heißt es in einer Hadith, die uns in dieser Verbundenheit mit dem Tod unterrichtet:
اَكْثِرُوا ذِكْرَ هَادِمِ اللَّذَّاتِ
{"Denkt häufig an den, der die Genüsse zerstört!" (oder so ähnlich)}
Das heißt: Denkt häufig an euren Tod, der euch eure Genüsse verdirbt und versalzt.
Da unser Weg jedoch nicht der eines Ordens ist, sondern (der Weg) der Wahrheit, brauchen wir diese Verbundenheit in der Theorie und in der Kontemplation (hayal)nicht nach Art der Sufis zu machen. Es entspricht ohnehin nicht dem Weg der Wahrheit. Denn man sollte nicht in dieser Weise seinen Blick in die Zukunft lenken und so die zukünftige Zeit in die Gegenwart holen, sondern besser vom Standpunkt der Wahrheit aus mit seinen Gedanken von der Gegenwart in die Zukunft gehen. In der Tat kann man seine eigene Leiche als einzige Frucht an der Spitze dieses Baumes betrachten, der unser kurzes Leben ist, ohne dass es dazu einer Arbeitshypothese oder bildlichen Vorstellung bedürfte. So wie er dabei einzig seinen eignen Tod erblickt, so erblickt er dort auch das Ende seiner Zeit, sobald er nur ein wenig zur anderen Seite hinüber geht. Wenn er dann noch ein wenig weiter zur anderen Seite hinüber geht, wird er dann auch Zeuge des Endes der Welt und es öffnet sich ihm der Weg zur vollkommenen Wahrhaftigkeit.
Die zweite Methode:
Sobald wir in der Kraft eines sicheren, durchforschten Glaubens (iman-i tahqiq)und mit Hilfe der Lichter, die aufstrahlen, wenn wir über den Glauben nachdenken, so wie Er der Schöpfung immanent ist und uns in der Erkenntnis ihres Meisters (marifet-i Sani')gegeben wird, einen gewissen Sinn für die göttliche Gegenwart (huzur)erlangt haben und nun daran denken, dass der allbarmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem)allgegenwärtig ist und alles überschaut und bei keinem anderen nach seinem Wohlwollen suchen außer bei Ihm und uns dabei darüber im Klaren sind, dass in Seiner Gegenwart nach anderen zu schauen oder von ihnen Hilfe zu erwarten in Seiner Gegenwart einem guten Betragen widerspricht, so kann man vor einer derartigen Heuchelei (riya)bewahrt bleiben und Wahrhaftigkeit erlangen. Wie dem auch sei, es gibt dabei viele Grade und Abstufungen. Wie viel Nutzen auch immer sich jemand als seinen Anteil davon nimmt, so viel wird auch sein Nutzen sein. Es werden eine Reihe von Tatsachen in der Risale-i Nur erwähnt,
die einen Menschen vor der Heuchelei (riya)bewahren können, sodass er Wahrhaftigkeit gewinnt. So begnügen wir uns damit hier darauf hinzuweisen und wollen somit hier die Diskussion beenden.
Von den wahrlich zahlreichen Dingen, welche die Wahrhaftigkeit zerstören und in die Heuchelei (riya)
treiben, wollen wir hier kurz drei erläutern.
Erstens:
Ein Konkurrenzkampf (rekabet),der um eines materiellen Vorteils willen entsteht, untergräbt nach und nach die Wahrhaftigkeit. Zum einen vereitelt er das Ziel dieses Dienstes, zum anderen vernichtet er auch den materiellen Gewinn selbst. In der Tat hat dieses Volk immer den Gedanken der Hochachtung und der Unterstützung für diejenigen, die für die Wahrheit des Islam und für die jenseitige Welt arbeiten, genährt. Und es hat sich tatsächlich um die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse gekümmert, mit der Absicht, an ihrer aufrichtigen Wahrhaftigkeit und an ihren treuen Diensten auf seine Weise Anteil zu haben. Damit sie keine Zeit verlieren sollten, hat es ihnen mit materiellen Gütern wie Spenden und Geschenken geholfen und ihnen seine Verehrung bezeigt. Aber diese Unterstützung und Hilfe darf man nicht verlangen, vielmehr werden sie frei gegeben. Ja, man sollte noch nicht einmal in seinem Herzen einen Wunsch hegen, auch nicht durch seine Haltung eine Hoffnung zum Ausdruck bringen. Vielmehr wird alles auf unerhoffte Weise gegeben. Anderenfalls erleidet die Wahrhaftigkeit Schaden. Außerdem gerät man so in die Nähe des in folgendem Qur'anvers ausgesprochenen Verbotes:
وَلاَ تَشْتَرُوا بِاٰيَاتِى ثَمَنًا قَلِيلاً
{"Ihr sollt meine Zeichen nicht um ein Geringes verkaufen." (Sure 2, 41)}
Dadurch ist der Wert der guten Taten teilweise abgebrannt (und vernichtet). Wer sich also nach einem materiellen Vorteil sehnt und in dieser Hoffnung verweilt, der wird danach in der Triebhaftigkeit seiner Seele und durch
seine Eigenliebe, um sich einen solchen Vorteil nicht von einem anderen wegnehmen zu lassen, gegen seinen wahren Bruder und Kollegen im gemeinsamen Dienst ein Gefühl der Rivalität (rekabet)in sich entwickeln. Die Wahrhaftigkeit erleidet Schaden; der heilige Dienst geht zu Grunde. In den Augen der Leute der Wahrheit entsteht eine beklemmende Situation. Und auch der materielle Gewinn geht verloren. Nun ja... Dieser Teig benötigt noch viel Wasser. Ich will hier abbrechen und nur noch zwei Beispiele erzählen, um das Geheimnis der Wahrhaftigkeit und die herzliche Gemeinschaft (ittifaq)unter meinen wahren Brüdern zu bestärken.
Erstes Beispiel:
Um großen Reichtum zu erlangen und gewaltig an Macht zu gewinnen, haben Weltleute, ja sogar ein Teil der Politiker und bedeutende Komiteen im menschlichen Gemeinschaftsleben den Grundsatz der Gütergemeinschaft für sich zur Richtschnur gemacht. Trotz aller Missbräuche und Nachteile gewinnen sie ganz erstaunlich an Macht und erzielen einen großen Gewinn. Aber trotz aller Nachteile einer solchen Gütergemeinschaft ändert sich durch die Gemeinschaft im Wesentlichen nichts. Jeder einzelne ist wie einem Besitzer über das Ganze vergleichbar, wenn auch nur unter bestimmten Umständen und in gewisser Hinsicht; aber einen Vorteil davon hat er nicht. Nun gut...
Wenn dieser Grundsatz der Gütergemeinschaft im Bemühen um das Jenseits praktiziert wird, bewirkt er einen gewaltigen Gewinn ohne einen Nachteil. Denn der gesamte Besitz bringt es als ein Geheimnis mit sich, dass er vollständig in die Hände jedes einzelnen Teilhabers dieser Gesellschaft übergeht. Wenn nämlich von vier, fünf Männern, welche die Absicht haben, eine Gesellschaft zu begründen, einer Petroleum, einer einen Docht, einer einen Lampensockel, einer einen Zylinder und einer ein Streichholz herbeibringt, so können sie die Lampe entzünden. Jeder wird Besitzer einer vollständigen Lampe. Wenn dann jeder Gesellschafter je an einer Wand einen
großen Spiegel hat, so erscheint in jedem einzelnen Spiegel zusammen mit dem ganzen Zimmer eine fehlerfreie und ungeteilte Lampe.
Genauso verhält es sich auch mit der gemeinschaftlichen Arbeit, was die jenseitigen Güter im Geheimnis der Wahrhaftigkeit, die Gesellschaft im Geheimnis der Brüderlichkeit, die Solidarität im Geheimnis der Eintracht betrifft: Die Summe dieser Gemeinschaftsarbeit und all das Licht, das aus ihr entspringt, wird jedem Einzelnen zur Gänze in seinem Arbeitsheft gutgeschrieben. Dies wurde so von allen Meistern und Heiligen geschaut und bezeugt und ist ein Erfordernis der allumfassenden Barmherzigkeit und der Freigiebigkeit Gottes.
Oh meine Brüder! Insha'allah wird materieller Gewinn euch nicht zu einem Konkurrenzkampf (rekabet)verführen. Aber aus dem Blickwinkel des Nutzens (für das Leben im) Jenseits betrachtet ist es möglich, dass ihr euch täuschen lasst, so wie ein Teil der Ordensleute sich täuschen lässt. Aber wo ist da das bisschen persönlicher Verdienst und wo ist, entsprechend dem obigen Beispiel, Verdienst und Licht aus der gemeinsamen Arbeit?
Zweites Beispiel:
Die Handwerker, die mit den Produkten ihrer handwerklichen Arbeit einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen, erwerben durch ihre Zusammenarbeit einen bedeutenden Reichtum. So haben zehn Leute, die Nähnadeln produzieren wollten, versucht, diese Stück für Stück herzustellen. Als Ergebnis dieser Einzelherstellung waren nur drei Nadeln täglich die Frucht eines solchen Ein-Mann-Betriebes. Dann haben sich diese zehn Leute nach den Regeln einer Produktionsgemeinschaft vereinigt. Einer bringt Eisen, einer versorgt den Ofen, einer bohrt die Löcher, einer steckt das Material in den Ofen, einer spitzt die Nadeln an usw. Jeder einzelne beschäftigt sich nur mit einer Teilarbeit in seinem Nadelproduktionsbetrieb. Da die Arbeit jedes einzelnen einfach ist, geht keine Zeit verloren, jeder gewinnt in seinem Tun an Geschicklichkeit und macht seine Arbeit
sehr schnell. Danach haben sie unter sich das Ergebnis ihrer Produktion geteilt, die nach den Gesetzen der Arbeitsteilung und Gemeinschaftsproduktion durchgeführt wird. Sie haben gesehen, dass auf jeden einzelnen statt dreier Nadeln täglich dreihundert Nadeln entfielen. Dieses Beispiel wurde unter den weltlichen Handwerksleuten sprichwörtlich und regte sie zur Gemeinschaftsproduktion an.
Oh meine Brüder! Wenn nun schon in weltlichen Angelegenheiten, bei opaker Materie, auf diese Weise Einheit und Verbundenheit so gewaltige Summen als Gewinn abwerfen, so könnt ihr einen Vergleich anstellen, was für einen großen Gewinn es erbringt, wenn sich durch die Gnade Gottes in dem Spiegel jedes einzelnen das Ganze reflektiert, das von einer anderen Welt und leuchtend ist, und das man nicht in kleine Stücke zu zerteilen braucht. Jeder einzelne bekommt so viel Belohnung wie die ganze Gemeinschaft verdient. Diesen gewaltigen Gewinn soll man nicht durch Konkurrenzkampf und Unaufrichtigkeit (rekabet ve ikhlassizlik)entgleiten lassen.
Zweitens:
Das zweite Hindernis, an dem die Wahrhaftigkeit zerbricht, ist die Ruhmsucht (hubb-u djah),die aus dem Geltungsbedürfnis (shöhret)entsteht und unter dem Deckmantel von Würde und Ehre (sheref)die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und öffentliche Anerkennung zu gewinnen sucht. Seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu schmeicheln und das Tier in uns auf ein Postament zu erheben, ist eine äußerst bedenkliche Krankheit des Geistes und öffnet der Scheinheiligkeit (riya)und Selbstgefälligkeit, was "unbewusste Abgötterei (shirk-i khafi)"genannt wird, die Türe.
Oh meine Brüder! Unsere Berufung im Dienst am Weisen Qur'an ist die Wahrheit und Bruderschaft. Das Geheimnis der Bruderschaft ist: "Jeder soll mit seiner Persönlichkeit in den Brüdern aufgehen {In der Tat glücklich der, welcher aus dem Strom, der aus der Lehre des Qur'an gespeist wird, einen See voll wohlschmeckendem Wasser (gemeint ist die Bruderschaft des Islam - A.d.Ü.) zu füllen vermag, um seine eigene Persönlichkeit und seinen Egoismus in diesen See hineinzuwerfen und einem Stückchen Eises gleich in ihm zu verschmelzen.} und ihrer Seele vor
der eigenen Seele den Vorzug geben." Darum soll solch ein Konkurrenzdenken (rekabet),das aus dem Bedürfnis nach Amt und Würden (hubb-u djah)erwächst, unter uns keinen Einfluss haben. Denn es ist mit unserem Weg ganz und gar nicht zu vereinbaren. In Anbetracht der Tatsache, dass die Würde der Brüder im Allgemeinen jedem einzelnen von ihnen gehören sollte, hoffe ich nur, dass es den Risale-i Nur Schülern hundertfach ferne liegt, diese große Würde des Geistes für ein kleines, persönliches Stückchen Ruhm zu opfern und für eine Würde, die in Konkurrenzkämpfe (rekabet)verstrickt, nur sich selber sucht. In der Tat dürfen sich das Herz, der Verstand und die Seele der Risale-i Nur Schüler nicht zu solchen niedrigen, schadenträchtigen und gemeinen Dingen herabwürdigen. Doch jeder findet in sich seine Triebnatur (nefs-i emmare).Und zuweilen gehen diese Empfindungen der Seele in Fleisch und Blut über. Sie üben bis zu einem gewissen Grade, dem Geiste zum Trotz und entgegen Herz und Verstand ihren Einfluss aus. Ich will euren Geist oder euer Herz nicht verdächtigen, auch eurem Verstand nicht die Schuld geben. Auf Grund der Wirkung, die der Risale-i Nur gegeben ist, vertraue ich auch darauf. Doch eure Gefühle (nefs)und Neigungen (heva),Empfindungen (hiss)und Vorstellungen (vehim)führen euch zuweilen in die Irre. Deswegen werdet ihr manchmal nachdrücklich ermahnt. Dieser Nachdruck bezieht sich auf Gefühle und Neigungen, Empfindungen und Vorstellungen. Ihr sollt in eurem Verhalten Besonnenheit an den Tag legen.
Wäre es unsere Berufung, die Würde eines Scheichs anzustreben und gäbe es da nur eine einzige Rangstufe oder eine begrenzte Anzahl Rangstufen: Um diesen Rang würden sich mehrere talentierte Kandidaten bewerben. Es gäbe einen Wettbewerb um das eigene Fortkommen.
Aber unsere Berufung ist die Bruderschaft. Ein Bruder kann einem Bruder kein Vater sein und sich nicht so verhalten wie ein geistiger Meister (murshid).Die Stellung in der Bruderschaft ist weit gefächert. Sie kann nicht Anlass dafür sein, dass man sich müht, einander den Rang abzulaufen und versucht, sich gegenseitig zu überflügeln. Bestenfalls kann der Bruder dem Bruder Stütze und Rückhalt sein; so vervollkommnet er seinen Dienst. Hier ein Beweis, dass es auf den Wegen der Väter und Lehrer infolge des Wettstreits, durch ehrgeiziges Mühen um Lohn, in dem Streben nach dem Höchsten, zu äußerst mangelhaften und gefährlichen Ergebnissen kommen kann: Wenn unter Ordensleuten bei aller so bedeutsamen und erhabenen Vollkommenheit und aller Verdienste Divergenzen (ikhtilaf)und Rivalitäten (rekabet)auftreten, so ist das folgenschwere Ergebnis davon, dass ihre heiligen und erhabenen Kräfte den Stürmen der Ketzerei (bid'a)nicht standhalten können.
Drittens:
Das dritte Hindernis heißt Angst und Habsucht (tama).Dieses Hindernis wurde zusammen mit einigen anderen Hindernissen in der Abhandlung "Sechs Stürme" vollständig erklärt. Wir wollen es dabei belassen und bitten und flehen zu dem Herrn in der Überfülle Seines Erbarmens und machen dabei auch alle Seine Schönen Namen zu unseren Fürsprechern: "Gewähre uns allen, dass wir das Ziel der vollkommenen Wahrhaftigkeit erlangen mögen... Amen."
اَللّٰهُمَّ بِحَقِّ سُورَةِ الْاِخْلاَصِ اِجْعَلْنَا مِنْ عِبَادِكَ الْمُخْلِصِينَ الْمُخْلَصِينَ اٰمِينَ اٰمِينَ
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Allah, bei Deiner Wahrheit und um der Sure der Wahrhaftigkeit willen, reihe uns ein unter diejenigen, welche als Deine wahrhaftigen Diener nach Wahrhaftigkeit streben. Amen. Amen. Amen..." "Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende und der Allweise!" (Sure 2, 32)}
* * *
Ein persönlicher Brief an einige Brüder
{(*): Zu diesem kostbaren Brief, in dem unser Lehrer auf fünf Arten der Anbetung hinweist, wollten wir von ihm selbst eine Erklärung erhalten. Die Niederschrift der von ihm empfangenen Erklärung lautet wie folgt:
1. Sie ist der geistige Kampf gegen die Leute des Irrweges, welcher der wichtigste Kampf ist.
2. Sie ist der Dienst, bei dem man seinem Meister zur Verbreitung der Wahrheit Hilfe leistet.
3. Sie ist der Dienst, den man den Muslimen im Glauben leistet.
4. Sie ist das Studium der Wissenschaften, das man mit dem Griffel betreibt.
5. Sie ist eine Art der Anbetung, die man im Nachsinnen (tefekkur) vollzieht und die manchmal in einer Stunde mehr Segen bringen kann als ein Jahr der Anbetung.
Rüschtü, Husrev, Re'fet}
Für diejenigen unter meinen Brüdern, welche des Schreibens überdrüssig geworden, während der drei dem Gebet geweihten Monate der Niederschrift der Risale-i Nur, die aus fünferlei Gesichtspunkten zu den Gebeten gezählt wird, anderen Gebeten den Vorzug geben, möchte ich den Geist einer Ehrwürdigen Überlieferung erläutern.
Erstens:
يُوزَنُ مِدَادُ الْعُلَمَآءِ بِدِمَآءِ الشُّهَدَآءِ
Das heißt, "Bei der Wiederversammlung wird die Tinte, welche die Gelehrten für die Wahrheit verwandt haben, dem Blut der Märtyrer gleichgeachtet, erhält deren Wert."
Zweitens:
مَنْ تَمَسَّكَ بِسُنَّتِى عِنْدَ فَسَادِ اُمَّتِى فَلَهُ اَجْرُ مِأَةِ شَهِيدٍ
D.h.: "Wer in einer Flut der Ketzerei, inmitten eines Stroms von Irrlehren an den Edlen Sitten und der Wahrheit des Qur'an festhält und ihr dient, wird den Lohn von hundert Märtyrern gewinnen."
Oh ihr Brüder, die ihr in eurem Hang zur Faulheit des Schreibens überdrüssig geworden seid und der Mystik (sofi-meshreb)zuneigt! Diese beiden Überlieferungen (vom Gottesgesandten Mohammed - Friede und Segen sei mit ihm) zeigen: Wenn ihr in einer solchen Zeit der Wahrheit des Glaubens, dem Geist des Gesetzes (esrar-i sheriat)und den Edlen Sitten (sunnet-i seniye)einen Dienst erweist, so wird euch für das schwarze Licht, das euren segensreichen, reinen Stiften entströmt, oder ein Dirhem Tinte, das dem Wasser des Lebens gleicht, am Tage der Wiederversammlung Lohn gleich hundert Dirhem Blut der Märtyrer gegeben werden. So sollt ihr euch dementsprechend um diesen Gewinn bemühen.
Wenn ihr sagt:
In dieser Überlieferung wird der Ausdruck "Gelehrter (âlim)"verwendet. Viele von uns sind aber nur Schreiber.
Antwort:
Wer ein Jahr diese Abhandlungen und Lektionen liest und dabei versteht und sie annimmt, der wird ein bedeutender, wahrhaftiger Gelehrter unserer Zeit werden. Auch wenn er sie nicht versteht, so ist dennoch in Anbetracht dessen, dass die Schüler der Risale-i Nur eine geistige Körperschaft (shahs-i manevi)bilden, ohne Zweifel diese geistige Körperschaft einem Gelehrten unserer Zeit gleich. Was aber eure Schreibstifte betrifft, so sind sie die Finger dieser geistigen Verkörperung. Und obwohl ich es meiner Ansicht nach gar nicht wert bin, wohlan denn, so sei es, dass ihr in meiner Nachfolge mich auf Grund eurer guten Meinung über mich in meiner Armseligkeit als einen Lehrer betrachtet, mir die Stellung eines Gelehrten zuerkennt und so mit mir verbunden seid. Da ich nun ungebildet und ohne Schreibzeug bin, mögen eure Stifte als mein
Schreibstift angesehen werden. So werdet ihr den in der Überlieferung aufgezeigten Lohn erhalten.
Said Nursi
Zweiundzwanzigster Blitz
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ
{"Im Namen des Hochgelobten."}
Dem gerechten Bürgermeister von Isparta, der Justiz und der Polizeibehörde, sowie meinen persönlichsten, innigsten und aufrichtigsten Brüdern gewidmet, biete ich diese kleine so persönliche Abhandlung an, die ich vor zweiundzwanzig Jahren geschrieben habe, als ich mich in Barla, Kreis Isparta, befand, weil sie in Beziehung zu Volk und Regierung steht. Falls es für geeignet erscheinen sollte, mögen einige Exemplare davon mit den neuen oder auch mit den alten Buchstaben getippt werden, damit auch diejenigen, die seit fünfundzwanzig, dreißig Jahren noch nach meinen Geheimnissen suchen und darin forschen, begreifen: Wir haben gar keine versteckten Geheimnisse. Und unser verborgenstes Geheimnis, das ist diese Abhandlung. Sie sollen sie kennenlernen!
Said Nursi
Drei Hinweise
Obwohl diese Abhandlung die Dritte Streitfrage der Siebzehnten Notiz innerhalb des Siebzehnten Blitzes wäre, wurde sie wegen ihrer Dringlichkeit und des Umfangs ihrer Fragen und wegen ihrer glänzenden und ausdrucksstarken Antworten als Zweiundzwanzigster Blitz des Einunddreißigsten Briefes in die Sammlung der Blitze eingereiht. Man muss also dieser Abhandlung in diesem Band einen Platz einräumen. Von privatem Charakter (mahrem)ist sie meinen innigsten, aufrichtigsten und treuesten Brüdern zugeeignet.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ وَمَنْ يَتَوَكَّلْ عَلَى اللّٰهِ فَهُوَ حَسْبُهُ اِنَّ اللّٰهَ بَالِغُ اَمْرِهِ قَدْ جَعَلَ اللّٰهُ لِكُلِّ شَيْءٍ قَدْرًا
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Denn wer auf Allah vertraut, dem ist Er sein Genügen. Wahrlich, was Allah sich vorgenommen hat, das erreicht Er; und schon hat Er allen Dingen Seine Bestimmung auferlegt." (Sure 65, 3)}
Diese Streitfrage besteht aus drei Hinweisen.
Erster Hinweis:
Eine wichtige Frage, die mich persönlich und auch die Risale-i Nur betrifft.
Es wird von vielen Seiten gesagt:
Warum mischen sich die Weltleute bei jeder Gelegenheit in deine religiösen Angelegenheiten ein, obwohl doch du dich niemals in weltliche Angelegenheiten einmischt? Mischt sich denn irgendein Gesetz irgendeiner Regierung in das Leben derer, die sich aus der Welt zurückgezogen haben und als Einsiedler leben wollen?
Antwort:
Der Neue Said beantwortet diese Frage mit Schweigen. Der Neue Said sagt: "Diese Antwort möge die Vorausschau Gottes geben." Gleichzeitig aber spricht zwangsläufig der Verstand des Alten Said, den er sich vorübergehend geliehen hat:
Wer auf diese Frage eine Antwort geben sollte, ist die Regierung von Isparta, sind die Einwohner dieser Stadt. Denn Volk und Regierung dieser Stadt sind von dem, was diese Frage beinhaltet, weit stärker betroffen als ich.
Denn warum sollte ich, da nun einmal die Regierung, die aus Tausenden von Personen besteht und ihr Volk, das aus Hunderttausenden von Personen besteht und dazu verpflichtet ist, sich um mich zu kümmern und mich zu verteidigen, mich unnötigerweise mit meinen Anklägern konferieren und mich selbst verteidigen? Denn seit neun Jahren lebe ich in dieser Stadt und allmählich kehre ich ihren weltlichen Angelegenheiten immer mehr den Rücken. Keiner meiner Lebensumstände ist zugedeckt und keiner meiner Seelenzustände noch bekleidet geblieben. Jede auch noch so private und zur Veröffentlichung am wenigsten geeignete Abhandlung ist in die Hände der Regierung und mancher Abgeordneten geraten. Als ob ich durch mein Verhalten die Weltleute in Angst und Schrecken versetzt, mich in ihre Regierungsangelegenheiten eingemischt, dergleichen vorbereitet oder auch nur beabsichtigt hätte, hat die Regierung dieser Stadt und der Kreis mich neun Jahre lang beobachten lassen und hinter mir her spioniert, und das, obwohl ich zu denen, die zu mir gekommen sind selbst noch über meine Privatangelegenheiten offen gesprochen habe. Doch die Regierung hat sich mir gegenüber schweigend verhalten und sich nicht weiter mit mir befasst. Hätte ich das Glück von Volk und Vaterland zerstört, ihm für die Zukunft irgendeinen Schaden zugefügt und mich auf diese Weise schuldig gemacht, dann sind alle, angefangen vom obersten Gouverneur bis hin zum letzten Polizeikommandanten eines Dorfes seit neun Jahren dafür verantwortlich. Nun müssten sie sich von ihrer Verantwortung wieder rein zu waschen mich verteidigen und denen, die bisher versucht hatten, Kuppeln aus Seifenschaum zu errichten, erklären, dass eine Kuppel eine Seifenblase sei. Ist dem aber so, dann überlasse ich ihnen die Antwort auf diese Frage. Nun aber ist das Volk dieser Stadt in seiner Gesamtheit mehr als ich dazu verpflichtet, mich zu verteidigen, und zwar deshalb, weil wir seit neun Jahren mit Hunderten von Abhandlungen, die einen spürbaren Eindruck hinterlassen
haben, aber auch mit der Tat für das ewige Leben in jener, die Stärkung des Glaubens und ein glückliches Leben in dieser Welt für das Volk, das uns ein gesegnetes ist von Gott, Bruder und Freund gearbeitet haben. Es ist niemandem auf Grund dieser Abhandlungen Wirrwarr oder Schaden erwachsen, und dass auf staatlicher oder gemeindlicher Ebene irgendwelche Eigensüchteleien zum Vorschein gekommen wären. Allah sei Dank (lillahilhamd)dafür, dass die Stadt Isparta den segensreichen Status des alten Heiligen Damaskus erworben hat und durch die Risale-i Nur den segensreichen Status, hinsichtlich seiner Kraft überzeugten Glaubens und seiner Festigkeit im Glaubensleben, und den segensreichen Status also von der Art der El-As-har-Universität in Ägypten. Ihre Räume dienen dem Gebet und dem Unterricht in religiösen wie weltlichen Fächern. Sie ist eine theologische Hochschule für die gesamte islamische Welt. Durch die Risale-i Nur wurde es erreicht, dass in dieser Stadt die Stärke des Glaubens und die Begeisterung für die religiösen Verpflichtungen die allgemeine Gleichgültigkeit überwinden halfen. Dadurch ist sie im Vergleich mit allen anderen Städten zu einer hohen religiösen Haltung erstarkt. Deshalb müssen alle Menschen in dieser Stadt, selbst dann, wenn sie glaubenslos sein sollten, mich und die Risale-i Nur verteidigen. Da meine Verteidigung für sie eine sehr bedeutsame Verpflichtung darstellt, für meine Wenigkeit die Aufgabe beendet ist und - Dank sei Allah (lillahilhamd)- Tausende von Schülern an meiner Statt gearbeitet haben und noch heute arbeiten, sehe ich keine Veranlassung mehr dazu gegeben, mein so winzig kleines Recht zu verteidigen. Ein Mann, der so viele tausend Anwälte hat, braucht sich nicht mehr selbst zu verteidigen.
Zweiter Hinweis:
Antwort auf eine kritische Frage.
Von Seiten der Weltleute wird gesagt:
Warum spielst du den Beleidigten? Nicht ein einziges Mal bist du bei uns vorstellig geworden; geschwiegen hast du! Du beschwerst dich lautstark über uns und sagst:
"Ihr schikaniert mich." Aber bei uns gibt es ein Prinzip, eine eigene Devise als Erfordernis unserer Zeit. Deren Praktizierung aber akzeptierst du nicht für dich. Wer die Gesetze anwendet, kann ungesetzlich nicht handeln; wer sie aber nicht akzeptiert, ist ein Revolutionär. Um es kurz zu machen; in diesem Zeitalter der Befreiung, der Epoche des Republikanismus, die gerade erst begonnen hat, spielst du manchmal den Hodja und manchmal den Einsiedelmann, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen und bemühst dich darum, dir außerhalb der Einflusssphäre der Regierung Macht und eine soziale Stellung zu verschaffen, obwohl es doch ein Grundgesetz unserer Regierung geworden ist, zu Gunsten des Gleichheitsprinzips mit der bisherigen Vor- und Gewaltherrschaft, der Unterdrückung auf Grund von Privilegien zu brechen, was du ja schon in deinem ganzen äußeren Gehabe zum Ausdruck bringst und was auch dein bisheriger Lebenslauf beweist. Dieses dein Verhalten mag man, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, in der Unterdrückung und unter der Despotie der Bourgeoisie gutheißen, aber bei uns haben sich nach der Aufklärung und dem Sieg der Klasse der Proletarier die Grundsätze des endgültigen Sozialismus Bolschewismus ganz klar gezeigt, was unserer Arbeit sehr gut zustatten kommt und weshalb wir auch diese Prinzipien des Sozialismus akzeptiert haben. Deshalb kommt uns deine Haltung schwer an, läuft unseren Prinzipien zuwider. Deswegen hast du kein Recht, dich wegen der zusätzlichen Auflagen bei uns zu beschweren und auch noch den Beleidigten zu spielen!?
Antwort:
Wer im gesellschaftlichen Leben der Menschheit einen neuen Weg einschlagen will, kann nichts Gutes zustande bringen, keinen Fortschritt erzielen und keinen Erfolg haben, wenn er sich hier in dieser Welt nicht im Einklang mit den Naturgesetzen (kanun-u fitrat)befindet. Was er tut, erweist sich als destruktiv und alle seine Handlungen werden ihm als Bosheit angerechnet. In Anbetracht dieser
Tatsache erweist es sich als notwendig, den Naturgesetzen zu folgen. Doch dem Gesetz der völligen Gleichheit kann man erst dann folgen, wenn man die Natur (fitra)des Menschen ändert und die der Erschaffung des Menschengeschlechtes zu Grunde liegende Weisheit abschafft. Ich selbst bin wahrhaftig von Hause aus und meiner Lebensweise nach ein Proletarier und gehöre meinem Wesen und Denken entsprechend zu denen, die das Prinzip der "Gleichheit aller vor dem Gesetz" akzeptieren. Auf Grund meines Mitempfindens und meines islamischen Glaubens opponiere ich seit eh und jäh mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit gegen die Unterdrückung durch die privilegierte Klasse der Oberschicht, welche man die Bourgeoisie nennt. Deshalb bin ich auch mit meiner ganzen Kraft für absolute Gerechtigkeit und gegen die Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Ungerechtigkeit und Despotie.
Aber das Wesen (fitra)des Menschen und die tiefe Wahrheit und Weisheit, die ihr zu Grunde liegt, ist dem Gesetz von der absoluten Gleichheit entgegengesetzt. Denn so wie der allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem),um uns Seine Allmacht (kemal-i qudret)und Weisheit (hikmet)in ihrer Vollendung zu zeigen, aus wenigen Dingen eine große Ernte hervorbringt, auf eine einzige Seite viele Bücher schreiben lässt und durch ein einziges Ding viele Aufgaben erfüllen lässt, so lässt Er auch durch das Menschengeschlecht die Aufgaben von tausenderlei verschiedenen Arten (der Schöpfung) wahrnehmen.
Dies aber ist nun das gewaltige Geheimnis, dass Gott der Gerechte das Menschengeschlecht in seinem Wesen so erschaffen hat, dass es sich in Tausenden von Arten entfaltet und sich auf tausenden Stufen gleich ebenso vielen voneinander verschiedenen Tiergattungen zeigt. Doch ist der Mensch nicht einem Tier gleich, in seinen äußeren und inneren Fähigkeiten und Empfindungen begrenzt. Gott hat ihm die Freiheit geschenkt und ihm die Fähigkeit verliehen, auf unendlichen Stufen zu schreiten. Obwohl die Menschen in ihrer Gesamtheit nur eine einzige
menschliche Gattung bilden, kommen sie dennoch in ihrer Bedeutung Tausenden von Gattungen gleich, weshalb der Mensch auch die Bedeutung eines Stellvertreters Gottes auf Erden, der Frucht der Schöpfung und eines Königs über alles Lebendige erhalten hat.
Nun aber finden der Wettbewerb und alle menschlichen Qualitäten, die aus dem wahrhaftigen Glauben entstehen, ihre Ursache in der Mannigfaltigkeit der Arten, welche die so überaus notwendige Hefe zu dessen Entfaltung und das Antriebsaggregat zu dessen Fortentwicklung bilden. Diese menschlichen Qualitäten zu streichen oder auch nur zu nivellieren ist nur dann möglich, wenn man den Menschen in seinem Wesen verändert, seinen Verstand auslöscht, seine Seele zerstört und seinen Geist tötet. Nachfolgend dazu ein absolut zutreffendes (kamilane){Eine Anspielung auf seinen Verfasser Namik Kemal. (A.d.Ü.)} Wort, würdig, dieser Unserer Zeit, die unter dem Deckmantel, eine freiheitlich demokratische Republik begründen zu wollen, eine furchtbare Schreckensherrschaft aufgerichtet hat, in ihr unmenschliches Antlitz zu schlagen, ein Wort, das jedoch fälschlicherweise einer hervorragenden Persönlichkeit, die diesen Schlag nicht verdient hätte, ins Gesicht geschleudert wurde:
Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit und Despotie dem Volk zu nehmen sein Recht auf Freiheit und Demokratie!
Versuche doch, ob du kannst in der Menschheit auslöschen den Sinn und ihre Sehnsucht nach der Freiheit!
Doch an Stelle dieses Ausspruchs will ich dieser unserer Zeit ins Gesicht schleudern:
Wie wäre es denn möglich durch die Ungerechtigkeit und Unterdrückung dem Volk die Freiheit der Wahrhaftigkeit zu rauben und sein Recht?
Versuche doch, ob du der Menschheit töten kannst das Herz und ihren Sinn für die Wahrhaftigkeit!
oder:
Wie wäre es denn möglich durch Ungerechtigkeit und Unterdrückung einer Seele alle ihre Vorzüge zu stehlen und ihre Verdienste?
Versuche doch, ob du machen kannst zu gewissenlosen Seelen die Menschheit und vernichten alle ihre Werte!
Tatsächlich sind diejenigen Werte, die aus dem Glauben hervorgehen keine Quelle der Bevormundung und können auch kein Grund zur Unterdrückung sein. Bevormundung und Gewaltherrschaft auszuüben ist Charakterlosigkeit. So ist denn der bedeutendste Wesenszug eines Mannes von Charakter der, in all seiner Armut, Schwäche und Bescheidenheit teilzuhaben am menschlichen Gemeinschaftsleben. Gott sei Dank (lillahilhamd)hat mein Leben stets diesen Charakterzug (meshreb)getragen und wird auch weiter durch ihn geprägt sein. Ich will mich nicht rühmen zu behaupten, besondere Vorzüge zu besitzen, doch in der Absicht, mit den Worten der Sure: "Verkündige die Gnade deines Herrn" (Sure 93, 11) zu danken, darf ich sagen, dass Gott der Gerechte aus der Fülle Seiner Freigiebigkeit mir den Vorzug geschenkt hat, mich für mich selbst und für andere um das Verständnis von Glaube und Qur'an zu bemühen. Diese Gnade Gottes habe ich Gott sei Dank (lillahilhamd)in meinem ganzen Leben unter Gottes Führung um der islamischen Nation willen und zu deren Glück verwendet; und so wie Unterdrückung und Bevormundung für mich niemals in Frage kamen, so habe ich auch, worauf die Gunst der Massen gerichtet ist und was bei den Leuten als besonders populär gilt und wonach die meisten Gottvergessenen verlangen, auf Grund einer tiefen, entscheidenden Wahrheit verabscheut. Zwanzig Jahre meines früheren Lebens haben die Gunst der Massen und der Applaus des Volkes unerfüllt gelassen, weshalb ich sie für mich als schädlich ansehe. Doch nehme ich dies als ein Zeichen dafür, dass die Risale-i Nur bei ihnen gut angekommen ist und will sie deshalb nicht vor den
Kopf stoßen.
Nun also ihr Weltleute! Niemals habe ich mich in eure weltlichen Angelegenheiten eingemischt und niemals in irgendeiner Weise gegen eure Grundsätze verstoßen. Neun Jahre Leben in der Gefangenschaft sind Zeugnis dafür, dass ich gar nicht die Absicht und auch nicht den Wunsch danach habe. Als sei ich ein ehemaliger Diktator, der ständig auf eine Gelegenheit wartet und nur mit dem Gedanken an Unterdrückung und Diktatur umgeht, spioniert ihr ständig hinter mir her und schikaniert mich; doch nach welchem Gesetz? Und in welcher Angelegenheit? Kein Staat der Welt dürfte sich eine solche über jedes Maß und Gesetz hinausgehende Handlungsweise erlauben, wie sie ganz offensichtlich auch nicht ein Einziger billigen würde. In einer derart üblen Weise gegen mich vorzugehen, bedeutet nicht nur für mich eine Kränkung, nein, die ganze Menschheit würde euch grollen, wüsste sie davon, ja vielleicht grollt euch die ganze Schöpfung deshalb!
Dritter Hinweis:
Eine spitzfindige Wahnsinnsfrage.
Ein Teil der Regierungsmitglieder sagt:
Da du nun einmal hier in diesem Lande lebst, musst du dich auch an die staatlichen Gesetze der Regierung dieses Landes halten. Warum versteckst du dich hinter deinem Einsiedlerleben und versuchst so, dich vor unseren Gesetzen zu drücken?Kurzum:Hinsichtlich unserer heutigen Staatsgesetze verstößt es gegen die Grundlagen unserer Republik, die auf dem Prinzip der Gleichheit basieren, wenn du, den wir doch gar nicht beauftragt haben, dir eine Vorrangstellung anmaßt und den Überlegenen spielst, indem du deinen Einfluss auf einen Teil des Volkes ausübst und es unterdrückst. Warum lässt du dir die Hand küssen, obwohl du doch gar kein entsprechendes Amt inne hast? "Auf mich sollen die Leute hören!", sagst du und maßt dir in deiner Selbstgefälligkeit ein Amt an?
Antwort:
Wer ein Gesetz anwenden will, sollte es zuerst
bei sich selbst anwenden, danach mag er es bei den anderen anwenden. Ihr wendet einen Grundsatz, den ihr bei euch selbst nicht anwendet, bei anderen an und hebt so diesen Grundsatz vor allen anderen zuerst bei euch selbst auf, brecht euer Gesetz, verstoßt gegen es. Denn auf mich wollt ihr ja dieses Gesetz von der absoluten Gleichheit anwenden. Doch ich sage euch:
Würde ein einfacher Soldat in der Gesellschaft den gleichen Rang einnehmen wie ein Marschall und würde ihn das Volk mit der gleichen Hochachtung aufnehmen, die es einem Marschall erweist und er das gleiche Entgegenkommen und die gleiche Hochachtung genießen wie jener, oder würde jener Marschall, als begäbe er sich auf die Stufe eines einfachen Soldaten hinab, in seiner äußerlichen Erscheinung das Aussehen dieses einfachen Soldaten annehmen und würde jener Marschall über seine eigentliche Aufgabe hinaus keine persönliche Bedeutung mehr zukommen, ja würde man selbst einen Chef des Stabes, welcher als der Klügste von allen eine Armee zum Sieg geführt hatte, im allgemeinen Interesse, in der Hochachtung, die man ihm entgegenbringt und in der Verehrung, die er genießt, einem einfältigen Soldaten gleich behandeln, dann könntet ihr auch zu mir - eurem Gleichheitsgesetz entsprechend - sagen: "Nenne dich nicht einen Hodja! Billige es nicht, dass man dir Ehre (hurmet)erweist! Stelle deinen eigenen Wert (fazilet)in Abrede (inkar)!Mache aus dir einen Bediensteten deines Dieners! Werde Kollege unter den Bettlern!"
Wollt ihr also zu mir sagen:
Diese Ehre (hurmet),dieser Rang (maqam),dieses Ansehen ist auf die Arbeitszeit beschränkt und gebührt nur unseren Funktionären. Du bist ein Mann ohne Funktion. Du darfst nicht unseren Funktionären gleich es billigen, dass das Volk dir Ehre erweist!?
Antwort:
Bestünde ein Mensch nur aus seinem Körper... und bliebe der Mensch für immer als ein Unsterblicher in dieser Welt... und schlössen sich des Grabes Pforten... und tötete man den Tod... und bliebe dann der
Dienst nur auf die militärische und auf die zivile Beamtenschaft beschränkt... Dann enthielten eure Worte noch einen Sinn. Da aber ein Mensch nun einmal nicht nur aus seinem Körper besteht, trennt man nicht, um den Körper zu ernähren, Herz (= Gemüt), Zunge (= Sprache), Verstand und Gehirn (= Bewusstsein) von ihm ab und gibt es ihm zu essen. Man zerstört diese Organe nicht. Sie sind im leib-seelischen Stoffwechsel mit inbegriffen.
Da sich aber nun einmal die Pforten des Grabes nicht schließen werden und da nun einmal die Sorge um die Zukunft auf der anderen Seite des Grabes die wichtigste Frage jedes Einzelnen ist, sind die Aufgaben, die es mit sich bringen, dass das Volk Gehorsam leistet und Ehrerbietung erweist, sicherlich nicht auf den sozialen, politischen und militärischen Aufgabenbereich, also nur das rein irdische Leben des Volkes, beschränkt. Wie es also in der Tat eine Aufgabe ist, den Reisenden auf ihrem Weg einen Pass mitzugeben, so ist es auch eine Aufgabe, den Reisenden in die Ewigkeit sowohl einen Pass als auch ein Licht auf den dunklen Weg mitzugeben, eine Aufgabe, wie es keine wichtigere Aufgabe gibt, als diese.
Diese Aufgabe zu verkennen, hieße den Tod leugnen und das Zeugnis der dreißigtausend Zeugen, die täglich mit dem Siegel ihres Leichnams die Verkündigung اَلْمَوْتُ حَقٌ {"Tod ist Wahrheit"} unterzeichnen, zu verleugnen und zu verkennen. Es gibt also einen inneren (manevi)Aufgabenbereich zur Erfüllung innerer (manevi)Grundbedürfnisse. In diesen Aufgabenbereich hinein gehört als wichtigstes der Glaube, der Unterricht im Glauben und die Stärkung im Glauben als ein Pass für die Reiseroute in die Ewigkeit, als die Taschenlampe des Herzens im Dunkeln der Zwischenwelt (Berzah)und Schlüssel der Ewigen Glückseligkeit. Bestimmt werden Wissende in der Wahrnehmung dieser Aufgabe in gar keinem Fall, undankbar
gegenüber den ihnen verliehenen Gnadengaben, Gottes Geschenke und den Wert des Glaubens für nichts erachten und auf die Stufe des Lasters und der Sünde hinunterfallen. Sie werden sich nicht mit sittenwidrigen Neuerungen (bid'a)und Lastern von Menschen niedriger Gesinnung besudeln!... Deswegen also dieses Einsiedlerleben, das euch nicht gefällt und das ihr für eine Ungleichheit haltet!
Deshalb und auf Grund dieser Wahrheit rede ich nicht mit Hochmütigen (mutekebbir)wie ihr, die mich gleich euch mit Schikanen einschüchtern wollen und deren Ichsucht mit dem Bruch des Gleichheitsgesetzes ein geradezu pharaonisches Ausmaß angenommen hat. Denn Hochmütigen (mutekebbir)gegenüber darf man nicht bescheiden auftreten, weil solcher Art Bescheidenheit als Würdelosigkeit ausgelegt würde. Vielmehr sage ich den gemäßigten, bescheidenen und gerechten unter ihnen: "Gott sei Dank (felillahilhamd)kenne ich meine eigenen Fehler und Schwächen." Ich bin nicht so stolz, eine Ehrenstellung unter den Muslimen zu verlangen, sondern sehe alle Zeit meine grenzenlosen Fehler und meine Nichtigkeit, finde Trost, wenn ich um Vergebung (istighfar)bete und erwarte von den Leuten nicht Verehrung sondern ihr Gebet. Im übrigen glaube ich, dass alle meine Kollegen den Weg, den ich eingeschlagen habe, bereits kennen. Es ist dabei jedoch Folgendes zu beachten: Wenn ich der tiefen Wahrheit des Weisen Qur'an diene und während ich die Glaubenswahrheiten unterrichte, nehme ich um der Wahrheit und der Ehre (sheref)des Qur'an willen vorübergehend jenes ehrwürdige (sheref)Verhalten an, wie es während der Unterrichtsstunden notwendig ist, um den Ernst und die Würde (izzet)der Wissenschaft zu bewahren, meinen Nacken nicht zu beugen vor denen, die in die Irre gehen. Ich meine, dass es den Weltleuten nicht zusteht, Gesetze zu erlassen, die in diesem Punkt das Gegenteil bewirken sollen!
Eine Staunen erregende Handlungsweise:
Es ist bekannt, dass überall auf der Erde der Wissenschaftler sein
Urteil vom Standpunkt der Erkenntnis und der Wissenschaft aus abgibt. Wo und bei wem auch immer er Erkenntnis und Wissenschaft bemerkt, nährt er ihm gegenüber auf Grund der gemeinsamen Berufung ein Gefühl der Freundschaft und kommt ihm mit Ehrerbietung entgegen. Ja selbst dann, wenn sich zwei Staaten im Spannungskriegszustand miteinander befinden, wird ein Professor des einen Landes bei einem Besuch in dem anderen Lande von den dortigen Wissenschaftlern um des Ansehens (hurmet)der Wissenschaft und der Erkenntnis willen mit allen Ehren (hurmet)willkommen geheißen werden.
Dennoch war es gerade ein Teil der Angehörigen des Erziehungsministeriums und auch ein kleiner Teil der offiziellen Hodjas, der einen Wissenschaftler schikaniert, Feindseligkeiten gegen ihn genährt und ihn geradezu gekränkt hat; einen Angehörigen des selben Vaterlandes und des gleichen Glaubens, sowohl Freund als auch Bruder; einen Wissenschaftler, der, als England durch sein oberstes Konsistorium der Wissenschaften an das Amt des Scheichu-l'Islam sechs Fragen richtete, auf die es vom Scheichu-l'Islam eine Antwort in sechshundert Worten erwartete, in sechs Worten eine Antwort verfasste, die ihre volle Anerkennung fand, obwohl das Erziehungsministerium ihm diese Anerkennung schuldig blieb; einem Wissenschaftler, der den wichtigsten und grundlegendsten Prinzipien der fremden Philosophen wahre Wissenschaft und Erkenntnis entgegenzusetzen und sie dadurch zu überwinden vermochte; einem Wissenschaftler, der, gestützt auf die Kraft der Erkenntnis und der Wissenschaft, die er aus dem Qur'an empfangen hatte,
{(*): Der Neue Said sagt: Ich stehe nicht hinter den Worten, die der Alte Said von seinem damaligen Standpunkt aus so stolz (iftikhar) geäußert hat. Da ich ihm aber nun in dieser Abhandlung einmal das Wort erteilt habe, möchte ich es ihm hier nicht wieder entziehen. Also schweige ich, um diesen Leuten in ihrer Selbstgefälligkeit (enaniyet) ein klein wenig seine eigene Selbstgefälligkeit (enaniyet) zu zeigen.}
die Philosophen Europas herauszufordern vermochte; einen
Wissenschaftler, der sechs Monate vor der Zeit der Konstitutionellen Monarchie (1908-18) in Istanbul sowohl die Gelehrten als auch die Studenten zu einem Disput eingeladen und dabei alle Fragen fehlerfrei richtig beantwortet hatte, ohne selbst eine Frage zu stellen; einem Wissenschaftler, der sein ganzes Leben dem Glück des Volkes gewidmet hatte; einem Wissenschaftler, der in Hunderten von Abhandlungen, die er in türkischer Sprache, der Sprache des Volkes, veröffentlicht hatte, das Volk unterrichtet und ihm Klarheit geschenkt hatte. Was soll man nun in Anbetracht eines solchen Zustandes noch dazu sagen! Soll man so etwas "Zivilisation" nennen? Ist das Begeisterung für die Wissenschaft? Ist das Begeisterung für das Vaterland? Ist das Begeisterung für das Volk? Ist das Begeisterung für die Republik? Nein, keineswegs! Ganz und gar nicht! Das ist überhaupt nichts. Vielmehr ist es göttliche Fügung (qader-i Ilahi).Die göttliche Fügung hat sich diesem Wissenschaftler gegenüber feindselig (adavet)gezeigt, wo er auf Freundschaft gehofft hatte, damit sich sein Wissen nicht angesichts der Verehrung (hurmet)in Heuchelei (riya)verkehre und damit er die Wahrhaftigkeit erlange...
Nachwort
Eine Kritik, die nach meiner Meinung sowohl erstaunlich als auch eine Quelle der Dankbarkeit ist:
Die außergewöhnliche Selbstgefälligkeit (enaniyet)der Weltleute bewirkt, dass diese, sobald es um Selbstgefälligkeit geht, eine derartige Empfindsamkeit entwickeln, dass man ihr den Grad eines Wunders (keramet)beimessen müsste, wenn sie ihnen bewusst wäre, oder aber, man müsste dieser Verhaltensweise den Grad der Genialität verleihen. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um Folgendes:
Sie empfinden jede, ein bisschen scheinheilige (riya)Selbstgefälligkeit in meiner Haltung, auch wenn meine Seele und mein Verstand sie nicht wahrnehmen, mit der Empfindlichkeit der Waage ihrer eigenen Selbstgefälligkeit und widersetzen sich dieser meiner, von mir selbst nicht empfundenen Selbstgefälligkeit auf das heftigste. In acht, neun Jahren habe ich acht-, neunmal die Erfahrung gemacht, dass ich über die Vorausschau Gottes (qader-i Ilahi)nachgedacht habe, wenn wieder einmal eine Schikane gegen mich vorgekommen, sie sich mir gegenüber ungerecht verhalten hatten und ich mich fragte: "Warum hat mich diese Heimsuchung Gottes in der Gestalt dieser Menschen betroffen?" So begann ich wieder die Listen und Ränke meiner Seele zu untersuchen.
Da verstand ich, dass entweder meine Seele sich ihrem Wesen entsprechend mir selbst unbewusst der Selbstgefälligkeit zugeneigt, oder aber mich bewusst in die Irre geführt hatte.
So sagte ich mir, dass die Vorausschau Gottes bei aller Ungerechtigkeit der Rechtlosen mir gegenüber gerecht gehandelt hatte. Zum Beispiel: In diesem Sommer hatten mich meine Freunde auf ein schönes Pferd gesetzt. Ich habe einen Spazierritt unternommen. Ohne mir dessen
bewusst zu werden erwachte in meiner Seele ein so stolzes Wohlgefühl, dass die Weltleute dermaßen heftig auf meine Laune reagierten, dass sie mir nicht nur meinen heimlichen Wunsch verleideten, sondern auch auf viele andere Dinge den Appetit verdarben. Es gibt sogar noch ein Beispiel: Es war diesmal nach dem Monat Ramadan, dass meine Seele - ohne dass ich es bemerkte - nachdem ein Imam, der zu seiner Zeit ein sehr großer und heiliger Mann gewesen war, weil er die Gabe der Vorausschau besaß, uns seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte, meine Brüder rechtschaffen und aufrichtig waren, meine Gäste eine hohe Meinung von mir hatten und mir ihre Ehrerbietung bezeigten, heuchlerisch (riya)so tat, als ob sie (= meine Seele) dankbar sein wolle und so gerne eine Haltung der Selbstgefälligkeit angenommen hätte. Da spürten diese Weltleute plötzlich in ihrer grenzenlosen Empfindlichkeit selbst noch das letzte Stäubchen meiner Heuchelei (riya)auf und fingen plötzlich an, mich zu belästigen. Ich sage Gott dem Gerechten Dank dafür, dass ihre Ungerechtigkeit mir zu einem Fahrzeug zur Wahrhaftigkeit geworden ist.
رَبِّ اَعوُذُ بِكَ مِنْ هَمَزَاتِ الشَّيَاطِينِ ٭ وَاَعُوذُ بِكَ رَبِّ اَنْ يَحْضُرُونِ ٭ اَللّٰهُمَّ يَا حَافِظُ يَاحَفِيظُ يَا خَيْرَ الْحَافِظِينَ اِحْفَظْنِى وَاحْفَظْ رُفَقَائِى مِنْ شَرِّ النَّفْسِ وَالشَّيْطَانِ وَمِنْ شَرِّ الْجِنِّ وَالْاِنْسَانِ وَمِنْ شَرِّ اَهْلِ الضَّلاَلَةِ وَاَهْلِ الطُّغْيَانِ اٰمِينَ اٰمِينَ اٰمِينَ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Oh Herr! Ich nehme meine Zuflucht zu Dir vor den Nachstellungen und Bosheiten der Teufel. Ja zu Dir, oh mein Herr nehme ich meine Zuflucht, wenn sie sich mir nahen. Oh Allah! Oh Du mein Beschützer, bester unter allen, die mich behüten! Behüte mich und bewahre die Herausgeber dieser Abhandlungen und ihre Gefährtinnen vor der Bosheit der Dschinnen und Menschen und vor der Bosheit der Leute des Irrweges, der Vertreter sittenloser Neuerungen, der Leute, die sich auflehnen (gegen Deine Weisungen)! Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Du bist der Allwissende, der Allweise!"}
Dreiundzwanzigster Blitz
Abhandlung über die Natur
Obwohl dies eigentlich die Sechzehnte Notiz zum Siebzehnten Blitz wäre, wird sie wegen ihrer Bedeutung als Dreiundzwanzigster Blitz bezeichnet. Sie vernichtet die aus dem Naturalismus herauswachsende atheistische Philosophie, ohne ihr noch die Chance zu einer späteren Renaissance zu lassen. So zertrümmert sie den Grundstein des Unglaubens vollständig.
Hinweis
Mit dieser Abhandlung wird anhand von neun Unmöglichkeiten, die mindestens neunzig Unmöglichkeiten beinhalten, dargelegt, in welchem Maße die wahre Natur des Weges, den die Gottesleugner unter den Naturalisten beschritten haben, unvernünftig und hässlich ist und in welchem Grade sie auf Aberglauben beruht. Weil aber diese Unmöglichkeiten schon in anderen Abhandlungen teilweise dargelegt wurden, können wir hier einige Stufen überspringen, indem wir uns ganz kurz fassen. Es steigt daher plötzlich der Gedanke auf: Wie konnten nur so berühmte und vernünftige Philosophen einen so deutlichen und offensichtlichen Aberglauben annehmen und auf einem solchen Wege fortschreiten? Ja, sie konnten die wahre Natur des von ihnen eingeschlagenen Weges nicht wahrnehmen. Aber die Realität dieses Weges, die Prämisse und das Resultat dieses Weges ist dergestalt, dass ich bereit bin, den Zweiflern mit ganz klaren und unwiderlegbaren Zeugnissen ausführlich darzulegen und zu beweise
dass eine Zusammenfassung ihrer Lehre,
{(*): Der Grund für die Verfassung dieser Abhandlung ist der, dass man in besonders verletzender und besonders hässlicher Weise seine Geringschätzung der Wahrheiten des Glaubens zum Ausdruck gebracht und einen Aberglauben genannt hat, was dem unzulänglichen Verstande nicht erreichbar ist, Atheismus und Naturalismus miteinander in Verbindung gebracht und so den Qur'an angegriffen hat. Dieser Angriff entfachte im Herzen einen heiligen Zorn, den Atheisten heftige und fürchterliche Ohrfeigen zu versetzen und auch denen, die ihr Antlitz von der Wahrheit ab und den Doktrinen des Aberglaubens zugewandt haben; wenn auch sonst die Lehre der Risale-i Nur eine vornehme, freundliche und milde Rede (qaul-i leyyin) ist.}
deren Voraussetzungen und zwangsläufige Resultate hässlich und abscheulich und dem Verstande unzugänglich sind und werde dies auch am Ende jeder Unmöglichkeit, die ich niederschreiben werde, darlegen.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ قَالَتْ رُسُلُهُمْ اَفِى اللّٰهِ شَكٌّ فَاطِرِ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Es sprachen ihre Gesandten: Gibt es etwa einen Zweifel an dem Schöpfer der Himmel und der Erde?" (Sure 14, 10)}
Diese ehrwürdige Ayah zeigt, in der Form einer verneinenden Fragestellung, indem sie aussagt, dass es "über Gott den Gerechten keinen Zweifel gibt und geben darf", dass die Existenz und Einheit Gottes (vahdaniyet-i Ilahiye)ganz offensichtlich ist.
Ein Hinweis vor der Erklärung dieses Geheimnisses:
1338 bin ich nach Ankara gegangen. Ich sah, dass sich in die Überzeugung von Leuten des Glaubens, die sich des Sieges der islamischen Armee über die Griechen erfreuten,
sehr schlimme atheistische Gedankengänge einzuschleichen begannen, die sie zerstören und vergiften könnten. "Oh weh!", sagte ich, dieser Drache nagt ja an den Fundamenten (erkan)unseres Glaubens (iman).Weil diese Ayah ganz offensichtlich die Existenz und Einheit (vahdaniyet)Gottes verständlich macht, habe ich durch sie Hilfe erhalten, aus dem Weisen Qur'an ein starkes Zeugnis entnommen und eine arabische Abhandlung geschrieben, die geeignet ist, das Haupt des Atheismus zu spalten. Ich ließ sie in der Druckerei "Yeni Gün" in Ankara drucken. Weil es aber nur wenige gab, die arabisch konnten und daher diesem Werk auch kaum eine Bedeutung beimaßen, zeigte dieses doch so kurz und treffend formulierte und starke Zeugnis leider keine Wirkung. Dieses atheistische Gedankengut aber entwickelte sich leider und gewann an Macht. Ich muss also zwangsläufig dieses Zeugnis erklären, soweit wie dies in türkischer Sprache möglich ist. Da einzelne Teile dieses Zeugnisses bereits in einigen Abhandlungen vollständig erläutert wurden, werde ich sie hier nur kurz niederschreiben. Viele Zeugnisse, die sich in anderen Abhandlungen verstreut finden, sind teilweise in diesem Zeugnis zusammengefasst. Jedes einzelne von ihnen kann als eines seiner Komponenten betrachtet werden.
Einführung
Oh Mensch! Wisse, dass es fürchterliche Worte gibt, die den Mund der Menschen verlassen, ohne dass sie deren Gottlosigkeit bemerken. Leute des Glaubens gebrauchen sie, ohne es zu wissen. Wir erklären hier drei äußerst wichtige von ihnen.
Erstens:
"Es wurde verursacht", d.h. die Ursachen haben diesen sichtbaren Dingen ihre Existenz verliehen.
Zweitens:
"Es bildete sich selbst", d.h. es bildete sich aus sich selbst heraus, entstand, erwuchs.
Drittens:
"Es erfordert die Natur", d.h. es ist natürlich, die Natur erfordert es, bringt es zu Stande.
Ja, es gibt nun einmal ein Dasein und das kann auch nicht geleugnet werden. Zudem gleicht jedwedes Sein einem Kunstwerk, das mit Sinn und Verstand ins Dasein gerufen wurde. Überdies besteht es nicht ewig und ohne Anfang (qadim),sondern wurde neu geschaffen. Auf jeden Fall, oh du Atheist, wirst du sagen, dass das, was hier ist, z.B. dieses Tier da durch Ursachen der unbelebten Natur hervorgebracht wurde, d.h. dieses Sein wurde durch die Verknüpfung von Ursachen ins Dasein gebracht... oder aber: Es hat sich selbst eine Form gegeben... oder aber: Es kam unter der Einwirkung natürlicher Ursachen als natürliches Ergebnis zu Stande... oder aber: Es ist ein Geschöpf aus der Kraft des Glorreichen-Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal).
Da aber dem Verstande außer diesen vier Wegen kein anderer Weg mehr offen bleibt, steht uns, wenn wir mit absoluter Sicherheit beweisen können, dass die oben genannten drei Wege nicht gangbar sind, auf einem Aberglauben beruhen, außerhalb des Möglichen liegen, zwangsläufig und offensichtlich nur noch der vierte Weg als die ohne allen Zweifel einzig sichere Lehre von der (alles bewirkenden Einheit und) Gegenwart (vahdaniyet)Gottes offen.
Erste Streitfrage:
Ein Geschöpf hat durch eine Verknüpfung der Ursachen aus der unbelebten Welt Gestalt angenommen und ist so ins Dasein getreten. Wir wollen hier unter sehr vielen Unmöglichkeiten nur drei erwähnen.
Erste Unmöglichkeit:
In einer Apotheke findet man Hunderte von Gläsern, die mit den verschiedenartigsten Substanzen angefüllt sind. Man wolle nun aus diesen Heilmitteln eine wundersame Salbe gewinnen, die lebendig sein soll! Außerdem ist es erforderlich, aus ihnen ein wundersames lebendes Heilmittel herzustellen. Wir sind gekommen und haben in dieser Apotheke eine große Menge dieser lebendigen Salbe und von diesem lebenden
Heilmittel gesehen. Wir haben jede dieser Salben untersucht.
Wir haben gesehen: Jedes dieser Gläser enthält eine bestimmte Menge, ein, zwei Dirhem (= 6 Gramm) von diesem, drei, vier Dirhem von jenem, sechs, sieben Dirhem von etwas anderem usw. Es wurden verschiedene Mengen unterschiedlicher Arzneimittel verwendet. Hätte man ein Dirhem mehr oder weniger entnommen, wäre diese Salbe nicht mehr lebensfähig, könnte ihre Wirkung nicht mehr zeigen. Und auch dieses lebende Heilmittel haben wir geprüft. Es wurde aus jedem Glas eine ganz bestimmte Menge entnommen. Wäre es auch nur um ein Geringes mehr oder weniger gewesen, hätte das Heilmittel seine Besonderheit verloren. Es gibt nicht nur mehr als fünfzig verschiedene Gläser, man hat auch noch unterschiedliche Mengen von jedem Mittel verwendet, da jedes von ihnen sein eigenes Maß kennt.
Ja, wäre es denn auf irgendeine Weise möglich und wahrscheinlich, dass die aus den verschiedenen Gläsern entnommenen unterschiedlichen Mengen dadurch zueinander gekommen sein und sich miteinander vermischt haben könnten, dass irgendein sonderbarer Zufall oder vielleicht ein Windstoß die Gläser umgeworfen habe, wodurch die Arzneien ausgelaufen seien und jede von ihnen sich mit dem nur allein ihr eigenen genauen Maß zu einer bestimmten Salbe vereinigt hätten... Gäbe es vielleicht etwas, das ein noch größerer Aberglaube, noch unwahrscheinlicher und absurder wäre als dieses? Könnte ein Esel selbst eine doppelte Eselei annehmen und dann ein Mensch werden, er würde sagen: "Eine solche Idee kann ich nicht annehmen" und davonlaufen.
So ist es also wie in diesem Beispiel: Alles, was Leben in sich enthält, ist sicherlich eine solche lebendige Salbe. Und jede Pflanze gleicht einem lebenden Heilmittel, das aus vielen unterschiedlichen Substanzen zusammengesetzt ist, für das viele spezifische Maßeinheiten angewandt wurden. Dies den Ursachen und Elementen der
Natur zuzuschreiben und zu sagen: "Die Ursachen haben dies bewirkt" ist hundertfach weiter von jeglicher Vernunft entfernt, unmöglicher und absurder, als die Entstehung einer Salbe in einer Apotheke durch das Umstürzen der Gläser.
Kurzum:
Alles Lebendige in dieser großen Apotheke der Welt kann nur aus der unendlichen Weisheit (hikmet),dem grenzenlosen Wissen (ilim)und einem alles umfassenden Willen (irade)Gestalt annehmen, durch Urteil und Bestimmung (qadha ve qader)des Urewigen-Weisen (Hakiem-i Edhel),der die Waage hält. Ein Unglückseliger, welcher sagt: "Dies haben die Ursachen der natürlichen Elemente zu Stande gebracht, die taub und blind, einem Sturzbach ohne Grenzen gleich dahinströmen", ein dummer Phantast, der sagt: "Dies wunderbare Heilmittel ist ganz von selbst entstanden, dadurch, dass die Gläser umgestürzt und ausgelaufen sind." Er spricht noch törichter als ein törichter Trunkenbold. Ja, dieser Unglaube, diese Torheit, diese närrische Trunkenheit ist reine Phantasterei.
Zweite Unmöglichkeit:
Wäre nicht ein jedes Ding dem Glorreichen-Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal)zuzuschreiben, welcher Ein-Einziger (Vahid-i Ahad)ist, sondern auf Ursachen aus der unbelebten Natur zurückzuführen, dann müsste notwendigerweise bei der Entstehung alles dessen, was da lebt, eine Vielzahl von Ursachen und Elementen beteiligt sein. Es ist aber ganz offensichtlich eine Unmöglichkeit, dass in dem Körper eines so kleinen Geschöpfes wie einer Mücke eine derart große Anzahl von Vektoren (esbab),die voneinander verschieden und einander entgegengesetzt sind, in so vollkommener Ordnung, mit einer so empfindlichen Maßgenauigkeit und in so vollständiger Übereinstimmung wirksam werden, dass jeder, der auch nur so viel Bewusstsein besitzt, wie sich im Flügel einer Mücke befindet, sagen muss: "Das ist unmöglich. Das kann nicht sein." Ja, der winzige Leib einer Mücke steht mit den meisten Ursachen und Elementen des Alls in Verbindung, ist sogar dessen Zusammenfassung. Wären sie nicht
dem Urewigen-Allmächtigen (Qadir-i Edhel)zuzuschreiben, dann müssten diese Ursachen der unbelebten Natur selbst neben ihrem Körper zu finden sein, oder aber in ihren winzigen Leib eintreten. Ja, es wäre sogar erforderlich, dass sie in jede einzelne Facette ihres Auges eintreten, die ein verkleinertes Abbild ihres Körpers ist. Denn, wenn die Ursache aus der unbelebten Natur kommt, muss sie auch neben oder in dem verursachten Objekt wirksam werden. In diesem Falle müsste man davon ausgehen, dass sie wie ein Meister im Inneren der biologischen, chemischen und physikalischen Bausteine und Grundelemente dieser winzigen Zelle arbeiten, dort, wo nicht einmal die Spitzen der Fühler einer Mücke mehr Platz finden.
Also würde sich einer solchen Hypothese selbst noch ein ungewöhnlich spitzfindiger unter den Sophisten schämen.
Dritte Unmöglichkeit:
Eine unverrückbare Grundregel sagt: اَلْوَاحِدُ لاَ يَصْدُرُ اِلاَّ عَنِ الْوَاحِدِ {"Einheit entsteht nur aus der Einheit."} das heißt, wenn eine Existenz Einheit (vahdet)besitzt, kann sie nur von einem Einzigen (vahid),von einer einzigen Hand geschaffen sein. Besonders dann, wenn dieses Ding in der so vollendeten Ordnung seiner Existenz und mit den ihm eigenen Maßen alle Aspekte des Lebens in sich gesammelt aufzeigt, kann sie offensichtlich nicht durch viele verschiedene Hände geschaffen worden sein, weil das eine Ursache zu Streitigkeiten (sebeb-i ikhtilaf)und Verwirrungen wäre, sondern muss vielmehr von der Hand eines Allmächtigen (Qadir)und Allweisen (Hakiem)geschaffen worden sein. Da dieses Durcheinander verschiedener Hände in einem Durcheinander unendlich vieler lebloser Naturelemente, die - taub und blind, ohne Verstand und Bewusstsein - nicht ihre Grenze kennen, diese Blindheit und Taubheit von Ursachen
auf unendlich vielen grenzenlos möglichen Wegen, Verbindungen und Vereinigungen nur noch vermehrt, ist es so weit davon entfernt, noch vernünftig zu sein, wie die gleichzeitige Annahme von hundert Unmöglichkeiten, dass diese Existenz in ihrer Wohlgeordnetheit und Proportionalität und Einheitlichkeit sich darauf stützen sollte.
Aber selbst dann, wenn wir einmal von dieser Unmöglichkeit absehen wollen, müssen sicherlich dennoch die Einwirkungen der Ursachen der unbelebten Natur eine Angriffs- und Berührungsfläche haben. Aber diese Berührungsfläche mit den Ursachen der unbelebten Natur kann bei lebenden Wesen nur deren Oberfläche sein. Trotzdem sehen wir, dass das Innere der Lebewesen zehnmal mehr geordnet ist als deren Äußeres, feiner gestaltet und künstlerisch noch vollendeter, obwohl es die Hände der Ursachen der unbelebten Natur nicht erreichen und nicht berühren können. Obwohl die winzigsten Pflanzen und die winzigsten Tierchen künstlerisch noch weit staunenswerter gestaltet und noch einzigartiger geschaffen sind als die großen Geschöpfe, hieße es, hundertfach blind und tausendfach taub zu sein, wollte man dies starren, einsichtslosen, grobkörnigen, weitmaschigen, grobkalibrigen, einander entgegengesetzten, blinden Ursachen zuschreiben, wo doch die Hände und die Werkzeuge der Ursachen der unbelebten Natur in ihnen gar keinen Platz finden, ja sie noch nicht einmal auch nur von außen berühren können!...
Aber es gibt noch eine Zweite Streitfrage.
Sie behauptet: "Es hat sich von selbst gebildet." Das heißt: Es ist aus sich selbst heraus entstanden.
Nun, auch dieser Satz enthält viele Unmöglichkeiten. Er ist in vielfacher Hinsicht unmöglich und irrig. Um ein Beispiel zu geben, wollen wir drei von diesen Unmöglichkeiten erklären.
Erste Unmöglichkeit:
Oh du hartnäckiger Leugner (muannid munkir)!Dein Egoismus hat dich so dumm gemacht, dass er dich
in deinen Schlussfolgerungen dahin führt, hundert Unmöglichkeiten zugleich anzunehmen. Denn du existierst; und du bist nicht einfach ein Stückchen tote, unveränderliche Materie. Vielmehr gleichst du einer wohldurchdachten und aufs Beste konstruierten Maschine, die sich ständig erneuert und einem wundervollen Palast, der beständig renoviert wird. Die Zellen deines Körpers sind zu jeder Zeit an der Arbeit. Dein Körper lebt in ständiger Beziehung mit dem All, was besonders seine Erhaltung und Funktionstüchtigkeit und was seine Fortpflanzung betrifft, und befindet sich in einem beständigen Austauschprozess. Die Zellen, die in deinem Körper arbeiten, achten darauf, dass diese Beziehungen nicht beeinträchtigt werden und dieser Austauschprozess nicht gestört wird. Dabei gehen sie mit Umsicht vor und es ist, als seien sie auf den Kosmos hin ausgerichtet. Sie fassen zuerst deine Ausrichtung auf den Kosmos ins Auge und erfüllen danach ihre Aufgabe. In deinem äußerlichen und innerlichen Wohlbefinden ziehst du entsprechend dieser wunderbaren Erfüllung der Aufgabe deiner Zellen deinen Nutzen.
Wenn du nicht annehmen willst, dass sich die Zellen deines Körpers wie winzige Beamte oder wie ein Heer des Urewig-Allmächtigen (Qadir-i Edhel)verhalten oder der Bleistiftspitze des Bauplanzeichners (qalem-i qader)gleichen bzw. den Punkten, die er damit macht (qalem-i qudret),dann ist für jede Zelle, die in deinem Auge arbeitet, ein solches Auge notwendig, welches das Ganze deines Körpers von allen Seiten zugleich sehen kann, ein Auge, welches auch das ganze Weltall, mit dem du verbunden bist, zu sehen vermag; man müsste ihr einen solchen Verstand verleihen wie von hundert Genien, welche deine ganze Vergangenheit und die Zukunft kennen und begreifen müssten, die Generationen vor dir und nach dir, den Brunnen, aus dem alle deine Elemente hervorgegangen sind und die Quelle ihrer Versorgung. Einer von deinen Zellen, die wie du in dieser Angelegenheit nicht einen Funken Verstand besitzt, so viel Wissen und Bewusstsein zuzuschreiben, wie sie tausend Platons nicht besitzen, ist ein tausendfach wahnwitziger Aberglaube!...
Zweite Unmöglichkeit:
Dein Körper gleicht einem einzigartigen Palast mit tausend Kuppeln. Die Steine in jeder dieser Kuppeln verharren, sich einander gegenseitig stützend, freitragend und ohne Säulen. Ja, dein Körper ist sogar noch tausendmal wunderbarer. Denn der Palast deines Körpers erneuert sich ständig in vollendetem Regelmaß (kemal-i intizam).Von Geist (ruh),Gemüt (qalb)und den Feinheiten der Seele (manevi letaif),die unsere Bewunderung erregen, einmal ganz abgesehen, kommt jedes Organ schon allein deines Körpers einem kuppelüberkrönten Saale gleich. Die Zellen wie die Steine in dieser Kuppel, die einander gegenseitig in so vollkommener Harmonie und Ordnung stützen, bilden ein wunderbares Gebäude, ein überragendes Kunstwerk und bezeigen gleich Auge und Zunge ein einzigartiges Wunderwerk der Macht (mu'djize-i qudret).
Wären nicht alle diese Zellen Beamten gleich dem Befehl des Meisters dieser Welt unterstellt, dann müsste jede einzelne Zelle sowohl absoluter Herr (hâkim-i mutlaq)über alle Zellen in diesem Körper, als auch jede einzelne ein absoluter Sklave (mahkûm-u mutlaq)sein; es müsste jede einzelne der anderen sowohl gleichgestellt als auch bezüglich ihrer Souveränität der anderen entgegengesetzt sein; sie müsste sowohl Ursprung und Quelle all der vielen Eigenschaften sein, die einzig dem Notwendig-Seienden zugehören, als auch von vielen Bedingungen abhängig und an sie gebunden und zugleich auch völlig frei und ungebunden sein. Ein solches in sich einheitliches und wohlgestaltetes Geschöpf, welches nur das Werk des Ein-Einzigen (Vahid-i Ahad)und Geheimnis der Einheit (sirr-i vahdet)sein kann, unzähligen Zellen zuzuschreiben ist für jeden, der auch nur über ein Fünkchen klaren Bewusstseins verfügt, ganz klar und offensichtlich eine Unmöglichkeit; ja, das sind hundert Unmöglichkeiten.
Dritte Unmöglichkeit:
Wäre dein Körper nicht gleich einer Handschrift, geschrieben mit der Feder des Urewigen-Allmächtigen (Qadir-i Edhel),
welcher Ein-Einziger (Vahid-i Ahad)ist, sondern der Natur zugehörig, wie von den Ursachen gedruckt, dann müssten sich in deinem Körper entsprechend der Anzahl der Zellen und Organe deines Körpers tausende verschiedener natürliche Gussformen gleich ineinander verschachtelten Kreisen vorfinden. Denn wenn dieses Buch, das sich hier in unseren Händen befindet, eine Handschrift ist, so hat ein einziger Stift all dies geschrieben und es beruht auf der Kenntnis (ilm)seines Schreibers.
Wenn es sich dabei aber um keine Handschrift handelt, die mit einer Feder geschrieben wurde, man vielmehr sagte, es sei aus sich selbst entstanden, oder die Natur habe es zustande gebracht, dann wäre gleich wie für den Druck eines Buches eine besondere Type für jeden einzelnen Buchstaben notwendig, um es drucken zu können. So wie sich in einer Druckerei ebenso viele Typen befinden, wie es Buchstaben gibt, damit die Buchstaben nachher auch in Erscheinung treten können, so müssen auch an Stelle eines einzigen Stiftes, ebenso viele Typen wie Buchstaben vorhanden sein.
Ja, es kommt manchmal vor, dass sich unter diesen Buchstaben einmal ein Riesenbuchstabe befindet, in dem eine ganze Seite mit einem kleinen Stift und feinen, dünnen Linien hinein geschrieben wurde, sodass für die Beschriftung eines einzigen Buchstabens Tausende von Drucktypen notwendig werden. Wenn sie nun aber sogar in wohlgeordneterweise miteinander verschachtelt sind und die Gestalt deines Körpers annehmen, dann müssen wir für jedes einzelne Organ, für jedes einzelne Gewebestückchen entsprechend der Anzahl der einzelnen Bestandteile ebenso viele verschiedene Gussformen verwenden.
Nun denn! Wolltest du auch jetzt noch alle diese hundert Unmöglichkeiten dennoch für möglich halten und die Herstellung aller dieser wohlgeordneten kunstvollen Drucktypen, dieser vollendeten Gussformen und Schreibfedern nicht wiederum auf einen einzigen Prototyp zurückführen
wollen, dann benötigte man für die Verfertigung dieser Schreibfedern, Gussformen und Drucktypen wiederum eine gleichgroße Anzahl Modelle dieser Schreibfedern, Gussformen und Drucktypen. Denn auch sie wurden einmal hergestellt und auch sie sind vollendete Kunstwerke, usw... das setzt sich nacheinander so fort...
So verstehe denn auch du! Dies ist ein Gedankengang, der in sich eine so große Zahl Unmöglichkeiten und Irrtümer mit sich bringt, wie es Zellen gibt. Oh du dickköpfiger (muannid)Nichtsnutz! Schäme auch du dich... Gib deinen Irrtum auf!
Dritte Streitfrage:
"Es erfordert die Natur", das heißt, die Natur macht es notwendig. Die Natur bringt das zu Stande. Siehe, diese Behauptung enthält viele Unmöglichkeiten. Um ein Beispiel zu geben, erwähnen wir drei von ihnen.
Erste Unmöglichkeit:
Wenn man das augenfällige und weisheitsvolle künstlerisch-kreative Schaffen, das sich in allem Sein, besonders aber in der belebten Natur zeigt, nicht der Feder des Bauplanzeichners (qalem-i qader)und der Macht (qudret)der Urewigen Sonne zuschreiben, sondern von der Natur und einer Kraft ableiten will, die taub und blind und ohne Verstand ist, dann müsste man auch die Natur mit zahllosen unsichtbaren (manevi)Maschinen und Druckereien ausstatten, damit sie jedes Ding verfertigen kann, oder aber stattdessen jedes Ding mit einer Macht (qudret)und Weisheit (hikmet)ausstatten, die das All zu erschaffen und zu regieren vermag.
Denn so wie die Sonne sich in jedem Glasstückchen und in jedem Wassertropfen auf der Erde widerspiegelt, so muss man auch, wollte man nicht alle diese winzigkleinen Sonnen auf die eine einzige Sonne am Himmel zurückführen, es annehmen, dass alle die besonderen Eigenschaften, welche die natürliche, erschaffene Sonne besitzt, sich in einem winzig-kleinen Glasstäubchen, in dem noch nicht einmal ein Streichholzköpfchen Platz finden
kann, zwar sichtbar klein, aber in der ganzen Tiefe der Bedeutung der Sonne verkörpern. Ja, man muss sogar entsprechend der Anzahl der Glasstäubchen ebenso viele natürliche Sonnen annehmen. Genauso wie in diesem Beispiel müsste man, wollte man die Existenzen und Lebewesen nicht unmittelbar auf die Erscheinung der Namen der Urewigen Sonne zurückführen, in allen Existenzen, besonders aber in allem, was da lebt, eine Natur und eine Macht voraussetzen, die grenzenlose Macht (qudret),unendlichen Willen (irade),unbegrenztes Wissen (ilim)und ewige Weisheit (hikmet)besitzt, ja sogar ein Gott wäre.
Ein solcher Gedankengang aber ist der größte Aberglaube und Irrtum einer Unmöglichkeit, den es im Weltall gibt. Ein Mensch, der das Kunstwerk des Schöpfers des Alls (Khaliq-i Kainat)einer vorgeblichen, belanglosen, entscheidungsunfähigen Natur zuschreibt, zeigt damit sicherlich, dass er hundertfach tierischer als das Tier ist und ohne jeden Verstand.
Zweite Unmöglichkeit:
Wenn diese überaus geordneten ausgewogenen Existenzen voll Kunst und Weisheit nicht einer einzigen Person zugeschrieben werden, die unendliche Macht (Qadir)und Weisheit (Hakiem)ist, sondern stattdessen von der Natur abgeleitet werden, dann muss man voraussetzen, dass die Natur in jedem Stückchen Erde so viele Maschinen enthält, wie der Anzahl aller Druckereien und Fabriken Europas entspricht, und dass dieses Stückchen Erde das Wachsen und Gedeihen von zahllosen Blumen und Früchten veranlassen kann, deren Quelle und Werkbank es ist. Man kann in der Tat sehen, dass z.B. eine Schüssel voll Erde, die den Blumen als Topf dient, die Fähigkeit hat, aus den Samen - wie sie der Reihe nach hineingeworfen werden - Form und Gestalt aller Blumen in ihrer Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit zu bilden.
Wollte man dies nicht auf den glorreichen Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal)zurückführen, dann könnten sie, fände sich nicht in dieser Schüssel voll Erde für jede einzelne Blume eine besondere
unsichtbare (manevi)Maschinerie der Natur, nicht in diesen Daseinszustand treten. Denn was die Samen betrifft, so sind sie wie die Spermien und die Eier aus der gleichen Substanz. Denn wie ein Teig bestehen sie aus einer Mischung von Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff, ungefügt und ungestaltet. Wind und Wasser, Wärme und Licht; jedes von ihnen wirkt einem Gießbach gleich in seiner undifferenzierten Art und ohne jedes Unterscheidungsvermögen auf sie ein und bringt aus dieser Erde zahllose, ganz verschiedene, überaus planmäßig (muntazam)und kunstvoll gestaltete Blumen hervor. Es müssen sich also offensichtlich und zwangsläufig in der Erde, die sich in dieser Schüssel befindet, ebenso viele unsichtbare (manevi)Druckereien und Fabriken winzigen Ausmaßes befinden, wie man sie sich in Europa vorstellen kann, damit sie so viele lebendige Stoffe und tausenderlei verschiedene Textilien herstellen können.
Da kann man also nun vergleichen, in welchem Grade die Gedanken der ungläubigen Materialisten von der Bahn des noch Vernunftgemäßen abgewichen sind. Siehe, wie weit diese Törichten, Berauschten in Menschengestalt, die glauben, dass die Natur ein Erfinder sei und von sich selbst behaupten, dass sie Wissenschaftler und Männer von Verstand seien, sich von Verstand und Wissenschaft entfernt haben und was für einen hochkomplizierten und auf gar keine Weise möglichen Aberglauben sie sich selbst als Weg ausgesucht haben! Lache über sie und spucke vor ihnen aus!...
Sobald man sagt:
"Man kann alles Sein auf die Natur zurückführen", entstehen derart merkwürdige Unmöglichkeiten, Probleme im Grade einer Negation. Wenn man aber das Sein der Persönlichkeit des Einen zuschreibt, der nichts und niemandes bedarf und dessen alle und alles bedarf (Dhat-i Ahad u Samed),wie wird dann wohl diese Problematik gelöst? Wie kann man eine Schwierigkeit, die einer Unmöglichkeit gleich kommt, in eine Leichtigkeit umwandeln, die an Zwangsläufigkeit grenzt?
Antwort:
Im Falle der ersten Unmöglichkeit zeigt z.B. das Phänomen der Sonneneinstrahlung mit vollkommener Leichtigkeit und ohne alle Schwierigkeiten vom kleinsten Stäubchen bis zur Oberfläche des größten Meeres seine Fülle und seine segensreiche Wirkung ganz einfach in den kleinen Sonnen, die sich widerspiegeln. Wollte man aber von der Sonne absehen, dann müsste man, trotz einer bis zum Grade der Negation reichenden Komplikation es für möglich halten, dass die Sonne in den Dingen selbst reale Gestalt angenommen habe. Führt man in dieser Weise alles Sein unmittelbar auf die Persönlichkeit des Einen, der nichts und niemandes bedarf und dessen alle und alles bedarf (Dhat-i Ahad u Samed),zurück, dann kann auch alles Sein alles das, was es benötigt mit der an Zwangsläufigkeit grenzenden Leichtigkeit und Automatik auf Grund dieses Phänomens und kraft dieser Verbindung von ihm erlangen. Wollte man aber von dieser Verbindung absehen und dieses Dienstverhältnis in Führerlosigkeit verkehren und alles Sein der eigenen Führung und der Natur überlassen, dann müsste man trotz hunderttausender Probleme und Komplikationen bis zum Grade einer Negation, notwendigerweise annehmen, dass die blinde Natur eine solche Macht und Weisheit besitzt, das All zu erschaffen und zu regieren und im Körper eines Lebewesens wie z.B. einer Mücke, die eine verkleinerte Inhaltsangabe des Alls darstellt, diesen Körper gleich einer wunderbaren Maschine erschaffen habe. Dies aber ist nicht nur eine Unmöglichkeit, dies sind vielmehr tausend Unmöglichkeiten.
Kurzum:
So wie es unmöglich und ausgeschlossen ist, dass der Notwendig-Seiende in Seiner Person einen Teilhaber oder Gegenpol habe, ebenso ist es unmöglich und ausgeschlossen, dass Er in Seiner Herrschaft (rububiyet)und bei der Erschaffung eines Dinges (idjad-eshya)einen anderen als Teilhaber oder Mitwirkenden habe.
Was aber die Schwierigkeit der zweiten Unmöglichkeit betrifft, so wurde bereits in verschiedenen Abhandlungen
bewiesen, dass das, was für ein einziges Ding leicht ist, ebenso für alle Dinge einfach wird, wenn man alle Dinge dem Einzigen und Alleinigen (Vahid-i Ahad)zuschreibt. Führt man sie aber auf die Ursachen und auf die Natur zurück, so wird das nicht nur für ein Ding, sondern auch für alle Dinge zur Schwierigkeit, was wir bereits mit verschiedenen unwiderlegbaren Zeugnissen bewiesen haben.
Eine kurze Zusammenfassung eines solchen Zeugnisses ist Folgendes:
Wenn ein Mann als ein Soldat oder als ein Beamter in seines Königs Diensten steht, dann vermag dieser Beamte oder dieser Soldat auf Grund dieses Dienstverhältnisses hunderttausendmal mehr zu leisten als auf Grund seiner persönlichen Befugnisse. Und im Namen seines Kaisers kann er zuweilen sogar einen König gefangen nehmen. Denn für die Leistungen, die er erbringt und die Tätigkeiten, die er ausführt, verschafft er sich Vollmacht und Ausrüstung nicht selbst und braucht sie sich auch nicht selbst zu verschaffen... Auf Grund seines Dienstverhältnisses übernehmen die königliche Schatzkammer, das Zeughaus und das Heer, das für seine Versorgung zuständig ist, Ausrüstung und Verantwortung. Das heißt, dass die Werke, die er vollbringt, voll Majestät sein können wie die eines Königs und die Leistungen, die er zeigt, so wundervoll sein können wie die eines Heeres.
Auf diese Weise zerstört eine Ameise auf Grund ihres Dienstverhältnisses den Palast des Pharao... richtet eine Mücke in diesem Auftrage Nimrod zu Grunde... und aus diesem Verhältnis erwachsen dem Samenkorn eines Tannenbaumes, klein wie ein Weizenkorn, alle Äste und Zweige einer riesigen Tanne.
{(*): Ja, wenn diese Verbindung gegeben ist, bekommt dieser Same einen Befehl von der Bestimmung Gottes (qader-i Ilahi), bringt solche wundervollen Werke hervor. Wollte man aber von dieser Verbundenheit absehen, so erforderte die Erschaffung eines solchen Samens eine noch weit größere Kunstfertigkeit, noch weit mehr Anlagen und Fähigkeiten als die Erschaffung einer riesigen Tanne. Denn dann müssten sich ja alle die Eigenschaften und Fähigkeiten der Tanne, die ein Werk der Macht ist und sich auf dem Berge verkörpert in diesem Baum, der in dem Samenkorn verborgen (manevi) ist, das ein Werk der Bestimmung (qader) ist, wiederfinden. Denn die Fabrik, welche diesen riesigen Baum hergestellt hat, ist dieses Samenkorn. Der durch die Bestimmung in ihm enthaltene Baum wird durch die Macht nach außen hin sichtbar und nimmt die Gestalt einer Tanne an.}
Wenn diese Verbindung aufgehoben und dieses Dienstverhältnis gelöst wird, muss er zur Durchführung dieser Arbeiten die Verantwortung auf seinen Schultern tragen und sich die Ausrüstung auf den eigenen Rücken laden. Dann müsste er seine Arbeit nach Maßgabe seiner winzigen Fäuste und nach Anzahl der Munition auf seinen Rücken laden. Wollte man dann noch von ihm erwarten, dass er seine Pflichten und Aufgaben mit der gleichen spielerischen Leichtigkeit ausführe wie zuvor, dann müsste er sicherlich die Kraft eines Heeres in seiner Hand halten und sich die königliche Rüstungsindustrie auf seinen Rücken laden. Selbst die Moritaten und Bänkelsänger, die Gaukler und Komödianten würden sich dergleichen Phantastereien schämen!...
Kurzum:
Führt man alles Sein auf den Notwendig-Seienden zurück, dann ist alles mit zwangsläufiger Folgerichtigkeit ein Leichtes. Es aber vom Aspekt der Natur her zu betrachten, ist bis zum Grade der Negation kompliziert und liegt außerhalb der Reichweite des vernünftigen Denkens (aql).
Dritte Unmöglichkeit:
Zwei Beispiele, die in einigen Abhandlungen erläutert worden sind, zur Erklärung dieser Unmöglichkeit.
Erstes Beispiel:
In ein Schloss, das in einer menschenleeren Wüste erbaut und errichtet und mit allem Komfort der Zivilisation eingerichtet und ausgestattet wurde, tritt ein völlig unzivilisierter Mensch ein, sieht sich darin um...
erblickt darin tausende überragender Kunstwerke... sagt in seinem Mangel an Bildung und Zivilisation: "Von außen hat keiner daran mitgewirkt. Eines von den Dingen in diesem Schloss hat dieses Schloss erschaffen und alles, was sich darinnen befindet."
Und er beginnt es zu durchforschen. Welches Ding er auch immer betrachtet... auch sein primitiver Verstand vermag kein Ding zu erblicken, das dies alles erschaffen haben könnte. Dann findet er ein Heft, in dem der Bauplan dieses Schlosses, ein Inhaltsverzeichnis seiner Einrichtung und die Gesetze seiner Verwaltung niedergelegt sind. Zwar hat auch dieses Heft, ohne Hände, ohne Augen, ohne einen Hammer so wenig wie die übrigen Dinge in diesem Schloss irgendeine Fähigkeit, es einzurichten und auszustatten. Er findet aber keinen anderen Ausweg und weil er sieht, dass dieses Heft im Vergleich mit den anderen Dingen im Hinblick auf die Lehre von den Gesetzen der Wissenschaft in Beziehung zu dem Gesamt des Schlosses steht, sieht er sich gezwungen zu sagen: "Da also ist das Heft, das dieses Schloss erbaut, eingerichtet und ausgestattet hat und das diese Dinge erschaffen, verteilt und befestigt hat."... So wandelt er seine Primitivität in die Phantastereien der Toren und Trunkenbolde um...
Nun tritt also wie in unserem Beispiel ein primitiver Mensch, getragen von dem Gedanken des die Gottheit leugnenden Naturalismus, in dieses Schloss der Welt, das noch in unendlichem Maße besser geordnet und vollkommener ist als das Schloss in unserem Beispiel und allseits voll wunderbarer Weisheit. Er denkt nicht, dass dies ein Kunstwerk des Notwendig-Seienden ist, der in Seiner Person außerhalb des "Kreises der Möglichkeiten" (= die geschaffene Welt) ist und wendet sich von Ihm ab und wendet sich stattdessen dem Kodex der göttlichen Gesetze und dem Katalog der Kunstwerke des Herrn zu, der Tafel innerhalb des "Kreises der Möglichkeiten", welche vom göttlichen Geschick (qader-i Ilahi)beschrieben und wieder abgewischt
wird, dem Buch über die Ausführung der Gesetze der göttlichen Macht (qudret-i Ilahi),auf Grund dessen alles verwandelt und neu gestaltet wird und das man so fälschlicher Weise "Natur" nennt. Und er sagt: "Da nun einmal diese Dinge nach einer Ursache verlangen, gibt es außer diesem Heft kein Ding, das zu ihnen in Beziehung stünde. Zwar akzeptiert der Verstand in keiner Hinsicht, dass dieses Heft ohne Auge, ohne Verstand, ohne Macht die Werke der vollkommenen Herrschaft (rububiyet)zu Stande bringen könnte, die eine grenzenlose Macht erfordern. Da ich aber nun einmal einen urewigen Schöpfer (Sani-i Qadiem)nicht akzeptiere, glaube ich, dass es das Beste wäre, zu sagen, dass dieses Heft dies alles erschaffen hat und erschaffen kann." Wir aber sagen dagegen:
Oh du dummer Trunkenbold, der du noch dümmer bist als ein dumm gewordener Dümmling! Ziehe deinen Kopf aus dem Sumpf der Natur und sieh dich um! Blicke auf den glorreichen Meister (Sani-i Dhu l-Djelal),den alles, was da ist von den Atomen bis hin zu den Planeten, mit so vielen verschiedenen Zungen bezeugt und auf den sie mit ihrem Finger hinweisen... Siehe, wie der Urewige Architekt in diesem Schloss, das Er geschaffen und in diesem Heft, in das Er sein Programm hineingeschrieben hat, sichtbar wird... Lies Seinen Erlass! Höre Seinen Qur'an!.. Rette dich vor deinen Phantastereien!
Zweites Beispiel:
Ein völlig unzivilisierter Mensch betritt einen ausgedehnten Kasernenhof. Er sieht, wie ein ganzes, großes, wohlgeordnetes Heer gemeinsam exerziert und alle Bewegungen diszipliniert durchführt. Er beobachtet, wie auf die Bewegung eines Soldaten hin ein ganzes Bataillon, eine Kompanie, ein Zug aufsteht, sich setzt, auf einen Feuerbefehl hin Feuer gibt. Weil er in seinem primitiven, unkultivierten Denken nicht begreift, dass hier ein Kommandeur auf Anweisung der Regierung und nach königlichem Gesetz kommandiert und weil er das leugnet, stellt er sich vor, diese Soldaten seien durch ein Seil miteinander verbunden. Er denkt sich, was für ein
wundersames Seil doch dieses vorgebliche Seil sein müsse, ist erstaunlich. Danach geht er wieder...
Er geht an einem Freitag in eine riesengroße Moschee, ähnlich der Hagia Sophia (Ayasofya).Er wird Zeuge, wie die Gemeinde der Muslime auf das Wort eines Mannes hin aufsteht, sich verneigt, sich zu Boden wirft und sich setzt. Weil er die Schariah, die aus einer Sammlung geistiger, himmlischer Gesetze besteht und die inneren Prinzipien, die den Weisungen des Herrn der Schariah zugrunde liegen, nicht begreift, stellt er sich vor, dass handfeste Seile diese Gemeinschaft gebunden hätten und diese seltsamen Seile sie gefangen hielten und tanzen ließen. Er verlässt die Moschee mit solchen Gedanken eines Gauklers, wie sie selbst wilde Tiere in der Gestalt wildester Menschen zum Lachen gebracht hätten und geht davon...
Genauso also wie in diesem Beispiel betritt ein Ungläubiger, der das gottleugnende Gedankengut der Naturalisten vertritt, welches eine reine Grausamkeit ist, diese Welt, welche für unzählige Soldaten ein ausgedehnter Kasernenhof des Sultans von Ewigkeit zu Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed)und den Kosmos, der eine wohlgeordnete Moschee des Ewig-Angebeteten (Mabud-u Edhel)ist. Er stellt sich die unsichtbaren, kosmischen Gesetze, welche Anordnungen des ewigen Sultans (Sultan-i Edhel)sind und Seiner Weisheit entstammen nur als einzelne, rein äußerliche Gesetze der Materie vor. Er vermeint, dass die theoretischen Gesetze der Herrschaft des Königs (saltanat-i rubiyet),die Naturgesetze des Ewig-Angebeteten (Mabud-u Edehl),die unsichtbaren, nur den Wissenschaftlern bekannten Sitten- und Moralgesetze und alle Prinzipien nur eine äußerliche praktische Bedeutung hätten. Er setzt an Stelle der göttlichen Macht und den aus Seinem Wissen und Wort kommenden und nur den Wissenschaftlern vertrauten Gesetzen nur die natürlichen und menschlichen Gesetze ein, legt in ihre Hände die Erschaffung der Welt und bezeichnet sie sodann als "Natur". Er nimmt an, dass die Kraft (quvvet),welche nur eine Erscheinung der Macht des Herrn (qudret-i Rabbaniye)ist, selbst eine Macht (qudret)besäße und aus sich selbst zu allem im
Stande sei.
{Bediüzzaman gibt hier eine so kurz gefasste Zusammenschau der Gesetze, dass ihre Übersetzung mit einem einzigen deutschen Wort unmöglich wird. Wir bringen deshalb hier einen kurzen Kommentar.
1. Kavanin-i itibariye: Unsichtbare, nicht unmittelbar wirksame Naturgesetze, welche den Wissenschaftlern eine Beschreibung des Kosmos ermöglichen. Hierher gehören z.B. die Vermessung der Erde und ihre Längen- und Breitengrade.
2. Scheriat-i fitriye-i kübra: Die sichtbaren, unmittelbar wirksamen Gesetze. Sie werden in der Natur als Naturgesetze wirksam und erweisen sich unter den Menschen z.B. als Gottes Hilfe in Not.
3. Ahkam: Gebote, die Gott den Menschen befohlen hat, z.B. beten, fasten, Almosen geben sowie menschliche Gesetze, z.B. das Strafrecht und das Zivilrecht.
4. Düstur: Unsichtbare, aber sehr wohl wirksame Gesetze. Es sind dies in der Natur die Formeln zur Berechnung in der Mathematik, Physik, Chemie usw., z.B. Formeln zur Berechnung von Zeit, Raum, Materie, Energie usw. Im menschlichen Zusammenleben sind es Grundsätze, Prinzipien und Leitmotive, z.B. alle Menschen sehnen sich nach dem Licht.
5. a) Ilim: Das Wissen Gottes über alle Dinge.
b) Kelam: Das Wort, das Gott an den Menschen richtet, z.B. im Qur'an.
c) Vücud-u ilmi = Der Lehrkörper: Das Wissen, über das die Gelehrten unsichtbar verfügen, weil es für die Außenstehenden nicht sichtbar ist, z.B. die Gesetze des Rechtsgelehrten, die gültig und wirksam, aber nicht offensichtlich sind. (A.d.Ü.)}
Das alles aber bezeugt eine Primitivität des Denkens noch tausendmal simpler als die Primitivität in unserem Beispiel.
Kurzum:
Das Ding, das die Naturalisten "Natur" nennen und das nur in ihrer Vorstellung, aber nicht in der Realität existiert, kann bestenfalls und wenn es eine äußerliche Realität besitzt, nur ein Kunstwerk aber kein Künstler sein. Es ist eine Dekoration, aber nicht der Dekorateur. Es ist ein Rechtsspruch aber kein Richter. Es ist ein Naturgesetz, aber nicht der Gesetzgeber. Es ist ein erschaffenes
Ehrenkleid, aber nicht der Schöpfer. {Gott verhüllt sich hinter Seiner Schöpfung wie hinter einem Schleier. Die Menschen, welche Gott hinter diesem Schleier nicht zu erblicken vermögen und Seine Ehre nicht zu würdigen wissen, werden von Seiner Natur wie von einem Ehrenschild zurückgewiesen. - A.d.Ü.} Es ist ein reagierendes Objekt und kein agierendes Subjekt. Es ist ein Kodex von Gesetzen, nicht seine durchführende Instanz. Es verfügt selbst über keine Macht. Es ist eine Lineatur und nicht das Lineal...
Kurzum:
Da es nun einmal eine Schöpfung gibt und da dies auch schon einmal am Anfang der Sechzehnten Notiz gesagt wurde, kann man sich logischerweise über die vier Wege hinaus keinen weiteren Weg mehr vorstellen, wie all das, was da ist, ins Dasein gelangt sein könne. Von diesen vier Aspekten haben sich drei - jeder von ihnen auf Grund dreier Unmöglichkeiten - mit absoluter Sicherheit als Aberglaube erwiesen. Dadurch ist mit absoluter Sicherheit der Weg der Einheit (vahdet)als der vierte Weg sicherlich zwangsläufig und offensichtlich bewiesen. Was aber den vierten Weg betrifft, so zeigt die Ayah
اَفِى اللّٰهِ شَكٌّ فَاطِرِ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ
{"Gibt es etwa einen Zweifel an Allah dem Schöpfer der Himmel und der Erde?" (Sure 14, 10)}
ohne Zweifel und Verdacht, dass die Persönlichkeit der notwendigen Existenz Gott ist und dass alle Dinge unmittelbar aus Seiner Macht (qudret)hervorgehen und die Himmel und die Erde Ihm zur Verfügung stehen.
Oh du armseliger Mensch, der du deine Zuflucht zu den Ursachen nimmst und die Natur anbetest! Es ist nun einmal jeden Dinges Wesen genauso erschaffen wie das Ding selbst. Es ist ein Werk, das der Künstler erst neu gestaltet hat... Auch sein Ergebnis wurde gebildet gleich wie seine Ursache. Und es bedarf nun einmal zur Schaffung jeden Dinges sehr vieler Geräte und Werkzeuge. Es gibt
also einen absoluten Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq),der diese Natur gemacht und diese Ursache erschaffen hat. Und warum sollte der vollkommene Allmächtige das Bedürfnis haben, solche ohnmächtigen Elemente bei der Erschaffung zu Partnern Seiner Herrschaft zu machen?! Gott behüte! Er hat das Ergebnis unmittelbar zusammen mit der Ursache erschaffen. Er hat diese Anordnung und Reihenfolge in diesem offensichtlichen Kausalitätsverhältnis verfügt, um das Aufscheinen Seiner Namen und Seine Weisheit (hikmet)zu erweisen. Er hat Ursachen und Natur zu einem Schleier vor Seiner Macht gestaltet, damit man sich an diese wenden und bei ihnen nachsuchen könne, wenn in den Dingen offensichtlich unheilvolle Fehler und Mängel auftreten. Auf diese Weise bleibt Seine Würde (izzet)unangetastet.
Ist es für einen Uhrmacher etwa leichter, für eine Uhr Zahnräder zu verfertigen, um sie danach in die Uhr in Reih' und Ordnung einzufügen... oder ist es etwa leichter, in diese Zahnräder eine wundersame Maschine einzubauen und danach die Herstellung dieser Uhr den Händen einer solchen automatischen Maschine zu übergeben, damit sie eine Uhr herstellen solle? Wäre dies etwa nicht außerhalb der Möglichkeiten? Also auf, du, wenn du noch recht und billig zu denken vermagst... sei du der Richter!
Oder es habe ein Schreiber Tinte, Feder und Papier gebracht. Wäre es leichter, wenn er nun selbst dieses Buch schriebe... oder sollte er innerhalb des Papiers, der Tinte, der Feder einzig für dieses eine Buch noch mühsamer eine eigene Schreibmaschine erfinden, noch kunstvoller als dieses Buch, und danach zu dieser Maschine, die kein Bewusstsein hat, sagen: "Los! Nun schreib 'mal!" und sich selbst nicht weiter darum kümmern? Wäre das etwa nicht hundertmal schwieriger als das Schreiben selbst?
Wollte man sagen:
Ja, eine Maschine zu erfinden, die ein Buch schreiben kann, ist hundertmal schwieriger als dieses Buch. Aber wäre es nicht vielleicht doch eine Erleichterung unter dem Aspekt einer Maschine, die von dem gleichen Buch viele Exemplare schreiben kann?
Antwort:
Der urewige Künstler hat in Seiner grenzenlosen Macht in den Dingen ihr eigenes Wesen und Antlitz erschaffen und erneuert jederzeit das Aufscheinen Seiner Namen, um wieder eine andere Form zu zeigen, sodass kein Brief des Unwandelbaren (mektub-u Samed)und kein Buch des Herrn (kitab-i Rabbani)irgendeinem anderen Buche gleich wäre. In jedem Falle wird Er, um wieder andere Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen auch wieder ein anderes Antlitz wählen. Wenn du Augen hast, betrachte das menschliche Antlitz und siehe: Von Adams Zeiten bis heute, ja vielleicht in Ewigkeit steht absolut sicher fest, dass jedes Antlitz in Anbetracht der Antlitze aller jedem Einzelnen gegenüber ein Unterscheidungsmerkmal aufweist und dabei in diesem kleinen Antlitz die Grundelemente übereinstimmen. Deshalb ist jedes einzelne Antlitz ein anderes Buch. Schon die künstlerische Gestaltung erfordert einen unterschiedlichen Schriftsatz, eine andere Gestaltung des Buches, eine andere Abfassung des Textes. Auch um das Material zusammenzubekommen und alles an den rechten Ort zu bringen, als auch um alles für den Körper notwendige richtig einzusetzen, benötigt man ein ganz und gar anderes Atelier.
Nun ja, wir haben einmal den unmöglichen Fall angenommen, die Natur unter dem Aspekt einer Druckerei zu betrachten. Eine solche Druckerei hätte aber außer der Aufgabe, die Texte zu setzen und zu drucken, d.h. in eine gefertigte Gussform zu bringen, auch noch die Aufgabe, die dazu benötigten Bestandteile in dem ihnen eigenen Maße von den Enden der Welt zusammenzubringen, nach einem besonderen System zu verarbeiten und dann dem Druckvorgang anzuvertrauen, wobei die Herstellung des Drucksatzes noch hundertmal schwieriger wäre als die Verarbeitung der Materie für den Körper eines Lebewesens. Für all das aber ist wiederum die Macht (qudret)und der Wille (irade)eines vollkommen Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq)erforderlich, der diese Druckerei erschaffen hat. Das aber heißt, dass die
Annahme einer solchen Druckerei und ihrer Voraussetzungen ein ganz und gar unsinniger Aberglaube ist.
So also hat, wie in diesem Beispiel mit der Uhr und dem Buch, der glorreiche Meister (Sani-i Dhu l-Djelal),der aller Dinge Mächtige (Qadir-i kulli shey),der die Ursachen erschaffen hat, auch das Verursachte erschaffen. Er verbindet in Seiner Weisheit das Verursachte mit den Ursachen. Er bestimmt mit Seinem Willen (irade)die Natur der Dinge, deren Erscheinung nur ein Spiegelbild und eine Reflexion der Gesetze in den Dingen ist, ein Spiegelbild der großen Naturgesetze Gottes, die ein Ausdruck der Werke Gottes im Alltag sind und mit den Geschehnissen im Kosmos im Zusammenhang stehen. Er hat in Seiner Macht den Bauplan für die Natur erfunden, dementsprechend sie ihre äußere Gestalt zeigt und die Dinge dieser Naturanlage entsprechend erschaffen... So hat Er beides (Bauplan und Ausführung) miteinander verbunden... Ja, gibt es denn etwas noch Einfacheres als diese Annahme einer solchen Tatsache, die doch in einem solchen Grade verstandesgemäß und das Ergebnis zahlloser Beweise ist... Ja, ist das denn nicht im Grade einer Notwendigkeit sogar erforderlich?
Wäre es leichter, diese primitiven äußeren Gegebenheiten, ohne Einsicht und Bewusstsein, geschaffen und geprägt wie sie sind, die du als Ursachen und Natur bezeichnest, mit allen für das Zustandekommen eines Dinges notwendigen Geräten und Werkzeugen zu versehen, damit sie selbst ganz alleine mit Umsicht und Weisheit die Dinge verfertigen? Wäre dies nicht bis zum Grade einer Negation außerhalb des Möglichen? Wir überlassen dies deinen unklaren Vorstellungen zur Klärung!
Der Gottesleugner und Naturanbeter sagt:
Da du mich nun schon einmal zu Klarheit und Einsicht einlädst, sage auch ich: ich habe eingesehen, dass ich bis jetzt einen falschen Weg eingeschlagen hatte, der sowohl hundertfach unmöglich war, als auch sehr gefährlich und im äußersten Grade hässlich. Aus Ihren obigen kritischen Betrachtungen wird verständlich für jeden, der auch nur
einen Funken Verstand besitzt, dass es unmöglich und unvorstellbar ist, die Schöpfung den Ursachen und der Natur zuzuschreiben. Und jedes Ding unmittelbar dem Notwendig-Seienden zuzuschreiben, ist notwendig, ja zwangsläufig.
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلٰٓى الْا۪يمَانِ
{"Lobpreis und Dank sei Allah für den Glauben!",}
sage ich und nehme den Glauben an.
Aber ich habe noch einen Zweifel.
Ich akzeptiere es, dass Gott der Gerechte der Schöpfer ist. Aber was schadete es Seiner Königsherrschaft (saltanat-i rububiyet),wenn ein paar winzige Ursachen bei der Erschaffung unbedeutender Dinge beteiligt wären und dabei ein wenig Lob und Preis gewönnen? Würde dies Seinem Königtum (saltanat)Abbruch tun?
Antwort:
Wie wir in einigen Abhandlungen ganz klar bewiesen haben, besteht das besondere der Herrschaft (hâkimiyet)darin, eine Beteiligung an ihr zurückzuweisen. Ja, noch nicht einmal ein unbedeutender Herrscher, ein Beamter, wird eine Beteiligung seines Sohnes an den Herrschaftsaufgaben dulden. Einige fromme Herrscher haben sogar ihre eigenen Kinder umgebracht in dem Verdacht, dass diese sich an ihrer Herrschaft beteiligen wollten; und das obwohl sie sogar Kalifen waren. Dies beweist, wie grundsätzlich das "Gesetz von der Ablehnung einer Teilhaberschaft" an der Herrschaft gilt. Angefangen bei dem Erscheinen zweier Direktoren in einer Provinz bis hin zu dem Auftreten zweier Könige in einem Reich, zeigt es sich, dass "das Gesetz von der Ablehnung einer Teilhabe", welches das Erfordernis der Unabhängigkeit in der Herrschaft ist, seine Macht in der Geschichte der Menschheit durch sehr seltsame Wirren erwiesen hat.
Siehe in welchem Grade diese, wenn auch nur schattenhaften Weisungs- und Herrschaftsbefugnisse unter schwachen und hilfsbedürftigen Menschen jegliche Teilhaberschaft zurückweisen, die Beteiligung anderer ablehnen und eine Partnerschaft in der Herrschaft nicht anerkennen und danach streben, mit einem schrankenlosen Fanatismus ihre Unabhängigkeit im Amt zu bewahren; und wenn du dann vergleichen kannst, in welchem Grade
bei einer vollendeten Herrschaftsbefugnis (hâkimiyet-i mutlaq),bei der Herrschaft Gottes (rububiyet),in welchem Grade bei einer vollendeten Weisungsbefugnis (amiriyet-i mutlaq),der der Erhabenheit Gottes (uluhiyet),in welchem Grade bei einer vollendeten Unabhängigkeit (istighna-yi mutlaq),bei der Einheit Gottes (Ahadiyet),in welchem Grade bei einer vollendeten Autarkie, bei der Allmacht Gottes (qadiriyet-u mutlaq),Ihm, dem Glorreichen (Dhat-i Dhu l-Djelal),diese Ablehnung einer Beteiligung, diese Zurückweisung einer Partnerschaft, diese Abwehr einer Teilhaberschaft, in welchem Grade dies bei einer solchen Herrschaft (hâkimiyet)notwendig, zwangsläufig und unentbehrlich ist, dann vergleiche dies!
Aber es ist noch ein Zweiter Punkt, über den ich im Zweifel bin:
Wollte man den Ursachen, einigen Winzigkeiten etwas göttliche Verehrung (ubudiyet)zuwenden, welchen Mangel erführe dadurch die Anbetung (ubudiyet)des Vollkommenen-Angebeteten (Mabud-u Mutlaq),welcher der Notwendig-Seiende ist und dem die Geschöpfe vom Atom bis hin zu den Planeten dienen?
Antwort:
Der allweise Schöpfer (Khaliq-i Hakiem)des Weltalls hat den Kosmos wie einen Baum erschaffen, dessen vollendetste Frucht die mit Bewusstsein begabten Lebewesen sind. Unter allem aber, was Leben und Bewusstsein trägt, hat Er den Menschen gemacht, als die Frucht, welche alles in sich vereinigt. Und was für den Menschen am wichtigsten, ja sogar der Erschaffung des Menschen Folge, Ziel seiner Natur und Frucht seines Lebens, ist Gott zu danken (shukur),Ihn anzubeten und Ihm zu dienen (ibadet).Wird der absolute Herrscher (Hâkim-i Mutlaq),der unabhängige Befehlshaber und der Eine-Einzige (Vahid-i Ahad),der - um selbst geliebt zu werden und um sich zu erkennen zu geben - das All erschuf, den Menschen, der die Frucht des ganzen Universums ist, und die Dankbarkeit und die Anbetung (shukur ve ibadet),welche die größte Frucht des Menschen ist, dies in die Hände eines anderen geben? Wird Er wohl ganz im Gegensatz zu aller Weisheit das Ergebnis der Erschaffung und die Frucht des Alls zunichte machen? Nein und abermals nein!.. Wird Er damit einverstanden sein und es gestatten, dass der Dienst und
die Anbetung (ibadet)Seiner Geschöpfe anderen dargebracht wird, in einer Weise, die es dahin bringt, Seine Weisheit und Seine Herrschaft (hikmet ve rububiyet)zu verleugnen? Und würde Er, der in Seinen Taten in unendlichem Grade selbst geliebt werden möchte und sich zu erkennen geben möchte, sich selbst in Vergessenheit geraten lassen und all Seine vollkommensten Geschöpfe anderen ihren Dank abstatten und sich den Ursachen gegenüber erkenntlich zeigen und ihnen ihre Liebe und ihre Anbetung darbringen lassen? Oh du mein Freund, der du es nun aufgegeben hast, die Natur anzubeten! Auf nun und sprich!
Und er sagt:
"Elhamdulillah!"Diese meine beiden Zweifel sind nun beseitigt. Du hast zwei so glänzende und starke Beweise für die göttliche Einheit (vahdaniyet-i Ilahiye)vorgelegt und dafür, dass Er in Wahrheit der Angebetete (Mabud-u bil-Haq)ist und keiner außer Ihm der Anbetung würdig ist; das abzustreiten käme einer Verleugnung der Sonne am lichten Tage gleich.
Nachwort
Der Mann, der die atheistische Naturphilosophie aufgegeben hat und zum Glauben gelangt ist, sagt: Elhamdulillah! Ich habe keine Zweifel mehr. Aber es gibt da noch einiges, was ich gerne wissen möchte.
Erste Frage:
Wir hören von vielen, die in ihrer Trägheit das Gebet aufgegeben haben und sagen: Hat Gott der Gerechte unseren Dienst und unsere Anbetung nötig, dass Er diejenigen, welche das Gebet aufgegeben haben, im Qur'an mit großer Macht und mit allem Nachdruck bedrängt und sie mit einer entsetzlichen Strafe wie der Hölle bedroht? Wie passt das zum Qur'an, der doch sonst so maßvoll, geradlinig und gerecht ist, wenn er auf einen winzigen Fehler im privaten Bereich mit solch äußerster Heftigkeit reagiert?
Antwort:
Gewiss, Gott der Gerechte hat deinen Dienst und deine Anbetung nicht nötig. Er braucht gar nichts von dir. Aber es ist für dich selbst vonnöten, zu dienen und anzubeten. Du bist innerlich krank. Denn wir haben bereits in vielen Abhandlungen bewiesen, dass es dieser Dienst ist und die Anbetung, die das Gegengift gegen die Wunden deiner Seele darstellen. Wird etwa ein Kranker, den ein gütiger Arzt dazu drängt, wegen seiner Krankheit eine heilsame Arznei zu trinken, zu dem Arzt sagen: "Hast du es nötig, mich dermaßen zu bedrängen?" Du verstehst, was für ein Unsinn das wäre.
Der Qur'an, der diejenigen, welche ihren Dienst aufgekündigt haben und von der Anbetung abgekommen sind, so fürchterlich bedroht und eine so schreckliche Strafe über sie verhängt, ist einem Könige vergleichbar, der darüber wacht, dass seine Untertanen ihre Pflicht erfüllen und einem aufsässigen Manne eine seiner Verfehlung entsprechende fürchterliche Strafe erteilt, wenn er seine Untertanenpflicht verletzt hat.
In gleicher Weise verletzt ein Mann, der Gott nicht mehr
dient und Ihn nicht mehr anbetet, die Rechte alles dessen, was da ist, bedeutend und tut den Untertanen des Königs von Ewigkeit zu Ewigkeit (Sultan-i Edhel ve Ebed)im übertragenen Sinne ein schweres Unrecht an. Denn die Vollkommenheit allen Seins wird auf dem Antlitz derer sichtbar, die sich ihrem Meister (Sani')zugewandt haben und Ihn rühmen und verehren (tesbih ve ibadet).Diejenigen, welche Ihn nicht verehren und Ihn nicht anbeten, sehen diese Anbetung allen Seins nicht und können sie auch nicht sehen, ja leugnen sie vielleicht sogar. Zu gleicher Zeit verachten sie alles Sein, das Gott rühmt und Ihn preist (ibadet ve tesbih)und so einen hohen Rang einnimmt und deren jedes Einzelne ein Brief des Unwandelbaren (mektub-u Samed)und ein Spiegel der Namen des Herrn ist, indem sie es von seinem hohen Rang herabziehen und es als ohne Bedeutung, ohne Aufgabe, ohne Leben und ohne Ordnung begreifen, es in seiner Vollkommenheit leugnen und verletzen.
In der Tat sieht ein jeder das All gleich einem Spiegel seiner selbst. Gott der Gerechte hat den Menschen als einen Maßstab, als eine Waagschale des Alls geschaffen. Aus dieser Welt heraus hat Er jedem Menschen seine eigene Welt gegeben. Er zeigt ihm die Farbe dieser Welt entsprechend der inneren Einstellung dieses Menschen. Zum Beispiel sieht ein ganz hoffnungslos und traurig weinender Mensch alle Welt in einem Bilde hoffnungslosen Weinens. Ein Mensch aber, der freudig und vergnügt ob der frohen Kunde vollkommen fröhlich lächelt, sieht auch alle Welt fröhlich lachen. Ein Mensch, der in ernstem und tiefem Nachsinnen (mutefekkiran)Gott rühmt (ibadet)und Ihn preist (tesbih),entdeckt auch und sieht gewissermaßen, wie alles, was da ist, Gott eine solche Anbetung und einen solchen Lobpreis darbringt, wie es diesen auch in der Tat und in der Wahrheit gibt...
Ein Mensch aber, der Gott nicht achtet oder Ihn verleugnet und Ihn nicht mehr anbetet, macht sich von allem, was da ist, konträr (mukhalif)und völlig im Gegensatz zu ihrer wahren Natur ein fehlerhaftes Bild und verletzt sie geistiger
Weise in ihren Rechten. Zudem begeht ein solcher, der das Gebet aufgegeben hat, da er nicht Herr seiner Seele ist, ein Unrecht gegenüber seiner eigenen Seele, die ein Diener seines Herrn ist. Dieser ihr Herr droht dem Menschen, der seiner eigenwilligen Seele nachgibt, streng, damit dieser sie in ihre Pflicht nimmt. Zudem gilt die Aufkündigung seines Dienstes und die Unterlassung seiner Anbetung, als des Sinnes der Schöpfung und des Zieles der Natur, auch als eine Auflehnung gegen die göttliche Weisheit (hikmet-i Ilahi)und den Willen des Herrn (meshiet-i Rabbani).Und dafür wird er seine Strafe empfangen.
Zusammenfassung:
Wer das Gebet unterlässt, tut damit seiner eigenen Seele unrecht - der Seele, die ein Diener und Verehrer und Eigentum Gottes des Gerechten ist - und verstößt dabei gleichzeitig gegen die berechtigten Ansprüche des Kosmos. Ja gerade so wie der Unglaube eine Beleidigung gegenüber der Schöpfung ist, so ist auch die Unterlassung des Gebetes eine Leugnung der Vollkommenheit der Schöpfung. Weil sie ein Verstoß gegen die göttliche Weisheit ist, ist sie auch mit einer so fürchterlichen Drohung verknüpft und zieht sie auch eine so strenge Bestrafung nach sich.
Um also diesem Rechtsanspruch und dem oben erwähnten Sachverhalt Ausdruck zu verleihen, wählt der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, auf wunderbare Weise diesen strengen Ausdruck und stimmt so in seiner Aussage voll und ganz mit der Erfordernis der Situation überein, was man als die Wahrhaftigkeit in der Aussageweise (haqiqat-i belaghat)bezeichnet.
Zweite Frage:
Der Mann, der den Naturalismus aufgegeben hat und zum Glauben gelangt ist, sagt:
Es ist eine Tatsache von überwältigender Größe (azim),dass ein jedes Sein in jeglicher Hinsicht, in jeglicher Beziehung, unter allen Umständen und Verhältnissen vom göttlichen Willen (meshiet-i Ilahi)und der Macht ihres Herren (qudret-i Rabbani)abhängig ist. In Anbetracht ihrer gewaltigen Größe (azamet)will uns dies nur
schwer in den Kopf. Wo hingegen diese maß- und grenzenlose Überfülle, die sich vor unseren Augen ausbreitet und diese unbeschränkte Leichtigkeit, mit der sie erschaffen und gestaltet wurde, diese maß- und grenzenlose Leichtigkeit und Simplizität, mit der die Dinge aus der Einheit (vahdet)heraus gestaltet wurden, die sich auf Grund der oben angeführten Beweise bewahrheitet hat, diese maß- und grenzenlose Leichtigkeit, welche mit den Worten des Qur'an:
مَا خَلْقُكُمْ وَلاَ بَعْثُكُمْ اِلاَّ كَنَفْسٍ وَاحِدَةٍ ٭ وَمَآ اَمْرُ السَّاعَةِ اِلاَّ كَلَمْحِ الْبَصَرِ اَوْ هُوَ اَقْرَبُ
{"Eure Erschaffung und eure Auferstehung ist gleich der einer einzigen Seele." (Sure 31, 28) "Es ist aber weder eure Erschaffung noch Eure Auferstehung (schwieriger) als die einer einzigen Seele, und die Angelegenheit der Stunde nicht mehr als ein Augenzwinkern oder noch näher." (Sure 16, 77)}
dargelegt oder ähnlichen Ayat ganz offensichtlich gezeigt wird, diese überwältigende Tatsache zeigt sich in einer durchaus akzeptablen und völlig verständlichen Weise. Was ist das Geheimnis (sirr)dieser Leichtigkeit und die Weisheit (hikmet),die dahinter steht?
Antwort:
In der Erklärung zu: وَهُوَ عَلٰى كُلِّ شَىْءٍ قَدِيرٌ {"Und Er ist aller Dinge mächtig." (Sure 5, 120)} wie sie sich im Zehnten Wort des Zwanzigsten Briefes findet, wird dieses Geheimnis auf eine absolut klare und deutliche und offensichtliche Weise erklärt... Besonders im Anhang zu diesem Brief wird noch weit klarer bewiesen, dass die Erschaffung allen Seins genauso leicht wird, wie die eines einzelnen Dinges, wenn man sie auf den Einzigen Meister (Sanii Vahid)zurückführt. Führt man sie aber nicht auf den Einen-Einzigen, den Gegenwärtigen (Vahid-i Ahad)zurück, dann wird die Gestaltung eines einzigen Dinges genauso schwierig wie die allen Seins und die eines Samenkorns
ebenso kompliziert wie die eines Baumes. Führt man sie aber auf den wahren Meister (Sani-i Haqiqi)zurück, dann wird das All so einfach wie ein Baum, ein Baum wie ein Samenkorn, das Paradies wie ein Frühling und der Frühling wie eine Blume.
Wir verweisen hier nur auf ein, zwei unter Hunderten von Beweisen, die die Quelle der Geheimnisse (sirr)aufzeigen und die Weisheit (hikmet), die hinter ihnen steht. In ihnen wird ganz klar und offensichtlich, mit welcher Leichtigkeit alles Sein so ganz und schnell, wohlgeordnet, wertvoll und kunstvoll gestaltet ins Dasein tritt, dessen grenzenlose Überfülle für jedermann offensichtlich ist. In ihnen findet sich für ein Geringes mit Leichtigkeit von jeder Gattung eine Fülle von Arten. Dies haben wir bereits in anderen Abhandlungen dargelegt. Zum Beispiel:
So wie es hundertmal leichter ist, hundert Soldaten dem Kommando eines einzigen Offiziers zu unterstellen, als einen Soldaten dem Kommando von hundert Offizieren, die Ausrüstung eines Heeres von einem Hauptquartier aus durch ein einheitliches Gesetz zu regeln, von einer einzigen Fabrik aus durch den Befehl eines einzigen Königs ebenso leicht ist, als handelte es sich dabei um einen einzelnen Soldaten... ebenso ist es genauso schwierig, einzelne Soldaten durch verschiedene Hauptquartiere ausstatten zu lassen, ihre Ausstattung verschiedenen Fabriken und verschiedenen Kommandeuren zu überlassen, als handelte es sich dabei um ein ganzes Heer. Denn für die Ausrüstung eines einzelnen Soldaten müssen ebenso viele Fabriken vorhanden sein, wie für ein ganzes Heer notwendig sind.
Desgleichen wird es unter dem Geheimnis der Einheit (sirr-i vahdet)offensichtlich, dass die Lebenssubstanz, die einen Baum aus einer einzigen Wurzel, von einem einzigen Zentrum aus und durch ein einziges Gesetz ernährt, so wie dieser Baum Tausende von Früchten bringt, auch eine einzelne Frucht mit gleicher Leichtigkeit hervorbringt. Geht man aber von einer Vielheit (kethret)aus, statt von der Einheit (vahdet)und käme
die Lebenssubstanz, die für jede Frucht notwendig ist, von verschiedenen Stellen, dann wäre die Schwierigkeit für jede einzelne Frucht dieselbe wie für einen ganzen Baum. Ja, für ein einziges Samenkorn, welches das Urbild eines Baumes in sich enthält, und für sein Programm bestünde die gleiche Problematik wie für einen ganzen Baum. Denn all das, was für das Leben eines einzigen Baumes an Lebensnotwendigem erforderlich ist, ist auch für ein einziges Samenkorn notwendig.
So gibt es also gleich diesem Beispiel noch Hunderte von Beispielen, um zu zeigen, in welch grenzenlosem Maße das Sein tausendfach mit Leichtigkeit aus der Einheit (vahdet)heraus ins Dasein tritt, um wie vieles leichter noch als auch nur ein einziges Ding aus einer Vielheit (shirk)und Mannigfaltigkeit (kethret)heraus. Weil aber diese Tatsache schon in anderen Abhandlungen ebenso klar bewiesen wurde, wie zwei mal zwei vier ist, überlassen wir das diesen und wollen hier nur ein besonders wichtiges Geheimnis (sirr)von dem, was so einfach und leicht ist, unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Bestimmung (qader-i Ilahi),des Wissens (ilim)und der Macht des Herrn (qudret-i Rabbaniye)darlegen. Es ist dies Folgendes:
Du bist und hast ein Sein. Wenn du dieses auf die urewige Macht (Gottes = Qadir-i Edhel)
zurückführst, hat Er dich in einem einzigen Augenblick durch einen Befehl (emir),durch Seine unendliche Allmacht (qudret)aus dem Nichts heraus erschaffen, so wie man ein Streichholz entzündet. Führst du dich aber nicht auf Ihn zurück, schreibst du vielmehr dein Sein den Ursachen der Materie und der Natur zu, dann wird es für dich, der du eine wohlgeordnete Zusammenfassung des Alls und seine Frucht bist, dessen verkleinertes Inhaltsverzeichnis und Liste, notwendig, die materiellen Bestandteile deiner Existenz aus dem All und seinen Elementen herauszusieben, sie mit feinen Instrumenten zu messen und zu wiegen und sie so von den Ecken der Welt her zusammenzubringen, um dich zu gestalten. Denn die materiellen Ursachen können nur sammeln und gestalten. Sie können nicht selber schaffen, was sie nicht
vorfinden, was nicht vorhanden ist, nicht aus dem Nichts bilden. Alle Leute von Verstand werden dies bestätigen. Also müssen sie die Bestandteile für den Körper eines kleinen Lebewesens von den Enden der Welt her zusammenbringen.
So verstehe also nun, wie leicht dies alles für die Einheit Gottes (vahdet ve tauhid)ist und wie schwer für eine Vielheit (shirk)und was für ein irriges Denken (dalalet)!
Zweitens:
Vom wissenschaftlichen Standpunkt (ilim nokta)aus betrachtet ist alles unendlich leicht. Zum Beispiel: "Qader" ist eine Art der Wissenschaft, die für jedes Ding sein Maß und seine ihm eigene unsichtbare Gussform bestimmt. Und dieses durch "Qader" bestimmte Maß gilt für den Körper eines Dinges als sein Plan und sein Typ. Wenn die Macht (qudret)es erschafft (idjad),dann erschafft sie es ganz leicht entsprechend diesem durch "Qader" bestimmten Maß. Wird dieses Ding nicht auf den Glorreichen, Allmächtigen (Qadir-i Dhu l-Djelal)zurückgeführt, der der Herr einer allumfassenden, grenzenlosen und urewigen Wissenschaft ist, dann tauchen - wie wir dies bereits oben erklärt haben - nicht nur tausend Schwierigkeiten, nein, hundert Unmöglichkeiten auf. Denn dann wird es notwendig, von außen her tausende materieller Gussformen im Inneren eines kleinen Tierchens zur Anwendung zu bringen, wenn es ein solches durch (Gottes) "Qader"und Wissen bestimmtes Maß nicht gäbe.
So verstehe also nun das Geheimnis der unendlichen Leichtigkeit in der Einheit (vahdet)und die grenzenlosen Schwierigkeiten im irrigen Denken (dalalet)und in der Vielheit (shirk)und wisse, wie wahrheitsgemäß und hoch und recht die Wahrheit ist, welche in der Ayah:
وَمَآ اَمْرُ السَّاعَةِ اِلاَّ كَلَمْحِ الْبَصَرِ اَوْ هُوَ اَقْرَبُ
{"Es ist aber weder eure Erschaffung noch Eure Auferstehung (schwieriger) als die einer einzigen Seele, und die Angelegenheit der Stunde nicht mehr als ein Augenzwinkern oder noch näher." (Sure 16, 77)}
zum Ausdruck kommt!
Dritte Frage:
Der, welcher früher ein Feind war, jetzt aber sich bekehrt hat und ein Freund geworden ist, spricht: Die besonders fortschrittlichen unter den Philosophen unserer Tage sagen: "Aus dem Nichts kann nichts entstehen; und nichts kann verloren gehen. Was den Betrieb im Weltall aufrechterhält, ist nichts anderes als nur Synthese und Analyse."
Antwort:
Die modernsten unter den Philosophen, welche das Sein nicht im Lichte des Qur'an betrachten, sind in ihrer Betrachtungsweise dahin gelangt, einzusehen, dass die Entstehung und Gestaltung des Seins aus der Natur und aus den Ursachen heraus - so wie wir das bereits oben nachgewiesen haben - bis zur Unmöglichkeit schwierig ist und haben sich nun in zwei Gruppen gespalten.
Die erste Gruppe bilden die Nihilisten (Sofest),
welche von der Vernunft abgerückt sind, die eine Besonderheit des Menschen darstellt. Sie sind damit noch tiefer gesunken als die unvernünftigen Tiere. Sie leugnen die Existenz des Alls. Ja, sie leugnen sogar ihre eigene Existenz... Im Wege ihres Irrtums halten sie es für erheblich leichter, sowohl sich selbst als auch das All zu leugnen, als Ursachen und Natur zum Herrn der Schöpfung anzunehmen. Sie sind der absoluten Unwissenheit (djehil-i mutlaq)verfallen.
Die zweite wird von der Gesellschaft derer gebildet, welche eingesehen haben, welch grenzenlose Schwierigkeiten es mit sich bringt, wenn man irriger Weise von dem Standpunkt ausgeht, dass Ursachen und Natur als Schöpfer eine Mücke oder ein Samenkorn hervorgebracht hätten. Denn das setzte eine Fähigkeit (iktidar)
voraus, die außerhalb der Bandbreite menschlichen Verstandes liegt. Deshalb leugnen sie zwangsläufig die Schöpfung und sagen: "Es kann nichts aus dem Nichts entstehen" und halten auch den Untergang für unmöglich, indem sie urteilen: "Was einmal da ist, kann nicht wieder verschwinden."
Sie setzen eine Situation voraus und stellen sich vor, es handele sich in allem nur um eine Bewegung von Atomen, die - vom Winde des Zufalls umhergetrieben - Analyse und Synthese (Auflösung und Wiedervereinigung) zu Stande brächten... So komm also nun und betrachte dir diese Leute auf der untersten Stufe der Unwissenheit und der Dummheit, die sich selbst doch für äußerst intelligent halten! Wisse, wie sehr ein solcher Irrealismus den Menschen zum Narren, zum Lumpen und zum Agnostiker werden lässt und ziehe daraus deine Lehre!
Es ist doch wohl eine noch größere Unwissenheit und Dummheit, die urewige Macht (qudret-i edhel),die jedes Jahr gleichzeitig vierhunderttausend Arten auf der Erdoberfläche hervorbringt, welche die Himmel und die Erde in sechs Tagen geschaffen hat und in jedem Frühling in sechs Wochen eine neue Welt voll Leben hervorbringt, noch kunstvoller gestaltet als das All und mit noch größerer Weisheit (hikmet)erfüllt und im Rahmen eines urewigen Wissens (ilm-i edhel)nach einem vorgegebenen Maß und Plan allem, was da erst noch im Projektionsstadium vorhanden ist und noch nicht Gestalt angenommen hat, ganz leicht eine nach außen sichtbare Gestalt verleiht, so wie man z.B. eine Chemikalie auf ein Schriftstück aufträgt, das mit einem für das Auge unsichtbaren Mittel niedergeschrieben wurde, um es sichtbar zu machen; diese urewige Macht für ferne zu halten und ihr Wirken zu leugnen ist doch wohl noch dümmer als der Nihilismus der zuvor erwähnten Gesellschaft.
Diese Unglückseligen, die in ihrer absoluten Machtlosigkeit (adjz-i mutlaq)nichts anderes in Händen halten als ihr kleines Stückchen Selbstbestimmung, vermögen auch in ihrem Pharaonenstolz kein Ding null und nichtig werden zu lassen und kein Stäubchen Materie aus dem Nicht-da- und Nicht-vorhanden-sein hervorzubringen und weil es nicht in der Hand der Natur und der Ursachen liegt, in die sie ihr Vertrauen setzen, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, sagen sie in ihrem Unverstand: "Was nicht ist, kann
auch nicht werden; und was schon vorhanden ist, kann unmöglich wieder zunichte werden." Diesen irrigen fehlerhaften Grundsatz wollen sie auch auf den Vollkommenen-Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq)anwenden.
Ja, der Glorreiche, Allmächtige (Qadir-i Dhu l-Djelal)erschafft die Dinge in zweifacher Weise:
Erstens, durch Hervorbringung, Neuerschaffung (ibda').Das heißt, Er gibt das Sein aus dem Nichts, dem Nichtvorhandensein und stellt ihm auch alles notwendige zur Verfügung, indem Er es aus dem Nichts erschafft. Zum anderen bildet und gestaltet Er neu. Das heißt, um die Vollkommenheit Seiner Weisheit und die Erscheinung vieler Seiner Namen aufzuzeigen und um der Tiefe Seiner Weisheit willen, erbaut Er einen Teil von allem Sein aus den Elementen des Kosmos. Er schickt ihnen durch das Gesetz der Fürsorge die Atome und die Zellen, die Seinem Befehle gehorchen und lässt diese in ihnen wirken. Ja, der Vollkommen-Allmächtige (Qadir-i Mutlaq)erschafft die Dinge auf diese beiden Arten, nämlich die Form der Neuschöpfung (ibda')einerseits und die der Neugestaltung (insha)andererseits. Die Dinge vom Noch-vorhanden-sein ins Nicht-mehr-vorhanden- sein und vom Nicht-Sein ins Da-Sein zu rufen, ist vollkommen leicht, ist ganz und gar einfach, ja sogar ein immerwährendes und allgemein gültiges Gesetz.
Ein Mann, der angesichts dieser Macht, die im Frühling dreihunderttausend Arten lebender Geschöpfe Form und Gestalt, ja außer ihren Elementen auch noch alle ihre Modalitäten (keyfiyat)und Konditionen (ahval)aus dem Nichts heraus zu verleihen vermag, noch sagt: "Es kann nichts aus dem Nichts entstehen", müsste ja selbst ein "Nichts" sein!..
Der Mensch, der den Naturalismus aufgegeben hat und zur Wahrheit gelangt ist, spricht nun: Gott dem Gerechten sei mein Lob, Preis und Dank zahllos wie der Sand des Meeres! Ich habe den vollkommenen Glauben erlangt. Ich wurde vor Zweifel und Irrtum errettet und keine Unsicherheit mehr ist in mir zurückgeblieben.
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى دِينِ الْاِسْلاَمِ وَ كَمَا لِ الْاِيمَانِ
{"Lobpreis und Dank sei Allah für die Religion des Islam und die Vollendung im Glauben!"}
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Dank sei Allah für die Religion des Islam und einem vollkommenen Glauben. Gepriesen seist Du! Kein Wissen besitzen wir, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Vierundzwanzigster Blitz
Eine Abhandlung über die Verhüllung der Frauen
Obwohl diese Abhandlung als Zweite und Dritte Problemstellung in der Fünfzehnten Notiz aufgeführt worden war, erscheint sie nun auf Grund ihrer Bedeutsamkeit als "Vierundzwanzigster Blitz".
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ يَآ اَيُّهَا النَّبِيُّ قُلْ ِلاَزْوَاجِكَ وَبَنَاتِكَ وَنِسَآءِ الْمُؤْمِنِينَ يُدْنيِنَ عَلَيْهِنَّ مِنْ جَلاَبِيبِهِنَّ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Oh Prophet, sage zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie sich mit ihrem Überwurf verhüllen sollen." (Sure 33, 59)}
In dieser Ayah wird die Verhüllung befohlen. Die heutige Zivilisation setzt sich in ihrer Unmoral über diese Bestimmung des Qur'an hinweg. Sie sieht die Verhüllung der Frauen als nicht natürlich (fitri)an, sondern bezeichnet sie als eine Gefangenschaft.
{(*): Ein Abschnitt aus der Verteidigungsschrift vor dem Revisionsgericht, welche das Gericht zum Schweigen brachte. "Ich halte jedoch der Versammlung des Gerichtshofes entgegen: Die Gerechtigkeit, falls es diese auf Erden gibt, wird sicher einen ungerechten Gerichtsbeschluss, durch den ein Mann verurteilt wurde, weil dieser das Gesetz Gottes, das in 1350 Jahren und in jedem Jahrhundert mindestens 350 Millionen Menschen in ihrem gesellschaftlichen Leben über alles heilig war und sich unter ihnen als wahr und wirksam erwiesen hat, das von 350 tausend Kommentaren zum Qur'an bestätigt und durch deren Übereinstimmung bekräftigt wurde und von welchem unsere Väter seit 1350 Jahren fest überzeugt waren, kommentiert hat, wieder aufheben und diesen Gerichtsbeschluss revidieren."}
Antwort:
Es gibt sehr viele Weisheiten, die darauf hinweisen, dass diese Bestimmung des Weisen Qur'an genau dem Wesen (fitri)der Frau entspricht und dessen Gegenteil unnatürlich ist. Wir wollen hier nur vier von diesen vielen Weisheiten erklären.
Erste Weisheit:
Die Verhüllung ist für die Frau natürlich (fitri)und ein Erfordernis ihres Geistes (fitrat).Denn, weil die Frauen von Natur aus schwach und zart sind, brauchen sie Schutz und Hilfe durch einen Mann, der sie und ihre Kinder, die sie mehr als ihr Leben lieben, zu schätzen vermag. Deshalb haben sie ein seelisches Bedürfnis danach, geliebt und nicht verabscheut oder zurückgewiesen zu werden. Überdies sind sechs oder sieben von zehn Frauen schon alt oder von geringerer Schönheit, und so wollen sie nicht vor allen Leuten ihr Alter und ihren Mangel an Schönheit zeigen. Oder sie sind eifersüchtig und wollen nicht hässlicher sein als andere Frauen. Auch fürchten sie sich davor, vergewaltigt zu werden, vor Anschuldigungen und Verdächtigungen. Um nicht einem Angriff ausgesetzt zu sein und weil sie nicht so von ihren Männern betrachtet werden wollen, als seien sie der Untreue verdächtig, verlangen sie ihrem Wesen (fitrat)gemäß nach der Verhüllung. Andererseits sind es, wenn man es recht bedenkt, auch gerade die alten Frauen, die sich verhüllen. Unter zehn Frauen finden sich vielleicht zwei oder drei, die sowohl jung als auch schön sind und die sich nicht schämen, sich unverhüllt zu zeigen. Wir wissen ja, dass ein Mensch, der einen anderen nicht liebt und ihn lästig findet, sich schon von dessen Blick unangenehm berührt und betroffen fühlt. So ist eine schöne Frau, die sich offen und freizügig kleidet, sicherlich nur über die Blicke von zwei oder drei unter zehn fremden Männern erfreut, während die Blicke von sieben oder acht sie belästigen.
Überdies ist eine schöne Frau, insoweit sie nicht schamlos und verkommen ist, von feiner Wesensart und leicht verletzlich. Praxis und Erfahrung bestätigen, dass sie sich ganz bestimmt allein durch bodenlos schamlose Blicke schon bedroht fühlt. Ja wir hören sogar, dass in Europa, also Ländern, wo doch recht viele solcher ziemlich freizügig gekleideter Frauen leben, auch diese sich durch aufdringliche Blicke bedroht fühlen. "Diese Schufte nageln uns mit ihren Blicken fest.", beschwerten sie sich der Polizei gegenüber. Das heißt also, dass die Aufhebung der Verhüllung durch die heutige Zivilisation unnatürlich und wesensfremd (khilaf-i fitrat)ist. Dagegen aber ist die Qur'anische Anweisung zur Verschleierung natur und wesensgemäß (fitri).Solche Frauen sind einer Goldgrube an Zuneigung (shefqat)gleich und eine kostbare Gefährtin auf ewig. Durch die Verhüllung werden sie vor Sündenfall und Schande, innerlicher (manevi)Gefangenschaft und äußerlichem Elend bewahrt.
Auch haben die Frauen von ihrer Gesittung her Furcht vor fremden Männern und sind ihnen gegenüber misstrauisch. Was aber die Furcht betrifft, so macht sie die Verhüllung geradezu wesensmäßig notwendig. Denn acht, neun Minuten Genuss bedeuten in Wahrheit tiefe Bitterkeit (für sie), nämlich acht, neun Monate unter schweren Mühen ein Kind zu tragen und weiter, ohne einen Beschützer ein Kind acht, neun Jahre aufzuziehen. So besteht die Möglichkeit, dass acht oder zehn Minuten (von Gott) verbotenen Genusses zur Mühsal werden. Und weil es auch meistens so geschieht, darum hat sie auch wirklich große Angst vor den fremden Männern und möchte sich ihre (eigene) Natur (fitrat)(und Moral) bewahren. Doch durch die Verhüllung ist für die fremden Männer eine Verlockung nicht gegeben und für Ausschreitungen kein Platz. Sie wird durch eine wesensgemäße Schwäche anbefohlen, ja sogar gefordert. So erweist sie sich als ein Schutzwall und eine Festung. Denn nach dem, was man mir erzählte, soll da doch tatsächlich ein ganz einfacher
Schuhputzer am helllichten Tage und vor den Augen der Leute mitten in einer Stadt, ja sogar der Hauptstadt des Landes, die Frau eines weltbekannten großen Mannes, ihrer unverhüllten Beine zufolge, belästigt haben. Das versetzt doch denen, die gegen die Verhüllung sind, einen Schlag ins schamlose Antlitz!
Zweite Weisheit:
Diese so grundsätzliche und derart intensive Beziehung, diese Liebe und Verbundenheit zwischen Mann und Frau erwächst nicht nur aus einem Bedürfnis dieses irdischen Lebens. In der Tat ist eine Frau nicht nur Lebensgefährtin ihres Mannes, als seine Gattin ihm zugehörig für dieses irdische Leben. Sie ist vielmehr auch seine Lebensgefährtin im ewigen Leben. Da sie aber nun einmal auch im ewigen Leben als seine Gattin die Gefährtin ihres Mannes ist, ist es selbstverständlich notwendig, dass sie außer den Blicken ihres Mannes, welcher für ewig ihr Freund und Partner ist, nicht noch die Blicke eines anderen auf ihre Schönheit lenkt und ihn dadurch verärgert und eifersüchtig macht. Wenn ihr Gatte noch dazu ein Gläubiger (mu'min)ist, bleibt im Geheimnis des Glaubens seine Verbindung mit ihr nicht nur auf dieses irdische Leben beschränkt, ist nicht nur ein Trieb und eine Zuneigung, bestimmt für die Tage der Schönheit, sie ist vielmehr eine Verbindung für das Ewige Leben vom Standpunkt einer wesensgemäßen Lebensgemeinschaft in tiefer Liebe und Verehrung. Außerdem bringt er ihr diese tiefe Liebe (muhabbet)und Verehrung (hurmet)nicht nur während der Dauer ihrer Jugend und Schönheit, sondern auch in der Zeit ihres Alters entgegen, wenn sie schon verblüht ist. Sicherlich ist es ein Erfordernis der Menschlichkeit, dass auch sie ihre eigene Schönheit dementsprechend nur für seine Blicke bestimmt (ihtiyar)und ihre Liebe (muhabbet)und Zuneigung (hurmet)auf ihn beschränkt. Anderenfalls kann sie sehr wenig gewinnen, jedoch sehr viel verlieren.
Nach islamischem Recht soll ein Mann seiner Frau gleichwertig sein. Mit anderen Worten, sie müssen auf einander abgestimmt sein. Diese wechselseitige Gleichwertigkeit
und Ausgewogenheit findet ihren entscheidenden Angelpunkt in der Religion.
Selig der Mann, der auf den Glauben seiner Frau Acht gibt und ihr in ihrer Frömmigkeit nacheifert! Er wird, um seine Gattin im ewigen Leben nicht zu verlieren, fromm werden. Selig die Frau, die auf den Glauben ihres Mannes Acht gibt, "Ich will meinen Ewigen Gefährten nicht verlieren." sagt und aufrichtig (fromm) wird. Wehe über jenen Mann, der einen liederlichen Lebenswandel führt, wodurch er seine aufrecht gläubige Ehefrau für ewig verliert. Wie unglücklich ist doch jene Frau, die ihrem frommen Mann nicht nacheifert und so jenen lieben (und gesegneten) Ewigen Gefährten verliert. Tausendmal wehe über jene beiden unglückseligen, Mann und Frau, die in Sünde und Ausschweifung einander nacheifern, Sie helfen sich gegenseitig, einander ins Feuer zu werfen.
Dritte Weisheit:
Das Glück im Leben einer Familie kann nur in wechselseitigem Vertrauen (emniyet)zwischen Mann und Frau, in aufrichtigen Respekt (hurmet)vor- und inniger Liebe (muhabbet)zueinander fortdauern. Die Aufhebung der Verhüllung und eine nicht ausreichende Bekleidung zerstört dieses Vertrauensverhältnis, der gegenseitige Respekt geht verloren und die Liebe zueinander zerbricht. Denn unter zehn Frauen, die sich freizügig kleiden, findet sich nur eine, die sich etwa nicht darum bemühte, sich bei Fremden beliebt zu machen, die sie nicht für schöner als den eigenen Gatten hielte neun halten sie für besser als ihren Gatten, und nur einen unter zwanzig Männern, der keine andere Frau schöner hielte als seine eigene. Im gleichen Augenblick aber ist schon der Grund dafür gelegt, dass sich mit dem Entschwinden dieser innigen Liebe und der gegenseitigen Hochachtung (hurmet)voreinander ein äußerst hässliches und ebenso niedriges Gefühl entwickelt. Das geschieht folgendermaßen:
Ein Mensch bringt von seinem Wesen her Mitgliedern seiner Familie (mahrem),z.B. seiner Schwester, keine erotischen Gefühle entgegen. Denn da die Erscheinung von Familienmitgliedern
auf Grund der verwandtschaftlichen und häuslichen Beziehungen legitime Gefühle der Liebe und Zärtlichkeit (shefqat ve muhabbet)erweckt, ertötet sie zugleich persönliche Gelüste und Neigungen. Doch kann es auch bei Menschen mit niederer Gesinnung zur Erregung besonders hässlicher Gefühle führen, wenn die Beine und andere Körperstellen, die man nach dem Gesetz noch nicht einmal vor den eigenen Familienmitgliedern zeigen darf, offen und unbedeckt lässt. Denn die Erscheinung eines Familienmitglieds gibt Kunde von ihrer Zugehörigkeit zur Familiengemeinschaft und ähnelt nicht einer fremden Frau. Doch ein nacktes Bein gleicht einem von außerhalb der Familie. Wo es aber keine Unterscheidungsmerkmale gibt, welche von dieser Zugehörigkeit zur Familiengemeinschaft Kunde geben, kann dies bei einigen Familienmitgliedern mit niederer Gesittung Blicke animalischer Lüsternheit hervorrufen. Doch ein solcher Blick bedeutet einen haarsträubenden Verfall menschlicher Gesittung.
Vierte Weisheit:
Bekanntermaßen ist es ganz allgemein von Interesse, das eigene Geschlecht fortzusetzen. Es gibt keine Nation und keine Regierung, die nicht den Fortbestand ihres Volkes befürworten würde. Auch Allahs erhabener Botschafter (Friede und Segen sei mit ihm) hat sinngemäß das Folgende verfügt:
تَنَاكَحُوا تَكَاثَرُوا فَاِنِّىٓ اُبَاهِى بِكُمُ الْاُمَمَ
{"Verheiratet Euch miteinander und vermehret Euch. Ich werde am Jüngsten Tage stolz sein auf Eure große Zahl."}
Doch die Aufhebung der Verhüllung fördert die Zahl der Eheschließungen nicht, sondern vermindert sie beträchtlich. Denn ein junger Mann, der zeitgemäß lebt, selbst wenn er noch so freie Ansichten vertritt, möchte, eine (anständige und) unbescholtene Lebensgefährtin haben. Weil er aber nicht will, dass sie seine, der Zeit entsprechende Lebensweise und seine modernen Ansichten teilt, d.h. offen und freizügig gekleidet geht, so bleibt er Junggeselle.
Ja vielleicht verfällt er sogar einem unzüchtigen Lebenswandel. Doch bei einer Frau ist dies nicht so. Sie kann über ihren Mann nicht in diesem Maße verfügen. Denn eine Frau, die innerhalb ihres familiären Reiches, als die Innenministerin, einer Beamtin gleicht, die das gesamte Eigentum ihres Mannes, seine Kinder und alles schützt und bewahrt, was ihm gehört, ist in ihrem eigentlichen Wesen Ergebenheit (sadaqat)und Zuverlässigkeit (emniyet).Offenheit und Freizügigkeit tut dieser Ergebenheit (sadaqat)Abbruch. Damit schwindet in den Augen ihres Mannes ihre Zuverlässigkeit (emniyet)und bereitet ihm somit innere (vidjdan)Unruhe und Qual. Ja sogar Mut und Freigiebigkeit, die bei den Männern als zwei Tugenden angesehen werden, werden bei den Frauen zu deren Untugenden gezählt, weil das der Zuverlässigkeit (emniyet)und Ergebenheit (sadaqat)schadet. Aber es ist nicht die Aufgabe des Mannes, seiner Frau als Kämmerer zu dienen und ihr seine Ergebenheit (sadaqat)zu bezeigen, sondern vielmehr sie zu beschützen (himayet),sie lieben (merhamet)und zu verehren (hurmet).Darum ist es für sie unmöglich, über ihren Mann zu verfügen und ihn zu beherrschen. Doch kann er mit anderen Frauen die Ehe eingehen (unter den selben, oben angeführten Bedingungen - A.d.Ü.)!
Unser Land kann nicht nach europäischen Verhältnissen beurteilt werden. Denn dort konnte die Ehre nur durch ziemlich drastische Methoden wie z.B. das Duell bis zu einem gewissen Grade geschützt werden. Wenn jemand die Frau eines Mannes von Ehre mit einem abschätzigen Blick betrachtete, musste er praktisch schon "Totenhemd angezogen" haben. Zudem sind die Menschen in Europa, in den Ländern mit kaltem Klima, von Natur aus kalt wie das Klima dort. Hier bei uns in Asien, diesem Kontinent der islamischen Welt nämlich, haben die Länder ein verhältnismäßig heißes Klima. Es ist ja bekannt, dass geographische und klimatische Verhältnisse ihre Wirkung auf den Charakter des Menschen haben. In diesem kalten Land unter diesen kühlen Menschen könnte eine offene und freizügige Kleidung, welche sonst eine
animalische Lüsternheit zu erregen vermag, vielleicht nicht so viel Missbrauch und Kraftvergeudung verursachen. Doch offene und freizügige Kleidung, welche den menschlichen Leidenschaften der in heißen Ländern so hochempfindlichen und leicht erregbaren Menschen immer wieder in Aufregung zu versetzen vermag, ist mit Sicherheit eine Ursache für öfteren Missbrauch, Kraftvergeudung und Schwächung der Potenz. So glaubt man, an Stelle eines natürlichen Bedürfnisses einmal im Monat oder in zwanzig Tagen alle paar Tage seine Kraft wieder vergeuden zu müssen. In diesem Falle neigt der Mann, der sich in jedem Monat bis zu fünf, zehn Tagen wegen der Menstruation einer Frau oder anderer Hinderungsgründe von ihr fern halten muss und wenn er sich selbst nicht beherrschen kann, dazu, Schamloses zu tun.
Stadtbewohnerinnen sollen hinsichtlich der Dorfbewohnerinnen und Landfrauen die Verhüllung nicht aufgeben. Denn im Dorf und bei den Leuten auf dem Lande, die wegen ihrer Anstrengungen um den Lebensunterhalt und ihrer körperlichen Arbeit erschöpft sind, und wenn eine unbefangene Arbeiterin oder eine nahezu plumpe Frau, die im Vergleich mit Stadtbewohnerinnen, den aufmerksamen Blick weniger auf sich ziehen, zum Teil unverhüllt sind, erregt dies die fleischlichen Gelüste nicht in gleichem Maße und außerdem finden sich dort selten Männer, die freizügig und Müßiggänger sind. Deswegen trifft man unter ihnen kaum ein Zehntel der Verderbnis und des Sittenverfalls wie in der Stadt. Deshalb also kann man sie nicht so betrachten wie unter gleichen Verhältnissen.
* * *
بِاسْمِهِ سُبْحَانَهُ
{"lm Namen dessen, der gepriesen sei."}
Ein Gespräch mit den Frauen, die meine Schwestern im Glauben sind.
Da ich in einigen Städten das aufrichtige und brennende Interesse der Frauen an der Risale-i Nur bemerkt hatte und erkannte, dass sie sich mit meinen Lektionen aus der Risale-i Nur vertraut machten mehr als ich geglaubt hatte, bin ich zum dritten Mal nach Isparta in die Schule gekommen, welche seit langem den Geist der geplanten Universität "Medresetu-z'Zehra" vertritt und habe dort gehört, dass die Frauen, meine gesegneten Schwestern im Glauben, von mir Unterricht erwarteten. Ich sollte ihnen in den Moscheen Unterricht, in der Form einer Predigt erteilen. Aber ich bin in vier-, fünffacher Hinsicht krank und siech, ja sogar kaum in der Lage zu sprechen und zu denken. Doch diese Nacht stieg deutlich die Mahnung in meinem Herzen auf: Nachdem du nun einmal vor fünfzehn Jahren nach dem Wunsch der Jugend den "Wegweiser für die Jugend" verfasstest und sie sehr großen Nutzen aus ihm gezogen haben, brauchen auch die Frauen mehr noch als die Jugend in heutiger Zeit einen solchen Wegweiser. Nun will ich auch selbst dieser Ermahnung folgen und trotz meiner Krankheit, Schwäche und Hilflosigkeit, einige wichtige Dinge ganz kurz in "Drei Anmerkungen" zusammenfassen und sie für meine Schwestern und gesegneten geistigen Töchtern erklären.
Erste Anmerkung:
Einer der wichtigsten Grundsätze in der Risale-i Nur wird mit selbstloser Liebe (shefqat)bezeichnet. Da Frauen die Trägerinnen der selbstlosen Liebe sind und diese natürlicherweise (fitrat)verkörpern, stehen sie der Risale-i Nur besonders nahe. Allah sei Dank (lillahilhamd)dafür, dass man
diese natürliche (fitri)Nähe in vielen Orten verspürt. Da die Opferbereitschaft, die aus selbstloser Liebe entspringt, aufrichtige Wahrhaftigkeit (haqiqi bir ikhlas)umfasst und zugleich auch einen Verzicht auf jede Gegenleistung bedeutet, ist sie jetzt in dieser Zeit von besonders großer Wichtigkeit.
Die Tatsache, dass eine Mutter ihr Leben opfert, um ihr Kind vor einer Gefahr zu retten, ohne irgendwelchen Lohn zu erwarten und sich in wahrhaftiger Aufrichtigkeit (haqiqi bir ikhlas)für ihr Kind hingibt, wie es natürlicher Weise ihre Aufgabe (vazife-i fitri)ist, zeigt, dass eine solch hohe Opferbereitschaft im Wesen der Frau liegt. So wird die Frau durch die Entwicklung dieser ihrer Opferbereitschaft sowohl frei werden für ihr irdisches Leben, als auch ihr ewiges Leben retten. Aber durch schlechte Einflüsse kann sich diese Stärke nicht entfalten und diese wertvollen Charakteranlagen können sich nicht entwickeln, sondern sogar missbraucht werden. Dafür ist ein kleines, unter hundert Beispielen das Folgende:
Eine Mutter in ihrer selbstlosen Liebe (shefqat)wagt in ihrer Opferbereitschaft alles, damit ihr Kind im weltlichen Leben in keine Gefahr gerät und erzieht ihr Kind dementsprechend. "Mein Kind soll einmal General werden.", sagt sie und opfert dafür ihr ganzes Eigentum, nimmt es von der Qur'an-Schule, schickt es nach Europa. Aber sie denkt nicht daran, dass das ewige Leben dieses Kindes in Gefahr gerät und bemüht sich stattdessen, es vor dem Gefängnis dieser Welt zu retten. Dabei zieht sie nicht in Betracht, dass es ins Gefängnis der Hölle fällt. So bewirkt sie, dass ganz im Gegensatz zu der Liebe, die ihrem Wesen (fitri shefqat)entspricht, ihr unschuldiges Kind, später im Jenseits zu ihrem Ankläger statt zu ihrem Fürbitter wird. "Warum hast du mich nicht in meinem Glauben bestärkt?" sagt es dann, "und so den Grund zu meiner Verdammnis gelegt." und es wird sie anklagen. Da es eine islamische Erziehung, in ihrer ganzen Bedeutung, nicht genossen hat, kann es auch der wunderbaren Liebe (shefqat)seiner Mutter nicht mit gebührender Pflichterfüllung entgegnen, sondern verstößt
vielmehr häufig dagegen. Wenn aber die Mutter in ihrer naturgegebenen Liebe keinen Missbrauch treibt, sondern sich im Geheimnis dieser Liebe darum bemüht, ihr bedauernswertes Kind vor der Hölle, die ewige Gefangenschaft bedeutet, zu retten und vor dem Irrtum zu bewahren, Sterben bedeute für ewig verloren zu sein, so wird ihr der Gegenwert aller guten Werke (hassenat)ihres Kindes auf das Konto ihrer eigenen guten Werke überwiesen werden und seine guten Werke werden nach dem Tode alle Zeit auch für ihre Seele Licht ausstrahlen. So wird es ihr im Jenseits nicht Ankläger, sondern mit all seinem Geist und Leben ihr Fürsprecher sein und ihr für ein ewiges Leben als Kind zum Segen gereichen.
In der Tat ist die Mutter des Menschen allererste Lehrerin (ustad ve muallim)und übt auf ihn den nachhaltigsten Einfluss aus. Diese Tatsache möchte ich, mit der Sicherheit und Überzeugung, mit der ich sie immer wieder empfinde, durch die nachfolgende Erklärung noch unterstreichen:
Obwohl ich in den achtzig Jahren meines Lebens von achtzigtausend Personen Unterricht empfangen habe, schwöre ich doch, dass der Unterricht, den ich von meiner Mutter selig so grundlegend und so unerschütterlich und so immer wieder frisch erhalten habe, dass diese Stunden in meinem Geist Samenkörnern gleich ihre Wurzeln geschlagen haben und mir gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wie die übrigen Lektionen über diesen Samenkörnern gleichsam ihr Gebäude errichtet haben, sehe ich geradezu leibhaftig vor mir. Das heißt, dass die Dinge, die meine verstorbene Mutter mich in meinem ersten Lebensjahre lehrte und der Einfluss, den sie damit auf meine Natur (fitrat)und meinen Geist nahm, wie ich bezeugen kann, zu den grundlegenden Samenkörnern innerhalb der großen Wahrheiten wurden, die ich heute mit meinen achtzig Jahren erkenne.
Kurzum:
Ich weiß mit Sicherheit, dass meine Seele auf meinem Wege den wichtigsten von vier mir wesensgemäßen Grundsätzen, nämlich den der Liebe (shefqat),und auch
die größte Wahrheit in der Risale-i Nur, nämlich Mitleid und Erbarmen (merhamet)aus dem liebevollen Sein und Tun und den Belehrungen meiner Mutter empfing. In der Tat wird eine falsche Sinngebung der Liebe (shefqat),welche allen Müttern eigen ist und welche mit wahrhaftiger Aufrichtigkeit (haqiqi ikhlas)eine wahrhafte Opferbereitschaft in sich trägt, wenn sie dazu führt, nicht an das Jenseits zu denken, das einem diamantenen Schatz dieses unschuldigen Kindes gleicht, sondern das Antlitz ihres bedauernswerten Kindes nach dieser Welt zu drehen, die doch wertlosen Glasscherben gleicht, und ihm auf diese Weise ihre Liebe zu bezeigen, eine solche Liebe wird missbräuchlich genannt.
Wir sehen in der Tat, dass Mutterliebe (shefqat)eine Frau dazu befähigt, für ihren Heldenmut nicht Lohn zu verlangen, noch einen Gegenwert zu erwarten oder persönlichen Vorteil und dazu bereit zu sein, ihr Leben zu opfern, ohne sich dabei zur Schau stellen zu wollen. Für eine solche Mutterliebe finden wir ein ganz kleines Beispiel in der Henne, die bereit ihr Leben zu opfern, einen Löwen anspringt, um ihr Junges zu retten.
Was heute einer islamischen Erziehung und guten Werken (a'mal-i ukhreviye)als das Wertvollste und das Notwendigste zu Grunde liegt, ist die Aufrichtigkeit (ikhlas).Opferbereitschaft (kahramanlik),die aus einer wahrhaftigen Aufrichtigkeit (haqiqi bir ikhlas)erwächst, findet man in einer derartigen selbstlosen Liebe (shefqat).Wenn sich beide Eigenschaften (Opferbereitschaft und Aufrichtigkeit) bei diesen gesegneten Frauen zu entfalten beginnen, so bilden sie den Nährboden für das ganz große Glück in der islamischen Welt. Dementgegen kann der Heldenmut der Männer ohne Gegenleistung nicht sein, vielmehr verlangen sie in hundertfacher Hinsicht eine Gegenleistung. Zum mindesten erwarten sie dafür Ruhm und Ansehen (shan u sheref).Doch bedauerlicherweise verfallen auch die hilflosen Frauen aus Armseligkeit und Schwäche auf ihre Art dieser Zurschaustellung (riya),um sich vor der Bosheit und Schlechtigkeit und der Gewalttätigkeit ihrer Männer zu schützen.
Zweite Anmerkung:
Während ich in diesem Jahr ein Einsiedlerleben führte, mich also vom gesellschaftlichen Leben zurückgezogen hatte, habe ich auf Wunsch einiger Brüder und Schwestern unter den Nur-Schülern über die Welt nachgedacht. Von den meisten Freunden, die mit mir gesprochen haben, habe ich Klagen über ihr Familienleben gehört. "Oh weh", rief ich. "Das Familienleben ist für den Menschen, besonders für einen Muslim, sein Zufluchtsort, eine Art Paradies und eine Welt im Kleinen. Soll das jetzt etwa auch zu zerfallen beginnen?" Ich suchte den Grund dafür. Da erfuhr ich, dass ein, zwei Komitees damit beschäftigt sind, dem gesellschaftlichen Leben der Muslime und dadurch auch der Religion des Islam zu schaden und die jungen Leute von ihrem Weg abzubringen und sie in ihrer jugendlichen Leidenschaft zu Ausschweifungen zu verführen. Desgleichen hatte ich die deutliche Empfindung, dass noch ein, zwei weitere Komitees im Hintergrund intensiv daran arbeiten, einige unbedachte Frauen auf einen falschen Weg zu führen. Da wusste ich, dass das islamische Volk von dieser Seite einen fürchterlichen Schlag zu erwarten hat. Ich erkläre euch, meinen Schwestern und Kindern im Geiste, die ihr noch im jugendlichen Alter seid:
Wer nach einer Möglichkeit sucht, das Glück der Frauen in diesem und in jenem Leben zu bewahren und ihre besten Charaktereigenschaften, wie sie ihrem Wesen entsprechen, vor der Verderbnis zu schützen, findet nirgendwo anders einen Weg als in der Erziehung im islamischen Glauben. Ihr habt ja gehört, in welche Lage diese armen Frauen in Russland {Anspielung auf die allgemeine Demoralisierung im orthodoxen Russland nach der Revolution von 1917. (A.d.Ü.)} geraten sind!
In der Risale-i Nur heißt es in einer Abhandlung:
Ein Mann von Verstand stützt sich in seiner Liebe zu seiner Gattin nicht auf deren äußerliche Schönheit, die in fünf oder zehn Jahren vergeht, baut nicht auf deren Aussehen seine Freundschaft
zu ihr auf. Vielmehr sollte er seine Liebe auf ihrer Liebe und ihrer inneren Schönheit aufbauen, wie sie der Frau eigen ist, jener Schönheit und Vollendung der Frauen, welche von Bestand und ihre größte Schönheit ist, so dass die Liebe ihres Mannes auch dann noch fortdauert, wenn aus der Jugendliche längst eine Greisin geworden ist. Seine Gefährtin ist ihm nicht nur in diesem irdischen Leben eine Zeitlang Hilfe und Partnerin, sondern auch im ewigen Leben eine immerwährende liebenswerte Lebensgefährtin. Deshalb sollten (ihtiyar)sie einander schon im Älterwerden mehr und mehr achten (hurmet)und stützen (merhamet)und lieben (muhabbet).Doch in einer Familie, die unter dem Deckmantel einer heutigen modernen Erziehung, nach einem vorübergehenden Zusammensein, so wie bei den Tieren von einer Trennung für ewig bedroht ist, wird das Leben von seiner Wurzel zerstört.
Überdies ist in einer Abhandlung der Risale-i Nur gesagt worden:
Glücklich ist jener Mann, der um seine ewige Partnerin nicht zu verlieren, seine fromme Ehefrau nachahmt und selbst fromm wird. Und glücklich ist jene Frau, die sieht, dass ihr Mann religiös ist und selbst religiös wird, um ihren ewigen Freund und Partner nicht zu verlieren und im irdischen Glück das jenseitige Glück gewinnt.
Unglücklich jener Mann, der seiner Frau in ihren Ausschweifungen folgt und sich nicht darum bemüht, dass sie dieses Leben aufgibt, ja sich sogar noch selbst daran beteiligt. Unglücklich jene Frau, die die Sünde ihres Mannes mit ansieht und ihn auf ihre Weise imitiert. Schande über jenen Mann und jene Frau, die einander helfen, sich ins Feuer zu werfen, wenn sie sich noch gegenseitig zu den Phantastereien (z.B. Ausschweifungen) der heutigen Zivilisation ermuntern.
Nun ist aber der Sinn des voranstehenden Absatzes aus der Risale-i Nur folgender:
In dieser Zeit kann ein Anstoß zur Entfaltung des Familienlebens,
eine Grundlage für wachsendes Glück im Diesseits und im Jenseits und die Vorbedingung zur Entwicklung hoher weiblicher Charaktereigenschaften nur im Rahmen der Schariah und im Zusammenwirken mit den islamischen Sitten möglich sein.
Heute ist der wichtigste Punkt im Leben einer Familie folgender:
Wenn eine Frau erlebt, dass ihr Mann etwas Schlechtes tut, oder wenn sie Treulosigkeit (sadaqatsiz)von ihm erfährt und nun ihrem Gatten gleich und entgegen ihrer Pflicht als Frau in der Familie die Treue (sadaqat)bricht und das Vertrauen (emniyet)zerstört, dann richtet sie, einer Gehorsamsverweigerung im Militärdienst vergleichbar, in dieser Familie den ganzen Betrieb völlig zu Grunde. Vielmehr sollte sich eine solche Frau darum bemühen, die Fehler ihres Mannes so weit wie möglich zu bereinigen, um so ihren ewigen Gefährten zu retten. Wenn sie dagegen ihre Reize vor anderen offen zur Schau stellt und sich darum bemüht, sich beliebt zu machen, so trägt sie in jeder Hinsicht den Schaden davon. Denn wer von der Wahrheit (haqiqi)lässt und die Treue (sadaqat)bricht, empfängt seine Strafe schon im Diesseits. Denn die Frau erschrickt wesensgemäß vor den Blicken der Fremden, fühlt sich befangen und zieht sich vor ihnen zurück. Sie empfindet die Blicke von achtzehn unter zwanzig Männern als lästig. Was aber einen Mann betrifft, so wird er vielleicht nur vor einer unter hundert Frauen Abscheu empfinden und sich belästigt fühlen, wenn sie ihn betrachten. Deshalb wird eine Frau sich unbehaglich fühlen und sich selbst beunruhigen; sie mag darüber hinaus auch noch in den Verdacht der Treulosigkeit (sadaqatsiz)geraten und kann dann in ihrer Schwäche noch nicht einmal ihr Recht verteidigen.
Zusammenfassung:
So wie die Frauen wegen ihres Heldenmutes (kahramanlik),ihrer Aufrichtigkeit (ikhlas)und selbstlosen Liebe (shefqat)nicht den Männern gleichen, können auch die Männer sie in heldenmütiger Opferbereitschaft (kahramanlik)nicht erreichen; genauso wenig können es auch die Frauen in der Ausschweifung keineswegs den Männern gleich tun. Deswegen und entsprechend ihrem Wesen (fitrat)und der Schwäche
in ihrer Natur (khilqat)empfinden sie eine sehr große Angst vor fremden Männern und halten es für notwendig, sich in ihrem Tscharschaf zu verhüllen. Denn dort wo der Mann zu seinem Spaß und Vergnügen sich für neun Minuten der Ausschweifung ergibt und dafür lediglich ein wenig Geld opfert, muss die Frau zur Strafe für die neun Minuten ihrer Ausschweifung auch noch neun Monate lang eine schwere Last in ihrem Bauche mit sich tragen, sich danach neun Jahre lang ohne einen Beschützer mit der Erziehung des Kindes abplagen, kann sie dem Mann in ihrer Ausschweifung nicht gleich werden, muss vielmehr eine hundertfach höhere Strafe verbüßen. Wie dergleichen gar nicht so seltene Vorkommnisse zeigen, sind Frauen wohl einerseits ihrem Wesen entsprechend eine Heimstatt hoher Moral, doch haben sie kaum die Anlage für irdische Vergnügungen in Stunde und Ausschweifung. Das heißt, sie sind vor allem dazu geschaffen und gesegnet, im Rahmen einer islamischen Gesittung im Schoße einer glücklichen Familie zu leben. Sollen die Organisationen, die diese Frauen verderben wollen, verdammt werden. Meine Schwestern aber möge Allah vor dem Übel dieser Banditen behüten. Amen.
Meine Schwestern! Ich möchte euch ein Wort unter uns (mahrem)anvertrauen:
Bevor ihr euch um des täglichen Brotes willen unter das Joch eines europäisierten, sittenlosen und verblendeten Mannes beugt, solltet ihr euch lieber darum bemühen, mit einer Sparsamkeit und Genügsamkeit (iktisad ve kanaat)wie sie eurer Gesittung entspricht, den Bauersfrauen gleich, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, euren eigenen Haushalt zu führen, anstatt euch zu verkaufen. Falls aber ein Mann, der für euch nicht geeignet ist, trotzdem für eine von euch bestimmt (kismet)wird, sollt ihr mit eurer Bestimmung (kismet)einverstanden sein und euch mit ihm zufrieden geben. Insha-a'Ilah! wird auch er sich durch eure Zufriedenheit (razi)und Bescheidenheit (kanaat)bessern. Anderenfalls könntet ihr, wie ich jetzt vielfach höre, zwar bei Gericht die Scheidung einreichen, doch wäre dies mit dem
islamischen Ehrgefühl und unserer nationalen Würde unvereinbar.
Dritte Anmerkung:
Meine lieben Schwestern! Ihr solltet euch dessen sicher sein, dass die Risale-i Nur mit Hunderten von Hinweisen und anhand ebenso vieler unbezweifelbarer Tatsachen nachgewiesen hat, dass mit den Vergnügungen und Freuden außerhalb des Erlaubten Rahmens ein Zehnfaches an Schmerzen und Mühen verbunden ist. Alle weiteren Einzelheiten könnt ihr daher der Risale-i Nur entnehmen. Beispiele dazu bieten euch in dem Buch: "Kleine Worte" das Sechste, Siebente und Achte Wort, sowie der "Wegweiser für die Jugend". Sie werden euch sämtliche Tatsachen besser und ausführlicher darlegen, als ich das hier kann. Deswegen sollt ihr euch mit einem Vergnügen im von Gott erlaubten Rahmen zufrieden geben und euch damit bescheiden. Mit euren Kindern zu Hause liebevollen Umgang zu pflegen, bietet mehr Genuss als Hunderte von Kinobesuchen. Ihr sollt euch dessen sicher sein, dass in diesem irdischen Leben die wahren Freuden aus einem Leben im Glauben (iman)erwachsen und aus dem Glauben (iman)selbst. Und aus jedem guten Werk (a'mal-i saliha)erwächst eine geistige Freude (manevi lezzet).Und dass sich auf Irrwegen und in der Ausschweifung schon in dieser Welt besonders bitteres und quälendes Leid einstellt, wurde bereits in der Risale-i Nur mit unbestreitbaren Beweisen dargelegt. Ja, dass im Glauben sogar, ein Kern des Paradieses und in Unglaube und Ausschweifung ein Samenkorn der Hölle liegt, wurde mir selber durch viele Erfahrungen und Erlebnisse vor Augen geführt und in der Risale-i Nur ist diese Tatsache vielmals beschrieben worden, was dann in die Hände von besonders verbohrten Kritikern geriet. Doch konnten die offiziellen Sachverständigen und die Gerichte diese Wahrheit nicht widerlegen. Nun sollen besonders die Abhandlung über die Verhüllung der Frau und der "Wegweiser für die Jugend" und die "Kleinen Worte" an meiner Stelle euch, ihr meine Schwestern und meine Töchter, unterrichten.
Ich habe gehört, dass ihr möchtet, dass ich euch den Unterricht in der Moschee erteilen soll. Aber meine Krankheit, meine schwierige Lage und noch viele andere Ursachen erlauben es mir nicht. Ich habe mich entschlossen, alle meine Schwestern, die diesen meinen Unterricht gelesen und angenommen haben, wie Nur-Schüler in alle meine geistigen Verdienste und Gebete einzuschließen. Wenn ihr euch an meiner Stelle einen Teil des Risale-i Nur Gesamtwerkes {Zur damaligen Zeit existierte die Risale-i Nur zunächst nur in einzelnen weit verstreuten Handschriften. (A.d.Ü.)} beschaffen könnt, es lest oder hört, dann werdet ihr nach unserem Grundprinzip auch einen Anteil an den geistigen Verdiensten und Gebeten aller Nur-Schüler haben, die eure Brüder sind. Ich wollte noch mehr schreiben, aber da ich sehr krank und sehr schwach und sehr alt bin und neben Korrekturarbeiten noch viele andere Aufgaben zu erledigen habe, gebe ich mich hiermit zufrieden...
اَلْبَاقِى هُوَ الْبَاقِى
{"Der Beständige ist der, der bleibt und besteht."}
Euer des Bittgebetes bedürfender Bruder
Said Nursi
Fünfundzwanzigster Blitz
Ein Seelenführer für die Kranken
Geschrieben für die Kranken als eine Salbe, eine Tröstung, ein geistiges Rezept, an Stelle eines Besuches am Krankenbett und als ein Wunsch zur Genesung.
Erinnerung und Entschuldigung
Dieses geistige Rezept ist schneller als alles bisherige geschrieben worden.
{(*): Diese Abhandlung ist in viereinhalb Stunden verfasst worden. Gezeichnet: Rüschtü, Re'fet, Husrev, Said.}
Wir haben bei dieser Abhandlung im Gegensatz zu anderen noch nicht einmal Zeit gefunden für Korrekturen und die sonst übliche Sorgfalt. Auch dabei waren wir so schnell wie bei der Abfassung, so dass wir diese Abhandlung nur einmal durchgelesen haben. Sie wurde gleich als Manuskript gedruckt. Wir haben es nicht mehr für notwendig gehalten, das, was uns so frisch und natürlich (fitri)als Einfall vom Herzen kam, noch einmal zu überprüfen, um es nicht durch erkünstelte Sorgfalt wieder zu zerstören. Die verehrten Leser, besonders aber die Kranken mögen mir nicht böse sein, wenn ich sie durch einige unbequeme Bemerkungen oder ernstgemeinte Worte und Darstellungen beunruhigt habe. Außerdem bitte ich um ihr Gebet!
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ اَلَّذِينَ اِذَآ اَصَابَتْهُمْ مُصِيبَةٌ قَالُوٓا اِنَّا لِلّٰهِ وَاِنَّآ اِلَيْهِ رَاجِعُونَ ٭ وَالَّذِى هُوَ يُطْعِمُنِى وَيَسْقِينِ ٭ وَاِذَا مَرِضْتُ فَهُوَ يَشْفِينِ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Sie sagen, wenn ein Übel sie trifft: 'Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir wieder zurück.'" (Sure 2, 156) "(...) Der mir zu essen und zu trinken gibt, und Der, wenn ich krank bin, mich heilt und die Genesung bringt!" (Sure 26, 79-80)}
In diesem Funken (lem'a)erklären wir kurz "fünfundzwanzig Heilmittel" für die Kranken und die Unglücklichen, die ein Zehntel der Menschheit bilden, als eine wahre Tröstung und heilende Salbe.
Erstes Heilmittel:
Oh du hilfloser Kranker! Mach dir keine Sorgen! Habe Geduld! Deine Krankheit dient dir nicht zu Kummer und Sorge, sondern zum Heil. Das Leben ist ein Kapital und es vergeht. Wenn es keine Frucht bringt, büßt man es ein. Mag es auch ein ruhiges und sorgloses Leben, das in Gottvergessenheit vergeht, sein! Es vergeht sehr schnell. Die Krankheit lässt dir aus diesem deinem Kapital einen großen Verdienst als Frucht erwachsen. Ja, sie lässt der raschen Vergänglichkeit dieses Lebens keinen Raum, bewahrt es, verlängert es... damit die Früchte bleiben, nachdem es vergangen ist. Als einen Hinweis dafür, dass das Leben durch eine Krankheit verlängert wird, wurde dieses Sprichwort zum Allgemeingut: "Im Unglück wird die Zeit sehr lang, im Glück jedoch sehr kurz."
Zweites Heilmittel:
Oh du ungeduldiger Kranker! Sei geduldig, ja, sogar dankbar! In dieser deiner Krankheit wird jede einzelne Minute zu einer Stunde der Anbetung. Denn es gibt zwei Arten der Anbetung. Die eine ist die positive Art anzubeten, nämlich die bekannte Art des Pflichtgebetes und des Bittgebetes. Die andere Art ist die negative; durch Krankheit und Unglück fühlt der vom Leid Betroffene
seine Hilflosigkeit (adjz)und Schwäche (da'if),nimmt zu seinem barmherzigen Schöpfer (khaliq-i Rahiem)Zuflucht, fleht inständig zu Ihm, gelangt zu einem reinen, ungeheuchelten (riyasiz),innerlichen (manevi)Gebet (ibadet).Ja, ein Leben in Krankheit verbracht, ohne dabei Allah anzuklagen, gilt für den Gläubigen als Anbetung, wofür es eine echte Überlieferung gibt. Auf Grund dieser echten Überlieferung und wahrhaftigen Entdeckung (keshfiyat-i sadiqa)steht sogar fest, dass eine Minute Krankheit bei manchen geduldigen und dankbaren Kranken gleich einer Stunde Anbetung, bei einigen Vollendeten eine Minute gleich einem Tag der Anbetung gilt. Klage deine Krankheit, die dir für eine Minute deines Lebens tausend gibt, und dir zu einem langen Leben verhilft, nicht an, sondern sei dankbar!
Drittes Heilmittel:
Oh du Kranker ohne Ausdauer! Der Mensch ist nicht in die Welt gekommen, um nach seiner Lust und Laune zu leben. Zeugnis dafür gibt das ständige Kommen und Gehen der Menschen. Die jungen werden alt, und sie alle werden zwischen Tod und Trennung ständig umhergetrieben. Und obwohl der Mensch unter den Lebewesen das vollkommenste, höchste, hinsichtlich seiner Anlagen reichste, ja, sogar der König aller Lebewesen ist, verbringt er dennoch, verglichen mit den Tieren, nur ein trauriges und kummervolles Leben auf der untersten Stufe, weil er ständig über vergangenes Glück und kommendes Unheil nachdenkt. Das heißt, dass der Mensch nicht in diese Welt gekommen ist, nur um sich ein schönes Leben zu machen und ruhig und unbeschwert seine Zeit zu verbringen. Er ist vielmehr hierher gekommen als ein Mensch, in dessen Händen sich ein gewaltiges Kapital befindet, um Handel zu treiben und zu arbeiten für ein immer und ewig glückseliges Leben. Das Kapital, das ihm an die Hand gegeben wurde, ist die Spanne seines Lebens. Gäbe es keine Krankheit, würden ihn Gesundheit und Wohlbehagen zur Gottvergessenheit verleiten... Die Welt erschiene ihm als ein Freudental. Das Jenseits geriete in Vergessenheit. Man möchte nicht
an Grab und Tod erinnert werden, möchte das Kapital seines Lebens wie im Leerlauf für hohle Vergnügungen ausgeben, doch die Krankheit öffnet ihm plötzlich die Augen und spricht zu ihm, zu seinem Körper: "Du bist nicht unsterblich, nicht ungebunden, du hast eine Aufgabe. Lass deinen Stolz (gurur)!Denke an den, der dich geschaffen! Wisse, dass du ins Grab steigen wirst! Bereite dich also darauf vor!" So ist also die Krankheit von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ein Mahner, der niemals betrügt und ein warnender Lehrer. In dieser Hinsicht sollte man sie nicht anklagen, vielmehr ihr dankbar sein und - wenn es einem zu schwer wird - um Geduld bitten...
Viertes Heilmittel:
Oh du anklagender Kranker! Was du von Rechtswegen tun solltest, ist, nicht zu klagen, sondern dankbar und geduldig zu sein. Denn dein Körper, deine Organe, deine ganze Konstitution ist nicht dein Eigentum. Du hast sie nicht gemacht... Du hast sie nicht in irgendeiner Werkstatt gekauft. Sie sind also Eigentum eines anderen. Ihr Besitzer verfügt über Sein Eigentum, so wie Er will. Wie im Sechsundzwanzigsten Wort z.B. gesagt wurde: Ein sehr reicher und hochbegabter Künstler stellt, um seine schöne Kunst und seinen kostbaren Reichtum zu zeigen, einen armen Mann für ein Stündchen gegen Honorar als Modell ein, und bekleidet diesen armen Mann mit einem besonders kunstvoll genähten und verzierten Umhang oder Anzug. Dann bestickt und modelliert er daran. Er schneidet, ändert, verlängert, verkürzt, um seine einzigartige Kunstfertigkeit zu zeigen. Wenn nun etwa dieser gegen ein Honorar angestellte, arme Mann zu jenem Herrn (dhat)sagt: "Sie machen mir Schwierigkeiten (zahmet)...Sie befehlen mir, mich zu beugen und mich wieder aufzurichten und verursachen mir allerlei Umstände... Sie verderben die ganze Schönheit, wenn Sie an diesem Umhang, der mich schmückt, herumschneiden und kürzen.", hat er dann etwa ein Recht, so zu reden? Kann er sagen: "Sie haben ohne Mitleid (merhametsiz)und Barmherzigkeit gehandelt!"? Genauso wie in diesem Beispiel ändert
dir, oh Kranker, der erhabene Meister (Sani-i Dhu l-Djelal)deinen Körper - das Hemd, das Er dir angezogen hat - den Er mit erleuchteten Sinnen wie Augen, Ohr, Verstand und Herz ausgestattet hat, um die Ornamente Seiner schönen Namen zu zeigen, dreht und wendet dich unter den verschiedensten Umständen und Situationen. So wie du Seinen Namen der Versorger (Rezzaq)in deinem Hunger kennengelernt hast, so erfahre nun auch Seinen Namen der Heiler (Shafi)in deiner Krankheit! Weil Schmerz und Unglück einen Teil Seiner Namen erkennen und bestimmen lassen, finden sich in ihnen Funken der Weisheit (hikmet)und Strahlen der Barmherzigkeit (rahmet)und besondere Schönheiten unter diesen Strahlen. Wenn der Vorhang sich öffnet, findest du hinter dem Vorhang der gefürchteten und verabscheuten Krankheit viele liebevolle und schöne Bedeutungen.
Fünftes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du der Nörgelei verfallen bist! Ich bin aus Erfahrung zu der Überzeugung gelangt, dass in unserer Zeit Krankheit für einige eine Wohltat Gottes (ihsan-i Ilahi)und ein Geschenk Seiner Barmherzigkeit (hediye-i Rahman)ist. Obwohl ich dessen nicht würdig bin, kommen seit acht, neun Jahren einige junge Leute in ihrer Krankheit zu mir, damit ich für sie bete (dua).Ich habe bemerkt, dass diejenigen jungen Kranken, die ich gesehen habe, im Gegensatz zu anderen jungen Leuten begonnen haben, an das "Danach" (Jenseits) zu denken. Sie kennen die Trunkenheit der Jugend nicht. Sie retten sich in gewissem Grade davor, sich achtlos tierischer Lust auszusetzen. Ich habe gesehen, dass ihre Krankheiten im Rahmen ihrer Fähigkeit, sie zu ertragen, eine Wohltat Gottes (ihsan-i Ilahi)waren, und habe sie darauf aufmerksam gemacht. Ich sagte ihnen immer: "Mein Bruder, ich habe nichts gegen deine Krankheit, und bedauere dich nicht wegen deiner Krankheit, sodass ich für dich beten müsste. Bemühe dich um Geduld in deiner Krankheit bis zu deiner völligen Erweckung! Und wenn die Krankheit ihre Aufgabe erfüllt hat, wird dir der barmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem)um Seinetwillen Genesung schenken." So sagte ich weiter:
"Ein Teil deiner Altersgenossen sind infolge des Unglücks (bela)ihrer Gesundheit der Gottvergessenheit verfallen, versäumen das Gebet, denken nicht an das Grab, vergessen Allah... In diesem irdischen Leben erschüttern, ruinieren, ja, zerstören sie vielleicht sogar in einer Stunde oberflächlicher Lust ein unendliches, ewiges Leben. Durch die Brille deiner Krankheit siehst du dein Grab, deine künftige Wohnstatt, in die du in jedem Falle hinabsteigen wirst, und noch dahinter die jenseitigen Wohnstätten, und verhältst dich dementsprechend. Das besagt also, dass für dich die Krankheit Gesundheit ist, doch bei einem Teil deiner Altersgenossen ist Gesundheit eine Krankheit..."
Sechstes Heilmittel (Erster Teil):
Oh du über Schmerzen klagender Kranker! Ich bitte dich: Denke an dein vergangenes Leben und an die in den vergangenen Tagen dieses Lebens genossenen Vergnügungen und erinnere dich an die Zeiten der Schmerzen und Leiden! In jedem Fall wirst du entweder "oh" oder "ach" sagen. Du wirst entweder mit Herz und Mund sagen "Elhamdulillah" oder aber "weh" oder "ach". Pass auf, was dich "Elhamdulillah" sagen lässt, ist das Denken an Schmerzen und Unglücksfälle, die nun aber vorüber sind. Denn das macht innerlich froh. Und dafür dankt das Herz. Denn der Schmerz weicht der Erleichterung. Sind Schmerz und Unglück gewichen, lassen sie in der Seele eine Erleichterung als Nachlass zurück. Durch Nachdenken gleichsam wie aufgewühlt, entströmt Erleichterung der Seele... Danksagung gleichsam wie Tropfen. Was dich voll Sehnsucht "oh" und voll Bedauern "ach" sagen lässt, sind die in der Vergangenheit genossenen Freuden und Vergnügungen, die einen beständigen Schmerz in der Seele zurücklassen, nachdem sie vergangen sind; jedesmal, wenn du an sie denkst, wird dieser Schmerz wieder aufgewühlt... Sehnsucht und Bedauern fließen. So kann das unerlaubte Vergnügen eines Tages zuweilen ein Jahr lang einen Schmerz in der Seele hervorrufen. Und der Schmerz, den eine vorübergehende Krankheit von einem
Tag hervorgerufen hat, bringt für viele Tage innere Freude über den Lohn und dazu noch die innere Freude darüber, dass der Schmerz vergangen und die Krankheit überstanden ist. Denke also, dass diese zeitweilige Krankheit, die jetzt über deinem Haupte schwebt, ihren Lohn als Ergebnis und als ihr wahres Gesicht hat, sage "Das geht auch vorüber. Ya Hu!" und sei dankbar, anstatt zu klagen.
Sechstes Heilmittel (Zweiter Teil):
{(*): Wir haben auf der sechsten Stufe zwei Heilmittel beschrieben, weil uns dieser Funke (lem'a) von Natur (fitri) aus so eingefallen ist. Und wir haben ihn so belassen, um seinen natürlichen (fitri) Charakter nicht zu verändern; vielleicht liegt ein Geheimnis darin, das wir nicht antasten sollten.}
Oh du mein Bruder, der du an weltliche Vergnügungen denkst und deswegen unter deiner Krankheit leidest! Wenn diese Welt beständig wäre, und es keinen Tod auf unserem Wege gäbe, und die Stürme der Trennung und des Verfalls nicht bliesen, und keine Winter der Seele in der unheildurchbrausten Zukunft wären, würde auch ich mit dir zusammen deinen Zustand bedauern. Aber die Welt wird sicherlich eines Tages zu uns sagen: "Los, raus!", uns sich unserem Schreien gegenüber die Ohren zuhalten. Bevor sie uns hinauswirft, müssen wir - durch die Krankheit gewarnt - schon von jetzt an auf unsere Liebe zu ihr verzichten... bevor sie uns verlässt, müssen wir uns bemühen, sie von Herzen zu verlassen... Ja, die Krankheit erinnert uns an all dies und sagt: "Dein Körper ist nicht aus Stein oder Eisen, sondern aus verschiedenen Substanzen zusammengesetzt, welche ständig die Neigung haben, wieder auseinanderzufallen. Gib deinen Stolz (gurur)auf! Begreife deine Schwäche! Erkenne deinen Eigentümer! Wisse um deine Aufgabe! Lerne, warum du in die Welt gekommen bist!"... So flüstert sie dir heimlich in deines Herzens Ohr. Die Freuden und Vergnügen dieser Welt sind also unbeständig. Besonders wenn sie unerlaubt sind, sind sie sowohl unbeständig und leidvoll (elemli)als auch
sündhaft (günahli).Weine nicht, weil dir nun deine Krankheit als Vorwand dient, deiner Vergnügungen verlustig zu gehen. Im Gegenteil: Denke während deiner Krankheit über die stille Anbetung, den Dienst (manevi ibadet)und die Belohnung (sevab)im Jenseits nach, und versuche, froh (zevk)zu sein!
Siebentes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du die Freude über deine Gesundheit verloren hast! Deine Krankheit lässt den Sinn für Gesundheit als einer Gabe Gottes (nimet-i Ilahiye)nicht vergehen, sondern belebt und verstärkt ihn. Denn was beständig vorhanden ist, verliert seine Wirkung. Ja, die Kenner der Wahrheit sagen sogar übereinstimmend:
اِنَّمَا الْاَشْيَآءُ تُعْرَفُ بِاَضْدَادِهَا
{"Alle Dinge erkennen sich in ihrem Gegenteil."}
Zum Beispiel:
Gäbe es keine Finsternis, könnten wir Licht nicht erkennen und es nicht genießen. Gäbe es keine Kälte, verstünden wir die Hitze nicht, hätten wir keinen Sinn dafür. Gäbe es keinen Hunger, fänden wir keinen Geschmack am Essen. Gäbe es keinen Durst, verspürten wir keine Lust, Wasser zu trinken. Gäbe es kein Unwohlsein, empfänden wir kein Wohlbefinden. Gäbe es keine Krankheit, hätten wir kein Gespür für Gesundheit. Demgemäß möchte der allweise Schöpfer (Fatir-i Hakiem)also, dass der Mensch Seine verschiedensten Gaben (ihsan)kosten, jede Art Seiner Gnadenerweise (nimet)schmecken solle, und ihn daher stets zur Dankbarkeit anleiten. Er hat den Menschen mit sehr vielen Anlagen ausgestattet, damit er all die verschiedenen, unzähligen Arten Seiner Gnadenerweise in der ganzen Welt koste und erfahre. So wie Er Gesundheit und Wohlbefinden gegeben hat, wird Er sicherlich auch Krankheiten, Unwohlsein und Kummer geben. Ich frage dich: "Hättest du nicht diese Krankheit in deinem Kopf, deiner Hand, deinem Bauch, würdest du dann auch Sinn und Geschmack für die Gabe Gottes verspüren und für die Gesundheit deines Kopfes, deiner Hand, deines Bauches danken? Sicherlich würdest du nicht danken, ja,
vielleicht noch nicht einmal daran denken. Du würdest mit deiner Gesundheit sorglos umgehen, sie achtlos, ja, leichtfertig aufs Spiel setzen."
Achtes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du an das Jenseits denkst! Die Krankheit wäscht und reinigt wie eine Seife vom Schmutz der Sünde. Es steht auf Grund einer "wahren Überlieferung" fest, dass die Krankheiten eine Buße für die Sünden sind. Außerdem ist in einem Hadith gesagt: "So wie von einem Baum die reifen Früchte herunterfallen, wenn man ihn schüttelt, so fallen auch von einem Gläubigen die Sünden ab, wenn er in seiner Krankheit vom Fieber geschüttelt wird." Sünden sind für das ewige Leben wie andauernde Krankheiten. Sie sind außerdem in diesem irdischen Leben wie eine seelische (manevi)Krankheit für das Herz, das Gewissen, den Geist. Wenn du geduldig bist und nicht klagst, rettest du dich durch diese vorübergehende Krankheit vor sehr vielen, lang andauernden Krankheiten.
Wenn du nicht an die Sünden denkst oder nichts vom Jenseits weißt oder Allah nicht kennst, hast du so eine fürchterliche Krankheit, millionenfach größer als diese deine kleine Krankheit. Ihretwegen sollst du jammern, denn dein Herz, dein Geist und deine Seele steht in Beziehung zu allem irdischen Sein. Durch Trennung und Zerfall werden diese Beziehungen ständig zerschnitten und dir dadurch zahllose Wunden geschlagen. Besonders, weil du nichts vom Jenseits weißt, stellst du dir den Tod als das ewige Nichts vor, und es ist scheinbar so, als sei dein wunder, kranker und zerschlagener Körper so groß wie die Welt. Es ist also zunächst einmal nötig, deine Ansichten zurechtzurücken und ein Heilmittel für deinen Glauben zu suchen, eine sicher wirkende Medizin für die zahllosen Krankheiten dieses deines großen, mit zahllosen Wunden geschlagenen Seelenkörpers und ein Gegengift, das dir sichere Genesung bringen wird.
Der kürzeste Weg, dieses Mittel zu finden, besteht darin, den Vorhang deiner Gottvergessenheit durch diese,
deine äußerliche Krankheit zu zerreißen, damit dir dahinter das Fenster deiner Schwäche und Hilflosigkeit (adjz ve da'if)gezeigt werde, durch das du die Macht und Barmherzigkeit (qudret ve rahmet)des Allmächtigen in Seiner Majestät (Qadir-i Dhu l-Djelal)kennenlernen wirst. Ja, wer Allah nicht kennt, lädt sich eine Welt voll Unglück (bela)auf sein Haupt. Wer Allah kennt, dem ist die Welt von Licht und innerer Freude erfüllt. Er empfindet sie entsprechend dem Grad, der Stärke seines Glaubens. Unter dieser inneren Freude, der Genesung, dem Gespür, das aus dem Glauben erwächst, wird der Schmerz dieser winzig kleinen, äußerlichen Krankheit weggeschmolzen und herausgedrückt.
Neuntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du deinen Schöpfer kennst! Wenn Schmerz, Angst und Schrecken mit den Krankheiten verbunden sind, so liegt das daran, dass manche Krankheiten zum Tode führen. Weil der Tod - mit den Augen eines Gottvergessenen betrachtet, äußerlich gesehen - schrecklich ist, erregen die Krankheiten, die ihn verursachen können, Schrecken und Panik.
Erstens:
Wisse und glaube fest daran, dass der Zeitpunkt des Todes (edjel)feststeht (muqadder)und nicht verrückbar ist! Die am Bette der Schwerkranken weinten und sich dabei doch bester Gesundheit erfreuten, sind gestorben... die Schwerkranken aber fanden Genesung und überlebten...
Zweitens:
Der Tod ist gar nicht so schrecklich, wie es äußerlich erscheint. Wir haben in vielen Abhandlungen im Lichte des Weisen Qur'an mit völliger Sicherheit und in einer Weise, die über jeden Zweifel erhaben ist, bewiesen, dass der Tod für die Gläubigen eine Entlassung aus der Mühsal ihrer Lebensaufgabe bedeutet... also die Befreiung von der Pflicht zu jener Anbetung, welche in der Prüfung auf dem Weltenplatz ein Ausdruck von Bildung und Erziehung ist... ein Anlass, neunundneunzig von hundert Freunden und Verwandten wieder zu treffen, welche in die andere Welt gegangen sind... also ein Fahrzeug, um in die wahre Heimat, die Wohnstatt der ewigen Glückseligkeit einzugehen... eine Einladung heraus aus
dem Kerker dieser Welt in die Gärten des Paradieses... dass er bedeutet, an der Reihe zu sein, aus der Freigiebigkeit (fadl)des barmherzigen Schöpfers (Khaliq-i Rahiem)den Lohn für seinen eigenen Dienst zu empfangen. Da nun vom Standpunkt der Wahrheit aus dies das Wesen des Todes ist, sollte er nicht als so schrecklich angesehen werden, sondern - im Gegenteil - als Beginn der Barmherzigkeit (rahmet)und Glückseligkeit betrachtet werden. Wenn aber dennoch ein Teil der Gottesleute den Tod fürchtet, so nicht wegen der Schrecklichkeit des Todes, sondern vielmehr, um durch die Fortsetzung ihrer Lebensaufgabe noch mehr Verdienste zu erwerben. Ja, für die Gläubigen steht der Tod an der Schwelle der Barmherzigkeit (Gottes). Für diejenigen aber, die in die Irre gehen, ist er eine Zisterne ewiger Finsternis.
Zehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du dir unnötig Sorge machst! Du machst dir Sorgen wegen der Schwere deiner Krankheit. Diese Sorge verschlimmert noch deine Krankheit. Wenn du also in deiner Krankheit nach Erleichterung suchst, bemühe dich, dir keine Sorgen zu machen! Denke also an den Gewinn und den Lohn deiner Krankheit, und daran, dass sie schnell vorübergehen möge; entledige dich deiner Sorgen, schneide die Wurzel deiner Krankheit ab! Ja, Sorge verdoppelt die Krankheit; unter der äußerlichen Krankheit entsteht durch die Sorge im Herzen eine innerliche Krankheit. Auf ihr fußt die äußerliche Krankheit, verbreitet sich weiter. Wenn durch Ergebung (teslim),Zufriedenheit (riza)und den Gedanken an die Weisheit (hikmet)hinter der Krankheit die Sorge verschwindet, wird dieser äußerlichen Krankheit eine wichtige Wurzel abgeschnitten, sie wird leichter, vergeht zum Teil. Besonders, wenn durch eine Einbildung eine leichte, äußerliche Krankheit von einem Dirhem (wenige Gramm) entstanden ist, wächst sie durch die Sorgen um zehn Dirhem. Beseitigt man die Sorge, vergehen neun Zehntel der Krankheit. So wie Sorge die Krankheit verschlimmert, weil sie ein Zweifel an der Weisheit Gottes ist, eine Kritik
an dem Erbarmen Gottes, eine Klage gegen die Barmherzigkeit des Schöpfers (Khaliq-i Rahiem),so ist die Verschlimmerung der Krankheit ein Schlag entgegen der ursprünglichen Absicht. Ja, so wie Dankbarkeit die Gnadengabe vermehrt, so steigert Klage die Krankheit und das Unglück. Außerdem ist die Sorge selbst eine Krankheit. Deren Heilmittel besteht darin, die Weisheit der Krankheit zu erkennen. Weil du also schon ihre Weisheit und ihren Gewinn erkannt hast, trage diese Salbe auf deine Sorge auf und mach dich frei. Statt "ach", sage "oh", und statt zu bedauern, sage:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى كُلِّ حَالٍ
{"Lobpreis und Dank sei Allah für eine jede Lage."}
Elftes Heilmittel:
Oh du ungeduldiger kranker Bruder! Obwohl die Krankheit dir einen Schmerz zufügt, lässt sie dich dennoch seit dem Ende deiner vorigen Krankheit und mit dem Ende dieser Krankheit, den Sinn für das Ideelle und mit der Belohnung den Sinn für das Essenzielle verspüren. In der Zeit, die auf den heutigen Tag, vielleicht auf die jetzige Stunde folgt, gibt es keine Krankheit mehr und sicherlich aus dem Nichts auch keinen Schmerz. Wo kein Schmerz ist, gibt es auch kein Bedauern... Weil du dich auf der falschen Spur bewegst, bildest du dir etwas ein und wirst ungeduldig. Denn weil die äußeren Erscheinungen während der gesamten vor dem heutigen Tag liegenden Zeiten einer Erkrankung vorübergegangen sind, ist zugleich auch der Schmerz vorüber; geblieben ist die Belohnung, die in ihr enthalten war und die Freude an ihrem Ende. Sie müssen dir Gewinn und Freude schenken. Stattdessen aber in Ungeduld und Trauer an sie zu denken, ist Wahnsinn. Die kommenden Tage sind noch nicht gekommen... Jetzt schon an sie zu denken, an einen Tag, der nicht ist, und eine Krankheit, die es nicht gibt, einen Schmerz, den es nicht gibt, sich einzubilden und darüber nachzudenken, Ungeduld und
Trauer darüber zu zeigen, dem Nicht-Sein auf drei Stufen des Nicht-Seins den Anstrich des Seins zu verleihen, was ist das, wenn nicht Wahnsinn? Also nochmals: In Anbetracht dieser Tatsache, ist das, was in einer Stunde sein wird, noch irreal: Die Zeit ist irreal, die Krankheit ist irreal, der Schmerz ist irreal. Zerstreue also nicht alle Streitkräfte deiner Geduld, die dir Gott der Gerechte anvertraut hat, zur Rechten und zur Linken, sondern konzentriere sie in dieser Stunde gegen deinen Schmerz und sage "Ya Sabur!" und harre aus.
Zwölftes Heilmittel:
Oh du Kranker, dem wegen deiner Krankheit Anbetung und Rezitation (ibadet ve evrad)versagt (mahrum)bleiben und der du wegen deiner Versagung (mahrumiyet)betrübt bist! Wisse, dass es auf Grund eines Hadith feststeht: "Ein frommer Gläubiger, der wegen seiner Krankheit die täglichen Rezitationen (vird)nicht zu beten vermag, erwirbt während der Zeit seiner Krankheit dennoch deren Verdienste." Für einen Kranken, der das Pflichtgebet so weit wie möglich verrichtet, gilt während der Zeit einer schweren Erkrankung die Krankheit als Ersatz für die unterbliebenen Sunna-Gebete - und zwar als ein aufrichtiges Gebet! - wenn er geduldig ist, sich (Gott) anvertraut und die Pflichtgebete verrichtet. Dennoch lässt die Krankheit den Menschen seine Schwäche und Hilflosigkeit empfinden. Sie bewirkt, dass er in seiner Schwäche und Hilflosigkeit, ausgesprochen mit seinen Worten oder unausgesprochen mit seinen Taten, sein Gebet (dua)darbringt. Gott der Gerechte hat dem Menschen eine grenzenlose und eine unendliche Hilflosigkeit gegeben, damit er beständig am Throne Gottes Zuflucht suche, zu Ihm flehend und betend:
قُلْ مَا يَعْبَؤُا بِكُمْ رَبِّى لَوْلاَ دُعَآؤُكُمْ
{"Sprich: Mein Herr würde sich nicht um euch kümmern, wäre es nicht um eures Gebetes willen." (Sure 25, 77)}
Nämlich: "Wenn ihr nicht betet, welchen Wert habt ihr dann noch?" Entsprechend dem Geheimnis dieses Verses
ist die Krankheit eine Ursache des innigen und flehentlichen Gebetes (dua),das der verborgene Sinn der Erschaffung des Menschen ist und der Grund seines Wertes. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es erforderlich, nicht zu klagen, sondern Allah zu danken und den Hahn des Gebetes (dua),den die Krankheit geöffnet hat, nicht zu schließen, nachdem man seine Gesundheit wieder erlangt hat.
Dreizehntes Heilmittel:
Oh du bedauernswerter Mann, der du über deine Krankheit klagst! Für manche ist eine Krankheit eine bedeutende Fundgrube, ein besonders kostbares Geschenk Gottes. Jeder Kranke kann sich vorstellen, dass seine eigene Krankheit von dieser Art sei. Es ist nun einmal die Stunde des Todes ungewiss. Gott der Gerechte hat dem Menschen, um ihn vor der völligen Verzweiflung (ye's-i mutlaq)und vor der völligen Gottvergessenheit (ghaflet-i mutlaq)zu bewahren, und damit Er ihn zwischen Angst und Hoffnung (khauf u redja)im Gleichgewicht halte, und jener sowohl Diesseits als auch Jenseits im Auge behalte, in Seiner Weisheit die Stunde des Todes verborgen. Es kann nun einmal zu jederzeit die Stunde des Todes kommen. Wenn sie den Menschen in seiner Gottvergessenheit ergreift, kann ihm das für sein ewiges Leben sehr zum Nachteil gereichen. Die Krankheit lässt die Gottvergessenheit von ihm weichen und ihn an das Jenseits denken, bringt ihm den Tod zur Erinnerung, bereitet ihn auf diese Weise vor. Was für einen großen Gewinn erhält er so! In zwanzig Tagen erreicht er eine Stufe, die er in zwanzig Jahren nicht erreicht hätte. Hierfür ein kurzes Beispiel:
Unter unseren Freunden - Allah erbarme sich ihrer! - waren zwei Jungendliche. Der eine war Ilamali Sabri, der andere Islamköylü Wesirsade Mustafa. Unter meinen Schülern konnten diese beiden nicht lesen und schreiben. Trotzdem habe ich sie zu meinem Erstaunen in ihrer Aufrichtigkeit in Dienst und Glauben immer in vorderster Reihe gesehen!... Den verborgenen Sinn kannte ich damals noch nicht. Nach ihrem Tode verstand ich ihn. Jeder von
ihnen hatte eine schwere Krankheit. Diese Krankheit leitete sie auf dem rechten Weg (irshad).Im Gegensatz zu den anderen Jungendlichen, die gottvergessen waren, und ihre pflichtgemäßen Gebete vernachlässigten, fand man bei ihnen in hohem Maße ernste Gottesfurcht (taqwa)und Eifer für ihren wichtigen Dienst, sowie eine Haltung, die ihnen für das Jenseits zum Segen wurde. Möge es Allah gefallen, ihnen für die Anstrengungen dieser zwei Jahre Krankheit Millionen von Jahren ewig glückseligen Lebens zu verleihen! Ich verstehe jetzt, dass das Gebet (dua),das ich manchmal für ihre Gesundheit dargebracht habe, im Hinblick auf die Welt ein schlechtes Gebet war. Möge Allah dieses mein Gebet für ihre Gesundheit im Jenseits angenommen haben!
So haben diese zwei Personen nach meiner Überzeugung einen solchen Gewinn erhalten, einen solchen Verdienst, wie sie ihn in einem zehnjährigen Leben voll Gottesfurcht nicht hätten erwerben können. Hätten diese beiden wie ein Teil der Jugendlichen auf ihre Jugend und Gesundheit vertraut, sich gottvergessend in Ausschweifungen geworfen, dann hätte auch der Tod sie genau in diesem ihrem Sündenpfuhl beobachtet und ergriffen, und sie hätten ihre Gräber statt in eine Schatzkammer des Lichts in eine Grube von Schlangen und Skorpionen verwandelt.
Weil also Krankheiten einen solchen Gewinn bringen, sollte man nicht über sie klagen, sondern in Ergebung (tevekkul),Geduld, ja, sogar in Dankbarkeit auf die Barmherzigkeit Gottes (rahmet-i Ilahi)vertrauen.
Vierzehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, über dessen Augen sich der Vorhang der Nacht herniedergesenkt hat! Wenn du wüsstest, welches Licht dem Gläubigen erstrahlt, und was für ein geistiges Auge er besitzt - hinter dem Vorhang, der sich über seine Augen gesenkt hat - du müsstest "hunderttausendmal Dank dem barmherzigen Herrn (Rabb-i Rahiem)!"sagen. Ich will dir das durch ein Erlebnis erklären. Wie eine lindernde Salbe biete ich es dir an.
Eines Tages erblindete die Tante meines Dieners Süleyman aus Barla, der mir acht Jahre in voller Hingabe und Treue gedient hatte. Ich hatte niemals etwas an ihm auszusetzen gehabt. Diese aufrichtige Frau sagte zu mir: "Bete (dua)für mich, damit meine Augen geöffnet werden." Und dabei meinte sie es mit mir hundertmal besser als mir zukam. Sie passte mich an der Tür der Moschee ab. So machte ich mich denn zum Fürsprecher dieser guten Frau in ihrer tiefen und aufrichtigen Gläubigkeit und betete inständig: "Herr, erkenne ihre aufrichtige Frömmigkeit an und öffne ihre Augen." Zwei Tage später kam ein Augenarzt aus Burdur und öffnete ihre Augen. Vierzig Tage später schlossen sich ihre Augen abermals. Ich war sehr betroffen. Ich betete viel... Möge Allah diese Gebete für sie im Jenseits annehmen! Es wäre sonst dieses mein Gebet für sie ein sehr schlechtes und völlig falsches Gebet gewesen. Denn bis zu ihrem Ableben blieben ihr noch vierzig Tage. Nach vierzig Tagen - Allah möge sich ihrer erbarmen! - verschied sie.
Also anstatt vierzig Tage lang Barlas trauernde Weinberge mit den betrübten Augen des Alters zu betrachten, durfte die Verstorbene nun im Grabe vierzigtausend Tage die Weinberge des Paradieses schauen. Denn ihr Glaube war stark und ihre Aufrichtigkeit (salahat)fest. Ja, ein Gläubiger vermag, wenn sich der Vorhang über seine Augen herniedersenkt, und er mit verschlossenen Augen ins Grab steigt, über seine Stufe hinaus und bei weitem mehr als die übrigen Bewohner des Grabes die Welt des Lichtes zu schauen, wie wir in dieser Welt viele Dinge sehen... die blinde Gläubige nicht sehen. Im Grabe sehen diese Blinden, wenn sie im Glauben verstorben sind, entsprechend ihrer Stufe mehr als die übrigen Bewohner des Grabes. Sie schauen wie mit einem weitreichenden Fernglas - ihrer Stufe entsprechend - aus dem Grabe die Gärten des Paradieses, wie in einem Film.
Wenn du also geduldig und dankbar bist, kannst auch du ein solches innerliches Auge hinter dem Vorhang vor
deinen äußerlichen Augen finden, ein Auge, das so voll ist von Licht und welches in das Paradies über den Himmeln hinüberblickt und es betrachtet, auch wenn du unter der Erde liegst. So ist also der Augenarzt, der diesen Vorhang vor deinen Augen aufzuheben vermag, dich mit diesen Augen schauen lässt, der Weise Qur'an.
Fünfzehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du ächzt und stöhnst! Betrachte nicht das Äußerliche deiner Krankheit und sage nicht "ach!". Betrachte ihren Sinn (mana)und sage "oh!". Wenn Krankheit nicht etwas Schönes bedeuten würde, hätte der Schöpfer in Seiner Barmherzigkeit (Khaliq-i Rahiem)Seinem vielgeliebten Diener und Anbeter nicht die Krankheiten gegeben. Ja, eine Echte Überlieferung sagt sogar:
اَشَدُّ النَّاسِ بَلاَءً: اَلْاَنْبِيَٓاءُ ثُمَّ اْلاَوْلِيَٓاءُ، ثُمَّ الْاَمْثَلُ فَالْاَمْثَلُ
Das heißt: "Diejenigen, welche am stärksten von Unglück und Mühsal geplagt sind, sind diejenigen, welche auch die besten und vollkommensten unter den Menschen sind." Allen voran der Dulder Hiob (Eyyub, Friede sei mit ihm),die Propheten, dann die Heiligen und danach alle Rechtschaffenen betrachteten die Krankheiten, unter denen sie zu leiden hatten, als wahre Anbetung und ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes (hediye-i Rahmaniye),und dankten in Geduld. Sie haben sie wie eine Operation angesehen, die von dem barmherzigen Schöpfer (Khaliq-i Rahiem),dem Erbarmer (rahmet)ausgeht. Oh du Kranker, der du "ach!" und "weh!" schreist!, wenn du in die Schar der Erleuchteten eingereiht werden möchtest, sei geduldig und dankbar! Wenn du aber anklagst, werden sie dich nicht in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Du wirst in die Grube der Gottvergessenen stürzen... Du wirst einen dunklen Weg gehen. Ja, ein Teil der Krankheiten, welche zum Tode führen, gilt als ein Martyrium der Seele (shehadet)und verleiht einen Grad von Heiligkeit (velayet),der dem eines Bekenners (manevi shehid)entspricht.
Kurzum:
Es gibt besonders gesegnete Krankheiten, wie solche,
die bei Geburt eines Kindes auftreten, {(*): Diese Krankheiten haben den Wert eines Martyriums der Seele (manevi shehadet), wenn sie sich während der ersten vierzig Tage im Kindbett einstellen.} Ertrinken, Verbrennen, Bauchhöhlenvereiterung sowie Seuchen, die mit dem Tode den Grad der Heiligkeit verleihen. Und weil die Krankheit die Liebe zur Welt und das Interesse an ihr schwächt, mildert sie den Schmerz, der für Weltleute wegen der mit dem Tod verbundenen Trennung von der Welt besonders traurig und bitter ist, ja, lässt den Tod zuweilen sogar herbeisehnen.
Sechzehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du dich über Langeweile beklagst! Krankheit lehrt tiefe Hochachtung (hurmet)und erzieht zu innigem Mitleid (merhamet),zwei sehr gute Eigenschaften, die für das menschliche Gemeinschaftsleben von ganz besonderer Wichtigkeit sind. Denn sie bewahren ihn vor der Selbstzufriedenheit (istighna),die den Menschen zu Unbarmherzigkeit und Grausamkeit führt. Denn:
اِنَّ الْاِنْسَانَ لَيَطْغٰى ٭ اَنْ رَاٰهُ اسْتَغْنٰى
{"Fürwahr ist der Mensch rebellisch und denkt, er sei sich selbst genug." (Sure 96, 6-7)}
Der Sinn dieser Qur'anverse lehrt, dass eine eigensinnige Seele, die sich in einem aus Gesundheit und Wohlbefinden entstandenem Zustand der Selbstzufriedenheit (istigha)befindet, kein Gefühl der Achtung (hurmet)mehr gegenüber der Hochachtung (hurmet)gebietenden Brüderlichkeit (ukhuvvet)verspürt. Auch empfindet sie nicht die geschuldete Barmherzigkeit und Güte (merhamet ve shefqat)gegenüber denjenigen, die unter Unglück und Krankheit leiden. Sobald er aber krank wird, begreift er unter dieser Krankheit seine Schwäche und Armseligkeit, und bezeigt seinen Brüdern die gebührende Hochachtung. Er empfindet Achtung gegenüber den gläubigen Brüdern, die kamen, ihn zu besuchen oder ihm zu helfen. Und er empfindet Erbarmen gegenüber denen, die vom Unglück geplagt sind, jene aus mitmenschlichem Empfinden
entstandene mitmenschliche Güte, die zugleich einer der wichtigsten Charakterzüge des Islam ist. Er vergleicht die Leidenden mit sich selbst. Sie tun ihm von ganzem Herzen leid, er erbarmt sich ihrer, hilft ihnen, wo er kann, zumindest durch sein Gebet, besucht sie zumindest nach islamischem Brauch, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und erwirbt so einen Verdienst (sevab).
Siebzehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du darüber klagst, dass du wegen deiner Krankheit keine guten Werke mehr tun kannst! Sei dafür dankbar, dass dir die Krankheit die Türe zu guten Werken geöffnet hat, die frei sind von allen Hintergedanken! Krankheit ist das wichtigste Fahrzeug zur Annahme seiner Gebete für einen Kranken und für die, die ihn um des Wohlgefallens Gottes pflegen, zusammen mit den Verdiensten, die sie beständig erwerben. Ja, Kranke zu pflegen ist für Gläubige ein hohes Verdienst. Sich nach dem Wohlergehen der Kranken zu erkundigen und sie zu besuchen, ohne ihnen lästig zu fallen, ist ein "lobenswerter Brauch (sunnet-i seniye)"und eine Buße für die Sünden. Es gibt ein Hadith, die sagt: "Bittet die Kranken um ihr Gebet, denn ihre Gebete werden angenommen." Besonders dann, wenn der Kranke ein Verwandter ist, der eigene Vater oder die eigene Mutter, ist der Dienst an ihnen bedeutsam wie ein Gottesdienst und birgt in sich bedeutsamen Lohn. Das Herz der Kranken zufriedenzustellen, ihnen Tröstung zu bringen, ist wie ein bedeutsames Almosen (sadaqa).Glücklich ist der Sohn, der sich um Vater und Mutter in ihrer Krankheit kümmert, ihre empfindsamen Herzen zufriedenstellt, und sie um ihre Gebete bittet. Ja, vor jenem treuen Bild, das die Haltung eines Sohnes, der in völliger Hochachtung und selbstloser Liebe, wie sie eines Sohnes würdig sind, die selbstlose Liebe seiner Eltern, welche die am höchsten zu achtende Grundlage menschlichen Gemeinschaftslebens ist, in den Tagen ihrer Krankheit erwidert, und menschliche Erhabenheit und Größe zeigt, rufen sogar auch die Engel "Masha-a'llah, Barek-a'llah!" rühmend und preisend aus. Es gibt tatsächlich
während einer Krankheit sehr angenehme und erfreuliche Genüsse, welche durch die selbstlose Liebe (shefqat),das Mitleid und die Barmherzigkeit (merhamet)um ihn herum sichtbar werden, und den Schmerz der Krankheit zu nichts werden lassen.
Dass sein Gebet angenommen wird, ist für einen Kranken eine Angelegenheit von einiger Wichtigkeit.
Ich habe seit dreißig, vierzig Jahren um die Heilung von einer Krankheit, die Rheuma heißt, gebetet. Ich habe verstanden, dass die Krankheit geschickt wurde um des Gebetes willen... Ich habe verstanden, dass das Gebet erst im Jenseits seine Frucht bringt, weil das Gebet nicht durch das Gebet, d.h. das Gebet nicht durch sich selbst aufgehoben werden kann. {(*): Ja, manche Krankheit dient dem Gebet als Existenzgrundlage. Diente das Gebet der Krankheit als Grundlage für deren Nichtexistenz, dann wäre die Existenz des Gebetes die Grundlage für seine eigene Nichtexistenz. Das aber ist unmöglich.} Die Krankheit ist auch selbst eine Art Anbetung (ibadet),und der in ihr seine Schwäche begreift, nimmt am Throne Gottes seine Zuflucht. Es kam mir deshalb während der dreißig Jahre, die ich um Genesung betete, ohne dass mein Gebet äußerlich sichtbar angenommen worden wäre, niemals in den Sinn, das Gebet aufzugeben. Denn Krankheit ist eine Zeit des Gebetes, Heilung nicht die Folge des Gebetes. Wenn also der barmherzige Arzt und Herr (Djenab-i Hakiem-i Rahim)Genesung (shifa)schenkt, schenkt Er sie aus Seiner Fülle (fadl).Wenn aber das Gebet nicht in der von uns gewünschten Form erhört wurde, kann man nicht sagen, es sei nicht angenommen worden. Der allweise Schöpfer (Khaliq-i Hakiem)weiß es besser und schenkt zu unserem Wohlergehen, was uns zum Besten dient. Manchmal verwandelt Er ein dem Weltlichen zugewandtes Gebet, erhört es um unseres Heiles willen im Jenseits... und solcherart nimmt Er es an. Wie dem auch immer sei... Ein Gebet, das durch das Geheimnis der Krankheit an Reinheit gewinnt, ist besonders dann, wenn es aus Armseligkeit,
Schwäche und dem Gefühl der Blöße und Bedürftigkeit erwächst, nahe daran, angenommen zu werden. Krankheit wird so zum Angelpunkt der Reinheit eines solchen Gebetes. Sowohl der fromme Kranke als auch die Gläubigen, welche ihn pflegen, sollten die Möglichkeit zu einem solchen Gebet wahrnehmen.
Achtzehntes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du aufgehört hast zu danken und begonnen hast zu klagen! Die Klage entsteht aus einem Rechtsanspruch. Es ist keines deiner Rechte verletzt worden, sodass du zu klagen hättest. Ja, es gibt noch viele Dankansprüche, deren Erfüllung du noch nicht nachgekommen bist. Ohne den Rechtsanspruch Gottes, des Gerechten zu erfüllen, versuchst du, dir dein Recht einzuklagen, so als ob du selber Ihm gegenüber einen Rechtsanspruch hättest. Du darfst nicht aufschauen zu denen, die sich auf einer höheren Stufe befinden als du und gesund sind, und dich dabei beklagen. Deine Aufgabe besteht vielmehr darin, in Dankbarkeit auf jene hilflosen Kranken hinunterzublicken, die sich hinsichtlich deines eigenen Gesundheitszustandes eine Stufe unter dir befinden. Hast du dir deine Hand gebrochen, schaue auf jene, die ihre Hand verloren haben! Fehlt dir ein Auge, schaue auf die Blinden, die gar keine Augen haben! Danke Gott! Es gibt niemanden, der das Recht hätte, auf Gnadengaben (nimet)zu schauen, die über ihn selbst hinausreichen. Im Unglück hat jedermann lediglich das Recht, auf diejenigen zu schauen, die sich - vom Standpunkt seines eigenen Unglücks aus betrachtet - unter ihm befinden, um dankbar zu sein. Dieses Geheimnis wurde in einigen Abhandlungen mit einem Beispiel erklärt. Es folgt hier eine kurze
Zusammenfassung:
Ein Herr lässt einen bedauernswerten Menschen in einem Minarett emporsteigen. Auf jeder Stufe des Minarettes erweist er ihm jeweils wieder eine andere Wohltat, überreicht ihm ein Geschenk. Und auch als er ganz oben angekommen ist, legt er ihm noch ein besonders großes Geschenk in den Arm... Doch wenn nun dieser ungehobelte
Kerl alle die Geschenke vergisst, die er auf diesen Stufen empfangen hat, und - obwohl er eigentlich für diese verschiedenen Geschenke ein Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit zum Ausdruck bringen sollte - diese geringschätzt und ohne zu danken nach oben schaut und sagt: "Ach wenn doch dieses Minarett noch höher wäre, könnte ich noch höher hinaufsteigen! Warum ist es denn nicht so gewaltig hoch wie dieser Berg oder ein anderes Minarett?", und zu klagen begänne, was wäre das doch für eine große Undankbarkeit (küfran-i nimet)und Ungerechtigkeit (haqsiz)!
Desgleichen gilt:
Der Mensch trat aus dem Nichtsein ins Dasein. Er blieb nicht Stein. Er blieb nicht Baum. Er blieb nicht auf der Stufe eines Tieres stehen. Er wurde Mensch. Er wurde Muslim. Er erfreute sich lange Zeit seiner Gesundheit. Es erging ihm wohl. Obgleich er damit Gnadengaben in hohem Maße erhalten hatte, entglitten sie wieder seinen Händen durch manche Störungen oder, weil er sich einiger Gnadengaben wie Gesundheit und Wohlergehen nicht würdig erwiesen hatte, oder durch seine Böswilligkeit (su-i ihtiyar),durch Missbrauch oder seine Hand vermochte sie nicht mehr zu erreichen. Nun klagt er, zeigt sich ungeduldig, sagt: "Was habe ich getan, dass mir solches widerfuhr?" und kritisiert mit dieser Haltung Gott den Herrn (rububiyet-i Ilahiye).Das ist schlimmer noch als eine äußerliche Krankheit, eine Erkrankung der Seele (manevi).Ähnlich wie ein Kämpfer, der mit gebrochener Hand weiter kämpft, verschlimmert er sein Übel noch durch seine Klage.
اَلَّذِينَ اِذَآ اَصَابَتْهُمْ مُصِيبَةٌ قَالُوٓا اِنَّا لِلّٰهِ وَاِنَّآ اِلَيْهِ رَاجِعُونَ
{"Sie sagen, wenn ein Übel sie schlägt: Von Allah sind wir und zu Ihm werden wir wieder zurücckehren." (Sure 2, 156)}
Vernünftig ist, wer mit diesem Geheimnis sich in Geduld ergibt, bis diese Krankheit ihre Aufgabe erfüllt hat und vorübergeht...
Neunzehntes Heilmittel:
Alle Namen Gottes, der vollkommen ist in Seiner Schönheit (Djemil-i Dhu l-Djelal),sind, wie der Titel
"Die schönsten Namen (esma-ul husna)"Gottes, des Einzigartigen (Samed),anzeigt, vollendet und schön. Innerhalb des Seins aber ist das Leben der feinste, schönste, umfassendste Spiegel der Einzigartigkeit (Gottes = Samedaniyet).Der Spiegel der Schönheit ist schön. Der Spiegel, welcher den Wert der Schönheit aufzeigt, verschönert sich, denn was an Schönheit in diesen Spiegel hineinfällt, ist schön. So ist auch das, was ins Leben hineinkommt, vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit (haqiqat)betrachtet, schön. Denn es zeigt die schönen Ornamente der schönen Namen (Gottes), die schön sind. Das Leben, verliefe es in Gesundheit und stetem Wohlergehen, wäre eintönig, die Spiegelung unvollständig. Ja, es wäre in dieser Hinsicht wie nichtig, gleichsam eine Negation, ließe Hohlheit empfinden und Langeweile aufkommen. Der Wert des Lebens würde gemindert. Der Sinn des Lebens würde in Langeweile verkehrt. Der Mensch in seiner Langeweile wirft sich entweder in Ausschweifungen oder in Vergnügungen, damit die Zeit rascher vergehe. Wie eine Zeitspanne, die er im Gefängnis verbringen muss, betrachtet er die Zeitspanne seines Lebens mit feindseligen Augen, möchte die Zeit totschlagen, damit sie ihm rascher vergehe. Doch ein Leben, das ständig sich wandelt und niemals sich gleicht, das wie eine Reise ständig in Aufbruch und Bewegung abrollt, lässt seinen Wert verspüren, lässt Sinn und Bedeutung der (Lebens)zeit erkennen...
Wäre es auch in Mühen und Plagen, man wollte nicht, dass das Leben vergeht. Er sagt nicht in seiner Langeweile: "Ach Gott, die Sonne ist noch immer nicht untergegangen! Die Nacht ist noch immer nicht vorüber! Oh Gott, mein Gott!" Ja, frage einmal einen sehr reichen Herrn, der in einem luxuriös eingerichteten Hause müßig auf seinem Sofa liegt: "Wie ist Ihr geschätztes Befinden?" Sicherlich wird er dir mit betrübter Miene antworten: "Ach Gott, die Zeit will nicht vergehen! Komm, wir spielen Scheschbesch oder lass uns irgendeinen anderen Zeitvertreib finden!"... Oder du bekommst Anklagen
zu hören, die aus Gier und Geiz erwachsen sind, wie: "Dieses oder jenes fehlt mir noch" oder: "Ach, hätte ich doch noch diese Sache erledigt!" Frage dagegen einmal einen armen, geplagten Menschen, einen, der sich schwer mühen und anstrengen muss: "Wie geht es Dir?" Wenn er seine fünf Sinne beieinander hat, wird er dir antworten: "Gott sei Dank! Mir geht es gut. Ich habe Arbeit. Vergingen die Tage nicht so schnell, könnte ich diese Arbeit noch zu Ende bringen! Die Zeit vergeht schnell, steht nicht still. Das Leben vergeht. Ich habe ja wirklich meine Mühe, aber das vergeht auch. Es vergeht alles so rasch." Damit wird er dir zu verstehen geben, wie wertvoll das Leben für ihn ist, mit dem Ausdruck des Bedauerns über seine Vergänglichkeit! Das heißt, er vermag unter Mühen und Plagen sein Leben zu genießen und dessen Wert zu verstehen. Gesundheit und Wohlbefinden dagegen machen das Leben bitter, sodass man sein Ende herbeisehnt.
Ach mein kranker Bruder! Wisse, dass - wie wir bereits in anderen Abhandlungen ausführlich und auf unwiderlegbare Weise bewiesen haben - die Wurzel und Hefe des Übels, des Bösen, ja, sogar der Sünde das Nichtsein ist. Das Nichtsein aber ist das Böse, die Finsternis. Zustände wie gelangweilte Ruhe, Schweigen, Stille, Stillstand führen zur Langeweile, weil sie nahe am Nichtsein, dem Nihilismus liegen, weil sie die Finsternis des Nichtseins spürbar werden lassen. Was aber Bewegung und Veränderung betrifft, so sind sie das Sein, lassen sie "Sein" empfinden. Sein aber ist reine Güte (khalis khayir),Licht. Nun ist aber die Wahrheit folgende: Die Krankheit, die du hast, dient dazu, dein kostbares Leben zu reinigen, zu festigen, zu erhöhen und zu entfalten und alle Funktionen des menschlichen Körpers anzuregen, das erkrankte Organ helfend und heilend zu unterstützen sowie die Ornamente aller der verschiedenen Gottesnamen des Meisters und Arztes (Sani-i Hakiem)aufzuzeigen. Für alle diese und noch viele andere Aufgaben wurde diese Krankheit - gleichsam wie
ein Gast - in deinen Körper gesendet. Insha-a'llah, dass sie ihre Aufgabe rasch beendet und vorübergeht! Dann wird sie zu deinem Wohlergehen sagen: "Komm her! Bleibe statt meiner für immer hier! Erfülle diese Aufgabe! Dieses Haus ist dein. Bleibe darin nach deinem Wohlgefallen! "
Zwanzigstes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du eine Arznei gegen deinen Kummer suchst! Es gibt zwei Arten von Krankheiten. Die eine Art sind die tatsächlichen, die andere Art sind die eingebildeten Krankheiten.
Was die Art der tatsächlichen Krankheiten betrifft, so hat der Erhabene, der Weise, der Heilende (Shafi-i Hakiem-i Dhu l-Djelal)
in Seiner großen Apotheke, die der Erdball ist, für jedes Leiden ein Heilmittel aufbewahrt. Was aber diese Heilmittel betrifft, so ist das Leiden für sie notwendig. Allah hat für jedes Leiden eine Arznei geschaffen. Ein Mittel zur Behandlung zu gebrauchen, ist erlaubt. Doch sollte man dessen Wirkung und die Heilung von Gott dem Gerechten erwarten. So wie Er die Arznei gegeben hat, so wird Er auch Heilung geben... Sich an die Anweisungen geschulter und gläubiger Ärzte zu halten, ist ein bedeutendes Heilmittel. Die meisten Krankheiten entstehen durch Missbrauch, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit (israf),Lasterhaftigkeit (khatiat),Ausschweifung und Unvorsichtigkeit. Der gläubige Arzt wird dem Kranken sicherlich im Rahmen dessen, was (im Islam) erlaubt ist, einen Rat erteilen oder ihm etwas verbieten. Er wird ihm Missbrauch und Maßlosigkeit (israf)verbieten und ihm Trost geben. Der Kranke, der auf diese Ratschläge und Tröstungen vertraut, wird für seine Krankheit Erleichterung finden, und nach seiner Beklemmung froh und frei atmen können.
Was aber die nur eingebildeten Krankheiten betrifft, so ist ihr wirksames Heilmittel, ihnen keine Bedeutung beizumessen. Misst du ihnen eine Bedeutung bei, wachsen sie, blähen sich auf. Misst du ihnen keine Bedeutung bei, schrumpfen sie, lösen sich auf. Ähnlich, wie wenn du ein Bienenvolk aufstörst, und die Bienen dir um den Kopf
schwirren. Bleibst du unbeteiligt und ruhig, zerstreuen sie sich. Genauso vergrößert sich ein Seil, das im Dunkeln vor deinen Augen pendelt, wenn du ihm eine Bedeutung in deiner Einbildung beimisst. Es macht sogar, dass du wie im Wahnsinn fliehst. Misst du ihm keine Bedeutung bei, siehst du, dass ein einfaches Seil keine Schlange ist, und lachst über die Panik, die dich ergriffen hatte. Besteht eine eingebildete Krankheit lange Zeit fort, verwandelt sie sich in eine echte. Einbildung ist für sensible Menschen eine schlimme Krankheit. Sie bauen aus einem Samenkorn eine Kuppel. Ihre Geisteskräfte werden zerbrochen. Besonders, wenn jemand in die Hände jener unbarmherzigen, halbgebildeten oder verständnislosen Doktoren gerät, verschlimmert sich noch seine Einbildung. Handelt es sich dabei um einen Reichen, verliert er ein Vermögen. Und wenn nicht dies, dann den Verstand oder die Gesundheit.
Einundzwanzigstes Heilmittel:
Mein kranker Bruder! Deine Krankheit ist ein äußerliches Leiden. Es umgibt dich aber auch eine bedeutsame innere Freude, welche die Auswirkungen dieses äußerlichen Leidens auszugleichen vermag. Denn du hast Vater, Mutter und Verwandte. Ihre seit langem vergessenen, doch so willkommenen Zärtlichkeiten (shefqat)erwachen wieder, zusammen mit den liebevollen Blicken, wie du sie in deiner Kindheit erfahren hast und nun wieder neu erfährst. Die vielen Erweise der Freundschaft, die sie dir heimlich und im Verborgenen erbracht haben, erlebst du nun - ausgelöst durch deine Krankheit - in neuerlicher Zuwendung (muhabbet).Und sicherlich erscheint dir neben all dem dieses dein äußerliches Leiden als nur gering. Die Herren, denen zu dienen du dich gerühmt hattest und deren Gunst zu erwerben du bemüht warst, erweisen dir infolge deiner Krankheit die Dienste ihrer Barmherzigkeit. So bist du der Herr deiner Herren geworden. Zudem hast du die humanitären Gefühle der Menschheit und die Zärtlichkeit des Menschengeschlechtes zu dir selbst herangezogen und aus dem Nichts hilfreiche
Kameraden und zärtliche Freunde gewonnen. Des Weiteren hast du auch von deiner Krankheit nach vieler, mühevoller Arbeit den Befehl erhalten, jetzt aber einmal eine Pause einzulegen, ruhst dich nun aus... Sicherlich sollten dich deine - im Vergleich zu den damit verbundenen inneren Wohltaten (manevi lezzetler)- so geringen Leiden dazu anhalten, nicht zu klagen, sondern zu danken.
Zweiundzwanzigstes Heilmittel:
Oh du Bruder, der du von schlaganfall-ähnlichen Krankheiten betroffen bist! Zunächst einmal darf ich dir verkünden, dass Schlaganfälle für die Gläubigen gesegnet (mubarek)sind. Das habe ich vor langer Zeit von den Heiligen (ehl-i velyat)gehört; denn ich kannte dieses Geheimnis noch nicht. Das Geheimnis kam auf folgende Weise in mein Herz: Die Gottesleute, wenn sie Gott, den Gerechten erreichen wollten, beachteten, um sich vor den gewaltigen geistigen Gefahren dieser Welt zu retten und sich das ewige Heil zu sichern, folgende beide Grundprinzipien (esas):
Erstens:
Die Vergegenwärtigung des Todes (rabita-i maut).Das heißt: Sie bemühten sich in der Weise um das ewige Leben, dass sie an die Vergänglichkeit dieser Welt dachten und sich selbst als einen, der darin einen auch nur vorübergehenden Gastauftrag hat.
Zweitens:
Um sich vor den Gefahren ihrer triebhaften Seele und den blinden Empfindungen (ihrer uneinsichtigen Haltung) zu erretten, fasteten sie und kasteiten sich vierzig Tage lang wie die Novizen, um ihre triebhafte Seele abzutöten.
Oh du Bruder, der du die Hälfte deiner Körperfunktionen eingebüßt hast! Diese zwei Grundprinzipien, die dich schnell und leicht zum Heile führen, sind dir in den Schoß gefallen. Der Zustand deines Körpers gemahnt dich ständig an das Ende alles Diesseitigen und die Vergänglichkeit des Menschen. Die Welt kann dich nicht mehr ersticken, die Gottvergessenheit deine Augen nicht mehr verschließen. Einen nun mehr halben Menschen kann seine triebhafte Seele sicherlich nicht mehr durch schändliche Neigungen und fleischliche Gelüste
verführen; er wird rasch von der Plage jener Begierde errettet.
So kann ein Gläubiger durch das Geheimnis des Glaubens (sirr-i iman),der Ergebung (teslimiyet)und des Vertrauens (auf Gott = tevekkul)aus einer so schweren Krankheit wie einem Schlaganfall in kurzer Zeit den gleichen Nutzen ziehen wie die Heiligen (ehl-i velayet)aus ihren Kasteiungen. So erscheint dir dann diese schwere Krankheit nur mehr als gering.
Dreiundzwanzigstes Heilmittel:
Oh du Kranker, der du hilflos in der Fremde bist und niemanden hast! Wenn du in der Fremde zugleich auch krank bist, niemanden hast und sich nun selbst in den härtesten Herzen ein Mitleid dir gegenüber regt, und wenn du nun so die Blicke derer, die mit dir fühlen, auf dich lenkst, wirst du dann nicht etwa auch den Blick dessen, der sich selbst zu Beginn jeder Sure des Qur'an mit dem Attribut "der Erbarmer, der Barmherzige (Rahman-ir Rahim)"vorstellt, und der mit einem Funken Seiner Zärtlichkeit (lem'a-i shefqat)in allen Müttern für alle Kinder mit dieser wunderbaren Zärtlichkeit (shefqat)sorgen lässt, der jeden Frühling durch eine Manifestation Seiner Barmherzigkeit (rahmet)das Antlitz der Erde wieder neu mit Seinen Gnadengaben erfüllt, der im ewigen Leben des Paradieses in all Seiner Schönheit eine Manifestation Seiner Barmherzigkeit ist, diesen Blick des barmherzigen Schöpfers (Khaliq-i Rahiem),dem du im Glauben verbunden bist, und den du anerkennst, indem du in deiner Krankheit und Schwäche unausgesprochen (lisan-i adjz)zu Ihm flehst, in dieser deiner Krankheit mit Sicherheit auf dich lenken, wo du doch in der Fremde bist und niemanden hast? Wenn das aber nun so ist, dann ist Er da, es gibt Ihn, Er schaut (nazar-i rahmet)auf dich und alles ist für dich da. Im Grunde genommen ist derjenige in der Fremde wirklich allein, und hat tatsächlich niemanden, welcher in Glaube und Ergebung keine Verbindung mit Gott hat oder seiner Verbundenheit mit Ihm keinen Wert beimisst.
Vierundzwanzigstes Heilmittel:
Oh ihr, die ihr die unschuldigen Kinder pflegt und die alten Leute, die den unschuldigen Kindern gleich geworden sind!... Auf euch
wartet im Jenseits ein hoher Verdienst. Strebt mit Eifer danach, euch diesen Verdienst zu erwerben... Die Krankheiten der unschuldigen Kinder sind ein Training für diese noch zarten Körper, eine Askese, einer Spritze und einer Zuchtrute des Herrn (terbiye-i Rabbani)gleich, dazu bestimmt, ihr Leben zu reinigen und das Kind auf das Leben sowohl in dieser Welt vorzubereiten und zugleich - wie die Sündenbuße der Erwachsenen - auch auf das Leben des Geistes (ruh),damit es gegenüber einer ruhelosen zukünftigen Welt widerstandsfähig werde. Sie ähneln einer Spritze für den Geist, gegeben, damit es sich für die Zukunft und für das Jenseits entwickeln kann. Die aus ihnen erwachsenen Verdienste werden auch im Buche der Taten der Eltern aufgezeichnet, besonders aber im Buche der Mutter, wenn sie zum Wohle ihres Kindes ihre eigene Gesundheit eingesetzt hat. Dies steht fest für die, welche sich die Wahrheit zu Eigen gemacht haben. Was die alten Leute betrifft, so ist es ein großes Verdienst, sie zu pflegen, auch sie um ihr Gebet zu bitten, besonders wenn es der Vater oder die Mutter ist, ihre Herzen zu erfreuen und ihnen treu zu dienen. Das trägt sowohl zum Glück in dieser Welt bei als auch zur Glückseligkeit in der jenseitigen. Dass dies so ist, steht auf Grund der Überlieferung und auch vieler geschichtlicher Ereignisse fest. Glückselig ein Kind, das dem alten Vater, der alten Mutter gehorcht, entsprechend der Haltung, die es auch bei seinen eigenen Kindern sehen möchte! Unglücklich das Kind, wenn es seine Eltern kränkt! Es wird außer der Strafe im Jenseits auch schon im Diesseits viel Unglück als Strafe erfahren. Auch dies steht auf Grund vieler Ereignisse fest. Ja, Leute des Glaubens sollten nicht nur nach den Alten, den Unschuldigen schauen, wenn es ihre Verwandten sind (denn die wahre Bruderschaft besteht im Geheimnis des Glaubens), es ist vielmehr ein Erfordernis des Islam, ihnen mit Geist und Gemüt zu dienen, wenn sie ihnen begegnen, wenn der verehrte alte, kranke Mensch sie braucht.
Fünfundzwanzigstes Heilmittel:
Oh meine kranken
Brüder! Wenn ihr ein Gegenmittel sucht, das besonders wirksam ist und jeden Kummer heilt, das wahrhaft wohlschmeckend und rein (qudsi)ist, dann entwickelt euren Glauben (iman inkishaf)!Das heißt: Gebraucht dieses reine und heilige (qudsi)Gegenmittel, welches der Glaube ist, in Reue und Bußfertigkeit (tövbe ve istighfar),mit Gebet und Gottesdienst (namaz ve ubudiyet),ein Heilmittel, das aus dem Glauben kommt! Ja, wegen ihrer Liebe zur Welt, und weil sie ihr verhaftet sind, haben wohl wahrscheinlich die Gottvergessenen einen kranken Seelenkörper, so groß wie die Welt. Was aber den Glauben betrifft, so haben wir bereits in sehr vielen Abhandlungen unwiderlegbar bewiesen, dass der Glaube diesen Seelenkörper wie die Welt, wund und blau unter den Schlägen des Verfalls und der Trennung, plötzlich heilt, von seinen Wunden befreit, und ihm wahre Genesung schenkt. Um euch nicht länger lästig zu fallen, will ich mich kurz fassen.
Was den Glauben (iman)als ein Heilmittel betrifft, so wirkt es, wenn man seine pflichtgemäßen Gebete so weit wie möglich verrichtet. Gottvergessenheit, Ausschweifung, fleischliche Gelüste und (islamisch) ungesetzliche Vergnügungen behindern die Wirkung dieses Gegenmittels. Weil also die Krankheit Gottvergessenheit aufhebt, Begierden tötet und hindert, dass man sich (islamisch) ungesetzlichen Genüssen hingibt, sollt ihr daraus euren Nutzen ziehen. In Reue und Bußfertigkeit (tövbe ve istighfar),mit Gebet (dua)und inbrünstigem Flehen sollt ihr das reine, heilige (qudsi)Heilmittel und das Licht des wahren Glaubens (haqiqi iman)gebrauchen... Gott der Gerechte gebe euch Gesundheit, und nehme eure Krankheiten als Buße für eure Sünden an! Amen, amen, amen...
وَقَالُوا الْحَمْدُ لِلّٰهِ الَّذِى هَدٰينَا لِهٰذَا وَمَا كُنَّا لِنَهْتَدِىَ لَوْلآَ اَنْ هَدٰينَا اللّٰهُ لَقَدْ جَآءَتْ رُسُلُ رَبِّنَا بِالْحَقِّ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ ٭ اَللّهُمَّ صَلِّ عَلٰى سَيِّدِنَا مُحَمَّدٍ طِبِّ الْقُلُوبِ وَدَوَآئِهَا وَعَافِيَةِ الْاَبْدَانِ وَشِفَآئِهَا وَنُورِ الْاَبْصَارِ وَضِيَآئِهَا وَعَلٰى اٰلِهِ وَصَحْبِهِ وَسَلِّمْ
{"Wir wären nicht geleitet, hätte nicht Allah uns geleitet. Wahrlich, es kamen die Gesandten unseres Herrn mit der Wahrheit." (Sure 7, 41) "Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32) "Oh Allah, segne unseren Herrn Mohammed, den Arzt unserer Herzen und seine Medizin, Wohlergehen für unsere Leiber und deren Heilung, ein Licht und eine Leuchte unseren Augen. Segne ihn und seine Familie und seine Gefährten!"}
Sechsundzwanzigster Blitz
Ein Seelenführer für die Alten
Diese Abhandlung beinhaltet sechsundzwanzig "Hoffnungen" und tröstende Lichter.
Erinnerung:
Der Grund, dass ich am Anfang jeder "Hoffnung" meine seelischen Schmerzen dermaßen in Trauer versetzend und Mitleid erregend geschrieben habe, liegt darin, dass ich die außerordentliche Wirkung des Heilmittels, welches aus dem Weisen Qur'an kommt, zeigen will. Diese Abhandlung, die den Alten gehört, konnte aus drei, vier Gründen eine schöne Ausdrucksweise nicht beibehalten.
Erstens:
Da sie zu meinem Lebenslauf gehört, war ich in meiner Vorstellung in vergangenen Zeiten, und sie wurde in dieser damaligen Stimmung geschrieben. Daher konnte ich eine wohlgesetzte Ausdrucksweise nicht immer durchhalten.
Zweitens:
Da sie in einer Zeit nach dem Morgengebet geschrieben wurde, in der ich mich sehr müde fühlte und gezwungen war, schnell zu schreiben, ist die Ausdrucksweise unregelmäßig geworden.
Drittens:
Da ich nicht immer jemanden bei mir habe und der Schreiber, den ich habe, vier, fünf Aufgaben hat, die die Risale-i Nur betreffen, ist sie unregelmäßig geworden, da wir keine Zeit für die Korrektur hatten.
Viertens:
Nach der Abfassung waren wir beide, mein Schreiber und ich müde, konnten auf den Inhalt nicht konzentriert achten und begnügten uns nur mit einer oberflächlichen Korrektur. Mit Sicherheit werden sich in der Ausdrucksweise Fehler finden. Ich bitte die verehrten Alten, meine Fehler in der Ausdrucksweise mit Nachsicht zu betrachten. Die gesegneten Alten, deren Hände die
Barmherzigkeit Gottes (rahmet-i Ilahi)nicht leer lässt, mögen uns auch in ihre Gebete mit einschließen, wenn sie ihre Hände nach der Schwelle Gottes ausstrecken.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ كٓهٰيٰعٓصٓ ٭ ذِكْرُ رَحْمَتِ رَبِّكَ عَبْدَهُ زَكَرِيَّا ٭ اِذْ نَادٰى رَبَّهُ نِدَآءً خَفِيًّا ٭ قَالَ رَبِّ اِنِّى وَهَنَ الْعَظْمُ مِنِّى وَاشْتَعَلَ الَّرأْسُ شَيْبًا وَلَمْ اَكُنْ بِدُعَآئِكَ رَبِّ شَقِيًّا
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Qaf-Ha-Ya-'Ain- Sad. Gedacht sei (in dieser Verkündigung) der Barmherzigkeit, die dein Herr seinem Diener Zacharias bezeigt hat! (Damals) als er im Stillen seinen Herrn anrief! Er sagte: 'Herr! Das Gebein ist mir schwach geworden, und der Kopf altersgrau. Und ich hatte, wenn ich zu dir, Herr, betete, nie Misserfolg.'"(Sure 19, 1-4)}
Dieser "Blitz" besteht aus sechsundzwanzig "Hoffnungen".
Erste Hoffnung:
Oh Ihr verehrten alten Schwestern und Brüder, die Ihr in ein reifes Alter gekommen seid! Ich bin auch alt, wie Ihr. Ich will die "Hoffnungen", die ich in der Zeit meines Altseins dann und wann gefunden habe, und manche von den geistigen Zuständen, die ich erlebt habe, niederschreiben, um Euch an dem tröstenden Licht dieser Hoffnungen teilnehmen zu lassen. Das Licht, das ich gesehen habe, und die Türen der Hoffnungen, die ich gefunden habe, wurden mit Sicherheit meiner mangelhaften, gleichsam getrübten Begabung entsprechend gesehen und geöffnet. Insha-a'llah, so Gott will, werden Eure sauberen und klaren Begabungen die von mir gesehenen Lichter noch glänzender erscheinen lassen und die von mir gefundenen Hoffnungen noch weiter stärken.
Die Quelle, Born und Brunnen dieser folgenden Hoffnungen und Lichter ist also der Glaube (iman).
Zweite Hoffnung:
Am Anbeginn meines Alters betrachtete ich einmal die Welt an einem Nachmittag im Herbst von einem hohen Berg aus. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Mitleids und der Trauer und eine in gewisser Hinsicht dunkle Stimmung. Ich sah, ich war alt, der Tag wurde auch alt, das Jahr wurde alt und die Welt wurde auch alt. Inmitten dieses Altseins verspürte ich, dass sich die Zeit der Trennung von der Welt und des Abschieds von allen meinen Geliebten näherte. Das Altsein erschütterte mich zutiefst. Plötzlich öffnete sich die Barmherzigkeit Gottes mir gegenüber dermaßen, dass sie diese Mitleid erregende Traurigkeit und Trennung in eine starke Hoffnung und in das Licht einer glänzenden Tröstung umwandelte.
In der Tat, oh Ihr Altgewordenen wie ich! Die Barmherzigkeit (rahmet)des gütigen Schöpfers (Khaliq-i Rahiem),der sich uns im Weisen Qur'an an hundert Stellen mit den Eigenschaften "der Barmherzige, der Gütige (Errahman-ir Rahiem)"vorstellt, der Seine Barmherzigkeit ständig den Lebewesen auf der Erde, die sich nach Barmherzigkeit sehnen, zu Hilfe schickt, der jedes Jahr den Frühling mit grenzenlosen Gaben und Geschenken aus dem Verborgenen füllt und uns, die wir der Versorgung bedürfen, zu Hilfe eilt, und der dem Grade der Schwäche und Hilflosigkeit (da'if u adjz)entsprechend Seine Barmherzigkeit erscheinen lässt, ist für uns in diesem unserem Altsein die größte Hoffnung und das stärkste Licht. Diese Barmherzigkeit (rahmet)zu finden, ist nur dadurch möglich, dass man durch den Glauben in nähere Beziehung mit diesem Barmherzigen (Rahman)tritt und in der Einhaltung der Pflichtgebote Ihm gegenüber seinen Gehorsam erweist.
Dritte Hoffnung:
Einmal, als ich aus dem Schlaf in der Nacht meiner Jugend am Morgen des Altseins erwacht war, betrachtete ich mich selber. Mein Körper bewegte sich in Richtung des Grabes, als liefe er einen Abhang hinunter. Wie Niyazi Misri sagte:
"Jeden Tag fällt ein Stein von meinem Lebensgebäude auf die Erde, Der Geist (djan) liegt sorglos und ahnungslos, während sein Gebäude eine Ruine wird."
so wurde auch mein Körper, der das Haus meines Geistes (ruh)ist, zu einer Ruine, in der jeden Tag ein Stein herunterfiel. Meine Erwartungen und meine Hoffnungen, die mich fest an die Welt banden, begannen zu zerreißen. Ich verspürte, dass sich die Zeit der Trennung von meinen zahllosen Freunden und Geliebten näherte. Ich suchte nach der Salbe für diese geistige, sehr tiefe und scheinbar unheilbare Wunde. Ich konnte sie nicht finden. Nochmals sagte ich wie Niyazi Misri:
"Das Herz nach Bestand, Gott der Gerechte, dass verschwand der Körper verlangt,
Von einem unheilbaren Schmerz bin ich betroffen,
ach! Wofür selbst Lokman (der Arzt) den Rat nicht weiß."
{Das heißt: Obwohl mein Herz mit aller Kraft nach ewigem Bestehen (beqa) verlangt, erfordert die Weisheit Gottes die Zerstörung meines Leibes. Ich bin von einem unheilbaren Schmerz betroffen, den auch der Arzt Lokman nicht heilen kann.}
Auf einmal wurde das Licht des ruhmreichen Propheten, mit dem Friede und Segen sei, der das Sprachrohr, Beispiel, Inbegriff, Ausrufer und Repräsentant der Barmherzigkeit Gottes ist, unser Fürsprecher, der Menschheit ein Geschenk der Rechtleitung zu einer guten Salbe und einem Heiltrank für jene unheilbar geglaubte Wunde, meinen grenzenlosen Schmerz. Es verwandelte meine düstere Verzweiflung in eine lichtvolle Hoffnung.
Ja, in der Tat, ihr meine sehr verehrten Herren und Damen, die ihr wie ich euer Altsein fühlt! Wir gehen; Darüber können wir uns nicht hinwegtäuschen. Auch wenn wir davor die Augen schließen, können wir nicht länger bleiben. Das ist der Aufbruch. Die Welt des Grabes, die uns durch
die finsteren, irrigen Vorstellungen, die aus Gottvergessenheit und zum Teil von den Leuten des Irrweges kommen, als Trennung und finster erscheint, ist der Versammlungsort der Freunde. Sie ist die Welt des Wiedersehens, vor allem mit unserem Fürsprecher, dem Geliebten Gottes (Habibullah),mit dem Friede und Segen sei, und mit allen unseren Freunden. In der Tat ist er seit 1350 Jahren der König (sultan)von 350 Millionen Menschen, der Erzieher ihrer Seelen (ruhlarinin murebbi),der Lehrer ihres Verstandes (aqillarinin muallimi)und der Geliebte ihrer Herzen (qalberini mahbub).An jedem Tag werden so viele Pluspunkte (hassenat)für die Wohltaten seiner ganzen Gemeinde nach dem Geheimnis von اَلسَّبَبُ كَالْفَاعِلِ {"Der Verursacher wird bewertet wie der Täter."} auf das Konto seiner guten Taten gebucht. Er ist der Anlass und das hohe Ziel Gottes in Seiner Schöpfung. Er ist der Grund für die Erhöhung des Wertes allen Seins. In dem Augenblick, als er, Ahmed, mit dem Friede und Segen sei, nach absolut zuverlässiger Überlieferung und auf Grund wahrhafter visionärer Schauungen (keshf-i sadiqa)zur Welt kam, rief er "Oh meine Gemeinde, oh meine Gemeinde (ummeti ummeti)".Genauso wird er am Tage der Wiederauferstehung, an dem jeder nur an sich denken und "meine Seele, meine Seele (nefsi nefsi= ich; ego)" rufen wird, wieder "Oh meine Gemeinde, oh meine Gemeinde" rufen und in einer heiligen (qudsi)und zuhöchst erhabenen Opferbereitschaft mit seiner Fürsprache seiner Gemeinde zu Hilfe eilen. Wir gehen in die Welt, in die diese Persönlichkeit gegangen ist. Wir gehen in eine solche Welt, die um jene Sonne mit den Sternen von zahllosen Reinen und Heiligen (asfiya ve auliya)erleuchtet wird.
Das also ist der Ausweg, um die Fürsprache jener Persönlichkeit zu erlangen, Nutzen zu ziehen aus seinem Licht und sich vor der Finsternis der Grabeswelt zu retten: die Befolgung seiner "hochgeschätzten Sitte (sunnet-i seniye)".
Vierte Hoffnung:
In einer Zeit, in der ich den Fuß
schon über die Schwelle des Alters gesetzt hatte, nahm zugleich auch meine Gesundheit, die meine Gottvergessenheit fortgesetzt hätte, schaden. Alter und Krankheit haben mich zusammen angegriffen, haben mir ständig auf den Kopf getrommelt und haben mir den Schlaf geraubt. Ich hatte nichts, was mich an die Welt hätte binden können, wie Haus, Hof und Familie. Als Frucht meines Lebens, des Kapitals, das ich im Rausch der Jugend verloren hatte, fand ich nur Fehler und Sünde. Wehklagend sagte ich wie Niyazi Misri:
"Ein Geschäft habe ich nicht gemacht,
die Barschaft meines Lebens veflog,
aufgewacht hab ich mich aufgemacht,
doch ach, die ganze Karavane ist auf und davon schon,
und ich ohne Ahnung.
Tränen in den Augen, brennend der Schmerz, ratlos der Verstand, und ich ohne Ahnung."
Damals war ich in der Fremde. Eine Traurigkeit in Verzweiflung, ein Bedauern in Reue und eine nach Hilfe suchende Sehnsucht verspürte ich. Auf einmal kam der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, mir zu Hilfe. Er öffnete mir eine Tür zu einer starken Hoffnung und verlieh mir das Licht einer dermaßen wahrhaftigen Tröstung, das selbst eine hundertfach stärkere Verzweiflung (ye's)als die in meinem damaligen Zustand zu beseitigen und jene Finsternisse zu vertreiben vermochte.
In der Tat, oh Ihr verehrten alten Frauen und Männer, deren Bindungen mit der Welt sich wie bei mir zu lösen und deren Fäden, die Euch mit der Welt verbinden, abzubrechen beginnen!
Ist es möglich, dass der majestätische Schöpfer (Sani-i Dhu l-Djelal),der diese Welt äußerst vollkommen und wohlgeordnet wie eine Stadt und wie ein Schloss erschuf, mit Seinen wichtigsten Gästen und Freunden in jener Stadt und in jenem
Schloss nicht sprechen sollte? Er machte dieses Schloss nun einmal mit Absicht, ordnete und verzierte es mit Seinem Willen (irade)und mit Seiner Entscheidung (ihtiyar).Der, welcher etwas tut, weiß, was er tut; und so ist es auch der, welcher etwas weiß, der weiß, was er sagt. Da Er uns dieses Schloss, diese Stadt nun einmal zu einem schönen Gästehaus und Handelsplatz machte, wird es auch mit Sicherheit eine Beschreibung, ein Buch geben, das Seine Beziehungen zu uns aufzeigt und was Er von uns erwartet.
So ist das Vollkommenste jener heiligen Schriften, der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, der sich in vierzig Hinsichten als Wunder zeigt, der in jeder Minute mindestens auf hunderttausenden Zungen ist, der Licht sprüht, der mit jedem Buchstaben mindestens zehn Segenspunkte (sevab)und soviel Segen wie von zehn Wohltaten (hassanat),manchmal zehntausend, manchmal in dem Geheimnis der Nacht der Bestimmung (Leyle-i Qadir),dreißigtausend Wohltaten und so viele Früchte im Paradies und Licht in die Grabeswelt (Berzah)bringt. Im Kosmos gibt es überhaupt kein Buch von gleichem Rang, das mit ihm konkurrieren könnte, und niemand kann ein solches herbeibringen. Da dieser Qur'an in unserer Hand nun einmal das Wort und der Erlass ist, welcher die absolute Herrschaft (rububiyet-i mutlaq)des majestätischen Schöpfers (Khaliq-i Dhu l-Djelal)der Himmel und der Erde, Seine Gottheit (azamet-i uluhiyet)und den Umfang Seiner Barmherzigkeit (ihata-i rahmet)offenbart, und eine Quelle Seiner Barmherzigkeit ist, halte dich an ihm fest! Eine Heilung für jeden Schmerz, ein Licht für jede Finsternis und eine Hoffnung für jede Verzweiflung liegt darin.
So ist der Schlüssel dieser ewigen Schatzkammer der Glaube (iman)und die Ergebung (teslim),dadurch dass man ihn hört, annimmt und liest.
Fünfte Hoffnung:
In einer Zeit, zu Beginn meines Altseins war ich auf dem Berg Juscha in Istanbul in der Umgebung vom Bosporus mit dem Wunsch, ein Einsiedlerleben zu führen. Im Alleinsein suchte meine Seele nach einer
Erholung und innerer Ruhe. An einem Tag betrachtete ich von diesem hohen Berg die Umgebung bis zum Horizont. Ein überaus trauriges und bedrückendes Bild von dem Untergang und der Trennung sah ich durch die Ermahnung des Altseins. Von der hohen Stelle des fünfundvierzigsten Zweiges meines Lebensbaumes, welcher das fünfundvierzigste Lebensjahr war, ließ ich mein Auge über die unteren Sprossen meines Lebensbaumes schweifen. Ich sah, dass sich innerhalb eines jeden Jahres da unten an jedem Ast zahllose Leichnahme meiner lieben Freunde und Bekannten befanden. In einem überaus bedrückenden seelischen Eindruck, der von jener Trennung und von dem ständigen Abschied erwuchs, dachte ich an die Freunde, die sich von mir verabschiedet hatten, und stöhnte wie Fuzuli Bagdadi:
"Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, dich wieder zu treffen, muss ich weinen.
Solange mein dürrer Körper noch atmet, werde ich erheben ein Wehgeschrei."
So suchte ich nach der Tür einer Tröstung, eines Lichtes und einer Hoffnung. Plötzlich kam mir das Licht aus dem Glauben an das Jenseits zu Hilfe. Er gab mir ein nie erlöschendes Licht und eine nie zerbrechende Hoffnung.
Oh, ihr Schwestern und Brüder, die ihr alt geworden seid, wie ich! Da es nun einmal das Jenseits gibt und es ewig besteht und noch schöner ist als diese Welt, und da der Herr (Dhat),der uns erschaffen hat, nun allweise (Hakiem)und barmherzig (Rahiem)ist, sollen wir nicht über das Alter klagen und trauern. Im Gegenteil ist das Alter, das im Glauben und in der Gottesanbetung ein reifes Alter erreicht, ein Zeichen der Entlassung vom Lebensauftrag und des Heimgangs in das Land der Barmherzigkeit. Daher müssen wir uns darüber freuen. In der Tat haben alle die, nach einer Hadith, 124 tausend Propheten, welche den edelsten Teil der Menschheit verkörpern, gemeinsam und übereinstimmend verkündet, und zwar gestützt teils auf ihre eigene
Zeugenschaft (shuhud),teils auf die Gewissheit ihrer Wahrhaftigkeit (haqqa l-yaqien),dass über die Existenz eines Jenseits Einmütigkeit besteht und alle Menschen dorthin gebracht werden, so wie es der Schöpfer (Khaliq)des Alls fest versprochen hat, sie in das Jenseits hinüberzuführen. In ähnlicher Weise bezeugen auch die 124 Millionen Heiligen, welche die Berichte (der Propheten) mit ihren Beobachtungen, Entdeckungen (keshif)und Zeugnissen (shuhud)als gesichertes Wissen (ilme l-yaqien)bestätigen, dass es ein Jenseits gibt. Auch alle Namen des weisen Baumeisters (Sani-i Hakiem)des Alls, deren Manifestationen in dieser Welt sichtbar werden, erfordern ganz offensichtlich eine beständige Welt und bezeugen wiederum die Existenz des Jenseits. Jedes Jahr im Frühling empfangen alle diese unzählbar vielen, wie tot auf ihren Beinen stehenden Skelette der Bäume, auf dem ganzen Erdenrund von der grenzenlos Urewigen Macht (qudret-i edhel)auf den Befehl: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei und es ist!" (Sure 2, 117)} ein neues Leben, offenbaren بَعْثُ بَعْدَ الْمَوْتِ {"ba'thu ba'd al-maut" - Auferstehung nach dem Tode,} werden die dreihunderttausend Pflanzenarten und Tiergattungen auferweckt und wieder versammelt, bilden hunderttausende Beispiele der Auferstehung und Wiederversammlung. So ist auch die ewige Weisheit (hikmet-i ebed)niemals kleinlich berechnend (hesabsiz)und dennoch niemals verschwendend (israfsiz).So erfordert auch die beständige Barmherzigkeit (rahmet-i baqiye)und das immerwährende Gnadengeschenk (inayet-i da'ima),das alles, was da lebt und der Nahrung bedarf, in vollkommener Liebe (kemal-i shefqat)auf wunderbare Weise ernährt und jeden Frühling in kurzer Zeit Arten von Schönheit und Wert ohne Zahl und Grenzen hervorbringt, ganz offensichtlich die Existenz eines Jenseits. Schließlich gibt es da noch diese starke, unerschütterliche und immerwährende Liebe zur Beständigkeit, Begeisterung für die Ewigkeit und Hoffnung auf Unsterblichkeit im Menschen, der die vollkommenste Frucht der Schöpfung, das bevorzugte Kunstwerk
des Meisters der Schöpfung ist, und mit allem, was da ist und lebt, in dieser Schöpfung am stärksten verbunden ist, die ganz offensichtlich ein Zeichen und Beweis dafür ist, dass wir nach dem Ende dieser vergänglichen Welt eine beständige Welt, eine jenseitige Wohnstatt und einen Ort der Glückseligkeit vorfinden werden. Und dieser Beweis trägt in sich eine so absolute Sicherheit, dass man die Existenz des Jenseits genauso klar und offen annehmen muss, wie die Existenz des Diesseits.
{(*): In der Tat ersieht man aus dem folgenden Beispiel, wie leicht es ist, eine Nachricht positiv aufzunehmen, und wie außerordentlich schwierig es ist, sie zu bestreiten oder zu widerlegen. Sagt also jemand: "Es gibt auf dieser Welt einen gar seltsamen und wunderbaren Garten, wo Milch in Dosen wächst." und ein anderer wollte sagen: "So etwas gibt es nicht.", so könnte der erstere seine Behauptung ganz leicht dadurch beweisen, dass er uns diesen Garten zeigt oder einige Früchte aus ihm herbei bringt. Der andere aber, welcher das bestreitet und diese Behauptung widerlegen wollte, müsste zum Beweis dafür die ganze Welt vorführen und besichtigen. Wenn wir einmal davon absehen, dass diejenigen, die uns Nachricht bringen über das Paradies, uns Hunderttausende von Absonderungen, Früchten und Spuren dessen gezeigt haben, so genügen in gleicher Weise bereits die Zeugnisse, die dies auf Grund zweier zuverlässiger Zeugen fest belegen. Wer dies aber abstreiten will, muss das ganze grenzenlose All und die ganze unbegrenzte Zeit betrachten und besichtigen, und - nachdem er alles durchsiebt hat - den Gegenbeweis antreten, und so diese Nicht- Existenz vor Augen führen. So, oh ihr meine alten Brüder, könnt ihr nun verstehen, wie stark der Glaube an das Jenseits ist...}
Da aber nun einmal der wichtigste Unterricht, den uns der Weise Qur'an erteilt, der Glaube an das Jenseits ist, ist dieser Glaube so stark, und liegen in diesem Glauben eine solche Hoffnung und eine solche Tröstung, dass die Tröstung, die aus diesem Glauben hervorgeht, dazu im Stande ist, dem Alter, das den Menschen befällt, hunderttausendfach Widerpart zu bieten. Wir alten Leute sollten:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى كَمَالِ الْاِيمَانِ
{"Allah sei Dank für den vollkommenen Glauben."}
sagen und uns unseres Alters erfreuen.
Sechste Hoffnung:
Einmal, als ich in dem Schmerz meiner Gefangenschaft von den Menschen floh, verweilte ich allein auf der Hochebene von Barla auf dem Gipfel des Tannenberges (Tjam Daghi). So allein wie ich war, suchte ich nach einem Licht. Eines Nachts befand ich mich in meinem nach oben hin offenen Baumhaus in dem Wipfel einer hohen Tanne auf dem Gipfel dieses hohen Berges. Mein Alter und mit ihm verbunden drei, vier verschiedene Arten ineinander verquickter Entfremdungen machten sich mir bemerkbar. Wie bereits im "Sechsten Brief" erläutert, erweckte diese Nacht mit ihren Stimmen, die aus dem Raunen und Rauschen der Bäume kamen, mit ihrer Traurigkeit, in der ich in meinem Alter still, stumm und allein in der Fremde zurückblieb, in mir ein tiefes Gefühl der Rührung. Es gemahnte mich das Alter daran, dass - so wie der Tag mit einem schwarzen Grab vertauscht wurde und die Welt sich in ein schwarzes Leichentuch eingehüllt hatte - sich auch der Tag meines Lebens in eine Nacht, diese Welt, wie ein Tag, sich in die Nacht des Zwischenreiches (Berzah)und auch der Sommer des Lebens sich in die Winternacht des Todes verwandeln werde, und sagte in meines Herzens Ohr. Und sogleich sagte mir meine Seele (nefs):
"Nicht nur weit entfernt von der Heimat bin ich hier. Nein, noch heftiger sind Trauer und Schmerz mir ob meiner Lieben, die ich während fünfzig Jahren meines Lebens verloren habe. Allein zurückgeblieben bin ich hier als ein Fremder und mein Weinen darüber ist schlimmer noch als mein Heimweh. Und schon wächst in mir die Trauer und der Schmerz einer Entfremdung, noch stärker als die Fremdheit in der Gestalt dieses seltsamen Berges und der Erscheinung dieser unheimlichen Nacht. Es ist
die Kunde, die das Alter mir vom Nahen der festgesetzten Zeit der Trennung von aller Welt bringt." Entfremdet fand ich mich inmitten der Fremde. Trauer über Trauer nahm Gestalt an. Da suchte ich nach einem Strahl der Hoffnung und des Lichtes. Da kam mir plötzlich der Glaube an Allah zu Hilfe und es wurde mir ein solcher Trost zuteil, dass er mir in meiner vielfachen Verlassenheit vollauf genügte und mir auch dann noch Trost genug gewesen wäre, hätte sie sich tausendfach vermehrt.
In der Tat, oh ihr alten Männer und Frauen, kann es Fremde für uns nicht geben, weil wir nun einmal einen barmherzigen Schöpfer (Rahiem bir Khaliq)haben; und weil es nun einmal Ihn gibt, sind auch alle Dinge für uns da; weil es nun einmal Ihn gibt, gibt es auch Seine Engel. Wenn das aber so ist, dann ist auch diese Erde nicht leer. Die unbewohnten Berge und die öden Wüsten sind erfüllt von den Dienern und Anbetern Gottes des Gerechten. Außer diesen, Seinen mit Bewusstsein begabten Dienern und Anbetern kann in Seinem Licht und in Seinem Namen selbst jeder einzelne Stein und Baum uns zu einem vertrauten Freund werden. Auf ihre Art können sie Zwiesprache mit uns halten und uns erfreuen. In der Tat legen alle Beweise und Zeugnisse entsprechend der Menge alles dessen, was da ist im All und entsprechend der Zahl der Buchstaben dieses großen Weltenbuches Zeugnis ab für Seine Existenz (vudjud)und beweisen nach der Menge der Ausrüstungsgegenstände, Nahrungsmittel und Gnadengaben (nimet),die Ausdruck der Liebe (shefqat),Barmherzigkeit (rahmet)und Gnade (inayet)für alles Lebendige sind, auf die (göttliche) Barmherzigkeit (rahmet)hin, zeigen uns die Schwelle zu unserem Schöpfer (Khaliq),Baumeister (Sani')und Beschützer, der für uns der Barmherzige (Rahiem),und der Freigiebige (Keriem),Freund (Enis)und Vertrauter (Vedud)ist. An dieser Schwelle ist das Bewusstsein der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit (adjz ve da'if)der vollkommenste Anwalt. Und die beste Zeit, sich dieser seiner Schwäche und Hilflosigkeit bewusst zu werden, ist das Alter. Diesem Alter, das an einer solchen Schwelle willkommener Anwalt ist, darf man nicht zürnen, man
muss es lieben.
Siebente Hoffnung:
In einer Zeit, am Anbeginn meines Altseins, als sich das Lachen des Alten Said in das Weinen des Neuen Said umgewandelt hatte, stellten sich die Weltleute (Politiker) in Ankara mich noch als den Früheren Said vor und luden mich dorthin ein. Ich ging. Es war bald Herbstende, da ich einmal die höchste Stelle der mehr als ich altgewordenen, zerfallenen, abgetragenen Festung von Ankara bestieg. Diese Festung erschien mir als Ereignisse der Geschichte, die sich in Stein verwandelt hatten. Der Herbst, das Altsein des Jahres, mein Altsein, das Altsein der Festung, das Altsein der Menschheit, das Altsein des ruhmreichen osmanischen Reiches und das Ableben der Herrschaft des Kalifats und das Altsein der Welt ließen mich in einem überaus traurigen, niedergeschlagenen und schmerzvollen Zustand von dieser hohen Festung in die Bäche der vergangenen Zeit und auf die Berge der zukünftigen Zeit schauen, und ich schaute. In Ankara verspürte ich inmitten der vier-, fünffachen Finsternisse des Altseins, die ineinander eng umschlungen mich umfassten, einen dunkelsten geistigen Zustand,
{(*): Damals war dieser geistige Zustand in Form eines Bittgebetes in persischer Sprache in der Abhandlung "Liebe (Hubab)" in Ankara erschienen.}
weshalb ich nach einem Licht, einer Tröstung, einer Hoffnung suchte. Nach rechts, in die vergangene Zeit schaute ich und suchte nach einer Tröstung. Die Vergangenheit erschien mir als ein riesiges Grabmal meines Vaters, meiner Großväter und meiner Gattung, und vermittelte mir ein Gefühl der Verlassenheit statt einer Tröstung. Die Zukunft, auf meiner linken Seite, betrachtete ich, um nach einer Abhilfe zu suchen. Ich sah sie als ein großes und finsteres Grab für mich, für meine Altersgenossen und für die künftigen Generationen. Statt einer Vertrautheit überkam mich Entsetzen. Von rechts und links schaute ich entsetzt auf den gegenwärtige Tag, in
dem ich mich befand. Diesen meinen gottvergessenen und geschichtsbewussten Augen erschien dieser gegenwärtige Tag als ein Sarg, der einen halbtoten und auf der Schlachtbank leidenden Körper, quasi meinen Leichnam trug. Als ich dann auch in dieser Hinsicht verzweifelt war, hob ich meinen Kopf und betrachtete die Krone meines Lebensbaumes. Ich sah, dass dieser Baum nur eine einzige Frucht hatte, diese Frucht war mein Leichnam. Er hing oben am Baum und schaute mich an. Auch von diesem Anblick war ich entsetzt und senkte meinen Kopf. Ich betrachtete den unteren Teil, die Wurzel des Lebensbaumes. Ich sah, dass die Erde dort unten wie eine Mischung aus der Erde, zu der meine Knochen geworden waren, und der Erde, aus der sie ursprünglich erschaffen worden waren, quasi mit Füßen getreten wurden. Das war also auch kein Heilmittel, sondern fügte zu meinem Schmerz nur noch einen weiteren Schmerz hinzu. Blieb einzig noch der Blick nach hinten. Ich sah: Die Welt, die keine feste Grundlage hat und vergänglich ist, rollt in den Bächen der Nichtigkeiten und in dem Dunkel des Nichts immer weiter. Wo ich doch für meinen Schmerz nach einer lindernden Salbe suchte, wurde ihm noch Gift hinzugefügt. Da ich auf dieser Seite auch nichts Gutes sah, schaute ich nach dem, was vor mir lag und richtete meine Blicke dahin. Ich sah: Das Tor des Grabes stand offen, mitten auf meinem Weg. Mit geöffnetem Maul erwartete es mich. Hinter ihm verlief eine Straße, die in Richtung Ewigkeit führte, und die Scharen, die auf dieser Straße gingen, traten schon von weitem in mein Blickfeld.
Gegen diese Schrecken, die aus sechs verschiedenen Richtungen kamen, hatte ich nichts anderes außer dem Bruchteil einer persönlichen Entscheidungsfreiheit (djuz-i ihtiyar),die mir als einen Stützpunkt (nokta-i istinad)und Waffe zur Verteidigung dienen sollte. Diese persönliche Entscheidungsfreiheit, welche gegen zahllose Feinde und unzählbare, schädliche Dinge die einzige Waffe des Menschen ist, ist mangelhaft, unzureichend, schwach und kann nichts zu Stande bringen.
Sie kann einzig nur der Akzeptanz dienen. Weder vermag sie in die Vergangenheit zurückzugehen, sodass sie die Trauer, die mir aus ihr entstand, beenden könnte, noch in die Zukunft vorauszugehen, sodass sie die Ängste, die aus ihr erwuchsen, hindern könnte. Ich sah, dass sie meinen Hoffnungen und Schmerzen bezüglich dem, was vergangen ist und was noch kommen wird, nichts nutzte. Als ich noch in der Furcht, Verlassenheit, Finsternis und Verzweiflung, die aus diesen sechs Richtungen kamen, zappelte, eilten mir die Glaubenslichter, die am Himmel des Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, leuchteten, zur Hilfe. Sie erleuchteten diese sechs Seiten so sehr und füllten sie so mit Licht, dass, auch wenn sich jene Schrecken und Finsternisse hundertfach verstärkt hätten, dieses Licht dennoch gegen sie überreichlich wäre. Es verwandelte alle diese Schrecken einen nach dem anderen in Trost und diese Einöden eine nach der anderen in Vertrautheiten. Es ist dies wie folgt:
Der Glaube (iman)zerreißt diese fürchterliche Gestalt eines großen Grabmales der vergangenen Zeit und zeigt mir mit augenscheinlicher (ayne l-yaqien),sogar wahrhaftiger Gewissheit (haqqa l-yaqien),dass sie eine vertraute, erleuchtete Versammlung und ein Zusammentreffen der Freunde ist.
Und der Glaube zeigt mit wissenschaftlicher Gewissheit (ilme l-yaqien)die Zukunft, die durch gottvergessene Betrachtung in der Gestalt eines großen Grabmals erscheint, in der Gestalt einer liebenswerten Versammlung bei dem Gastmahl des Erbarmers (Rahman)in den Palästen der Glückseligkeit.
Und der Glaube zerbricht die Gestalt der gegenwärtigen Zeit, die in gottvergessener Betrachtung wie ein Sarg aussieht, und auch die Gestalt dieses gegenwärtigen Tages und lässt diesen Tag sichtbar vor Augen die Gestalt eines Geschäftes annehmen, eines Handelsabkommens für das Jenseits, eines prächtigen Gästehauses des Erbarmers (Rahman).
Und der Glaube zeigt mit wissenschaftlicher Gewissheit (ilme l-yaqien),
dass die einzige Frucht, die der Baum des Lebens trägt, nicht eine Leiche ist, wie es ja in gottvergessener Betrachtungsweise erscheint, sondern dass mein Geist (ruh),der das ewige Leben in sich trägt und ein Anwärter für die ewige Glückseligkeit ist, sein zerfallendes Nest verlässt, um zu den Sternen zu reisen.
Und der Glaube zeigt mir in dem Geheimnis des Glaubens, dass die Erde, zu der meine Knochen geworden sind und die Erde, aus der sie erschaffen wurden, keine bedeutungslosen, vermoderten Gebeine sind, die man mit Füßen tritt, sondern dass diese Erde das Tor der Barmherzigkeit und ein Vorhang vor dem Saal des Paradieses ist.
Und der Glaube zeigt mir im Geheimnis des Qur'an den Zustand der Welt, die hinter mir lag und in Gottvergessenheit betrachtet in Nichtigkeit, in der Finsternis des Nichtseins dahinrollte. Was diese Welt, die scheinbar in Finsternissen dahinrollt, betrifft, so zeigt der Glaube mir, dass sie ein Teil der Briefe dessen ist, der nichts und niemandes bedarf (mektubat-i Samedaniye),dessen aber alles und jedes bedarf, und dass sie die Seiten der Ornamente des Gepriesenen (Subhaniye)ist, die ihren Auftrag erfüllten, ihren Sinn zum Ausdruck brachten und ihre Früchte an ihrer Stelle im Dasein ließen.
Und der Glaube zeigte mir, im Lichte des Qur'an, das Grab, das vor mir mit aufgerissenen Augen auf mich lauerte, und die Straße, die hinter dem Grab in die Ewigkeit führt, dass dieses Grab kein Eingang zu einem Schacht ist, sondern das Tor in die Welt des Lichtes, und dass dieser Weg nicht in die Nichtigkeit und in das Land des Nichts führt, sondern ins Dasein, in das Land des Lichts und in die ewige Glückseligkeit. Da der Glaube mir dies vollkommen überzeugend zeigte, wurde das Grab zu einem Heilmittel und einer Salbe für meine Wunden.
Und der Glaube verleiht dem Menschen anstelle einer bruchstückhaften, persönlichen Entscheidungsfreiheit (djuz-i ihtiyar),
die kaum mehr ist als ein wenig Akzeptanz (djuz-i bir kesb),eine Urkunde, die sich in der Hand dieser persönlichen Entscheidungsfreiheit gegen zahllose Feinde und Finsternisse auf eine nicht endende Macht (qudret)stützt und mit einer grenzenlosen Barmherzigkeit (rahmet)verbindet. Vielmehr wird der Glaube zu einer Urkunde in der Hand dieser persönlichen Entscheidungsfreiheit. Diese persönliche Entscheidungsfreiheit ist Waffe des Menschen, zwar selbst noch unzulänglich, schwach und mangelhaft. Aber wie ein Soldat, der, wenn er seine persönliche sehr geringe Kraft im Namen des Staates verwendet, tausendfach mehr Arbeiten, als in seiner Kraft (quvvet)liegen, vollbringen kann, genauso kann durch das Geheimnis des Glaubens auch diese bruchstückhafte, persönliche Entscheidungsfreiheit ein Paradies von einer fünfhundertjährigen Breite gewinnen, wenn sie im Namen Gottes des Gerechten auf Seinen Wegen eingesetzt wird.
Und der Glaube nimmt die Zügel dieser persönlichen Entscheidungsfreiheit, die in die vergangene und die zukünftige Zeit nicht eindringen kann, aus den Händen des Leibes und übergibt sie dem Herzen und dem Geist. Da aber der Lebensbereich des Geistes und des Herzens nicht nur auf die gegenwärtige Zeit beschränkt ist wie der des Körpers und sowohl sehr viele Jahre der Vergangenheit als auch sehr viele Jahre der Zukunft zu seinem Lebensbereich gehören, bleibt diese persönliche Entscheidungsfreiheit nicht mehr nur persönlich und bruchstückhaft sondern gewinnt ihre Ganzheit. Wie sie in die tiefsten Bäche der vergangenen Zeit durch die Kraft des Glaubens eindringen und die Finsternis aller Traurigkeit beseitigen kann, so kann sie durch das Licht des Glaubens die fernsten Berge der Zukunft besteigen, und die Ängste vernichten.
Nun, ihr Geschwister, Damen und Herren in hohem Alter, die ihr wie ich die Mühsal des Alters durchmachen müsst! Elhamdulillah, aller Dank sei Allah, dass wir nun einmal Leute des Glaubens sind und da im Glauben so
viele lichtvolle, angenehme, liebliche, süße versteckte Schätze vorhanden sind, und da unser Alter uns an diese Schätze noch näher heranführt, sollten wir uns doch in jedem Fall nicht über das Alter, wenn es denn aus dem Glauben gelebt wird, beklagen, sondern vielmehr dafür tausende Male danken.
Achte Hoffnung:
Zu einer Zeit, da sich mein Haupt mit weißen Haaren, dem Merkmal meines Alters zu bedecken begann, sah ich den Tumult des Weltkrieges, welcher den tiefen Schlaf meines Jungseins (in dem ich mich bis dahin noch immer befunden hatte) noch mehr vertiefte, erfuhr ich die Ungewissheit meiner Gefangenschaft, stieg auf zu Amt und Würden, Ehre und Ansehen. Als ich dann in Istanbul ankam, wurde ich, angefangen von dem Kalifen, über den Scheich-ul'Islam, den Obersten Kommandanten bis hinab zu den Schülern in den Medressen mit weit größerer Hochachtung willkommen geheißen, als mir eigentlich zustand. Der Rausch der Jugendzeit und die geistige Haltung, die aus diesem Zustand erwuchs, vertiefte jenen Schlaf dermaßen, dass ich die Welt als quasi beständig und mich selbst in einem seltsamen Zustand erfuhr, gleich einem, der, als sei er selbst unsterblich, der Welt verhaftet ist.
In jener Zeit ging ich im heiligen Monat Ramadan in die gesegnete Moschee Bayezid in Istanbul, um den Rezitatoren zu lauschen, die den Qur'an aufrichtigen Herzens vortrugen. Der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, verkündet mit seinem hohen Anspruch vom Himmel herab durch den Mund der Rezitatoren den Erlass كُلُّ نَفْسٍ ذَآئِقَةُ الْمَوْتِ {"Eine jede Seele wird einmal den Tod kosten!" (Sure 3, 185)} mit großer Macht, ein Ruf, welcher die Vergänglichkeit des Menschen und die Sterblichkeit alles Lebendigen verkündet. Dieser Ruf drang in mein Ohr ein, nistete in meinem Herzen, schlug jene so mächtigen Schichten des
Schlafes, des Rausches und der Gottvergessenheit in Stücke. Ich ging aus der Moschee. In der Trunkenheit jenes langen und tiefen Schlafes, der so lange über meinem Haupte gelegen hatte, erlebte ich mich noch Tage lang wie ein Schiff, das gleich einem Unwetter, Feuer und Rauch über meinem Kopf, die Orientierung verloren hat. Jedes Mal, wenn ich mich im Spiegel betrachtete, sagten mir meine weißen Haare: "Gib Acht!" In der Ermahnung meiner weißen Haare wurde mir meine Lage klar und ich sah:
Die Jugendzeit, der ich so sehr vertraut hatte und in deren Freuden ich vernarrt gewesen war, sagte mir Lebewohl. Und das irdische Leben, dessen Liebe ich so sehr verhaftet gewesen war, begann zu verlöschen. Und die Welt, der ich so sehr verhaftet gewesen, in die ich geradezu verliebt gewesen war, sagte mir: "Viel Glück auf deinem Weg!", und gemahnte mich daran, dass ich aus diesem Gasthaus ausziehen werde. Sie selbst aber sagte zu mir: "Gott befohlen!" und bereitete sich auf ihren Abschied vor. Wenn der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, den Vers كُلُّ نَفْسٍ ذَآئِقَةُ الْمَوْتِ {"Eine jede Seele wird einmal den Tod kosten!" (Sure 3, 185)} in seinem gesamten Sinngehalt verkündet, so sagt er damit: "Die Menschheit ist in ihrer Ganzheit eine Seele. Um wieder aufzuerstehen, wird sie sterben. Und auch die Erde ist eine Seele. Um ihre ewige Gestalt annehmen zu können, wird auch sie sterben. So ist auch der gesamte Kosmos eine Seele. Um seine jenseitige Gestalt annehmen zu können, wird sie auch sterben." Meinem Herzen öffnete sich diese Bedeutung durch den Hinweis dieses Qur'anverses.
In dieser Verfassung betrachtete ich meine Lage: Die Jugend, die die Quelle der Freude ist, vergeht. An ihre Stelle tritt das Alter, das der Ursprung der Trauer ist. Und
dieses so glanzvolle, strahlende Leben vergeht. Der uns so finster und schrecklich erscheinende Tod bereitet sich vor, an seine Stelle zu treten. Ich sah, dass die Welt, die wir in ihrer Beständigkeit für so lieblich halten, und die die Geliebte der Gottvergessenen ist, in großer Geschwindigkeit ihrem Untergang entgegen strebt.
Um mich selbst zu täuschen und meinen Kopf erneut in die Gottvergessenheit zu versenken, hielt ich nach dem Genuss gesellschaftlicher Anerkennung Ausschau, die ich in Istanbul weitaus mehr erfahren hatte, als ich verdiente, was mir jedoch nichts nutzte. Alle Hochachtung, alles Entgegenkommen und aller Trost können nur bis an das nahegelegene Tor des Grabes reichen und verlöschen dort. Und unter dem geschmückten Schleier des Ruhmes und der Würde (shan u sheref),die ein Traumziel der Ruhmsüchtigen ist, sah ich eine bedrückende Heuchelei (riya),eine kalte Selbstgefälligkeit und einen nur vorübergehenden Rausch. Und so verstand ich, dass diese Dinge, die mich bis jetzt getäuscht hatten, mir keinerlei Trost geben können und es in ihnen überhaupt kein Licht gibt.
Um erneut vollständig zu erwachen, begann ich wieder den Qur'an-Rezitationen in der Bayezid Moschee zuzuhören, um an der himmlischen Lektion des Qur'an teilzunehmen. Sodann vernahm ich und entnahm dieser himmlischen Lektion frohe Botschaften mit heiligen Erlassen wie وَبَشِّرِ الَّذِينَ اٰمَنُوا...الخ {"Verkünde frohe Botschaft denjenigen, die glauben, usw."}
Durch den Segen, den ich aus dem Qur'an erhielt, suchte ich nicht mehr von außerhalb Trost, sondern gerade innerhalb jener Dinge, die mir Furcht, Verlassenheit und Verzweiflung einflößten, nun den Trost, die Hoffnung und das Licht. Dank sei Gott dem Gerechten hunderttausendmal: Innerhalb des Schmerzes selbst fand ich das Heil, innerhalb der Finsternis selbst fand ich das Licht und
innerhalb der Furcht selbst fand ich den Trost. Als allererstes betrachtete ich das Gesicht des Todes, das alle in Schrecken versetzt und das als das Allerschrecklichste dargestellt wird. Ich sah im Lichte des Qur'an:
Der Schleier des Todes ist zwar finster, schwarz und hässlich; für einen Gläubigen aber ist sein wirkliches Antlitz schön und von guter Ausstrahlung. Und in vielen Abhandlungen stellte sich diese Tatsache mit unwiderlegbar sicheren Beweisen heraus. Wie wir schon in vielen Abhandlungen wie in dem "Achten Wort" und in dem "Zwanzigsten Brief" erläuterten, ist der Tod keine Hinrichtung, keine Trennung, sondern der Anfang des ewigen Lebens, sein Anbeginn und der Feierabend von der Mühsal des Lebensauftrages, eine Entlassung und ein Ortswechsel. Er ist ein Wiederzusammentreffen mit den Scharen der Freunde, die in das Zwischenreich ausgewandert sind. Durch dergleichen Wahrheiten wie diese, erkannte ich das wahre, schöne Gesicht des Todes. Nicht fürchtend, sondern in einer Hinsicht sehnsüchtig betrachtete ich das Antlitz des Todes. Ich verstand nun ein Geheimnis, das den Ordensleuten entsprechend in dieser Verbundenheit mit dem Tod liegt.
Dann betrachtete ich mir die Jugendzeit, die in ihrem Vergehen mich wie jeden zum Weinen bringt, über die jeder entzückt ist, deren Liebhaber ein jeder ist, und die mit Sünden und in Gottvergessenheit vergeht und vergangen ist. In ihrem derartig schönen, geschmückten Kleid erkannte ich ein überaus hässliches, trunkenes, berauschtes Gesicht. Hätte ich ihren Sinn nicht schon vorher erkannt, so hätte sie mich für hundert Jahre zum Weinen gebracht - falls ich so lange auf Erden verweilt hätte - nachdem sie mich für einige Jahre berauscht und zum Lachen gebracht hatte. Wie auch einer derer, denen es so ergangen war unter Tränen gesagt hat:
لَيْتَ الشَّبَابَ يَعُودُ يَوْمًا فَاُخْبِرَهُ بِمَا فَعَلَ الْمَشِيبُ
Das heißt: "Ach könnte meine Jugendzeit eines Tages zurückkehren, dann würde ich mich bei ihr beklagen, welch traurige Zustände dieses Altsein über mich brachte."
Tatsächlich weinen die Alten - wie der obige - die den Sinn der Jugendzeit nicht kannten, indem sie sie bedauern und sich nach ihr sehnen, wenn sie an sie zurückdenken. In Wirklichkeit ist die Jugend ein ganz besonders solventes Handelsgut, ein guter und schöner Anlass zu segensreichen Taten, wenn sie von den Gläubigen, den Leuten des Herzens, d.h. Leuten, die sich ständig der Gegenwart Gottes bewusst sind und die ihre Sinne beisammen und das Herz am rechten Fleck haben, für Gottesdienst, für segensreiche Taten und für einen Handel ausgegeben wird, der für das Jenseitige nutzt. Und diese Jugend ist für diejenigen, die sie nicht missbrauchen, sondern die ihre religiöse Pflicht kennen, ein Geschenk Gottes (nimet-i Ilahiye),das wertvoll ist und froh stimmt. Wenn die rechte Leitung (istikamet),Sittsamkeit (iffet)und Gottesfurcht (taqwa)nicht die Jugendzeit begleitet, ist sie sehr gefährlich. Durch ihre übermütigen Handlungen schwächt die Jugend ihr Ewiges Glück und das jenseitige Leben. Sie verdirbt vielleicht auch ihr weltliches Leben vollkommen. Ja, sie wird sogar an Stelle der ein-, zweijährigen Freude in der Jugendzeit viele Jahre im Alter Kummer (gham)und Sorge (keder)haben. Die meisten Menschen kommen in ihrer Jugendzeit zu Schaden. Daher müssen wir Alten, Allah danken, dass wir nicht mehr den schädlichen und gefährlichen Einflüssen der Jugendzeit ausgesetzt sind. Wie alle Dinge werden auch mit Sicherheit die Freuden der Jugend vergehen. Wurde aber diese Zeit für Gottesanbetung und segensreiche Taten ausgegeben, bleiben an ihrer Stelle ihre Früchte bestehen und bewirken, eine Jugend im ewigen Leben zu gewinnen.
Dann betrachtete ich die Welt, in die die meisten Menschen verliebt und vernarrt sind. Im Lichte des Qur'an sah ich: Es gibt drei universelle Welten, die ineinander verflochten sind.
Der Aspekt der ersten betrifft die Namen Gottes, für die sie als Spiegel dient!
Der Aspekt der zweiten betrifft das Jenseits, für das sie ein Acker ist!
Der Aspekt der dritten betrifft die Weltleute! Für Leute, die gottvergessen leben, ist sie ein Spielplatz.
Zudem hat jeder in dieser Welt seine eigene riesengroße Welt. So, als ob nach der Anzahl der Menschen Welten ineinander verflochten sind. Aber für jeden ist sein eigenes Leben die tragende Säule seiner persönlichen Welt. Wenn aber sein Körper zusammenbricht, bricht auch seine eigene Welt über seinem Kopf zusammen und bricht auch sein Weltuntergang an. Da die gottvergessen lebenden Leute diesen Zustand ihrer eigenen Welt (in sich), die so leicht zusammenzubrechen droht, nicht kennen, halten sie sie für so beständig wie die Welt (um sich und) im Allgemeinen und beten sie an.
"So wie die Welten der anderen habe auch ich eine Welt für mich, die leicht zerbricht und verdirbt. Was hat diese meine persönliche Welt in dieser so kurzen Lebensspanne für einen Nutzen?", fragte ich mich. Im Lichte des Qur'an erkannte ich: Sowohl für mich, als auch für jeden anderen gleicht diese Welt einem zeitweiligen Messe- und Handelszentrum, einem Gasthaus, das sich jeden Tag füllt und wieder leert, einem Basar, der zum An- und Verkauf aller, die da auf der Straße kommen und gehen, errichtet ist, ein Buch, in dem der urewige Designer in Seiner Weisheit immer wieder aufs Neue schreibt und wieder löscht. Jeder Frühling ist ein Brief von Ihm, geschrieben mit goldenen Lettern; und jeder Sommer ist Seine gereimte Kasside. Die Welt ist eine Vielzahl von Spiegeln, die die Erscheinungen der Namen des majestätischen Schöpfers (Sani-i Dhu l-Djelal)immer neu zeigen. Sie gleicht einer Baumschule für das Jenseits, einem Setzbeet der Barmherzigkeit Gottes, einem Webstuhl, der vorübergehend aufgestellt wurde, um die Szenen, die in der ewigen Welt gezeigt werden sollen, auf ihm zu gestalten. In diesem
Sinn erkannte ich die Welt und dankte hunderttausendmal dem majestätischen Schöpfer (Khaliq-i Dhu l-Djelal),der diese Welt in dieser Form und Gestalt erschafft. Und ich erkannte, dass diejenigen, denen die Liebe zur Welt, die doch der Menschheit als deren schöner innerer Aspekt geschenkt wurde, der das Jenseits und die Namen Gottes betrachtet, missbrauchen und sie (die Liebe) als deren vergänglichen, hässlichen und verderblichen Aspekt ausgeben, einen Aspekt der Gottvergessenheit, der den Sinn der heiligen Hadith حُبُّ الدُّنْيَا رَأْسُ كُلِّ خَطِيئَةٍ {"Die Liebe zur Welt ist der Anfang aller Fehler."} erkennen lässt.
Dies also, meine Damen und Herren im vorgerückten Alter, habe ich im Lichte des Weisen Qur'an und durch mein eigenes Alter als Wahrheit erkannt, nachdem mir der Glaube die Augen geöffnet hatte. Und in vielen Abhandlungen bewies ich sie mit unwiderlegbaren Zeugnissen. Ich fand dadurch eine wahrhaftige Tröstung, eine starke Hoffnung und ein hell strahlendes Licht. Ich fand Zufriedenheit in meinem Alter und war froh, dass meine Jugend vorüber war. So sollt auch ihr nicht weinen, sondern danken. Da dies nun einmal der Glaube ist und so die Wahrheit, mögen die Leute der Gottvergessenheit weinen, mögen die Leute des Irrweges weinen...
Neunte Hoffnung:
Während des ersten Weltkrieges befand ich mich weit weg im nordöstlichen Russland in der Stadt Kostroma in Gefangenschaft. Es befand sich da am Ufer des bekannten Wolgastromes eine kleine Moschee der Tataren. Ich langweilte mich unter den Offizieren, die dort als meine Kameraden mit mir gefangen waren. Es verlangte in mir nach Einsamkeit. Draußen konnte ich nicht ohne Erlaubnis spazieren gehen. Die Tataren leisteten für mich eine Bürgschaft und nahmen mich in diese kleine Moschee am Ufer der Wolga mit. Ich schlief
allein in der Moschee. Der Frühling war nahe. In diesen langen und tiefen Nächten im Norden des weiten Landes lag ich sehr lange wach. In diesen dunklen Nächten, in dieser düsteren Fremde, bei dem melancholischen Rauschen der Wolga, in dem klagenden Rinnen des Regens, in dem sehnsuchtsvollen Wehen des Windes wurde ich zumindest vorübergehend aus meinem tiefen, sorglosen Schlaf aufgeweckt. Ich wusste mich überhaupt noch nicht alt. Aber wer den Weltkrieg gesehen hat, der ist alt. Es war, als sei mir das Geheimnis von يَوْمًا يَجْعَلُ الْوِلْدَانَ شِيبًا {"Der Tag, an dem sich Kinder als Greise wiederfinden." (Sure 73, 17)} offenbar geworden. In solchen Tagen, da Kinder zu Greisen werden, war ich vierzig Jahre alt; aber ich befand mich in einem solchen Zustand, als sei ich schon achtzig Jahre alt. Während dieser dunklen langen Nacht, in dieser betrüblichen Fremde, in diesem betrüblichen Zustand überkam mich eine Art Verzweiflung am Leben. Ich betrachtete meine Schwäche, meine Einsamkeit, gab meine Hoffnung auf. Während ich mich noch in diesem Zustand befand, kam mir die Hilfe aus dem Weisen Qur'an. Mein Mund sprach:
حَسْبُنَا اللّٰهُ وَ نِعْمَ الْوَكِيلُ
{"Gott ist mein Genügen und Er ist der vortrefflichste Anwalt." (Sure 3, 173)}
Und auch mein Herz sagte weinend:
غَرِيبَمْ بِيكَسَمْ ضَعِيفَمْ نَاتُوَانَمْ اَ ْلاَمَانْ كُوَيمْ
عَفْوُجُويَمْ مَدَدْخَوٰاهَمْ زِدَرْكَاهَتْ اِلٰهِى
{"Ich bin in der Fremde, ohne Verwandte, schwach, kraftlos. Ich flehe um Schutz. Ich bitte um Verzeihung. Ich rufe um Hilfe an Deiner Schwelle, oh Allah!"}
Mein Geist dachte auch an die alten Freunde in der Heimat und stellte sich meinen Tod in der Fremde vor und wie Niyazi Misri sagte ich:
"Ich habe die Sorge um weltliche Dinge aufgegeben und
meine Flügel im Nichts gebreitet und
Begeisterung mit jedem Atemzug! -
fliege ich und rufe aus: Freund! Freund!"
So sagte ich und suchte Freunde. Wie dem auch sei, in dieser langen Nacht in der Fremde, die so voll der Sehnsucht, von Traurigkeit und Klage erfüllt das Herz rührte, wurde meine Hilflosigkeit und Schwäche an der Schwelle des Hauses Gottes zu einem so großen Fürsprecher und Mittler, dass ich noch jetzt darüber erstaunt bin. Denn einige Tage später brach ich völlig unerwarteter Weise und - obwohl ich kein russisch konnte - ganz allein zu einer Flucht über eine Entfernung von einem Jahr Fußmarsch auf. Meine Schwäche und Hilflosigkeit rief die Gnade Gottes (inayet-i Ilahiye)herbei und so habe ich mich auf wunderbare Weise gerettet. Auf dem Wege über Warschau gelangte ich nach Österreich, kam in Istanbul an. Es ist ein großes Wunder, auf was für eine leichte Art ich mich zu retten vermochte. Obwohl auch die klügsten und tapfersten Männer, selbst wenn sie russisch konnten, nicht ans Ziel gelangten, habe ich doch auf eine ganz leichte und einfache Weise diese meine Reise auf der Flucht zu Ende geführt. Aber der Charakter jener oben erwähnten Nacht in der Moschee am Ufer der Wolga hat in mir den folgenden Entschluss reifen lassen: "Ich werde den Rest meines Lebens in Höhlen verbringen! Ich habe mich um das soziale Leben der Menschen gekümmert und jetzt ist es genug. Da ich nun einmal am Ende einsam ins Grab steigen werde, will ich die Einsamkeit wählen, mich ab heute an die Einsamkeit gewöhnen." Aber in Istanbul ließen mich meine vielen bedeutenden und wichtigen Freunde und das glanzvolle irdische Leben dort in Istanbul und besonders so
nutzlose Dinge wie Ruhm und Ehre (shan u sheref),die man mir im Übermaß erwies, diesen meinen Vorsatz vorübergehend vergessen. Als ob diese Nacht in der Fremde das lichtempfindliche Schwarz im Auge meines Lebens gewesen wäre und der weiße, glanzvolle Tag von Istanbul das lichtunempfindliche Weiß im Auge meines Lebens, sodass ich nicht nach vorne schauen konnte, und wieder einschlief, bis dass mir zwei Jahre später Abdulkadir Geylanis Buch "Futuh-ul'Ghayb" (Durchbruch durch das Unsichtbare) erneut die Augen öffnete.
Also oh ihr alten Frauen und Männer! Wisset, dass die Schwäche und Ohnmacht (da'if ve adjz)im Alter ein Anlass ist, die Barmherzigkeit und Güte Gottes (rahmet ve inayet-i Ilahiye)heranzuziehen. Wie ich in meinem persönlichen Leben durch viele Ereignisse immer wieder erfahren habe, so zeigt auch die Erscheinung der Barmherzigkeit auf dem Antlitz der Erde, diese Wahrheit in einer Überaus offensichtlichen Weise. Denn die Schwächsten und Ohnmächtigsten in der Tierwelt sind die Jungtiere. In der Tat sind sie es, die die süßeste und schönste Erscheinung der Barmherzigkeit erfahren. Durch die Ohnmacht (adjz)eines Jungen im Nest auf dem Wipfel eines Baumes nimmt die Erscheinung der Barmherzigkeit als einen gehorsamen Soldaten seine Mutter in Dienst. Sie fliegt umher und bringt ihm seine Nahrung. Wann immer aber dieses Junge im Erstarken seiner Flügel seine Ohnmacht (adjz)vergisst, sagt ihm seine Mutter "Geh, such deine Nahrung selber!" und sorgt sich fortan nicht mehr um ihn.
Also, dieses Geheimnis der Barmherzigkeit, das für die Neugeborenen gilt, gilt auch für die Alten, die hinsichtlich der Schwäche und Ohnmacht den kleinen Kindern gleichen. Ich habe so viele Erfahrungen, die mich absolut sicher überzeugen, dass, wie den Säuglingen ihre Nahrung wegen ihrer Ohnmacht durch die Barmherzigkeit in einer wunderbaren Weise, aus den Hähnen der Brüste gesandt wird und fließt, auch den gläubigen Alten, die eine Unschuld erlangt haben, ihre Nahrung in Form des Segens
gesandt wird. Außerdem beweist eine heilige Hadith diese Tatsache in dem folgenden Abschnitt:
وَ لَوْ لاَ الشُّيوُخُ الرُّكَّعُ لَصُبَّ عَلَيْكُمُ الْبَلاَءُ صَبًّا
{(*): Der übrige Abschnitt der Hadith,
وَلَوْ لاَ الْبَهَائِمُ الرُّتَّعُ وَالصٌّبْيَانُ الرُّضَّعُ
("Wären kein Vieh auf der Weide und keine zu stillenden Kinder...") usw. - oder so wie überliefert.}
das heißt: "Wären keine alten Leute mit gebeugten Rücken unter euch, so würden Unglücke über euch wie eine Sintflut herabstürzen," was besagt, dass die tragende Säule in einem Haus, die Alten sind, die in ihm leben, und dass, was ein Haus vor Unglücken schützt, die hilflosen alten Frauen und Männer mit gebeugtem Rücken sind, die in dem Haus leben.
Da die Schwäche und Ohnmacht des Alters nun einmal ein solcher Anlass ist, die Barmherzigkeit Gottes heranzuziehen, und da der Weise Qur'an nun einmal mit den Versen
اِمَّا يَبْلُغَنَّ عِنْدَكَ الْكِبَرَ اَحَدُهُمَآ اَوْ كِلاَهُمَا فَلاَ تَقُلْ لَهُمَآ اُفٍّ وَلاَ تَنْهَرْهُمَا وَقُلْ لَهُمَا قَوْلاً كَرِيمًا ٭ وَاخْفِضْ لَهُمَا جَنَاحَ الذُّلِّ مِنَ الرَّحْمَةِ وَقُلْ رَبِّ ارْحَمْهُمَا كَمَا رَبَّيَانِى صَغِيرًا
{"Und zu den Eltern (solltest du) gut sein. Wenn eines von ihnen (Vater oder Mutter) oder (alle) beide bei dir (im Haus) hochbetagt geworden (und mit den Schwächen des Greisenalters behaftet) sind, dann sag nicht 'Pfui!' zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich ehrerbietig zu ihnen, und senke für sie in Barmherzigkeit den Flügel der (Selbst)erniedrigung (d.h. benimm dich ihnen gegenüber aus Barmherzigkeit freundlich und gefügig) und sag: 'Herr! Erbarm Dich ihrer (ebenso mitleidig), wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein und (hilflos) war!'" (Sure 17, 23-24)}
die Kinder in einer überaus wunderbaren Ausdrucksweise in fünf Hinsichten zum Respekt und zur Liebe (hurmet ve shefqat)den alten Müttern und Vätern gegenüber aufruft, und da die Religion des Islam nun einmal Respekt und Güte (hurmet ve merhamet)den Alten gegenüber befiehlt, und da die Menschlichkeit in ihrem Wesen den Respekt und die Barmherzigkeit (hurmet ve merhamet)den Alten gegenüber erfordert, bekommen wir Alten auf jeden Fall anstelle von einem vorübergehenden materiellen Genuss, welcher der Genussfähigkeit der Jugend entspricht, die Barmherzigkeit und den Respekt, welche geistig, beständig und wertvoll sind und aus der Güte Gottes (inayet-i Ilahiye)und aus dem Mitgefühl erwächst, und die geistigen Freuden, die aus dieser Barmherzigkeit und diesem Respekt herrühren. Daher sollen wir dieses unser Altsein gegen hundertmal Jugend nicht tauschen. Ja, ich versichere euch, dass ich, könnte man mir zehn Jahre Jugend des Alten Said zurückgeben, kein Jahr von dem jetzigen Zustand des Neuen Said in seinem Alter abgeben würde. Mit meinem Alter bin ich zufrieden. Ihr sollt auch mit eurem zufrieden sein.
Zehnte Hoffnung:
Einmal aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, übermannte mich in Istanbul für ein, zwei Jahre wieder die Sorglosigkeit (ghaflet).Das politische Klima hatte mir den Blick von mir selbst hinweg gehoben und in alle Winde zerstreut. So saß ich eines Tages in Istanbul an hoher Stelle im Eyyub Sultan Friedhof und blickte hinunter in den Bach. Ich ließ meine Blicke über Istanbul hinweg bis zum Horizont schweifen. Plötzlich sah ich, wie mir meine persönliche Welt starb. Es kam mir eine Phantasievorstellung (halet-i hayal),so als zöge sich gewissermaßen mein Geist hinweg. Ich sagte mir: "Bringen mir etwa die Inschriften auf den Grabsteinen dieses Friedhofes solche Phantasievorstellungen?" Ich zog meinen Blick wieder zurück, ließ ihn nicht in die Ferne schweifen, sondern richtete ihn auf den Friedhof. Mein Herz wurde gemahnt: "In diesem Friedhof um dich herum ist hundertmal Istanbul. Denn hundertmal wurde Istanbul hierher entleert. Du
kannst dich nicht vor dem Urteil (hukm)des Allmächtigen Königs (Hâkim-i Qadir)retten, der die Einwohner von ganz Istanbul hierher entleert hat, und eine Ausnahme bilden. Auch du wirst gehen!" Ich verließ den Friedhof und trat in dieser fürchterlichen Vorstellung in ein kleines Zimmer der Eyyub Sultan Moschee ein, wie ich das schon oft getan hatte. Ich dachte mir, dass ich in dreifacher Hinsicht ein Gast bin: So wie ich in diesem Zimmer hier ein Gast bin, so bin ich ein Gast auch in Istanbul, ein Gast auch in dieser Welt. Ein Gast muss auf den Weg achten. Wie ich aus diesem Zimmer weggehen werde, so werde ich eines Tages auch aus Istanbul weggehen, eines Tages auch aus der Welt weggehen.
In diesem Zustand beschlich Schmerz, Kummer und Sorge mir Herz und Verstand, ein Gefühl des Mitleidens (elem)in der Stunde der Trennung. Denn ich verliere nicht nur ein, zwei Freunde, nein, so wie ich mich von tausenden mir liebgewordenen Freunden in Istanbul trennen muss, so werde ich auch mein so geliebtes Istanbul verlassen müssen. So wie ich mich in dieser Welt von hunderttausenden Freuden trennen muss, so muss ich auch diese schöne Welt verlassen, die ich so liebe und der ich verhaftet bin. So dachte ich und begab mich wieder an jenen hohen Platz auf dem Friedhof. Ich ging damals gelegentlich ins Kino, weil mich diese neue Technik interessierte. In diesem Augenblick kamen mir die Menschen wie Schatten vor, die im Kino von der Vergangenheit in die Gegenwart hineinprojiziert werden, wobei man längst Verstorbene wieder umherwandeln sieht. In gleicher Weise erschienen mir die Menschen, die ich in diesem Augenblick sah, wie wandelnde Leichname. Mein Phantasiebild (hayal)sprach zu mir: Da man nun einmal einen Teil derer, die hier auf dem Friedhof liegen, im Kino umherwandeln sehen kann, betrachte auch diejenigen, welche ganz bestimmt einmal auf diesen Friedhof getragen werden, so, als habe man sie bereits hierher gebracht. Auch sie sind wandelnde Leichname... Plötzlich wandelte sich im
Lichte des Weisen Qur'an und unter der Rechtleitung (irshad)von Gauth-u 'Adham Scheich Geylani (Allah heilige seine Geheimnisse) Hazretleri diese betrübliche Verfassung in einen fröhlichen und glücklichen Zustand um. Und zwar so: In dieser trübseligen Verfassung gemahnte mich das Licht, das aus dem Qur'an hervorgeht:
Du hattest im Nordosten, in Kostroma, in der Fremde, ein, zwei mitgefangene Offiziere zu Freunden. Du wusstest, dass diese Freunde auf jeden Fall nach Istanbul zurückkehren würden. Hätte jemand zu dir gesagt: "Willst du nach Istanbul zurückkehren oder hier bleiben?" und hättest du auch nur einen Funken Verstand gehabt, wärest du damit einverstanden gewesen, froh und heiter nach Istanbul zurückzukehren. Denn von tausend und einem Freund sind 999 in Istanbul. Ein oder zwei sind hier geblieben. Auch sie werden dorthin zurückkehren. Nach Istanbul zu reisen bedeutet für dich keine bedauerliche Trennung, keinen schmerzlichen Abschied. Und nun, da du angekommen bist, bist du etwa nicht zufrieden? Du hast dich vor den so düsteren, langen Nächten und den so kalten stürmischen Wintern in diesem feindlichen Land gerettet. Du bist in dieses schöne Istanbul gekommen, das in dieser schönen Welt wie ein Paradies ist. In gleicher Weise gilt: "Von deinen Lieben sind seit deiner Kindheit bis zum heutigen Tage neunundneunzig von hundert in dieses dir Furcht einflößende Gräberfeld umgesiedelt worden. Du hast noch ein oder zwei Freunde, die in dieser Welt zurückgeblieben sind. Auch sie werden dorthin umgesiedelt werden. Dein Tod in dieser Welt ist keine Trennung, sondern eine Begegnung. Du wirst deine Freunde wiedersehen. Sie, das heißt die ewigen Geister (ervah-i baqiye),verlassen ihr alt gewordenes Nest unter der Erde, ein Teil wandelt zwischen den Sternen, ein Teil wandert über die Stufen der Schattenwelt. (alem-i berzah)"So wurde ich ermahnt. Ja, Qur'an und Glaube haben diese Wahrheit in einem solchen Grade und mit so absoluter Sicherheit bewiesen, dass, wer nicht ganz und gar ohne Herz und Verstand ist,
oder wessen Herz nicht auf einem Irrweg versunken ist, sie im Glauben annehmen muss, als sähe er sie vor Augen. Denn der freigiebige und barmherzige Meister (Sani-i Keriem ve Rahiem),der diese Welt mit so zahllosen Arten Seiner Huld und Güte (lutuf ve ihsan)geschmückt hat und über ihr Seine Herrschaft mit solcher Gast- und Menschenfreundlichkeit (mukrimane ve shefeqane rububiyet)walten lässt, der auch so winzige und bedeutungslose Dinge wie ein Samenkorn schützt, wird sicherlich und gewiss den Menschen, dieses vollkommenste und vielseitigste, dieses bedeutendste und geliebteste unter all Seinen Geschöpfen, nicht so ganz ohne Sinn und Erbarmen verurteilen, zerstören, vernichten, wie es nach außen hin den Anschein hat. Nein, der Barmherzige Schöpfer (Khaliq-i Rahiem)begräbt Seine geliebten Geschöpfe für eine Zeitlang unter der Erde, damit sie ihnen ein Tor zur Barmherzigkeit werde, so wie ein Bauer den Samen in die Erde streut, damit er in einem neuen Leben erblühe.
{(*): Diese Wahrheit wurde in anderen Abhandlungen so klar, wie zwei mal zwei vier ist, bewiesen, besonders im "Zehnten" und "Neunundzwanzigsten Wort".}
So also erschien mir dieses Gräberfeld lieblicher als Istanbul, nachdem ich einmal diese Ermahnung aus dem Qur'an empfangen hatte. Das Leben wie ein Eremit in der Einsamkeit wurde mir willkommener als gesellschaftlichen Umgang zu pflegen. So fand ich denn auch in Sariyer ein abgelegenes Haus für mich nahe am Bosporus. So wie mir der Ghauth-u 'Adham (Allah heilige seine Geheimnisse) durch sein "Futuh-ul'Ghayb"zum Meister (ustadh),Arzt (tabib)und Lehrer (murshid)geworden war, so wurde mir nun Imam Rabbani (Allah möge mit ihm zufrieden sein) mit seinem "Mektubat"(Briefe) zu einem Freund (enis),Vater (mushfiq)und Lehrer (hodja).Um diese Zeit begann ich schon älter zu werden und von den Genüssen des Stadtlebens Abstand zu nehmen und mich vom gesellschaftlichen Leben abzusondern. Dadurch bin ich sehr froh geworden. Dank sei Allah...
Also ihr Leute, die ihr wie ich in das Alter (des Lebens)
eingetreten seid und durch die Ermahnung des Altseins öfters an den Tod erinnert werdet! Im Lichte des Glaubensunterrichtes, den uns der Qur'an erteilt, sollen wir das Alter, den Tod und die Krankheit als schön betrachten, ja mehr noch: uns in gewisser Hinsicht darauf freuen. Da wir nun einmal ein grenzenlos wertvolles Geschenk wie den Glauben besitzen, so ist auch das Alter schön, auch die Krankheit ist schön und auch der Tod ist schön. Was unschön ist, das sind die Sünden, die Ausschweifungen, die Ketzerei (bid'a)und der Irrglaube.
Elfte Hoffnung:
Nachdem ich aus der Gefangenschaft nach Istanbul zurückgekehrt war, wohnte ich mit meinem verstorbenen Neffen Abdurrahman (er ruhe in Frieden) zusammen in einer Villa auf dem Berg Tjamlidja. Dieses mein Leben konnte man vom Standpunkte des irdischen Lebens aus betrachtet für Menschen meines Standes als das glücklichste Leben bezeichnen.
Denn ich hatte mich aus der Gefangenschaft gerettet. An der "Dar-ul'Hikmet" hatte ich in meinem Beruf als Wissenschaftler entsprechend in höchstem Maße Erfolg mit meinen wissenschaftlichen Publikationen. Ich genoss ein hohes Ansehen und man hatte mich mit Ehren überhäuft. Verglichen mit anderen Wohnvierteln Istanbuls wohnte ich hier in Tjamlidja in der schönsten Gegend. Alle meine Angelegenheiten waren aufs Beste geordnet und es fehlte mir an nichts. Mein verstorbener Neffe Abdurrahman, ein hochintelligenter, idealgesinnter Schüler, wohnte bei mir und war zugleich mein Diener und Sekretär und mein Adoptivkind. Ich wusste, dass ich in dieser Welt mehr als andere glücklich war. Da schaute ich in den Spiegel: Ich erblickte weiße Haare auf meinem Kopf und in meinem Bart. Da wurde plötzlich mein Geist wieder so wach wie während meiner Gefangenschaft in der Moschee von Kostroma. Infolgedessen begann ich die Umstände und Ursachen kritisch zu betrachten, mit denen ich in meinem Herzen verbunden war, und die ich für den Angelpunkt meines irdischen Glückes hielt. Welche ich
auch immer untersuchte, ich sah, dass sie faul, nicht des Interesses wert, und trügerisch waren. In der gleichen Zeit beobachtete ich bei einem Kollegen, den ich für absolut loyal (sadaqat)gehalten hatte, eine Unkollegialität (sadaqatsiz)und unvorstellbare Unzuverlässigkeit. Ein Widerwille gegenüber dem irdischen Leben überkam mich. Ich sagte mir in meinem Herzen:
Habe ich mich denn so völlig geirrt? Ich sehe, dass uns sehr viele Menschen in unserer Situation beneiden, wo wir doch in Wirklichkeit zu bedauern wären... Sind alle diese Menschen verrückt geworden? Oder werde ich jetzt selbst verrückt, sodass ich die Menschen, welche diese Welt anbeten, für verrückt halte? Wie dem auch sei... erst jetzt erkannte ich mit dem Scharfsinn, den das Alter verleiht, die Vergänglichkeit der vergänglichen Dinge, für die ich mich interessiert hatte.
Ich betrachtete mich selbst, erkannte schließlich meine Schwäche. Zu gleicher Zeit sagte mir mein Geist, der nach Ewigkeit verlangte und dem Vergänglichen verhaftet war, das er für beständig erachtete, mit aller Kraft: Da nun einmal mein Körper vergänglich ist, was soll mir da noch aus dem Vergänglichen an Gutem zuteil werden? Da ich nun einmal hilflos bin, was habe ich da noch von diesen Hilflosen zu erwarten? In meinem Kummer sagte ich mir: es muss einen Unvergänglich-Unsterblichen (Baqi-i Sermedi),einen Allmächtig-Urewigen (Qadir-i Edhel)geben, der einen Ausweg findet. So begann ich Ihn zu suchen. Zu dieser Zeit begann ich vor allem bei der Wissenschaft, die ich seit langem studiert hatte, Tröstung und Hoffnung zu suchen. Leider hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt die philosophische und die islamische Wissenschaft zusammen in mich hinein gefüllt und irrtümlicher Weise angenommen, dass die philosophischen Wissenschaften ein Mittel zur Vervollkommnung und eine Quelle der Erleuchtung seien, während doch alle diese philosophischen Fragestellungen meinen Geist über alle Maßen besudelt und mein inneres Wachstum behindert haben. Da kam mir plötzlich die heilige Weisheit
Gottes des Gerechten in Seiner Barmherzigkeit und in Seiner Freigiebigkeit aus dem Weisen Qur'an zu Hilfe. Wie in vielen Abhandlungen erklärt wurde, hat sie alle Befleckung durch diese philosophischen Fragestellungen von mir abgewaschen und mich gereinigt. Mit einem Satz gesagt: Die Finsternis des Geistes, die die Weisheit der Philosophen ist, erstickte meinen Geist von allen Ecken des Alls. In welche Richtung ich auch immer schaute, nach Licht suchte, in ihren Fragestellungen konnte ich kein Licht finden, keinen Atem schöpfen. Da zerstreute die Lehre von der Einheit (Tauhid),die mit dem Satz: لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ {"La ilaha illa Hu (Es gibt keine Gottheit außer Ihm)"} von dem Weisen Qur'an unterrichtet wird, alle diese Finsternisse durch ein überaus strahlendes Licht. Beruhigt atmete ich auf. Aber mein Ego (nefs)und der Satan stützten sich auf den Unterricht, den sie von den Leuten des Irrweges und von den Leuten der Philosophie erhalten hatten, und griffen Herz und Verstand an. Der Angriff auf meine Seele und die Debatte mit ihr endete - Allah sei Dank! (lillahilhamd)- mit einem Sieg des Herzens. Diese Debatten wurden in sehr vielen Abhandlungen teilweise aufgeschrieben. Ich begnüge mich damit, hier nur einen von tausend Siegen des Herzens darzustellen, nur ein einziges Zeugnis unter tausenden Zeugnissen vorzulegen, um den Geist eines Teiles der alten Leute, die von Jugend an mit dem, was man die Weisheit der Fremden und die Wissenschaften ihrer Zivilisation nennt, und zum einen Teil ein Irrtum, zum anderen Teil sinnlose Problemsuche ist, ihren Geist befleckt, ihr Herz krank gemacht und ihr Ego aufgebläht hat, zu reinigen. Mögen sie vom Übel des Satans und vom Egoismus (nefs)befreit werden und zur Wahrheit von der Einheit (Tauhid)gelangen! Es geschah dies wie folgt:
In Vertretung der philosophischen Wissenschaften sprach meine Seele zu mir: "Alle Dinge im Universum stehen natürlicher Weise in einer Wechselbeziehung zueinander. Jedes Ding hat seine Ursache. Früchte darf man von einem Baum, Getreide vom Feld erwarten. Warum
soll man auch das unbedeutendste, kleinste Ding von Allah erwarten, von Allah erflehen?" In dieser Zeit enthüllte sich mir das Geheimnis der Einheit (Tauhid)im Lichte des Qur'an auf folgende Weise. Mein Herz sprach zu dieser meiner Philosophenseele: Das unbedeutendste und kleinste Ding wie auch das größte Ding kommt unmittelbar aus der Macht (qudret)des Schöpfers (Khaliq)der Universen (kainat),geht aus Seiner Schatzkammer hervor. Auf andere Weise kann es nicht geschehen! Die Ursachen sind jedoch nur ein Schleier. Denn die Geschöpfe, die wir für die unbedeutendsten und kleinsten halten, werden manchmal - wenn man sie erst einmal so betrachtet, wie sie erschaffen und künstlerisch gestaltet wurden - noch größer als die größten unter ihnen. Wenn eine Mücke vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet ein Huhn zwar nicht zu übertreffen vermag, so steht sie doch auch nicht hinter ihm zurück. Und wenn dem so ist, gibt es auch keinen Unterschied zwischen groß und klein. Und entweder ist das ganze auf verschiedene materielle Ursachen zurückzuführen, oder alle Dinge gemeinsam sind einer einzigen Persönlichkeit zuzuschreiben. Wie aber der erste Fall unvorstellbar ist, so ist der zweite Fall notwendig und zwingend. Denn wenn alles einer einzigen Person (dhat),nämlich einem Allmächtig-Urewigen (Qadir-i Edhel)zuzuschreiben ist; da sich nun einmal aus der Weisheit und Ordnung alles Seienden mit absoluter Sicherheit ergibt, dass Er ein Wissen besitzt, das alle Dinge umfasst, und da nun einmal in Seinem Wissen der Maßstab aller Dinge bestimmt ist, und da nun einmal - wie wir mit eigenen Augen sehen können - ständig aus dem Nichts mit unendlicher Leichtigkeit unendlich kunstvolle Werke entstehen, und da nun einmal dieser Allmächtig-Allwissende (Qadir-i Alim),was auch immer Er will durch Seinen Befehl: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei und es ist!" (Sure 2, 117)} so wie man ein Streichholz entzündet - ins Dasein zu rufen
vermag, so besitzt Er auch, wie wir anhand von zahllosen starken Beweisen erklärt haben, und zwar besonders im "Zwanzigsten Brief" und auch am Ende des "Dreiundzwanzigsten Blitzes" bewiesen haben - eine grenzenlose Macht... Sicherlich beruht diese offensichtliche wunderbare spielerische Leichtigkeit auf diesem umfassenden Wissen und Seiner gewaltigen Macht.
Zum Beispiel: Wenn man in einem Buch, das mit einer dem Auge unsichtbaren Tinte geschrieben wurde, ein Mittel aufträgt, das dafür bestimmt ist, diese Schrift sichtbar zu machen, so erweist dieses riesige Buch plötzlich für jedermanns Auge seine Existenz und macht sich selbst lesbar. Im allumfassenden Wissen des Allmächtig-Urewigen (Qadir-i Edhel)sind alle Dinge in ihrer eigenen Form und in ihrem vorgegebenen Maß entsprechend festgelegt. Diese unbeschränkte Allmacht (Qadir-i Mutlaq),trägt mit Ihrem Befehl: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei und es ist!" (Sure 2, 117)} mit dieser grenzenlosen Macht und einem alles durchdringenden Willen, mit spielerischer Leichtigkeit Ihre Kraft, die eine Manifestation ihrer Macht ist, auf das Wesen des Wissens auf, so wie man ein Mittel auf diese Schrift aufträgt, um jedem Ding einen nach außen hin wahrnehmbaren Körper zu verleihen, ihn für das Auge sichtbar zu machen, um die Weisheit der Ornamente lesbar werden zu lassen. Wenn man nicht alle Dinge gemeinsam diesem Allmächtig-Urewigen (Qadir-i Edhel)zuschreibt, Ihm, der aller Dinge Wissen (Alim-i Kulli)hat, dann ist es notwendig, den Körper auch des kleinsten Dinges, wie einer Mücke, aus den meisten Elementen der Welt in einem nur ihr eigentümlichen Maßstab entsprechend zusammenzustellen. Zudem ist dies nur dann möglich, wenn die Zellen, die im Körper dieser winzigen Mücke arbeiten, das Geheimnis ihrer Erschaffung und ihre künstlerische Vollendung in allen Einzelheiten kennen. Denn auf Grund von Ursachen,
die in der belebten oder unbelebten Natur liegen, kann offensichtlich und in Übereinstimmung mit allen Leuten von Verstand nichts aus dem Nichts entstehen. Also müssen sie in jedem Fall zu ihrer Hervorbringung zunächst erst einmal die Bestandteile zueinander bringen. Um welches Lebewesen es sich nun aber auch immer handeln mag, es enthält in sich von den meisten Elementen ein Exemplar und verkörpert in sich Muster der meisten Arten. Es ist so, als sei es eine Zusammenfassung des Weltalls gleich einem Samenkorn. Sicherlich ist es notwendig in diesem Fall mit den empfindlichsten Messinstrumenten die Bausteine eines Baumes festzustellen, um aus ihnen ein Samenkorn zu konstruieren, und die Bauelemente des Erdkreises zu ermitteln, um mit ihrer Hilfe ein Lebewesen zusammensetzen zu können.
Es sind aber nun einmal die Ursachen, die in der unbelebten Natur liegen, unwissend und leblos und verfügen über kein Wissen, sodass sie einen Plan, eine Liste, einen Entwurf, ein Programm aufstellen könnten, um danach eine unsichtbare Gussform zu schaffen, damit die einzelnen Zellen nicht zerfallen, sodass die Funktionsfähigkeit des Zellverbandes gestört würde. Weil aber Bildung und Gestaltung eines Baumes oder einer Fliege auf zahllose Arten möglich ist, wird sie auf eine einzige Form und Größe innerhalb einer unübersehbar großen Anzahl von Möglichkeiten festgelegt. Dabei lösen sich die Zellen nicht aus ihrem Verband, obwohl ihre Atome sich gleich einem Sturzbach ständig erneuern. Vielmehr erfolgt der Austausch der Zellen geordnet, in einem nie abreißenden Strom, ohne Verwendung einer Gussform, unter Beibehaltung des Zellgefüges innerhalb eines geschlossenen Ganzen und allem, was lebt, wird seine vorgegebene Gestalt verliehen. Es ist offensichtlich, in welchem Grade dies unmöglich, unwahrscheinlich und weit davon entfernt ist, vernünftig zu sein. Sicherlich vermag dies jeder, der nicht blind ist in seinem Herzen, zu erkennen. Ja entsprechend der Wahrheit:
اِنَّ الَّذِينَ تَدْعُونَ مِنْ دُونِ اللّٰهِ لَنْ يَخْلُقُوا ذُبَابًا وَلَوِ اجْتَمَعُوا لَهُ
{(*): "Setzten sich alle Dinge außer Allah, die ihr anruft und anbetet, zusammen, so könnten sie auch nicht einmal eine Fliege erschaffen." (Sure 22, 74)}
und nach dem Mysterium (sirr)des großen Qur'anverses könnten - selbst wenn alle die Ursachen, die in der unbelebten Natur liegen, sich zusammensetzten und einen freien Willen (ihtiyar)besäßen - diese auch nicht den Körper einer einzigen Fliege mit den dazu passenden Organen zusammensetzen. Und könnten sie ihn zusammensetzen, sie können dennoch nicht die in diesem Körper wirkende Ordnung aufrechterhalten. Und könnten sie sie aufrechterhalten, sie könnten dennoch nicht die Atome, die ständig ausgetauscht werden und in diesem Körper ihre Funktion beginnen, zu rechter Wirksamkeit veranlassen. Wenn also dies so ist, können die Ursachen zur Erschaffung von Baum und Fliege nicht diesen selbst zur Verfügung stehen. Das heißt also, dass deren tatsächliche Verfügung in Händen eines Anderen liegt. Ja es gibt tatsächlich Einen, der über sie verfügt. Entsprechend dem Mysterium (sirr)des Qur'anverses:
مَا خَلْقُكُمْ وَلاَ بَعْثُكُمْ اِلاَّ كَنَفْسٍ وَاحِدَةٍ
{"Eure Erschaffung und Wiederauferstehung ist nicht anders als die einer einzigen Seele." (Sure 3, 27)}
erschafft Er alle Lebewesen auf dem Erdkreis mit der gleichen Leichtigkeit wie eine einzelne Mücke. Er erschafft den Frühling mit gleicher Leichtigkeit wie eine einzelne Blume. Denn für Ihn ist es nicht notwendig erst vorher die Bestandteile beisammen zu haben. Von Ihm geht der Befehl aus: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei und es ist!" (Sure 2, 117)} und Er ruft in jedem Frühling außer den Grundbausteinen
zu unzähligen, gerade für den Frühling so typischen Pflanzen und Tieren, auch deren unzählige Formen, Farben, Gestalten und Bedingungen aus dem Nichts hervor. In Seinem Wissen sind die Pläne und Entwürfe, die Tabellen und Programme aller Dinge vorgegeben. Alle Atome bewegen sich Seiner Anweisung folgend in Seinem Wissen und Seiner Macht. Mit der spielerischen Leichtigkeit, wie man ein Streichholz entzündet, erschafft Er ein jedes Ding. Kein Ding weicht auch nur um Haaresbreite von Seiner Bahn ab. So wie die Gestirne Sein gehorsames Heer bilden, so sind auch die Atome einem wohlgeordneten Heere gleich. Da sie sich nun einmal in ihrer Bewegung auf die urewige Macht (qudret-i edhel)stützen und nach den Grundsätzen des urewigen Wissens (ilm-i edhel)tätig werden, gelangen Seine Werke mit Sicherheit Seiner Macht entsprechend ins Dasein. Sieht man hingegen diese Individuen als unbedeutend und klein an, werden Seine Werke dadurch nicht geringer. Mit Seiner Kraft (quvvet)und Macht (qudret)verbunden, lässt eine Mücke einen Nimrod elend zu Grunde gehen, zerstört eine Ameise den Palast des Pharao, trägt ein Tannensamen - klein wie ein Stäubchen - einen Tannenbaum - groß wie ein Berg - auf seinen Schultern. Wie wir diese Tatsache in vielen Abhandlungen bewiesen haben, vermag ein Soldat, versehen mit einem Soldbuch, betrachtet man seine Zugehörigkeit zum Kaiser, dergleichen Taten zu vollbringen, wie einen König gefangenzunehmen, der hunderttausendmal mächtiger ist als er. So also vermag jedes Ding - verbunden mit der urewigen Macht - wundervolle Kunstwerke zu Stande zu bringen, die hunderttausendfach über die Naturgesetze hinausgehen.
Kurzum,die Entstehung eines jeden Dinges, das in höchstem Grade kunstvoll ist und doch mit einer derartigen Leichtigkeit erschaffen wurde, zeigt, dass es ein Werk des Allmächtig-Urewigen (Qadir-i Edhel)ist, welcher ein allumfassendes Wissen besitzt. Anderenfalls wird es auf Grund hunderttausender Unmöglichkeiten nicht ins Dasein treten,
im Gegenteil, es wird aus dem Bereich des Möglichen, der vorhandenen Umstände, austreten und in den Bereich des Unmöglichen, der nicht vorhandenen Umstände, eintreten, ja sogar aus der Betrachtung der notwendigen Voraussetzungen ausscheiden und sich in die nicht in Betracht kommenden einreihen, weil von Anfang an Grundvoraussetzungen fehlen. Kein Ding wird Gestalt annehmen, vielmehr seine Gestalt verlieren und zu einem Unding werden.
So schwieg denn meine Seele auf Grund dieser ins Einzelne gehenden, so starken und so tiefschürfenden und so offensichtlichen Beweisführung, nachdem sie vorübergehend ein Schüler des Satans und ein Anwalt der Leute des Irrweges und der Philosophie gewesen war.
"Li'llah-il'hamd!" Ich bin nun völlig zum Glauben gelangt. Und ich sprach:
"Ja ich brauche einen solchen Schöpfer und Herrn (Khaliq ve Rabb),der auch die unscheinbarsten Dinge kennt, die mir am Herzen liegen, auch mein leisestes Flehen, so wie Er das geheimste Bedürfnis meines Herzens erfüllt und diese riesige Welt in das Jenseits umwandelt, der diese Welt auflösen und statt ihrer das Jenseits errichten wird, um mir eine ewige Glückseligkeit zu verleihen. So wie Er in der Lage ist, sowohl eine Mücke zu erfinden, als auch den Himmel zu erschaffen, so muss Er auch die Sonne gleich einem Auge am Firmament befestigen und auch die Macht haben, jede Zelle in meinem Auge zu gestalten. Kann Er aber eine Mücke nicht erschaffen, dann kann Er auch nicht tun, was mir am Herzen liegt, dem Flehen meines Geistes nicht lauschen. Kann Er die Himmel nicht erschaffen, dann kann Er mir auch die ewige Glückseligkeit nicht verleihen. So also ist mein Herr der, welcher in der Lage ist, sowohl das, was mir am Herzen liegt, zu veredeln, als auch den Wetterhimmel in einer Stunde mit Wolken zu erfüllen oder von ihnen zu entleeren, das Diesseits ins Jenseits zu verwandeln, das Paradies aufzubauen, mir dessen Türe zu öffnen, und zu sagen: 'Los, komm
herein!'"
Nun also ihr meine alten Brüder, die ihr so wie ich unglücklicher Weise einen Teil eures Lebens mit lichtloser Philosophie und fremdländischer Wissenschaft verbracht habt! Versteht ihr jetzt den heiligen Erlass, den der Qur'an unablässig verkündet: لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ {"La ilahe illa Hu (Es gibt keine Gottheit außer Ihm!)"}
Wie stark und voll Wahrheit Er doch ist! Er ist auf keine Weise zu erschüttern, zu verletzen oder zu verändern. Versteht, wie dieser Glaubenssatz alle innerliche Finsternis auflöst und alle innerlichen Wunden heilt...
Diese lange Erzählung wurde in die Hoffnungstore meines Altseins zum Teil ohne meinen freien Willen (ihtiyar)eingereiht. Ich wollte es nicht, sogar zögerte ich, als würde sie nur langweilen. Ich kann aber sagen, dass es mir so diktiert wurde. (Wie dem auch sei... Ich komme wieder zur Sache.) In Folge der weißen Haare auf meinem Kopf und in meinem Bart und der Unzuverlässigkeit (sadaqatsiz)eines treuen (Kollegen) überkam mich ein Ekel vor jener Freude an dem irdischen, prunkvollen, äußerlich angenehmen und aufregenden Leben in Istanbul. Meine Seele suchte nach geistigen Freuden anstelle von den Freuden, in die sie vernarrt war. Sie wünschte in diesem Zustand des Alters, der in den Augen der Gottvergessenen kalt, schwer und unangenehm ist, eine Tröstung und ein Licht. "Fe-lil'lahil'hamd", hunderttausendmal Dank Gott dem Gerechten, fand ich an Stelle all dieser weltlichen Freuden, die unwahr, abgeschmackt, ohne Ziel, ohne Sinn waren, die wahren, immerwährenden und erlesenen Freuden des Glaubens in dem لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ {"La ilahe illa Hu (Es gibt keine Gottheit außer Ihm)"} und in dem Licht der Einheit Gottes (tauhid).Ich erkannte, dass das Altsein, dass in den Augen der Gottvergessenen kalt und schwer erscheint, in diesem Licht der Einheit Gottes sehr leicht, warm und lichtvoll ist.
Meine älteren Damen und Herren! Da ihr nun einmal den Glauben (iman)habt, und da ihr nun einmal die Pflicht- und Bittgebete verrichtet, welche den Glauben erleuchten und
entwickeln, könnt ihr euer Altsein als eine ewige Jugend betrachten. Denn ihr könnt damit eine ewige Jugend erwerben. Das Alter, das in Wirklichkeit kalt, schwer, hässlich, finster und leidvoll ist, ist aber das Alter der Leute des Irrweges, ja vielmehr auch ihre Jugend. Sie müssen weinen und sagen: "Oh weh, wie schade!" Ihr, oh meine verehrten gläubigen alten Leute! Ihr sollt in Freude danken und sagen:
الْحَمْدُ لِلّٰهِ عَالَى كُلِّ حَالٍ
{"Für jeden Zustand sei Gott Dank!"}
Zwölfte Hoffnung:
In einer Zeit, in der ich im Kreis Barla von der Provinzhauptstadt Isparta in einer Gefangenschaft voller Schikanen unter dem Namen "Verbannung" in der Fremde, allein, ohne Verwandte in einem Dorf, in einem Zustand, in dem mir der Briefverkehr und der Umgang mit der Außenwelt untersagt war, in der ich sowohl krank war, als auch alt und elend, hatte Gott der Gerechte mir aus Seiner vollkommenen Güte (kemal-i merhamet)ein Licht, das sich auf die feinsinnigen Geheimnisse des Weisen Qur'an bezieht, zum Anlass der Tröstung geschenkt (ihsan).In ihm versuchte ich diesen bitteren, schmerzhaften Zustand, in dem ich mich befand, zu vergessen. Ich konnte meine Heimat, meine Freunde und meine Verwandten vergessen. Aber ich konnte "zu meinem Kummer" einen nicht vergessen. Es war mein verstorbener Neffe, der gleichzeitig mein Adoptivkind, mein opferwilligster Schüler, mein mutigster Freund war, Abdurrahman. (Möge Gott sich seiner erbarmen!) Vor sechs, sieben Jahren hatten die Umstände uns getrennt. Weder wusste er, wo ich war, sodass er mir zu Hilfe eilen und mich trösten konnte, noch wusste ich von seiner Lage, sodass ich ihm keinen Brief schreiben und ihm mein Herz nicht ausschütten konnte. Ich brauchte nun einmal in meinem Alter solch einen opferwilligen und getreuen (Helfer). Später brachte mir jemand einen Brief. Ich öffnete ihn und sah, dass er die wahre Lage von Abdurrahman genau zeigte. Ein Abschnitt
aus seinem Brief, in dem sich drei Wunder zeigten, wurde in die Sammlung des "Siebenundzwanzigsten Briefes" eingereiht. Über diesen Brief musste ich damals sehr weinen und muss ich auch in diesem Moment immer noch weinen. Der verstorbene Abdurrahman (möge Gott sich seiner erbarmen!) schrieb in seinem Brief sehr ernsthaft und aufrichtig, dass ihm die Lust an dieser Welt zum Ekel geworden war und mich zu erreichen sein größter Wunsch war. Wie ich ihn versorgt hatte, als er noch klein war, so wollte nun auch er mir in meinem Alter dienen. Außerdem wollte er mir bei meiner wahren Aufgabe in dieser Welt, der Veröffentlichung der feinsinnigen Geheimnisse des Qur'an, mit seiner geschickten Feder, helfen. Er schrieb sogar in seinem Brief: "Schicke mir zwanzig oder dreißig Abhandlungen. Ich will zwanzig, dreißig Exemplare selbst abschreiben und andere beauftragen, sie (handschriftlich) zu vervielfältigen."
Dieser Brief gab mir erneut eine große Hoffnung, was dieses Leben betrifft. Ich hatte einen dermaßen mutigen Schüler gefunden, der eine geradezu geniale Begabung besaß und mir eine sehr viel größere Treue und Verbundenheit bewies, als ein leibliches Kind sie mir je erweisen könnte. Ich hatte diese Gefangenschaft voller Schikanen, dieses Nichts- und Niemanden-haben, diese Fremde und dieses Altsein vergessen. Bevor er diesen Brief schrieb, bekam er ein Exemplar von dem gedruckten "Zehnten Wort" (über den Glauben an die Wiederauferstehung nach dem Tode) in die Hand. Diese Abhandlung wurde für ihn zu einem Heiltrank, der alle Wunden seiner Seele, die er in sechs, sieben Jahren empfangen hatte, heilte. Er schrieb mir diesen Brief in der Stimmung eines starken und glänzenden Glaubens, als wartete er auf seine Todesstunde. Ein, zwei Monate später, als ich mir vorstellte, ein glückliches Leben auf der Erde durch Abdurrahman zu verbringen, bekam ich zu meinem Kummer plötzlich die Nachricht von seinem Tod. Diese Nachricht war für mich eine solche Erschütterung, dass ich sie auch heute,
d.h. noch nach fünf Jahren, verspüre. Sie versetzte mich in einen solchen Zustand des Schmerzes, des Mitgefühls und der Trauer, der zehnfach schmerzhafter war als meine Gefangenschaft voller Schikanen, die Einsamkeit in der Fremde, Alter und Krankheit. Mit dem Tod meiner Mutter selig war mir die Hälfte meiner eigenen Welt gestorben. Mit dem Tod Abdurrahmans sah ich, dass nun auch die andere Hälfte gestorben war. Mein Interesse an der Welt ist ganz und gar erloschen. Denn wäre er am Leben geblieben, so hätte er mir in diesem Leben ein starker Halt bei meinen Aufgaben für jenes Leben sein können, ein guter Nachfolger, genau der, welcher nach mir meinen Platz hätte ausfüllen können, eine Tröstung, ein zutiefst opferbereiter Kamerad in dieser Welt. Er wäre ein überaus kluger Schüler, ein überaus zuverlässiger Besitzer und Verwalter der Risale-i Nur Werke gewesen. Er und die Risale-i Nur: Subjekt und Objekt! In der Tat ist ein solcher Verlust angesichts der Menschheit und für Menschen wie mich ein Schmerz, der tief in mir brennt und mich verbrennt. Zwar gab ich mir nach außen hin wirklich alle Mühe ihn zu ertragen, doch tief in meinem Inneren tobte der Sturm. Hätte mir die Tröstung, die ich dann und wann aus dem Licht des Qur'an empfing, keine Linderung gebracht, so hätte ich es nicht ertragen können. Damals ging ich einsam und allein an den Bächen und auf den Bergen von Barla spazieren. An einsamen Orten saß ich traurig und allein. Immer wenn Szenen von dem glücklichen Leben, das ich in früheren Zeiten mit meinen treuen Schülern, wie Abdurrahman verbracht hatte, wie ein Film vor meinem inneren Auge vorüber liefen, eilte die Trauer herbei, heftete sich an Alter und Fremde und brach mir erneut das Herz. Plötzlich wurde mir das Geheimnis des heiligen Qur'anverses
كُلُّ شَىْءٍ هَالِكٌ اِلاَّ وَجْهَهُ لَهُ الْحُكْمُ وَاِلَيْهِ تُرْجَعُونَ
{"Alle Dinge vergehen außer Seinem Angesicht." (Sure 28, 88)}
offenbar.
Es ließ mich
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى ٭ يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht! Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht!"}
rufen und flößte mir dadurch eine wahre Tröstung ein. An jenen einsamen Bächen sah ich mich in jenem traurigen Zustand in dem Geheimnis dieses heiligen Verses an der Spitze der drei großen Beerdigungen, wie bereits in der Abhandlung "Die Sprossenleiter des Vorbildes des Propheten" darauf hingewiesen wurde.
Erstes (Begräbnis):
Ich erblickte mich selbst als ein Grabmal über den Grabsteinen von fünfundfünfzig Saids, die bis zu meinem fünfundfünfzigsten Lebensjahr im Verlaufe meines Lebens gestorben und begraben worden waren.
Zweites Begräbnis:
Ich erblickte mich selbst in der Gestalt eines Lebewesens, klein wie eine Ameise, und krabbelte über das Gesicht dieses Jahrhunderts, das glich einem Grabstein an der Spitze einer großen Beerdigung meiner Zeitgenossen und aller Menschen, die seit der Zeit Adams, mit dem der Friede sei, gestorben und im Grabmal der Vergangenheit beigesetzt worden waren.
Was die dritte Beerdigung betrifft,
so gestaltete sie sich meiner Vorstellung (hayal)entsprechend im Geheimnis dieses Qur'anverses als das Große Vergehen des Kosmos gleich dem aller Menschen im alljährlichen Strom des Vergehens aller Welten (individuellen Lebens) auf dem Antlitz der Erde.
So eilte mir folgender ehrwürdiger Qur'anvers mit seiner hinweisenden Bedeutung zu Hilfe, welcher dieses entsetzliche Bild, entstanden aus der Trauer um den Tod Abdurrahmans, vollständig zu erleuchten vermochte und mir eine wahrhaftige Tröstung und ein unauslöschliches Licht brachte.
فَاِنْ تَوَلَّوْا فَقُلْ حَسْبِىَ اللّٰهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ عَلَيْهِ تَوَكَّلْتُ وَهُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْعَظِيمِ
{"Wenn sie sich abkehren, dann sprich: Mir genügt Gott. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Auf Ihn vertraue ich. Und Er ist der Herr des majestätischen Thrones." (Sure 9, 129)}
In der Tat verkündet dieser Qur'anvers: Es gibt Einen Gott, den Gerechten und Er ist aller Dinge Wert. Er ist der Ewige, der Seiende, der Beständige und Er allein ist genug. Ein einziger Funke Seiner Gnade (inayet)ersetzt (und Ihm entspricht) die ganze Welt. Das Aufscheinen Seines Lichtes schenkt den aufgeführten drei großen Beerdigungen geistiges Leben und zeigt, dass sie keine Beerdigungen (Leichenzüge) sind, sondern der Zug derer, die ihren Auftrag beendet haben und in andere Welten hinüber gegangen sind. Da dieses Geheimnis im "Dritten Blitz" bereits erläutert wurde, begnüge ich mich hier damit und sage, dass das zweimalige Rufen
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى ٭ يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht! Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht!"}
welches die sinngemäße Bedeutung (meal)des Qur'anverses
كُلُّ شَىْءٍ هَالِكٌ اِلاَّ وَجْهَهُ
{"Alle Dinge vergehen außer Seinem Angesicht." (Sure 28, 88)}
zum Ausdruck bringt, mich von jener überaus schmerzlichen Trauer befreit hat. Es ist dies wie folgt:
Das erste Mal sagte ich,
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht!"}
und damit begann eine Behandlung gleich einer Operation
meiner grenzenlos vielen seelischen (manevi)Wunden, die im Untergang meiner Welt, dem Untergang zahllos vieler geliebter Freunde in der Welt, mit denen ich wie mit Abdurrahman verbunden war, und durch das Zerreißen der Verbindungen mit ihnen entstanden.
Der Satz
يَا بَاقِٓى أَنْتَ الْبَاقِى
{"Oh Beständiger, Du bist es, der bleibt und besteht!"}
den ich zum zweiten Mal sagte, wurde für all diese zahllos vielen seelischen (manevi)Wunden sowohl eine Salbe als auch ein Heiltrank. Das heißt: Du bist derjenige, der ewig besteht. Mag gehen, wer da gehen will. Du allein genügst. Du allein bestehst ewig. Das Erscheinen Deiner Barmherzigkeit ist Genüge gegenüber dem Untergang aller Dinge. Du allein bist. So sind auch für den Menschen, der durch den Glauben an Deine Existenz seine Zugehörigkeit zu Dir anerkennt und sich im Geheimnis des Islam (der Ergebenheit) dieser Zugehörigkeit entsprechend verhält, alle Dinge gegeben. Untergang und Vergänglichkeit, Tod und Vernichtung sind nur ein Schleier, dienen nur der Erneuerung, gleichen einer Reise zu den verschiedenen Wohnstätten. Indem ich so dachte, verwandelte sich dieser Trennungsschmerz, jener brennende, traurige, leidvolle, finstere und entsetzliche Seelenzustand in einen fröhlichen, freudigen, erlesenen, lichtvollen, lieblichen und vertrauten Zustand. Meine Zunge, mein Herz, ja sogar alle meine Körperzellen brachten es auf ihre Art zum Ausdruck: " Elhamdulillah",aller Dank sei Allah!
Ein Tausendstel dieser Erscheinung der Barmherzigkeit ist das Folgende: Von diesem Bach, dem Ort meiner Traurigkeit, und in jenem Zustand meiner Trauer, kehrte ich nach Barla zurück. Ich sah, dass ein Junge namens Mustafa von Kuleönü kam, um mich einiges über die rituelle Waschung vor dem Gebet (Abdest)und über das Pflichtgebet (Namaz)zu fragen. Mein Geist las wie in einem
Vorgefühl im Geist dieses jungen Mannes die Aufrichtigkeit seines Geistes und den wertvollen Dienst,
{(*): Der "Kleine Ali", welcher der kleine Bruder dieses Mustafa ist, schrieb mit seiner guten und schönen Schrift mehr als siebenhundert "Lichter"-Abhandlungen ab. So wurde er zu einem vollkommenen Abdurrahman und bildete auch viele Abdurrahmans aus.}
den er in Zukunft der Risale-i Nur leisten werde. Obwohl ich damals keine Besucher annahm, konnte ich ihn nicht zurückweisen. Ich empfing ihn.
{(*): Er hat bewiesen, dass er mit Recht verdiente, nicht nur empfangen, sondern auch willkommen geheißen zu werden.
(*) Ein Vorfall, der die Meinung des Meisters über Mustafa, den ersten Schüler der Risale-i Nur, bestätigt, er verdiene, willkommen geheißen zu werden, ist der folgende: Ein Tag vor dem Arafat-Tag, dem Opferfest, wollte mein Meister einen Ausflug machen. Als er mich beauftragte ein Pferd zu besorgen, sagte ich dem Meister: "Du brauchst nicht runter zu kommen. Ich werde die Haustür schließen und hinten durch das Holzlager hinausgehen". Der Meister sagte: "Nein, geh du nur durch die Haustür hinaus" und kam runter. Nachdem ich durch die Tür herausgegangen war, verriegelte er die Tür von innen. Ich ging fort und er wieder hinauf. Dann legte er sich nieder. Nach einer Weile kam Mustafa von Kuleönü zusammen mit Hadji Osman. Der Meister empfing niemanden und wollte es auch gar nicht. Besonders empfing er damals nie zwei Männer zu gleicher Zeit und wies sie immer ab. Stattdessen war es, als der erwähnte Bruder Mustafa von Kuleönü mit Hadji Osman kam, so als spräche die Tür auf ihre Art: "Dein Meister wird dich nicht empfangen, aber ich werde mich dir öffnen." Und es öffnete sich die Tür, die von innen verriegelt war, für Mustafa von selbst. Das also heißt - und die Zukunft bestätigte diese Ansicht des Meisters über Mustafa, nämlich: "Mustafa verdient, Willkommen geheißen zu werden", wofür die Tür selbst Zeugnis ablegte. (Bericht von Husrev) Es ist in der Tat richtig, was Husrev schreibt. Ich bestätige es. Die Tür hieß diesen gesegneten Mustafa an meiner Stelle Willkommen und empfing ihn. (Bestätigung von Said Nursi)}
Später ist es mir klar geworden, dass mir Gott der Gerechte anstelle von Abdurrahmen
der im Dienst an der Risale-i Nur ein hervorragender Nachfolger hätte sein und die Aufgabe eines wahrhaften Erben vollkommen hätte durchführen können, diesen Mustafa als Musterbeispiel geschickt hat, als habe Er zu mir sagen wollen: "Ich habe von dir einen Abdurrahman genommen und werde dir dafür dreißig Abdurrahman gleich diesem Mustafa, den du siehst, geben, als einen Schüler in deinem Glaubensdienst, Neffen, Adoptivkind, Bruder und opferbereiten Kameraden." Und in der Tat, Dank sei Allah (lillahilhamd),hat Er mir dreißig Abdurrahman gegeben. Darauf sagte ich:
"Mein weinendes Herz! Nun hast du ja ein Musterbeispiel gesehen. Damit hat Er die größten Wunden deiner Seele geheilt. So musst du auch davon überzeugt sein, dass Er alle deine Wunden und deine Traurigkeit, heilen wird."
Also, oh ihr alten Brüder und Schwestern, die ihr in der Zeit eures Alters ein Kind oder einen Verwandten, den ihr lieb hattet, verloren habt! Ihr tragt die schwere Last des Alters auf eurem Rücken und auf euerem Kopf und seid nun auch noch mit dem schweren Gram der Trennung beladen! Ihr habt bestimmt erkannt, dass mein Zustand viel ernster als euer war. Da mich ein solcher ehrwürdiger Qur'anvers nun einmal behandelt und geheilt hat, so befinden sich bestimmt heilende Medikamente für alle eure Schmerzen in der heiligen Apotheke des Weisen Qur'an. Wendet ihr euch im Glauben an ihn und benutzt die Medikamente im Dienst und in der Anbetung Gottes, so werden sich die schweren Lasten des Alters und des Grams, die ihr auf eurem Rücken und auf eurem Kopf tragt, sehr erleichtern.
Der Sinn der ausführlichen Darstellung dieses Kapitels ist der, zu veranlassen, dass für den verstorbenen Abdurrahman reichlich viele Segensgebete (dua-yi rahmet)gesprochen werden. Ihr sollt dessen nicht überdrüssig werden! Außerdem wollte ich mit der so unangenehmen und leidvollen Darstellung meiner so schrecklichen Wunde, die euch vielleicht
sehr rührte, Mitleid hervorrief und erschreckte, zeigen, was für eine wunderbare Heilung in dem Heiltrank des Weisen Qur'an liegt und was für ein glänzendes Licht er ist.
Dreizehnte Hoffnung:
{(*): Es ist eine feine Übereinstimmung (latif bir tevafuq), dass die Geschichte mit der Medresse, von der die Dreizehnte Hoffnung berichtet, genau dreizehn Jahre vor dieser Abhandlung geschah.}
In dieser "Hoffnung" möchte ich von einer wichtigen Szene in meinem Leben sprechen, und das möchte ich jedenfalls auch ziemlich ausführlich tun. Nur bitte ich Euch darum, euch dabei nicht zu langweilen und nicht zu ärgern.
Nach der Flucht aus der russischen Gefangenschaft während des Ersten Weltkrieges hielt mich meine Lehrtätigkeit im "Haus der Weisheit" (Dar-ul'Hikmet)in Istanbul zwei, drei Jahre lang fest. Danach flößte mir, ausgelöst durch die Unterweisung des Weisen Qur'an, den Segen von Gauth-u 'Adham (Scheich Geylani) und wachgerüttelt durch (die erneute Entdeckung) meines Alters, das städtische Leben in Istanbul Ekel ein und wurde ich des gesellschaftlichen Lebens überdrüssig. Das Gefühl der Sehnsucht nach der Heimat, welches Heimweh genannt wird, führte mich dazu, in meine Heimat zurückzukehren. "Da ich nun einmal sterben werde, will ich in meiner Heimat sterben", sagte ich und ging nach Van. Vor allem besuchte ich in Van meine Medresse, die Horhor genannt wird. Ich sah, dass auch sie, wie die anderen Wohngebiete in Van, während der russischen Besetzung von den Armeniern in Brand gesteckt worden war. Da war die berühmte Festung von Van, welche ganz aus dem Felsen heraus gehauen ist. Meine Medresse stand wie angeklebt genau an ihrem Fuß. Meine Schüler in dieser Medresse, die ich vor sieben, acht Jahren verlassen hatte, wahrhafte Freunde, Brüder und Vertraute, traten mir vor Augen. Ein Teil von diesen meinen opferbereiten Freunden sind als wahre Märtyrer (direkt), ein anderer Teil infolge der
Katastrophe als geistige (manevi)Märtyrer (erst später) gestorben. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich stieg zur höchsten Stelle der Festung hinauf, etwa so hoch wie zwei Minarette über der Medresse, und setzte mich. Meine Phantasie (hayal)versetzte mich in die Zeit vor sieben, acht Jahren zurück. Und da meine Phantasie ziemlich stark ist, hat sie mich in der damaligen Zeit eine ganze Weile umher geführt. Es gab dort oben niemand, der mich aus meiner Phantasie hätte zurückrufen, aus jener Zeit hätte zurückführen können. Denn ich war allein. Jedes Mal wenn ich meine Augen öffnete, sah ich innerhalb von sieben, acht Jahren so viele Verwandlungen, als wäre ein Jahrhundert vergangen. Ich sah, dass die Innenstadt zu Füßen der Festung, wo meine Medresse lag, ganz und gar verbrannt und zerstört war. Was ich früher gesehen hatte und heute sah, betrachtete ich mit solch traurigen Augen, als wäre ich erst nach zweihundert Jahren wieder zur Welt gekommen. Die meisten Männer in diesen Häusern waren meine Freunde und Kameraden. Der größte Teil von ihnen starb entweder auf der Flucht (Möge Allah ihnen barmherzig sein!) oder geriet in der Fremde ins Elend. Und weiter sah ich, dass alle Häuser der Muslime in Van - außer dem Wohnviertel der Armenier - zerstört waren. Es tat mir in meinem tiefsten Herzen weh. Ein solches Mitleid ergriff mich, dass ich, hätte ich tausend Augen gehabt, mit ihnen allen zusammen geweint hätte. Ich glaubte, ich wäre aus der Fremde in meine Heimat zurückgekehrt, aus der Fremde geflüchtet. "Jammer und Elend!", es traf mich das Gefühl der Fremde am furchtbarsten in meiner Heimat. Ich sah hunderte meiner Schüler und Freunde, die mit mir, wie der in der Zwölften Hoffnung erwähnte Abdurrahman, innerlich tief verbunden waren, im Grab und ihre Wohnstätten als Ruinen.
Es gab da seit langem von jemandem einen Ausspruch in meinem Gedächtnis. Seinen Sinn konnte ich nicht erkennen... Vor dieser traurigen Szene erkannte ich aber
seinen Sinn vollständig. Dieser Ausspruch lautete:
لَوْلاَ مُفَارَقَةُ الْاَحْبَابِ مَا وَجَدَتْ لَهَا الْمُنَايَا ِالٰٓى اَرْوَاحِنَا سُبُلاً
Das heißt: "Gäbe es keine Trennung von den Freunden, so könnte der Tod keinen Weg zu unserer Seele finden, sie nicht erreichen, um sie zu holen." Das heißt also, was in tiefster Seele den Menschen sterben lässt, ist die Trennung von den Freunden. So hat denn in der Tat noch niemals ein Schmerz so sehr in mir gebrannt, mich weinen lassen. Wenn mir keine Hilfe aus dem Qur'an und aus dem Glauben gekommen wäre, würde dieser Gram, dieses Leid und diese Trauer in mir so übermächtig geworden sein, dass sie in mir die Seele hätte vertrieben. Schon in alter Zeit weinten die Dichter über die Wohnstätten, in denen sie sich mit ihren Freunden getroffen hatten und die mit der Zeit zu Ruinen wurden. Ich hatte eine Szene voll unendlichem Schmerz, Trennung und Leid vor Augen. Trauer eines Mannes, der nach zweihundert Jahren in die Wohngebiete seiner Freunde zurückkehrt, die er so sehr geliebt hatte... da weint mein Auge, weinen mit ihm mir Seele und Herz. Vor meinen Augen zeigte sich mir damals die Zeit, in der sich, so wohl bebaute fröhliche, bevölkerte und belebte Plätze in Trümmerfelder verwandelt hatten, eine Zeit, wo ich in meinem schönsten Leben mit knapp zwanzig Jahren mit einem Lehrauftrag tätig gewesen war und sie mit meinen ehrenwerten Schülern verbracht hatte, gleich den schönsten Szenen auf einer Leinwand und wurde eine nach der anderen wieder lebendig. Dann starben sie dahin und verschwanden wieder und das ganze setzte sich noch eine Weile vor meinem inneren Auge fort. Damals staunte ich sehr über die Haltung der Weltleute. Auf welche Weise betrügen sie sich? Denn so wie diese Lage nun einmal ist, zeigt sich doch offensichtlich, wie vergänglich die Welt ist und dass die Menschen in ihr nur Gäste sind. Ich sah nun mit eigenen Augen, wie richtig es ist, wenn die Kenner der Wahrheit immer sagen: "Die Welt ist verräterisch,
betrügerisch, und schlecht. Von ihr sollt ihr euch nicht täuschen lassen."
Ich erkannte auch selbst, dass der Mensch, wie er mit seinem Körper und seinem Haus verbunden ist, genauso auch mit seiner Stadt, mit seinem Land, sogar mit seiner Erde verbunden ist. Denn, als ich angesichts meines Körpers voll Mitleids mit mir selbst und über mein Alter mit nur zwei Augen weinte, so wollte ich über meine Medresse, nein, nicht wegen ihres Alters, sondern über ihren Tod mit zehn Augen weinen. Und wegen des Todes der Hälfte meines schönen Heimatlandes muss man und muss ich mit hundert Augen weinen. Es ist eine Hadith überliefert, die sagt: An jedem Morgen (sabah)ruft ein Engel:
لِدُوا لِلْمَوْتِ وَابْنُوا لِلْخَرَابِ
das heißt: "Ihr werdet geboren und kommt zur Welt, um zu sterben; und ihr errichtet Gebäude, damit sie zerstört werden."
Diese Tatsache habe ich also nicht mit meinen Ohren sondern mit meinen Augen wahrgenommen. Und so wie mich meine damalige Lage in Tränen versetzte, so versetzt auch meine Vorstellung seit zehn Jahren mich in Tränen, wenn sie sich an diese Lage erinnert. Die Zerstörung der Wohnstätte am Fuß jener alten Festung, die tausende Jahre überlebte, und die Stadt unter ihr, die innerhalb von acht Jahren um achthundert Jahre alterte, und das Sterben meiner Medresse, die am Fuß jener Festung, so lebendig und ein Versammlungsort von Freunden war, veranschaulichen das Sterben aller Medressen im ganzen Osmanischen Reich. Und als Zeichen der geistigen Größe ihrer Leichen wurde die Festung in Van, heraus gehauen aus einem einzigen Felsmassiv, ihr Grabstein. Es war mir, als ob meine verstorbenen Schüler, die vor acht Jahren in dieser Medresse mit mir zusammen gewesen waren, in ihren Gräbern mit mir weinten. Ja sogar die Mauern der Ruinen dieser Stadt und die
umher liegenden Steine weinten mit mir. Damals wurde mir klar, dass ich diese Einsamkeit in meiner eigenen Heimat nicht ertragen konnte. So dachte ich denn: "Entweder muss auch ich zu ihnen ins Grab steigen, oder mich auf dem Berg in eine Höhle zurückziehen und dort auf meinen Tod warten." Und so sagte ich: "Da nun einmal in dieser Welt der Schmerz über die Trennung so unerträglich ist, dass er alle Geduld zerreißt, alle Widerstände bricht und brennt, ist der Tod doch dem Leben vorzuziehen. Diese schwierige Lebenslage ist ein Schmerz, den man nicht ertragen kann." Damals ließ ich meine Blicke nach den bekannten sechs Seiten ausschwärmen und war alles finster. Die Gottvergessenheit, die aus jenem heftigen Schmerz erwächst, ließ mir die Welt schrecklich, leer, und einsam erscheinen, als würde sie über meinem Kopf zusammenstürzen. Als mein Geist gegen diese grenzenlos vielen Übel, die mir gegenüber eine feindselige Haltung eingenommen hatten, nach einem Stützpunkt (nokta-i istinad)suchte und nach einer Stelle, von der ich für die grenzenlos vielen, sich bis in die Ewigkeit ausstreckenden Wünsche meines Geistes Hilfe herbeirufen konnte, ausschaute und als ich gegen die Trauer und das Leid, das von diesem Trennungsschmerz, dem Abschied, der Zerstörung und dem Tod herrührte, eine Tröstung erwartete, offenbarte sich mir plötzlich die Wahrheit des folgenden Verses aus dem Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist,
سَبَّحَ لِلّٰهِ مَا فِى السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ وَهُوَ الْعَزِيزُ الْحَكِيمُ ٭ لَهُ مُلْكُ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ يُحْيِى وَيُمِيتُ وَهُوَ عَلٰى كُلِّ شَىْءٍ قَدِيرٌ
{"Gott preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Mächtige, der Weise. Ihm gehört die Königsherrschaft der Himmel und der Erde. Er macht lebendig und lässt sterben. Und Er hat Macht zu allen Dingen." (Sure 57, 1-2)}
Sie befreite mich von dieser meiner Vorstellung, die mein Mitleid erregt, diesen Schmerz über die Trennung hervorgerufen,
mir Trauer und Furcht eingeflößt hatte, und öffnete mir die Augen. Es war mir, als schauten mich die Früchte in den Kronen der Obstbäume an und lächelten. So als wollten sie zu mir sagen: "Schenke auch uns deine Aufmerksamkeit und bleibe nicht bei den Ruinen stehen!"
So gemahnte mich die Wahrheit dieses ehrwürdigen Qur'anverses: "Warum betrübt dich die Gestalt eines Briefes so sehr, der - geschrieben von Hand der Menschen, die Gäste sind, auf das Blatt, das der Grund 'der Stadt Van' ist, und deren Form angenommen hat - in die fürchterliche Flut der russischen Invasion hineingeraten ist und ausgelöscht wurde? Betrachte doch einmal den Urewigen Designer, den wahren Herrn und Eigentümer aller Dinge: Seine Briefe werden, so wie du sie auf dem Blatt, das 'Van' hieß, in gleicher vollkommener Pracht, wie du sie in früheren Zeiten gesehen hattest, neu und weiter geschrieben werden. Deine Klage darüber, dass diese Orte hier leer, zerstört und verwaist da liegen, erwächst aus der irrigen Vorstellung und dem Vergessen Seines wahren Eigentümers, und dass du die Menschen nicht als ihre Gäste, sondern als ihre Eigentümer siehst..." Aber aus diesem Fehler heraus und weil meine Lage von geradezu beißender Schärfe war, öffnete sich mir am Ende ein Tor zur Wahrheit und meine Seele bereitete sich darauf vor, diese Wahrheit vollständig anzunehmen. So wie man das Eisen in Feuersgluten schmiedet, bis es weich wird und man es leicht biegen und formen kann, so wurden auch mir jene traurige Lage, in der ich mich befand und schreckliche Zustand meiner Seele zu einem Feuer, das mich weich werden ließ. Der Qur'an, dessen Verkündigung ein Wunder ist, zeigte ihr mit der Wahrheit des oben erwähnten Qur'anverses den Segen, den die Glaubenswahrheiten enthalten, vollständig und brachte sie dazu, ihn anzunehmen. "Li-l'lahi-l'hamd", aller Dank gebührt Allah, für den Segen des Glaubens, der so wie wir bereits in verschiedenen Abhandlungen, wie
der des "Zwanzigsten Briefes", eindeutig bewiesen haben, in der Wahrheit dieses Qur'anverses dem Geist und dem Herz jedes Menschen, entsprechend der Stärke seines Glaubens, eine Stütze verleiht. Die Kraft, mit der ich hundertfach fürchterlicherem und entsetzlichem Unglück als jenem schrecklichen Zustand widerstehen konnte, gab mir der "Glaube an Allah" und ermahnte mich wie folgt:
"Alles ist dem Befehl deines Schöpfers (Khaliq),der der wahre Eigentümer (Malik-i Haqiqi)dieses Landes ist, unterworfen. Die Zügel aller Dinge sind in Seiner Hand. Es genügt, dass du Sein bist und Ihm gehörst." Nachdem ich meinen Schöpfer erkannt und mich auf Ihn allein gestützt hatte, gaben alle feindseligen Dinge ihre Feindschaft mir gegenüber auf. Und ich begann nun, in meiner Lage Freude zu empfinden, über die ich zuvor nur zu weinen vermocht hatte. Wie wir bereits in vielen Abhandlungen mit sicheren Zeugnissen bewiesen haben, wurde mir das Licht, das aus dem "Glauben an das Jenseits" erwächst, zu einer Stütze, die nicht nur meinen winzig kleinen, vergänglichen, kurzlebigen, weltlichen Wünschen nach meinen Freunden und meiner Verbundenheit mit ihnen zu genügen vermochte, sondern selbst meinen unendlich vielen und nie enden wollenden Wünschen nach einer unendlichen, unvergänglichen ewig glückseligen Welt Stütze und Halt (nokta-i istimdad).Denn derjenige, der sich im Glauben auf das Erbarmen (rahmet)des Allbarmherzigen Allerbarmers (Rahman-ur Rahiem)stützt, der im Aufscheinen Seiner Barmherzigkeit über dem Antlitz Erde, die eine Wohnstätte in diesem Kosmos und ein vergängliches Gästehaus ist, und der Seinen Gästen in jedem Frühling Seine zahl- und grenzenlos vielen, kunstvollen und schönen Gaben auf diesem Tisch des Frühlings schenkt, um sie für ein zwei Stunden zu erfreuen, und der darüber hinaus acht immerwährende Paradiesgärten für eine endlose Zeit mit unendlich vielen Sorten Seiner Gaben füllt und für Seine Diener und Anbeter als ewige Wohnstätten vorbereitet, findet so Stütze und Halt (nokta-i istimdad)
in seiner Zugehörigkeit zu Ihm, die ihm noch in ihrem schwächsten Ausdruck und für seine grenzenlos ewigen Hoffnungen eine bleibende Hilfe ist.
Des Weiteren erschien das Licht, das durch die Wahrheit dieses Qur'anverses aus dem Licht des Glaubens kam, so glänzend, dass die Finsternis der oben erwähnten sechs Richtungen taghell erleuchtet wurden. Denn es erhellte den Zustand, in dem ich mich nach dem Verlust meiner Medresse und der Schüler und Freunde aus dieser Stadt befand und über sie weinte, und sagte zu mir:
Die Welt, wohin deine Freunde gegangen sind, liegt keineswegs im Dunkel. Sie haben nur ihren Aufenthalt gewechselt. Ihr werdet euch wieder treffen. So ermahnte es mich und endete gänzlich mein Weinen. Es ließ mich verstehen, dass ich in dieser Welt Leute finden werde, die ihre Stelle einnehmen und ihnen gleichen. "Li-l'lahil'hamd", aller Dank gebührt Allah, Er hat in der Tat die in Van zu Grunde gegangene Medresse mit der Medresse in Isparta wieder ins Leben gerufen und auch die Freunde von dort mit noch mehr und wertvolleren Schülern und Freunden gleichsam wieder ins Leben gerufen.
Des Weiteren teilte es mir mit, dass die Welt nicht leer noch einsam ist. Meine Vorstellung, das Bild eines zerstörten Landes, war falsch. Der wahre Eigentümer verändert nach der Erfordernis Seiner Weisheit die Szenerie der ganzen Aufstellung der Menschheit und erneuert so den Brief (den Er geschrieben hat). Wie man an einem Baum ein Teil der Früchte pflückt und diese dann jedes Mal wieder durch neue Früchte ersetzt werden, so sind auch Untergang und Trennung innerhalb der Menschheit gleichsam Entsatz und Erneuerung. Sie haben vom Standpunkt des Glaubens aus betrachtet nicht Trauer und Leid zur folge, das aus dem Verlust der Freunden herrührt, sondern bewirken vielmehr eine Erneuerung, eine Trauer, die nach aller Trennung ihre Versöhnung findet durch das Wiedersehen an einem anderen, schöneren Ort. Außerdem hob es auch das Antlitz all der Wesen im
ganzen Kosmos, das mir so finster erschienen war, aus jenem fürchterlichen Zustand empor ins Licht. Als ich damals für diese meine neue Lage danken wollte, fiel mir der folgende arabische Text ein, der genau diese Wahrheit beschreibt. Ich sagte Folgendes:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلٰى نُورِ الْاِيمَانِ الْمُصَوِّرِ مَا يُتَوَهَّمُ اَجَانِبَ اَعْدَآءً اَمْوَاتًا مُوَحِّشِينَ اَيْتَامًا بَاكِينَ اَوِدَّآءَ اِخْوَانًا اَحْيَآءً مُونِسيِنَ مُرَخَّصِينَ مَسْرُورِينَ ذَاكِرِينَ مُسَبِّحِينَ
Das heißt: Infolge der Gottvergessenheit, die unter dem Einfluss jener fürchterlichen Vorstellung entsteht, erschien mir alles in der Welt, entweder als fremd und feindselig, {(*): Gemeint sind die Unglücke wie Erdbeben, Stürme, Taifune, Pest und Feuersbrunst.} oder als Furcht einflößende Leichen, oder als Waisen, die über ihr Niemandes-Sein weinen.
Dieses Furcht erregende Bild, das meiner gottvergessenen Seele in ihrer Vorstellung vorgeführt wurde, betrachtete ich im Lichte des Glaubens und erkannte mit augenscheinlicher Gewissheit (ayne l-yaqien):Diejenigen, die mir fremd und feindselig erschienen, sind mir Freunde und Geschwister geworden. Was aber jene anscheinend so Furcht einflößenden Leichen betrifft, so ist ein Teil von ihnen (z.B. Berge und Meere, nicht einfach tote Materie, sondern in Wahrheit) lebendig und einladend, ein anderer Teil (d.h. die Lebewesen) sind diejenigen, die aus dem Dienst entlassen worden sind. Und was wie Wehgeschrei klingt und weinende Waisenkinder, gleicht dem Murmeln derer, die Gottes gedenken und Ihn lobpreisen (dhikr ve tesbih).
Nachdem ich dies alles im Lichte des Glaubens betrachtet hatte, war ich dem majestätischen Schöpfer (Khaliq-i Dhu l-Djelal)so unendlich dankbar, der mir diesen Glauben verlieh, welcher die Quelle so unendlicher Geschenke ist. So ist es denn in dieser Welt mein Recht und meine Pflicht, in meinen Dank, meinen Lobpreis Gottes alle lebenden Wesen in dieser meiner eigenen kleinen Welt, welche die große
ganze Welt reflektiert, in meiner Vorstellung, in meiner Absicht mit einzuschließen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet sagte ich, entsprechend dem Ausdruck und der Sprache alles dessen was da lebt, im ganzen wie im einzelnen:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلٰى نُورِ الْاِيمَانِ
{"Aller Dank sei Allah für das Licht des Glaubens."}
Des Weiteren dehnten sich die Lebensfreude, die durch jene schreckliche Haltung der Gottvergessenheit ins Nichts gesunken war, und die Hoffnung, die ganz und gar geschrumpft und eingeschlafen war, und die mir zugedachten Gaben (nimet)und Genüsse, die doch so sehr auf engsten Kreis beschränkt gewesen, dass sie fast zu Grunde gegangen wären - wie wir bereits in anderen Abhandlungen mit Sicherheit bewiesen haben - im Lichte des Glaubens auf einmal über jenen eng umschriebenen Kreis des (menschlichen) Herzens so weit aus, dass er schließlich den ganzen Kosmos umschloss. Anstelle der Gaben, die in jenem Garten Horhor vertrocknet waren und ihren Geschmack eingebüßt hatten, machte das Licht des Glaubens das Haus dieser Welt und das Haus jener Welt gleichsam zu je einem Gabentisch, zu einer Tafel der Barmherzigkeit. Es verlieh dem Menschen nicht nur zehn sondern hundert Organe, wie Auge, Ohr und Herz, damit ein jeder Gläubige sich seinem Grad entsprechend wie mit einer überaus langen Hand zu diesen beiden Tischen des Erbarmers ausstrecken und die Gaben von jeder Seite nehmen könne. Um dieser erhabenen Wahrheit Ausdruck zu verleihen und für diese unendlichen Geschenke zu danken sagte ich damals:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلٰى نُورِ الْاِيمَانِ الْمُصَوِّرِ لِلدَّارَيْنِ مَمْلُوئَتَيْنِ مِنَ النِّعْمَةِ وَالرَّحْمَةِ لِكُلِّ مُؤْمِنٍ حَقاً يَسْتَفِيدُ مِنْهُمَا بِحَوَاسِّهِ الْكَثِيرَةِ الْمُنْكَشِفَةِ بِاِذْن ِخَالِقِهِ
Das heißt: "Dem Schöpfer, der diese Welt und das Jenseits
mit Gaben (nimet)und Segen (rahmet)erfüllt und den wahren Gläubigen anhand der Fähigkeiten, die sich im Licht des Glaubens und des Islam entwickelten und gediehen, ermöglicht, sich von beiden gewaltigen Tischen zu bedienen, und der mir diesen Glauben gab, sage ich mit allen Zellen meines Körpers Lob und Dank (hamd ve shukur),dass es, wenn es mir möglich wäre, diese und jene Welt füllte, für das Geschenk des Lichtes des Glaubens."
Da der Glaube nun einmal in dieser Welt eine so große Wirkung hat, wird er auf jeden Fall an bleibender Stätte solcher Art Früchte und Segen bringen, dass es der Verstand in dieser Welt nicht fassen und beschreiben kann.
Nun, oh Ihr alten Frauen und Männer, die Ihr wie ich durch das Alter unter dem Schmerz der Trennung von so vielen Freunden leidet! Auch wenn der älteste von Euch (chronologisch zwar) älter sein sollte als ich es bin, schätze ich, dass ich doch innerlich (manen)älter bin. Denn: Da meine Empathie und mein Mitgefühl mit den anderen meiner Natur (fitrat)entsprechend besonders ausgeprägt sind, leide ich nicht nur unter meinen eigenen Schmerzen, sondern im Geheimnis dieser Zärtlichkeit (shefqat)auch unter dem Schmerz von tausenden meiner Mitbrüder. Daher bin ich so alt, als hätte ich viele hundert Jahre gelebt. Wie sehr ihr auch immer unter dem Unglück der Trennung gelitten habt, so seid ihr doch von diesem Unglück nicht so sehr betroffen wie ich. Denn ich habe kein Kind, sodass ich immer an mein Kind denken müsste. In diesem so tiefen Mitempfinden und der Zärtlichkeit (shefqat),die in meinem Wesen (fitri)liegt, empfinde ich immer den Schmerz der vielen tausend islamischen Kinder, ja selbst den armen Tieren gegenüber Mitleid und Schmerz. Ich besitze keine Familie, sodass ich meine Gedanken nur ihnen widmete. Vielmehr fühle ich mich diesem Land, ja sogar der ganzen islamischen Welt wegen meiner islamischen Begeisterung so eng verbunden wie meinem eigenen Hause. Ich habe Mitgefühl mit den Leiden meiner Glaubensgenossen in diesen beiden Häusern und bin traurig, wenn ich von ihnen getrennt bin.
So genügte mir das Licht des Glaubens bei allen meinen Schmerzen, die von dem Übel meines Alters und meiner Isolation herrühren. Es gab mir eine unzerstörbare Hoffnung, ein unauslöschliches Licht und eine nie versiegende Tröstung. Auf alle Fälle reicht euch der Glaube vollständig gegen die Finsternis, die Gottvergessenheit, die Trauer und das Leid, die aus dem Altsein kommen. Und überhaupt ist das Alter so völlig finster, so vollkommen lichtlos und trostlos, und die Trennung, am schmerzvollsten und schrecklichsten, wenn es das Alter und die Trennung der Leute des Irrweges und der Ausschweifung ist. Den Glauben, der diese Hoffnung, dieses Licht und diese Tröstung gibt, wahrzunehmen und seine Wirkung zu verspüren, ist nur dadurch möglich, dass man sich gegenüber Gott bewusst so verhält, wie es in Seinem Dienst und Seiner Anbetung dem Alter würdig ist und dem Islam entspricht. Andernfalls ist dies nicht möglich, wenn man sich bemüht, den Jugendlichen gleich zu sein, den Kopf betrunken in Gottvergessenheit vergräbt und dabei sein Alter vergisst. Ihr sollt an die folgende Hadith denken:
خَيْرُ شَبَابِكُمْ مَنْ تَشَبَّهَ بِكُهُولِكُمْ وَشَرُّ كُهُولِكُمْ مَنْ تَشَبَّهَ بِشَبَابِكُمْ
Das heißt: "Die besten unter euren Jugendlichen sind diejenigen, die in ihrer Sorgfalt und Enthaltung von Ausschweifungen den Alten gleichen. Und die Schlechtesten unter euren Alten sind diejenigen, die in ihren Ausschweifungen und wie sie ihren Kopf in Gottvergessenheit vergraben den Jugendlichen gleichen."
Oh ihr Geschwister, ihr alten Männer und Frauen! Eine heilige Hadith besagt: "Wenn ein Gläubiger, der sechzig, siebzig Jahre alt ist, vor der Schwelle Gottes seine Hände erhebt und betet, schämt sich die Barmherzigkeit Gottes, seine Hände leer zurückzuweisen." Da sich die Barmherzigkeit dermaßen respektvoll (hurmet)euch gegenüber erweist, sollt auch ihr dieser Barmherzigkeit in Seinem Dienst und Seiner Anbetung mit Respekt entgegentreten.
Vierzehnte Hoffnung:
In der Einführung des "Vierten Strahls", in dem der lichtvolle Vers Hasbiye "Es genügt..." (Sure 3, 173) erklärt wurde, wird ganz kurz folgendes gesagt: In einer Zeit, in der die Weltleute mich von allen Dingen isoliert hatten, geriet ich auf fünf verschiedene Arten in die Fremde. In der Gottvergessenheit, die aus einer inneren Unruhe erwuchs, betrachtete ich geradewegs mein Herz und durchsuchte meinen Geist, ohne die tröstenden und helfenden Lichter der Risale-i Nur zu beachten. Ich sah, dass mich eine überaus starke Sorge um meine Existenz, eine mächtiges Interesse an ihren Grundlagen, ein heftiges Verlangen nach ihrem Fortbestand, eine grenzenlose Schwäche und eine unendliche Armseligkeit beherrschten. Dagegen löscht aber eine fürchterliche Vergänglichkeit dieses Fortbestehen aus. Aus dieser Haltung heraus sagte ich mit folgenden zu Herzen gehenden Worten eines Dichters:
"Das Herz nach Bestand, Gott der Gerechte, dass verschwand der Körper verlangt,
Von einem unheilbaren Schmerz bin ich betroffen,
ach! Wofür selbst Lokman (der Arzt) den Rat nicht weiß."
Ich senkte meinen Kopf. Plötzlich kam mir der Vers حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ {"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)} zu Hilfe. "Lies mich mit Aufmerksamkeit!" sagte er mir. Und so rezitierte ich ihn auch eines Tages fünfhundertmal. Und während ich ihn rezitierte, öffneten sich mir "neun Stufen" seiner kostbaren Lichter, nicht nur mit wissenschaftlicher (rationaler) Gewissheit (ilme l-yaqien),sondern auch mit augenscheinlicher (realer) Gewissheit (ayne l-yaqien).
Erste Stufe:
Die Sorge um mich und meine eigene Existenz, ist mir nicht um meinetwillen und um meiner eigenen
Existenz willen gegeben, vielmehr findet sich in meiner Natur eine wenn auch nur schattenhafte Erscheinung des einen Namens des Herrn, dem die Vollkommenheit und die Größe (Dhat-i Dhu l-Kemal ve Dhu l-Djelal)ist, und der absolut vollkommen (kemal-i mutlaq)ist, den man unmittelbar liebt, ohne einen Grund. Die Liebe in meinem Wesen, die auf die Existenz, die Vollkommenheit und das Fortbestehen (beqa)des absolut Vollkommenen hin orientiert ist, verlor und verirrte sich in ihrer Gottvergessenheit, heftete sich an Schatten und Schemen und verfiel der Sorge um den Fortbestand ihres Spiegelbildes. Da tauchte in mir der Vers حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ {"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)} auf und lüftete den Schleier. Ich sah, verspürte und nahm mit wahrheitsgemäßer Gewissheit (haqqa l-yaqien)wahr, dass das Glück und die Freude über mein Fortbestehen genauso und sogar in einer noch vollkommeneren Form in meinem Bekenntnis, in meinem Glauben und in meiner festen Überzeugung liegt, dass der Vollkommen-Beständige (Baqi-i Dhu l-Kemal)ewig fortbesteht, und dass Er mein Herr und mein Gott ist. Die Beweisquellen dessen wurden bereits in der Abhandlung, in der der Vers Hasbiye ("Es genügt...") behandelt wurde, dermaßen feinsinnig und tiefschürfend in zwölf Absätzen, die mit "überdies" beginnen, erklärt, dass diejenigen, die ihre fünf Sinne beisammen haben, in Erstaunen versetzt und sich ihres Glaubens bewusst wurden.
Zweite Stufe:
Als mich die Weltleute mit Intrigen und Spitzeln, trotz der grenzenlosen Schwäche in meinem Wesen und trotz meines Alters und meiner Verlassenheit, in der Fremde und in meiner Isolation angriffen, sagte ich meinem Herzen: "Ein einzelner, schwacher und kranker Mann mit gebundenen Händen wird von ganzen Armeen angegriffen. Gibt es denn für mich keinen Zufluchtsort?" So sagte ich und wandte mich an den Vers
حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ
{"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)}
Dieser Vers teilte mir mit: Durch deine Glaubenszugehörigkeit als deinem Ausweis gehörst du einem dermaßen absoluten, allmächtigen König (Qadir-i Mutlaq bir Sultan),der auf der Erde in jedem Frühling den Heeren von Pflanzen und Tieren, die aus vierhunderttausend Völkern bestehen, vor allem aber den Menschen ihre Werkzeuge in vollkommener Wohlordnung und alle Arten von Nahrung und jegliche Versorgung gibt. Nicht wie die Fleisch- und Zuckerkonzentrate der Speisen, welche die zivilisierten Menschen in den letzten Jahren entdeckten, vielmehr hundertfach vollkommener als diese neuzeitlichen Konzentrate, werden von jeder Sorte aller Speisen in die Konzentrate, die Samen und Kerne heißen, hinein gepackt. Auch in diesen Konzentraten werden die zuvor geschriebenen Rezepte, welche ihr Reifen und Gedeihen betreffen, eingewickelt und um sie zu schützen in kleine Kästchen hineingelegt und verteilt. Was die Erschaffung dieser Kästchen betrifft, so werden sie in der Fabrik كَافْ نُونْ, die in dem Befehl كُنْ (Sei!) enthalten ist, dermaßen schnell, leicht und in Hülle und Fülle produziert, dass der Qur'an sagt: "Der Schöpfer befiehlt und es geschieht." Da du durch den Ausweis deiner Glaubenszugehörigkeit nun einmal einen solchen Zufluchtsort findest, kannst du dich auf eine grenzenlose Kraft und Macht stützen. Nachdem ich von diesem Vers meinen Unterricht bekommen hatte, fand ich eine dermaßen große Geisteskraft und verspürte eine solche Macht aus dem Glauben, mit der ich nicht nur gegen meine gegenwärtigen Feinde, sondern auch gegen die aller Welt antreten konnte. Ich sagte aus meiner ganzen Seele
حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ
{"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)}
Dritte Stufe:
Als ich unter dem Druck aller Fremde, Krankheiten und Ungerechtigkeiten meine (bisherigen) Interessen an der Welt abgebrochen fand, gab mir der Glaube ein, dass ich ein Kandidat für eine immerwährende Glückseligkeit in einer ewigen Welt und in einem ewig bestehenden Land bin. Darauf hin verzichtete ich auf ein "Oh weh", welches aus der Klage fließt und sagte ein "Oh, oh", das die Freude zum Ausdruck bringt. Dieses Ideal, geistliche Ziel und Ergebnis der Schöpfung kann einzig und alleine durch die grenzenlose Macht des Absolut-Allmächtigen (Qadir-i Mutlaq)wirklich werden, der alle Bewegungen, das Verhalten, die Haltungen und Tätigkeiten aller Geschöpfe in Wort und Tat kennt und sie aufzeichnet und der diese winzig kleine und absolut schwache Menschengattung zu Seinem Freund und Ansprechpartner macht und ihr eine Stellung über allen Geschöpfen verleiht, und dadurch dass Er dem Menschen Seine grenzenlose Güte gibt und ihm einen Wert beimisst. Als ich so dachte, wollte ich eine Erklärung über diese beiden Punkte, d.h. über die Tätigkeit einer solchen Macht und über die wirkliche Bedeutung dieses äußerlich unbedeutenden Menschen, um meinen Glauben entfalten und meinem Herzen Sicherheit geben zu können. Wiederum wandte ich mich an diesen Vers. Er sagte und befahl: Achte auf die نَا (uns) in dem Wort حَسْبُنَا (es genügt uns...) und höre wie viele noch zusammen mit dir in Wort und Tat das حَسْبُنَا (es genügt uns...) rufen! Plötzlich bemerkte ich, dass auch grenzenlos viele Vögel und die kleinen Vögelchen, die Fliegen, und unzählbar viele Tiere, Pflanzen und Bäume wie ich in der Tat die Bedeutung von
حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ
{"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)}
rezitieren und jeden dazu bringen, sich daran zu erinnern, dass sie einen Verwalter haben, der sich für alle ihre Lebensbedingungen verbürgt. Er erschafft hunderttausend verschiedene Sorten Vögel aus Eiern, die einander ähneln und aus dem gleichen Stoff bestehen; hunderttausend Gestalten von Tieren aus den sich einander gleichenden Tropfen; hunderttausende Arten von Bäumen aus den sich einander ähnelnden Kernen und bringt sie ohne Fehler, ohne Makel, ohne sie zu verwechseln, geschmückt, wohl ausgewogen, wohlgeordnet, in einer voneinander unterschiedenen Form vor unseren Augen, besonders in jedem Frühling außerordentlich viel, außerordentlich leicht, außerordentlich umfangreich und in Hülle und Fülle zu Stande.
Diejenigen, welche die Merkmale meines Charakters und meines Menschseins, wie auch die jedes Gläubigen verstehen wollen, und diejenigen, die wünschen, mir zu folgen, sollen in der Abhandlung über "Ich", d.h. meine Seele, die in dem نَا (uns) von حَسْبُنَا (es genügt uns...) mit enthalten ist, nachschauen, verstehen und ihren Unterricht darüber erhalten, was meine Existenz ist, die sich als ebenso bedeutungslos, gering und armselig erweist, wie die Existenz jedes Gläubigen, was das Leben ist, was das Menschsein ist, was der Islam (Ergebenheit) ist, was wohlverstandener Glaube ist, was die Erkenntnis Gottes ist und wie die Liebe zu Ihm sein soll!
Vierte Stufe:
In einer Zeit, als mich das Alter, die Fremde, Krankheit, Niederlagen und dergleichen Zustände, die meine Existenz erschütterten, unerwartet trafen und in Besorgnis versetzten und ich merkte, dass meine Existenz, mit der ich sehr stark verbunden und in die ich geradezu verliebt war, und die Erscheinungsformen aller
Geschöpfe in das Nichts verschwinden, wendete ich mich wieder an diesen Vers "Hasbiye" (es genügt...). Er sagte mir: "Achte auf meine Bedeutung und betrachte sie mit dem Fernglas des Glaubens!" Ich betrachtete und sah mit dem Auge des Glaubens, dass dieser mein Körper, so unbedeutend wie ein Stäubchen, und das Dasein eines jeden Gläubigen der Spiegel eines grenzenlosen Seins ist, und ein Anlass, durch eine grenzenlose Ausdehnung, zu unendlichen Existenzbereichen zu gelangen und das ein Wort der Weisheit ist, das außer sich selbst noch viele wertvollere Formen des Seins, die ewig bestehen, als Früchte hervorbringt. Mit einer wissenschaftlichen (rationalen) Gewissheit (ilme l-yaqien)erkannte ich, dass entsprechend seiner Zugehörigkeit auch nur einen Augenblick zu leben, so wertvoll wie ein für ewig bestehendes Dasein ist. Denn aus dem Bewusstsein des Glaubens heraus verstand ich, dass dieser mein Körper ein Kunstwerk und eine Erscheinung dessen ist, der notwendigerweise da sein muss, und rettete mich dadurch vor den Ängsten in der Einsamkeit und vor den Schmerzen grenzenlos vieler Trennungen. Ich erkannte, dass in der vorübergehenden Trennung von allen Geschöpfen, die ich liebe und mit denen ich in der Anzahl der Taten und der Namen Gottes, die besonders die Lebendigen betreffen, geschwisterliche Beziehungen angenommen hatte, eine beständige Zusammenkunft mit ihnen liegt. So gewinnt auch mein Körper, so wie der jedes Gläubigen, durch den Glauben und durch die Zugehörigkeit, die aus dem Glauben erwächst, ohne jede Trennung Lichter von grenzenlos vielen Wesen, die da für immer verbleiben, auch wenn er selbst geht und ist damit zufrieden, als wäre er da geblieben.
Zusammenfassung:
Der Tod ist keine Trennung, er ist eine Zusammenkunft, ein Ortswechsel und bringt eine ewige Frucht.
Fünfte Stufe:
In letzter Zeit war mein Leben wieder von sehr schweren Umständen erschüttert und mein Blick wurde mir auf mein Leben und seine Zeit gerichtet. Ich
sah, dass mein Leben wie im Flug verging. Seine Bahn neigte sich dem jenseitigen Ende zu. Unter dem Druck (der Verhältnisse) wandte sich mein Leben dem Verlöschen zu. Und ich dachte mit Bedauern, dass die wichtigen Aufgaben des Lebens, seine großen Vorzüge, sein Nutzen und seine Kostbarkeiten, wie sie in meiner Abhandlung über den Namen "Hayy"(Gott der Lebendige) erklärt wurden, nicht so schnell verlöschen sollten, sondern ein langes Leben verdienten. Wieder wandte ich mich dem Vers حَسْبُنَا اللّٰهُ وَنِعْمَ الْوَكِيلُ {"Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachverwalter!" (Sure 3, 173)} zu, der mein Lehrmeister ist. Er sagte mir: "Betrachte das Leben nach dem Lebendigen, der aus sich selbst besteht (Hayy-i Qayyum),der dir das Leben gab. Da betrachtete ich es also und sah: Wenn sich mein Leben nur in einer Hinsicht auf mich bezieht, so bezieht es sich doch in hundertfacher Hinsicht auf den, der lebendig ist und aus sich selbst besteht (Dhat-i Hayy-u Qayyum).Wenn von dessen Ergebnis ein Teil mir gehört, so gehören tausende meinem Schöpfer. In diesem Fall genügt es einen Augenblick lang im Bereich des Wohlwollens Gottes zu leben und braucht es daher keine lange Zeit. Diese Wahrheit wird in vier Problemstellungen erklärt. Diejenigen die nicht tot sind oder die, die lebendig sein wollen, sollen das Wesen des Lebens, seine Wahrheit und sein wahres Recht in diesen vier Problemstellungen finden und wieder zum Leben kommen.
Die Zusammenfassung dessen ist wie folgt:
Solange das Leben auf den Herrn ausgerichtet ist, der lebendig ist und aus sich selbst besteht (Dhat-i Hayy-u Qayyum),und der Glaube das Leben mit Leben und Geist erfüllt, erlangt es Beständigkeit, bringt beständige Früchte hervor und qualifiziert sich dermaßen, dass es die Ausstrahlung der Ewigkeit empfängt, und die Länge oder Kürze der Lebensspanne wird von geringer Bedeutung.
Sechste Stufe:
In einer Zeit, in der mich mein Alter, das mich inmitten der Ereignisse der Endzeit, welche mit einer allgemeinen Trennung die Zerstörung der Welt verkünden, an meine persönliche Trennung gemahnte, und meine Seele in meinen letzten Lebensjahren mit außerordentlicher Sensibilität und mit allen Sinnen meines Wesens die Schönheiten zu verehren und alles Gute zu lieben und sich für die Vollkommenheit zu begeistern begann, sah ich, mit einer ungewöhnlichen Klarheit und Eindringlichkeit, dass Untergang und Vergehen, mit ihrer ständigen Zerstörung und Tod und Vernichtung mit ihrer beständigen Trennung, in fürchterlicher Weise dieser schönen Welt und aller schönen Schöpfung übel mitspielen, sie in Stücke reißen und ihre Schönheit vernichten. Damals, als weltliche Natur und Leidenschaft in mir aufwallte und -brauste, wandte ich mich wieder zu diesem Vers "Hasbiye"(Es genügt...), um etwas zu finden, was mich trösten konnte. Er sagte mir: "Lies mich und betrachte mit Aufmerksamkeit meine Bedeutung!" Ich trat auch in das Observatorium des Verses in der Sure "Nur"(Licht)
اَللّٰهُ نُورُ السَّمٰوَاتِ وَالْاَرْضِ
{"Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Usw..." (Sure 24, 35)}
und schaute durch das Fernglas des Glaubens nach den weitesten Schichten dieses Verses "Hasbiye"(Es genügt...) und betrachtete durch das Mikroskop des Glaubensbewusstseins seine fernsten Geheimnisse und sah: Wie Spiegel, Gläser und glänzende Dinge, ja sogar Wasserbläschen die unsichtbaren und unterschiedlichen Schönheiten der Sonnenstrahlen und die verschiedenen Schönheiten der sieben Farben dieser Strahlen, durch die Erneuerungen, Bewegungen, unterschiedlichen Fähigkeiten und Lichtbrechungen diese Schönheiten und ihre anmutigen Erscheinungen erneuern und sehr schön darstellen, genauso kommen und gehen diese schönen
Kunstwerke, diese süßen Geschöpfe und vollkommenen Wesen, ohne sich aufzuhalten, um für die heilige Schönheit (djemal-i qudsi)des majestätischen Schönen (Djemil-i Dhu l-Djelal),der die Sonne aller Ewigkeiten ist, und für die immerwährenden Schönheiten Seiner grenzenlos schönen Namen und für die Erneuerungen ihrer Erscheinungen als Spiegel zu dienen. Die Schönheiten, die bei ihnen sichtbar werden, sind nicht ihr Eigentum, vielmehr Zeichen einer immerwährenden, heiligen, absoluten und reinen Schönheit, die sich ständig offenbart und ihre Merkmale, ihre Blitze und ihre Erscheinungen zeigen will. Sehr starke Beweise dazu wurden in einer Abhandlung der Risale-i Nur eingehend erklärt. Dort beginnen die Erklärungen mit dem folgenden Satz: "Hier werden drei von diesen Zeugnissen kurz und in einer sehr verständlichen Weise erklärt." Jeder mit Sinn für das Schöne und Gute, der diese Abhandlung liest, gerät in Begeisterung und hält sie nicht nur für sich sondern auch für die Anderen für nützlich. Besonders in dem "Zweiten Zeugnis" werden fünf Punkte erklärt. Jeder Mensch mit klarem Verstand und redlichem Herzen, wird in jedem Fall in Hochschätzung, Begeisterung und mit Einverständnis dazu sagen "Masha-al'lah(So wie es Gott wollte!) Fe- tebareka-l'lah(Gott möge es segnen!)" Er wird sich bemühen, sein Gefühl für den Wert seiner Existenz, die ihm so armselig und wertlos vorkommt, zu erhöhen. Er wird begreifen und bestätigen, dass er in seinem Dasein ein einzigartiges Wunder ist.
Fünfzehnte Hoffnung:
Ich war damals in Emirdagh wegen der Schikanen, die sie mir mit der Verbannung, dem Hausarrest, der einer Einzelhaft gleich kam und mir durch die Überwachung fast unerträglich wurde, und infolge all der diktatorischen Verordnungen des Lebens überdrüssig und bedauerte es, das Gefängnis verlassen zu haben. Mit Herz und Seele sehnte ich mich nach dem Gefängnis von Denizli zurück und wünschte mich schon ins Grab.
Als ich "Gefängnis und Grab sind besser als diese Lebensweise"
sagte und beschloss, ins Grab hinabzusteigen, oder wieder ins Gefängnis zu gehen, eilte mir die Gnade Gottes (inayet-i Ilahi)zu Hilfe; sie gab in die Hände der Medreset-üz-Zehra-Schüler, deren Stifte auch so produktiv wie eine Vervielfältigungsmaschine waren, eine neu herausgekommene Vervielfältigungsmaschine. Mit einem Stift, der die Vervielfältigungsmatrize beschrieben hat, entstanden auf einmal fünfhundert Exemplare eines jeden wertvollen Werkes der Risale-i Nur. Der Beginn ihrer Verbreitung und die positive Wirkung, die von ihr ausging, ließ mich dieses Leben trotz aller Strapazen und Schikanen dennoch lieben und "unendliche Male Dank!" sagen.
Eine Weile später konnten die geheimen Feinde der Risale-i Nur die Verbreitung der Risale-i Nur nicht ertragen. Sie haben die Behörden gegen uns aufgehetzt. Wieder einmal begann das Leben, mir schwer zu werden. Plötzlich erschien die Gnade des Herrn (inayet-i Rabbani).Die verantwortlichen Beamten, die "die Lichter" am nötigsten hatten, studierten die beschlagnahmten Abhandlungen im Rahmen ihres Dienstes eingehend und mit großem Interesse. Die Lichter aber eroberten ihre Herzen. Als sie anfingen, die Lichter zu würdigen, statt sie zu kritisieren, weitete sich die "Nur"-Medresse aus. Es hat uns hundert Grade mehr Nutzen gebracht als der uns entstandene Schaden; das ganze lähmende Entsetzen tendierte plötzlich gen Null.
Sodann lenkten die verborgenen, feindlich gesinnten Heuchler (munafiq)die Aufmerksamkeit der Behörden auf meine Person. Sie erinnerten sie an meine politische Vergangenheit. Sie haben beim Justizministerium, dem Bildungsministerium, den Ordnungsbehörden und dem Innenministerium Argwohn gegen mich erweckt. Durch die Provokationen der Anarchisten, versteckt unter dem Deckmantel ihrer Parteipolitik oder getarnt als Kommunisten, verbreitete sich dieser Argwohn. Sie begannen uns zu peinigen und einzusperren und die Abhandlungen, die in ihre Hände gerieten, zu beschlagnahmen. Die Tätigkeit der "Nur"-Schüler geriet ins Stocken. Um meine
Person in Misskredit zu bringen, sprach eine Gruppe unter den offiziellen Beamten falsche, völlig unglaubwürdige Beschuldigungen gegen mich aus. Sie haben versucht, sehr merkwürdige Verleumdungen in Umlauf zu bringen. Jedoch haben sie niemanden überzeugen können. Danach haben sie mich unter äußerst primitiven Vorwänden in den kältesten Tagen des strengen Winters inhaftiert und in eine große, sehr kalte Zelle, in der zwei Tage lang kein Ofen stand, in absoluter Einzelhaft eingesperrt. Obwohl ich doch in meinem kleinen Zimmer an einem Tag mehrmals den (geschlossenen) Ofen angeheizt hatte und sich auch in meinem (offenen) Mangal immer glühende Kohle befand, konnte ich es auf Grund meiner schlechten körperlichen Verfassung und meiner Krankheit dort nur schwer aushalten.
Als ich so in dieser meiner Lage fror und auch innerlich voller Wut und voller Unruhe war, offenbarte sich mir durch Gottes Gnade (inayet-i Ilahi)die folgende Wahrheit in meinem Herzen: "Du hast das Gefängnis als die Schule Josefs bezeichnet. Außerdem hast du (mit deinen Schülern) damals in Denizli tausendfach mehr innere Freude als Bedrängnis verspürt. Das geistige Verdienst und der Nutzen der Lichterabhandlungen für die Mitgefangenen, deren Erfolge auf hoher und höchster (politischer) Ebene und ähnliche Resultate veranlassten euch statt zu jammern tausendmal Dank zu sagen. Jede Stunde eures Gefängnisaufenthaltes und eures Leides ließ es zu zehn Stunden Gebet werden. Diese vergänglichen Stunden wurden unvergängliche. Insha-al'lah, so Gott will, wird der Nutzen der Lichterabhandlungen und ihr Trost für die Mitgefangenen in dieser dritten Schule Josefs euch in dieser Kälte erwärmen und eure schwere Mühsal in Frohsinn verwandeln. Wenn die Männer, auf die du wütend bist, getäuscht wurden, tun sie dir unbewusst Unrecht an. Nicht Wut wäre hier angemessen. Wenn sie dich wissentlich und in böser Absicht und im Sinne ihres Irrglaubens belästigen und schikanieren, werden sie in ziemlich kurzer
Zeit für ewig mit dem Tode bestraft, zur Einzelhaft im Grabe verurteilt werden und einer immerwährenden, peinlichen Strafe ausgeliefert sein. In Anbetracht ihrer Schikanen wirst du sowohl viel Sevab(Verdienste) sammeln, als auch deine vergänglichen Stunden in unvergängliche verwandeln, als auch geistige Freuden erleben und deinen Dienst als Mann der Wissenschaft und des Glaubens in Wahrhaftigkeit versehen." So wurde ich in meiner Seele ermahnt und sagte aus all meiner Kraft Elhamdulillah, aller Dank sei Allah! Vom Standpunkt meiner Menschlichkeit und ihrer Ungerechtigkeit taten sie mir leid und so betete ich und sagte: "Oh Herr, bringe sie auf den rechten Weg!" In meiner Aussage an das Innenministerium habe ich geschrieben, dass dieses jüngste Ereignis in zehnfacher Hinsicht gesetzwidrig ist. Dabei sind die eigentlich Schuldigen diese Ungerechten selbst, die im Namen des Gesetzes gesetzwidrig handeln. Sie haben nach Ausreden und Vorwänden gesucht und versucht mit Verleumdungen und mit Erdichtungen, über die jeder nur lachen kann, welche aber alle die, welche die Wahrheit lieben zum Weinen bringen, uns und die Risale-i Nur anzugreifen. Das zeigt allen einsichtigen und gemäßigten, dass jene innerhalb eines rechtlichen und gesetzlichen Rahmens keine Gelegenheit finden werden, die Risale-i Nur und ihre Schüler anzugreifen, weshalb jene sich dann in Haltlosigkeiten verirren.
Zum Beispiel:
Beamte, die uns einen Monat lang observiert hatten, konnten keinen Vorwand ausfindig machen, weshalb sie schließlich auf einen Zettel schrieben: "Saids Diener hat in einem Laden eine Flasche Raki gekauft und ihm überbracht." Weil sie aber niemanden finden konnten, der diesen Zettel unterschreiben wollte, schnappten sie sich schließlich irgendeinen betrunkenen Strolch, drohten ihm und befahlen ihm: "Komm her und unterschreibe das!" Er erwiderte: "Nie und nimmer, Gott bewahre mich davor! Wer könnte denn eine solch sonderbare Lüge unterschreiben?" Daraufhin mussten sie
diesen Zettel zerreißen.
Ein zweites Beispiel:
Ein Mann, von dem ich nichts wusste und den ich auch bis heute nicht kenne, hat mir sein Pferd zur Verfügung gestellt, damit ich einen Ausflug mache. Aus gesundheitlichen Gründen ging ich an den meisten Tagen im Sommer ein, zwei Stunden lang spazieren, um frische Luft zu schöpfen. Ich habe es mir versprochen, dem Besitzer des Pferdes und des Wagens Bücher im Wert von fünfzig Lira zu schenken, um nicht gegen mein Prinzip zu verstoßen, d.h. um niemandem einen Dank schuldig zu bleiben. Gibt es etwa bei dieser Sache irgendeine Möglichkeit, einen Schaden zu verursachen? Es ist aber so, dass selbst der Gouverneur, die Justizbeamten, die Ordnungshüter und die Polizei uns fünfzigmal die Frage gestellt haben: "Wem gehört dieses Pferd?" Als wäre es angeblich ein großes politisches Ereignis und ein Vorfall, der die allgemeine Ruhe und Ordnung betrifft. Sie haben sogar zwei Leute mit mir zusammen verhaftet, weil sie ausgesagt hatten, der eine, dass ihm der Wagen, der andere, dass ihm das Pferd gehöre, damit diese sinnlose Fragerei aufhören solle. Es gab da noch eine ganze Reihe anderer vergleichbarer Kinderspiele, an denen wir als Zuschauer beteiligt waren, mit einem weinenden und einem lachendem Auge, und dabei verstanden, dass diejenigen, die die Risale-i Nur und ihre Schüler angreifen, nur sich selber zum Gespött machen.
Hierzu nur ein weiteres Beispiel für ein feinsinniges Gespräch:
Da als Grund für meine Verhaftung die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit angegeben wurde, habe ich, noch bevor ich das Schreiben überhaupt gesehen hatte, dem Staatsanwalt gesagt: "In der vergangenen Nacht habe ich über dich gesprochen. Ich habe dem Polizisten, der mich im Auftrag des Polizeipräsidenten vernommen hat, gesagt: Wenn ich der öffentlichen Sicherheit in diesem Lande nicht so viel wie tausend Staatsanwälte und tausend Polizeipräsidenten gedient gehabt habe, so soll mich Allah verfluchen (qahret)."Diesen Fluch
habe ich dreimal wiederholt.
Danach überwältigte mich der Zorn und übermannte mich die Wut über diejenigen, die mich in dieser Kälte und zu einer Zeit, in der ich am meisten der Erholung bedurfte, mich nicht erkälten sollte und mich nicht über weltliche Dinge aufregen durfte, einer derart unerträglichen Zwangsumsiedlung, die - verbunden mit Isolation, Haft und Unterdrückung - ihren Hass und ihre Bosheit ahnen ließ, ausgesetzt haben. Doch da eilte mir Seine Gnade (inayet)zu Hilfe. In meinem Herzen vernahm ich folgende Ermahnung:
"Selbst noch in dieser Ungerechtigkeit, die dir die Menschen antun, hat die Bestimmung Gottes (qader-i Ilahi),die zugleich auch Gerechtigkeit ist, einen großen Anteil. Zudem ist hier in diesem Gefängnis für dich gesorgt. Und diese deine Versorgung hat dich hierher gerufen. Dem muss man mit Einverständnis und Ergebenheit (riza ve teslim)begegnen. Daran haben auch die Weisheit und Barmherzigkeit des Herrn einen großen Anteil, die denjenigen, die in diesem Gefängnis leben, Licht und Trost spendet, wodurch ihr auch noch Sevab (einen Verdienst) erwerben könnt. Für diesen Anteil muss man in Geduld tausendmal Dank sagen.
Außerdem hat deine Begierde auf Grund ihrer Fehler, derer du dir nicht bewusst bist, daran einen Anteil. Auf Grund dieses Anteils musst du bei Gott um Verzeihung (istighfar)bitten, Ihn anflehen (tövbe)und deiner Begierde sagen:
'Du hast dir diese Ohrfeige verdient!' Außerdem haben die verborgenen Feinde auch einen Anteil, die mit Intrigen einige leichtgläubige und misstrauische Beamte getäuscht und zu dieser Ungerechtigkeit verleitet haben. Demgegenüber hat dich die Risale-i Nur, die diesen Heuchlern (munafiq)fürchterliche geistige Schläge versetzt, an ihnen vollständig gerächt. Das ist schon genug für sie. Der letzte Anteil gehört den zuständigen Beamten, die an dieser Sache aktiv teilnehmen. Von den Lichterabhandlungen, die sie mit der Absicht, sie zu kritisieren, studieren,
werden sie so oder so, zweifelsohne für ihren Glauben Nutzen ziehen. Bezüglich dieses Anteils ist es eine vornehme Gesinnung, ihnen um ihres Nutzens willen nach dem Grundsatz
وَالْكَاظِمِينَ الْغَيْظَ وَالْعَافِينَ عَنِ النَّاسِ
{"Sie bezwingen ihren Groll und vergeben den Menschen." (Sure 3, 134)}
zu verzeihen. (afw)"
Auf Grund dieser wahrhaftigen Ermahnung habe ich mich entschlossen, in vollkommener Freude und Dank in dieser neuen Schule Josefs auch weiterhin zu bleiben, sogar einen harmlosen Fehler zu begehen, der eine Strafe nach sich ziehen würde, was diejenigen, die gegen mich waren, behilflich sein könnte.
Einem Mann wie mir, der keine Bindungen hat, sind in seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr, in dieser Welt nur fünf von siebzig geliebten Freunden am Leben geblieben. Siebzigtausend Exemplare der Lichterabhandlungen, die ihren lichtvollen Auftrag erfüllen werden, sind erhalten geblieben und befinden sich frei im Umlauf. Für einen Mann wie mich, der so viele Mitbrüder und Erben hat, die nicht nur mit einer, nein, mit vielen tausend Zungen den Dienst am Glauben versehen, ist das Grab hundertfach besser als der Aufenthalt in diesem Gefängnis. Selbst dieses Gefängnis ist es noch hundertfach angenehmer und besser als eine Freiheit unter ständiger Bevormundung draußen, die jeglicher Freiheit entbehrt. Denn statt draußen die Bevormundung von hunderten zuständigen Beamten allein zu ertragen, muss man dagegen im Gefängnis mit hunderten Gefangenen gemeinsam nur eine leicht erträgliche nachvollziehbare Bevormundung durch ein, zwei Personen wie den Direktor und den Oberwachtmeister ertragen. Außerdem erfährt man im Gefängnis unter Freunden brüderliche Zuneigung und Trost. Da sich die selbstlose Liebe, die aus der islamischen Gesinnung erwächst, und
die menschliche Natur in dieser Situation der Alten erbarmt, verwandeln sich die Belastungen im Gefängnis in Barmherzigkeit. Daher war ich mit dem Gefangenendasein zufrieden.
Als ich diesmal zum dritten Prozess kam, strengte mich das Stehen in meinem Alter, meiner körperlichen Schwäche und Krankheit an. Ich setzte mich vor dem Eingang des Gerichtssaals auf einen Stuhl. Plötzlich kam ein Richter, wurde zornig und sagte in herabwürdigendem Ton: "Warum wartet er nicht im Stehen?"
Alt und schwach wie ich war, wurde ich über eine solche Unbarmherzigkeit wütend. Plötzlich sah ich, dass sich sehr viele Muslime in vollkommener Liebe und Brüderlichkeit mit barmherzigen Blicken um uns versammelten. Sie konnten nicht fort gejagt werden. Sofort tauchten zwei Wahrheiten in mir auf.
Erste Wahrheit:
Die Leute, die mir und den Lichtern versteckte Feinde waren, wollten - um den Respekt, den die Öffentlichkeit mir gegen meinem Willen entgegenbringt, untergraben zu können - die Verbreitung der Lichterabhandlungen aufhalten. Darum suchten sie manche leichtgläubige Beamte der Regierung zu täuschen und sie zu einem derart entehrenden Verhalten zu provozieren, um meine Person beim Volk in Misskredit zu bringen.
Als Geschenk für den Dienst der Lichterabhandlungen am Glauben hingegen verwies mich die göttliche Gnade auf hundert Leute, anstelle dieses einen einzigen Mannes mit seinem entehrenden Verhalten: Diese sind es, die euch begrüßen und die euch mit aller Liebe und mit jeglichem Interesse willkommen heißen, indem sie sich für euren Dienst begeistern und mit euch fühlen. Am zweiten Tag, während ich im Untersuchungsgericht auf die Fragen des Staatsanwaltes Antworten gab, versammelten sich sogar fast tausend Leute auf dem Hof der Behörde vor den Fenstern des Gerichtssaales und brachten auf diese Weise in völliger Verbundenheit unausgesprochen
ihre Forderung zum Ausdruck: "Belästigt sie nicht!" Die Polizisten konnten ihre Versammlung nicht auflösen. Und in meinem Herzen wurde mir eingegeben: Diese Leute wollen in diesem gefahrvollen Zeitalter einen vollständigen Trost und ein unauslöschliches Licht, einen starken Glauben und eine überzeugende Botschaft von der ewigen Glückseligkeit, wonach sie von Natur aus suchen. Bestimmt haben sie davon gehört, dass sich das, wonach sie suchen, in den Abhandlungen des Lichts finden lässt, sodass sie um dieses bisschen Dienstes am Glauben willen für meine Wenigkeit weit mehr Zuneigung empfinden, als ich verdient habe.
Zweite Wahrheit:
So wurde ich denn darauf hingewiesen, dass es dem entwürdigenden Verhalten gegenüber, entstanden aus einem Gerücht heraus, wir würden die öffentliche Sicherheit gefährden, und der schlechten, beleidigenden Behandlung durch ein paar irregeführte Leute, welche auf diese Weise den Respekt, den die Öffentlichkeit uns entgegenbringt, untergraben wollen, andererseits grenzenlos viele Kenner der Wahrheit und künftige Generationen voll Jubel und Begeisterung gibt.
Die anarchistische Gesinnung untergräbt unter dem Deckmantel des Kommunismus die öffentliche Sicherheit auf schreckliche Weise. Dagegen versuchen die Risale-i Nur und ihre Schüler mit der Kraft des wahrhaftigen Glaubens diese entsetzliche geistige Zerstörung überall in diesem Land aufzuhalten und zu zerschlagen. Sie arbeiten sicherlich im Sinne der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, sodass drei, vier Gerichte und die Sicherheitsorgane von zehn Provinzen in diesen zwanzig Jahren keinen Vorfall festgestellt und aufgenommen haben, den die Risale-i Nur Schüler, welche überall in diesem Land in großer Zahl vorhanden sind, verursacht haben könnten. Ein Teil der rechtschaffenen Sicherheitskräfte aus drei Provinzen soll gesagt haben:
"Die Nur-Schüler sind geistige Ordnungshüter. Bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung leisten sie
uns Hilfe. Durch ihren überzeugten Glauben (iman-i tahqiqi)lassen sie bei jedem Mann, der die Lichter studiert, in seinem Sinn einen Wächter zurück, und versuchen so die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten." Ein Beispiel dafür ist das Gefängnis von Denizli. Mit den Lichterabhandlungen, die dort Eingang gefunden haben, und mit der "Frucht"-Abhandlung, die dort für die Gefangenen verfasst wurde, haben sich diese mehr als zweihundert Gefangenen innerhalb von drei, vier Monaten dermaßen gebessert und wurden gehorsam und fromm, dass selbst ein Mann, der drei, vier Leute umgebracht hatte, sich nun gar zurückhielt, die Läuse zu töten. Er begann seinem Lande ein ganz barmherziges Glied (der menschlichen Gesellschaft) zu werden, von dem nie wieder eine Gefahr ausging. Diese Lagewendung versetzte selbst die verantwortlichen Beamten in Staunen und Bewunderung.
Außerdem sagten einige junge Gefangene, die noch nicht verurteilt waren: "Wenn die Nur-Schüler im Gefängnis bleiben, wollen wir uns für solange verurteilen und inhaftieren lassen, bis wir, die wir uns an ihnen ein Beispiel genommen haben, so wie sie geworden sind." Durch ihren Unterricht werden auch wir selbst gebessert werden. Diejenigen, welche die Nur-Schüler dieser Art der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit beschuldigen, haben sich in jedem Fall furchtbar geirrt oder sie sind getäuscht worden oder sie täuschen bewusst oder unbewusst die Behörden im Interesse des Anarchismus und versuchen uns mit ihren Schikanen einzuschüchtern. Leuten von diesem Schlag sagen wir:
Da der Tod nun einmal nicht getötet und das Grabestor nicht geschlossen werden kann, wandern die Reisenden in Scharen aus diesem Gasthaus der Welt schnell und in Aufregung einer nach dem anderen unter die Erde und verschwinden. Ganz sicher werden wir in einer sehr kurzen Zeit voneinander Abschied nehmen. Ihr werdet die Strafe für eure Ungerechtigkeit auf eine fürchterliche Weise bekommen, zumindest aber gleichsam wie am
Galgen die Todesstrafe für die Ewigkeit erleiden, der für die (z. Zt. noch) entrechteten Leute des Glaubens ein Entlassungsschein ist. Die vergänglichen Freuden, die ihr in dieser Welt in der Vorstellung, unsterblich zu sein, erlebt, werden sich in bleibendes und qualvolles Leid verwandeln.
Die Wahrheit des Islam, welche mit dem Blut und dem Schwert von hunderten Millionen Märtyrern, die den Rang eines Heiligen erlangt hatten, und heldenhaften Kriegsveteranen dieses religiösen Volkes erworben wurde und aufrechterhalten wird, bezeichneten leider unsere heimlichen Feinde in ihrer Verlogenheit (munafiq)manchmal als (die Lehre des) "Orden" (tariqat)und die Art der Mystiker, die auch nur einen Lichtstrahl aus der Sonne des Islam bilden, als diese Sonne selbst, um einige oberflächliche Regierungsbeamte Irre zu führen. Diese wollen jene gegen uns aufhetzen, indem sie die Nur-Schüler, die für die Wahrheit des Qur'an und des Glaubens wirkungsvolle Arbeit leisten, als Ordensgemeinschaft und politische Organisation bezeichnen. Wir sagen es ihnen sowie denjenigen, die ihnen zu unserem Nachteil Gehör verleihen, was wir schon bei unserer Verhandlung vor dem Gerichtshof von Denizli gesagt haben:
"Für eine heilige Wahrheit, für die schon vor uns hunderte Millionen ihren Kopf hingehalten haben, wollen auch wir jetzt unseren Kopf hinhalten. Auch wenn ihr die ganze Welt für uns zu einem Feuerball machen würdet, werden wir auch dennoch bereit sein, unseren Kopf für die Wahrheit des Qur'an hinzuhalten, werden vor der Glaubenslosigkeit nicht kapitulieren und von unserem heiligen Dienst nicht zurücktreten. Wolle es Gott (inshaallah)!"
So eilten mir denn die heiligen Tröstungen, die mir aus dem Glauben und dem Qur'an erwuchsen, in meinen Schmerzen und in meiner Verzweiflung - einer Folge der Überraschungen meines Alters - zu Hilfe. Ich würde heute kein noch so qualvolles Jahr in meinem Alter gegen zehn der heitersten Jahre meiner Jugend tauschen. Da
insbesondere dem, der im Gefängnis seine Pflichtgebete einhält und um Vergebung bittet, eine jede Stunde für zehn Stunden Gebet angerechnet wird und in Zeiten einer Krankheit oder ungerechten Behandlung, ein jeder vergängliche Tag so viel Sevab (Verdienste) bringt, wie zehn ausschließlich einem ewigen Leben gewidmete Tage, wurde mir durch diese innere Ermahnung klar, wie sehr, ein Mann, der gleich mir vor dem Tor des Grabes auf seine Abberufung wartet, zu Dank verpflichtet ist. "Unendlich Dank meinem Herrn!" sagte ich, war mit meinem Alter zufrieden und einverstanden mit meiner Haft. Denn die Zeit bleibt nicht stehen, das Leben vergeht sehr schnell. Mag es ein sorgloses und heiteres Leben sein, das man in Gottvergessenheit verbringt, es vergeht, verlischt, hinterlässt Bedauern, Undankbarkeit und manch eine Sünde, denn am Ende der Freude steht der Schmerz. Wenn es aber im Gefängnis und unter Strapazen vergeht, wird es in gewisser Hinsicht zu einem beständigen und bringt mit seinen kostbaren Früchten ein ewiges Leben zum Gewinn, weil es als eine Art Gottesdienst gilt und am Ende des Schmerzes eine geistige Freude steht. Zudem gilt es als Buße für die früheren Sünden und für die Vergehen, die zu dieser Freiheitsstrafe geführt haben, und reinigt sie. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, müssen die Gefangenen also ihre Pflichtgebete verrichten und geduldig und dankbar sein.
Sechzehnte Hoffnung:
Einmal - und ich war schon alt - verbüßte ich in Eskischehir eine einjährige Gefängnisstrafe und wurde dann entlassen. Ich wurde nach Kastamonu verbannt. Die Polizisten und ein, zwei Kommissare nahmen mich zwei, drei Monate als Gast auf. Man kann sich nun vorstellen, wie sehr sich ein Mann wie ich an derartigen Plätzen belästigt fühlen muss, der ein Einsiedlerleben geführt hat und sich selbst durch eine Unterhaltung mit seinen engsten Freunden bedrängt fühlt, und der die Änderung (= Europäisierung) seiner (orientalischen) Bekleidung nicht ertragen kann.
Doch da kam mir in meinem Alter und in dieser verzweifelten Lage plötzlich die Güte Gottes (inayet-i Ilahiye)zu Hilfe. Der Kommissar und die Polizisten in dieser Polizeidienststelle wurden mir zu treuen Freunden. So haben sie mich z.B. niemals dazu aufgefordert, (wie die Europäer) einen Hut zu tragen. Sie waren sogar wie meine Diener und fuhren mich sogar in der Stadt umher, wann immer ich dies wünschte. Danach zog ich dieser Polizeidienststelle gegenüber in die "Schule des Lichtes" (Medrese-i Nuriye)in Kastamonu (d.h. in meine Privatwohnung) ein und begann mit der Abfassung der "Lichterabhandlungen" (Nurlar).Die heldenhaften Schüler, wie Feyzi, Emin, Hilmi, Sadik, Nazif, Selahaddin kamen immer zu dieser Medresse um der Veröffentlichung und Vervielfältigung der Lichterabhandlungen willen. Ihretwegen kamen wertvolle wissenschaftliche Gespräche zu Stande, noch glänzender als in meiner Jugend mit meinen alten Schülern.
Danach ließen meine heimlichen Feinde bei einem Teil der Beamten und einigen eingebildeten (enaniyetli)Hodjas und Scheichs gegen uns Verdächtigungen aufkommen. Das hatte zur Folge, dass wir und die Schüler der Lichter (Nur),die aus fünf, sechs Städten ins Gefängnis von Denizli gebracht worden waren, in dieser Schule Josefs zusammenkamen. Die Einzelheiten dieser Sechzehnten Hoffnung, welche den wahren Inhalt dieser Hoffnung glänzend zeigen, bilden meine Verteidigungsschrift vor dem Gericht, zusammen mit den kurzen Briefen, die ich in Kastamonu geschrieben hatte und die in die Briefsammlung eingereiht worden sind und die ich im Gefängnis in Denizli an die mitgefangenen Brüder heimlich geschickt habe. Für die ausführliche Erklärung verweise ich auf diese Briefsammlung und meine Verteidigungsschrift. Hier will ich nur einen kurzen Hinweis geben.
Ich hatte die meine persönlichen (mahrem)und auch die besonders heiklen Abhandlungen, welche Sufyan und Wundertaten (Keramet)der Lichtabhandlungen betreffen, unter Kohlen- und Holzhaufen versteckt. Sie sollten nach
meinem Tod oder nachdem die Häupter an der Spitze der Regierung fähig geworden wären, die Wahrheit zu hören und zur Besinnung zu kommen, veröffentlicht werden. Während ich selbst aber noch völlig unbesorgt war, führten Durchsuchungsbeamte und der Vertreter der Staatsanwaltschaft plötzlich in meiner Wohnung eine Hausdurchsuchung durch. Sie förderten diese geheimen (mahrem),heiklen Abhandlungen unter den Holzhaufen zu Tage. Daraufhin verhafteten sie mich und lieferten mich trotz meines schlechten Gesundheitszustandes in das Gefängnis in Isparta ein. Als ich noch über den Schaden, der die Lichtabhandlung betraf, sehr traurig und bekümmert war, eilte uns die Güte Gottes (inayet-i Ilahiye)zu Hilfe. So begannen denn nun die Leute der Regierung diese heiklen Abhandlungen, die versteckt und doch zu lesen für sie so dringend notwendig war, mit großem Interesse und sehr viel Aufmerksamkeit zu lesen. So wurden die hohen amtlichen Dienststellen zu einer Art Schule der Lichter (Medrese-i Nuriye).Nachdem sie sie kritisch gelesen hatten, fingen sie an, sie zu schätzen. Sogar, als wir noch in Denizli im Gefängnis waren, lasen sehr viele offizielle und inoffizielle Leute ohne unser Wissen das "Große Zeichen", welches in aller Heimlichkeit gedruckt worden war. Sie stärkten dadurch ihren Glauben und ließen uns das Unglück unserer Inhaftierung vergessen.
Danach haben sie uns in das Gefängnis von Denizli eingeliefert. Sie hatten mich absolut isoliert in eine stinkende, feuchte und kalte Zelle eingesperrt. Als ich nun in meinem Alter, meiner Krankheit und durch viel Leid, das mir daraus erwuchs, dass meine unschuldigen Kameraden meinetwegen diese Qualen erleiden mussten, auch in großem Schmerz und innerer Bedrängnis wegen der Unterbrechung der Arbeit mit den Lichtabhandlungen, sowie sehr erregt und besorgt wegen ihrer Beschlagnahmung, eilte mir plötzlich die Güte des Herrn (inayet-i Rabbani)zu Hilfe. Auf einmal ließ Er dieses große Gefängnis in eine Schule des Lichts (Dersane-i Nuriye)umwandeln und bewies, dass
es eine Schule Josefs war. Mit den diamantenen Schreibfedern der Schüler der "Medreset-üz-Zehra" begannen sie die Lichtabhandlungen zu verbreiten. Sogar vervielfältigte ein heldenhafter Schüler unter diesen Umständen in drei, vier Monaten mehr als zwanzig Exemplare von der "Frucht"-Abhandlung und der Verteidigungsschrift mit der Hand. Beide begannen sich sowohl im Gefängnis als auch draußen zu verbreiten. Das ließ uns den Schaden in diesem Unglück zu großem Gewinn werden, unsere Sorgen in Frohsinn umwandeln und bestätigte das Geheimnis von
عَسٰٓى اَنْ تَكْرَهُوا شَيْئًا وَهُوَ خَيْرٌ لَكُمْ
{"Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist." (Sure 2, 216)}
Danach, als die ersten Sachverständigen auf Grund ihrer falschen und oberflächlichen Urteile gegen uns heftige Kritik übten und der Erziehungsminister neben seinen fürchterlichen Angriffen gegen uns auch eine Erklärung veröffentlichte und sogar in einigen Nachrichten die Hinrichtung einiger von uns gefordert wurde, eilte uns die Güte des Herrn (inayet-i Rabbani)zu Hilfe.
Als wir vor allem von den Sachverständigen in Ankara heftige Kritik erwarteten, kamen ihre lobenden Berichte. (Sie beschlagnahmten unsere Abhandlungen gleich kistenweise und durchsuchten sie), konnten aber in fünf Kisten voll Lichtabhandlungen nur fünf bis zehn Fehler finden. Vor dem Gericht bewiesen wir, dass die Punkte, die sie als falsch und fehlerhaft angekreidet hatten, die reine Wahrheit waren und dass die Stellen, die sie für falsch und fehlerhaft hielten, sie selbst verurteilten (indem sie sie falsch beurteilten!). Außerdem fanden wir in ihrem fünfseitigen Bericht diese fünf, zehn Fehler und zeigten sie ihnen auf. Als wir wegen der "Frucht"-Abhandlung und der Verteidigungsschrift, die wir an sieben amtliche Stellen geschickt hatten, und wegen all der Abhandlungen
des Lichts, die zum Justizministerium gesandt wurden, besonders wegen der Abhandlungen, die wir für uns als vertraulich (mahrem)bestimmt und behandelt hatten und die uns als Beleidigungen und moralische Ohrfeigen ausgedeutet werden konnten, Bedrohungen und scharfe Befehle (der Militärdiktatur) gegen uns erwarteten, schickte uns der Ministerpräsident einen äußerst milden, sogar tröstlichen Brief. Als suchten sie Frieden mit uns, bedrängten sie uns nicht, was mit Sicherheit beweist, dass die (Erkenntnisse der) Wahrheit in der Risale-i Nur sie durch das Wunder (keramet)der Güte Gottes besiegt hatte und sich ihnen als Wegweiser erwies. Sie machte diese großen Ämter zu einer Art Schule und rettete den Glauben vieler Unschlüssiger und Ratloser. Das brachte uns eine innerliche Freude und einen Gewinn, der hundertfach größer war als unsere Bedrängnis.
Danach versuchten mich die heimlichen Feinde zu vergiften. Der verstorbene Hafiz Ali, ein heldenhafter Märtyrer der Nur-Bewegung ging an meiner Stelle ins Krankenhaus (gab für mich sein Leben und starb deshalb zu gleicher Zeit, wenn auch an einem anderen Ort, weshalb das Gift, das man mir gegeben hatte, nicht wirken konnte) und reiste statt meiner in das Zwischenreich (berzah).Das stürzte uns in dunkle Traurigkeit. Wir haben viel um ihn geweint.
Vor diesem Unglück (musibet)schrie ich mehrmals laut vom Berg bei Kastamonu herab: "Oh meine Brüder! Werft dem Pferd kein Fleisch und dem Löwen kein Heu vor!" Das heißt: "Gebt nicht einem jedem jede Abhandlung, damit man uns nicht angreift." Das heißt: Es war als hätte Hafiz Ali (Möge Gott sich seiner erbarmen!) mich über eine Entfernung von sieben Tagen Fußmarsch wie durch ein geistiges Telefon gehört, und mir noch zu gleicher Zeit geschrieben: "Meister, es ist in der Tat ein Wunder (keramet)der Risale-i Nur, dass sie dem Pferd kein Fleisch und dem Löwen kein Heu vorwirft. Vielmehr wirft sie Heu vor das Pferd und Fleisch vor den Löwen, sodass dem Aslan (Löwen)
Hodja die Abhandlung über die 'Wahrhaftigkeit im Islam (Ikhlas risalesi)'überreicht wurde." Nach sieben Tagen bekamen wir seinen Brief und rechneten nach: Zur selben Zeit, da ich so laut vom Berg herab gerufen hatte, hatte auch er diese denkwürdigen Sätze in seinem Brief geschrieben.
Während uns noch das Ableben eines solchen geistigen Helden des Lichtes und die Sorge, dass diese Heuchler (munafiq)uns mit ihren Intrigen heimlich zu bestrafen suchen sollten, und dass sie auch mich auf Grund meiner Krankheit infolge einer Vergiftung durch einen offiziellen Befehl zwingen könnten, ins Krankenhaus zu gehen, in Bedrängnis brachten, kam uns auf einmal die Güte Gottes zu Hilfe.
Durch die aufrichtigen Gebete meiner gesegneten Brüder (und die Bereitschaft von Hafiz Ali nach meiner Vergiftung selbst den Tod auf sich zu nehmen) wurde die Gefahr einer Vergiftung überwunden. Jener gesegnete Märtyrer beschäftigt sich anhand überzeugender Hinweise in seinem Grab weiter mit Lichtabhandlungen und gibt den Engeln, die ihn befragen, aus den Lichtabhandlungen Antwort.
Der heldenhafte Schüler Hassan Feyzi in Denizli, der an seiner Stelle und in gleicher Gesinnung tätig wurde, sowie seine Kameraden leisteten heimlich wirksame Dienste. Auch unsere Feinde waren für unsere Entlassung aus dem Gefängnis, da sich die Mitgefangenen durch die Lichtabhandlungen unerwartet bekehrt hatten. Wie in der Geschichte von den Heiligen Sieben Schläfern (Ashab-i Kehf),wurde das Gefängnis, anstelle eines Hauses des Leidens für die Nur-Schüler zu einer Höhle der Heiligen Sieben Schläfer und zu den Höhlen der Asketen früherer Zeiten. Sie arbeiteten mit Herzensruhe für die handschriftliche Vervielfältigungen und deren Verbreitung. Das bewies, dass uns die Gnade des Herrn zu Hilfe eilte.
Außerdem ist meinem Herzen eingefallen, dass die großen Qur'anexegeten (mutschtehid), wie Imam 'Adham, in den
Gefängnissen litten. Dem großen Mudjahid (Kämpfer) wie Imam Ahmed ibn Hanbel wurden wegen einer einzigen Frage bezüglich des Qur'an im Gefängnis (von den Mutesiliten) sehr viele Qualen zugefügt. Er beklagte sich nicht und hielt sich in vollkommener Geduld und Standhaftigkeit bezüglich dieser Fragen (nach dem Qur'an) nicht schweigend zurück. Sehr viele Imame und Gelehrte, die sehr viel mehr als ihr unter Qualen leiden mussten, dankten in vollkommener Geduld und ließen sich nicht erschüttern. Auf alle Fälle ist es eure Pflicht, für sehr wenig Anstrengung um der vielen Erkenntnisse der Wahrheit im Qur'an willen, wofür ihr sehr großen Segen und Gewinn bekommt, tausendfach zu danken. Hier möchte ich ein Beispiel für die Offenbarung der Gnade des Herrn trotz der Ungerechtigkeiten des Menschen kurz erklären.
Als ich zwanzig Jahre alt war, sagte ich immer: "Wie die Leute, die sich in früheren Zeiten in die Höhlen zurückzogen und der Welt entsagten, will auch ich mich am Ende meines Lebens in eine Höhle auf einem Berg zurückziehen und das gesellschaftliche Leben der Menschen aufgeben."
Außerdem hatte ich in meiner Gefangenschaft im Nordosten im Ersten Weltkrieg beschlossen: "Ich will von jetzt an mein Leben in Höhlen verbringen. Aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben werde ich mich heraus halten. Ich habe mich bis jetzt genug damit beschäftigt." Als ich dies sagte, erschienen mir die Gnade des Herrn und die Gerechtigkeit der Bestimmung (adalet-i qader).Als eine Barmherzigkeit in meinem Alter verwandelten sich diese Höhlen aus meiner Vorstellung in Gefängnisse, in Häuser unter polizeilicher Aufsicht, in völlige Isolation, in Einsamkeit und Zurückgezogenheit, was eine viel bessere Ausgestaltung meines Entschlusses und Wunsches war. Sie gaben uns die Schule Josefs, die die Höhlen der Asketen und Eremiten auf den Bergen übertraf, und Einzelzellen, damit wir unsere Zeit nicht verschwenden. Sie gaben uns sowohl den jenseitigen Gewinn eines Einsiedlerlebens in
Höhlen, als auch den kämpferischen Geist für den Dienst an der Erkenntnis der Wahrheit von Glaube und Qur'an. Ich hatte mich sogar fest entschlossen, nach dem Freispruch meiner Kameraden ein Geständnis zu erfinden, um weiter im Gefängnis bleiben zu können. Die Unverheirateten, wie Husrev und Feyzi, sollten bei mir bleiben. Ich wollte durch einen Scheingrund in Einzelhaft bleiben, um nicht mit den Menschen zu sprechen und meine Zeit nicht mit nutzlosen Unterhaltungen, dem Austausch von Höflichkeiten und mit Selbstdarstellungen zu verbringen. Aber die Bestimmung Gottes (qader-i Ilahi)und unser Schicksal (kismet)brachten uns in eine andere Haftanstalt. Nach dem Geheimnis von
اَلْخَيْرُ فِيمَا اخْتَارَهُ اللّٰهُ ٭ عَسٰٓى اَنْ تَكْرَهُوا شَيْئًا وَهُوَ خَيْرٌ لَكُمْ
{"Was Gott tut, das ist wohlgetan." "Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist." (Sure 2, 216)}
wurde uns als Barmherzigkeit in meinem Alter ein Auftrag in dieser dritten Schule Josephs gegeben, um im Dienst am Glauben noch aktiver arbeiten zu können, was nicht in unserer Entscheidung (ihtiyar)und außerhalb unserer Macht (tedbir)lag.
Darin, dass mir die Gnade Gottes, als Barmherzigkeit in meinem Alter, die Höhlen, die für meine Jugend geeignet gewesen wären, in der ich noch stark war und keine Feinde hatte, in Einzelhaft im Gefängnis umgewandelt hat, liegen drei Weisheiten und drei bedeutende Vorteile für den Dienst an den Lichterabhandlungen (Nurlar):
Erste Weisheit und der erste Vorteil:
In heutiger Zeit können Versammlungen gefahrlos für die Nur-Schüler nur in den Schulen Josefs stattfinden. Außerhalb Treffen zu organisieren, ist teuer und verdächtig. Manche hatten sogar vierzig Lira ausgegeben, um kommen und mit mir sprechen zu können. Sie trafen sich entweder mit mir nur für zwanzig Minuten, oder sie gingen wieder zurück, ohne mich gesehen zu haben. Um einigen meiner Brüder
persönlich begegnen zu können, nehme ich die Mühsal des Gefängnisses gerne an. Das heißt, unsere Inhaftierung ist für uns ein Geschenk, ist ein Segen.
Zweite Weisheit und der zweite Vorteil:
In heutiger Zeit kann der Glaubensdienst durch die Lichtabhandlungen nur dadurch geschehen, dass sie überall bekannt gemacht und die Aufmerksamkeit derer, die ihrer bedürfen, auf sie gelenkt wird. Unsere Inhaftierung lenkt also die Aufmerksamkeit auf die Lichtabhandlungen und wirkt wie eine Bekanntmachung. So finden sie selbst noch die verbohrtesten (muannid)und die bedürftigsten und retten ihren Glauben. Deren Hartnäckigkeit (inad)wird gebrochen und sie retten sich so vor der Gefahr (verloren zu gehen). So breitet sich die Schule der Lichterabhandlungen weiter aus.
Dritte Weisheit und der dritte Vorteil:
Die Nur-Schüler, die ins Gefängnis gebracht wurden, bekommen bezüglich ihrer Haltung, ihrer Moral, Wahrhaftigkeit, Opferwilligkeit voneinander Unterricht und suchen keine weltlichen Vorteile mehr im Dienst an den Lichtabhandlungen.
Da sie anhand vieler Zeichen erkannt und sogar mit ihren eigenen Augen in jeder Mühsal und Anstrengung in der Schule Josefs zehn-, sogar hundertfach mehr weltliche und jenseitige Vorteile und gute Ergebnisse erfahren und dabei erfolgreiche, reine Dienste am Glauben verrichtet haben, werden sie vollständig wahrhaftig und lassen sich nicht mehr wegen kleinlicher, persönlicher Vorteile erniedrigen.
Diese Häuser des Leidens (Gefängnisse) haben, besonders für mich, eine hintergründige Bedeutung, und die Umstände dort sind für mich zwar traurig aber keineswegs unerwünscht. Dies ist wie folgt zu verstehen:
Ich sehe wieder dieselben Umstände wie ich sie schon in meiner Jugend in meiner Heimat in den früheren Medressen gesehen hatte. Denn: In den Ostprovinzen kam die Versorgung der Schüler mancher Medressen von außerhalb, während in anderen selbst gekocht wurde.
In noch vieler Hinsicht glichen sie diesem Haus des Leidens (Gefängnis). Wenn ich (die Umstände) hier mit einem beinahe angenehmen Bedauern betrachte, gehe ich in meiner Vorstellung in jene frühere, angenehmere Zeit meiner Jugend zurück und vergesse die Umstände meines Alters.
* * *
Anhang zum Sechsundzwanzigsten Blitz
Es handelt sich hier um den Einundzwanzigsten Brief. Er ist in dem Band der Briefe (Mektubat)enthalten und wird daher hier nicht weiter aufgeführt.
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Siebenundzwanzigster Blitz
Es handelt sich hier um das Plädoyer zu dem Prozess in Eskischehir, welches im Band der handgeschriebenen Abhandlungen (Lem'alar)und teilweise auch in der Biographie (Tarihtje-i Hayat)bereits veröffentlicht wurde.
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Achtundzwanzigster Blitz
Die ganze Abhandlung wurde in dem Band der handgeschriebenen "Lem'alar" veröffentlicht, wovon hier nur einige Abschnitte angeführt werden sollen.
Zweiter Punkt
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْاِنْسَ اِلاَّ لِيَعْبُدُونِ ٭ مَا اُرِيدُ مِنْهُمْ مِنْ رِزْقٍ وَمَا اُرِيدُ اَنْ يُطْعِمُونِ ٭ اِنَّ اللّٰهَ هُوَ الرَّزَّاقُ ذُو الْقُوَّةِ الْمَتِينُ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Und ich habe Dschinnen und Menschen nicht geschaffen, außer um mich anzubeten. Ich erwarte von ihnen keinen Unterhalt, noch verlange ich von ihnen, dass sie mich ernähren sollten. Denn Gott ist es, welcher der Versorger ist, der Herr aller Macht und Festigkeit." (Sure 51, 56-58)}
Eine lange Zeit haben diese Ayat meinen Geist beschäftigt, da ihre offensichtliche Bedeutung in der Erklärung der meisten Qur'ankommentatoren nicht diesen erhabenen wunderbaren Zauber des Qur'an reflektieren. Ich werde jetzt ganz kurz drei Aspekte ihrer ungewöhnlichen Schönheit und Bedeutung erklären, wie sie aus der Fülle des Qur'an hervortreten.
Erstens:
Zuweilen schreibt Gott der Gerechte gewisse Zustände (hal),die sich auf Seinen Botschafter beziehen könnten, sich selbst zu, um ihn dadurch zu ehren und zu würdigen. Hier haben die Ayat: "Ich habe euch geschaffen, um mich anzubeten und nicht, um mir Unterhalt zu verschaffen und mich zu ernähren." die folgende Bedeutung: "Mein Gesandter wünscht keine Belohnung, Bezahlung
oder Entschädigung, auch keine Verpflegung zum Ausgleich für seine Verpflichtungen als Prophet und als eine Entsprechung zu den Pflichten seines Dienstes." Sie beziehen sich auf den Ehrenwerten Propheten, mit dem Friede und Segen sei, dem Unterhalt und Nahrung gegeben werden. Anderenfalls würden sie etwas vermelden, was ganz klar und selbstverständlich ist. Und das wiederum würde nicht zu dieser wunderbaren Beredsamkeit (belaghat)des Qur'an passen.
Der zweite Aspekt:
Da der Mensch sehr damit beschäftigt ist, für seinen Unterhalt zu sorgen, sagt die Ayah, um den Menschen nicht in Versuchung zu bringen, die Beschaffung seines Unterhalts zum Vorwand zu nehmen, die Anbetung (Gottes) zu vernachlässigen und sich dann damit zu entschuldigen: "Ihr wurdet erschaffen, um anzubeten. Der Zweck eurer Erschaffung ist die Anbetung. Auch die Beschaffung eures Unterhalts ist mit Hinsicht auf Gottes Befehl eine Art Gottesdienst. Ihr seid nicht erschaffen worden, den Unterhalt für eure Seelen (nefs),eure Familien und eure Tiere, die meine Geschöpfe sind, und für die zu sorgen ich übernommen habe, zu beschaffen, als wäret ihr es, die ihr euren Unterhalt herbeischaffen und euch um eure Nahrung, die doch mir gehört, kümmern müsstet. Denn ich bin euer Versorger (Rezzaq).Ich sorge für den Unterhalt meiner Diener, die eure Angehörigen sind. So macht sie denn nicht zu einem Vorwand, eure Anbetung zu unterlassen!"
Wenn dies nicht die beabsichtigte Bedeutung ist, wird sie zu einer Erklärung des Selbstverständlichen. Denn es ist ja allgemein bekannt, dass es offensichtlich unmöglich ist, Gott den Gerechten mit Unterhalt und Nahrung versorgen zu wollen. Es ist eine feststehende Regel in der Rhetorik (Ilm-i Belaghat),dass, insofern die Bedeutung eines Satzes allgemein bekannt und offensichtlich ist, nicht diese Bedeutung bezweckt wurde, sondern (eine Bedeutung), die durch sie erforderlich wurde und von ihr abhängig ist. Wenn du z.B. zu jemandem sagst: "Du bist ein Hafidh.",
so ist dies eine Art der Mitteilung des bereits bekannten. Das heißt, die Bedeutung, die hier mitgeteilt werden soll ist: "Ich weiß, dass du ein Hafidh bist." Du teilst ihm also dies mit, um ihn wissen zu lassen, dass du es wusstest...
So ist denn die Bedeutung der Ayah, derzufolge das Verbot, Gott dem Gerechten Unterhalt und Nahrung zukommen zu lassen, jenem Grundsatz entsprechend eine Metapher, die sagt: "Ihr wurdet nicht erschaffen, um den Unterhalt für die Geschöpfe herbeizuschaffen, die mir gehören und deren Versorgung ich übernommen habe. Eure eigentliche Aufgabe ist vielmehr euer Dienst und euere Anbetung. Aber euch darum zu bemühen, diesen Unterhalt in Übereinstimmung mit meinen Weisungen (emir)herbeizuschaffen, ist auch eine Art Gottesdienst."
Der dritte Aspekt:
Da in der Suratu-l'Ihlas die ganz offensichtliche Bedeutung der Ayah لَمْ يَلِدْ وَ لَمْ يُولَدْ {"Er zeugt nicht und wurde nicht gezeugt." (Sure 112, 3)} ganz klar und eindeutig ist, geht es hier um eine Bedeutung, welche sich infolge dieser Bedeutung als notwendig erweist. Das heißt: So wie Gott der Gerechte ganz klar und deutlich erklärt: لَمْ يَلِدْ وَ لَمْ يُولَدْ {"Er zeugt nicht und wurde nicht gezeugt",} so meint Er damit: "Der, welcher zeugt und der, welcher gezeugt wurde, kann Gott nicht sein." Damit wird die Gottheit aller Söhne und Töchter Gottes, der Sterne und aller übrigen, fälschlicherweise Angebeteten verneint.
Und in genau der gleichen Weise heißt die Ayah in unserem Beispiel: "Die Dinge, die ernährt und unterhalten werden können, können weder Gott noch anbetungswürdig sein. Das heißt: "Der Versorger in Seiner Majestät (Rezzaq-i Dhu l-Djelal),
der euer Angebeteter (Mabud)ist, erwartet von euch für sich keinen Unterhalt. Ihr seid nicht dazu erschaffen worden, Ihn zu ernähren, was besagt, dass alle Geschöpfe, die des Unterhaltes bedürfen und ernährt werden wollen, der Anbetung nicht würdig sind."
Said Nursi
* * *
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ اَوْ هُمْ قَائِلُونَ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. (bei Nacht oder) während der Mittagsrast" (Sure 7, 4)}
Dies wurde in Beantwortung der Frage von Re'fet geschrieben, der sich sehr interessiert nach der Bedeutung des Wortes قَائِلُونَ {"Mittagsrast"} in der majestätischen Ayah اَوْهُمْ قَائِلُونَ {"oder während der Mittagsrast" (Sure 7, 4)} erkundigte, damit er nicht infolge der Lethargie, die dadurch entstand, dass er sich nach dem Morgengebet im Gefängnis wie die anderen hinlegte, müßig werde und um so seine diamantene Feder vor der Untätigkeit zu bewahren. Es gibt drei verschiedene Arten von Schlaf.
Erstens: Ghaylula.
Dies ist die Zeit nach dem Morgengebet (fedjr),
etwa vierzig Minuten vor dem Sonnenaufgang, bis etwa vierzig Minuten danach, eine Zeit, in der zu beten zwar prinzipiell erlaubt, jedoch tadelnswert (vakt-i kerahet)ist. In dieser Zeit zu schlafen ist nach einem Hadith nicht gut für den eigenen Lebensunterhalt, bleibt ohne Segen und steht im Gegensatz (khilaf)zu der Gewohnheit des Propheten. Denn die am besten geeignete Zeit für die Vorbereitungen zur Arbeit für den täglichen Lebensunterhalt ist morgens, solange es noch kühl ist. Ist diese Zeit vorbei, stellt sich eine gewisse Trägheit ein. Es ist durch zahlreiche Erfahrungen bestätigt, dass, insoweit dies sich schädlich auf den Erwerb des Lebensunterhaltes auswirkt und Grund dafür ist, dass der Segen ausbleibt.
Zweitens: Feylula.
Dies ist die Zeit zwischen dem Nachmittagsgebet bis zum Sonnenuntergang. Der Schlaf (zu dieser Zeit) schadet dem Ablauf des Lebens, d.h die aus diesem Schlaf entstandene Schläfrigkeit verursacht für die Lebensspanne dieses Nachmittags, die dadurch eine verkürzte Form annimmt, einen Zustand des Halbschlafs, wodurch in ihr eine nahezu spürbare Lücke entsteht. Aber auch im übertragenen (manevi)Sinne erscheint es, da die wichtigsten Ergebnisse dieses Tages, die materiellen wie die spirituellen (manevi),sich bereits nach dem Nachmittagsgebet abzuzeichnen beginnen, so, als könne man nun diese wegen der Zeit, die man verschlafen hat, nicht mehr absehen, als habe man diesen Tag gar nicht gelebt.
Drittens: Qaylula(= Mittagsrast).
Der Schlaf zu dieser Zeit gehört zur Gelobten Sitte. Sie reicht vom Vormittag (Duha)bis zum Ende des Mittagsgebetes (Dhuhr).Er wird deshalb mit zur Sunna gerechnet, da dieser Schlaf es ermöglicht, während der Nacht zum Gebet (Tahaddjud)aufzustehen. Auf der arabischen Halbinsel hat die Gewohnheit des Volkes in dieser Gegend zur "Mittag (Dhuhr)"genannten Zeit wegen der starken Hitze eine Arbeitspause (einzulegen) diese Gelobte Sitte noch weiter verstärkt. Der Schlaf (zu dieser Zeit) dient dazu, die
Lebenszeit zu verlängern und ist zugleich auch eine Quelle zur Vermehrung des Lebensunterhaltes. Denn eine halbe Stunde Pause (Qaylula)zu dieser Zeit entspricht zwei Stunden Nachtschlaf. Das heißt, dem Leben werden jeden Tag noch anderthalb Stunden hinzugefügt. Für die Lebenszeit, die dazu dient, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten, werden aus der Hand des Schlafes, der der Bruder des Todes ist, noch anderthalb Stunden gerettet, belebt und der Zeit zu arbeiten hinzugefügt.
Said Nursi
* * *
"Und auch das ist schön."
اَلْفُ اَلْفِ صَلاَةٍ وَ اَلْفُ اَلْفِ سَلاَمٍ عَلَيْكَ يَا رَسُولَ اللّٰهِ
{"Tausend mal Tausend Segenswünsche und Tausend mal Tausend Friedensgrüße sei dir oh Prophet Gottes."}
Während ich dies in den Tesbihat nach dem Gebet (namaz)rezitierte, sah ich wie sich in weiter Ferne ein subtiler (latif)Punkt entfaltete. Zwar war ich nicht in der Lage, alles zu erfassen, doch will ich hier nach Art eines Hinweises ein, zwei Sätze dazu sagen...
Ich sah, dass die Welt der Nacht einer neu eröffneten Wohnstatt dieser Welt gleicht. Ich betrat diese Welt zur Zeit des Nachtgebetes. Da der Mensch in seinem Wesen durch seine außergewöhnliche Vorstellungskraft mit der ganzen Welt verbunden ist, sah ich diese ganze riesige Welt in jener Nacht als eine Wohnstatt. Alle Lebewesen und die Menschen wurden kleiner und kleiner, bis sie schließlich so klein waren, dass man sie gar nicht mehr sehen konnte. So beobachtete ich denn in meiner Vorstellung nur noch die geistige Persönlichkeit Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, die diese Wohnstatt
belebte, sie mir vertraut machte und mit Licht erfüllte. Wie ein Mensch, der die Anwesenden grüßt, wenn er ein Haus betritt, war ich von dem Wunsch überwältigt, zu sagen:
اَلْفُ اَلْفِ صَلاَةٍ
{"Tausend mal Friede sei mit dir oh Prophet!"}
{(*): Die göttliche Barmherzigkeit, die mit Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, gekommen ist, bezieht sich in alle Ewigkeit auf die Bedürfnisse der ganzen Gemeinde (umma). Aus diesem Grunde sind auch unendlich viele Segenswünsche für ihn am Platz. Betritt jemand ein so riesig großes Haus, so gottverlassen, leer und dunkel wie diese Welt, wie einsam und verlassen, erschreckt und verängstigt muss er doch sein! Dann plötzlich wird dieses Haus erleuchtet und auf der Schwelle dieses Hauses erscheint ein allen bekannter, freundlicher, liebenswerter (habib) und von allen geliebter (mahbub) Ehrenwerter Botschafter. Wenn dieser nun den Barmherzigen und Freigiebigen König (Malik-i Rahiem-i Keriem) dieses Hauses anhand des gesamten Inventars des ganzen Hauses vorstellt, ihn auf diese Weise bekannt macht, dann könnt ihr euch jetzt vorstellen, welche Fröhlichkeit, Vertrautheit und Freude und was für ein Licht und welche Erleichterung das mit sich bringen würde. So wisst ihr denn nun den Wert, ja die Begeisterung für die Grüße an den Herrn Gesandten zu schätzen!}
Es war als grüßte (selam)ich ihn nach der Anzahl aller Menschen und Dschinnen. Das heißt, ich brachte ihm meine Grüße (selamet)dar und dadurch zum Ausdruck: Ich erneuere meinen Bund mit dir, erkenne deine Sendung an und unterwerfe (itaat)mich den Gesetzen, die du gebracht hast und deinen Geboten im Gehorsam (teslim).Und ich bringe damit auch zum Ausdruck, dass du vor unseren Angriffen sicher sein wirst. Und ich veranlasse alle Dschinnen und Menschen als Teilhaber an meiner Welt als Bewusstsein tragende Geschöpfe zu sprechen und bringe in all ihrer Namen Grüße mit den oben erwähnten Bedeutungen dar.
So wie er meine Welt durch das Licht und das Geschenk, das er gebracht hat, erleuchtet hat, so erleuchtet
er auch die Welten jedes Einzelnen in dieser Welt und erfüllt sie mit Wohltaten (nimet).In diesem Sinne sagte ich in dankbarer Entgegnung für seine Geschenke: "Tausendfacher Segen (salavat)möge über dich herabkommen!" Das heißt: Wir können deiner Güte nichts entgegen bringen, vielmehr wollen wir mit unserer Dankbarkeit auch unsere Bitte zum Ausdruck bringen, dass unser Schöpfer aus der Schatzkammer Seiner Barmherzigkeit so viele Segnungen wie es Bewohner im Himmel gibt auf dich herabsenden möge." Diese Bedeutung habe ich intuitiv (hayal)so empfunden.
Hinsichtlich seines Dienstes und seiner Anbetung und in Anbetracht dessen, dass er von seinem Volk zu dem Gerechten gerufen worden war, fordert diese Persönlichkeit, Ahmed, mit dem Friede und Segen sei, Segnungen (salavat),die den Charakter der Barmherzigkeit haben, während er hinsichtlich seiner prophetischen Sendung als Botschafter des Gerechten zu seinem Volk nach Frieden (selam)verlangt. Während er des Friedens (selam)würdig ist nach der Anzahl der Dschinnen und Menschen, opfern wir in gleichem Maße eine allgemeine Erneuerung unseres Bundes nach der Zahl aller Dschinnen und Menschen. Genauso ist er auch würdig der Segnungen (salavat)aus der Schatzkammer der Barmherzigkeit nach der Anzahl der Bewohner des Himmels und in ihrer aller Namen. Denn es geschieht durch das Licht, das er brachte, dass die Vollkommenheit eines jeden Dinges sichtbar wird und der Wert allen Seins hervortritt und der Auftrag des Herrn an jedes Geschöpf bezeugt wird und die Absicht Gottes hinter allen Seinen Kunstwerken in Erscheinung tritt. Darum sagen alle Dinge, könnten sie in Worten (lisan-i qal)äußern, was sie ohne Worte durch ihr Dasein (lisan-i hal)zum Ausdruck bringen, so würden sie ganz sicher verkünden:
الصَّلاَةُ وَالسَّلاَمُ عَلَيْكَ يَارَسُولَ اللّٰهِ
{"Friede und Segen sei mit dir, oh Gesandter Gottes!"}
und sagen nun auch wir in ihrer aller Namen
اَلْفُ اَلْفِ صَلاَةٍ وَ اَلْفُ اَلْفِ سَلاَمٍ عَلَيْكَ يَارَسُولَ اللّٰهِ بِعَدَدِ الْجِنِّ وَالْاِنْسِ وَبِعَدَدِ الْمَلَكِ وَالنُّجُومِ
{"Tausend mal Tausend Segenswünsche und Tausend mal Tausend Friedensgrüße seien dir oh Prophet Gottes nach der Anzahl der Dschinnen und Menschen und nach der Anzahl der Engel und der Sterne."}
فَيَكْفِيكَ اَنَّ اللّٰهَ صَلَّى بِنَفْسِهِ ٭ وَ اَمْلاَكَهُ صَلَّتْ عَلَيْهِ وَ سَلَّمَتْ
{"Es genügt dir, dass Gott selbst dich segnet und Seine Engel dir Segens- und Friedensgrüße senden."}
Said Nursi
* * *
Mein lieber Bruder,
Du möchtest ein Stück weit eine Erklärung über die Einheit allen Seins (Vahdetu-l'Vudjud).In einem der Blitze des Einunddreißigsten Briefes findet sich eine sehr mächtige und erleuchtende Antwort auf Hasret Muhyiddins Ideen (fikri)in dieser Angelegenheit. Für heute wollen wir hier nur noch das Folgende sagen:
Menschen diese Fragestellung über die Einheit allen Seins in heutiger Zeit zu lehren, würde einen großen Schaden anrichten. So wie Metaphern und Vergleiche aus den Händen der Gelehrten in die der einfachen Leute überwechseln und Wissen aus der Hand der Gebildeten in die Hände der Ungebildeten, die dann alles wörtlich
{(*): So wie die beiden Engel, genannt der Stier (sevr) und der Fisch (hut) in Verbindung mit gewissen Metaphern, die sich das einfache Volk als einen riesigen Stier und einen ebenso enormen Fisch vorstellte.}
nehmen, so wechseln auch die erhabenen Wahrheiten, wie die von der Einheit allen Seins zu den Leuten der Gottvergessenheit und den Ungebildeten hinüber, gehen (im Bereich) der Ursachen unter, werden für Natur gehalten und verursachen so drei bedeutende Arten von Schäden.
Erstens:
Der Weg zur Einheit allen Seins besteht ganz einfach in der Verneinung des Universums um Gottes des Gerechten willen. Wenn jedoch dieser Gedanke von den Leuten der Gottvergessenheit und dem einfachen Volk aufgenommen wird und sich mit ihrem Denksystem verbindet, das bereits mit materialistischem Gedankengut eingefärbt ist, so geht er zu Gunsten des Weltalls und der Materie den Weg der Gottverleugnung.
Zweitens:
Der Weg der Einheit allen Seins verwirft die Herrschaft (rububiyet)von irgendetwas anderem als Gott derart vehement, dass er alles andere als Gott verleugnet und Dualität beiseite fegt. Da er das unabhängige Bestehen von irgendetwas nicht anerkennt, geschweige denn das von eigenwilligen Seelen (nefsu-l'emmare)verbunden mit der Vorherrschaft von der Idee von der Natur in unserer Zeit, wobei der Stolz und der Egoismus (gurur ve enaniyet)solche eigenwilligen Seelen auch noch aufbläht, was dann dazu führt, das Jenseits und Seinen Schöpfer in gewissem Grade zu vergessen, die Einheit allen Seins Leuten einzupflanzen, deren eigenwillige Seelen alle kleine Pharaone sind und ganz einfach die Fähigkeit besitzen, sich selbst zum Objekt der Anbetung zu nehmen und auf diese Weise ihre eigenwilligen Seelen aufzublasen, sodass man sie - und ich nehme hier meine Zuflucht zu Gott - einfach nicht mehr länger beherrschen kann.
Drittens:
Während der Herr in Seiner Majestät (Dhat-i Dhu l-Djelal)frei und unabhängig ist, rein und erhaben über allem Wechsel, jeglicher Veränderung, Teilung und Gebundenheit an Zeit und Ort, wird dies (zur Ursache) von Vorstellungen, die nicht zu der Notwendigkeit Seines Seins (Vudjubu vudjuduna)passen wollen, zu Seiner Heiligkeit, zu Seiner Reinheit (die frei ist von allen Fehlern) und führt schließlich zu falschen Lehren. Wenn also jemand von der Einheit allen Seins spricht, so hebt er seinen Geist vom Grund (der Erde) bis zum Siebengestirn, lässt das Universum
hinter sich zurück und festigt schließlich seinen Blick am Erhabenen Thron. Dort hält er dann in seiner Ekstase das ganze Universum für gar nicht vorhanden. In der Stärke seines Glaubens mag er nun sehen, dass alles unmittelbar von dem Einen Allgegenwärtigen (Vahid-i Ahad)her stammt. Doch für einen, der vor dem Universum steht und so das Universum im Blick hat und vor sich die Ursachen sieht und dabei alles von seinem irdischen Standpunkt aus betrachtet, besteht sicherlich die Möglichkeit, über den Ursachen beinahe die Besinnung zu verlieren und so in den Sumpf der Natur zu stürzen. Der, welcher in Gedanken zum Thron empor steigt, könnte wie Djelaluddin Rumi sagen: "Öffne deine Ohren! Die Worte, die du von allen hörst, kannst du so hören, als hörtest du die Stimme Gottes des Gerechten aus einem Grammophon." Wenn du dagegen zu einem, der sich nicht so hoch erheben kann, wie Djelaluddin Rumi, noch alles Sein von der Erde bis zum Thron als einen Spiegel erblicken kann, sagst: "Leihe mir dein Ohr und du wirst das Wort Gottes von allen und jedem vernehmen.", so, als sei er tatsächlich vom Thron herab auf die Erde gestürzt, so wird er von falschen Vorstellungen gefangen genommen werden, die der Wahrheit zuwider laufen!...
قُلِ اللّٰهُ ثُمَّ ذَرْهُمْ فِى خَوْضِهِمْ يَلْعَبُونَ ٭ مَا للِتُّرَابِ وَ لِرَبِّ الْاَرْبَابِ ٭ سُبْحَانَ مَنْ تَقَدَّسَ عَنِ الْاَشْبَاهِ ذَاتُهُ وَتَنَزَّهَتْ عَنْ مُشَابَهَةِ الْاَمْثَالِ صِفَاتُهُ وَشَهِدَ عَلَى رُبُوبِيَّتِهِ اٰيَاتُهُ جَلَّ جَلاَلُهُ وَلآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ
{"Sprich: "Gott (hat euch all dies zukommen lassen). Und nun lass sie in ihrem Geplauder (mit der Wahrheit) ihr Spiel treiben." (Sure 6, 91) "Wo ist die Erde? Wo ist der Herr der Herren (= Ursachen)? Gepriesen sei der, dessen Wesen erhaben ist über allen Gleichnissen und dessen Attribute frei sind von allem, was ihnen ähnlich zu sein scheint und dessen Zeichen Seine Herrschaft bezeugen. Möge Seine Majestät gerühmt werden! Und es gibt keine Gottheit außer Ihm."}
Said Nursi
* * *
Antwort auf eine Frage
Die Zeit ist gerade nicht günstig, die Ideen von Mustafa Sabri und Musa Bekuf gegeneinander abzuwägen. Ich kann dazu nur dies sagen: "Das eine ist übertrieben (ifrat),das andere nicht genug (tefrit)."Mustafa Sabri hatte zwar bei seiner Verteidigung gegenüber Musa Bekuf recht, doch ist es nicht recht, jemanden wie Muhyiddin herabzuwürdigen, der doch ein Wunder der islamischen Wissenschaften (ulum-u Islamiye)war.
Muhyiddin war in der Tat für sich selbst recht geleitet und anerkannt (hadi ve maqbul),jedoch können nicht alle seine Bücher Führer und Lehrer sein. Denn er schritt zwischen den Tatsachen oft ohne Balance voran, was den Grundsätzen der Leute der Sunna widerspricht. Ja, in einigen seiner Äußerungen scheint er sogar einem Irrtum (dalalet)Ausdruck zu geben. Doch er selbst ist frei von Irrtümern. Manchmal klingt ein Wort wie Unglaube, doch sein Besitzer ist kein Ungläubiger. Mustafa Sabri hat diese Punkte nicht in Betracht gezogen. Bei seiner fanatischen Haltung gegenüber den Grundsätzen der Leute der Sunna ist er doch in einigen Punkten etwas zu weit (tefrit)gegangen. Was aber Musa Bekuf betrifft, so stand er nur allzu sehr auf Seiten der Erneuerer und ging, was seine Ideenwelt betraf, durch seine Zugeständnisse an den Zeitgeist bei weitem in die Irre. Er verfälschte einige islamische Wahrheiten durch unzutreffende Auslegungen... Indem er jemanden, der verworfen wurde wie Abu-l'Ala-i Ma'arri, über die Autorität der Wahrheitsforscher (muhaqqiqien)stellt und dabei selbst die Seite von Muhyiddin vertritt, insoweit sie seiner eigenen Ideenwelt entspricht, sich dabei aber den Leuten der Sunna entgegen stellt, übertreibt (ifrat)er doch gewaltig...
قَالَ مُحْيِى الدِّينْ : تَحْرُمُ مُطَالَعَةُ كُتُبِنَا عَلَى مَنْ لَيْسَ مِنَّا
{"Muhyiddin sagte: Unsere Bücher zu lesen ist denen, die nicht zu uns gehören, verboten."}
Das heißt: "Diejenigen, welche nicht zu uns gehören und unseren Rang nicht kennen, sollten unsere Bücher nicht lesen, denn es könnte ihnen schaden." Ja es schadet in der Tat in unserer Zeit, Bücher von Muhyiddin zu lesen und ganz besonders jene Abschnitte, die sich mit der Einheit allen Seins (vahdet-ul vudjud)beschäftigen.
Said Nursi
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بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen"}
Ich werde hier eine Angelegenheit erklären, die sich vor den Blicken meiner inneren Vorstellung (hayal)entfaltete, während ich mit meiner Linse der Sorge um die Zukunft und dem Blick für die Konsequenzen durch das Fenster meines Gefängnisses die Nacht eines rauschenden Festes und das Gelächter beobachtete, das eigentlich ein Weinen sein sollte. In der gleichen Weise wie man das Leben vergangener Zeiten (von Menschen), die nun in den Gräbern liegen, jetzt wieder im Film sehen kann, war es, als hätte ich die lebenden Leichname derer, die in nächster Zukunft die Gräber bevölkern würden, erblickt. So weinte ich denn über denen, die da lachten. Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Einsamkeit und des Bedauerns. Ich wandte mich meinem Verstand zu und fragte die Wahrheit: "Was ist das für eine Vorstellung?" Da sagte die Wahrheit zu mir:
In fünfzig Jahren werden fünf von fünfzig dieser armen, die jetzt hier lachen und sich amüsieren, bucklige Alte von siebzig Jahren sein und die übrigen fünfundvierzig werden in ihren Gräbern vermodern. Diese hübschen
Gesichter hier und ihr fröhliches Lachen wird sich ins Gegenteil verkehrt haben. Nach dem Grundsatz
كُلُّ اٰتٍ قَرِيبٌ
{"Alles, was kommt, ist nahe."}
Da es nun einmal bis zu einem gewissen Grade wahr ist, dass Dinge, die sich in naher Zukunft ereignen werden, so betrachtet werden können, als seien sie bereits geschehen, ist das, was du hier siehst, sicherlich keine Einbildung.
Und da nun einmal das gottvergessene Gelächter dieser Welt (dunya)die bittere Tatsache verschleiert, dass es sich einmal in Weinen verkehren wird und nur zeitlich und zum Untergang verurteilt ist, dann ist es sicherlich nur eine unschuldige, mit Danksagung verbundene Unterhaltung im Rahmen des Erlaubten, die zum Bewusstsein der göttlichen Gegenwart führt und so die Gottvergessenheit vertreibt, die beständig sein wird auf Grund ihrer (späteren) Belohnung, die einem, die Ewigkeit anbetenden Herzen eines armseligen Menschen und seinem Geist (ruh),der ein unstillbares Verlangen nach Unsterblichkeit hat, Freude bringen, ein Lächeln schenken wird.
Es ist aus diesem Grund, dass es sehr viele Überlieferungen gibt, die mit allem Nachdruck dazu ermutigen, während einer Feier zu danken und Gottes zu gedenken, um Gottvergessenheit abzuwenden und zu verhüten, dass (die Festtagsfreude) in unerlaubte Bereiche abdriftet. Das mag zu solchen Zeiten die Gnadengaben von Freude und Glück in Dankbarkeit umwandeln und dafür sorgen, dass die Wohltaten Gottes erhalten bleiben und sich noch vermehren. Denn die Dankbarkeit steigert noch die göttlichen Gnadengaben und vertreibt die Gottvergessenheit.
Said Nursi
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بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen."}
Dies betrifft einen Punkt der Ayah
اِنَّ النَّفْسَ لَاَمَّارَةٌ بِالسُّوءِ
{"Fürwahr, die eigenwillige Seele ist zum Schlechten geneigt." (Sure 12, 53)}
Das heißt: Die Seele (nefs)führt immer zu den schlechten Dingen hin.
{Auch dieser Abschnitt ist für jeden nützlich.}
Sowie die Hadith
اَعْدَى عَدُوِّكَ نَفْسُكَ الَّتِى بَيْنَ جَنْبَيْكَ
{"Der schlimmste Feind ist deine Seele, die zwischen deinen Schultern ist."}
Die ehrenwerte Bedeutung davon ist: "Dein schlimmster Feind ist deine Seele." Ein Punkt zu dieser Hadith:
Unter der Voraussetzung, dass jemand eine eigenwillige Seele (nefs-i emmare)besitzt und diese noch nicht geläutert hat, wird ein solcher Mensch Gefallen finden an seiner eigenen Seele und sie lieben und keinen anderen lieben. Selbst wenn er einen anderen nach außen hin liebt, so tut er dies doch nicht aufrichtig, sondern liebt nur um des Nutzens und um des Vergnügens willen. Er versucht stets, bei anderen Gefallen zu finden und von ihnen geliebt zu werden. Er schreibt auch nicht seine Fehler sich selbst zu, sondern verteidigt sich selbst und hält sich selbst in Ehren wie ein Advokat. Er lobt sich selbst, übertreibt, ja lügt sogar dabei, indem er sich selbst als frei von Fehlern darstellt, so als wolle er sich selbst für heilig erklären und so empfängt er denn entsprechend dem Grad (den er dabei erreicht) von der Ayah مَنِ اتَّخَذَ اِلٰهَهُ هَوَيهُ {"...der sich seine Launen zu seinem Gott genommen hat." (Sure 25, 43)}
eine Ohrfeige.
Sein Eigenlob und seine Bemühungen, sich selbst beliebt zu machen, haben den umgekehrten Erfolg. Denn er (erreicht damit nur, dass man ihn als) lästig empfindet und ihm die kalte Schulter zeigt. Er verliert zudem die Aufrichtigkeit in seinen Handlungen, die auf das Jenseits hin ausgerichtet sind, und vermischt sie mit seiner Heuchelei (riya).Er wird von seinen Gefühlen, den Launen seiner Seele (heva-yi nefs)überwältigt, die den Konsequenzen gegenüber blind ist, an die Folgen nicht denkt und von ihren augenblicklichen Vergnügungen besessen ist. Nachdem eine Fetwa seines Gefühls ihn in die Irre geschickt hat, sitzt er nun wegen eines Vergnügens von einer Stunde ein ganzes Jahr im Gefängnis. Er bezahlt mit einer Strafe von zehn Jahren für den Stolz (gurur)oder die Rachsucht einer einzigen Minute. So leicht wie ein törichtes Kind, das sein "Djuz Amme (= die letzten Seiten des Qur'an, beginnend von der Sure 78), worin es gerade lernt, für ein paar Bonbons verkauft, um seinen Gefühlen zu schmeicheln, seine Sinne zu befriedigen, seinen Launen nachzugeben, (so verschleudert es) seine guten Werke, die den Wert von Diamanten haben, und macht sie zu einem Mittel (zur Erlangung) egoistischer (enaniyet)Vergnügungen, (die doch nur den Wert) unbedeutender Glasstückchen haben und verliert so den ganzen Gewinn seiner Arbeit.
اَللّهُمَّ احْفَظْنَا مِنْ شَرِّ النَّفْسِ وَالشَّيْطَانِ وَمِنْ شَرِّ الْجِنِّ وَالْاِنْسَانِ
{"Oh Gott, bewahre uns vor dem Übel der Seele und des Teufels, vor dem Übel der Dschinnen und der Menschen."}
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Frage:
Wie kann eine Gefängnisstrafe für eine unendlich lange Zeit in der Hölle als Gegenleistung (adalet)für seinen Unglauben in einer kurzen Zeit gerecht sein?
Antwort:
Wenn man das Jahr zu 365 Tagen rechnet, so erfordert das Gesetz der Gerechtigkeit für den Mord in einer einzigen Minute 7.884.000 Minuten Gefängnisstrafe. Wenn also nun eine Minute Unglauben tausend Morden nach dem Gesetz menschlicher Justiz gleicht, so müsste jemand, der ein Leben von zwanzig Jahren im Unglauben gelebt hat und dann in diesem Zustand verstorben ist, siebenundfünfzig Trillionen zweihundertundeine Milliarde zweihundert Millionen (57.000.000.201.200.000.000) Jahre Gefängnis verbüßen. So kann man also von da her verstehen, wie sehr die göttliche Gerechtigkeit (adalet-i Ilahi)doch im Einklang ist mit der Ayah خَالِدِينَ فِيهَآ اَبَدًا {"Sie werden für immer darin verweilen." (Sure 33, 65)}
Der Grund für die Verbindung zwischen diesen Zahlen, die so weit entfernt sind voneinander ist folgender: Da Mord und Unglaube Destruktion und Aggression sind, sind sie zugleich auch eine Beeinflussung anderer. Ein Mord, der eine Minute Zeit beansprucht, negiert dabei gleichzeitig im Durchschnitt wenigstens fünfzehn Jahre von dem Leben seines Opfers. So wird denn der Mörder an seiner Stelle eingesperrt. Während also eine Minute Unglaube tausendundeinen göttlichen Namen leugnet und (Gottes kunstvolles) Gewebe entwürdigt, die Rechte des Kosmos verletzt und dessen Vollkommenheit verleugnet und seine Lüge zahllosen Beweisen für die Allgegenwart Gottes (Vahdaniyet)hinzufügt und ihr Zeugnis verwirft, so wird der Ungläubige für mehr als Tausende von Jahren (in den Abgrund) der Niedrigsten aller Niedrigen (Zustände) hinabgeworfen, um für خَالِدِينَ {"ewig"} im Gefängnis (zu verweilen).
Said Nursi
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Eine bedeutungsvolle, subtile Übereinstimmung
Die Übereinstimmung (tevafuq)des Artikels 163 (des türkischen Strafrechts), nachdem die Schüler der Risale-i Nur angeklagt wurden und verurteilt werden sollten, mit der Anzahl der 163 von zweihundert Abgeordneten, die 150.000 Lira zur Errichtung einer Medrese für den Verfasser der Risale-i Nur aufgebracht haben, sagt sinngemäß etwa Folgendes: die zustimmenden Unterschriften von 163 Abgeordneten der Regierung der Republik machen die Herrschaft dieses Artikels 163 Strafgesetzbuch über ihn zunichte.
Und wiederum ist eine bedeutungsvolle Übereinstimmung (tevafuq)subtiler Art die, dass die 128 Teile der Risale-i Nur in 115 Broschüren ihre Zusammenstellung gefunden haben. Die Zahl der Tage, angefangen von der erstmaligen Verhaftung der Schüler der Risale-i Nur und ihrem Verfasser am 27. April 1935 bis zu der Gerichtsverhandlung am 19. August 1935 war ebenfalls 115, was wiederum mit der Anzahl der Broschüren der Risale-i Nur übereinstimmt. Zusätzlich fällt auch die Anzahl der 115 Leute, die verhört und für schuldig befunden worden waren, genau mit dieser Zahl zusammen, was zeigt, dass das Unglück (musibet),welches die Schüler der Risale-i Nur und ihren Verfasser getroffen hatte, von gnädiger Hand wieder in Ordnung gebracht worden ist.
{(*): Es ist hier einer Anmerkung wert, dass die Verhaftung einiger Schüler der Risale-i Nur auf Grund einer Beschuldigung am 25. April 1935 begann, von denen 117 Personen schuldig gesprochen worden waren, wobei jedoch zwei Schüler zweimal aufgeführt worden sind, sodass ihre Zahl ebenfalls 117 ergab, was nun wieder mit der Zahl der 117 Tage, vom Tag der Verhaftung bis zum Tage ihres Freispruchs übereinstimmte, was eine weitere Feinheit zu den bisherigen Übereinstimmungen hinzufügte.}
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Achtundzwanzigster Punkt des Achtundzwanzigsten Blitzes
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ لاَ يَسَّمَّعُونَ اِلَى اْلَمَلاِ الْاَعْلَى وَيُقْذَفُونَ مِنْ كُلِّ جَانِبٍ ٭ دُحُورًا وَلَهُمْ عَذَابٌ وَاصِبٌ ٭ اِلاَّ مَنْ خَطِفَ الْخَطْفَةَ فَاَتْبَعَهُ شِهَابٌ ثَاقِبٌ ٭ وَلَقَدْ زَيَّنَّا السَّمَآءَ الدُّنْيَا بِمَصَابِيحَ وَجَعَلْنَاهَا رُجُومًا لِلشَّيَاطِينِ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. So können sie der obersten Ratsversammlung nicht mehr lauschen, ohne dass man sie von allen Seiten wieder verjagt. Denn sie haben eine ständige Strafe zu erwarten. Es sei denn, dass einer zufällig etwas aufschnappt, worauf ihm ein gleißender Feuerschweif folgt." (Sure 37, 8-10) "Und wir haben den untersten Himmel mit Lampen geschmückt und sie zu Wurfgeschossen für die Teufel gemacht." (Sure 67, 5)}
Was dergleichen Ayat betrifft, so soll hier ein wichtiger Punkt in Bezug auf eine Kritik von Leuten des Irrweges erklärt werden. Es ist dies wie folgt:
Spione unter Dschinnen und Teufeln haben ihre Ohren wie die Diebe in die himmlischen Nachrichten gehängt und verbreiten nun wie die Wahrsager, Schamanen und einige Spiritisten Nachrichten aus der Welt des Unsichtbaren. Damit aber nun diese Informationen, die sie über die Welt des Unsichtbaren verbreiten, keinen Anlass zu irgendwelchen Zweifeln geben können, wurde ihre fortgesetzte Spionage größtenteils verhindert, als der Qur'an das erste Mal offenbart wurde, und sie wurden durch Sternschnuppen verjagt. Das nun Folgende ist eine kurze Antwort auf diese außerordentlich wichtige, in drei Abschnitte untergliederte Frage in Bezug auf die obigen Ayat.
Frage:
Aus solchen Ayat wie diesen kann man entnehmen, dass die Teufel sich in diese wahrhaft weit entfernten
Lande der Himmel einschleichen, um sie auszuspionieren und etwas über einige kleinere, ja sogar persönliche Dinge aus der Welt des Unsichtbaren in Erfahrung zu bringen, als ob in diesem so weiten Land überall über solch kleine Ereignisse gesprochen würde. Welcher Teufel es nun aber auch sein mag und wo auch immer er sich einschleichen könnte, er würde diese Nachricht nur zur Hälfte hören und überbringen können. Jedoch können Verstand und Weisheit eine solche Auslegung nicht akzeptieren.
Ferner wird gesagt, dass einige der Leute der Botschaft (= Propheten) und auch einige Wundertäter (ehl-i keramet)Früchte aus dem Paradies erhalten haben, das entsprechend einiger Bestimmter Ayat jenseits der Himmel liegt, so als wäre es ganz in der Nähe, und dass sie auch von ganz in der Nähe ins Paradies schauen konnten. Diese Angelegenheit, welche eine unendliche Entfernung innerhalb einer grenzenlosen Nähe betrifft, lässt sich nicht mit dem Vorstellungsvermögen (aql)unseres Jahrhunderts vereinbaren.
Ebenso ist die bedeutungslose Situation einer unbedeutenden Person, wenn sie zum Objekt einer Diskussion vor der obersten Ratsversammlung (mele-i a'la)in diesem allumfassenden, weiten Land der Himmel wird, nicht mit der Weisheit der allweisen Lenkung und Leitung des Kosmos vereinbar. Nichtsdestoweniger werden diese drei Fragestellungen als islamische Wahrheiten betrachtet.
Antwort:
Erstens:
Auf den sieben Stufen einer Abhandlung, die das "Fünfzehnte Wort" genannt wird, wird die Verjagung und Vertreibung dieser teuflischen Spione durch Sterne aus den Himmeln mit der Ayah
وَلَقَدْ زَيَّنَّا السَّمَآءَ الدُّنْيَا بِمَصَابِيحَ وَجَعَلْنَاهَا رُجُومًا لِلشَّيَاطِينِ
{"Und wir haben den untersten Himmel mit Lampen geschmückt und sie zu Wurfgeschossen für die Teufel gemacht." (Sure 67, 5)}
in sieben Stufen mit einer solchen Sicherheit bewiesen, dass sie selbst noch den verbohrtesten Materialisten zum Schweigen bringt und ihn dazu zwingt, sie anzunehmen.
Zweitens:
Wir werden auf diese drei islamischen Wahrheiten, von denen man annimmt, dass sie weit davon entfernt sind, vernünftig zu sein, mit einem Vergleich hinweisen, der sie selbst noch dem unzulänglichen Verstand nahe bringt.
Zum Beispiel:
Wenn das Wehrdienstamt eines Staates im Osten des Landes liegt, das Justizministerium sich aber im Westen, das Erziehungsministerium im Norden und das Amt für die Wissenschaften im Süden und dessen Amt für Liegenschaften in der Mitte befindet und jedes Amt und jedes Ministerium miteinander und untereinander durch Rundfunk, Telefon und Telegraf in vollkommener Ordnung in Verbindung steht, und wenn jedes Amt etwas über die Angelegenheiten, die sie betreffen, erfahren und Nachrichten über sie erhalten könnte, so wäre das ganze Land einfach sein Wehrdienstamt, genauso, wie es zugleich auch sein Justizministerium ist und auch sein Liegenschaftsamt und zugleich sein Amt für Wissenschaft sein wird.
Ferner geschieht es z.B. zuweilen, dass zahlreiche Länder und Staaten mit ihren verschiedenen Regierungssitzen die Herrschaft über ein einzelnes Land auf verschiedene Weise ausüben, z.B. als Kolonialmächte, durch ihre Vorrechtsstellung oder durch ihre Handelsbeziehungen. Obwohl also die Subjekte dieses Landes und die Nation eins sind, hat doch jeder einzelne Staat durch seine besondere Vorrechtsstellung eine Beziehung mit ihm. Die Angelegenheiten solcher Staaten, die zwar voneinander entfernt sind, berühren einander. Sie kommen sich einander näher in allen Häusern des Landes und haben Kontakte mit einem jeden ihrer Bürger. Ihre privaten Angelegenheiten können auch, dort wo es Kontaktpunkte gibt, in ihrem privaten Lebensbereich beobachtet werden. Jedoch nicht jede private Angelegenheit kann von der
allgemeinen Situation abgeleitet werden. Wenn jedoch solche privaten Angelegenheiten diskutiert werden, werden sie so behandelt, als ob sie von der allgemeinen Situation abgeleitet worden seien, denn sie stimmen unmittelbar mit den allgemein gültigen Gesetzen überein und werden auch in der entsprechenden Weise besprochen, wie sie in diesem ganz allgemeinen Lebensbereich verhandelt werden.
So hat denn das Land der Himmel, wie in diesen beiden Beispielen, und obwohl es in Anbetracht seines Zentrums und seiner Hauptstadt ganz außerordentlich weit entfernt ist, immaterielle Telefone, die bis in die Herzen der Menschen in den Ländern der Erde hinabreichen. Doch sie reicht nicht nur bis hinab in die Körperwelt (einzelner Menschen), sondern, da sie auch die Welt der Geister (alem-i ervah)und die Welt der Engel (alem-i melekut)umgreift, umfasst sie auch in gewisser Weise die ganze von uns bezeugte Welt. Ebenso dehnt sich die Einflusssphäre des Paradieses, das auch zu der bleibenden Welt (alem-i baqi)gehört und ein beständiges Haus ist, trotz seiner weiten Entfernung von uns unendlich weit aus und erstreckt sich hinter diesem Schleier der bezeugten Welt in leuchtender Weise nach allen Seiten. Ebenso regiert durch die Weisheit und Macht (hikmet ve qudret)des Allweisen Künstlers in Seiner Majestät (Sani-i Hakiem-i Dhu l-Djelal)jedes Sinneszentrum im Kopf des Menschen, wie verschieden sie auch alle voneinander sind, den ganzen Körper und verfügt über ihn. In gleicher Weise umfasst auch das Universum als der kosmische Mensch, wie konzentrische Kreise einer im anderen, Tausende von Welten. Die Umstände und Ereignisse, die in ihnen ablaufen, bilden das Objekt unserer Aufmerksamkeit, was ihren allgemeinen (Rang), ihre individuelle wie ihre besondere Bedeutung oder ihr ungeheures Ausmaß betrifft, das heißt, die kleinen (Angelegenheiten) werden im begrenzten Rahmen und an nahegelegenen Orten bearbeitet, während die gewaltig großen, umfassenden (Angelegenheiten) in großen, allgemeinen und umfassenden Gremien (maqam)erledigt werden.
Manchmal jedoch beschäftigt ein kleines, ganz persönliches Ereignis die große weite Welt. An welchem Ende der Welt man auch immer (den himmlischen Ratsversammlungen) lauschen mag, man wird von ihm hören. Und manchmal wird eine große Mobilisation nicht gegen die Mächte des Feindes veranstaltet, sondern nur um eine große, prachtvolle Heerschau auszurichten. So waren zum Beispiel das mohammedanische Ereignis (d.h. das Auftreten des Propheten) und das heilige Ereignis der Offenbarung des Qur'an im ganzen Lande der Himmel, ja sogar an allen Enden des Reiches die wichtigsten Ereignisse. Daher wurden Wächter auf den hochragenden Burgen (= Sternzeichen) in den weiten Himmeln aufgestellt, um den Teufel mit einem Geschossregen zu vertreiben und zu verjagen. Um den Grad des Glanzes der qur'anischen Offenbarung, seine glänzende Souveränität und den Grad seiner Wahrhaftigkeit, den kein Zweifel durchdringen kann, bekannt zu machen, fielen in damaliger Zeit als Zeichen Seiner Herrschaft mehr Sternschnuppen vom Himmel.
Der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, legt diese Bekanntgabe aus, verkündet sie und weist auf diese Zeichen des Himmels hin.
In der Tat dienen ein solch gewaltiges himmlisches Zeichen und die satanischen Spione, die doch ein Engel so bequem beiseite hätte blasen können, dazu zu bringen, gegen diese Engel zum Kampf anzutreten, sicherlich dazu, die Souveränität der Majestät der qur'anischen Offenbarung zu zeigen. Was zudem die majestätische Verkündigung des Qur'an und die gewaltige Mobilisation im Himmel betrifft, so dient sie dazu, nicht auszudrücken, dass Dschinnen und Teufel irgendeine Macht hätten, welche die Bewohner der Himmel dazu zwingen könnte, gegen sie zu kämpfen und sich gegen sie zu verteidigen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es auf dem Weg vom Herzen Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, zur Welt der Himmel und dem erhabenen Thron nirgendwo
einen Raum gibt, wo Dschinnen und Teufel sich einmischen könnten. Die qur'anische Offenbarung war eine Wahrheit, die von allen Engeln in den riesigen (Räumen) der Himmel diskutiert wurde, sodass sich die Teufel dazu gezwungen sahen, näher zu den Himmeln hinaufzurücken, was ihnen jedoch nicht gelang; denn sie wurden gesteinigt. Dies weist darauf hin, dass die Offenbarung, welche in das Herz Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, gelegt worden war, die Erscheinung Gabriels und die Wahrheiten aus dem Unsichtbaren, die sich vor seinem Auge ereigneten, wahr und zuverlässig waren und auf sie in keiner Hinsicht irgendein (Schatten eines) Zweifels fallen könnte. Der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, berichtet darüber in einzigartiger Weise.
Was aber das Paradies betrifft, das man trotz seiner großen Entfernung und obwohl es zu der Beständigen Welt (alem-i beqa)gehört, ganz aus der Nähe betrachten kann und aus dem man zuweilen Früchte empfangen kann, so ist, wie man aus den beiden obigen Vergleichen ersehen kann, diese vergängliche Welt und von uns bezeugte Welt ein Schleier über der unsichtbaren Welt und dem Haus der Beständigkeit. So wie es möglich ist, überall das Paradies, dessen großes Zentrum doch so weit von uns entfernt ist, im Spiegel der Welt der Gleichnisse (alem-i misal= Traumwelt) zu schauen, so ist es auch durch den Glauben im Grade wahrhaftiger Gewissheit (haqqa l-yaqien)möglich, dass das Paradies in dieser vergänglichen Welt - möge dieses Beispiel kein Fehler sein! - eine Art von Kolonien und Ministerien haben könnte, sodass die hohen Geister (ruh)mit Hilfe eines Telefons des Herzens mit ihm kommunizieren und von dort Geschenke empfangen könnten.
Was aber einen allgemeinen Bereich betrifft, der mit einer unbedeutenden persönlichen Angelegenheit beschäftigt ist, das heißt, ein Aspekt der Wahrheit, der in den Qur'ankommentaren so beschrieben wird, dass die Teufel zum Himmel fahren und von dort Berichte stehlen, um Wahrsagern Berichte aus der unsichtbaren Welt zu bringen,
wobei sie jedoch nur halb und halb richtige Berichte übermitteln, so muss es sich dabei um Folgendes handeln: es ist dies keine Frage, ob sie bis in die Hauptstadt des Landes der Himmel gelangt sein und von dort eine persönliche Mitteilung erlangt haben könnten. Es gibt vielmehr einige Plätze im Lande der Himmel, zu dem auch die Erdatmosphäre gehört, die - möge dieses Beispiel kein Fehler sein! - Polizeistationen gleichen, die eine Verbindung mit dem Land der Erde haben. Die Teufel stehlen, um bestimmte persönliche Nachrichten (zu erhalten), diese an solchen besonderen Plätzen. Auch das menschliche Herz ist eines dieser besonderen Plätze, wo der Engel der Eingebung mit seinem persönlichen Teufel kämpft.
Was jedoch die Wahrheiten um Qur'an und Glaube (iman)und die mohammedanischen Ereignisse (rundum das Erscheinen des Propheten) betrifft, so werden sie, mögen sie auch noch so unbedeutend sein, genauso wie die größten, umfassendsten und bedeutendsten Ereignisse am gewaltigen Thron, als dem umfassendsten Bereich und im Bereich der Himmel - möge dieses Beispiel kein Fehler sein! - in den spirituellen (manevi)Zeitungen als die angekündigten Ereignisse des Universums veröffentlicht. Sie werden an allen Enden besprochen, und da es vom Herzen Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, bis zum Bereich des Thrones keine Möglichkeit irgendeines Eingriffs gibt, haben die Teufel keine andere Möglichkeit, als die Himmel abzuhorchen. Dies also verkündigt mit äußerster Beredsamkeit und zeigt tatsächlich auf wunderbare Weise, wie erhaben und zuverlässig die qur'anischen Offenbarungen und das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, sind, und dass es in gar keiner Weise möglich ist, dass sich in ihnen ein Widerspruch, ein Fehler oder ein Betrug finden könnte.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
Said Nursi
Neunundzwanzigster Blitz
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
{"Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen"}
Vorwort
Vor dreizehn Jahren vereinbarten mein Herz und mein Verstand, mich auf den Weg der Kontemplation zu führen, was der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, unter anderem mit den Ayat
لَعَلَّكُمْ تَتَفَكَّرُونَ ٭ لَعَلَّهُمْ يَتَفَكَّرُونَ ٭ اَوَلَمْ يَتَفَكَّرُوا فِى اَنْفُسِهِمْ مَا خَلَقَ اللّٰهُ السَّموَاتِ وَ الْاَرْضَ ٭ لَاٰيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ
{"Damit ihr nachdenken sollt." (Sure 2, 219) "Vielleicht mögen sie einmal darüber nachdenken." (Sure 7, 176) "Denken sie denn nicht bei sich selbst darüber nach, dass Gott die Himmel und die Erde geschaffen hat?" (Sure 30, 8) "Darin finden sich ja Zeichen für solche, die nachdenken." (Sure 13, 3)}
befiehlt und dazu ermuntert, was auch eine Hadith
تَفَكُّرُ سَاعَةٍ خَيْرٌ مِنْ عِبَادَةِ سَنَةٍ
in der Bedeutung von: "Eine Stunde der Kontemplation (tefekkur)ist zuweilen besser als ein Jahr der Anbetung (ibadet)."zum Ausdruck bringt und so mit Nachdruck zur Kontemplation ermuntert. Auch ich selbst habe mir, um diese intensiven Lichter und komplizierten, langwierigen Wahrheiten festzuhalten, die während dreizehn Jahren, in denen ich diesem Weg folgte, meinem Herzen und meinem Verstand erschienen waren, eine Anzahl Worte stichpunktartig notiert, nicht etwa, um so diese Lichter beweisen zu können,
sondern nur um auf ihr Dasein hinzuweisen, die Kontemplation zu erleichtern und Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Dabei wiederholte ich diese Stichworte gewöhnlich für mich selbst und rezitierte sie in vielerlei verschiedenen arabischen Ausdrücken, sobald ich in die Kontemplation eintauchte. Obwohl ich (diese Übung) eine so lange Zeit tausende Male wiederholt habe, wurde sie mir doch niemals langweilig, noch schadeten sie der Freude, die ich dabei in mir empfand und auch das Bedürfnis meines Geistes verschwand dabei nicht. Denn da alle meine Kontemplationen stets aus Funken aus den Ayat des Qur'an bestanden, wurde die Qualität, die keine Ermüdung aufkommen ließ, und ihre Süßigkeit, welche die Qualität der Ayat ist, bewahrte, in den Spiegeln dieser Kontemplation dargestellt.
So habe ich denn erst kürzlich bemerkt, dass die mächtige Quelle des Lebens und die strahlenden Lichter in den verschiedenen Teilen der Risale-i Nur Funken wie die Kettenglieder meiner Gedanken (tefekkur)sind. In dem Gedanken, dass sie für andere den gleichen Effekt haben würden, den sie auf mich selbst hatten, fasste ich den Vorsatz, sie alle gegen Ende meines Lebens niederzuschreiben. Sicherlich sind sehr wichtige Gedanken daraus in der Risale-i Nur eingeschlossen, doch eine weitere Kraft und ein höherer Wert werden sich in einer Gesamtausgabe wiederfinden.
Weil aber nun das Ende des Lebens nicht fest steht und nicht bekannt ist, und da die Bedingungen meiner Gefangenschaft hier eine Form angenommen haben, die schlimmer ist als der Tod, will ich nun nicht länger mehr darauf warten, dass mein Leben zu Ende geht, sondern die folgenden Gedankenketten auf das Drängen und Beharren meiner Brüder in sieben Kapiteln niederschreiben, ohne sie dabei zu verändern.
(Die verbliebenen sechs Kapitel dieses Blitzes wurden in der handgeschriebenen Ausgabe der Blitze veröffentlicht und sind hier nicht mit eingeschlossen.)
اَلْبَابُ الثَّالِثُ فِى مَرَاتِبِ اَللّٰهُ اَكْبَرُ
{"Drittes Kapitel: Auf den Stufen des Allahu Ekber (Gott ist groß)"}
Wir wollen hier sieben seiner dreiunddreißig Stufen erwähnen. Ein wichtiger Teil von diesen Stufen wurde im Zweiten Kapitel des Zwanzigsten Briefes, am Ende des Zweiten Kapitels, sowie am Anfang des Dritten Kapitels des Zweiunddreißigsten Wortes erklärt. Wer die Wahrheit dieser Stufen verstehen will, sollte in diesen beiden Abhandlungen der Risale-i Nur nachschlagen.
(Es folgt die vollständige Abhandlung original als arabischer Text, welches jedoch hier nicht angeführt wird.)
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Dreißigster Blitz
Der Dreißigste Blitz des Einunddreißigsten Briefes und die Frucht aus dem Gefängnis von Eskischehir
Besteht aus sechs Punkten
Gleich wie die Meyve Risalesi(die "Frucht- Abhandlung") eine gewaltige Lektion in der Schule Josefs in Denizli und El-Huddjetu'z-Zehra(Ein Zeugnis für die Mondgleiche Schönheit) eine zuhöchst wertvolle Lektion der Schule Josefs in Afyon war, so ist auch dieser Dreißigste Blitz eine mächtige Lektion der Schule Josefs in Eskischehir und von größter Bedeutung und erläutert die Sechs Punkte über die Sechs Göttlichen Namen, auf denen der Gewaltige Name (Ism-i Adham)ruht.
Nicht jeder wird unmittelbar die so tiefen und weiten Themenstellungen in den Abhandlungen über die Namen "Hayy"(der Lebendige) und "Qayyum"(der Unwandelbare) als Bestandteil des Gewaltigen Namens (Ism-i Adham)verstehen können und zu würdigen wissen. Doch wird er auch nicht ohne einen Anteil an ihnen bleiben.
Erster Punkt
Eine Anmerkung zu dem Punkt des Göttlichen Namens: "Quddus (der Heilige)"
Dieser Punkt betrifft einen Aspekt des Göttlichen Namens "der Heilige" und ist gedacht als Teil eines Anhangs zum Dreißigsten Wort.
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ وَالْاَرْضَ فَرَشْنَاهَا فَنِعْمَ الْمَاهِدُونَ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Und die Erde haben wir weit ausgebreitet. Und wie gut haben wir sie geebnet!" (Sure 51, 48)}
Diese Erscheinung des Göttlichen Namens "der Heilige", welche eine der Bedeutungen der obigen Ayah ist, das Licht des Gewaltigen Namens oder doch ein Licht unter sechs Lichtern des Gewaltigen Namens, wurde mir während des heiligen Monats Scha'ban im Gefängnis von Eskischehir deutlich. Sie zeigte mir in vollkommener Klarheit sowohl das Dasein Gottes (maudjudiyet-i Ilahiyeyi kemal-i zuhur)als auch die Allgegenwart des Herrn (vahdet-i Rabbani).Ich sah dies folgendermaßen:
Das Weltall und unser Globus ist eine weite, beständig arbeitende Fabrik, eine Raststätte, ein Gasthaus, das sich ununterbrochen füllt und wieder leert. Im Allgemeinen werden Fabriken, Raststätten und Gasthäuser beim ständigen Gebrauch durch allerlei Unrat und Kehricht, Müll und stinkenden Abfall, der sich überall anhäuft, verschmutzt und verunreinigt. Insoweit sie nicht gut versorgt, gefegt, gewischt, gereinigt werden, kann man sich nicht in ihnen aufhalten, weil die Menschen in ihnen (vor Schmutz) ersticken würden. Doch die Fabrik des Universums und das Gasthaus "Erde" sind vollkommen rein und heilig, fleckenlos sauber, frei von allem Schutt, Schlamm und Schmutz. Es findet sich dort nichts Überflüssiges, nichts Unnötiges, nirgends ein Haufen nutzloser Unrat. Findet sich offensichtlich etwas dergleichen, rasch verschwindet es in einer Maschine zur Wiederaufbereitung und wird bereinigt.
Das aber heißt, dass der, der sich um diese Fabrik kümmert, dies sehr gut macht. Und sein Besitzer ist von der Art, dass er die ganze riesige Fabrik, sein großes Schloss kehrt und fegt, es reinigt und alles ordnet, als handle es sich dabei nur um eine kleine Kammer. Und in dieser ganzen großen Fabrik bleibt kein Schmutz, kein Müll, kein Abfall mehr zurück. Vielmehr sind ihre Sauberkeit und Reinlichkeit in Anbetracht seiner Größe bemerkenswert.
Wenn jemand sich nicht wäscht und seinen kleinen Raum einen Monat lang nicht sauber macht, wird er sehr schmutzig und schmierig. Das aber heißt, die Sauberkeit, die Reinlichkeit, ja der Glanz in dem Palast dieser Welt erwächst aus dieser ständigen, weisheitsvollen Reinigung und sorgfältigen Säuberung. Gäbe es nicht dieses ständige Säubern und Reinigen und diese sorgfältige Pflege, so würden in einem Jahr all diese hunderttausend Tierarten auf der Erde (in ihrem eigenen Unrat) erstickt sein.
Auch die Himmelskörper in der Weite des Weltraums, die von Tod und Zerfall bedroht sind, die Meteore und Meteoriten würden uns und den Tieren und unserer Erde, ja unserer ganzen Welt (dunya)eins auf den Kopf geben. Felsbrocken so groß wie Berge würden über uns herabregnen und uns aus unserer Heimat in dieser Welt vertreiben. Doch einmal abgesehen von einigen Meteoren, die vor langer Zeit einmal vom Himmel gefallen sind, ist das Leben auf der Erde nicht ausgelöscht worden.
Und weiter würden die Leichname Hunderttausender Tierarten und die Abfallberge von zweihunderttausend Pflanzenarten durch den alljährlichen Wechsel und den Kampf auf Leben und Tod das Land und das Meer so sehr verschmutzt und verunreinigt haben, dass mit Bewusstsein begabte Wesen das Gesicht der Erde nicht mehr lieben und sich an ihm nicht mehr erfreuen könnten, sondern stattdessen Abscheu und Ekel über so viel Hässlichkeit empfinden würden, dass sie sich darüber in den Tod und das Nichtmehr-Sein geflüchtet hätten.
So wie ein Vogel so leicht seine Schwingen putzt und ein Schreiber (nach getaner Arbeit) seine Seiten säubert, so werden auch die Schwingen dieses Flugzeugs, das unsere Erde ist, die Vögel im Weltenraum, die unsere Himmelskörper sind, und die Seiten des Buches des Kosmos gereinigt und herausgeputzt, und das so sehr, dass die Menschen, die die grenzenlose Schönheit des Jenseits nicht sehen können und nicht im Glauben an sie denken können, sich in diese Reinheit und Schönheit der Welt verlieben und sie anbeten.
Das heißt: Der Palast dieser Welt und die Fabrik des Universums stellen die Gewaltige Erscheinung des Namens "Quddus(der Heilige)" dar, wobei es nicht nur die fleischfressenden Reinigungskräfte der See sind und die Adler (und die Geier) an Land, die dem Auftrag gehorchen, diese heilige Reinigung vorzunehmen, sondern auch die Reinigungsbeamten, welche die Leichen einsammeln, wie die Würmer und die Ameisen. Wie die weißen und die roten Blutkörperchen, die durch den Körper strömen, diesem heiligen Befehl gehorchen und die Zellen des Körpers reinigen, so läutert und reinigt andererseits der Atem hinwiederum das Blut.
Und so wie die Augenlider dem Befehl gehorchen, das Auge zu reinigen und die Fliegen ihre Flügel zu bürsten, so hören auf ihn auch die ganze große Luft und die Wolken. Der Wind bläst auf die Staubpartikel und über die Erde, die sich am Boden abgesetzt hat und reinigt sie auf diese Weise. Die Wolkenschwämme sprengen Wasser über die Gärten der Erde, sodass der Staub sich wieder setzen kann. Damit sodann der Himmel nicht schmutzig wird, sammelt der Wind rasch den Unrat der Erde, zieht sich dann unauffällig wieder zurück und versteckt sich schließlich in völliger Wohlgeordnetheit. Er lässt uns das wunderschöne Antlitz und Auge des Himmels wie gewischt, gefegt, poliert, strahlend und glänzend zurück.
Und so wie die Sterne, die Elemente, die Minerale und alle Pflanzen dem Befehl zu reinigen gehorchen, so gehorchen
ihm auch alle Moleküle und Atome. Sie widmen der Reinheit ihre Aufmerksamkeit mit einer erstaunlich stürmischen Verwandlungsfähigkeit. Sie vereinigen sich niemals irgendwo unnötig und liegen nirgendwo unnütz herum. Sie werden stets wieder von der Hand der göttlichen Weisheit zusammengeführt, um die saubersten, schönsten, glänzendsten und strahlendsten Gestalten, die besten, reinsten und subtilsten Formen anzunehmen.
So sind denn alle diese umfassenden Handlungen, nämlich die Reinigung, also dieser ganze zusammenhängende Sachverhalt (haqiqat),eine gewaltige Erscheinung des Gewaltigen Namens (Ism-i Adham)wie des Heiligen Namens (Ism-i Quddus),der sich im gewaltigen Bereich des Kosmos zeigt. Gleich wie die Sonne zeigt sie den weitsichtigen wie den kurzsichtigen Augen unmittelbar die Existenz des Herrn (maudjudiyet-i Rabbani)und die göttliche Allgegenwart (vahdaniyet)zugleich mit allen Schönen Namen.
Es wurde ja in der Tat bereits in vielen Teilen der Risale-i Nur mit zuverlässigen Beweisen offen gelegt, dass seitdem ein Akt der Wohlordnung und Anordnung als Offenbarungen der Namen "Ism-i Hakem"(der Richter) und "Ism-i Hakiem"(der Allweise), ein Akt des Wiegens und Wägens als Erscheinungen der Namen "Ism-i 'Adl ve Adil"(der Rechtsprechende und der Allgerechte), ein Akt der Ausgestaltung und der Güte als Offenbarungen der Namen " Ism-i Djemiel ve Keriem"(der Schöne und der Freigiebige) und ein Akt der Versorgung, Erziehung und Beschenkung als Erscheinungen der Namen "Ism-i Rabb ve Rahiem"(Herr und Erbarmer), jeder einzelne eine Tatsache (haqiqat)und ein Akt für sich im Bereich dieser gewaltig großen Welt ist, er als solcher auch das Notwendige Sein (vudjubu vudjudunu)dieses einen Wesens und Seine Allgegenwart (vahdet)demonstriert. In genau der gleichen Weise demonstriert auch der Akt der Reinigung und Säuberung, der eine Widerspiegelung, eine Offenbarung des Namens "Ism-i Quddus"(der Heilige) ist, sowohl sonnengleich
die Existenz (maudjudiyet)als auch klar wie der Tag die Allgegenwart (vahdaniyet)Gottes, des Herrn, der da notwendigerweise sein muss (Dhat-i Vadjibu-l'-Vudjud).
Und so wie die oben erwähnten weisheitsvollen Taten, wie Wohlordnung, Ausgewogenheit, Ausgestaltung und Reinigung hinsichtlich der Einheit ihrer Merkmale in ihrem gewaltigen Ausmaß auf den einen Künstler (Sani-i Vahid)hinweisen, so hat auch die Mehrzahl all der übrigen Schönen Namen, ja sogar jeder einzelne von Tausend und einem Namen seine jeweils größte Erscheinungsform in dem gleichen gewaltigen Ausmaß. Und die Tat, die aus dieser Erscheinungsform hervorgeht, zeigt den Einen in Seiner Allgegenwart (Vahid-i Ahad)in aller Klarheit und Sicherheit entsprechend ihrem gewaltigen Ausmaß.
Die offensichtlichen Tatsachen (haqiqat)und auf allgemein (gültigen Gesetzen beruhenden) Handlungen, die das Antlitz des Universums leuchten und lächeln lassen, (Tatsachen) wie die universelle Weisheit (hikmet),welche alle Dinge veranlasst, ihren Regeln und Gesetzen zu folgen, die alles umfassende Gnade (inayat),die alle Dinge schmückt und ihnen zulächelt, die alles umspannende Barmherzigkeit (rahmet),die alle Dinge beglückt und zufrieden stellt, die alles umfassende Versorgung mit Nahrung und Unterhalt, die alles ernährt und erfreut, das Leben, das sich schenkt und ins Leben ruft, das jedes Ding mit allen Dingen verbindet, von dem jedes Ding seinen Nutzen zieht und in gewissem Grade gelenkt wird, alle diese offensichtlichen Tatsachen (haqiqat)und auf allgemein gültigen Gesetzen beruhenden Handlungen verweisen auf den Einen Allweisen (Dhat-i Hakiem),Freigiebigen (Keriem)und Allbarmherzigen (Rahiem),den Ernährer (Rezzaq),den Ewig Lebenden (Hayy)und Leben Schenkenden (Muhyi)so wie das Licht auf die Sonne verweist.
Wenn alle diese vielen hundert umfassenden Taten, von denen jede einzelne ein klarer Beweis für die Allgegenwart (vahdaniyet)Gottes ist, nicht auf den Einen und
Einzigen in der Einheit Seiner Allgegenwart (Vahid-i Ahad)zurückgeführt werden, so wird jede einzelne von ihnen notwendigerweise und in hunderterlei Hinsicht unmöglich. Werden z.B. nicht nur alle diese offensichtlichen Tatsachen (haqiqat)und ganz allgemein gültigen Beweise für die Weisheit, die Gnade (Inayat),Barmherzigkeit, die Versorgung und das Geschenk des Lebens, ja wird auch nur eine einzige Handlung, wie die Reinigung, nicht auf den Schöpfer des Alls zurückgeführt, so wird das Folgende auf dem Weg des Unglaubens der Leute des Irrweges notwendig:
Es müssten entweder alle Geschöpfe, die mit dem Reinigungsdienst verbunden sind, von den Stäubchen und den Mücken bis hin zu den Elementen und den Sternen, die Fähigkeit besitzen, die Ausgestaltung, Ausgewogenheit, Ordnung und Reinigung dieses ganzen riesigen Universums zu kennen und zu durchdenken und dementsprechend zu handeln, oder aber es müsste jedes von ihnen die heiligen Eigenschaften (sifat-i qudsi)des Schöpfers der Welten (Khaliq-i Alemin)besitzen... oder aber es müsste jedes von ihnen über ein konsultatives Gremium in der Größe des ganzen Kosmos verfügen, um die Ausgestaltung und Reinigung und das Gleichgewicht zwischen den eingegangenen Erträgen und den Ausgängen in der Weite des Universums in Stand halten zu können, und die zahllosen Atome und Mücken und die Sterne müssten die Mitglieder dieses Gremiums sein usw... hunderte solcher Dinge aus dem (Bereich) des Aberglaubens und der Sophisterei müssten sich ereignen, sodass diese allgemeine, umfassende erhabene Ausgestaltung, Reinigung und Säuberung, die wir überall beobachten können und deren Zeugen wir sind, stattfinden könnten. Was aber dies betrifft, so müssten sich dafür nicht nur eine Unmöglichkeit... nein, hunderttausend Unmöglichkeiten ereignen.
Wenn nun in der Tat das Tageslicht und diese winzig kleinen nur vorgestellten Sonnen in all diesen reflektierenden
Gegenständen auf der Erde nicht der (einen, großen) Sonne zugeschrieben und nicht als Reflexionen der Erscheinung dieser einen Sonne bezeichnet würden, so wäre es für die tatsächliche Sonne notwendig in allen Glasscherben, Wassertropfen und Schneeflocken, die auf dem Gesicht der Erde glänzen, ja sogar in den Atomen der Luft gegenwärtig zu sein, damit das universale Licht hervortreten kann.
So ist denn auch die Weisheit ein Licht. Allumfassende Liebe ist ein Licht. Ausgestaltung, Ausgewogenheit, Wohlordnung und Reinigung sind jeweils ein Licht. Sie sind die Strahlen der urewigen Sonne. So komm denn nun und sieh, wie Irreleitung und Unglaube in einen Sumpf hineingeraten sind, aus dem es keinen Ausweg gibt! Sieh nun, wie töricht eine derartige Unwissenheit auf dem Wege des Irrweges ist und sage:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى دِينِ الْاِسْلاَمِ وَ كَمَالِ الْاِيمَانِ
{"Dank sei Gott für die Religion des Islam und die Vollkommenheit des Glaubens!"}
In der Tat ist diese erhabene, allgemeine Reinigung, die den Palast des Universums sauber hält, mit Sicherheit die Erscheinung und das Erfordernis des Namens "Der Heilige (ism-i Quddus)".Und so wie die Lobpreisungen (tesbihat)aller Geschöpfe auf den Namen "der Heilige" ausgerichtet sind, so erfordert der Name "Der Heilige" auch eine jede Reinlichkeit.
{(*): Wir dürfen nicht vergessen, dass alle schlechten Eigenschaften, ein jeder irrige Glaube (batil iktidar), Sünden und Neuerungen (bid'a) spiritueller (manevi) Unrat sind...}
Es ist auf Grund dieser heiligen Verbindung mit der Reinheit, dass die Hadith
اَلنَّظَافَةُ مِنَ الْاِيمَانِ
{"Die Reinheit ist aus dem Glauben."}
die Reinheit als ein Licht des Glaubens bezeichnet.
اِنَّ اللّٰهَ يُحِبَّ التَّوَّابِينَ وَيُحِبُّ الْمُتَطَهِّرِينَ
{"Fürwahr, Gott liebt die, welche sich beständig Ihm zuwenden und er liebt die, welche sich immerwährend rein halten." (Sure 2, 222)}
Auch diese Ayah zeigt, dass Reinheit eine Quelle der göttlichen Liebe (muhabbet-i Ilahi)ist...
Zweiter Punkt des Dreißigsten Blitzes
وَاِنْ مِنْ شَيْءٍ اِلاَّ عِنْدَنَا خَزَآئِنُهُ وَمَا نُنَزِّلُهُ اِلاَّ بِقَدَرٍ مَعْلُومٍ
{"Und es gibt nichts, von dem wir nicht Schätze hätten. Doch senden wir es nur in bestimmten Maßen herab." (Sure 15, 21)}
Eine Anmerkung zu dieser Ayah und eine Erscheinung des Gottesnamens "'Adl, der Gerechte", der ein gewaltiger Name oder ein Licht von den sechs Lichtern des Lichtbündels ist, zeigte sich mir wie die Erste Anmerkung in dem Gefängnis in Eskischehir von Weitem. Um uns dies näher zu bringen, sagen wir wiederum mit einem Beispiel:
Dieser Kosmos ist ein Palast von der Art, dass es in diesem Palast eine Stadt gibt, die ständig zwischen Abriss und Wiederaufbau hin und her geworfen wird. In dieser Stadt gibt es ein Land, dass ständig in Krieg und Flucht brodelt. In diesem Land gibt es eine Welt, die sich ununterbrochen zwischen Tod und Leben hin und her wendet. In diesem Schloss, in dieser Stadt, in diesem Land, in dieser Welt herrschen aber eine solch Staunen erregende Ausgewogenheit, eine Harmonie, ein Gleichgewicht, dass sie offensichtlich beweisen, dass die Umsätze, die Einnahmen und Ausgaben dieser zahllosen Erscheinungsformen mit der Waage des Einen und Einzigen Herrn gemessen und gewogen werden, der jederzeit den ganzen Kosmos beobachtet und überwacht. Würden andererseits die Ursachen, gleich einem Fisch unter den Fischen mit tausend kleinen Eiern, einer Blume, die wie eine Mohnblume unter den Pflanzen zwanzigtausend Samen hervorbringt, oder die Elemente, die gleich einer Flut daher brausen, die Bedrohung durch Katastrophen, die das Gleichgewicht gewaltsam zu stürzen und alles mit sich zu reißen versuchen, ungebändigt oder dem planlos umherstreunenden Zufall und den maßlosen, blinden Kräften und der unbewussten, finsteren Natur überlassen bleiben, würde dieses Gleichgewicht der Dinge und das
Gleichgewicht des ganzen Kosmos so zerstört werden, dass es in jedem Jahr, ja sogar an jedem Tag in einem Tohuwabohu endete. Das heißt: Das Meer würde voll von chaotischen Dingen sein und stinken. Die Luft wäre von schädlichen Gasen vergiftet. Der Erdboden aber würde sich in einen Müllabladeplatz, in ein Schlachthaus, in einen Sumpf verwandeln und die Welt würde in ihm ersticken.
So wird denn nun alles, angefangen von den Zellen des tierischen Körpers, den roten und weißen Blutkörperchen, dem Stoffwechsel der Zellen und der Proportionalität der Organe, bis hin zu den Meeren mit (der Bilanz) ihrer Aufnahme und Abgabe, bis zu den Quellen und Brunnen unter der Erde mit allem, was sie füllt und was sie entleert, bis zu der Nachkommenschaft und dem Ableben der Tiere und der Pflanzen, bis zum Abbau im Herbst und dem Wiederaufbau im Frühling, bis zu den Elementen und den Sternen, dem Dienst, (den sie verrichten) und den Bewegungen, (die sie ausführen), bis zu Tod und Leben, Licht und Finsternis, Hitze und Kälte und allen Veränderungen, Auseinandersetzungen und Zusammenstößen, die sie bewirken, wird alles mit einer so empfindlichen Waage, mit einem so feinen Maß geordnet und ausgewogen, dass der menschliche Verstand nie und nirgends wirkliche Verschwendung und Sinnlosigkeit findet, sowie auch die menschliche Weisheit sich in allen Dingen in vollkommenster Ordnung und schönster Ausgewogenheit zeigt und erweist. Vielmehr ist die menschliche Weisheit eine Erscheinung und ein Sprachrohr dieser Ordnung und Wohlausgewogenheit.
Nun komm und betrachte das Gleichgewicht zwischen der Sonne und den zwölf voneinander verschiedenen Planeten. Zeigt etwa dieses Gleichgewicht nicht sonnenklar, dass der majestätische Herr (Dhat-i Dhu l-Djelal)der Gerechte (Adl)und der Allmächtige (Qadir)ist?
Besonders unsere Erde, die zu den Planeten gehört, segelt gleich einem Schiff und durchreist in einem Jahr eine
Laufbahn von 25.000 Jahren Fußmarsch. Trotz ihrer außerordentlichen Geschwindigkeit wirft sie die Dinge, die auf dem Erdenboden geordnet und aufgestapelt sind, nicht durcheinander, erschüttert sie nicht und schleudert sie nicht in das Weltall. Wäre ihre Geschwindigkeit auch nur ein klein bisschen größer oder kleiner, würde sie ihre Bewohner durch die Luft schleudern und in den Weltraum hinaus katapultieren. Und verlöre sie für eine Minute, ja sogar nur eine Sekunde lang ihr Gleichgewicht, so würde sie unseren Lebensraum zerstören, vielleicht mit einem anderen (Planeten) zusammenstoßen und so einen Weltuntergang verursachen.
Und besonders zeigt das Gleichgewicht auf dem Antlitz der Erde, das sich in den Geburten, dem Ableben, der Versorgung und der Lebensweise von vierhunderttausend Arten in der Pflanzen- und in der Tierwelt in Barmherzigkeit (rahiemane)offenbart, den einen gerechten und barmherzigen Herrn (Dhat-i Adl u Rahiem)so, wie uns die Sonne das Licht zeigt. Und besonders stehen die einzelnen Glieder, Organe und Empfindungen eines einzigen der unendlich vielen Angehörigen unendlich vieler Völker in so empfindlichem Gleichgewicht und in einer so harmonischen Beziehung zueinander, dass diese Beziehung, diese Ausgewogenheit geradezu offensichtlich auf den einen gerechten und allweisen Baumeister (Sani-i Adl u Hakiem)hinweist. Und besonders stehen die Zellen in jedem tierischen Körper, die Blutkörperchen und die Adern und die Atome dieser Blutkörperchen in einem so feinen, empfindlichen und wunderbaren Gleichgewicht zueinander, dass dies offensichtlich beweist, dass sie der eine gerechte und allweise Schöpfer (Khaliq-i Adl u Hakiem)mit Seiner Waage, durch Sein Gesetz und Seine Anordnungen versorgt und verwaltet, der die Zügel aller Dinge und die Schlüssel aller Dinge in Händen hält, wo das eine das andere nicht behindert, und der alle Dinge so leicht lenkt und leitet wie ein einziges Ding. Wer es für unmöglich hält, dass Dschinnen und Menschen, auf der gewaltig großen Waage
der Gerechtigkeit vor dem größten Gericht am Tage der Auferstehung nach ihren Taten gewogen werden, und nicht daran glaubt, dann jedoch dieses umfassende Gleichgewicht, das er mit seinen eigenen Augen in dieser Welt wahrnehmen kann, aufmerksam betrachtet, dem wird auf jeden Fall kein Zweifel mehr daran bleiben.
Oh du unglückseliger Mensch, der du so verschwenderisch bist und keine Sparsamkeit kennst, der du dich so ungerecht verhältst und keine Gerechtigkeit kennst, der du so schmutzig bist und keine Reinheit kennst! Da du nicht auf Sparsamkeit, auf Reinheit und auf Gerechtigkeit achtest, die das Prinzip des Lebens im ganzen Kosmos und allen Seins ist, verdienst du es, dass durch deine Opposition alles, was da ist, seinen Abscheu und seine Wut gegen dich richtet. Worauf verlässt du dich denn, dass du die ganze Schöpfung mit deinem ungerechten, unausgewogenen, verschwenderischen und unreinen Verhalten in Wut gegen dich aufbringst?
In der Tat bewegt sich die ganze Weisheit des Kosmos, die von der gewaltigen Erscheinung des Gottesnamens "Al-Hakiem, der Weise" herrührt, auf der Ebene einer ökonomischen und sparsamen Haushaltsführung. Sie schreibt die Sparsamkeit vor. Die vollkommene Gerechtigkeit im Kosmos, die von der gewaltigen Erscheinung des Gottesnamens "Al-'Adl, der Gerechte" her stammt, hält alle Dinge im Gleichgewicht. Sie befiehlt den Menschen auch die Gerechtigkeit. In der Sure "Rahman" in den Ayat
وَالسَّمَآءَ رَفَعَهَا وَوَضَعَ الْمِيزَانَ ٭ اَلاَّ تَطْغَوْا فِى الْمِيزَانِ ٭ وَاَقِيمُوا الْوَزْنَ بِالْقِسْطِ وَلاَ تُخْسِرُوا الْمِيزَانَ
{"Und den Himmel wölbte er empor und stellte die Waage auf, damit ihr das Maß nicht überschreiten möget. So haltet eure Waage recht und fälscht euer Maß nicht!" (Sure 55, 7-9)}
wird viermal "Mizan"{Mizan, Vezn: Waage, Maß} erwähnt, was auf vier Stufen hinweist, auf vier Arten von Waagen und die Größe, die außerordentliche Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der Waage im Kosmos zeigt.
So wie es in der Tat bei keinem Ding eine Verschwendung gibt, so gibt es auch bei keinem Ding eine wirkliche Ungerechtigkeit oder Unausgewogenheit. Und die von der gewaltigen Erscheinung des Namens Gottes "Al-Quddus,der Reine, der Heilige" abgeleitete Reinigung, Läuterung macht alles, was da ist im gesamten Kosmos sauber und schön. Unter der Bedingung, dass die unreine Hand des Menschen sich nicht einmischt, ist bei keinem Ding eine wirkliche Unreinheit oder Hässlichkeit zu sehen.
So verstehe denn nun, wie grundlegend die Wahrheit des Qur'an und die Prinzipien des Islam, wie Gerechtigkeit, Sparsamkeit, Reinheit im menschlichen Leben fundamentale Grundsätze sind. Und wisse, in welchem Grade der Qur'an in seinen Bestimmungen mit dem Kosmos übereinstimmt und seine Wurzeln im Kosmos hat und in ihm verankert ist, und dass es genauso unmöglich ist, diese Wahrheit zu zerstören, wie den Kosmos zu zerstören und seine Gestalt zu verändern. Gleich diesen drei gewaltigen Lichtern, verlangen hunderte universeller Wahrheiten, wie die Barmherzigkeit (rahmet),die Güte (inayet)und die Bewahrung (hafiziyet)(der Schöpfung), das Jenseits und die Wiederauferstehung nach dem Tode und setzen sie voraus. Ja wäre es denn überhaupt möglich, dass sich die gewaltigen, universellen Wahrheiten, die im Kosmos und im ganzen Dasein herrschen, wie Barmherzigkeit, Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, Genügsamkeit und Reinheit, nach dem Tode in Unbarmherzigkeit, Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit, Verschwendung, Unreinheit und Zwecklosigkeit verkehrt werden könnte, weil die Wiederauferstehung nicht stattfindet und das Jenseits nicht beginnt? Gott bewahre!
Hunderttausendmal nein!
Zerstören etwa die Barmherzigkeit und die Weisheit, die auch das Lebensrecht einer Mücke in Barmherzigkeit schützt, das unbegrenzte Lebensrecht aller Bewusstseintragenden und das unbegrenzte Recht der grenzenlos vielen Formen des Daseins dadurch, dass sie den Tag der Wiederauferstehung nach dem Tode nicht anbrechen lassen?
Gestattet etwa die Majestät einer Herrschaft (hasmet-i rububiyet),die auf Barmherzigkeit (rahmet),Liebe (shefqat),Gerechtigkeit (adalet)und Weisheit (hikmet)so unendlich empfindlich und aufmerksam reagiert, und das Königreich einer Gottheit (saltanat-i uluhiyet),die diesen Kosmos mit grenzenlos einzigartigen Kunstwerken und Gastgeschenken verziert, um Seine Vollkommenheit zu zeigen, sich bekannt zu machen und Seine Liebenswürdigkeit zu erweisen, dass - mit Verlaub zu sagen! - was untergegangen ist, nicht wieder auferstehen wird, was sowohl alle Seine Vollkommenheit in all ihren Erscheinungsformen, als auch alle Seine Geschöpfe zur Bedeutungslosigkeit herabsinken und sie nachgerade verleugnen ließe. Gott bewahre, nein! Eine so vollendete Schönheit erlaubt offensichtlich nicht eine ebenso vollendete Hässlichkeit.
In der Tat muss ein Mann, der das Jenseits bestreiten will, zuerst alle Welt und alle Tatsachen in ihr bestreiten. Anderenfalls wird die Welt und werden alle Tatsachen (haqaiq)in ihr ihm mit hunderttausend Zungen widersprechen und ihm als einem Lügner seine Lüge hunderttausendfach beweisen. Das Zehnte Wort beweist mit sicheren Zeugnissen, dass die Existenz des Jenseits genauso sicher und zweifelsfrei ist, wie die Existenz des Diesseits.
Dritter Punkt, der auf das Dritte Licht von den sechs Lichtern des gewaltigen Namens Gottes hinweist
اُدْعُ اِلَى سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ
{"Rufe auf den Weg deines Herrn mit Weisheit!" (Sure 16, 125)}
Die Bedeutung dieser Ayah und die Erscheinung des Gottesnamens "Al-Hakem, der Richter", der ein gewaltiger Name Gottes, beziehungsweise ein Licht von den sechs Lichtern des gewaltigen Namens Gottes ist, wurden mir im heiligen Monat Ramadan erkennbar. Dieser "Dritte Punkt", der aus "Fünf Punkten" besteht, wurde nur als ein Hinweis darauf in Eile niedergeschrieben und ist Manuskript geblieben.
Erster Punkt:
Entsprechend einem Hinweis im "Zehnten Wort" verlieh die gewaltige Erscheinung des Gottesnamens "Al-Hakem, der Richter" diesem Kosmos einen solchen Ausdruck eines Buches, dass auf jeder Seiner Seiten Hunderte von Büchern geschrieben stehen! Jede Zeile beinhaltet Hunderte von Seiten. Mit jedem Wort sind Hunderte von Zeilen gegeben. Jeder Buchstabe beinhaltet Hunderte von Wörtern. Mit jedem Punkt findet sich gleichsam ein kleines Inhaltsverzeichnis dieses Buches. Seine Seiten, seine Zeilen, bis hin zu den Punkten in diesem Buch zeigen in hundert Aspekten Seinen Designer und Schreiber so eindeutig, dass das Betrachten dieses kosmischen Buches hundertfach mehr als seine eigene (Buch)-Existenz die Existenz seines Schreibers und Seine Einheit beweist. Denn obwohl ein Buchstabe, die eigene Existenz in der Größe eines Buchstabens zum Ausdruck bringt, bringt er doch seinen Schreiber in der Größe einer Zeile zum Ausdruck.
In der Tat ist die Erdoberfläche eine Seite dieses großen Buches. Man sieht mit eigenen Augen, dass auf dieser
Seite entsprechend der Anzahl der Pflanzenarten und Tiergattungen im Frühling ebenso viele Bücher ineinander und nebeneinander geschrieben wurden, gleichzeitig, fehlerfrei, in makelloser Vollkommenheit. Auf dieser Seite gleicht jede Zeile einem Garten. Wir können mit eigenen Augen erkennen, dass darin so viele Kassiden (Gedichte) geschrieben wurden, wie es in diesem Garten Blumen, Bäume und andere Pflanzen gibt, ineinander, nebeneinander, fehlerfrei. Ein Wort in dieser Zeile gleicht einem Baum, der Blätter treibt, um Blüten und Früchte hervorbringen zu können. Diesem Wort aber entsprechen so viele sinnvolle Abhandlungen über den Lobpreis des majestätischen Richters (Hakem-i Dhu l-Djelal),wie es wohlgeordnete, wohlausgewogene, wohlgestaltete Blätter, Blüten und Früchte gibt. Wie ein jeder Baum, der Blüten trägt, so ist auch dieser Baum eine Kasside, durch die er die Lobpreisungen seines Designers singt.
Des Weiteren ist es, als wolle der majestätische Richter (Hakem-i Dhu l-Djelal)Seine kunstvollen und einzigartigen Werke, die auf dieser Messe ausgestellt sind, welche unsere Welt ist, mit tausend Augen betrachten.
Des Weiteren ist es, als wollten sich die prächtig ausgestalteten Geschenke, die der urewige König (Sultan-i Edhel)diesem Baum verliehen hat, gleichsam als Orden und Flaggen in einer so wohl verzierten, ausgewogenen, geordneten und sinnvollen Form, bei dem Frühling, der Sein besonderes Fest, ein Empfang ist, vor den Blicken des Königs darstellen, und als wolle Er ihnen in Seiner Weisheit eine Form geben, die mit jeder Blüte und mit jeder Frucht wie mit vielen ineinander liegenden Aspekten und Zungen für die Existenz und die Namen ihres Designers Zeugnis ablegt. So befasst z.B. jede Blüte und jede Frucht ihr eigenes Maß. Und diese Ausgewogenheit passt in eine bestimmte Ordnung. Diese Wohlordnung wird durch ständige Erneuerung aufrecht und in der Waage gehalten; Rhythmus (tevzin)und Versmaß (tanzim)aber finden sich in Dichtung (zinet)und Kunst (san'at).Schönheit (zinet)und Kunst aber finden wir in Geruch
und Geschmack, die Sinn und Weisheit in uns wachrufen. Daher verweist jede Blüte entsprechend der Anzahl der Blüten des Baumes mit ebenso vielen Zeichen auf ihren majestätischen Richter (Hakem-i Dhu l-Djelal).An diesem Baum, der ein Wort ist, gilt eine Frucht als ein Buchstabe und der Kern darin als ein Punkt. Er ist ein winziges Kästchen, welches das Inhaltsverzeichnis und das Programm des ganzen Baumes beinhaltet usw. Im Vergleich damit weisen alle Zeilen und alle Seiten des kosmischen Buches durch die Erscheinung der Namen "Al-Hakem, der Richter" und "Al-Hakiem, der Weise" jeweils und nicht nur mit jeder Seite, nein, sogar mit jeder Zeile, mit jedem Wort, jedem Buchstaben und jedem Punkt die Gestalt eines Wunders auf, sodass alle Ursachen zusammengenommen nicht einmal einen Punkt daraus nachbilden und sich nicht mit ihm messen könnten. Da nun in der Tat jeder Vers (Ayah)des Seins (kaun)in diesem gewaltigen Qur'an, dem Kosmos, so viele Wunder aufzeigt, wie dieser Vers (diakritische) Punkte und Buchstaben hat, können sich mit Sicherheit der umherschweifende Zufall, die blinden Kräfte und die ziellose, unausgewogene und unbewusste Natur keineswegs in diese empfindliche Ausgewogenheit und in diese überaus feine Wohlordnung, wie sie einem Weisen (hakiem),einem Sehenden (basir)entspricht, einmischen. Hätten sie sich eingemischt, so würden doch die Spuren des Durcheinanders sichtbar. Doch ein Mangel an Ordnung ist in gar keiner Weise bemerkbar.
Zweiter Punkt:
Er besteht aus zwei "Problemstellungen".
Erste Problemstellung:
Wie im Zehnten Wort erklärt, ist es ein grundlegendes Prinzip, dass eine Schönheit in unendlicher Vollkommenheit und eine Vollkommenheit in unendlicher Schönheit sich auf jeden Fall selber betrachten, sich anderen zeigen und darstellen will. Auf Grund dieses bedeutenden, umfassenden Prinzips also macht der urewige Designer dieses großen Buches, des Kosmos, in den verschiedenen Sprachen all dessen, was da
ist, vom Kleinsten bis zum Größten, die Schönheit Seiner Vollkommenheit (djemal-i kemal)und die Vollkommenheit Seiner Schönheit (kemal-i djemal)bekannt und liebenswert, um sich durch diese Schöpfung mit jeder Seite dieses kosmischen Buches, mit jeder Zeile, ja, sogar mit jedem Punkt und Buchstaben vorzustellen und Seine Vollkommenheit bekannt zumachen.
Oh du gottvergessener Mensch! Obwohl dieser Herrscher und allweise Richter sich dir in all Seiner Majestät und Schönheit (Hâkim-i Hakem-i Hakiem-i Dhu l-Djelal Ve l-Djemal)in jedem seiner Geschöpfe in so zahllos vielen prächtigen Formen zu erkennen zu geben und dich dazu bewegen will, Ihn zu lieben, du aber Ihn trotz Seiner Bemühungen, Sich dir zu erkennen zu geben, nun dennoch nicht den Glauben aufbringst, Ihn zu erkennen und Seinen Bemühungen, von dir geliebt zu werden, nicht mit Dienst und Anbetung entgegenkommst und so Seine Liebe erlangst, wisse also und besinne dich darauf, was für eine grenzenlose, welch vielfache Unwissenheit, und welch ein Verlust das ist!
Zweite Problemstellung des Zweiten Punktes:
In dem Eigentum des allmächtigen und allweisen Schöpfers (Sani-i Qadier ve Hakiem)dieses Kosmos ist für eine Teilhaberschaft kein Platz. Denn: Die unendliche Wohlordnung, die sich in allen Dingen findet, duldet keine Teilhaberschaft. Denn: Geraten in einer Arbeit viele Hände durcheinander, gerät die ganze Arbeit in ein Durcheinander. So wie in einem Land mit zwei Königen, in einer Stadt mit zwei Bürgermeistern oder einem Weiler mit zwei Dorfschulzen Verwirrung in allen Angelegenheiten dieses Landes, dieser Stadt, dieses Dorfes entstünde, so wird selbst noch der niederste Beauftragte die Einmischung eines anderen in seinen Aufgabenbereich nicht dulden, was zeigt, dass eines der grundlegendsten Kennzeichen der Herrschaft Unabhängigkeit und Selbständigkeit ist. Das heißt: Ordnung erfordert die Einheitlichkeit (vahdet)und Herrschaft (hakimiyet)die Selbständigkeit. Wenn also nun eine Herrschaft, flüchtig wie ein Schatten, von Menschen, die schwach und hilfsbedürftig sind, eine solche Einmischung zurückweist, muss sicherlich und
notwendigerweise auch die wahre und absolute Herrschaft des absolut Allmächtigen (Qadier-i Mutlaq)eine Einmischung mit aller Heftigkeit zurückweisen. Gäbe es auch nur den Funken einer Einmischung, so würde diese Ordnung zerstört.
Denn der Kosmos ist in einer solchen Weise erschaffen, dass für die Erschaffung eines Kernes die selbe Macht notwendig ist, die einen ganzen Baum erschaffen kann. Um einen Baum zu erschaffen, ist die selbe Macht notwendig, die den ganzen Kosmos erschaffen kann. Gäbe es einen Teilhaber, der seine Finger im Kosmos (als ganzem) hätte, so müsste er auch noch seinen Anteil am kleinsten Kern haben. Denn dieser ist dessen Muster. In diesem Fall müssten zwei (Herren, deren) Herrschaft(sansprüche) in dem riesigen Kosmos keinen Platz finden können, in einem Kern, ja sogar in einem Atom ihren Platz finden. Das ist aber die sinnloseste und am weitesten entfernte Unmöglichkeit aller Unvorstellbarkeiten und irrigen Vorstellungen. Wisse, in welchem Grade ein vielfacher, unendlicher Widerspruch, ein Fehler, eine Lüge die Abgötterei und der Unglaube sind, welche die Ohnmacht des absoluten Allmächtigen, der alle Ereignisse und Zustände des riesigen Kosmos in der Waage Seiner Gerechtigkeit und in der Ordnung Seiner Weisheit hält, sogar auch in einem Kern erfordern, und dass die Einheit Gottes (tauhid)in unendlichem Grade recht, wahr und richtig ist und sage:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى الْاِيمَانِ
{"Dank sei Gott für den Glauben!"}
Dritter Punkt:
Der allmächtige Schöpfer (Sani-i Qadier)setzte in diese Welt in Seinem Namen als der "Richter (Hakem)"und als der "Allweise (Hakiem)"tausende wohlgeordneter Welten ein. Inmitten dieser Welten erschuf er den Menschen, der aller Weisheit im Kosmos Mittelpunkt und Ausdruck ist, für Sich als Drehscheibe und Mittelpunkt.
Die bedeutendsten Weisheiten und Nutzanwendungen
in dem Verwaltungsbereich "Kosmos" sind auf den Menschen hin ausgerichtet.
In dem Verwaltungsbereich "Mensch" aber stellte Er die Versorgung in den Mittelpunkt. In der Menschenwelt sind die meisten Gegebenheiten und Angelegenheiten auf diese Versorgung hin ausgerichtet und werden im Zusammenhang mit ihr sichtbar. Im Bewusstsein des Menschen und im Genuss seiner Versorgung wird die Erscheinung des Gottesnamens "Al-Hakiem, der Allweise" auf glänzende Weise erfahrbar.
Jede Wissenschaft unter Hunderten von Wissenschaften, welche das menschliche Bewusstsein entwickelt hat, beschreibt jede einzelne Wissenschaft den Gottesnamen "Al-Hakem, der Richter" auf ihre Art und in Seiner eigenen Erscheinungsweise.
Fragt man zum Beispiel die Medizin: "Was ist diese Schöpfung?" wird sie sicherlich sagen:
"Sie ist eine überaus wohlgeordnete, vollkommene, riesige Apotheke. Darin sind alle Medikamente aufs Beste hergestellt und aufbewahrt."
Fragt man die Chemie: "Was ist diese Erdkugel?" Sie wird sagen: "Sie ist ein überaus wohlgeordnetes, vollkommenes, chemisches Institut."
Die Fachrichtung Maschinenbau wird sagen: "Sie ist eine überaus vollkommene Fabrik, ohne einen Fehler."
Die Agrarwissenschaft wird sagen: "Sie ist ein wohlbestellter Acker und ein vollkommener Garten, welche überaus ertragreich sind und jede Art Getreide und Körner zu rechter Zeit hervorbringen."
Die Wirtschaftswissenschaft wird sagen: "Sie ist eine überaus wohlgeordnete Messe, ein Markt in perfekter Ordnung und ein Geschäft für Waren von hoher Qualität."
Die Logistik wird sagen: "Sie ist ein überaus wohlgeordnetes Lager, das alle Arten Versorgungsgüter bereitstellt."
Die Ernährungswissenschaft wird sagen: "Sie ist eine Küche Gottes des Herrn, ein Kessel, worin der Erbarmer (Rahman),Hunderttausende von wohlschmeckenden Speisen gleichzeitig in vollkommener Wohlordnung zubereiten lässt."
Die martiale Wissenschaft wird sagen: "Die Erde ist ein Heerlager. In diesem Heer finden sich vierhunderttausend verschiedene Völker, die in jedem Frühling neu rekrutiert werden und auf dem Erdenrund ihre Zelte errichten. Ihre unterschiedliche Ernährung, ihre unterschiedliche Bekleidung, ihre Waffen, ihre unterschiedliche Aushebung und ihre Entlassung werden in vollkommener Ordnung, ohne irgendeinen zu vergessen oder zu verwechseln, durch den Befehl, die Kraft, die Barmherzigkeit und durch die Schatzkammer des einen, einzigen Oberkommandanten überaus wohlgeordnet vollendet, gelenkt und geleitet."
Fragt man die Elektrizitätslehre, so wird sie mit Sicherheit sagen: "Die Decke dieses prächtigen Weltenschlosses ist mit zahllosen elektrischen Lampen überaus wohlgeordnet und wohlausgewogen verziert. Diese Wohlordnung und diese Wohlausgewogenheit ist so wunderbar, dass alle diese Lampen am Himmel, allen voran unsere Sonne, die tausendfach größer als unsere Erdkugel sind, obwohl sie ständig brennen, weder ihr Gleichmaß verlieren, noch explodieren oder eine Feuersbrunst verursachen. Ihre Ausgaben sind unendlich hoch. Woher also kommen ihre Einnahmen, ihr Öl, ihre Brennstoffe? Warum erschöpfen sie sich nicht? Warum verliert ihre Brennstärke nicht ihr Gleichmaß? Selbst eine kleine Öllampe erlischt, wenn sie nicht regelmäßig versorgt wird. Betrachte diese Weisheit und die Macht des majestätischen Allweisen (Hakiem-i Dhu l-Djelal),der die Sonne,
{(*): Berechnet man einmal, wie viel Holz, Kohle oder Öl für diese Sonne notwendig wäre, um einen Ofen oder eine Lampe für dieses Weltenschloss zu beschicken. Nach den Aussagen der Astronomen verbraucht sie jeden Tag so viel Brennstoff wie einer Million Erden Stöße Holz und tausender Meere Öl entspräche. Nun, denke einmal nach und betrachte die Größe (hashmeti), die Weisheit (hikmet) und die Macht (qudret) des Allmächtigen in Seiner Majestät (Qadier-i Dhu l-Djelal), der sie ohne Holz und ohne Öl ständig leuchten lässt, und sage so viele Male wie die Sonne Atome hat: "Subhan-a'llah, Gepriesen sei Gott; Masha-a'llah, So wie Gott will; Barek-a'llah, Möge Gott es segnen".}
die astronomisch gesehen
Millionen Mal größer als unsere Erdkugel ist und seit mehr als einer Million Jahren besteht, ohne Kohle, ohne Öl brennen und nicht erlöschen lässt, und sage: "Subhanallah, Gott sei gepriesen." Sprich entsprechend der Anzahl der Minuten und der Sekunden der Lebenszeit der Sonne so viele Male: "Masha'allah, So wie Gott es gewollt hat; Barek'allah, Gott möge segnen; La ilaha illa'llah, Es gibt keine Gottheit außer Gott".
Das heißt also, dass über diesen himmlischen Lampen eine ganz wunderbare Ordnung herrscht. Sie werden mit größter Aufmerksamkeit versorgt. Was aber diese so großen und so vielen Feuermassen und diese vielen strahlenden Leuchter betrifft, so ist es wohl die Hölle, deren Hitze unerschöpflich ist und die mit ihrer Hitze ohne Licht einen Dampfkessel speist. Die Lichtmaschine und zentrale Fabrik dieser elektrischen Lampen aber ist wohl das immerwährende Paradies, das sie mit Helligkeit und Licht versorgt. Durch die gewaltige Erscheinung des Gottesnamens "Al-Hakem,der Richter" und "Al-Hakiem,der Allweise" setzt sich ihr strahlendes Licht wohlausgewogen fort.
Und dergleichen viele andere Beispiele mehr.
Darüber hinaus stellen Hunderte von Wissenschaften sichere Zeugnisse dafür aus, dass diese Schöpfung vollkommen wohlgeordnet und frei von jeglichem Mangel in grenzenloser Weisheit und mit allem Nützlichen ausgestattet ist. Und diese wunderbare und alles umfassende Weisheit, diese Wohlordnung und Weisheit, von welcher
der ganze Kosmos geprägt ist, sind auch noch im kleinsten Lebewesen und in verkleinertem Maßstab in einem Kern enthalten.
Es ist ganz klar und deutlich, dass seinen Absichten, Einsichten und Zweckmäßigkeiten in schönster Ordnung zu folgen, nur in freier Entscheidung, mit einem bestimmten Willen, in fester Absicht und mit Bestimmtheit möglich ist, sonst aber nicht. Das aber kann nicht das Werk von Ursachen und Naturkräften sein, die über keine Entscheidungsfreiheit, keine Willenskraft und kein Bewusstsein verfügen, die nichts beabsichtigen, ja noch nicht einmal einen Einfluss ausüben können. Das aber heißt, den, der frei ist in Seinen Handlungen und Entscheidungen, den allweisen Schöpfer (Sani-i Hakiem),den alles Sein in diesem Kosmos mit seiner grenzenlosen Wohlordnung und Zweckmäßigkeit voraussetzt und auf Ihn hinweist, nicht zu kennen oder Ihn gar zu verleugnen, wäre eine ganz erstaunliche Unwissenheit, eine solche Torheit, wie sie sich gar nicht beschreiben lässt. Wenn es in dieser Welt in der Tat etwas gibt, worüber man über alles staunen müsste, so ist dies eine solche Verleugnung. Denn: Bei dieser grenzenlosen Wohlordnung und Weisheit allen Seins im Kosmos, worin doch Zeugnisse für Seine Existenz und Einheit (vahdet)liegen, Ihn dennoch nicht wahrzunehmen und Ihn nicht erkennen zu wollen, bedeutet Verblendung und Ignoranz in einem Grade, die selbst der verblendetste Laie noch versteht. Ja, ich kann sogar sagen, dass die Sophisten unter den Leuten des Unglaubens, welche für verrückt gehalten werden, weil sie die Existenz des Kosmos bestreiten, noch am vernünftigsten sind. Denn: Da es nicht möglich ist und nicht sein kann, die Existenz des Kosmos zu bestätigen und dennoch nicht an Gott, Seinen Schöpfer, zu glauben, haben sie nun begonnen, die Existenz des Kosmos zu bestreiten, und am Ende auch sich selbst in Abrede gestellt. Indem sie sagten, es gibt gar nichts, und so ihren Verstand aufgaben, haben sie sich vor der grenzenlosen Unvernunft der übrigen Ungläubigen gerettet,
die sich unter den Deckmantel ihrer Vernunft geflüchtet hatten und sind wieder ein wenig zur Vernunft gekommen.
Vierter Punkt:
Wir hatten bereits im "Zehnten Wort" darauf hingewiesen: Niemand, der über ein Denkvermögen verfügt, nimmt an, dass ein Baumeister, der überaus sinnvoll arbeitet und mit jedem Stein eines Schlosses, an dem Er baut, mit Sorgfalt hunderterlei Weisheiten verfolgt, kein Dach über dem Schloss errichten sollte, was doch dessen sinnlosen Zerfall zur Folge hätte, und damit all Seine sinnvolle Arbeit wieder zunichte machen würde. Es ist in keinerlei Hinsicht möglich, dass der absolute Allweise (Hakiem-i Mutlaq),der in seiner vollkommenen Weisheit aus einem Kern von einem Dirhem (ca. 3 g) Gewicht Ziel, Zweck und Nutzen, so gewichtig wie hunderte Batman (ca. 8 kg), mit Sorgfalt zu erlangen versucht, zu einer Verschwendung fähig sein sollte, die in ihrer Sinnlosigkeit Seiner Weisheit widerspricht, ihr entgegengesetzt ist, indem Er einen Baum, riesengroß wie ein Berg, mit sehr vielen Kosten versorgt, einzig zu einem Nutzen von einem Dirhem, einzig mit dem winzig kleinen Ziel, eine einzige Frucht hervorzubringen. Wenn der allweise Schöpfer (Sani-i Hakiem),der alles Sein und Leben in diesem kosmischen Schloss, mit hunderterlei Weisheiten versieht und es mit Hunderten von Aufgaben betraut, ja sogar jedem einzelnen Baum so viele Weisheiten wie Früchte und so viele Aufgaben wie Blüten gibt, den Tag des Weltuntergangs nicht anbrechen ließe und die Wiederauferstehung am Jüngsten Tag nicht bewirkte, so hieße das, dass alle grenzenlosen und zahllosen Weisheiten und diese unendlich vielen Aufgaben sinnlos, absurd, hohl und nutzlos verloren gingen. Man müsste dann der vollkommenen Macht (kemal-i qudret)des absolut Allmächtigen (Qadier-i Mutlaq)eine absolute Ohnmacht, der vollkommenen Weisheit (kemal-i hikmer)des absolut Allweisen (Hakiem-i Mutlaq)eine grenzenlose Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit, der Schönheit der Barmherzigkeit (djemal-i rahmet)des absolut Allbarmherzigen (Rahiem-i Mutlaq)eine unendliche Hässlichkeit, der vollkommenen Gerechtigkeit (kemal-i adalet)des Allgerechten (Adil-i Mutlaq)
eine unendliche Ungerechtigkeit nachsagen. Das bedeutet, dass man die Weisheit, die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit, die sich jedem in diesem Kosmos zeigen, bestreiten müsste. Das aber wäre eine Merkwürdigkeit, deren Absonderlichkeit unendlich viele nichtige Dinge in sich enthielte.
Da sollen doch nun einmal die Leute des Irrglaubens kommen und sich einmal ihren Irrglauben betrachten und sehen, welch schreckliche Finsternis, was für eine Dunkelheit, ein Loch voller Schlangen und Skorpione, sich in ihm findet, so als wäre es ihr Grab. Was aber den Glauben an das Jenseits betrifft, so werden sie ihn als eine Straße erkennen, so schön und lichtvoll wie das Paradies, und sie werden zum Glauben gelangen.
Fünfter Punkt:
Zwei Problemstellungen
Erste Problemstellung:
Der majestätische Schöpfer (Sani-i Dhu l-Djelal)bevorzugt stets, wie es Sein Name "Al-Hakiem, der Allweise" erfordert, bei jedem Ding die einfachste Art, den kürzesten Weg, die leichteste Methode und die zweckmäßigste Vorgehensweise, was zeigt, dass es in der Schöpfung keine Verschwendung, keine Sinnlosigkeit und keine Nutzlosigkeit gibt. Wie aber die Verschwendung mit dem Gottesnamen "Al-Hakiem, der Allweise" im Widerspruch steht, so ist auch die Sparsamkeit ein Erfordernis des Namens "Al-Hakiem, der Allweise" und dessen zu Grunde liegendes Prinzip.
Oh du verschwenderischer Mensch, der du nicht haushältst (iktisadsiz)!Wisse, inwieweit du dich der Wahrheit entgegengesetzt verhältst, da du nicht auf die Sparsamkeit achtest, welche ein grundlegendes Prinzip im ganzen Kosmos ist, und verstehe, welch ein grundlegendes und umfassendes Prinzip uns die Ayah
كُلُوا وَ اشْرَبُوا وَ لاَ تُسْرِفُوا
{"Ihr sollt essen und trinken, doch nicht verschwenden!" (Sure 7, 31)}
unterrichtet!
Zweite Problemstellung:
Man kann sagen, dass die Gottesnamen "Al-Hakem, der Richter" und "Al-Hakiem, der Allweise" die Sendung des Ehrenwerten Gesandten Gottes, mit dem Friede und Segen sei, beweisen und notwendig machen. Ein so bedeutungsvolles Buch erfordert nun einmal einen Lehrer, der es unterrichtet; eine so makellose Schönheit einen Spiegel, worin sie sich selbst sehen und worin sie sich sichtbar machen kann, ein Kunstwerk, das so vollkommen ist, denjenigen, der es überall ausstellt und bekannt macht. Mit Sicherheit findet sich ein vollkommener Führer, ein großer Lehrer des Menschengeschlechtes, welcher Ansprechpartner dieses großen kosmischen Buches ist, das in jedem Buchstaben hunderte Bedeutungen und Weisheiten enthält, damit er die heiligen und wahrhaftigen Weisheiten, die sich in diesem Buch befinden, unterrichten kann. Vielmehr soll er von der Weisheit und Zweckmäßigkeit im Kosmos verkünden, das heißt dem Aufscheinen der Absichten seines Herrn, ja geradezu ihrer Erfüllung, zum Werkzeug dienen. Er soll die Vollkommenheit der Kunstwerke und die Schönheit der Namen des Schöpfers, die Er im ganzen Kosmos in ihrer Bedeutung aufzeigen will, bekannt machen und ihnen als ein Spiegel dienen. Da der Schöpfer von allem Sein geliebt werden will und von allen Bewusstsein tragenden Geschöpfen Anerkennung erwartet, wird einer im Namen dieser Bewusstsein tragenden Geschöpfe, dieser alles umfassenden Erscheinung der Herrschaft, mit einem ebenso umfassenden Dienst und in gleicher Anbetung entgegenkommen, und durch den Ruf seiner Verkündigung und seinen Lobpreis Land und Meer in Ekstase bringen, Himmel und Erde mit ihm füllen und so die Aufmerksamkeit dieser Bewusstsein tragenden Geschöpfe auf den Künstler und Schöpfer dieser Kunstwerke lenken. Er wird durch den ruhmreichen Qur'an, dessen heiligen Lektionen und Anordnungen alle Leute von Verstand ihre Ohren neigen, die göttliche Ziele des Designers,
welcher der Richter und der Allweise (Sani-i Hakem-i Hakiem)ist, auf schönste Weise zeigen. Eine solche Persönlichkeit, die den Erscheinungen aller Weisheit Gottes, Seiner Schönheit und Seiner Größe (djelal)aufs Schönste entgegenkommt, ist für diesen Kosmos notwendig und zwangsläufig wie die Existenz der Sonne. Derjenige, der sich so verhält und diese Aufgaben auf das Vollkommenste versieht, ist offensichtlich der Ehrenwerte Gesandte, mit dem Friede und Segen sei. Daher erfordern die Weisheiten im Kosmos das Prophetentum Ahmeds (Mohammeds),mit dem Friede und Segen sei, so wie der Sonne das Licht und dem Lichte der Tag folgen muss.
Wie die gewaltige Erscheinung des Namens Gottes "Al-Hakiem, der Allweise" im größten Umfang das Prophetentum Ahmeds (Mohammeds),mit dem Friede und Segen sei, erfordert, so erfordert auch jeder von den vielen Gottesnamen wie Allah, der Erbarmer (Rahman),der Barmherzige (Rahiem),der Freund (Vedud),der Geber (Mun'im),der Gastfreundliche (Keriem),der Schöne (Djemil)und der Herr (Rab)in ihrer gewaltig großen Erscheinung, die im Kosmos sichtbar ist, im gewaltigen Umfang und auf der sichersten Stufe das Prophetentum Ahmeds, mit dem Friede und Segen sei.
Zum Beispiel: Die umfassende Barmherzigkeit (rahmet-i vasia),die die Erscheinung des Gottesnamens "der Allerbarmer (Rahman)"ist, wird durch diesen Herrn, der die Barmherzigkeit für die Welt ist, sichtbar. Dass Gott von uns geliebt werden und sich in Seiner Freundschaft uns bekannt geben will, welches die Erscheinung des Namens Gottes "Al-Vedud, der Freund" ist, kommt durch diesen Geliebten des Herrn der Welten erst zum Tragen und findet durch ihn seine Resonanz.
Alle Schönheiten, die ein Funke der Ausstrahlung des Namens "Al-Djemiel, der Schöne" ist, das heißt, die Schönheit, die Sein Wesen betrifft, die Schönheit Seiner Namen, die Schönheit Seiner Kunstwerke und die Schönheit der Geschöpfe, werden erst in diesem Spiegel Ahmeds (Mohammeds),mit dem Friede und Segen sei,
sichtbar und können erst in ihm gesehen werden. Die Erscheinung der Größe Seiner Herrschaft (hashmet-i rububiyet)und das Königreich Seiner Gottheit (saltanat-i uluhiyet)werden auch durch die Sendung des Herrn Ahmed, mit dem Friede und Segen sei, und der der öffentliche Ausrufer des Königreichs Seiner Herrschaft ist, erfahren und erkannt, verstanden und bestätigt. Und so weiter...
Wie diese Beispiele legen die meisten der schönen Namen Gottes ein glänzendes Zeugnis für das Prophetentum Ahmeds (Mohammeds),mit dem Friede und Segen sei, ab.
Zusammenfassung:
Da dieser Kosmos nun einmal da ist und nicht geleugnet werden kann, so können auch die bezeugten Wahrheiten wie Weisheit, Güte, Barmherzigkeit, Schönheit, Ordnung, Ausgewogenheit und Verzierung, die die Farben, die Verzierungen, die Lichter, die Strahlen, die Kunstwerke, das Leben des Kosmos sind und ihn im Innersten zusammen halten, in keinem Fall geleugnet werden. Da das Leugnen dieser Eigenschaften und Tätigkeiten nicht möglich ist, kann auch der Herr (Dhat),der Allweise (Hakiem),Barmherzige (Rahiem),Gastfreundliche (Keriem),Schöne (Djemiel),Richter (Hakem),Gerechte ('Adl),dessen Dasein notwendig (vadjib)ist und welcher der Träger all dieser Eigenschaften, der Täter all dieser Tätigkeiten und die Sonne über all diesen Lichtern ist, in gar keinen Fall geleugnet werden, und es ist nicht möglich, sein Dasein zu leugnen. Und mit Sicherheit kann auch das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, und welches die Quelle ist, aus der all diese Eigenschaften und Tätigkeiten in Erscheinung treten, ja sich sogar noch vervollkommnen, ja erst wirklich werden, welcher der große Führer, der vollkommenste Lehrer, der gewaltigste öffentliche Ausrufer, der Entdecker der verborgenen tiefen Wahrheiten des Kosmos, der Spiegel des Einzigartigen (Samed)und der Geliebte des Allerbarmers (Habib-i Rahman)ist, in gar keinem Fall geleugnet werden. Gleich wie die Lichtstrahlen in der Welt der Wirklichkeit und in der
Wirklichkeit des Kosmos ist sein Prophetentum das glänzendste Licht des Kosmos.
عَلَيْهِ وَعَلَى اٰلِهِ وَصَحْبِهِ الصَّلاَةُ وَالسَّلاَمُ بِعَدَدِ عَاشِرَاتِ الْاَيَّامِ وَذَرَّاتِ الْاَنَامِ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Ihm und seiner Familie, seinen Gefährten Friede und Segen nach der Zahl der Sekunden der Tage, der Anzahl der Atome der Menschen." "Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast, denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Vierter Punkt des Dreißigsten Blitzes
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ قُلْ هُوَ اللّٰهُ اَحَدٌ
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen. Sprich: Er ist Gott, der Eine und Einzige." (Sure 112, 1)}
Ein besonders subtiler Punkt dieser Ayah und eine Erscheinung des göttlichen Namens "der Alleinige (Ferd)",welcher der Gewaltige Name (Ism-i Adham)ist, der aus dem Namen "der Eine und Einzige in Seiner Allgegenwart (Vahid ve Ahad)"besteht und ein Licht aus den sechs Lichtern ist, das der Gewaltige Name ist, erschien mir während des Monats Schawwal im Gefängnis von Eskischehir. Wenn wir uns hier auf die Einzelheiten jener größten Erscheinung der Risale-i Nur beziehen (tafsil),so wollen wir hier nur ganz kurz mit "sieben Hinweisen" jene wahre Einheit (Tauhid)erklären, die der Name "der Alleinige (Ferd)"in seiner gewaltigsten Erscheinung darstellt.
Erster Hinweis
Das Zweiundzwanzigste Wort und der Dreiunddreißigste Brief haben im Einzelnen gezeigt, dass der Gewaltige Name "Der Alleinige (Ferd)"in seiner gewaltigen Erscheinung dem Kosmos als Ganzem und jeder einzelnen Gattung und jedem einzelnen (Ding in ihm) das Siegel der Einheit (Tauhid)und den Stempel Seiner Allgegenwart (Vahdaniyet)aufgeprägt hat. Wir wollen hier nur auf drei dieser Prägungen verweisen.
Erste Prägung:
Die Erscheinung Gottes, des Alleinigen (ferdiyet),hat dem Antlitz des Kosmos einen Stempel der Einheit (vahdet)aufgeprägt, wodurch sie ihn zu einem Ganzen gemacht und so dessen Teilung nicht angenommen hat. Wer nicht die Macht hat, über das Universum als Ganzes zu verfügen, kann nicht der wahre Eigentümer auch nur irgendeines Teiles davon sein. Diese Prägung ist folgende: Gleich wie das vollkommenste Räderwerk in
einer Fabrik, so helfen auch alle Dinge (maudjudat)und alle Arten des Seins im Universum einander und arbeiten zusammen, um einander in ihren Aufgaben zu ergänzen. In ihrer Solidarität, ihrer Zusammenarbeit, in der Art, wie sie einander in ihren Anforderungen unterstützen und wie sie einander zu Hilfe eilen, einander umarmen und schließlich miteinander eins werden, bilden sie miteinander eine Einheit des Seins (vahdet-i vudjud),derzufolge sie, wie die Glieder des menschlichen Körpers, nicht wieder voneinander getrennt werden können. Wenn jemand eines seiner Glieder kontrolliert und doch nicht die Kontrolle über alle von ihnen hat, wird seine Bemeisterung eines einzelnen Gliedes niemals vollständig sein können.
So formt denn diese Zusammenarbeit, diese Solidarität, diese gegenseitige Unterstützung und wie sie einander umarmen ein höchst glänzendes Großes Siegel göttlicher Allgegenwart (Vahdet).
Zweite Prägung:
In der Erscheinung des Namens "der Alleinige (Ferd)"auf dem Antlitz der Erde und dem Gesicht des Frühlings findet sich ein glänzendes Siegel der göttlichen Einheit (Ahadiyet)und ein Stempel der göttlichen Allgegenwart (Vahdaniyet),der beweist, dass jemand, der nicht alle Lebewesen auf dem Antlitz des Erdenrunds mit all ihren einzelnen (Gliedern), deren Angelegenheiten und Verhältnissen lenken und leiten kann und sie nicht alle zusammen sehen und kennen und sie nicht erschaffen kann, an ihrer Erschaffung in gar keiner Weise mitwirken kann. Diese Prägung ist folgende:
Wenn man einmal die höchst ordentlichen, jedoch verborgenen Prägungen auf den Mineralien, den Elementen und der unbelebten Natur dieser Erde außer Betracht lässt und nur die folgende Prägung auf den zweihunderttausend Tier- und Pflanzenarten in den Blick nehmen, so sehen wir mit unseren eigenen Augen im Frühling auf dieser Erde, dass allen Dingen mit ihren verschiedenen Aufgaben (hizmet),verschiedenen Formen, verschiedenen Formen des Unterhalts (rizq),ihren verschiedenen Arten von
Mitgliedern, trotz ihrer Einheit ineinander und trotzdem sie alle miteinander vermischt sind, alles gegeben wird, was sie benötigen, ohne Verwirrung und ohne einen Irrtum, in vollkommener Unterscheidung und in einer perfekten Trennung voneinander, in einer außerordentlich sensitiven Balance, ohne jede Schwierigkeit, zu ganz genau der richtigen Zeit und von einem nicht erwarteten Ort aus. Diese Lage, diese Planung, diese Verwaltung bildet ein solches Siegel göttlicher Allgegenwart (Vahdaniyet)und einen Stempel Seiner Einheit (Ahadiyet),dass jemand, der nicht alles Sein gleichzeitig aus dem Nichts erschaffen, es lenken und leiten kann, sich auch in keiner Weise in die Herrschaft (rububiyet)Gottes oder irgendwie in Seine Schöpfung einmischen kann. Denn könnte er sich irgendwie in sie einmischen, so würde dieses unendlich umfangreiche System Seiner Lenkung und Leitung zerstört werden. Doch der Mensch dient wiederum nach Gottes Befehl ganz offensichtlich dem einwandfreien Ablauf entsprechend den Gesetzen Seiner Göttlichen Herrschaft (kavanin-i rububiyet).
Dritte Prägung:
Im Gesicht des Menschen findet sich eine solche Prägung der Einheit (Ahadiyet)...ja vielmehr ist das Gesicht des Menschen (selbst diese Prägung), sodass dies ein Grund dafür ist, dass, wer nicht alle Menschen, die von Adams Zeiten bis zum Weltende gekommen sind und noch kommen werden, gleichzeitig mit seinem Blick umfassen kann... und nicht in jedem einzelnen Gesicht je ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber jedem anderen setzen kann... und nicht in jedem auch noch so kleinen Gesicht unendlich viele Unterscheidungsmerkmale hinterlassen kann, seine Hand hinsichtlich der Erschaffung nicht nach dem Stempel der Allgegenwart (Vahdaniyet)im Gesicht auch nur eines einzigen Menschen ausstrecken kann. Derjenige, der mit Seinem Stempel das Gesicht eines Menschen prägt, muss in der Tat mit Sicherheit alle Glieder des Menschengeschlechts in seinem Blick haben und mit Seinem Wissen umfassen, denn obwohl die grundlegenden Teile des Gesichtes einer
jeden Person einander ähnlich sind, unterscheiden sie sich dennoch in einigen Punkten voneinander. Die Tatsache, dass alle Teile des Gesichtes, wie Auge und Ohr, einander ähneln sind das Siegel der Einheit (sikke-i Tauhid)und bezeugen, dass der Künstler (Sani')des Menschengeschlechtes ein Einziger (vahid)ist. So bewirken auch die vielen weisen Unterschiede, im Unterschied zu den Gattungen (in der Tierwelt), in denen sie sich voneinander unterscheiden keine Verwirrung und bewahren die Rechte von ihnen allen und zeigen darüber hinaus auch noch den Willen (irade)des einen Meisters (Sani-i Vahid),seine Freiheit, etwas zu entscheiden (ihtiyar)und zu beschließen (meshiet)und sind alle verschiedene subtile Siegel der göttlichen Einheit (Ahadiyet).Sie zeigen, dass der, welcher nicht alle Menschen und Tiere, ja sogar das Universum erschaffen, auch dieses Siegel nicht (für sich in Anspruch) nehmen kann.
Zweiter Hinweis
Die verschiedenen Arten und die Elemente der Welten des Universums sind so miteinander vernetzt und verwoben, dass eine Ursache, die nicht das Universum als ganzes besitzt, nicht die wahre Verfügung über alle ihre Arten, ihre Elemente haben kann. Es ist, als ob die Erscheinung der Einheit (vahdet),die von dem Namen "der Alleinige (Ism-i Ferd)"ausgeht, den ganzen Kosmos in einer Einheit (vahdet)umfasst, sodass alle Dinge diese Einheit verkündigen. Gleich wie z.B. die Sonne, die eine einzige ist und unsere Lampe im All (kainat),darauf hinweist, dass das ganze Universum (kainat)ein Einziges ist, so ist auch das Element "Luft", dieser so rasch bewegliche Diener aller Lebewesen ein Einziges... ist auch das Feuer, das ihr Koch ist, ein Einziges... sind auch die Wolken, die wie Schwämme die Gärten der Erde bewässern, (wie einander gleich und) eins... ist auch der Regen (gleich wie) eins, der allem, was da lebt, zu Hilfe eilt... sind auch die meisten Tier- und Pflanzenarten, die sich frei über die Erde verbreiten, entsprechend ihrer Gattung und ihrem Lebensraum eins und verweisen auf eine zuhöchst
sichere Art darauf hin und bezeugen, dass alles, was da ist und was da lebt (maudjudat)gemeinsam mit seinen Verbreitungsgebieten das Eigentum eines einzigen Herrn (bir dhat)sind.
Wenn wir also nun dieser Analogie (qiyas)folgen, so haben die ineinander verflochtenen Arten des Universums die ganze Welt zu einer Einheit (birbirine)gemacht, sodass sie hinsichtlich ihrer Erschaffung unteilbar ist. Eine Ursache, die nicht das ganze Universum regiert, kann hinsichtlich ihres Herrschaftsbereichs (rububiyet)und ihrer Schöpferfähigkeit (idjad keyfiyet)über nichts regieren und kann kein einziges Atom dazu veranlassen, ihre Autorität anzuerkennen.
Dritter Hinweis
Gleichwie der Name "der Alleinige (Ferd)"durch Seine gewaltige Manifestation das Universum zu unzähligen Briefen des Einzigartigen (mektubat-i Samedaniye)gemacht hat, wobei auf jedem einzelnen Brief unendlich viele Siegel Seiner Allgegenwart (Vahdaniyet)und sehr viele Stempel Seiner Einheit (Ahadiyet)zu sehen sind, so trägt auch ein jeder von ihnen entsprechend der Anzahl der Worte eines jeden Briefes ebenso viele Stempel Seiner göttlichen Einheit (Vahdaniyet)und verweist entsprechend der Anzahl dieser Stempel auch ebenso oft auf Seinen Schreiber.
In der Tat sind alle Blumen, alle Früchte, alle Gräser, ja sogar alle Tiere und alle Bäume Siegel der göttlichen Einheit und Stempel des Einzigartigen (Samedaniye)und was die Plätze betrifft, an denen sie gefunden werden, so hat jeder von ihnen hinsichtlich dieser Form eines Briefes, die er angenommen hat, die Gestalt einer Unterschrift angenommen, die auf den Schreiber (und Verfasser) dieses Platzes hinweist. So gleicht z.B. die Butterblume (sari tjitjek)in einem Garten dem Stempel dessen, der (den Teppich) dieses Gartens geknüpft hat. Wessen auch immer eine solche Blume ist: alle Blumen dieser Art auf dem gesamten Antlitz der Erde zeigen klar, dass sie Sein Wort sind und dass
auch der Garten Seine Handschrift ist. Das aber heißt, dass ein jedes Ding alle Dinge auf ihren Schöpfer zurückführt und so auf die gewaltige Einheit Gottes (Tauhid)verweist.
Vierter Hinweis
Während die gewaltige Manifestation des Namens "der Alleinige (Ferd)"so offensichtlich klar und deutlich ist, so ist sie darüber hinaus auch bis zur Notwendigkeit hin verständlich und dabei auch noch unendlich leicht anzunehmen. Zudem wurde auch anhand vieler Beweise bewiesen, dass die Beigesellung von Partnern (shirk),welche dieser Erscheinung widerspricht und ihr entgegengesetzt ist, auch unendlich schwierig ist und weit davon entfernt, noch vernünftig zu sein, ja geradezu unverständlich und in der Tat unmöglich. Das wurde auch in der Risale-i Nur bereits mehrfach erklärt. Wir wollen an dieser Stelle die Einzelheiten der betreffenden Punkte dieser Beweise den entsprechenden Abhandlungen überlassen und nun hier nur "Drei Punkte" zur Erklärung anfügen.
Erstens:
Wir haben bereits am Ende des "Zehnten" und "Neunundzwanzigsten Wortes" ganz kurz und am Ende des "Zwanzigsten Briefes" ausführlich mit höchst zuverlässigen Beweisen bewiesen, dass für die Persönlichkeit des "Alleinigen und Einzigartigen (Ferd ve Ahad)"die Erschaffung des größten Dinges ebenso leicht und einfach ist wie die des kleinsten. Er erschafft den Frühling ebenso leicht wie eine Blume. Er erschafft vor unseren Augen in jedem Frühling mit Leichtigkeit tausend Beispiele für die Auferstehung. Er versorgt einen großen Baum ebenso mühelos wie eine kleine Frucht. Überlassen wir dies aber den Ursachen, dann wird eine Frucht ebenso aufwendig und schwierig wie ein ganzer Baum und eine Blume ebenso mühsam und schwierig wie der Frühling.
Wird die Ausrüstung eines Heeres auf Anordnung eines einzelnen Kommandanten in einer einzigen Fabrik angefertigt,
dann ist die Herstellung dieser Ausrüstung ebenso einfach wie die für einen einzelnen Soldaten. Wird dagegen die Ausrüstung für die Soldaten in verschiedenen Fabriken hergestellt und wenn die Versorgung der Soldaten von einer einheitlich geregelten zu einer mehrheitlich irregulären überwechselt, so braucht ein jeder Soldat so viele Fabriken, wie es Soldaten im Heer gibt. Schreibt man in gleicher Weise jedes Ding dem Alleinigen und Einzigen zu, dann werden die zahllos vielen Einzelnen einer Art ebenso leicht wie ein Einziger. Wenn man ihn den Ursachen zuschreibt, wird dies so schwierig wie eine ganze Art.
Einheitlichkeit (vahdet)und Einzigartigkeit (ferdiyet)sind in der Tat mit dem Einen Allgegenwärtigen Herrn (Dhat-i Vahid)verbunden und finden in Ihm ihren Halt. Was aber diese Verbundenheit und diesen Halt betrifft, so können sie um einer Sache willen zu einer grenzenlosen Macht (qudret)werden, als ihre Kraft (quvvet)gelten. In der Kraft (quvvet)dieser Verbundenheit kann ein kleines Ding so viel Halt (istinad)finden, dass es viele tausendmal über seine eigene Kraft (quvvet)hinauswachsen und Leistungen vollbringen, Ergebnisse zu Stande bringen kann, während ein Ding, das über eine große Kraft (quvvet)verfügt, jedoch nicht mit dem Einzigen und Allgegenwärtigen (Ferd ve Ahad)verbunden ist und nicht in Ihm seinen Halt (istinad)findet, entsprechend seiner eigenen Stärke vielleicht nur eine mindere Leistung vollbringen kann, die dann zu entsprechend geringeren Ergebnissen führt. Während z.B. ein sehr starker und mutiger Mann, wenn er für sich allein zu Felde zieht, dazu gezwungen ist, auch seine Ausrüstung und seine Verpflegung auf seinen eigenen Schultern zu tragen und deshalb auch nur zehn Feinden einen vorübergehenden Widerstand zu leisten vermag, weil seine persönlichen Kräfte insoweit begrenzt sind, wird für einen Mann, der als Teil in einer Armee mit seinem Kommandeur verbunden ist und sich auf ihn stützen (istinad)kann, und der nicht dazu gezwungen ist, seine eigene Ausrüstung und Verpflegung zu tragen, diese Verbindung, dieser Halt zu einer unerschöpflichen
Macht (quvvet)und wie zu einem Schatz. Durch die Macht dieser Verbindung kann er den Marschall einer besiegten feindlichen Armee mit tausenden anderen zusammen gefangen nehmen.
Das also heißt: Gleich wie in dieser Einheit (vahdet)und Einzigartigkeit (ferdiyet)in der Macht (quvvet)einer solchen Verbundenheit eine Ameise den Pharaoh besiegen, eine Mücke einen Nimrod besiegen kann und eine Mikrobe einen Tyrannen, so kann auch ein Samenkorn klein wie ein Senfkorn einen majestätischen Baum, groß wie einen Berg auf seine Schultern heben. Ein General mag in der Tat eine Armee aussenden, um einem einzelnen Soldaten zu helfen, der ihm mit dieser ganzen Armee den Rücken stärken kann, sodass er also die moralische Unterstützung (quvvet-i manevi)einer Armee hinter sich hat, und er dann durch diese Macht im Namen seines Kommandeurs große Taten vollbringen kann. In ähnlicher Weise hat der Urewige Sultan (Sultan-i Edhel),da er der Eine und Alleinige (Ferd ve Ahad)ist, keine Bedürfnisse irgendwelcher Art. Aber selbst wenn wir einmal annehmen, er hätte irgendwelche Bedürfnisse, so würde er doch alle Dinge aussenden, um jedem einzelnen Ding zu helfen und eine ganze kosmische Armee hinter einem Ding zusammenrufen; und ein jedes Ding könnte sich auf eine Macht (quvvet)stützen, so groß wie das ganze Universum und so würden für jedes Ding, bestünde ein solches Bedürfnis, alle Dinge durch die Macht (quvvet)des Alleinigen (Ferd)Kommandanten bereit stehen. Gäbe es diese All-Einigkeit (ferdiyet)(des Kommandanten) nicht, würde auch jedes (andere) Ding seine Macht verlieren, gleich einem Nichts werden und so würde auch (alles was) als Ergebnis (von ihm ausgeht) ins Nichts stürzen.
So zeigen uns denn solche kleinen, unbedeutenden Dinge, aus denen diese wahrhaft wunderbaren Werke entstehen, wie wir dies augenscheinlich jederzeit bezeugen können, ganz offensichtlich die Einheit Gottes und Sein Einzig-Sein (Ferdiyet ve Ahadiyet).Wäre es nicht (um dieser Einheit willen), würden sich die Ergebnisse,
die Früchte und diese Werke (wie sie aus all den Dingen hervorgehen) auf die Substanz (maddi)und die Kraft (quvvet)eines jeden Dinges reduzieren und ins Nichts stürzen. Und nichts von dieser unendlichen Fülle und dem so grenzenlos günstigen Preis für diese so außerordentlich kostbaren Dinge, wie wir sie um uns herum sehen, würde noch übrig bleiben. Eine Melone oder einen Granatapfel, wie wir ihn jetzt noch für einen geringen Preis kaufen können, könnten wir dann für kein Vermögen mehr erwerben. All diese Leichtigkeit, der ganze Reichtum und dieser so günstige Preis dafür entstehen aus der göttlichen Einheit (vahdet)und bezeugen Seine Einzigartigkeit (Ferdiyet).
Zweiter Punkt:
Alles was da ist (maudjudat)wird auf zweierlei Weise (vom Nichtsein) ins Dasein gerufen: die eine ist die Erschaffung aus dem Nichts und wird Originalität oder auch die Erfindergabe genannt, die andere besteht darin, bereits bestehende Elemente und (alte) Dinge (neu) zusammenzufügen und ihnen so eine (andere) Existenz zu verleihen, was eine Komposition oder eine Synthese genannt wird. Ereignet sich dies in Übereinstimmung mit der Erscheinung göttlicher Einzigartigkeit (Ferdiyet)und im Geheimnis Seiner Einheit (Ahadiyet),so geschieht dies mit einer unendlichen Leichtigkeit, ja geradezu mit einer Einfachheit im Grade einer Notwendigkeit. Schreibt man aber (diese Vorgänge) nicht der Einzigartigkeit Gottes (Feridyet)zu, würde es unendlich schwierig und völlig unverständlich sein, ja schwierig im Grade einer Unmöglichkeit. Die Tatsache jedoch, dass alle Dinge (maudjudat)im ganzen Kosmos mit einer so unendlichen Einfachheit und Leichtigkeit ins Dasein treten, ohne jede Schwierigkeit und in einer so vollkommenen Gestalt, zeigt ganz offensichtlich die Erscheinung göttlicher Einzigartigkeit und beweist, dass ein jedes Ding unmittelbar ein Kunstwerk ist des Alleinigen Herrn in Seiner Majestät (Dhat-i Ferd-i Dhu-l'Djelal).
Schreibt man also in der Tat alle Dinge dem Alleinigen Allgegenwärtigen (Ferd-i Vahid)zu, so sind sie kraft Seiner
unendlichen Macht (qudret)aus dem Nichts erschaffen und können aus Seinen gewaltigen Werken heraus verstanden werden, so wie man ein Streichholz (ohne jede Vorbereitung) entzünden kann. Und durch Sein allumfassendes, unendliches Wissen erhält ein jedes Ding wie in einer unsichtbaren Form sein Maß zugemessen. Die einzelnen Bestandteile aller Dinge finden bequem in dieser Form Seiner Kenntnis Platz, in Übereinstimmung mit der Form und dem Plan aller Dinge im Spiegel Seines Wissens, und dort werden sie auch in bester Ordnung bewahrt.
Sobald es notwendig wird, diese einzelnen Bestandteile von überall her zueinander zu bringen, in Übereinstimmung mit den alles umfassenden Prinzipien der Macht und den Gesetzes Seines Wissens, werden sie wie die Soldaten eines gehorsamen Heeres in bester Ordnung aneinander gebunden. Von der Macht geführt und in Übereinstimmung mit dem Wissen, kommen sie, betreten die Form des Wissens nach dem Maß jenes göttlichen Vorherwissens (qader),das das Sein des Dinges umschließt und nehmen in Leichtigkeit die (jeweilige Form) ihres Daseins an. Gleich wie eine Aufnahme (ein Ding) auf einem fotografischen Papier mithilfe einer Kamera mit einer äußerlichen Existenz bekleidet oder ein mit unsichtbarer Tinte geschriebener Brief sichtbar wird, sobald man ihn mit einem entsprechenden Mittel behandelt, so bekleidet auch die Macht (qudret)das Wesen der Dinge mit einer äußerlichen Existenz und so zeigen sich die Formen des Daseins mit großer Leichtigkeit im Spiegel des Urewigen Wissens des Alleinigen Allgegenwärtigen (Ferd-i Vahid),bringen sie aus der Welt der Bedeutungen (alem-i mana)in die sichtbare Welt und zeigen sie uns.
Wenn die Dinge nicht dem Alleinigen Allgegenwärtigen (Ferd-i Vahid)zugeschrieben werden, würde es notwendig werden, alle Teile für den Bestand einer Fliege von all überall auf der Welt und von allen Elementen her mit hochempfindlichen Waagen zusammenzubringen, als müsste man die ganze
Erde und ihre Elemente durchsieben und dann die Atome in der richtigen Lage zu einem (neuen)wohlgeordneten Dasein zusammenfügen. Und man müsste auch alle Sinne in diesem Lebewesen (vudjud)in einer materiellen Form zu einem kunstgerechten Dasein zusammenbringen, ja sogar Formen nach der Anzahl der Elemente finden und für ihre Sinne, fein und zart wie der Geist (ruh),aus den geistigen Welten (manevi alem)eine besondere, sehr subtile Waage herüberbringen...
So wäre denn auf diese Weise die Erschaffung einer Fliege so schwierig wie die des gesamten Kosmos. Diese Schwierigkeiten würden sich in hundert Schwierigkeiten, ja sogar in völlig unmöglichen Unmöglichkeiten vervielfältigen. Denn so wie alle Leute des Glaubens und der Wissenschaft darin übereinstimmen, kann niemand außer dem Alleinigen Schöpfer (Khaliq-i Ferd)etwas aus dem Nichts erschaffen und aus dem, was nicht vorhanden ist (auch nichts gestalten). Da dies aber so ist, könnte man, wollte man auf die Ursachen und die Natur zurückgreifen, jedem Ding nur dann eine Existenz verleihen, indem man von den meisten Dingen (die dazu erforderlichen Bestandteile) sammelt.
Dritter Punkt:
Wir werden nun ganz kurz mit zwei, drei Beispielen, die bereits in anderen Teilen der Risale-i Nur erläutert worden sind, erklären, wie alle Dinge, wenn man sie dem Alleinigen Allgegenwärtigen (Ferd-i Vahid)zuschreibt, so leicht werden wie ein einzelnes Ding, während, wollte man sie den Ursachen und der Natur zuschreiben, die Existenz eines einzelnen Dinges ebenso schwierig werden würde wie die aller Dinge.
Zum Beispiel:
Wenn man die Versorgung und Führung von tausend Soldaten einem einzigen Offizier anvertraute, die von einem einzigen Soldaten aber zehn Offizieren, so wäre es zehnmal schwieriger, diesen einen Soldaten zu befehligen, als ein ganzes Bataillon zu kommandieren. Denn die, welche ihn kommandieren, behindern sich gegenseitig und in diesem Durcheinander käme der Soldat
nicht mehr zur Ruhe. Wollte man aber, um die (notwendige) Versorgung zu regeln und das (gewünschte) Ergebnis herbeizuführen, ein (ganzes) Bataillon einem einzelnen Offizier anvertrauen, so könnte dieser das gewünschte Ergebnis leicht und ohne alle Schwierigkeiten herbeiführen und die Versorgung regeln. Wollte man, um diese Versorgung zu regeln und das (gewünschte) Ergebnis herbeizuführen, diese den Soldaten anvertrauen ohne einen Anführer, Befehlshaber oder Feldwebel, so könnte man dies nur in einem großen Durcheinander und mit vielen Streitereien erreichen, auf mangelhafte Art und mit vielen Schwierigkeiten.
Zweites Beispiel:
Wenn man z.B. einen Baumeister damit beauftragt, die Steine in einer Moschee, wie der Hagia Sophia (Ayasofya),so zu befestigen, dass sie einander in einer Kuppel in der Schwebe halten, so könnte er das vielleicht mühelos durchführen. Wollte man aber diese Aufgabe auszuführen den Steinen selbst überlassen, so müsste jeder Stein allen Steinen sowohl ein vollkommener Herrscher (hâkim-i mutlaq)als auch ein vollkommener Untertan (mahkum-u mutlaq)sein, sodass sie alle miteinander gemeinsam handelnd, einander in dieser schwebenden Position halten könnten. Um diese Arbeit, die der Meister leicht bewältigen kann, durchführen zu können, muss eine Arbeit, die hundertmal größer ist, von hundert Maurern bewältigt werden. Erst dann wird die Aufgabe erfüllt werden.
Drittes Beispiel:
Da z.B. unsere Erdkugel ein Offizier, ein Beauftragter des Alleinigen Allgegenwärtigen (Ferd-i Vahid)ist, der diesen einen Befehl seines einzigen Herrn befolgt, führt dies zu Ergebnissen wie der Entstehung der Jahreszeiten, der Folge von Tag und Nacht, den erhabenen und majestätischen Bewegungen des Himmels und dem Wechsel der himmlischen Szenen wie in einem Film. Wenn sie diesen einen Befehl ihres einzigen Herrn empfängt, so erhebt sich die Erde wie ein einziger Soldat in der Freude, die ihr aus der Erfüllung ihres Auftrags erwächst, und gleich wie ein ekstatischer Mevlevi Dervisch,
der sich zum Sema'(Tanz) erhebt. Und so bewirkt sie das Zustandekommen all dieser prachtvollen Ergebnisse. Es ist, als ob dieser eine Soldat vor dem Angesicht des Kosmos ein großartiges Manöver befehligt.
Schreibt man aber (das Zustandekommen all dieser prachtvollen Ergebnisse) nicht dem Alleinigen Herrn (Dhat-i Ferd)zu, dessen Göttliche Herrschaft und Hochherrschaftliche Majestät (hakimiyet-i uluhiyeti ve saltanat-i rububiyet)den gesamten Kosmos umfasst und dessen Herrschaft und Befehlsgewalt über allem Sein waltet, so könnte man diese Ergebnisse, die himmlischen Manöver und die Jahreszeiten auf Erden nur dadurch hervorbringen, dass alle unsere Planeten und die Millionen von Fixsternen, die tausendmal größer sind als unsere Erde, alle vierundzwanzig Stunden und in jedem Jahr einmal diese große Reise von vielen Millionen Jahren Entfernung zurücklegen.
So sind denn diese prächtigen Ergebnisse, wie sie (unter anderem) durch diese beiden Bewegungen der Erde (mihver ve medar),die um ihre Achse und die um die Sonne, die der eines ekstatischen Mevlevi Dervisches gleichen, dieses einzigen Beauftragten gleich unserem Globus, ein Beispiel für die unendliche Leichtigkeit, wie sie sich aus der göttlichen Allgegenwart (vahdet)ergibt. Werden sie dagegen auf unendlich langen Wegen, millionenmal schwieriger als die oben beschriebenen Bewegungen erreicht, so sind sie geradezu ein Beispiel dafür, wie schwierig, ja geradezu unmöglich der Weg der Zuschreibung von Partnern (shirk)und des Unglaubens (kufr)ist und welch geradezu unmögliche, absurde Dinge sich auf ihm finden.
Betrachte nun einmal die Unwissenheit derer, welche die Ursachen und die Natur anbeten, anhand des folgenden Beispiels: du kannst nun verstehen, welches Ausmaß an Unverstand und Unwissenheit das doch ist. Nachdem also jemand seiner wunderbaren Kunst entsprechend sehr genau und ordentlich Teile für eine Maschine in einer wundersamen Fabrik vorbereitet hat, oder eine märchenhafte
Uhr, oder einen prächtigen Palast, oder ein schönes Buch, wird jemand nicht so einfach die Teile wieder einsammeln und sie nicht mehr verwenden, sondern mit hohen und langwierigen Kosten aus jedem Teil, jeder Maschine und sogar aus jedem Blatt Papier und Bleistift herstellen, damit diese Teile nun selbst wiederum anstelle des Maschinenbauers eine solche Fabrik, diesen Palast, die Uhr herstellen sollen und auch ein Buch schreiben. Und er überlässt ihnen auch seine Kunst und Geschicklichkeit, die es ihnen ermöglichen, seine Kunstfertigkeit auszuüben und sein Geschick zu zeigen, welches darzustellen er den starken Wunsch hat.
Und in genau der gleichen Weise fallen alle die, welche die Schöpfung den Ursachen und der Natur zuschreiben in eine vielfältige Unwissenheit. Denn über der Natur und den Ursachen gibt es außerordentlich wohl geordnete Kunstwerke. Und auch sie sind Kunstgegenstände wie alles Sein. Der Eine, der sie so gestaltet hat, hat zugleich auch ihren Zweck bestimmt und stellt beides miteinander aus. Der, welcher den Kern geschaffen hat, schafft auch den Baum, der über ihn hinaus wächst. Und der, welcher den Baum erschaffen hat, hat auch die Früchte geschaffen, die an ihm wachsen. Andernfalls wären für noch weitere Naturen und Ursachen wiederum andere, neue, wohlgeordnete Naturen und Ursachen wünschenswert, um sie ins Dasein gelangen zu lassen usw. Und so müsste man denn ein Dasein als eine ganze völlig unmögliche Kette von Illusionen und Phantastereien ohne Ende und ohne Bedeutung annehmen. Das aber wäre die allersonderbarste Form aller Unwissenheiten
Fünfter Hinweis
Wir haben bereits an vielen Stellen mit zuverlässigen Zeugnissen bewiesen, dass das grundlegendste Merkmal eines Herrschers (hakimiyet)seine unabhängige und abgesonderte (Stellung) ist. Der schwache Abglanz einer Herrschaft, selbst noch in schwachen Menschen, weist die Einmischung anderer ebenso heftig zurück und erlaubt anderen
nicht, sie in ihrem Aufgabenbereich zu behelligen, um so ihre Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Viele Könige haben auf Grund einer solchen Zurückweisung jeglicher Einmischung gnadenlos ihre eigenen, unschuldigen Kinder und ihre geliebten Brüder zu Tode gebracht. Das ist sozusagen das grundlegendste Merkmal eines wahren Herrschers, und ihre unabdingbaren Notwendigkeiten und beständigen Erfordernisse sind ihre unabhängige und abgesonderte (Stellung) und ihre Zurückweisung der Einmischung anderer.
Es ist wegen dieses grundlegenden Merkmals, dass Göttliche Souveränität (hakimiyet-i Ilahi)im Grade Vollkommener Herrschaft (rububiyet-i mutlaq)die Zuschreibung von Partnern (shirk)oder Teilhabern und die Einmischung anderer so besonders heftig zurückweist. Auch der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, verweist besonders hitzig und heftig und wiederholtermaßen auf die göttliche Einheit (Tauhid)hin und jegliche Teilhaberschaft oder Mitwirkung unter Androhung gewaltiger Strafen zurück.
So macht denn die Souveränität der Göttlichen Herrschaft (rububiyetteki hakimiyet-i Ilahiye)die Göttliche Einheit und Allgegenwart (Tauhid ve Vahdet)in unabdingbarerweise notwendig, und so wie sie ein besonders starkes Motiv und eine ebenso zwingende Notwendigkeit erfordert, so ist gleichermaßen auch die im Antlitz des Kosmos ersichtliche vollkommene Ordnung und Harmonie in der Gesamtheit des Universums angefangen von den Sternen bis hin zu den Pflanzen und Tieren und den Erzen, bis hin zu den Organen, Molekülen und Atomen ein passendes Zeugnis und ein offenkundiger Beweis, dieser Einzigartigkeit (Ferdiyet),dieser Allgegenwart (Vahdet)Gottes, der in gar keiner Hinsicht irgendeinen Zweifel aufkommen lässt. Denn hätten sich andere eingemischt, so wäre dieses so sensible Gleichgewicht, diese Ausgewogenheit und Harmonie im Kosmos mit Sicherheit zerstört worden und die Anzeichen für einen Wirrwarr offensichtlich geworden. Entsprechend dem Geheimnis der Ayah
لَوْ كَانَ فِيهِمَآ اٰلِهَةٌ اِلاَّ اللّٰهُ لَفَسَدَتَا
{"Hätte es in beiden (= Himmel und Erde) noch Gottheiten gegeben außer Gott, so wäre eine Verwirrung in beiden entstanden." (Sure 21, 22)}
würde diese wunderbare Ordnung im Kosmos in Verwirrung geraten und ins Verderben gestürzt. Denn entsprechend der Ayah
فَارْجِعِ الْبَصَرَ هَلْ تَرَى مِنْ فُطُورٍ
{"Es wendet sich dein Blick: Siehst du etwa einen Fehler?" (Sure 67, 3)}
ist von den Atomen angefangen bis hin zu den Planeten, vom Grunde (der Erde bis empor zum höchsten) Thron kein Anzeichen für irgendeinen Fehler oder einen Mangel, eine Verwirrung zu finden. So zeigen denn die Ordnung im Universum, die Wohlordnung unter den Geschöpfen und die Ausgewogenheit in allem Sein auf besonders glänzende Weise die gewaltige Erscheinung Seines Namens "der Alleinige (Ferd)"und bezeugen Seine Allgegenwart (vahdet).
Da nun ferner durch das Geheimnis der Erscheinung der Einheit Gottes (ahadiyet)noch das kleinste lebende Geschöpf ein Minimodel und ein kleines Inhaltsverzeichnis des Kosmos ist, kann nur der einen Anspruch auf dieses eine Lebewesen erheben, der jener Herr ist, der auch das ganze Universum in Seiner Hand hält und über es verfügt. Und da hinsichtlich der ganzen Schöpfung ein Samenkorn nicht geringer ist als ein Baum und ein Baum ein kleiner Kosmos ist und auch ein jedes Lebewesen ein kleiner Kosmos, eine Welt im Kleinen, hebt dieses Geheimnis der Einheit Gottes (sirr-i ahadiyet)jedwede Teilhaberschaft oder Mitwirkung (shirk ve ishtirak)auf die Stufe einer Unmöglichkeit...
In diesem Geheimnis ist dieses Universum nicht nur ein unteilbares Ganzes, sondern hinsichtlich seiner Natur (mahiyet),wie ein Ganzes, das zu teilen und in Stücke zu brechen
unmöglich ist, und das eine Teilhaberschaft und viele verschiedene Hände nicht erlaubt. So gibt es also, da ein jeder Teil ein eigener und ganz besonderer Teil ist, und da das Ganze zugleich auch das Allgemeine ist, in keiner Hinsicht irgendeine Möglichkeit für andere, daran Anteil zu nehmen. Das aber beweist bis zum Grade des Offensichtlichen die gewaltige Erscheinung des Namens "der Alleinige (Ferd)",die Wahrheit der Einheit Gottes (Tauhid)und das Mysterium göttlichen Eins-Seins (Ahadiyet).
Da die verschiedenen Arten im Kosmos in der Tat ineinander verknüpft und verflochten sind und die Aufgaben einer jeden auf das Ganze hin ausgerichtet sind, haben sie das Universum im Hinblick auf seine Erschaffung (idjad)und die Herrschaft Gottes (rububiyet)in ihm zu einem unteilbaren Ganzen gemacht. So sind denn auch die allgemeinen und alles umfassenden Taten im Universum ineinander verwoben und durchdringen einander. So sehen wir z.B. wie in dem Akt, der das Leben schenkt, zugleich auch der Akt der Ernährung und Versorgung erkennbar wird. Und in diesem Akt der Versorgung und im Schenken des Lebens lässt sich zugleich auch ein Akt der Ordnung für den Körper der Lebewesen und deren Ausstattung beobachten. Und in diesem Akt der Versorgung und im Schenken des Lebens springt zugleich auch ein Akt der Formgebung, der Erziehung, Lenkung und Leitung ins Auge usw.. Da nun alle diese umfassenden und allgemeinen Taten miteinander verflochten sind und einander durchdringen und sich wie die sieben Farben im Licht miteinander verbinden, ja sogar vereinigen, und da jede dieser Taten ihrer Natur nach eins ist und den überwiegenden Teil allen Seins mit einschließt, und da der Eine, der alle diese Taten vollbringt, in jedem Fall der Eine und Einzige Herr all dieser Taten sein muss, und da jede von ihnen das ganze Universum durchdringt und sich mit allen anderen Taten helfend verbindet, haben sie den Kosmos zu einem unteilbaren Ganzen gemacht. Und da nun ein jedes aller lebenden Geschöpfe gleich einem Saatkorn für das Universum ist,
ein Inhaltsverzeichnis und ein Beispiel, hat es auch das All vom Standpunkt der göttlichen Herrschaft aus betrachtet zu einem Ganzen gemacht, das zu teilen und zu zerbrechen unmöglich ist. Das aber heißt, dass der Kosmos in sich eine solche Einheit bildet, dass Herr eines Teiles von ihm zu sein nur dem möglich ist, der zugleich auch Herr über das Ganze ist. Und es ist dies ein solches Ganzes, dass ein jedes Teil von ihm zu einem selbständigen Mitglied (ferd)wird. Dieses eine Mitglied (des Ganzen) Seiner Herrschaft unterstellen zu können, ist jedoch nur möglich, wenn man Ihm zugleich auch das Ganze (in seiner Einheit) unterstellt...
Sechster Hinweis
Die Einzigartigkeit des Herrn (Ferdiyet-i Rabbaniye)und Seine Göttliche Allgegenwart (vahdet-i Ilahiye)sind die Basis und der Kern aller Vollkommenheit,
{(*): Es ist ja der offensichtlichste Beweis und das stärkste Zeugnis dafür, dass die unendliche göttliche Vollkommenheit und Schönheit sich als wahr herausstellt, die göttliche Allgegenwart (vahdet). Denn wenn der Erbauer (sani') des Kosmos als der Eine-Allgegenwärtige (Vahid-i Ahad) bekannt ist, so ist auch alle Vollkommenheit und Schönheit des Kosmos als ein Abglanz, eine Erscheinung, ein Zeichen ein (zu Stein gewordener) Tropfen heiliger Vollkommenheit und Schönheit bekannt, wie sie sich uns durch den Baumeister in Seiner göttlichen Einheit (Sani-i Vahid) repräsentiert. Andernfalls verbliebe alle Vollkommenheit und Schönheit des Universums ihren Geschöpfen und einigen Ursachen ohne jedes Bewusstsein verhaftet und die ewige Schatzkammer göttlicher Vollkommenheit bliebe dann den Blicken des menschlichen Geistes verborgen und ohne einen Schlüssel.}
Ursprung und Quelle der Weisheit und der Absicht, die sich hinter der Erschaffung des Universums verbirgt. Sie sind zudem der Nährboden und der einzige Weg zur Erfüllung der Wünsche und Sehnsüchte aller mit Bewusstsein begabten, denkenden Wesen und besonders des Menschen. Geschähe dies nicht (an der Schwelle) dieser göttlichen Einzigartigkeit (Ferdiyet),würden alle Wünsche und Sehnsüchte des Menschen (an der
Schwelle bloßer Ursachen) ausgelöscht werden. Auch das Ziel der Erschaffung des Kosmos würde ins Nichts stürzen. Auch die Existenz und die Realität von allem, was vollkommen ist, würde überwiegend ein Opfer der Vernichtung werden.
So hat der Mensch z.B. ein starkes, ja unerschütterliches, leidenschaftliches Verlangen nach Unsterblichkeit. Nur der, welcher im Geheimnis Seiner Einzigartigkeit (sirr-i ferdiyet)das Universum in seinen Händen hält und sein Haus in dieser Welt schließen und in jener Welt so leicht öffnen kann, wie man das eine Haus schließt und das andere öffnet, kann dieses Verlangen nach Beständigkeit zur Erfüllung bringen. Und so wie diese Sehnsucht sind all die tausend Sehnsüchte des Menschen, die sich bis in die Ewigkeit hinüber ausstrecken, an dieses Geheimnis der Einzigartigkeit Gottes und die Wahrheit Seiner Einheit (Tauhid)gebunden. Wäre es nicht um dieser Einzigartigkeit Gottes willen, so könnten keine (Sehnsüchte aufkeimen) und Frucht bringen. Und wäre da nicht der Herr in Seiner Einzigartigkeit (Dhat-i Ferd),der in Seiner Allgegenwärtigkeit (vahdet)gleichzeitig über den ganzen Kosmos verfügt, würden diese Sehnsüchte nicht in Erfüllung gehen. Gingen sie aber in Erfüllung, so geschähe es doch nur sehr mangelhaft.
Es ist auf Grund dieses gewaltigen Geheimnisses, dass der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, mit einer solchen Begeisterung und großen Beredsamkeit die Lehre von der Einheit und Einzigartigkeit (Tauhid ve Ferdiyet)Gottes wiederholt. So fanden auch alle Propheten, die Gottesgelehrten und die Heiligen zu meditativer Wahrnehmung und tiefer innerer Glückseligkeit im Wort der göttlichen Einheit (kelime-i Tauhid):
لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ
{"Es gibt keine Gottheit außer Ihm."}
Siebenter Hinweis
Gleich wie also nun Mohammed, mit dem Friede und Segen sei,
in vollendeter Form Gottes wahrhaftige Einheit (tauhid-i haqiqi)in all ihren Stufen lehrte, bewies und verkündigte, so wurde auch sein Prophetentum im gleichen Grade der Sicherheit der Einheit Gottes errichtet. Denn da er die Einheit Gottes lehrte, die größte Wahrheit im Bereich des Seins (vudjud)in all ihren Erscheinungsformen, könnte man auch sagen, dass alle Beweise, welche die Einheit Gottes bestätigen, zwar indirekt, doch mit Bestimmtheit sein Prophetentum beweisen, die Echtheit seines Auftrags und die Richtigkeit seiner Berufung. Ein Prophetentum, das in Wahrheit die Einzigartigkeit und Allgegenwärtigkeit Gottes (Ferdiyet ve Vahdaniyet)entdeckte und lehrte und tausende solcher erhabener Wahrheiten gesammelt hat, ist auf eine sehr sichere Weise Erfordernis und Notwendigkeit dieser Einheit (Tauhid)und Einzigartigkeit Gottes (Ferdiyet).Sie verlangen danach mit Sicherheit.
So erfüllte nun Mohammed, mit dem der Friede und Segen sei, seine Aufgabe vollständig. Hier wollen wir nun mit einem Beispiel drei von vielen Ereignissen und Ursachen erläutern, die für den Grad der Bedeutung und Erhabenheit dieser geistigen Persönlichkeit Zeugnis ablegen, welche die Sonne unseres Universums ist.
Erstens:
In Übereinstimmung mit dem Grundsatz: اَلسَّبَبُ كَالْفَاعِلِ {"Der etwas zu tun veranlasst, ist gleich dem der es tut."} ist ein Äquivalent aller guten Taten, welche seine ganze Umma in all den Jahrhunderten verrichtet hat, dem Buch der guten Taten Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, gutgeschrieben worden. Denkt man einmal daran, dass die Segensgebete für den Propheten, die seine Gemeinde täglich rezitiert, mit Sicherheit angenommen werden, und an den Rang (maqam)und die Stufe, zu der diese Gebete emporheben, so kann man auch verstehen, welch eine Sonne im Universum diese geistige Persönlichkeit Mohammeds ist, mit dem Friede und Segen sei.
Zweitens:
Denkt man nun an den geistigen Fortschritt Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, dessen Natur
Ursprung, Saat, Leben und Mittelpunkt jenes mächtigen Baumes bildet, der die Welt des Islam ist und der daraus erwuchs, dass er mit seinen außergewöhnlichen Anlagen und Fähigkeiten und all seinen Sinnen die heiligen Worte des Lobpreises (tesbihat)und der Anbetung wahrgenommen und dargebracht hat, die den geistlichen Aspekt der islamischen Welt bilden, so verstehe man auch, wie hoch im Vergleich mit anderen Heiligen die Gottesfreundschaft (Vilayat)ist, die aus dem Dienst und der Anbetung (ubudiyet)Mohammeds erwächst, mit dem Friede und Segen sei, durch die er bis zur Stufe des Geliebten Gottes (Habibiyet)emporstieg.
Einmal entfaltete sich mir (der Sinn des Lobpreises bei) einem einzigen Lobpreis (subhana Rabb...)während eines einzigen Gebetes (namaz)in einer Weise, wie sie der Art nahe kommt, in der die Sahabis ihn empfangen hatten. Und dies wurde mir so wichtig, wie die Anbetung eines ganzen Monats. Und darin verstand ich nun den hohen Wert der Sahabis. Das heißt, dass zu Beginn des Islam der Segen und das Licht, das von diesen heiligen Worten ausging, noch einen ganz anderen Wert hatte. Da sie noch neu waren, enthielten sie noch Feinheiten, eine Frische und einen Wohlgeschmack, der im Ablauf der Zeit unter dem Vorhang der Gottvergessenheit in Vergessenheit geraten, trübe geworden und verstaubt ist. Was aber die Persönlichkeit Mohammeds betrifft, mit dem Friede und Segen sei, so empfing er sie dank seiner wunderbaren Fähigkeit ganz neu und frisch geschöpft und geerntet aus ihrer ursprünglichen Quelle (dem Herrn der Heiligkeit), wurde von ihnen genährt, gestillt und hat sie in sich aufgesogen. Aus diesem Geheimnis heraus konnte er aus einer einzigen Lobpreisung so viel Segen empfangen, wie ihn andere nur in einem ganzen Jahr der Anbetung empfingen.
So könnt ihr denn nun aus diesem Blickwinkel heraus vergleichen und ermessen, in welchem Grade Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, auf der end- und
grenzenlosen Stufenleiter zur Vollkommenheit vorangeschritten ist.
Drittens:
Da die Menschengattung im Mittelpunkt aller Absichten (maqasid)des Schöpfers des Kosmos steht, und da der Mensch mit seinem überragenden Verständnis Ansprechpartner des Hochgepriesenen (Subhaniye)ist, und da Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, der Berühmteste und Ehrenwerteste des Menschengeschlechtes ist und seine Werke und Taten für ihn zeugen und er eine vollkommene und ganz außergewöhnliche Persönlichkeit (ferd)ist, nahm der Einzigartige in Seiner Majestät (Dhat-i ferd-i Dhu l-Djelal)Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, im Namen des Menschengeschlechtes, ja sogar des ganzen Universums, zu Seinem Ansprechpartner. So hat Er denn in ihm sicherlich eine unendliche Vollkommenheit und einen unendlichen Segen offenbar werden lassen.
Da es aber noch zahlreiche andere Punkte gleich diesen drei Punkten gibt, die mit Bestimmtheit beweisen, dass, gleich wie die Persönlichkeit Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, die geistige Sonne des Universums ist, er auch das Große Zeichen (ayat-i kubra)des mächtigen (kebir)Qur'an, das als der Kosmos bekannt ist, und der Gewaltige Name (ism-i a'dham)der Gewaltigen Unterscheidung (Furqan-i A'dham)und der Spiegel der gewaltigen Erscheinung des Namens "der Alleinige (Ferd)"ist.
Wir erflehen von dem Herrn, dem Alleinigen, Einen, Einzigartigen (Dhat-i Ferd-i Ahad-i Samed)aus der unendlichen Schatzkammer Seiner Barmherzigkeit Seinen Segen und Frieden herabzusenden auf unseren Herrn Mohammed, mit dem Friede und Segen sei, nach der Anzahl der Atome die es im Kosmos gibt, mal der Zahl aller Sekunden der Minuten aller Zeiten.
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Fünfter Punkt des Dreißigsten Blitzes
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ فَانْظُرْ اِلَى اٰثَارِ رَحْمَةِ اللّٰهِ كَيْفَ يُحْيِى الْاَرْضَ بَعْدَ مَوْتِهَآ اِنَّ ذٰلِكَ َلمُحْيِى الْمَوْتَى وَهُوَ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ
{"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Siehe die Male der Barmherzigkeit Gottes; wie Er die Erde nach ihrem Tode wieder lebendig macht! Fürwahr, Er ist es, der die Toten wieder belebt; und Er hat Macht über alle Dinge." (Sure 30, 50)}
اَللّهُ لآَ اِلٰهَ اِلاَّ هُوَ الْحَىُّ الْقَيُّومُ لاَ تَاْخُذُهُ سِنَةٌ وَ لاَ نَوْمٌ
{"Allah ist und außer Ihm gibt es keinen Gott, Er, der Lebendige, der Beständige. Nicht überkommt Ihn Schlummer noch Schlaf." (Sure 2, 255)}
Eine Anmerkung zu diesen Ayat und eine Erscheinung des Gottesnamens "Hayy(der Lebendige)", der ein gewaltiger Name oder Strahl der beiden Strahlen des Gewaltigen Namens oder ein Licht von den sechs Lichtern des Lichtbündels ist, zeigte sich von Weitem meinem Verstand im Heiligen Monat Schawwal in dem Gefängnis von Eskischehir. Ich habe das damals noch nicht bemerkt. Denn in jener Zeit war ich noch nicht in der Lage, diesen heiligen Vogel so schnell zu fangen. Nun aber, nachdem er wieder weiter gezogen ist, möchte ich wenigstens kurz, anhand einiger weniger Zeichen, einige wenige Strahlen dieser großen Wahrheit und dieses gewaltigen Lichtes aufzeigen.
Erstes Zeichen
Die Antwort auf die Fragen:
Was ist das Leben (hayat)?Was ist seine Natur (mahiyet)und seine Aufgabe (vazife)?
Jene gewaltigen Erscheinungen der Namen dessen, der das Leben besitzt (Hayy)und es schenkt (Muhyi),lauten stichwortartig aufgelistet:
Leben ist:
das bedeutendste Ziel des Universums
und sein größtes Ergebnis
und sein strahlendstes Licht (nur)
und seine zutiefst innere Hefe
und seine ganz besonders herausgefilterte Essenz
und seine vollkommenste Frucht
und seine höchste Vollkommenheit (kemal)
und seine vollkommenste Schönheit (djemal)
und sein schönster Schmuck
und das Geheimnis seiner Einheit (sirr-i vahdet)
und das Band seiner Verbundenheit (rabita-i ittihad)
und die Quelle seiner Vollkommenheit
entsprechend seiner künstlerischen Qualität und seinem Wesen nach der wunderbarste Träger des Geistes (ruh)
eine wunderbare Gegebenheit, die jedes Geschöpf zu einer Welt im Kleinen macht.
Zudem ist es dem Weg vergleichbar, wie das Universum in einem kleinen Lebewesen seinen Platz findet und sich zugleich in diesem Lebewesen eine Art Inhaltsverzeichnis dieses riesigen Universums schafft. Es ist ein ganz außerordentliches Wunder der Macht (mu'djize-i qudret),dass die Lebewesen mit den meisten (Formen) des Seins verbindet und sie so zu einem kleinen Universum macht.
Es ist Gottes außergewöhnlich wunderbare Kunst, die ein winzig kleines Stückchen zum größten Ganzen anwachsen lässt, ein einzelnes Ding zu einer Ganzheit wie einer Welt werden lässt und zeigt, dass das Universum in Anbetracht der Herrschaft Gottes (rububiyet)ein unteilbares Ganzes ist, das nicht in Stücke zerbrochen werden kann und keine Teilhaberschaft (ishtirak)duldet.
Es ist der glänzendste, sicherste, vollkommendste Beweis innerhalb aller Wesensmerkmale im Kosmos, der
Zeugnis ablegt für die Notwendigkeit des Seins (vudjub-u vudjudunu)des Lebendigen und Unwandelbaren Herrn (Dhat-i Hayy-i Qayyum).
Es ist unter den göttlichen Kunstwerken das verborgenste und (zugleich auch) das offensichtlichste, das kostbarste und das wertloseste (udjuz= billig), das reinste, glänzendste und bedeutungsvollste Schmuckstück aus der Kunstweberei des Herrn (Rabbani).
Zudem ist es eine feine, zarte, anmutige Erscheinung der göttlichen Barmherzigkeit (rahmet-i Rahmaniye),die sich alles übrige Sein dienstbar macht.
Zudem ist es ein überaus vielseitiger Spiegel aller göttlichen Eigenschaften (shuuat).
Zudem ist es ein Wunder der Schöpfung des Herrn, das die Erscheinungen vieler Seiner schönen Namen wie "der Erbarmer (Rahman),der Versorger (Rezzaq),der Barmherzige (Rahiem),der Freigiebige (Keriem)und der Allweise (Hakiem)"umfasst, viele Wahrheiten wie Versorgung, Weisheit, Gnade (inayat)und Barmherzigkeit (rahmet)für sich dienstbar macht und die Quelle, der Ursprung, aller Sinnesempfindungen wie sehen, hören und fühlen ist.
Zudem ist das Leben eine Umwandlungsmaschine in der großen Werkhalle des Universums, die ständig überall reinigt, verbessert und erleuchtet. Auch gleichen die Körper als Rastplätze des Lebens den Gasthäusern, Schulen und Kasernen für die Karawane der Atome, die darin ihren Dienst versehen zu ihrer Erleuchtung und zu ihrer Unterweisung. Es ist, als wolle der Herr, der das Leben besitzt (Hayy)und es schenkt (Muhyi),durch diese Maschine des Lebens die dunkle, vergängliche, niedere Welt verfeinern und erleuchten und ihr eine Art Dauer verleihen und sie so vorbereiten, in eine andere, ewig bestehende Welt hinüber zu gehen.
Zudem hat das Leben zwei Gesichter, nämlich eine dem irdischen, materiellen (mulk)und eine dem himmlischen, dem ideellen Königreich (melekut)zugewandte Seite.
Beide Seiten sind glänzend, erhaben, frei von allen Unreinheiten und Unvollkommenheiten, erhaben. Es ist eine außergewöhnliche Schöpfung, über die keine äußeren Ursachen gebreitet worden sind, um durch sie das Wirken der Macht (Qudret)Gottes zu verschleiern und um zu zeigen, dass es direkt, ohne einen Schleier und ohne alle Ursachen, aus der Hand der Macht Gottes hervorgegangen ist.
Zudem ist die Wahrheit des Lebens auf die sechs Pfeiler des Glaubens ausgerichtet und beweist sie sinngemäß und indirekt. Das heißt, es ist eine leuchtende Wahrheit, die sowohl auf
das notwendige Sein des notwendigerweise Seienden und Sein immerwährendes Leben
auf das Haus des Jenseits (Dar-i Akhiret)und das bleibende Leben (hayat-i baqi)
auf die Existenz der Engel
auf die übrigen Pfeiler des Glaubens ausgerichtet ist und sie erfordert.
So wie das Leben eine Essenz ist, die rein und sauber aus dem ganzen Kosmos herausgefiltert wurde, so ist es auch ein gewaltiges Geheimnis, das Dankbarkeit (shukur),Anbetung (ibadet),Lobpreis (hamd)und Liebe (muhabbet)als die wichtigsten göttlichen Absichten (maqsad-i Ilahi)im Kosmos und die wichtigsten Ergebnisse der Erschaffung der Welt hervorbringt.
So betrachte denn nun die obigen neunundzwanzig bedeutenden, wertvollen Merkmale des Lebens und erhabenen, allgemeinen Aufgaben (vazife).Und nun siehe und betrachte die gewaltige Größe des Namens dessen, der das Leben besitzt (Hayy)hinter dem, der es schenkt (Muhyi).Und verstehe nun in Anbetracht dieser gewaltigen Besonderheiten und Früchte des Lebens, wie der Name des Lebendigen (Hayy)Teil des Gewaltigen Namens (Ism-i Adham)ist.
Und ferner verstehe auch, dass, da das Leben das
größte Ergebnis, das gewaltigste Ziel und die wertvollste Frucht ist, das Leben auch ein Ziel und Ergebnis so groß wie der Kosmos haben muss. Denn so wie die Frucht das Ergebnis eines Baumes ist, so ist durch ihren Kern auch das Ergebnis der Frucht der künftige Baum. So wie in der Tat Ziel und Zweck dieses Lebens das Ewige Leben ist, so ist seine Frucht auch Dankbarkeit (shukur),Anbetung (ibadet),Lobpreis (hamd)und Liebe (muhabbet)dem gegenüber, der das Leben besitzt und schenkt (Dhat-i Hayy ve Muhyi).Was aber diese Dankbarkeit, Anbetung, Lobpreis und Liebe betrifft, so sind sie, wie sie die Frucht des Lebens sind, so auch das Ziel des Kosmos.
Und verstehe daraus auch, aus welch einer unschönen Dummheit, Undankbarkeit, ja Unglauben heraus diejenigen, die sagen, dass der Zweck des Lebens sei, "angenehm zu leben, sich unbekümmert zu amüsieren und das Leben nach Lust und Laune zu genießen", dieses höchst wertvolle Gnadengeschenk des Lebens, die Gabe des Bewusstseins und die Wohltat (ihsan)des Verstandes gering achten, es beleidigen und welche fürchterliche Undankbarkeit sie damit begehen.
Zweites Zeichen
Wollte man all diese Stufen, Attribute und Aufgaben des Lebens erklären, das doch die subtilste Erscheinung der Name dessen ist, der das Leben besitzt und schenkt (Dhat-i Hayy ve Muhyi),so wie es im Ersten Zeichen aufgelistet wurde, so müsste man darüber eine Anzahl von Abhandlungen schreiben, wie sie der Anzahl dieser Attribute entspricht. Da aber schon einige von ihnen in verschiedenen Teilen der Risale-i Nur erläutert worden sind, verweisen wir auf die Einzelheiten in ihnen und wollen sie hier nur in Auszügen kommentieren.
So wurde denn im Dreiundzwanzigsten der neunundzwanzig Merkmale des Lebens gesagt, dass, da die beiden Gesichter des Lebens durchsichtig und frei von allen Unreinheiten sind, die äußeren Ursachen keinen Schleier
über die Verfügungsgewalt des Herrn gezogen haben.
In der Tat ist das Geheimnis dieses Merkmals Folgendes:
Es hat sicherlich ein jedes Ding im Universum seine schönen, guten und angenehmen Seiten, während alles Böse und Hässliche dagegen nur sehr gering ist, und nur eine Messlatte zum Vergleich darstellt, um die Stufen des Guten und Schönen darstellen, sie vermehren und vervielfältigen zu können, wodurch das Böse gut und der Fehler schön wird, doch so, dass die Beschwerden und der Ärger, der aus dem erwächst, was der oberflächlichen Betrachtung der mit Bewusstsein begabten Wesen offensichtlich als hässlich und böse, als Unglücke und Katastrophen erscheint, nicht dem Lebendigen und Unwandelbaren (Hayy ve Qayyum)zugeschrieben wird, sodass die offensichtlich schlimmen und schmutzigen Dinge nicht mit der reinen und heiligen Macht (qudret)in Berührung kommen und die Würde (izzet)der Macht beleidigt werde und die offensichtlichen Ursachen einen Schleier über das Wirken der Macht breiten. Was aber die Ursachen betrifft, so können sie nichts erschaffen, dienen aber dazu, um ein Ziel für ungerechte Beschwerden und Vorwände zu sein und die Würde und Heiligkeit (izzet ve qudsiyet)und die Unantastbarkeit der Macht zu bewahren.
Wie bereits in der Einführung zum Zweiten Kapitel des Zweiundzwanzigsten Wortes erklärt wurde, bat einmal Asrail, mit dem der Friede sei, Gott den Gerechten wegen seiner Aufgabe, die Seelen (ruh)abzuholen und sagte zu Ihm: "Deine Diener werden mir deswegen zürnen." Da wurde ihm zur Antwort gesagt: "Ich werde zwischen deiner Aufgabe und den Dahinscheidenden einen Schleier aus Krankheiten und Unglücksfällen aufrichten. Dann werden die Dahinscheidenden die Pfeile ihres Widerspruchs und ihrer Beschwerden nicht nach dir, sondern auf diesen Schleier werfen."
Nach dem Geheimnis dieser Bitte ist die Aufgabe Asrails, mit dem der Friede sei, in der gleichen Weise ein Schleier, wie auch andere Ursachen offensichtliche
Schleier sind, sodass der Ärger und die Beschwerden derer, die das wahre, wunderschöne Gesicht des Todes - schön für die Leute des Glaubens - nicht sehen können, und die Erscheinung der Barmherzigkeit auf ihm nicht kennen, nicht gegen den Herrn, den Lebendigen, den Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-i Qayyum)gerichtet werden können. Es erfordern die Würde und Majestät Gottes (izzet-i azamet)in der Tat, dass die Ursachen vor dem Auge der Vernunft als Schleier über der Hand der Allmacht Gottes liegen sollen... Doch die Einheit und Majestät Gottes (Vahdet ve Djelal)erfordert, dass die Ursachen ihre Hände aus dem eigentlichen Wirken Gottes heraushalten sollen...
Da jedoch das Leben sowohl seinem äußeren wie seinem inneren, seinem irdischen, materiellen (mulk)wie seinem himmlischen, dem ideellen Königreich (melekut)zugewandten Gesicht nach frei von allen Unreinheiten, Unvollkommenheiten und Fehlern ist, gibt es nichts, um etwas dagegen einzuwenden oder sich darüber zu beschweren, weil es nichts Hässliches oder Schmutziges gäbe, was der Würde und Heiligkeit der Macht (izzet ve qudsiyeti qudret)widersprechen könnte, weshalb sich (diese beiden Gesichter) unmittelbar und unverschleiert der Hand des Lebendigen und Unwandelbaren Herrn (Dhat-i Hayy-i Qayyum),der "das Leben schenkt, ins Leben ruft und am Leben erhält" übergeben haben. Das gleiche gilt auch für das Licht (Nur),das Sein (vudjud)und die Erschaffung (idjad).Aus diesem Grund sind Erschaffung und Schöpfung (idjad ve khalq)unmittelbar und unverschleiert der Macht (qudret)des Majestätischen Herrn (Dhat-i Dhu-l'Djelal)zugewandt. Da auch der Regen eine Art Leben und Barmherzigkeit Gottes ist, wurde die Zeit, in der er fällt, nicht zum Gegenstand normaler Gesetze, sodass zu jeder Zeit der Not sich die Hände zum Hofe Gottes erheben, sein Erbarmen zu erflehen. Wäre auch der Regen so wie der Aufgang der Sonne Gegenstand eines Gesetzes, würde man für diese lebenswichtige Gnadengabe nicht nachsuchen und nicht in Zeiten der Not
darum bitten.
Drittes Zeichen
Im Neunundzwanzigsten Merkmal des Lebens wurde bereits gesagt, dass Leben ein Ergebnis des Kosmos ist. Genauso sind Dank und Anbetung (shukur ve ibadet)ein Ergebnis des Lebens, Ursache und letzter Grund für die Erschaffung des Universums und sein ersehntes Ergebnis.
In der Tat möchte der Lebendige, Unwandelbare Meister und Erbauer (Sani-i Hayy-u Qayyum)des Universums dafür, dass Er sich durch so unendlich viele Gnadenerweise bekannt und geliebt gemacht hat, sicherlich einen Dank von Seinen Geschöpfen zurückbekommen, Er möchte ihren Lobpreis um Seiner Kunstwerke willen, und dass sie Ihm, ihrem Herrn und Seinen Befehlen in Anbetung und Gehorsam entgegenkommen.
So geschieht es denn nun in Übereinstimmung mit diesem Geheimnis Seiner göttlichen Herrschaft (sirr-i rububiyet)und weil Dank und Anbetung das bedeutendste Ziel aller Formen des Lebens und deshalb auch des gesamten Kosmos ist, dass der Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, Dank und Anbetung mit glühender Begeisterung, mit Nachdruck oder sanfter Überredungskunst verlangt und erwartet. Und er verkündet immer wieder: "Der Dienst und die Anbetung gebührt Gott dem Gerechten allein, Er allein ist allen Dankes würdig. Aller Lobpreis ist Ihm zu Eigen ". Es geschieht aber, um zum Ausdruck zu bringen, dass es notwendig ist, dass Dank und Anbetung sich unmittelbar an seinen wahren Eigentümer (Malik-i Haqiqi)richten sollten, wenn solche Ayat wie
وَهُوَ الَّذِى يُحْيِى َوُيمِيتُ وَلَهُ اخْتِلاَفُ اللَّيْلِ وَالنَّهَارِ ٭ هُوَ الَّذِى يُحْيِى َوُيمِيتُ فَاِذَا قَضَى اَمْرًا فَاِنَّمَا يَقُولُ لَهُ كُنْ فَيَكُونُ ٭ فَيُحْيِى بِهِ الْاَرْضَ بَعْدَ مَوْتِهَا
{"Es ist Er, der das Leben schenkt und den Tod. Bei Ihm ist der Wechsel von Nacht und Tag." (Sure 23, 80) "Er ist es, der das Leben schenkt und den Tod. Und sobald er über ein Ding beschlossen hat, so sagt er zu ihm: 'Sei!' und es ist." (Sure 40, 68) "Und er belebt die Erde wieder nach ihrem Tode." (Sure 30, 24)}
beweisen, dass Er das Leben in all seinen Attributen unverschleiert im Griff Seiner Macht zusammen hält, und weisen dabei jede Mittelsmacht ausdrücklich zurück. Sie schreiben das Leben unmittelbar und allein der Hand der Macht (qudret)des Lebendigen und Unwandelbaren (Hayy ve Qayyum)zu.
Die Ayat
هُوَ الرَّزَّاقُ ذُو الْقُوَّةِ الْمَتِينُ ٭ وَ اِذَا مَرِضْتُ فَهُوَ يَشْفِينِ ٭ وَهُوَ الَّذِى يُنَزِّلُ الْغَيْثَ مِنْ بَعْدِ مَا قَنَطُوا
{"Er ist der Versorger, der Herr einer feststehenden Macht." (Sure 51, 58) "Und wenn ich krank bin, ist Er es, der mich heilt." (Sure 26, 80) "Und Er ist es, der den Regen herabsendet, nachdem alle Hoffnung aufgegeben wurde." (Sure 42, 28)}
zeigen in der Tat, dass Dinge, die Anlass sind, dafür zu danken, wie für das Leben und danach für den Unterhalt, für Heilung und Regen, (also für Dinge) die zu einer zutiefst innerlichen Dankbarkeit und Zufriedenheit einladen, die ein Bedürfnis erwecken, zu lieben (muhabbet)und zu loben, direkt dem Herrn der Heilung und Versorgung (Dhat-i Rezzaq-i Shafiye)zugehören und dass die Ursachen und Mittler (all dieser Dinge) nur ein Schleier sind (der sie verdeckt). Das heißt, dass Unterhalt und Heilung und Regen einzig und allein der Macht des Lebendigen und Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-i Qayyum)zu Eigen sind. Um auszudrücken, dass sie unmittelbar und unverschleiert von Ihm kommen, wurde in den obigen Ayat (der Ausdruck) هُوَ الَّذِى ٭ هُوَ الرَّزَّاقُ {"Er ist es, der..." "Er ist der Versorger..."} gebraucht, um das Merkmal Seiner Zueignung und Beschränkung anhand einer grammatikalischen Regel (als ein Substantiv) darzustellen (das durch seinen Artikel "der" determiniert ist).
Er ist es, der einem Heilmittel dessen besondere Eigenschaft verleiht und dessen Wirkung herbeiführt und Er allein ist der wahre Heiler (Shafi).
Viertes Zeichen
Im Zusammenhang mit dem Achtundzwanzigsten Merkmal des Lebens wurde erklärt, dass das Leben nach den sechs Grundpfeilern (erkan)
des Glaubens ausgerichtet und deren Beweis ist. Es enthält die Hinweise auf deren Existenz (bzw. Wahrheit). Ja, es ist in der Tat das Leben das bedeutendste Ergebnis, das Ferment und die Weisheit in der Schöpfung des Alls. Sicherlich ist diese erhabene Wahrheit nicht auf dieses vergängliche, kurze, fehlerhafte und schmerzvolle, irdische Leben beschränkt. Vielmehr ist das Ziel, das Ergebnis und die Frucht am Baume des Lebens, die dessen gewaltiger Größe würdig ist, das Ewige Leben, das jenseitige Leben, das Leben im "Haus der Glückseligkeit", wo Steine, Bäume und Boden von Leben erfüllt sind. Anderenfalls wäre es die notwendige Konsequenz, dass der Baum des Lebens, der so zahlreiche bedeutsame Organe hervorgebracht hat, ohne Frucht, ohne Nutzen, ohne seine Verwirklichung für alle mit Bewusstsein Begabten, besonders für den Menschen, bliebe und der Mensch, der doch von seinen Anlagen und Fähigkeiten her zwanzigmal wertvoller ist als z.B. ein Sperling, und das Wichtigste, Erhabenste und Bedeutendste unter allem, was da lebt unter den Himmeln, hinsichtlich seines Lebensglückes zwanzigmal tiefer fiele als ein Sperling und zum unglücklichsten und würdelosesten unter den Armen werden würde.
In ähnlicher Weise würde ihm auch der Verstand, diese wertvollste unter allen Gnadengaben, sein Herz mit Gedanken der Trauer über die Vergangenheit und der Furcht vor der Zukunft wund reiben, ihm in einen Tropfen Freude neun Körnchen Schmerz untermischen und ihm so zur Katastrophe gereichen. Dergleichen aber wäre in hundertfacher Weise unsinnig. Also beweist das irdische Leben mit absoluter Sicherheit den Grundsatz vom Glauben
an das Jenseits und stellt uns in jedem Frühling mehr als dreihunderttausend Musterbeispiele der Auferstehung vor Augen. Ja, wäre es denn überhaupt möglich, dass der allmächtige Lenker und Leiter (Mutasarrif-i Qadier),der in deinem Körper, deinem Garten, deiner Heimat alle für dein Leben notwendigen und geeigneten Werkzeuge und Geräte in Weisheit, Gnade (inayet)und Barmherzigkeit (rahmet)vorbereitet hat und zu seiner Zeit bereitstellt, ja, sogar um deinen Magen weiß und ihn hört, wenn er in seinem Wunsch nach Leben und Beständigkeit mit einem so ganz privaten Gebet um Nahrung fleht, und mit zahllosen wohlschmeckenden Speisen zeigt, dass Er dieses Gebet auch annimmt und den Magen zufrieden stellt, nicht um dich wüsste, dich nicht sähe, die notwendigen Grundlagen für ein ewiges Leben, welches das höchste Ziel des Menschengeschlechtes ist, nicht vorbereiten sollte? das höchste, wichtigste, würdigste, umfassendste Gebet um das immerwährende Leben des Menschengeschlechtes nicht annehmen, ein jenseitiges Leben nicht einrichten und das Paradies nicht erbauen sollte? dem bedeutendsten Geschöpf im All, ja, König der Welt ein so umfassendes und so starkes Gebet, das um der Bedürfnisse des Menschengeschlechtes willen in Himmel und Erde wiederhallt, nicht erhören sollte, wo Er doch dem Gebet des kleinen Magens eine Bedeutung zumisst und ihn zufrieden stellt? Sollte Er ihn dahin führen, die Vollkommenheit Seiner Weisheit und Seine unendliche Barmherzigkeit zu leugnen? Keineswegs und hunderttausendmal nein!...
Und wäre es des Weiteren auch noch möglich, dass Der, welcher auch noch die ganz und gar verborgene Stimme selbst des kleinsten Lebewesens hört und dessen Schmerz wahrnimmt, ihm Heilung schenkt, seine Bedürfnisse befriedigt, sich in ganzer Liebe und Sorge um es kümmert und dafür sorgt, dass es mit Aufmerksamkeit bedient wird, ihm alle Schöpfung dienstbar macht, danach aber die einem Donner vergleichbar laute Stimme des größten und wertvollsten, beständigen und geliebten
Lebens nicht vernehmen sollte!? sein so wichtiges Gebet um Beständigkeit, sein Verlangen und sein Flehen nicht beachten sollte? Das wäre so, als wollte Er einen einzelnen Soldaten mit vollendeter Sorgfalt ausrüsten und versorgen, ein ganzes, großes, stehendes Heer aber vernachlässigen, als könnte Er ein Stäubchen sehen, die Sonne aber nicht sehen! als könne Er das Sirren einer Mücke hören, das Grollen des Donners aber nicht hören! Keineswegs und hunderttausendmal nein!...
Ja, könnte es denn der Verstand überhaupt annehmen, dass der allmächtige und allweise Herr (Dhat-i Qadir-i Hakiem),in Seiner grenzenlosen Barmherzigkeit (rahmet),in Seiner Liebe (muhabbet)und in Seinem unendlichen Mitgefühl (shefqat),der Seine eigenen Kunstwerke doch so sehr liebt, sie dazu hinführt, Ihn zu lieben und diejenigen, welche Ihn lieben noch mehr liebt, das Leben, das Ihn über alles liebt, geliebt wird und liebenswert ist, und seinen Meister (Sani')von Natur (fitrat)aus anbetet, und die Seele (ruh),die Essenz und das Juwel des Lebens, zu ewigem Tode verurteilen und so bewirken könnte, dass der, welcher Sein eigener Liebender und liebevoller Geliebter ist, sich im Zorn für immer und ewig von Ihm abwendet, Ihm grollt, zutiefst gekränkt ist, selbst die tiefe Wahrheit Seines Erbarmens und das Licht Seiner Liebe (muhabbet)verleugnete und ihre Verleugnung verursachte? Keineswegs, hunderttausendmal nein und niemals!...
Eine solche vollkommene Schönheit (Djemal),die das All mit Ihrer (eigenen) Manifestation verschönt und eine solch vollkommene Barmherzigkeit (rahmet),welche alles Geschaffene in Freude taucht, ist sicherlich in unendlichem Grade heilig, unbefleckt und rein von einer solchen grenzenlosen Abscheulichkeit, totalen Schändlichkeit und totalen Ungerechtigkeit und Erbarmungslosigkeit.
Schlussfolgerung:
Da nun einmal in der Welt Leben ist, werden diejenigen Menschen, welche die tiefe Wahrheit des Lebens erfasst und dieses Leben nicht missbraucht haben, an einem ewigen Ort, in einem ewigen Paradies ein ewiges Leben erlangen. "Amenna" (wir glauben)...
So wie aber nun auf dem Antlitz der Erde die glänzenden Dinge ihren Glanz in den Stahlen der Sonne entfalten, auf dem Antlitz der Meere das Licht in den Wassertropfen aufstrahlt und wieder verlischt, während nach ihnen schon wieder andere Tropfen gleich den vergangenen zu Lichtquellen winzig kleiner imaginärer Sonnen werden und damit offensichtlich zeigen, dass dieser ganze Sprühregen aus Fünkchen und Tröpfchen die spiegelgleiche Verkörperung einer einzigen großen Sonne bildet, und mit verschiedenen Zungen die Existenz der Sonne ins Bewusstsein ruft, und mit seinen Lichtfingern auf sie hinweist, ebenso erglänzt auch alles, was auf dem Antlitz der Erde und im Meere lebt, als eine gewaltige Manifestation des Namens des Herrn, des Lebendigen und Beständigen und Leben spendenden durch göttliche Allmacht, spricht "Ya Hayy"
(Leben) und verschwindet hinter dem Vorhang des Unsichtbaren, um anderen, die nach ihm kommen, Platz zu machen, legt so Zeugnis ab für das Leben und dafür, dass es notwendigerweise einen Herrn des Lebens (Hayy)und der Ewigkeit (Qayyum)geben muss, der das ewige Leben ist, und weist darauf hin. Alle Beweise, die ein Zeugnis göttlichen Wissens sind, dessen Spuren in der Ordnung alles Geschaffenen sichtbar werden, alle Belege, welche die Macht beweisen, die im All herrscht, alle Zeugnisse, welche auf einen Wunsch und Willen (irade ve meshiet)hinweisen, welcher über alle Ordnung und Anordnung verfügt, alle Kennzeichen, welche das Prophetentum beweisen, welches Mittler des Wortes des Herrn und der göttlichen Ordnung ist, alle diese Wunder und dergleichen (sie alle zugleich und gemeinsam)... alle Beweise, welche für die sieben göttlichen Attribute ein Zeugnis sind, bezeugen, bestätigen und verweisen übereinstimmend darauf, dass der Herr des Lebens und der Ewigkeit der Lebendige ist.
Denn, wenn ein Ding Sehvermögen besitzt, so muss
auch Leben in ihm sein. Ist Hörvermögen vorhanden, so ist dieses eines der Kennzeichen des Lebens. Ist Sprechvermögen vorhanden, so ist auch dieses eines der Kennzeichen für das Vorhandensein von Leben. Wo Handlungs- und Entscheidungsfreiheit (ihtiyar, irade)gegeben sind, kommt darin Leben zum Ausdruck.
In ähnlicher Weise legen auch solche Attribute wie "der Allmächtige", "der über alles Entscheidende" und "der Allwissende", deren Vorhandensein an ihren Auswirkungen ganz klar und ohne alle Zweifel erkannt werden kann, mit allen ihren Nachweisen dafür Zeugnis ab, dass der Herr des Lebens und der Ewigkeit der Lebendige ist und der notwendigerweise Seiende, und sie legen auch für ein ewiges Leben Zeugnis ab, von dem schon eine einzige Projektion einem Licht gleicht, welches das Weltall erleuchtet, und von dem schon eine einzige Manifestation genügt, das gesamte Haus des Jenseits bis in alle Teilchen hinein mit Leben zu erfüllen.
So steht das Leben auch im Zusammenhang mit dem Grundsatz des Glaubens an die Engel, weist zeichenhaft auf ihn hin. Denn da nun einmal das bedeutendste Ziel im Kosmos das Leben ist, und die Lebewesen darin am weitesten verbreitet sind, und wegen ihres Wertes vielfach wieder aufgelegt werden, und das Gästehaus dieser Erde mit ihrem Kommen und Gehen in Scharen mit Leben erfüllen, und da nun einmal das Erdenrund mit so vielen Arten von Lebewesen erfüllt ist, sich ständig in Weisheit füllt und wieder leert, um so die verschiedenen Arten von Lebewesen jederzeit wieder zu erneuern und neu wieder aufzulegen, und eine Vielzahl von Lebewesen selbst noch aus den wertlosesten und verdorbensten Dingen erschaffen werden, sodass diese zu einem Versammlungsort von Mikroben werden, werden also Bewusstsein und Vernunft, welche das reinste Konzentrat dessen sind, was aus dem Leben extrahiert wurde, und die Seele (ruh),
die ein feinstofflicher und unwandelbarer Juwel ist, auf diesem Erdenrund in aller Vielfalt erschaffen.
Es ist so, als werde die Erde durch das Leben, die Vernunft, das Bewusstsein und die Seele belebt und mit Leben erfüllt. Es liegt sicherlich nicht im Bereich der Möglichkeiten, dass die Himmelskörper, welche feinstofflicher, lichtvoller, größer und bedeutender als die Erde sind, tot und starr sein sollten, ohne Leben und Bewusstsein. Es muss also geeignete, mit Bewusstsein begabte, himmlische Lebewesen geben, um die Himmel, die Sonnen und die Sterne zu bewohnen, zu beleben und mit Leben zu erfüllen, um das Ziel der Erschaffung der Himmel zu verwirklichen und als Partner im Dialog mit dem Hochgelobten (Subhaniye)zu erscheinen. So erfordert es also das Geheimnis des Lebens, dass es auch die Engel gibt...
In ähnlicher Art weist das innerste Geheimnis des Lebens indirekt auch auf den Grundsatz des Glaubens an die Propheten hin und beweist ihn. Denn in der Tat wurde der Kosmos erschaffen um des Lebens willen, und auch das Leben ist eine einzige gewaltige Manifestation des Urewigen, des Lebendigen und Beständigen (Hayy-u Qayyum-u Edhel).
Es ist eines Seiner vollkommensten Schmuckstücke. Es ist eines Seiner schönsten Kunstwerke. Und weiter enthüllt sich das ewige Leben durch die Sendung der Propheten und die Offenbarung der Schriften. Tatsächlich wüssten wir nichts vom ewigen Leben, gäbe es nicht die Bücher und die Propheten. So wie wir erkennen, dass ein Mensch noch körperlich existiert und noch geistig lebendig ist, wenn er redet, so gibt es auch die Propheten und die offenbarten Schriften, um das Wort des Herrn, der hinter der Welt des Unsichtbaren, unter dem Schleier dieses Kosmos verborgen redet und spricht, Befehle erteilt und Verbote erlässt, bekannt zu machen und Seine Ansprachen zu verbreiten.
So wie dieses irdische Leben mit absoluter Sicherheit ein zuverlässiges Zeugnis dafür ablegt, dass der Lebendige von Ewigkeit (Hayy-i Edhel)her da ist und da sein muss, so beweist es indirekt auch die Grundsätze des Glaubens an die Propheten, welche uns gesandt, und die Schriften, welche
uns offenbart wurden, und welche die Strahlen und Manifestationen des urewigen Lebens verkörpern und uns mit ihm verbinden. Besonders weil das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, und die Offenbarung des Qur'an der Seele und dem Verstand des Lebens gleichen, kann man sagen, dass beide eine Realität darstellen, die ebenso sicher ist wie die Existenz des Lebens selbst.
So wie also das Leben tatsächlich ein Konzentrat ist, das aus dem Kosmos extrahiert wurde, Bewusstsein und Gefühl aber konzentriertes Leben, aus dem Leben extrahiert, Vernunft aber ein Konzentrat des Bewusstseins, extrahiert aus Bewusstsein und Gefühl, der Geist (ruh)aber ein echtes und reines Juwel und die unwandelbare und unabhängige Essenz des Lebens, so ist auch das leibliche und seelische Leben Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das konzentrierte Konzentrat, das aus dem Leben und dem Geist des Kosmos extrahiert wurde. Das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, aber ist das reinste Konzentrat, das aus dem Gefühl, dem Bewusstsein und der Vernunft des Kosmos extrahiert wurde. Ja, sogar das leibliche und seelische Leben Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, ist - wie seine Werke bezeugen - das Leben des kosmischen Lebens, und das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, ist das Bewusstsein und das Licht des kosmischen Bewusstseins, und die Offenbarung des Qur'an - Zeugnis lebendiger Wahrheit! - ist der Geist des kosmischen Lebens und die Vernunft des kosmischen Bewusstseins. Ja, fürwahr, so ist das in der Tat!...
Verließe das Prophetentum Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, das All, schiede aus ihm sein Licht, so stürbe das All. Entschwände uns (die Botschaft) des Qur'an, verlöre das Erdenrund Kopf und Verstand, und das All würde verrückt werden. Vielleicht stieße dann sein willenlos gewordener Kopf gegen einen Planeten und der Jüngste Tag bräche herein...
Leben steht ferner in Beziehung zu dem Grundsatz des Glaubens an Qader (Vorauswissen Gottes, Konsequenz im Leben) und ist der indirekte Beweis dafür. Weil aber das Leben aus dieser Erde, die wir hier bezeugen, hervorsprießt (wie das Licht aus der Sonne) und alles erfüllt und die Frucht und das Ziel des Daseins, ja, einen Brennspiegel darstellt für den Schöpfer des Alls, ein vollkommenes Abbild der Taten des Herrn und sie alle beinhaltet und als deren Programm (wenn dieser Vergleich gestattet ist) angesehen werden darf, erfordert das Geheimnis des Lebens sicherlich, dass die abwesende Welt (alem-i ghayb),
nämlich die Vergangenheit und die Zukunft, sich in einem Zustand der Bereitschaft zu Regelmaß, System und Bekanntheit {malumiyet: Die Naturgesetze sind bekannt. Sie wurden in der Vergangenheit beobachtet und werden auch für die Zukunft als bekannt vorausgesetzt. (A.d.Ü.)} befindet, bezeugt, determiniert und den Naturgesetzen unterworfen, so wie es dem inneren Leben (hayat-i maneviye)der Geschöpfe entspricht. Im Pflanzkorn eines Baumes, in dessen Wurzeln und Zweigen, wie in den Samenkörnern seiner Früchte, offenbart sich gleich wie in dem Baum selbst in seiner jeweils ihm eigenen Art stets wieder das gleiche Leben. Ja, die Samenkörner tragen die Gesetze des Lebens sogar in einer noch verfeinerteren Form in sich als der ganze große Baum. In ähnlicher Weise tragen die Samenkörner und Wurzeln, die der Herbst vor dem gegenwärtigen Frühling zurückgelassen hat, und die Samenkörner und Wurzeln, die der kommende Frühling, der folgt, nachdem dieser Frühling vergangen ist, zurücklassen wird, alle das selbe Antlitz des Lebens und folgen denselben Lebensgesetzen.
In gleicher Weise haben auch alle die Äste und Zweige am Weltenbaum ihre eigene Zukunft und ihre eigene Vergangenheit. Sie haben eine Kette, die gebildet wird aus der Haltung und dem Verhalten in Vergangenheit und Zukunft.
Jede Art und jedes Teilchen findet sich mit all seinen verschiedenen Formen im Wissen Gottes, unterscheidet sich in der Art seiner Existenz und bildet in diesem Wissen eine Kette seiner Existenz, und auch das, was in diesem Wissen existiert (vudjud-u ilmi),zeigt sich als eine Offenbarung des Geistes (manevi)und des universellen Lebens in gleicher Weise wie das, was bereits sichtbar existiert (vudjud-u haridji).Es erhält die Bestimmung seines Lebens (muqadderat-i hayatiye)von diesen mit Geist und Leben erfüllten Tafeln der Bestimmung (elvah-i qaderiye).
Die Tatsache, dass die Welt der Geister (alem-i ervah),welche einen Teil der unsichtbaren Welt (alem-i ghayb)darstellt, erfüllt ist von Geistern, die das eigentliche Leben und den Stoff des Lebens bilden und lebendige Wesen und Juwelen sind, verlangt und erfordert mit Sicherheit, dass auch die andere Art der abwesenden Welt (alem-i ghayb),die wir Vergangenheit und Zukunft nennen und ihr zweiter Teil ist, zur Verwirklichung der Manifestation des Lebens gelangen soll. Zudem zeigt auch die vollendete Ordnung, die bedeutsame Stellung, die lebendige Frucht und das Verhalten eines Dinges, so wie wir sie im Bereich des Wissens (vudjud-u ilmi)vorfinden, eine Art Manifestation geistigen (manevi)Lebens. Tatsächlich kann diese Art einer Manifestation des Lebens, die ein Strahl der Sonne des urewigen Lebens ist, sicherlich nicht allein auf diese bezeugte Welt, diese gegenwärtige Zeit und diese äußerliche Existenz beschränkt sein. Vielmehr empfängt jede einzelne Welt ihrer Fähigkeit entsprechend eine Manifestation dieses Lichtes, und das All ist voll Licht und Leben durch diese Manifestation in allen seinen Welten. Wenn dies nicht so wäre, dann wäre jede einzelne Welt, so wie dies in den Augen der Irregeleiteten erscheint, ein großer und furchtbarer Leichnam, eine von Finsternis und Zerfall erfüllte Welt inmitten eines vergänglichen und nur äußerlichen Lebens.
So wird in diesem Geheimnis des Lebens auch ein breiter
und grundsätzlicher Aspekt des Glaubens an das göttliche Vorherwissen und seine Erfüllung (qader ve qadha)verständlich und dadurch erhärtet. Denn gerade so wie die bezeugte Welt und die gegenwärtig vorhandenen Dinge in der Art ihrer Entstehung und in dem, was sie hervorbringen, das Leben bezeigen, das in ihnen ist, genauso haben auch die Geschöpfe der vergangenen und künftigen Zeiten, die der abwesenden Welt (alem-i ghayb)zugerechnet werden, eine, inneres Leben tragende, geistige Existenz (vudjud-u manevi)und ihre geistige Gewissheit in Seinem Wissen, was sich im Namen Zukunft und durch die Vermittlung der Tafeln des göttlichen Vorherwissens und seiner Erfüllung (lauh-i qader ve qadha)in den Werken dieses geistigen Lebens (manevi hayat)zeigt und in ihnen offensichtlich wird...
Fünftes Zeichen
Zudem wurde im Sechzehnten Merkmal des Lebens gesagt:
Wenn das Leben in ein Ding eingeht, so macht es diesen Körper einer Welt gleich. Ein Teil des Körpers nimmt (am Leben) des ganzen (Körpers) teil, und selbst ein Mitglied (der Menschheit) erhält (die Bedeutung) der gesamten (Menschengattung). Das Leben ist in der Tat so umfangreich, dass es einem Sammelspiegel göttlicher Einheit (Ahadiyet)gleicht, der die meisten Schönen Namen zeigt, die überall im Universum in Erscheinung treten. Sobald also das Leben einen Leib erfüllt, gibt es ihm die Bedeutung einer kleinen Welt wie einer Art Same des Weltenbaumes, der gleichsam ein Inhaltsverzeichnis von ihm enthält. In der gleichen Art, wie ein Samenkorn nur das Werk jener Macht sein kann, die im Stande ist jenen Baum hervorzubringen, den es in sich enthält, muss der, welcher auch nur das kleinste Lebewesen erschafft, auch der Schöpfer des ganzen Kosmos sein. So zeigt denn das Leben durch seinen Umfangreichtum in sich selbst das verborgene Geheimnis der göttlichen Einheit (sirr-i ahadiyet).Das heißt, so wie die große, mächtige Sonne mit ihrem Licht, ihrem Widerschein und ihren sieben Farben
in jedem Wassertropfen und in jedem Stückchen Glas gegenwärtig ist, das ihr zugewandt ist, so erscheinen auch in jedem Lebewesen all die göttlichen Namen und Attribute, die das All umfassen, gemeinsam. Dieser Betrachtungsweise entsprechend macht das Leben den Kosmos zu einer Ganzheit, der im Hinblick auf die Herrschaft Gottes und seine Erschaffung (rububiyet ve idjad)keine Teilung und keine Spaltung dulden kann, vielmehr zu einer Gesamtheit, bei der jede Mitwirkung oder Abspaltung außerhalb des Möglichen liegt.
Das Siegel in deinem Antlitz zeigt in der Tat ganz offensichtlich, dass der Eine, der dich geschaffen, auch der Eine ist, der die ganze Menschheit erschaffen hat. Denn die Natur (mahiyet)des Menschen ist eins. Sie zu spalten ist nicht möglich. So sind denn in (dieser Einheit allen) Lebens die einzelnen Bestandteile des Universums gleich den einzelnen Mitgliedern der Menschheitsfamilie. Und was das All betrifft, so gleicht es der Menschengattung. So wie es das Siegel der göttlichen Einheit (sikke-i ahadiyet)zeigt, so zeigt es auch den Stempel des Unwandelbaren (khatem-i samediyet)auf jedem Individuum wie auch auf dem Ganzen und weist so in jedem Fall jede Teilhaberschaft und jede Annahme eines Partners zurück.
So gibt es denn so außergewöhnlich staunenswerte Wunder (aus dem Atelier) der Kunst des Herrn, dass eine Person, eine Macht (qudret),die nicht das All erschaffen kann, auch nicht das kleinste Lebewesen erschaffen kann. Eine Feder, die in ein winzig kleines Saatkorn das Inhaltsverzeichnis einer riesengroßen Tanne und das Programm seines Lebens hineinschreiben kann, so wie man den ganzen Qur'an in einer Nuss zusammenfassen kann, kann sicher keine andere Feder sein als die, welche auch den Himmel mit seinen Sternen schreibt. Und der, der in den kleinen Kopf der Biene die Fähigkeit eingepflanzt hat, die Blumen im Garten des Universums zu kennen und mit den meisten ihrer Arten in Verbindung zu stehen, ein Geschenk der Barmherzigkeit, wie den Honig,
zuzubereiten und an dem Tage, da sie zur Welt kommt, ihre Lebensbedingungen zu kennen, kann sicherlich kein anderer sein, als der Schöpfer des ganzen Universums.
Zusammenfassung:
Leben ist ein strahlendes Siegel der göttlichen Einheit (Tauhid)auf dem Antlitz des Universums und im Hinblick auf das Leben sind alle geistbegabten Wesen Siegel der göttlichen Einheit (Ahadiyet).Die Kunstgewebe, die sich in jedem einzelnen Lebewesen finden, formen einen Stempel göttlicher Einzigartigkeit (Samedaniyet)und setzen im Namen des Lebendigen und Unwandelbaren (Hayy-i Qayyum)durch ihr Leben ihre Unterschrift nach der Anzahl aller Lebewesen unter den Brief des Universums. Und so wie alle lebenden Wesen, gleich wie das Leben selbst, Siegel der göttlichen Allgegenwart (Vahdaniyet)in diesem Buch des Universums sind, so wurde auch einem jeden Gesicht das Siegel der göttlichen Einheit (Ahadiyet)ins Antlitz geprägt.
Und so wie ferner das Leben Unterschriften und Siegel formt, die für die Allgegenwart (Vahdet)des Lebendigen und Unwandelbaren (Hayy-i Qayyum)nach der Anzahl der einzelnen Lebewesen Zeugnis ablegen, so gibt (Gott) auch dadurch, dass Er ins Leben ruft und das Leben erhält, in diesem Akt eine Unterschrift für Seine Einheit (Tauhid).Zum Beispiel: wann immer (Gott) die Erde als ein individuelles Lebewesen wieder neu belebt, so bezeugt sie dabei genauso wie die Sonne in ihrem Strahlenglanz Seine göttliche Einheit (Tauhid).Denn im Frühling werden mit der Wiederauferstehung der Erde dreihunderttausend verschiedene Arten und zahllose Exemplare einzelner Mitglieder wieder zurück ins Leben gerufen, eines neben dem anderen, ohne Mangel oder Fehler in regelrechter und vollkommener Ordnung. Der, welcher in einem einzigen (allumfassenden) Akt dieser Art zahllose wohlgeordnete (darin einbegriffene) Handlungen (gleicher Art) vollzieht, muss sicherlich der Schöpfer aller Wesen und Ein-Einziger (Vahid-i Ahad)sein, der Lebendige und Unwandelbare (Hayy-i Qayyum),der alle Lebewesen ins Leben ruft, dessen
Herrschaft (rububiyet)jede Mitwirkung als unmöglich (ausschließt).
Bis hierhin wurden einige Merkmale des Lebens kurz skizziert. So überlassen wir denn die Erläuterung der übrigen Merkmale und ihre eingehende Erörterung in der Risale-i Nur für eine andere Zeit.
Schlussfolgerung
Der Gewaltige Name (Ism-i Adham)kann nicht für jeden der gleiche sein. Für Imam Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, bestand er aus den sechs Namen: der Alleinige (Ferd),der Lebendige (Hayy),der Unwandelbare (Qayyum),der Richter (Hakem),der Gerechte ('Adl)und der Heilige (Quddus).Für den Großen Imam (Imam-i A'dham)bestand der Gewaltige Name aus den beiden Namen der Richter (Hakem)und der Gerechte ('Adl).Für Ghauthu-l'Adham war es der Name "der Lebendige (Hayy)".Für Imam Rabbani war der Gewaltige Name der Unwandelbare (Qayyum)usw. Viele andere Leute haben einen anderen für den Gewaltigen Namen gehalten.
In Verbindung mit diesem Fünften Punkt über den Namen "der Lebendige (Hayy)"als sowohl ein Segen, ein Zeugnis, ein Beweis, ein Heiliges Zeichen, ein Gebet (dua)für uns selbst und als guten Abschluss dieser Abhandlung fügen wir, entsprechend einer Äußerung des Ehrenwerten Gesandten, mit dem Friede und Segen sei, noch das folgende "Große Bittgebet (Djaushanu-l'Kebir)hinzu, das uns die außerordentlich erhabene und allumfassende Stufe seines Wissens über Gott aufzeigt. Wir wollen nun in unserer Vorstellung in diese Zeit reisen und ein Amen zu dem sagen, was der Ehrenwerte Prophet, mit dem Friede und Segen sei, gesagt hat, und die selben Bittgebete aussprechen und nun selbst mit den Worten Mohammeds, mit dem Friede und Segen sei, sagen:
يَا حَىُّ قَبْلَ كُلِّ حَىٍّ ٭ يَا حَىُّ بَعْدَ كُلِّ حَىٍّ ٭ يَا حَيُّ الَّذِى لَيْسَ كَمِثْلِهِ حَىٌّ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى لاَ يُشْبِهُهُ شَيْءٌ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى لاَيَحْتَاجُ اِلَى حَىٍّ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى لاَيُشَارِكُهُ حَىٌّ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى يُمِيتُ كُلَّ حَىٍّ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى يَرْزُقُ كُلَّ حَىٍّ ٭ يَا حَىُّ الَّذِى يُحْىِ الْمَوْتَى ٭ يَا حَىُّ الَّذِى لاَيَمُوتُ ٭ سُبْحَانَكَ يَا لآَ اِلٰهَ اِلاَّ اَنْتَ الْاَمَانُ الْاَمَانُ نَجِّنَا مِنَ النَّارِ اٰمِينَ
سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{ "Oh Lebendiger vor allen Lebenden!
"Oh Lebendiger nach allen Lebenden!
"Oh Lebendiger, dessen Leben keines ähnelt!
"Oh Lebendiger, dessen Leben kein Ding gleicht!
"Oh Lebendiger, der kein lebendes Wesen benötigt!
"Oh Lebendiger, der keines Lebens zu Seinem Partner bedarf!
"Oh Lebendiger, der alles Leben zum Tode führt!
"Oh Lebendiger, der alle lebenden Wesen versorgt!
"Oh Lebendiger, der die Toten ins Leben zurückruft!
"Oh Lebendiger, der niemals stirbt!"
"Gepriesen seist Du! Oh Du, außer dem es keine Gottheit gibt, außer Dir. Unser Schutz, unser Hort, bewahre uns vor dem Feuer!"
"Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Denn Du bist der Allwissende, der Allweise!" (Sure 2, 32)}
Sechster Punkt des Dreißigsten Blitzes
Dieser Punkt beschäftigt sich mit dem göttlichen Namen "der Unwandelbare (Qayyum)".
So wie die Zusammenfassung (der Abhandlung über) den Namen "der Lebendige (Hayy)"ein Anhang (zu dem Buch) "Die Quelle des Lichtes" ist, so ist auch diese Abhandlung über den Namen "Der Unwandelbare (Qayyum)" (eine Zusammenfassung und gilt als) geeignet als Anhang zum "Dreißigsten Wort".
Zur Beachtung:
Da diese Punkte, die den Gewaltigen Namen betreffen, im äußersten Grade umfangreich und zugleich außerordentlich tiefschürfend sind, insbesondere diejenigen, die sich mit dem Namen "Der Unwandelbare (Qayyum)"beschäftigen, und da sich vor allem der "Erste Strahl"
{(*): Falls der Leser dieser Abhandlung nicht gerade akademisch gebildet ist, sollte er nicht mit der Lektüre dieses Ersten Strahls beginnen, sondern das ein andermal lesen (und stattdessen) mit dem Zweiten beginnen.}
an die Materialisten richtet und deshalb noch tiefer (in die Materie) eindringt, wird sicherlich nicht jeder in der Lage sein, jeden Punkt in all seinen Aspekten zu verstehen. Doch wird jeder dazu in der Lage sein, wenigstens aus einem Teil der Angelegenheit einen Nutzen für sich zu ziehen. Nach dem Grundsatz: "Auch wenn man eine Sache nicht vollständig in den Griff bekommt, sollte man sie sich auch nicht vollständig durch die Finger gleiten lassen." ist es nicht vernünftig, eine solche Angelegenheit vollständig beiseite zu lassen und dabei zu sagen: "Ich kann in diesem Garten des Geistes nicht alle Früchte pflücken." Soviel ein Mensch auch immer von ihnen pflücken kann, so groß wird auch sein Nutzen davon sein. Denn so wie die Dinge, die mit dem Gewaltigen Namen verbunden sind, über die Maßen umfangreich sind, sodass man sie nicht mehr erfassen kann, so sind sie zugleich
auch so subtil, dass der Verstand nicht mehr in sie eindringen kann. Besonders (die Dinge, die sich auf) den Namen der Lebendige und der Unwandelbare (Hayy ve Qayyum)beziehen, und besonders das (Vierte) Zeichen, (in dem der Zusammenhang des) Lebens mit den (sechs) Glaubenspfeilern (bewiesen wird) und darin besonders der Hinweis des Lebens auf den Pfeiler von Qadhaund Qader(= das Vorauswissen Gottes und seine Folgen) und der Erste Strahl des (nun folgenden) Kapitels über den Namen "Der Unwandelbare (Qayyum)"sind Gedankengänge, denen nicht jedermann zu folgen vermag, wenn er auch nicht ohne seinen Anteil an ihnen bleibt, vielmehr werden sie seinen Glauben stärken. Die Stärkung des Glaubens aber, welche der Schlüssel zur ewigen Glückseligkeit ist, hat eine überwältigende Bedeutung. Ja sogar die Stärkung des Glaubens auch nur um ein Stäubchen ist wie ein Schatz. Imam Rabbani Ahmedu-l'Faruqui sagte: "Wachstum in einer selbst noch nebensächlichen Glaubensfrage ist, nach meiner Meinung, Hunderten von Wundern (keramet)und geistigen Genüssen vorzuziehen. "
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ ٭ بِيَدِهِ مَلَكُوتُ كُلِّ شَيْءٍ ٭ لَهُ مَقَالِيدُ السَّموَاتِ وَ الْاَرْضِ ٭ وَاِنْ مِنْ شَيْءٍ اِلاَّ عِنْدَنَا خَزَآئِنُهُ ٭ مَا مِنْ دَآبَّةٍ اِلاَّ هُوَ اٰخِذٌ بِنَاصِيَتِهَا
{"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen" "In dessen Hand die Herrschaft über alle Dinge ist." (Sure 36, 83) "Ihm gehören die Schlüssel der Himmel und der Erden." (Sure 39, 63) "Und es gibt nichts von allen Dingen, sie seien denn bei uns als unsere Schätze." (Sure 15, 21) "Es gibt keine Lebewesen, die sich bewegen, Er hielte sie denn an ihrem Schopfe fest." (Sure 11, 56)}
Ein Punkt, der solche Ayat wie diese betrifft, und der auf Gottes Unwandelbarkeit (Qayyumiyet)hinweist, die gewaltigste Erscheinung des Namens "der Unwandelbare (Qayyum)",der entweder der Gewaltige Name ist, oder
der zweite der beiden Lichter des Gewaltigen Namens, oder das sechste Seiner sechs Lichter, offenbarte sich meinem Geist während des Monats Dhu-l'Qa'da. Meine Lage im Gefängnis zu Eskischehir erlaubt es mir nicht, dieses gewaltige Licht (Nuru-l'adham)in seiner ganzen Fülle darzulegen. Doch Imam Ali, mit dem Gott zufrieden sein möge, erklärte den Gewaltigen Namen in (dem Gebet) Sekina aus seiner Kasside "Erdjusa" und in seiner Kasside Djeldjelutiye betrachtete er die sechs Namen, die den Gewaltigen Namen bilden zusammen mit noch anderen majestätischen Namen und erklärte sie als die größten und bedeutendsten. Da er uns unter diesen Namen eine so wunderbare Tröstung zuteil werden ließ, wollen wir hier auch auf den Namen "der Unwandelbare (Qayyum)",auf dieses gewaltige Licht, mit fünf Strahlen gleich den obigen fünf Namen zumindesten in einer verkürzten Form hinweisen.
Erster Strahl:
Der Schöpfer des Universums in Seiner Majestät (Khaliq-i Dhu-l'Djelal)ist der Unwandelbare (Qayyum),das heißt, er besteht aus sich selbst, immerwährend, fortwährend (daim),für die Dauer (baqi).Durch ihn bestehen alle Dinge immerwährend, fortdauernd. Sie bleiben im Sein (vudjud)und finden in ihm ihre Beständigkeit (baqa).Würde diese Verbindung mit dieser Unwandelbarkeit auch nur für den Bruchteil einer Sekunde unterbrochen, müsste das Universum untergehen.
Und ferner sagt der Ruhmreiche Qur'an, dass es für den Majestätischen Herrn (Dhat-i Dhu l-Djelal)neben seiner Unwandelbarkeit لَيْسَ كَمِثْلِهِ شَيْءٌ {"Kein Ding ist Ihm gleich." (Sure 42, 11)} das heißt, weder in Seinem Wesen, noch in Seinen Eigenschaften, noch in Seinen Taten ein Ebenbild gibt, eine Entsprechung, oder Seinesgleichen oder einen Teilhaber. Für Ihn, den Allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes),der mit Seiner Herrschaft (rububiyet)über den ganzen Kosmos mit all seinen Gegebenheiten
und Funktionen verfügt und ihn wie sein Haus oder Schloss in vollkommener Ordnung verwaltet, versorgt, lenkt und leitet, kann es in der Tat ein Gleiches, ein Entsprechendes, einen Teilhaber (sherik)oder einen Mitwirkenden nicht geben. Dies wäre unmöglich.
In der Tat kann es für jemanden, für den die Erschaffung der Sterne genauso leicht ist wie die der Atome und dessen Macht die größten Dinge genauso unterworfen sind, wie auch die kleinsten Dinge Ihm unterworfen sind, und für den nichts ein Hindernis gegenüber irgendeinem anderen Ding ist, und keine Handlung ein Hindernis gegenüber anderen Handlungen ist, und vor dessen Augen zahllose Geschöpfe anwesend sind, in der gleichen Weise wie auch ein einzelnes Wesen vor Ihm anwesend ist, der alle Stimmen gleichzeitig hört, und der in der Lage ist, die unendlich vielen Nöte aller gleichzeitig wahrzunehmen, und außerhalb dessen Willen und Wollen (meshiet ve irade)nichts ist, keine Lage, so wie dies durch die Ordnung und Ausgewogenheit all dessen, was anwesend ist, bezeugt wird, wie durch die Wesen in aller Welt, und obwohl Er an keinem Ort ist, so ist Er doch durch Seine Macht anwesend an jedem Ort, und obwohl alle Dinge äußerlich von ihm entfernt sind, so ist Er doch auch im Stande allen äußerlich nahe zu sein: ein solcher Lebendiger und Unwandelbarer in Seiner Majestät (Dhat-i Hayy-u Qayyum-u Dhu l-Djelal)kann ganz sicher in keiner Weise einen Seinesgleichen haben, einen, der Ihm entspricht, einen Beigehilfen (sherik),einen Teilhaber, ein Gegenüber oder ein Ebenbild. Es wäre dies unmöglich. Seine heiligen Fähigkeiten und Eigenschaften (shuunat-i qudsiye)können nur in Allegorien und Metaphern betrachtet werden. Alle diese Metaphern und Allegorien in der Risale-i Nur haben eine Ähnlichkeit mit diesen Allegorien und Parabeln.
So ist denn dieser zuhöchst Reine und Heilige (= Dhat-i Aqdes)ohne einen Seinesgleichen, äußerlich weit entfernt von aller Materie und jenseits des Raumes. Ihn zu zerteilen und zu zerspalten ist in jeder Hinsicht unmöglich, wie auch irgendeine Art von Wechsel oder Veränderung. Machtlos
oder in Not (adjz)zu sein liegt für ihn außerhalb jeglicher Grenzen irgendeiner Möglichkeit. Und doch nimmt eine Gruppe unter den Leuten der Irreleitung gewisse Erscheinungen dieses in Seinem Kern zuhöchst reinen und heiligen Wesens, das auf den Seiten des Alls erscheint und selbst auf den Seinsebenen des zuhöchst Reinen und Heiligen (Dhat-i Aqdes),und schreibt die Befehle Seiner Göttlichkeit einigen Kreaturen zu. Sie schreibt einige Attribute des Majestätischen Einen (Dhat-i Dhu l-Djelal)den Werken der Natur zu.
Doch wurde bereits an zahlreichen Stellen in der Risale-i Nur mit zuverlässigen Beweisen nachgewiesen, dass die Natur ein Kunstwerk Gottes ist. Sie kann jedoch nicht der Künstler sein. Sie ist eine Schrift des Herrn, kann jedoch nicht deren Schreiber sein. Sie gleicht einem kunstvollen Gewebe, kann jedoch nicht dessen Weber sein. Sie gleicht einem Geschäftsbuch, kann aber nicht der Geschäftsführer oder dessen Buchhalter sein. Sie ist ein Kodex von Gesetzen, aber nicht seine durchführende Instanz. Sie ist eine Lineatur, aber nicht das Lineal. Sie ist das reagierende Objekt und nicht das agierende Subjekt. Sie ist eine Regel aber nicht der Regulator. Sie ist (der Ausdruck) einer gesetzmäßigen Veranlagung, aber nicht (der Urheber) dieser Gesetzgebung.
Wenn wir einmal den unmöglichen Fall annehmen, wir würden es der Natur überlassen, auch nur das kleinste Lebewesen zu erschaffen und zu ihr sagen: "Mach dies!", so wäre es auch notwendig, die Gussformen vorzubereiten oder noch besser Maschinen entsprechend der Anzahl Exemplare dieses kleinen Lebewesens und der Glieder seines Körpers bereit zu stellen, damit die Natur nun die Arbeit ausführen könne, so wie wir dies an so vielen Stellen in der Risale-i Nur mit sicheren Beweisen gezeigt haben.
Obwohl nun darüber hinaus eine Gruppe von Leuten des Irrweges, die man Materialisten nennt, bereits in der wohlgeordneten Umwandlung (der Zusammensetzung) der Atome (zu Molekülen) eine gewaltige Manifestation
der Schöpferkraft (khalqiyet-i Ilahiye)und Macht Gottes (qudret-i Rabbaniye)empfangen hatte, nun aber nicht wusste, woher sie diese Manifestation empfangen hatte, und nicht verstehen konnte, von wo aus diese universelle Kraft (umumi quvvet)gelenkt wurde, die in der Manifestation der Kraft des Ewig-Einzigartigen (qudret-i samedaniye)ihren Ursprung hat, und weil sie nun glaubte, diese Materie und ihre Energie hätten seit urewigen Zeiten Bestand, begannen sie die Werke Gottes den Atomen und deren Bewegungen zuzuschreiben. Gepriesen sei Gott (Fesubhanallah)!Wäre es denn für menschliche Wesen möglich, so dumm zu sein, dass sie die Handlungen und Werke den Atomen und ihren Bewegungen, die von den Stürmen eines leblosen, blinden, unbewussten, willenlosen und unwägbaren Zufalls hin und her geschleudert werden, zuschreiben, wo sie doch nur von dem ausgeführt werden können, der zwar in keinem Raum, aber doch überall in der Weise anwesend ist, dass er alles zu sehen, zu wissen und alle Dinge der Schöpfung aller Dinge an allen Orten zu lenken und zu leiten weiß?
Weil sich aber nun diese bedauernswerten Kerle in der Tat von der vollkommenen Allgegenwart (vahdet-i mutlaq)abgewandt haben, sind sie in die unendliche und grenzenlose Vielheit (kethret-i mutlaq)gestürzt. Das heißt, da sie den einen und einzigartigen Gott nicht angenommen haben, sind sie nun dazu gezwungen eine endlose Reihe von Gottheiten anzunehmen. Das aber heißt: solange sie noch nicht dazu in der Lage sind, die Idee eines einzelnen zutiefst reinen und heiligen Herrn (= Dhat-i Aqdes),Seine Urewigkeit (edheliyet)und Seine Kreativität (khaliqiyet),die ein notwendiger Ausdruck ihres Wesens sind, in ihren verdorbenen Geist hinein zu bekommen, sind sie auf Grund ihrer Ansichten gezwungen, die Urewigkeit dieser grenzenlosen, endlosen und leblosen Atome, ja sogar ihre Göttlichkeit anzunehmen.
So komm denn und betrachte diesen äußersten Rand einer solchen Dummheit! Denn die Erscheinung in den Atomen hat diesen Haufen Atome mit Sicherheit durch die Stärke (hauliye),die Macht (qudret)und den Befehl (emr)dessen, der da notwendigerweise
sein muss (vadjibu-l'vudjud),in eine ganz prächtige wohlgeordnete Armee verwandelt. Wenn der Befehl (emr)und die Macht (quvvet)dieses gewaltigen Kommandanten auch nur für eine Sekunde zurückgezogen würde, so würde diese grenzenlose, leblose, unbewusste Masse zu einem Haufen führungsloser Soldaten, ja sie würden allesamt zu Grunde gehen.
Und ferner ist es, als würde eine andere Gruppe Leute sogar noch weiter vorausblicken. Das heißt, dass sie sogar noch mehr in die Irre geleitet sind. Sie stellen sich vor, dass jene Quintessenz, als die man den Äther bezeichnet und die eine äußerst subtile, sehr feine, gehorsame und unterwürfige Seite der Handlungen des majestätischen Herrn (Sani-i Dhu l-Djelal)ist, ein Transportmittel zur Übermittlung Seiner Befehle, ein hauchdünner Schleier über der Ausübung Seiner Macht, eine verfeinerte Tinte für Seine Schreiben, ein besonders feines Gewebe für Seine Schöpfung, das Ferment all Seiner Kunstwerke und der Acker für Seine Saat ist, (für diese Leute aber) die Grundform und das Subjekt (aller Dinge sein solle, weil es) der Spiegel Seiner göttlichen Herrschaft (rububiyet)ist.
Diese sonderbare Unwissenheit aber macht noch weitere Unmöglichkeiten notwendig, weil der Äther als Quintessenz ein Element ist, das ohne Bewusstsein ist, ohne Leben, ohne Willen, noch feiner als die Materie, aus der die Atome bestehen, in der die Materialisten baden gehen, aber noch dichter als die Essenz der Hyle (Urmaterie), in die sich die Philosophen der alten Welt gestürzt hatten. Einem solchen Stoff, der beladen ist mit den Qualitäten und Aufgaben seiner Passivität und der Fähigkeit, etwas zu übertragen, die Werke und Taten zuzuschreiben, die aus einem Willen (idare, ihtiyar)und einer Macht (iktidar)entstehen, die sieht und weiß und alle Dinge in allen Dingen weiß und erkennt und lenkt und leitet, ist falsch.
Der Schöpfungsakt (fiil-i idjad),wie er in den Dingen offensichtlich wird, ist von der Art, dass er aufzeigt, dass er von einer Macht (iktidar)ausgeht und von einem Willen (ihtiyar),der sieht und der
die meisten Dinge kennt, ja sogar das ganze Universum in jedem einzelnen Ding, besonders aber den lebendigen, und der die Beziehungen der lebenden Wesen mit dem ganzen Kosmos erkennt und ihnen Sicherheit gibt. Er zeigt damit, dass er nicht eine Handlung der Ursachen sein kann, die auf die Materie einwirken und nicht allumfassend sind. Im Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)gebiert ein schöpferischer Akt (fiil-i idjad)ein gewaltiges Geheimnis, das darauf hinweist, dass es unmittelbar ein Akt des Schöpfers des ganzen Kosmos ist.
Zum Beispiel zeigt der Akt der Erschaffung (idjad)einer Biene, dass er mit dem Schöpfer des Universums in zweierlei Weise verbunden ist:
Erster Aspekt:
Die Tatsache, dass all die anderen Bienen all überall auf der Welt dieser einen Biene ähnlich sehen, die sich im selben Akt zur selben Zeit manifestiert, zeigt, dass der besondere (Akt der Erschaffung eines Bienenvolkes) und der individuelle Akt (der Erschaffung einer einzelnen Biene) die Spitze eines umfassenden Aktes ist, welcher das Gesicht der Erde umarmt, in welchem Fall, wer auch immer der Urheber und Besitzer dieses umfassenden Aktes sein mag, auch der Urheber dieses besonderen Aktes sein muss.
Zweiter Aspekt:
Um Urheber jener Handlungen sein zu können, die auf die Erschaffung der in Frage stehenden Biene ausgerichtet sind, ist eine Macht und ein Wille (iktidar ve ihtiyar)notwendig, der weit genug ist, um die Lebensbedingungen der Biene, ihre Veranlagung sowie ihre Beziehungen zu ihrer Welt kennen und sicherstellen zu können. Deshalb wird der, der eine einzelne Handlung durchführen will, dies nur dann perfekt machen können, wenn er auch Macht über das Universum hat.
So zeigt denn auch noch die geringste Handlung in zweifacher Hinsicht, dass sie dem Schöpfer aller Dinge zu Eigen ist.
Die merkwürdigste und eigentümlichste Angelegenheit aber ist folgende:
Urewigkeit und Beständigkeit (edheliyet ve sermediyet),welche die wesentlichste Besonderheit und am notwendigsten für den ist, der da notwendigerweise sein muss (Dhat-i Vadjibu-l'Vudjud),der eine Notwendigkeit (vudjub)auf der mächtigsten (quvvet)Stufe des Seins (vudjud)besitzt, der von (aller Gebundenheit an) die Materie abgesondert ist, was die unbeweglichste Stufe des Seins ist, der eine Freiheit von (aller Gebundenheit an) den Raum besitzt, was jener Zustand des Seins ist, der am weitesten entfernt ist von jeglichem Zerfall und der über eine göttliche Allgegenwart (vahdet)verfügt, welche die zuverlässigste Eigenschaft des Seins ist, heilig, unwandelbar und (gewissermaßen der Gegenpol zum) Nichtsein, (eine solche Urewigkeit und Beständigkeit) den Dingen zuzuschreiben, wie dem Äther oder den Atomen, also einem Stoff, welcher der Materie auf ihrer schwächsten Stufe des Seins, in feinster, veränderlichster, wandelbarster Form, am weitesten über den Raum verteilt zugehört, und sie auf die Urewigkeit zurückzuführen, sie sich als urewig vorzustellen, während einige sogar meinen, dass alle göttlichen Werke aus ihnen entstanden seien, ist eine Auffassung, die der Wahrheit so sehr entgegengesetzt ist, den Tatsachen so sehr widerspricht, so weit entfernt davon ist noch vernünftig zu sein, dass sie geradezu absurd erscheint. Dies wurde bereits in verschiedenen Teilen der Risale-i Nur mit stichhaltigen Beweisen dargelegt.
Zweiter Strahl:
Besteht aus zwei Fragestellungen
Erste Fragestellung:
Diese Ayat verweisen auf die gewaltige Erscheinung des Namens "der Unwandelbare (Qayyum)".
لاَ تَاْخُذُهُ سِنَةٌ وَلاَ نَوْمٌ ٭ مَا مِنْ دَآبَّةٍ اِلاَّ هُوَ اٰخِذٌ بِنَاصِيَتِهَا ٭ لَهُ مَقَالِيدُ السَّموَاتِ وَ الْاَرْضِ
{"Nicht überkommt Ihn Schlummer noch Schlaf." (Sure 2, 255) "Es gibt keine Lebewesen, die sich bewegen, Er hielte sie denn an ihrem Schopfe fest." (Sure 11, 56) "Ihm gehören die Schlüssel der Himmel und der Erden." (Sure 39, 63)}
Ein Aspekt dieser gewaltigen Wahrheit, auf die diese und ähnliche Ayat hinweisen, ist folgender:
Die Existenz und der Fortbestand der Himmelskörper und ihre Beständigkeit im Universum sind an das Mysterium der Unwandelbarkeit Gottes (sirr-i Qayyumiyet)gebunden. Würde diese Unwandelbarkeit Gottes auch nur einen Augenblick ihr Antlitz abwenden, würden Millionen von Welten, manche von ihnen tausendmal größer als die Sonne, in die unendlichen Weiten des Raumes hinausgeschleudert werden, miteinander zusammenstoßen und in das Nichts hinabstürzen.
So wie zum Beispiel die Macht der Unwandelbarkeit Gottes, die Tausende von prächtigen Schlössern, die gleich Flugzeugen in vollkommener Ordnung in der Luft verharren, auf die Reise schickt, durch die Stabilität, die Ordnung und den Fortbestand solcher Burgen (= Sternbilder) im All zu erkennen ist, so ist auch die Tatsache, dass der Unwandelbare in Seiner Majestät (Dhat-i Qayyum-u Dhu l-Djelal)die zahllosen Himmelskörper im All in aller Stabilität, Beständigkeit und Fortdauer, in äußerster Ordnung und im Gleichgewicht durch das Geheimnis der Unwandelbarkeit, ohne Stütze, in der Leere Millionen Mal mächtigere Körper hält, einige Tausend und einige sogar Millionen Mal größer als unsere Sonne, und Er sie alle mit Pflichten betraut und bewirkt, dass sie sich in vollkommener Ordnung wie eine majestätische Armee den Befehlen aus Seinem Ferman: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei! und es ist",} unterwerfen, ein Maß der gewaltigen Erscheinung des Namens "der Unwandelbare". In gleicher Weise bestehen auch die Atome (und Moleküle) aller Dinge wie auch die Sterne im Geheimnis dieses Namens "der Unwandelbare" und sind beständig und bestehen in ihm fort.
Die Atome im Körper eines lebenden Wesens verschwinden nicht, sondern versammeln sich in Gruppen und zu Systemen, passend zu ihrem jeweiligen Verbund, ohne sich zu zerstreuen, behalten ihre Stellung im Sturm der Elemente, die gleich einem Strom dahinfließen und
dabei in ihren Regeln und Verbänden bleiben. Da aber dieses ganz offensichtlich nicht aus sich selbst heraus geschieht, sondern aus dem Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)heraus, und da auch jeder Körper gleich einem wohlgeordneten Heer ist und jede Art einer geordneten Armee, verkündet in gleicher Weise wie die Atome der Fortbestand und die Bewegung aller lebenden Wesen und ihre Verbindungen auf Erden und die der Sterne in den Welten des Alls mit zahllosen Zungen das Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet).
Zweite Fragestellung:
Dieses Thema (maqam)verlangt, auf einen Teil des Nutzens und der Weisheit der Dinge, die mit dem Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)verbunden sind, hinzuweisen.
Die Weisheit in der Existenz aller Dinge und der Zweck ihrer Natur (fitrat),der Segen in ihrer Erschaffung, sowie Ziel und Frucht ihres Lebens sind in der Tat von dreierlei Art.
Die erste Art
richtet sich auf jedes Ding selbst, auf den Menschen und die Angelegenheiten des Menschen.
Die zweite Art
ist wichtiger. Sie wendet sich an zahllose Leser und zeigt ihnen die Bedeutung aller Dinge, von denen jedes ein Zeichen ist, eine Botschaft, ein Buch, eine Kasside für Wesen mit Bewusstsein, um sie zu studieren, ein Zeichen, das die Erscheinung des Namens des Schöpfers in Seiner Majestät (Fatir-i Dhu l-Djelal)bekannt macht.
Die dritte Art
beschäftigt sich mit dem majestätischen Schöpfer (Sani-i Dhu l-Djelal)und richtet den Blick auf Ihn. Da aber die Verdienste und die Ergebnisse aller Dinge, die auf die Dinge selbst hin ausgerichtet sind, eins sind, sind hingegen solche, die auf den majestätischen Schöpfer (Sani-i Dhu l-Djelal)hin ausgerichtet sind, Hunderte. Denn der majestätische Schöpfer (Sani-i Dhu l-Djelal)betrachtet selbst die Einzigartigkeit Seiner Kunstwerke, beobachtet die Erscheinung Seiner Namen in allem Sein, das Er selbst gestaltet hat. Insoweit diese mächtige dritte Art betroffen ist, genügt es für diese Dinge bereits, auch nur eine Sekunde zu leben.
Es gibt auch ein Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet),das die Existenz aller Dinge erfordert. Es wird im Dritten Strahl erläutert werden.
Einmal betrachtete ich in der Erscheinung des geheimnisvollen Zeichens des Kosmos und des Rätsels der Schöpfung Nutzen und Weisheit des Seins und sagte mir: "Da möchte ich doch gerne wissen, warum sich die Dinge in dieser Weise zeigen und danach so schnell wieder entschwinden und untergehen." Ich betrachte sie also in ihrer individuellen Erscheinungsform: sie werden wohlgeordnet und in Weisheit gekleidet, geschmückt und dann in diese Messehalle geschickt, um ausgestellt zu werden. Doch dann verschwinden sie in ein, zwei Tagen wieder und einige von ihnen vergehen sogar ohne jeden Sinn und Zweck in wenigen Minuten. Was ist der Zweck dessen, dass sie für uns eine so kurze Zeit sichtbar werden? Ich war also deswegen sehr neugierig.
Dann aber entdeckte ich durch die Gnade Gottes eine bedeutungsvolle Weisheit in der Tatsache, dass alle Dinge und ganz besonders alle lebenden Wesen in das Lehrhaus dieser Welt kommen. Es war dies wie folgt: Alle Dinge, besonders aber die Lebewesen, sind ein Wort von ganz besonderer Bedeutung, ein Brief, eine Kasside des Herrn und eine Verkündigung Gottes. Nachdem es von allen Bewusstsein tragenden Wesen studiert worden ist und nachdem seine Bedeutung gegenüber zahllosen Lesern zum Ausdruck gebracht worden ist, verschwindet ihre leibliche Gestalt, die einem Brief oder einem Wort gleicht, wiederum.
Für ein Jahr lang war diese Weisheit für mich ausreichend. Aber nach einem Jahr entfalteten sich mir diese wahrhaft wunderbaren und subtilen Wunder der Kunst, wie wir sie in allen Kunstwerken, besonders aber in allen Lebewesen vorfinden. Und so verstand ich denn, dass diese subtilen und so ganz besonders wunderbaren Feinheiten der Kunst nicht allein dazu da sind, um von den mit Bewusstsein begabten Lebewesen betrachtet zu werden
und ihre Bedeutung für sie zum Ausdruck zu bringen. Zwar kann ein jedes Wesen alle diese vielen Bewusstsein tragenden Wesen studieren, doch ist dieses Studium einerseits begrenzt und andererseits können nicht alle von ihnen alle die Feinheiten der Kunst dieser lebenden Wesen durchdringen. Das aber heißt: das wichtigste Ergebnis der Erschaffung der lebenden Wesen und der bedeutendste Zweck ihrer Natur ist der, dem Auge des urewigen und unwandelbaren Herrn (Dhat-i Qayyum-u Edhel)die Wunderwerke Seiner Kunst, die Geschenke Seiner Barmherzigkeit (rahimane)und die Gnadengaben (ihsan),die Er ihnen verliehen hat, darzubieten.
Was diesen Zweck betrifft, so hat mich das eine lange Zeit befriedigt und daraus habe ich dann das Folgende verstanden: Weisheit und Zweck der Schöpfung, welcher darin besteht, diese endlos vielen Kunstwerke des Seins, besonders aber solche, wie sie sich in den lebenden Wesen finden, dem Blick des urewigen und unwandelbaren Herrn (Dhat-i Qayyum-u Edhel)darzubieten, das heißt, dem urewigen und unwandelbaren Herrn (Dhat-i Qayyum-u Edhel)die Weisheit der Schöpfung in Seinen eigenen Kunstwerken darzubieten genügte für diese große Ausgabe. Einige Zeit später bemerkte ich, dass die Feinheiten der Kunst in allen einzelnen Formen und Gestalten des Daseins sich nicht fortsetzten. Sie wurden vielmehr erneuert, durchliefen mit hoher Geschwindigkeit einen Prozess der Wandlung, wurden mit grenzenloser Aktivität und Kreativität transformiert. So begann ich denn darüber nachzudenken und sagte dann zu mir: "Die Weisheit hinter dieser Kreativität und Aktivität muss notwendigerweise genauso groß sein wie die Aktivität selbst." Da erschienen mir denn plötzlich diese beiden oben beschriebenen Arten der Weisheit als ungenügend und blieben fehlerhaft. Ich begann mit äußerster Neugierde nachzuforschen und nach noch einem weiteren Grund, einer anderen Weisheit zu suchen. Nach einiger Zeit fand ich - Dank sei Gott (lillahilhamd)!- aus der Fülle des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, im Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)eine grenzenlose, gewaltige Weisheit, eine Begründung.
Und durch sie wurde ein göttliches Geheimnis, das Rätsel des Kosmos, die Hermeneutik der Schöpfung offenbar. (Da dies aber bereits im "Vierundzwanzigsten Brief" beschrieben wurde, wollen wir hier in diesem Dritten Strahl nur zwei, drei Punkte daraus kurz erwähnen.)
Betrachte also nun die Erscheinung der Unwandelbarkeit aus dem Blickwinkel dessen, der in der Tat alles aus dem Nicht-Sein ins Da-Sein ruft und entsprechend dem Geheimnis
اَللّٰهُ الّذِى رَفَعَ السّموَاتِ بِغَيْرِ عَمَدٍ تَرَوْنَهَا
{"Gott ist es, der die Himmel ohne alle sichtbare Stützen aufgerichtet hat." (Sure 13, 2)}
alles im grenzenlosen Raum fest verankert hat, ihnen Stabilität und Beständigkeit verleiht und so (alles Sein) dazu veranlasst, die Erscheinung des Geheimnisses der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)zur Darstellung zu bringen. Gäbe es diese Stützen nicht, so könnte nichts aus sich selbst heraus fortbestehen. Es würde in eine grenzenlose Leere fallen und ins Nichts hinabstürzen.
Und so wie des Weiteren alles Sein (maudjud)sich in seinem Dasein (vudjud),seinem Bestehen, seinem Fortbestand (beqa)auf den Unwandelbaren in Seiner Majestät (Qayyum-u Dhu l-Djelal)stützt und von Ihm seine Dauer erhält, so sind auch in Übereinstimmung mit der Bedeutung der Ayah
وَ اِلَيْهِ يُرْجَعُ الْاَمْرُ كُلُّهُ
{"...und zu Ihm werden alle Angelegenheiten zurückgebracht." (Sure 11, 123)}
die Enden von tausenden Ketten (silsilah),gebildet aus den Eigenschaften und Bedingungen allen Seins, mit dem Geheimnis der Unwandelbarkeit verknüpft, welches, insoweit mir dieser Vergleich gestattet sein möge, dem Zentrum eines Telefon- oder Telegraphennetzes oder einer Telefonzentrale vergleichbar wäre. (Wären nicht alle
Eigenschaften einer Kette gleich im Wandel des Seins mit dem Geheimnis göttlicher Unwandelbarkeit verbunden, von dem her sie ihr Licht empfangen) wären tausende unendlicher Folgen von Ursachen (für die Erhaltung des Daseins) notwendig, was nach Ansicht der Gelehrten unmöglich und eine vollkommen irrige Vorstellung wäre. Es wären dazu in der Tat ebenso viele dieser absurden endlosen Folgen von Ursachen erforderlich, wie es (Formen) des Seins gibt. Zum Beispiel: ein Ding (Schutz, Licht, Sein, Versorgung u.dgl.) stützt sich in gewisser Hinsicht auf (ein anderes) und dieses auf das Folgende und dieses auf jenes, bis (letzten Endes diese endlose Kette von Ursache und Wirkung), da sie sich ja nicht endlos fortsetzen kann, (schließlich doch einmal) zu einem Ende kommen muss...
So liegt denn schließlich das Ende all dieser Ketten und Konsequenzen im Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet).Sobald man jedoch das Geheimnis der Unwandelbarkeit verstanden hat, bleiben die Glieder (dieser Kette) und die Bedeutung der Dinge, die von dem Folgenden in dieser imaginären Konsequenz abhängig sind, nicht mehr (als Glieder in einer Kette von Evolutionen) bestehen, sondern verflüchtigen sich und man sieht nun ein jedes Ding unmittelbar auf das Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)hin ausgerichtet.
Dritter Strahl:
كُلَّ يَوْمٍ هُوَ فِى شَاْنٍ ٭ فَعَّالٌ لِمَا يُرِيدُ ٭ يَخْلُقُ مَا يَشَآءُ بِيَدِهِ مَلَكُوتُ كُلِّ شَيْءٍ ٭ فَانْظُرْ اِلَى اٰثَارِ رَحْمَةِ اللّٰهِ كَيْفَ يُحْيِى الْاَرْضَ بَعْدَ مَوْتِهَا
{"Jeden Tag ist Er in Beschäftigung." (Sure 55, 29) "Er tut, was immer Er will." (Sure 11, 107) "Er erschafft, was immer er wünscht." (Sure 30, 34) "In Seiner Hand ist das Königreich aller Dinge." (Sure 36, 83) "So betrachte denn die Zeichen göttlicher Barmherzigkeit, wie Er die Erde nach ihrem Tode wieder belebt." (Sure 30, 50)}
Um auf ein oder zwei Punkte zur Einleitung hinzuweisen, wollen wir hier in gewissem Grade das Geheimnis der
Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)innerhalb der göttlichen Kreativität (khallaqiyet-i Ilahiye)und der Aktivität des Herrn (faaliyet-i Rabbani)enthüllen, worauf auch die obigen Ayat hindeuten.
Erstens:
Wenn wir einen Blick auf das Universum werfen, so sehen wir, dass eine Gruppe Geschöpfe, die im Strom der Zeit umhergeschleudert wird, für eine Sekunde erscheint: Karawane um Karawane kommt und geht, um sofort danach wieder zu verschwinden. Eine andere Gruppe kommt für eine Minute und zieht weiter. Eine Art hält in der Welt der bezeugten Dinge für eine Stunde und wechselt hinüber in die Welt des Unsichtbaren. Einige von ihnen kommen in diese unsere bezeugte Welt und bleiben, die einen für einen Tag, andere für ein Jahr, einige für eine ganze Epoche, andere für Jahrhunderte, verweilen, nehmen ihre Aufgabe wahr und gehen wieder.
Diese Staunen erregenden Reisen, dieser Vorübergang allen Seins, diese Züge und der Fluss aller Geschöpfe wird in einer solchen Ordnung und Ausgewogenheit vorübergetrieben, und der, der sie alle befehligt und die Karawanen lenkt und leitet, tut dies mit soviel Einsicht, mit soviel Zweckmäßigkeit und Planung, dass selbst wenn aller Verstand sich zu einem gemeinsamen Geist vereinigen würde, er doch nicht im Stande wäre, die Basis dieser weisheitsvollen Lenkung zu verstehen. Er wäre nicht im Stande, irgendeinen Fehler darin zu entdecken und könnte daher auch nirgends eine Kritik anbringen.
So sendet denn die Feder göttlichen Vorherwissens und dessen Folgen (Qalem-i Qadha ve Qader)während dieses Aktes des Herrn, den wir als ein beständiges Werden und Vergehen (khalaqiyet)bezeichnen, ihre liebenswerten und von ihr geliebten Kunstwerke (und besonders die lebenden unter ihnen) ohne ihnen zu erlauben, auch nur ihre Augen zu öffnen, in die Welt des Unsichtbaren, lässt sie nicht einmal mehr zu Atem kommen und entbindet sie so aus dem Leben in dieser Welt. So füllt sie fortwährend das Gasthaus dieser Welt und ohne die Zustimmung seiner Gäste entlehrt sie es wieder. Sie macht den Globus
zu einer Tafel, die sie beschreibt und wieder löscht, entsprechend der Erscheinung Seines Zeichens (Ayah)يُحْيِى وَ يُمِيتُ {"Er schenkt das Leben und den Tod." (Sure 2, 258)}
So schreibt sie fortwährend Seine Briefe, ändert Seine Briefe und schreibt sie wieder neu.
So liegt denn diesem Wirken des Herrn (faaliyet-i Rabbani),diesem göttlichen Handeln, das wir als ein beständiges Werden und Vergehen (khallaqiyet-i Ilahiye)bezeichnen, ein Sinn und eine tiefe Weisheit, ein grundlegendes Erfordernis, ein auslösendes Motiv zu Grunde. Es ist dies eine unendliche, grenzenlose Weisheit, die sich in drei wichtige Zweige unterteilen lässt.
Der erste Zweig dieser Weisheit ist folgender:
Jede Tätigkeit (faaliyet),ob im Kleinen oder Großen, bringt Freude in ihrer Art. Ja, jede einzelne Tätigkeit birgt in sich eine Freude. Denn tätig zu sein (faaliyet)ist eine Erscheinungsform des Daseins, das in sich eine reine Freude enthält, in der man das Nichtsein, (dessen Drohen) reines Leiden ist, von sich abschüttelt und sich von ihm distanziert. Ein jeder, der über Fähigkeiten verfügt, folgt mit Freude der Entfaltung seiner Begabungen durch entsprechende Tätigkeiten. Die Entdeckung angeborener Fähigkeiten durch entsprechende Tätigkeiten erwächst aus der Freude und mündet in die Freude. Wer immer gewisse Vollkommenheiten in sich verbirgt, folgt mit Vergnügen ihrer Entdeckung durch entsprechende Tätigkeiten.
Da in einer jeden Handlung Vollkommenheit und Freude anwesend ist, die man als solche liebt und nach der man sucht, und da eine jede Handlung in sich vollkommen ist, und da in der Welt lebender Wesen die Erscheinung grenzenloser Liebe und unendlichen Mitleids, die aus einem immerwährenden, urewigen Leben aufsteigt, offensichtlich ist, so zeigen solche Erscheinungen, dass
zur Erlangung solch ewigen Lebens, wie es zur notwendigen Existenz des Einen passt, der auf diese Weise liebt, der sich erbarmt und der selbst geliebt werden will, wert ist aller Heiligkeit, so sind dort, falls der Vergleich gestattet sein sollte, heilige Qualitäten am äußersten Rand in diesem Absolut Reinen und Heiligen Leben, gleich einer göttlichen Leidenschaft, heiligmäßiger Liebe und reiner Freude. Und diese Qualitäten, diese beständige Erneuerung und Handlung verändern die Welt durch endlose Aktivitäten und eine grenzenlose Kreativität.
Der zweite Zweig der Weisheit in den unbegrenzten göttlichen Aktivitäten (faaliyet-i Ilahiye)ist auf das Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)ausgerichtet:
Dies geschieht in Verbindung mit den Namen Gottes. Es ist wohlbekannt, dass ein jeder, der über Schönheit verfügt, eine solche Schönheit sowohl sehen als auch darstellen möchte. Jeder, der über einige Fähigkeiten verfügt, wünscht es und liebt es, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem er (diese schönen Dinge) ausstellt und für sie wirbt. Er wünscht sich und liebt es, seine Fähigkeiten, die eine wunderschöne Wahrheit sind, deren Bedeutung aber verborgen geblieben ist, zu enthüllen, um glühende Bewunderer zu finden.
Diese fundamentalen Regeln sind in allen Dingen wirksam und in jedem nach seinem Grad. Nach dem Zeugnis des Universums, nach der Offensichtlichkeit der Erscheinungen und entsprechend den kunstvollen Geweben in Tausendundeinem der Schönen Namen des Majestätischen Unwandelbaren (Dhat-i Qayyum-u Dhu l-Djelal),der über absolute Schönheit (Djemil-i Mutlaq)verfügt, gibt es nach dem Grade eines jeden einzelnen Namens eine wahre Liebe, eine echte Vollkommenheit, wirkliche Schönheit und eine ganz außerordentliche Wahrheit. Und in der Tat finden sich auf jeder einzelnen Stufe unendlich viele verschiedene Arten von Lieblichkeit und zahllose wundervolle Wahrheiten.
Da nun einmal die Spiegel, welche die heiligen Schönheiten reflektieren, und die Tafeln, welche ihre wundervollen Gewebe zur Schau stellen und die Seiten, welche
ihre schönen Wahrheiten ausdrücken, alle die Wesen im Einzelnen und das All im Ganzen sind, werden sicherlich auch alle diese immerwährenden, ewigen Namen in ihrem Erscheinen in Folge dieser Heiligen Göttlichen Liebe entsprechend dem Geheimnis des Unwandelbaren gänzlich und unablässig das All erneuern und verändern. Auf diese Weise werden sie ihre unendlichen Erscheinungen und grenzenlosen bedeutungsvollen Gewebe und Bücher sowohl dem bezeugenden Blick des Majestätischen Unwandelbaren (Dhat-i Qayyum-u Dhu l-Djelal),den sie darstellen, als auch dem lernenden Blick unzähliger, mit Geist und Bewusstsein begabter Wesen zeigen, und werden unzählige Tafeln aus einem endlichen und nur begrenzten Ding ausstellen und zahllose Individuen aus einem einzigen Individuum und viele Wahrheiten aus einer einzigen Wahrheit hervorbringen.
Vierter Strahl:
Der dritte Zweig der Weisheit in der beständigen und erstaunlichen Aktivität (faaliyet)des Universums:
Wer immer barmherzig (merhamet)ist, der ist auch glücklich, wenn er anderen eine Freude machen kann. Und ein jeder, der andere gern mag (shefqat),ist zufrieden, wann immer er anderen eine Freude machen kann. Ein jeder, der liebt (muhabbet),ist glücklich, wenn er Geschöpfe, die es verdienen, glücklich zu sein, glücklich machen kann. Und ein jeder Mensch von einer edlen Gesinnung ist froh, wenn er auch andere froh machen kann. Wer auch immer gerecht ist, freut sich, die Gerechtigkeit hoch zu halten und die Gunst jener zu gewinnen, deren Rechte verletzt worden sind, indem er die bestraft, die es verdienen. Und jeder geschickte Künstler ist stolz, seine Kunstwerke ausstellen zu können, wenn ihre Funktion dem entspricht, was er sich dabei vorgestellt hatte und sie das Ergebnis hervorbringen, das er sich erhofft hatte.
So ist denn ein jedes der oben erwähnten Prinzipien ein fundamentales Gesetz, das im Kosmos und in der Menschenwelt wirksam ist. Drei Beispiele, die zeigen, dass diese Gesetze entsprechend den Göttlichen Namen wirksam sind,
wurden im Dritten Kapitel des Zweiunddreißigsten Wortes erläutert. Da es nun hier angebracht erscheint, eine Zusammenfassung zu schreiben, möchten wir das Folgende sagen:
Wenn z.B. eine ungewöhnlich barmherzige (merhamet),
gütige, freigiebige und edelmütige Person, auf Grund ihres von Natur (fitrat)aus edlen Charakters arme und bedürftige Menschen an Bord eines großen Schiffes nimmt, diese bedürftigen armen mit Banketten und Gastgeschenken bewirtet und zufrieden stellt, mit ihnen alle Meere der Welt durchsegelt und sie dabei glücklich und zufrieden beobachtet, während sie doch zugleich über ihnen steht, und Freude an der Dankbarkeit der armen Leute hat, so wird sie froh und zufrieden sein, wenn auch sie ihre Freude haben. Sie wird froh und stolz (iftikhar)sein, wenn sie sich dabei wohl fühlen.
Wenn stattdessen aber ein anderer Mensch, der als Beamter lediglich die Funktion eines Paketzustellers (oder Lagerverwalters) hat, eine solche Freude, ein solches Vergnügen dabei empfindet, ein weniger bedeutendes Bankett abhält, so ist es dennoch der Lebendige und Unwandelbare (Dhat-i Hayy-u Qayyum),der alle Tiere und Menschen, zahllose Engel, Dschinnen und Geister an Bord dieses Schiffes des Allbarmherzigen (Rahman)nimmt, das unsere Erde ist. Auf ihm deckt Er den Tisch des Herrn mit den verschiedensten Speisen, mit den Freuden und Genüssen für alle Sinne. Er lässt diese armen, doch dankbaren und glücklichen Geschöpfe in alle Ecken und Enden des Universums reisen und macht sie mit all Seinen Geschenken und Gnadengaben nicht nur in dieser Welt glücklich, sondern macht auch ein jedes Geschenk zu einem Tisch auf dem niemals endenden Bankett des Paradieses im Haus der Ewigkeit. Es sind daher die Attribute der göttlichen Herrschaft (rububiyet),welche diese ständigen Aktivitäten (faaliyet)und ununterbrochenen Schöpfungsakte (khallaqiyet)erfordern und auf die diese göttlichen Qualitäten anspielen, denen gegenüber wir hilflos sind und die wir nicht auszusprechen wagen, wie die "heilige Freude", welche aus dem Dank, der Freude und
Zufriedenheit dieser Geschöpfe erwächst, ein "seliger Stolz" und ein "himmlisches Entzücken", wie es dem Lebendigen und Unwandelbaren angemessen ist.
Wenn z.B. ein geschickter Handwerksmeister ein Grammofon baut, das ohne Schallplatten alles spielt, was er sich wünscht, wie froh und stolz würde er wohl damit sein. Und er würde zu sich selbst sagen: "Wie wunderbar ist doch, was Gott gewollt hat (Mashallah)!"
Wenn schon ein so bedeutungsloses kleines Kunstwerk ohne jede schöpferische Leistung im Geiste des Handwerkers so viel Freude und Stolz (iftikhar)erweckt, so erschafft der Allweise Künstler (Sani-i Hakiem)mit Sicherheit das ganze Universum wie ein göttliches Orchester, aus dem unzählige Arten von Musik erklingen, Klänge erschallen, Lobpreisungen, Gottes Lob und Gedenken zu vernehmen sind, zusammen mit einer wunderbaren Werkbank, an der eine jede Art Universum, eine jede Welt mit einer jeweils anderen Kunst und viele andere wunderbare Kunstwerke gezeigt werden. Und er verfertigt nicht nur vielerlei verschiedene Arten von Maschinen in den Köpfen aller lebenden Wesen, jede gleich einem Grammofon, einer Kamera oder einem Telefon, sondern verfertigt auch in den Köpfen aller menschlichen Wesen nicht nur ein Grammofon ohne Schallplatte, eine Kamera ohne Film, ein draht- und schnurloses Telefon, sondern eine Maschine, die noch zwanzigmal wunderbarer ist. Es sind daher die Bedeutungen wie "heiliger Stolz", göttliche Freude und erhabene Eigenschaften dieser Art, welche von der Herrschaft Gottes (rububiyet)ausgehen und sich über die Erschaffung einer Maschine erheben, und auch darüber, dass sie in der gewünschten Art funktioniert und die verlangten Resultate liefert, die eine ununterbrochene Tätigkeit erfordern.
So hat z.B. ein gerechter Herrscher eine Freude daran, ist stolz und zufrieden, wenn er an der Seite der Unterdrückten gegen die Tyrannen Stellung bezieht, um die Gerechtigkeit hoch zu halten, die Armen gegen das Unrecht der Mächtigen zu schützen und jedem das Seine zu geben.
Da dies ein fundamentales Gesetz für Herrschaft und Gerechtigkeit (hukum ve adalet)ist, schafft der Lebendige und Unwandelbare (Dhat-i Hayy-u Qayyum),welcher der Allweise Herrscher (Hâkim-i Hakiem)und der Gerechte Richter (Adl-i Âdil)ist, sicherlich für alles Sein und besonders alle lebenden Wesen die notwendigen Lebensbedingungen, welche als das Recht auf Leben bekannt sind. Um ihnen das Leben zu bewahren, garantiert Er ihnen die notwendigen Fähigkeiten. Er beschützt in Seiner Barmherzigkeit die Schwachen vor der Bosheit der Mächtigen.
Deshalb erfordern die Eigenschaften des Herrn und Seine heiligen Attribute, die auszudrücken wir nicht mächtig sind, sich aber aus dem oben gesagten und aus der Erfüllung des Geheimnisses der Gerechtigkeit ergeben, die in dieser Welt vollständig unter dem Aspekt der Aufrichtung der Gerechtigkeit für alle lebenden Wesen stehen und teilweise hinsichtlich der Bestrafung der Übeltäter und besonders derer, die bei der Erscheinung der Obersten Gerechtigkeit vor dem Höchsten Tribunal am Tage der Auferstehung in Erfüllung gehen wird, eine beständige Tätigkeit (faaliyet)im Universum.
So erfordern denn diese drei Beispiele, da ja ein jeder der Schönen Namen in der Bedeutung einiger Heiliger Attribute Gottes (shuunat-i Ilahiye)steht, in dieser ununterbrochenen Aktivität (faaliyet)eine ebenso ununterbrochene Kreativität (khallaqiyet).Und da die Entfaltung, Wachsen und Gedeihen aller Qualitäten und Attribute Freude und ein frohes Aufatmen bewirken und da in der Durchführung und Vervollständigung einer Pflicht und in der Befreiung davon jeder mit einer solchen Pflicht betraut wird und so ein großes Gefühl der Erleichterung und der Zufriedenheit erfährt, und da viele Früchte aus einer einzigen Saat zu empfangen und hundertfältigen Lohn aus einem einzelnen Ding zu gewinnen ein höchst erfreulicher Handel ist, lässt (Gott) sicher die zahllosen Fähigkeiten all Seiner Geschöpfe sich entfalten, beschäftigt Seine Geschöpfe mit wertvollen Aufgaben und verleiht ihnen zu ihrer Entlassung einen höheren Status. Das heißt: Er erhebt die Elemente auf die Ebene der Welt der
Minerale, die Minerale (wenn sie von den Pflanzen aufgenommen werden) auf die Ebene der Pflanzenwelt, die Pflanzenwelt (als Versorgung der Tiere) auf die Ebene der Tierwelt und die Tiere (als Nahrung für den Menschen) auf die nächst höhere Ebene bewussten menschlichen Lebens.
Aus all dem wird nun verständlich, wie die heiligen Attribute der göttlichen Herrschaft, die sich aus den ständigen Aktivitäten (faaliyet)und ununterbrochenen Schöpfungsakten (khallaqiyet)ergeben, nach dem Zerfall der äußerlichen Erscheinungsformen eines jeden Lebewesens, wie wir dies bereits im Vierundzwanzigsten Brief näher erläutert haben, und sehr viele innere Erscheinungsformen, wie ihr Geist, ihr Wesen, ihre Merkmale und die Bilder ihrer Erinnerungen hinter ihnen zurückbleiben und nach ihnen deren Aufgaben übernehmen.
Eine bestimmende Antwort auf eine wichtige
Frage:
Eine Gruppe Leute des Irrweges sagt, dass der Eine, der in ständigem Tun und Wirken (faaliyet)das All verändert und verwandelt, sicherlich selbst wandelbar und veränderlich sein müsse.
Die Antwort:
Gott bewahre! Hunderttausend Mal, Gott bewahre! Die Tatsache, dass die Spiegel auf dem Grund sich verändern, zeigt nicht, dass sich die Sonne am Himmel verändert, sondern im Gegenteil, dass ihre Widerspiegelung erneuert worden ist. Mehr noch: Ein Wechsel oder Wandel des Allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes),der von Ewigkeit (edheli)zu Ewigkeit (ebedi)in Seiner Beständigkeit (sermedi),in jeglicher Hinsicht absolut vollkommen (kemal-i mutlaq)und absolut unwandelbar (istighna-yi mutlaq),völlig frei und unberührt von Raum (Zeit) und Materie ist, unbeeinflusst von allen Beschränkungen und Möglichkeiten, ist unmöglich. Eine Veränderung im Universum, beweist nicht Seine Veränderlichkeit, sondern eine Abwesenheit jeglichen Wechsels und aller Veränderung. Denn der, welcher ständig verschiedene Dinge wohlgeordnet verändert und in Bewegung versetzt, darf sich selbst nicht verändern und nicht bewegen.
Zum Beispiel:
Wenn du eine große Anzahl Globen und Bälle drehst, von denen jeder an einer Schnur befestigt ist und sie alle dazu veranlasst, sich pausenlos ineinander zu bewegen, dann ist es für dich notwendig, an einem Platz zu bleiben, ihn nicht zu wechseln und dich nicht zu bewegen, denn falls du dich bewegtest, würde dies die Ordnung zerstören. Es ist doch klar, dass einer, der sich die Objekte geordnet bewegen lässt, sich dabei selbst nicht bewegen darf, und einer, der die Objekte dazu veranlasst, sich ständig zu verändern, selbst unverändert bleiben muss, damit sich diese Handlungen in geordneten Bahnen fortsetzen können.
Zweitens:
Wechsel und Wandel ergeben sich aus einer Bewegung, aus einer Erneuerung oder erfolgen, um sich zu vervollkommnen, aus einem Bedürfnis, aus ihrer (Zugehörigkeit zur Welt) der Materie und der Möglichkeiten. Was aber den Allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes)betrifft, so ist für Ihn, da Er sowohl urewig (qadim),als auch in jedweder Hinsicht absolut vollkommen (kemal-i mutlaq)und absolut bedürfnislos (istighna-yi mutlaq),als auch unabhängig von der Materie, als auch der Notwendig-Seiende ist, mit Sicherheit ein Wechsel oder Wandel unvorstellbar, ja völlig unmöglich.
Fünfter Strahl:
Besteht aus zwei Problemstellungen
Erste Problemstellung:
Wenn wir die gewaltige Erscheinung des Namens "der Unwandelbare (Qayyum)"schauen wollen, müssten wir über ein Teleskop verfügen, um die am weitesten entfernten Objekte beobachten zu können, und über ein Mikroskop, um auch noch die kleinsten Teilchen erkennen zu können. So könnten wir dann in unserer Vorstellung das ganze Universum betrachten. Schauen wir also durch unser Teleskop, erblicken wir in der Erscheinung des Namens "der Unwandelbare" Millionen Sterne und Planeten, manche von ihnen viele tausendmal größer als unsere Sonne, von denen einige offensichtlich ohne jede Unterstützung durch den Äther dahinzuschweben scheinen, (einen Stoff) der dünner als die Luft ist, während andere (unsere Sonne umkreisen).
Dann schauen wir einmal durch das Mikroskop, sodass wir die kleinen Teilchen erkennen können. Im Geheimnis Seiner Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)nehmen sie geordnete Positionen ein wie die Sterne, Atome und Moleküle in den Körpern aller lebenden Wesen, bewegen sich und erfüllen ihre Pflicht. Wir sehen, dass diese winzig kleinen Gebilde, welche Teilchen formen, die als rote und weiße Blutkörperchen in den lebenden Wesen bekannt sind, sich den Planeten vergleichbar (durch die Blutbahnen) bewegen.
Zusammenfassung:
{(*): Dies ist eine ganz besonders kurze Zusammenfassung der sechs heiligen Namen, die das Geheimnis des Gewaltigen Namens in sich enthalten und die Basis und das eigentliche Thema dieser sechs Abschnitte des Dreißigsten Blitzes bilden.}
Es erscheint hier eine zusammenfassende Erwähnung angebracht zu sein, um das Heilige Licht der sechs Namen zu schauen, die den Gewaltigen Namen bilden, so wie sich die sieben Farben zu einem (gemeinsamen) Lichtstrahl miteinander vermischen. Es ist dies wie folgt:
Schau hinter die gewaltige Erscheinung des Namens "der Unwandelbare (Qayyum)",der alles Sein im ganzen Kosmos zusammen hält, ihm Festigkeit und Bestand verleiht: die gewaltige Erscheinung des Namens "der Lebendige (Hayy)"hat in seiner Erscheinung alle lebenden Wesen in Brand gesetzt. Er hat das All erleuchtet und durch seine Erscheinung alle lebenden Wesen vergoldet.
Und nun schaue noch einmal: hinter dem Namen "der Lebendige", fasst die gewaltige Erscheinung des Namens "der Alleinige (Ferd)"das ganze Universum mit all seinen Elementen und Bestandteilen zu einer Einheit (vahdet)zusammen. Er drückt einem jeden Ding diesen Stempel Seiner Allgegenwart (vahdet)auf die Stirn. Er drückt einem jeden Ding das Siegel Seiner Einheit (Ahadiyet)ins Antlitz. Er veranlasst es mit unendlich vielen, zahllosen Zungen Seine Erscheinung zu verkünden.
Und nun betrachte die gewaltige Erscheinung Seines
Namens "der Richter (Hakem)"hinter Seinem Namen "der Alleinige": Er umfasst alles Sein, das wir in unserer Vorstellung durch ein Teleskop oder Mikroskop beobachten können, von den Sternen (und Sternnebeln) bis hinunter zu den Atomen (und Molekülen), wie groß oder klein sie auch immer sein mögen, vom größten bis zum engsten Kreis, wie es einem jeden von ihnen würdig und angemessen ist, in einer Frucht bringenden Ordnung, nach weisheitsvollen Regeln, in sinnreicher Harmonie. Er schmückt alles Sein und vergoldet es.
Und nun betrachte die gewaltige Erscheinung Seines Namens "der Gerechte ('Adl)"hinter Seinem Namen "der Richter (Hakem)"(wie dies bereits im Zweiten Punkt erklärt wurde): der ganze Kosmos und alles Sein in ihm wird in einer solchen Ausgewogenheit, einem Gleichgewicht, einem Ebenmaß gelenkt und geleitet, dass, sollte auch nur einer der Himmelskörper auch nur für einen einzigen Augenblick das Gleichgewicht verlieren, das heißt, sollte er aus der Erscheinung Seines Namens "der Gerechte" ausbrechen, so würde das ein Tohuwabohu unter den Sternen verursachen und der Jüngste Tag hereinbrechen.
Das aber zeigt nun, dass jener gewaltige Kreis allen Seins, von den Heerscharen der Sterne bis zu den Heerscharen der Atome, das heißt, von jener großen Galaxie, also von jenem Gürtel, den wir die Milchstraße nennen, bis hin zu den Bahnen roter und weißer Blutkörperchen, die in best ausgewogenem Gleichgewicht Schulter an Schulter stehen, dass alles Sein sich in vollkommenem Gehorsam dem Befehl: كُنْ فَيَكُونُ {"Sei! und es ist."} unterwirft.
Und nun betrachte hinter der gewaltigen Erscheinung Seines Namens "der Gerechte ('Adl)"die gewaltige Erscheinung Seines Namens "der Heilige (Quddus)",wie wir sie im "Ersten Punkt" erläutert haben! Die Tatsache, dass Er alles Sein im Universum so rein, sauber, strahlend, klar, schön und verziert darbietet, zeigt, dass Er dem ganzen Kosmos und allem Sein jene Form von
prächtigen Spiegeln geschenkt hat, die würdig ist, die äußerste, wesensgemäße Schönheit (djemal-i dhat)jener Absoluten Schönheit (Djemil-i Mutlaq)zu empfangen, wie sie der reinen Lieblichkeit Seiner Schönen Namen angemessen ist.
Kurzum:
Diese sechs Namen und sechs Lichter des Gewaltigen Namens haben den ganzen Kosmos und alles Sein in goldgeschmückte Tücher von immer wieder anderen, wunderhübschen Farben, die unterschiedlichsten Gewebe und immer wieder neue Verzierungen eingehüllt.
Zweite Problemstellung zum Fünften Strahl:
So wie sich uns die Erscheinung der Unwandelbarkeit (qayyumiyet)hinsichtlich Seiner Allgegenwart (Vahidiyet)und Majestät (Djelal)im All darstellt, so tritt diese Unwandelbarkeit auch im Menschen, der das Zentrum und der Mittelpunkt und die mit Bewusstsein begabte Frucht des Kosmos ist, hinsichtlich Seiner Einheit (Ahadiyet)und Vollkommenheit (Djemal)in Erscheinung. Das heißt, so wie der Kosmos im Geheimnis Seiner Unwandelbarkeit (sirr-i qayyumiyet)fortbesteht, so besteht in gewisser Hinsicht auch der Kosmos durch den Menschen, welcher der vollkommenste Ort der Erscheinung des Namens der "Unwandelbare (Qayyum)"ist. Denn da die meisten Weisheiten, Ziele und Zwecke des Kosmos sich auf den Menschen beziehen, so ist auch die Erscheinung der Unwandelbarkeit im Menschen sozusagen eine Säule des Kosmos. So kann man denn in der Tat sagen, dass der Lebendige und Unwandelbare (Dhat-i Hayy-u Qayyum)wollte (irade),dass es Menschen in der Welt gäbe und erschuf sie deshalb für ihn. Denn mit einer solch allumfassenden Natur kann der Mensch all die Schönen Namen Gottes verstehen und sich an ihnen erfreuen. Er kann viele göttliche Namen ganz besonders durch die Freude verstehen, die ihm aus seiner Versorgung erwächst. Wohingegen die Engel sie nicht aus diesem Genuss heraus kennen können. Als Ergebnis dieses wichtigen Verständnisvermögens des Menschen, hat der Lebendige und Unwandelbare
ihm einen Bauch und den Appetit dazu gegeben, der es ihm möglich macht, alle Seine Namen zu verstehen und alle Seine verschiedenen Gnadengaben zu verkosten, und Er hat ihm in Seiner Freigiebigkeit den Tisch mit unendlich vielen Arten von Nahrung für den menschlichen Magen gedeckt. Er hat ihm auch das Leben zu seinem Bauch, dem physischen entsprechend, gemacht, und vor seinen Sinnen, die den Händen seines Bauches in seinem Leben gleichen, einen weit und breit ausgedehnten Tisch mit Seinen Gnadengeschenken gedeckt. Durch diese Sinne bringt das Leben seinen Dank für jede Art Segen auf diesem Tisch der Gnadengaben dar.
Und nach dem Bauch des Lebens hat er für den Menschen den Bauch seiner Menschlichkeit geschaffen, der seinen Unterhalt und seine Gnadengaben in einem noch weiteren Bereich als dem des Lebens empfängt. Intelligenz (aqil),Verstand (fikir)und Fantasie (hayal)ziehen wie die Hände dieses Bauches ihren Vorteil aus diesem Tisch göttlicher Barmherzigkeit, der so weit und breit ist, wie Himmel und Erde, und danken dafür.
Und nach dem Bauch seiner Menschlichkeit hat Er für den Menschen noch einen anderen Tisch Seiner Gnadengaben gedeckt, der unendlich groß ist. Er hat ihm den islamischen Glauben zu einem immateriellen Bauch gemacht, der sehr viel nach Seiner Versorgung verlangt und hat Seinen Tisch über die Sphäre seiner Reichweite hinaus ausgedehnt und die Namen Gottes mit eingeschlossen. So empfindet denn der Mensch durch seinen Magen das größtmögliche Vergnügen an seiner Versorgung und empfängt so den Namen "der Barmherzige (Rahman)"und den Namen "der Allweise (Hakiem)"und ruft aus:
اَلْحَمْدُ لِلّٰهِ عَلَى رَحْمَانِيَّتِهِ وَ عَلَى حَكِيمِيَّتِهِ
{"Lobpreis und Dank sei Gott für Sein Erbarmen und Seine Weisheit!"}
usw. Und er kann durch diesen großen Magen des Geistes von den unendlichen göttlichen Gnadengaben seinen Nutzen ziehen. Und da gibt es noch einen weiteren Kreis für diesen Bauch. Das ist die Freude an der göttlichen Liebe (muhabbet-i Ilahiye)...
So hat denn der Lebendige und Unwandelbare (Dhat-i Hayy-u Qayyum)den Menschen zu einem Zentrum und Mittelpunkt des ganzen Kosmos gemacht. Er hat vor ihm einen Tisch mit Gnadengeschenken gedeckt, so groß wie das ganze Universum und ihm diesen ganzen Kosmos unterworfen. Der Grund dafür und auch dafür, dass ihm das Universum in gewisser Hinsicht im Geheimnis der Unwandelbarkeit (sirr-i Qayyumiyet)unterworfen ist, wie sie sich im Menschen offenbart, sind seine drei bedeutenden Aufgaben:
Erste Aufgabe:
Alle diese verschiedenen Arten von Wohltaten (nimet),wie sie im ganzen Universum verteilt sind, werden durch den Menschen geordnet. All diese vielen Dinge, die für den Menschen von Nutzen sind, finden sich gleich Perlen an einer Gebetsschnur (tesbih)aufgefädelt. Die beiden Enden dieser Schnur aber sind im Kopf des Menschen befestigt (wo sie alle gesichtet und geordnet werden). Auf diese Weise wird der Mensch zu einer Liste all der verschiedenen Schätze göttlicher Barmherzigkeit.
Zweite Aufgabe:
Auf Grund seiner vielseitigen Fähigkeiten ist der Mensch, angesprochen von Seinem Herrn, dem Lebendigen, dem Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-u Qayyum),der vollkommenste Ansprechpartner, wenn er seine staunenswerten Kunstwerke hochschätzt und sie bewundert, sie mit lauter Stimme verkündet, Ihm auf allerlei Arten ganz bewusst seine Dankbarkeit darbringt, Ihm für all die verschiedenen Arten Seiner Gnadengaben und die vielen verschiedenen Erweise Seiner Güte Lob, Preis und Dank (shukur ve hamd u thena)entgegen bringt.
Dritte Aufgabe:
(Der Mensch) sollte in seinem Leben Seinem Herrn, dem Lebendigen, dem Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-u Qayyum),Seinen Attributen (shuunat)und Seinen allumfassenden Eigenschaften (sifat)in dreierlei Weise als ein Spiegel dienen.
Erster Aspekt:
(Der Mensch) in seiner vollkommenen Schwäche (adjz-i mutlaq)sollte die vollkommene Macht (qudret-i mutlaq)seines Schöpfers auf all Seinen Stufen empfangen und entsprechend den Stufen seiner eigenen Schwäche die Stufen
Seiner Macht erfahren. Er sollte in seiner vollständigen Armut (fakri-i mutlaq)Seine Barmherzigkeit (rahmet-i mutlaq)und die Abstufungen Seiner Barmherzigkeit (rahmet)wahrnehmen und in seiner Ohnmacht (da'if)Seine Stärke (quvvet)verstehen. usw. So sollte er im Mangel seiner eigenen Eigenschaften einen Spiegel als Maßstab für die vollkommenen Eigenschaften seines Schöpfers (Khaliq)finden. In gleicher Weise wie die Nacht das Licht nur noch stärker erstrahlen lässt, die Dunkelheit der Nacht in ihrem Kontrast die elektrischen Lampen nur noch vollkommener erscheinen lässt, so gleicht auch der Mensch im Mangel seiner Eigenschaften wie einem Kontrastbild göttlicher Vollkommenheit.
Zweiter Aspekt:
Der Mensch mit seinem winzig kleinen Stückchen Willen (djuz-i irade),seinem geringen Wissen (ilm),seinem kleinen bisschen Macht (qudret),einem nach außen hin sichtbaren Königreich und einem Haus, das er sich erbaut hat, versteht die Größe des Bauherrn des Universums anhand Seines Königreichs, Seiner Kunst, Seines Willens, Seiner Macht, Seines Wissens und dient Ihm gleichsam als Sein Kontrastbild.
Dritter Aspekt:
(Der Mensch) hat anhand seiner Eigenschaft, ein Spiegel zu sein, zwei Gesichter:
Erstes Gesicht:
Es gilt, alle diese verschiedenen kunstvoll gefertigten Werke der göttlichen Namen durch sich selbst sichtbar werden zu lassen. So ist der Mensch, schlicht gesagt, auf Grund seiner großen Vielseitigkeit ein kleines Inhaltsverzeichnis des Kosmos und dessen verkleinertes Abbild und stellt auf diese Weise alle diese kunstvollen Ornamente Seiner Namen dar.
Zweites Gesicht:
Es dient als ein Spiegel für das Wirken Gottes (shuunat-i Ilahiye).Das heißt: So wie der Mensch durch sein eigenes Leben auf das Leben des Lebendigen und Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-u Qayyum)verweist, so dient er auch durch seine Sinnesorgane, wie Gesicht und Gehör und die Art, sie in seinem Leben wahrzunehmen, den Eigenschaften (sifat)des Lebendigen und Unwandelbaren in Seinem Hören und
Sehen als Spiegel und macht sie auf diese Weise bekannt.
Und ferner dient der Mensch mit seinen in so vielfacher Form vorhandenen, sehr feinen, lebendigen Gefühlen, Empfindungen und Wahrnehmungen, wie sie sich in seinem Leben zwar vorfinden, doch nicht entwickeln, sondern in Form von Gefühlen und Empfindungen hervorsprudeln, mit Hilfe seiner Bedeutungen und Empfindungen als Spiegel der heiligen Attribute (shuunat)des Lebendigen und Unwandelbaren. Zum Beispiel: Als Ergebnis solcher Gefühle handelt er mit einem Ausdruck von Liebe oder Gefühlen wie stolz, zufrieden, glücklich oder fröhlich zu sein, als ein Spiegel von Attributen dieser Art, unter der Bedingung, dass sie angemessen sind und der Heiligkeit des Allheiligen Herrn (Dhat-i Aqdes),Seines vollkommenen Reichtums würdig sind.
So ist denn ferner noch der Mensch bei seiner großen Vielseitigkeit im Leben ein Instrument, das die Attribute und Eigenschaften (sifat ve shuunat)des Majestätischen Herrn (Dhat-i Dhu l-Djelal)wahrnimmt und bemisst, ein Inhaltsverzeichnis Seiner Namen und ein bewusster Spiegel der dem Lebendigen und Unwandelbaren (Dhat-i Hayy-u Qayyum)in dergleichen vielen Hinsichten als Spiegel dient. So ist denn der Mensch eine Einheit von Messinstrumenten, ein Inhaltsverzeichnis, eine Waagschale und eine Maßstab zur Bemessung der Wahrheit im Kosmos.
Zum Beispiel: Ein besonders eindeutiger Beweis für die Existenz der Wohlbewahrten Tafel (Lauh-i Mahfudh)ist das menschliche Gedächtnis und zugleich auch ein Beispiel für sie. Und ein ebenso eindeutiger Beweis für die Existenz der Welt der Bilder und Gleichnisse (alem-i misal)ist die menschliche Vorstellungskraft (quvve-i hayal)und zugleich auch ein Beispiel für sie. Und ein ebenso eindeutiger Beweis für die Existenz der Geistwesen im All sind die Kräfte und subtilen Fähigkeiten (quvveler ve latifeler)im Menschen und zugleich auch ein Beispiel für sie,
{(*): So wie die Elemente im Menschen uns davon Nachricht geben, Hinweise geben und in der Tat auf die Elemente im All verweisen, seine Gebeine auf die Felsen und Steine, seine Haare auf die Pflanzen und alle Bäume, das Blut, das in seinen Adern fließt und alle die Flüssigkeiten in seinen Augen und Ohren, in seiner Nase und in seinem Mund, auf die Quellen und alle die Gewässer der Erde, so deutet auch in gleicher Weise der Geist (ruh) des Menschen auf die Welt der Geister (alem-i ervah), seine Fähigkeit sich zu erinnern auf die Wohlverwahrte Tafel (Lauh-i Mahfudh), seine Vorstellungskraft auf die Welt der Bilder und Gleichnisse (alem-i misal) usw. Alle Teile (seines Körpers) und Fähigkeiten (seines Geistes) verweisen auf eine andere Welt und geben ein sicheres Zeugnis auf deren Existenz.}
usw. In einem kleineren Rahmen und auf eine Weise, die nicht
bestritten werden kann, vermag der Mensch die Glaubenswahrheiten im Kosmos zur Darstellung bringen.
So erfüllt denn der Mensch viele wichtige Funktionen ähnlich den oben angeführten Aufgaben. Er ist ein Spiegel immerwährender Schönheit (Djemal-i Baqi).Er ist jener Ort der Erscheinung, der eine immerwährende Vollkommenheit (Kemal-i Sermedi)verkündigt. Er ist derjenige, der beständiger Barmherzigkeit (rahmet-i ebedi)bedarf und für sie dankbar ist. Da Schönheit, Vollkommenheit und Barmherzigkeit ewig und immerwährend sind, ist es sicherlich notwendig, ja geradezu unvermeidlich, dass der Mensch als ein sehnsuchtsvoller Spiegel unvergänglicher Schönheit und leidenschaftlicher Herold immerwährender Vollkommenheit und als der, welcher stets fortdauernder Barmherzigkeit bedarf und dankbar für sie ist, zu einer bleibenden Stätte (dar-i beqa)gehen wird, um für ewig dort zu verbleiben, dass er in die Ewigkeit hinüber gehen wird, um diese ewigen Qualitäten dort zu begleiten, und er wird diese ewige Schönheit und immerwährende Vollkommenheit und die nie-enden-wollende Barmherzigkeit in alle Ewigkeiten begleiten.
Denn ewige Schönheit kann niemals zufrieden sein mit einem vorübergehenden Liebhaber und Bewunderer und einer sterblichen Geliebten. Da Schönheit sich selbst liebt, wünscht sie sich auch Liebe gleichsam als Gegenleistung für ihre Liebe. Vergänglichkeit und Zerfall verwandeln
eine solche Liebe in Feindschaft (adavet).Ginge der Mensch nicht hinüber in die Ewigkeit, um für ewig dort zu verweilen, so würde ihn dort an Stelle seiner ihm wesensgemäßen Liebe zu ewiger Schönheit nur Feindschaft erwarten.
So wie wir bereits in einer Fußnote im Zehnten Wort erklärt haben, verbannte einmal eine gefeierte Schönheit ihren Liebhaber aus ihrer Gegenwart, worauf sich dessen Liebe (ashk)in Hass verkehrte und er schließlich, um sich selbst damit zu trösten sagte: "Pfui! was ist sie doch hässlich!" womit er sie denn in ihrer Schönheit angriff, ja ihre Schönheit verleugnete.
Der Mensch hegt in der Tat Feindschaft gegenüber allem, was er nicht kennt, wie er auch ganz einfach eine Feindschaft gegenüber all dem wünscht, wonach er vergeblich seine Hände ausstreckt, und ein Gegner all dessen ist, was er nicht bekommen kann. So wie sich nun einmal nach dem Zeugnis des ganzen Alls der Wahre Geliebte (Mahbub-u Haqiqi)und Vollkommene in all Seiner Schönheit (Djemil-i Mutlaq)den Menschen durch all Seine Schönen Namen als liebenswert erzeigen und ihn dazu bringen möchte, Ihn zu lieben, so würde Er dem Menschen, der ihm doch zugleich Liebender und Geliebter (mahbub ve habib)ist, bestimmt nicht eine angeborene Feindschaft einpflanzen, um Ihn aus tiefster Seele zu hassen. Er würde den Geist des Menschen nicht mit einer solch angeborenen Feindschaft ausstatten, die doch alles in allem der Natur (fitri)des Menschen widersprechen würde, wo er doch von Natur (fitrat)aus das liebenswerteste Geschöpf ist, ein liebendes Wesen, wie es sich aufs Äußerste von allen anderen unterscheidet und das Er geschaffen hat, um Ihn anzubeten. Denn der Mensch könnte seine tiefen Wunden, die er durch ewige Trennung von Absoluter Schönheit (Djemal-i Mutlaq),die er doch liebt und deren Wert er zu schätzen weiß, empfangen hat, einzig heilen, wenn er Ihm Feindschaft entgegen bringt, wenn er Ihm zürnt, ja wenn er Ihn verleugnet.
So geschieht es denn aus diesem Blickwinkel heraus, dass eine Feindschaft der Ungläubigen gegen Gott entstehen kann. Weil dies aber so ist, wird (Gott) in Seiner Urewigen Schönheit (Djemal-i Edhel)sicherlich dem Menschen ein ewiges Leben an einer bleibenden Stätte (dar-i beqa)schenken, um dort auf der Reise in die Ewigkeit stets mit ihm, der Ihm ein sehnsuchtsvoller Spiegel ist, zusammen zu sein.
Da nun einmal der Mensch von seiner Natur (fitrat)aus so erschaffen wurde, dass er sich nach einer Ewig-bleibenden Schönheit sehnt und sie liebt, und da nun einmal eine solche für ewig bleibende Schönheit nicht mit einem Liebhaber zufrieden sein kann, der nur vorüber geht, und da der Mensch, wenn er nach einem Trost sucht in seinem Kummer und Sorgen um ein Ziel, das er nicht kennt und nicht erreichen kann, wenn er etwas nicht erobern und besitzen kann, so tröstet er sich dadurch, dass er nach dem Fehler sucht, der in der Sache steckt oder in sich einen heimlichen Groll dagegen schürt. Und da das All für den Menschen erschaffen wurde und der Mensch erschaffen wurde, um Gott zu erkennen und Ihn zu lieben (muhabbet)und da der Schöpfer und Seine Namen immerwährend sind, und da sich die Erscheinung Seiner Namen für immer und ewig und alle Zeit fortsetzen wird, wird der Mensch sicherlich und in jedem Fall auch zu einer bleibenden Stätte (Dar-i beqa)eingehen und ein ewig währendes Leben erlangen.
Und ferner hat Mohammed, der Prophet aus Arabien, mit dem Friede und Segen sei, als der vollendete Wegweiser und der Vollkommene Mensch auf perfekte Weise in sich selbst und seinem Glauben den Wert und alle Vollkommenheiten und Verpflichtungen, die den Menschen betreffen, gezeigt und bekannt gemacht, so wie wir dies oben erklärt haben. Dies zeigt, dass der Kosmos für die Menschheit geschaffen wurde und dass sein Ziel und Zweck die Menschheit ist. So ist denn sicherlich auch das höchste Ziel und der bedeutendste Zweck der Menschheit
und der glänzendste Spiegel des Einen und Einzigartigen (Ahad ve Samad)Mohammed.
عَلَيْهِ وَ عَلَى اٰلِهِ الصَّلاَةُ و السَّلاَمُ بِعَدَدِ حَسَنَاتِ اُمَّتِهِ ٭ يَا اَللّهُ يَا رَحْمنُ يَا رَحِيمُ يَا فَرْدُ يَا حَىُّ يَا قَيُّومُ يَا حَكَمُ يَا عَدْلُ يَا قُدُّوسُ ٭ نَسْئَلُكَ بِحَقِّ فُرْقَانِكَ الْحَكِيمِ وَبِحُرْمَةِ حَبِيبِكَ الْاَكْرَمِ وَبِحَقِّ اَسْمَآئِكَ الْحُسْنَى وَبِحُرْمَةِ اِسْمِكَ الْاَعْظَمِ اِحْفَظْنَا مِنْ شَرِّ النَّفْسِ وَالشَّيْطَانِ وَمِنْ شَرِّ الْجِنِّ وَالْاِنْسَانِ اٰمِينَ ٭ سُبْحَانَكَ لاَعِلْمَ لَنَآ اِلاَّ مَاعَلَّمْتَنَآ اِنَّكَ اَنْتَ الْعَلِيمُ الْحَكِيمُ
{"Mit ihm und seiner Familie sei Friede und Segen nach der Anzahl aller guten Werke seiner Gemeinde." "Oh Gott! Oh Barmherziger! Oh Erbarmer! Oh Alleiniger! Oh Lebendiger! Oh Unwandelbarer! Oh göttlicher Richter! Oh Du Gerechter! Oh Du Heiliger! Wir bitten Dich um der Wahrheit Deiner Allweisen Unterscheidung willen und um der Verehrung für Deinen Ehrenwerten Geliebten willen und um der Wahrheit Deiner Schönen Namen willen und um der Verehrung Deines Gewaltigen Namens willen uns vor dem Übel unserer Seele und des Teufels, vor dem Übel der Dschinnen und Menschen zu schützen. Amen." "Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast, denn Du bist der Allwissende, der Allweise." (Sure 2, 32)}
Einunddreißigster Blitz
Dieser wurde unter den "Strahlen (Schua')"eingereiht. Dreizehn dieser Strahlen wurden bereits abgefasst. Ein Teil ist noch nicht abgefasst worden. Dieser Einunddreißigste Blitz wird in einem eigenen Band unter dem Titel "Strahlen" herausgegeben werden.
{(*): Später wurden mit Empfehlung des Meisters (Ustadh) der Vierzehnte Strahl mit den Verteidigungsschriften vor dem Gerichtshof in Afyon und seinen Briefen (aus dem Gefängnis) und der Fünfzehnte Strahl unter dem Titel "Al-Huddjetu-z'Zehra (ein glänzendes Zeugnis)" veröffentlicht.}
Zweiunddreißigster Blitz
Dies ist die letzte Abhandlung des Alten Said und trägt den Titel "Lemeat". Sie wurde während zwanzig Tagen im Ramadan abgefasst, wo sie ganz spontan Gedichtform angenommen hatte. Sie wurde in dem Band der "Worte (Sözler)"eingereiht und veröffentlicht.
Dreiunddreißigster Blitz
Dieser enthält die ersten Werke des Neuen Said, die er, mit einem jeweils dazugehörigen Anhang, im Grade eines Zeugnisses als allererste Wahrheiten (haqiqat)in seinem Herzen empfing. Ihre arabischen Titel lauten: "Katre"(Tropfen), "Habbe"(Saatkorn), "Schemme"(Düfte), "Dherre"(Stäubchen), "Hubab"(Körnchen), "Suhre"(Blumen), "Schule"(Flamme). Er wurde im Gesamtwerk der Risale-i Nurals "Mesnevi-i Nuriye"eingereiht und veröffentlicht.
Buchgebet
بِسْمِ اللّٰهِ الرَّحْمٰنِ الرَّحِيمِ
يَا اَللّٰهُ ٭ يَا رَحْمٰنُ ٭ يَا رَحِيمُ ٭ يَا فَرْدُ ٭ يَا حَىُّ ٭ يَا قَيُّومُ ٭ يَا حَكَمُ ٭ يَا عَدْلُ ٭ يَا قُدُّوسُ
{"Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers." "Oh Gott! Oh Barmherziger! Oh Allerbarmer! Oh Einzigartiger! Oh Lebendiger! Oh Unwandelbarer! Oh Gerechter! Oh Heiliger!"}
Um Deines Gewaltigen Namens willen und um der Ehre des Qur'an, der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und um der Würde Deines ehrenwerten Gesandten willen, mit dem Friede und Segen sei, geleite diejenigen, welche dieses Buch gedruckt haben, ihre gesegneten Helfer und die Schüler der Risale-i Nur zur Ewigen Glückseligkeit in den Gärten des Paradieses. Amin. Verleihe ihnen immerwährenden Erfolg im Dienste am Glauben und am Qur'an. Amin. Und schreibe ihnen für jeden Buchstaben dieses Buches tausendmal Gutes in das Buch ihrer Guten Taten. Amin. Und gewähre ihnen Ausdauer, Stetigkeit und Aufrichtigkeit in der Verbreitung der "Licht"-Abhandlungen. Amin.
Oh Barmherziger Allerbarmer!... Schenke allen Schülern der Risale-i Nur Glück und Zufriedenheit in Beiden Welten. Amin. Beschütze sie vor der Bosheit des Teufels in Dschinnen- und Menschengestalt. Amin. Und verzeihe diesem schwachen und hilflosen Said seine Fehler. Amin...